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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Neangir und seine Brüder,
Argentine und ihre Schwestern

Der junge Neangir hatte die Jahre, worin man sich selbst zu erkennen anfängt, in einem Dorfe ungefehr zwanzig Meilen von Konstantinopel hingebracht. Ein alter Musulmann namens Muhammed, der mit seiner Gattin Zinebi von einem kleinen Gütchen lebte, hatte sich seiner während dieser Zeit angenommen, und Neangir wurde für seinen Sohn gehalten. Er hatte nun sein achtzehntes Jahr erreicht, und seine Gestalt sowohl als seine Sinnesart versprach weit mehr, als man von dem Stande, worin er aufgenommen war, erwarten konnte.

Eines Tages nahmen ihn Muhammed und Zinebi beiseite, umarmten ihn mit Zärtlichkeit und kündigten ihm an, sie hätten sich entschlossen, ihn nach Konstantinopel zu schicken, damit er sein Glück in der Welt versuchen könnte. «Du würdest zu nichts kommen, mein lieber Sohn», sagte ihm der alte Muhammed, «wenn du länger bei uns bliebest: wir haben dich so weit gebracht, daß du dir nun selbst forthelfen kannst; du weißt deinen Koran so gut als auswendig, und es kann dir nicht fehlen, entweder bei der Armee oder im Zivildienst unterzukommen. Laß uns wissen, wie es dir geht: wir wollen dich nicht im Stiche lassen. Nach diesem Bescheide gaben sie ihm acht Zechinen in die Hand, gesellten ihn zu einer nach Konstantinopel gehenden Karawane, bezahlten das Kost- und Reisegeld für ihn, umarmten ihn noch einmal und ließen ihn ziehen.

Nach einer Reise von etlichen Tagen langte Neangir in Konstantinopel an. Man kann sich leicht einbilden, wie ihm zumute war, sich auf einmal in einer so großen Stadt zu sehen, wo er weder Straßen noch Menschen kannte und ihm folglich alles so neu und fremde vorkam, als ob er unmittelbar aus dem Monde herabgestiegen wäre. Je mehr man Verstand hat, je verlegener fühlt man sich unter lauter Gegenständen, die man noch nie gesehen und wovon man nie reden gehört hat. Der gute Neangir dachte eben nach, wie er sich helfen wollte, als ein Mann von sehr gutem Ansehen mit höflicher Art zu ihm trat, den obern Teil seines Turbans befühlte und, nachdem er ihn einige Augenblicke scharf betrachtet hatte, ihm den Antrag tat, mit ihm zu gehen und, bis er etwa einen bessern Platz gefunden hätte, seinen Tisch und seine Wohnung anzunehmen. Neangir, der nichts Bessers zu tun sah, nahm den Antrag willig an und ging mit.

Der Unbekannte führte ihn in ein ganz artiges Gemach, wo sie ein schönes junges Mädchen von ungefehr zwölf Jahren im Begriff fanden, den Tisch für drei Personen zu decken, gleich als ob sie vorausgesehen hätte, daß der Unbekannte Gesellschaft mitbringen würde. «Zelide», sprach er zu ihr, «sagte ich nicht, ich würde dir einen Gast mitbringen und er würde mir keinen Korb geben?» – «Ihr sagt immer wahr, lieber Vater», versetzte das Mädchen, «Ihr habt Euch selbst noch nie betrogen und betrügt keinen andern Menschen.» Eine alte Sklavin, die in diesem Augenblick aus der Stadt ankam, trug etliche Schüsseln mit PilauDer Pilau, das gewöhnlichste Gerichte der Türken, ist eine Art von Ragout aus gekochtem Fleische und Reis. Sie lieben, ihm verschiedene Farben zu geben, z. B. die gelbe mit Safran, die grüne mit Pistazien usw. von verschiednen Farben auf, setzte drei Becher mit ScherbetEine Art von Limonade, die bei den Türken die Stelle des Weins vertreten muß, der ihnen durch den Koran verboten ist. auf den Tisch und entfernte sich.

Während der Mahlzeit unterhielt der Herr des Hauses seinen Gast mit allerlei Dingen, die ihm viel Vergnügen machten; aber was ihn am meisten bezauberte, war die kleine Zelide. Er lieh dem Unbekannten wohl die Ohren, aber die Augen konnte er von dem holden Mädchen nicht verwenden. Sie war aber auch unbeschreiblich schön und lieblich; ihre pechschwarzen, mit dem sanftesten Feuer erfüllten Augen schienen so groß als ihr Mund, dessen Röte den Glanz des Rubins übertraf. Ihre Haare fielen in schönen Locken auf einen Busen, der nur eben aufzuquellen anfing; ihre Figur war lauter Ebenmaß, ihre Bewegungen lauter Anmut, und eine Kleidung von grünem Goldstoff trug auch das ihrige bei, alle diese Reize in ein vorteilhaftes Licht zu setzen.

«Lieber Vater», sagte Zelide ein wenig stockend, «der junge Mensch sieht mich unaufhörlich an; wenn Hassan es erfährt, wird er eifersüchtig werden.» – «Nein, nein», versetzte der Vater, «du bist nicht für diesen jungen Menschen; hab' ich dir nicht schon gesagt, daß er deiner Schwester Argentine bestimmt ist? Ich will die Sache sogleich richtig machen.» Mit diesem Worte stand der Unbekannte auf, öffnete einen Schrank und holte etliche Körbchen mit Früchten und eine Flasche mit Likör heraus. Außerdem zog er noch eine kleine Dose von Perlenmutter, in Silber gefaßt, daraus hervor und setzte sie auf den Tisch.

Nachdem er wieder Platz genommen, sprach er zu dem jungen Menschen: «Kosten wir einmal von diesem Elixier!», und sogleich schenkte er ihm davon in sein Glas ein. «Gebt mir auch ein paar Tropfen», sagte Zelide. «Nein, nein», erwiderte der Unbekannte; «du hast deinen Teil schon davon bekommen, und Hassan auch.» – «So trinkt doch Ihr davon», sagte sie; «der junge Mensch wird sonst denken, wir geben ihm Gift.» – «Das will ich», versetzte der Unbekannte; «in meinem Alter ist dies Elixier nicht so gefährlich wie in dem deinigen.»

Der Unbekannte, sobald er selbst davon gekostet und Neangir sein Glas ausgetrunken, öffnete die Dose, die er auf den Tisch gelegt hatte, und bot sie dem Jüngling dar. Neangir erblickte mit Entzücken das Bildnis einer jungen Person, welche höchstens vierzehn Jahre alt schien und ihm noch zehnmal liebreizender als Zelide vorkam. Er geriet ganz außer sich bei diesem Anblick, und sein Herz, das noch nie erfahren hatte, was Liebe war, wurde von tausend unbekannten Regungen in die angenehmste Beklemmung gesetzt. Der Unbekannte schien Neangirs Gemütszustand mit Vergnügen zu bemerken, und Zelide sprach zu ihrem Vater, indem sie ihre Hand auf die seinige legte: «Lieber Vater, wir werden sie wiedersehen!»

«Aber so erklärt mir doch alle diese Rätsel», sagte Neangir. «Warum habt Ihr mich hiehergeführt? – wiewohl ich mich darüber nicht beklage, da Ihr mir wie einem Sohn begegnet. Warum habt ihr mich von diesem gefährlichen Tranke, der mich wie in lauter Feuer setzt, trinken lassen? Und warum zeigt Ihr mir ein Bildnis, das mich des Verstandes beraubt?» – «Ich will einen Teil deiner Fragen beantworten», versetzte der Unbekannte; «alles ist mir nicht erlaubt zu sagen. Ich nehme den Himmel und meine liebe Zelide zu Zeugen, das einzige Gut, so mir mein Unglück übriggelassen hat, daß ich dich nicht hintergehe. Das Bildnis, so du in Händen hast und womit ich dir ein Geschenk mache, stellt eine Schwester Zelidens vor: du liebest sie und wirst beständig in deiner Liebe sein. Wende alles mögliche an, sie zu finden; findest du sie, so wirst du auch dich selbst wiederfinden.» «Aber ums Himmels willen, wo soll ich sie suchen?» rief Neangir, indem er das reizende Bildnis küßte, das ihm der Unbekannte gegeben hatte; «Ihr macht mich auf einmal zum glücklichsten und zum unglücklichsten Menschen auf der Welt.» «Ich kann Euch nichts weiter sagen», antwortete der Unbekannte. «So will ich's tun», sprach Zelide. «Morgen, sobald es Tag ist, geht in den Bazar der Juden und kauft Euch in der zweiten Bude rechter Hand eine silberne Uhr, und sobald es nahe um Mitternacht ist...» Zelide konnte nicht ausreden, denn ihr Vater hielt ihr die Hand vor den Mund und sagte: «So schweig doch, Kleine! Willst du durch deine Unbesonnenheit auch dir das Schicksal deiner Schwester zuziehen?»

Durch die Bewegung, die der Unbekannte machte, um Zeliden den Mund zu schließen, stieß er die Flasche mit dem Elixier um, wovon Neangir getrunken hatte; auf einmal erhob sich ein dicker Rauch, der die Lichter auslöschte; die alte Sklavin stürzte mit einem lauten Schrei herein, und Neangir, voller Schrecken über dieses Abenteuer, schlich im Dunkeln davon.

Er brachte die Nacht auf den Stufen einer Moschee zu; aber die seltsamen Dinge, die ihm begegnet waren, und seine Liebe zu dem schönen Geschöpfe, dessen Bild sich unauslöschlich in seine Seele eingedrückt hatte, ließen ihm keinen Augenblick Ruhe. Sobald der Tag anbrach, verbarg er das ihm so kostbar gewordene Bildnis in seinen Turban und erkundigte sich ungesäumt nach dem Bazar und der Bude, wovon Zelide gesprochen hatte.

Der Jude, bei welchem er eine silberne Uhr besprach, empfing ihn sehr freundlich und suchte ihm selbst eine aus, die er für die beste gab und wofür er sechs Zechinen verlangte. Neangir gab sie ihm, ohne lange zu handeln; aber der Kaufmann wollte ihm die Uhr nicht einhändigen, bis er ihm seine Wohnung gesagt hätte. «Die weiß ich selbst nicht», erwiderte Neangir; «ich bin erst seit gestern hier, und ich würde das Haus, wo ich bei meiner Ankunft aufgenommen wurde, schwerlich wiederfinden können.» – «Gut», versetzte der Kaufmann, «so will ich Euch zu einem wackern Musulmann führen, wo Ihr Euch um einen sehr leidlichen Preis für Kost und Wohnung herrlich wohl befinden sollt; kommt nur mit.» Neangir folgte dem Kaufmann durch verschiedene Gassen und trat endlich in einem Hause ab, wo er auf Empfehlung des Juden aufgenommen wurde und seine zwei noch übrigen Zechinen vorausbezahlte.

Nach dem Mittagessen schloß er sich in sein Kämmerchen ein, um das reizende Bildnis wieder zu betrachten, das ihm beständig im Sinne lag. Aber indem er es aus seinem Turban hervorlangte, zog er einen versiegelten Brief mit heraus, worauf er sogleich die Hand der Zinebi erkannte. Er erbrach ihn mit Ungeduld und las darin, wie folget:

Mein lieber Sohn!

Ich schreibe Euch diesen Brief, den ich mit Vorwissen meines Mannes in Euern Turban gesteckt habe, um Euch zu berichten, daß Ihr nicht mein Sohn seid: wir vermuten, Euer Vater sei ein großer Herr, der aber weit von uns entfernt ist; aus der Beilage könnt Ihr sehen, wie er uns bedroht, wofern wir Euch nicht zurückgeben. Schreibet nicht an uns und suchet uns nicht auf; beides würde vergebens sein, weil wir nicht mehr zu finden sind. Ihr werdet uns immer lieb bleiben – lebet wohl!

Die Beilage lautete folgendermaßen:

Nichtswürdige, Ihr seid ohne Zweifel mit den Kabbalisten in Verständnis, die dem unglücklichen Siroco seine Töchter geraubt und ihre Talismane entwendet haben. Ihr haltet mir meinen Sohn zurück; aber ich habe Euern Schlupfwinkel entdeckt, und Euer Verbrechen soll nicht lange ungestraft bleiben. Ich schwör' es bei dem Propheten! Die Schneide meines Säbels soll Euch schneller vertilgen, als der Blitz die Wolke zerreißt.

Neangir schöpfte ebensowenig Trost als Licht aus diesen Briefen. Sie schienen ihm zwar zu sagen, daß er der Sohn des vornehmen Mannes sei, der diesen Brief an Muhammed und sein Weib geschrieben hatte; aber was half ihm diese Nachricht? Er wußte nicht, wo er ihn aufsuchen sollte, und hatte keine Hoffnung mehr, diejenigen zu finden, die man bisher für seine Eltern gehalten hatte. «Wie unvorsichtig war es doch von meinem Vater», rief er traurig aus, «meine Pflegeltern durch solche Drohungen zu erschrecken! Er hätte kommen sollen, mich bei ihnen abzuholen, anstatt ihnen eine solche Angst einzujagen, daß sie mich so allein und hülflos von sich schickten, ohne daß ich weiß, was nun aus mir werden soll.» Die Gedanken, die alles dies in ihm erweckte, waren so niederschlagend, daß er, um ihrer loszuwerden, aus dem Hause ging und nicht wieder zurückkam, als bis es gänzlich Nacht war. Er war eben im Begriff, wieder in das Haus hineinzugehen, als er im Mondschein etwas Glänzendes auf der Türschwelle liegen sah; er hob es auf und fand, daß es eine goldene, mit Edelsteinen reich besetzte Uhr war. Er sah sich auf allen Seiten um, ob jemand vorhanden wäre, dem sie zugehörte; und da er sich ganz allein sah, steckte er sie in seinen Busen zu der silbernen, die er diesen Morgen gekauft hatte. Er betrachtete sie als ein Geschenke, das ihm das Glück mache, um ihn aus der Verlegenheit seiner gegenwärtigen Umstände zu ziehen. «Ich werde», dacht' er, «mehr als tausend Zechinen für diese Steine bekommen und wenigstens was zu leben haben, bis ich meine Eltern wiederfinde.»

Es war etwas so Tröstliches in diesem Gedanken, daß er sich ganz ruhig schlafen legte, nachdem er seine beiden Uhren auf die Estrade neben sich hingesetzt hatte. Da er zufälligerweise mitten in der Nacht erwachte, hörte er eine kleine Stimme, aber so rein wie ein Silberglöckchen, die aus einer von den beiden Uhren zu kommen schien und sagte: «Liebe Schwester Aurore, bist du um Mitternacht aufgezogen worden?» – «Nein, meine beste Argentine», antwortete eine andre Stimme, «und du?» – «Ich?» versetzte die erste, «man hat Mich auch vergessen.» – «Wie unglücklich!» erwiderte die andre; «es ist schon über eins, und wir müssen nun noch einen ganzen Tag warten, bis wir unsrer Gefangenschaft entledigt werden können.» – «Ja», sagte die erste, «wenn man uns nicht wieder vergißt wie heute.» – «Für jetzt haben wir hier nichts mehr zu tun», sprach Aurore, «wir müssen fort, wohin uns unsre Bestimmung nötigt – komm!»

In diesem Augenblicke sah Neangir, der, ganz bestürzt über ein so seltsames Wunderding, sich mit halbem Leibe aufgerichtet hatte, beim Mondscheine die beiden Uhren auf den Fußboden herabhüpfen und durch das Katzenloch in der TüreDie Mohammedaner haben, weil ihr Prophet die Katzen besonders liebte, großen Respekt vor diesen Haustieren; und daher ist es bei ihnen gewöhnlich, daß in allen Türen unten eine Öffnung ist, damit die Katzen zu allen Zeiten freien Aus- und Eingang haben. aus seiner Kammer wegrollen. Er sprang eilends auf, öffnete die Tür und lief der Treppe zu, um sie einzuholen; aber er kam zu spät, und sie waren schon unter der Pforte, die auf die Gasse ging, weggeschlüpft. Er versuchte sie zu öffnen, aber sie war abgeschlossen; und aus der Behendigkeit, womit sich die beiden Uhren davongemacht hatten, urteilte er sehr richtig, daß, wenn er auch Lärm machen und sich die Türe aufschließen lassen wollte, er sie doch nimmer einholen würde. Er kehrte also wieder um und legte sich nieder; aber sein Unglück und der Gedanke, sich ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Geld, und nun auch auf eine so seltsame Weise seiner beiden Uhren wieder beraubt zu sehen, beschäftigte seine Einbildung auf eine sehr unangenehme Art.

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