Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Wilhelm Weber >

Dreizehnlinden

Friedrich Wilhelm Weber: Dreizehnlinden - Kapitel 2
Quellenangabe
typeepos
booktitleDreizehnlinden
authorFriedrich Wilhelm Weber
year1978
publisherFerdinand Schöningh Verlag
addressPaderborn
isbn3-506-29076-2
titleDreizehnlinden
pages3-132
created19991226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
Schließen

Navigation:

I. Aus dem Nethegau

          Wonnig ist's, in Frühlingstagen
Nach dem Wanderstab zu greifen
Und, den Blumenstrauß am Hute,
Gottes Garten zu durchschweifen.

Oben ziehn die weißen Wolken,
Unten gehn die blauen Bäche,
Schön in neuen Kleidern prangen
Waldeshöh' und Wiesenfläche.

Auf die Bleiche bringt das Mädchen,
Was der Winterfleiß gesponnen,
Und dem Hain erzählt die Amsel,
Was im Schnee sie still ersonnen.

Sind es auch die alten Töne,
Die bekannten, längst vertrauten,
Doch die Bleicherinnen lauschen
Gern den süßen, lieben Lauten.

Gern den süßen, lieben Lauten,
Die in Berg und Tal erklingen;
Hirtenbub' und Köhlerknabe
Horchen auf, um mitzusingen;

Mitzusingen frisch und freudig
Nach des Winters langen Schmerzen;
All die halbvergeßnen Lieder
Werden wach im Menschenherzen.

Halbvergeßne alte Lieder
Werden wach in meiner Seele:
Hätt' ich nur, sie auszusingen,
Wilde Amsel, deine Kehle! –

Was die Linde mir erzählte,
Was der Eichenwipfel rauschte,
Wenn ich abends ihrer Blätter
Heimlichen Gesprächen lauschte;

Was die muntern Bäche schwatzten
Hastig im Bergunterrennen,
Wilde Knaben, die nicht schweigen
Und nicht ruhig sitzen können;

Was die Zwerge mir vertrauten,
Die in fernen Waldrevieren
Still in Spalten und in Klüften
Ihren kleinen Haushalt führen;

Was auf mondbeglänztem Anger
Ich die Elben lispeln hörte;
Was mich des ergrauten Steines
Moosumgrünte Inschrift lehrte:

Dies und was ich las in staub'gen
Lederbänden und in alten
Halberloschnen Pergamenten,
Will zum Liede sich gestalten.

Nebelbilder steigen dämmernd
Aus der Vorzeit dunkeln Tagen;
Wispern hör' ich ihre Stimmen,
Freudenlaute, Zürnen, Klagen;

Männer, die vor tausend Sommern
Durch den Nethegau geschritten,
Heidenleute, Christenleute,
Was sie lebten, was sie litten;

Eines Sachsenjünglings Kämpfe
Mit dem Landesfeind, dem Franken,
Und in eigner Brust die schwersten
Mit den eigenen Gedanken;

Einer Jungfrau stilles Weinen,
Einer Greisin finstres Grollen,
Runensang und Racherufe,
Die aus Weibermund erschollen;

Frommer Mönche leises Walten
Im Konvent zu Dreizehnlinden,
Sanft bemüht, durch Lieb' und Lehre
Trotz und Wahn zu überwinden;

Ihre Hymnen, gottesfrohe,
Die bei Tag und Nacht erklangen,
Die den Sieg des Christenkreuzes
Jubelnd in die Berge sangen;

Und darein des Waldes Rauschen
Und dazu der Brandung Stöhnen:
Alles will zu einem Liede
Dumpf und hell zusammentönen.

Sei's, und sei es euch gesungen,
Die ihr wohnt an Ems und Lippe,
Ruhr und Diemel, Neth' und Emmer:
Alle seid ihr edler Sippe;

Alle sprecht ihr eine Sprache,
Frommer Mutter biedre Söhne,
Ob sie rauh im Waldgebirge,
Weich in Sand und Heid' ertöne.

Kinder ihr der Sachsengaue,
Nehmt das Beste, was ich habe:
Gern gereicht, ist unverächtlich
Auch des kleinern Mannes Gabe.

Denkt, ich böt' euch Heideblumen,
Eine Handvoll, die ich pflückte,
Als mit herbstlich gelbem Laube
Sich bereits der Osning schmückte.

Rügt es nicht, wenn ich den Helden
In der Heimat Farben male;
Dünkt er manchmal euch ein Träumer,
Nun, er war ja ein Westfale:

Zäh, doch bildsam, herb, doch ehrlich,
Ganz wie ihr und euresgleichen,
Ganz vom Eisen eurer Berge,
Ganz vom Holze eurer Eichen.

Heut noch ist bei euch wie nirgend
Väterbrauch und Art zu finden;
Darum sei es euch gesungen,
Dieses Lied von Dreizehnlinden.

Doch ein Uhu murrt dawider:
»Rauh sind deines Sanges Töne,
Und der Netheborn, der dunkle,
Deucht mir keine Hippokrene.

Laß das Leiern, laß das Klimpern!
O es schafft dir wenig Holdes;
Beßres Klingen, bestes Klingen
Scheint das Klingen mir des Goldes.

Und die eigne Haut zu pflegen,
Ist vor allem mir das erste;
Bau im Garten deine Rüben,
Bau im Felde deine Gerste!

Laß die schimmligen Scharteken
Unterm Kessel rasch verrauchen:
Kohlen sind's, die wir bedürfen,
Dämpfe sind's, die wir gebrauchen!

All den Wust papierner Träume,
Grubenschätze, die vermodern,
Daß sie endlich nützlich werden,
Unterm Kessel, laß sie lodern!

Nur das Einmaleins soll gelten,
Hebel, Walze, Rad und Hammer;
Alles andre, öder Plunder,
Flackre in der Feuerkammer.

Mag es flackern, mag es flammen,
Daß die Wasser sprühn und zischen
Und der Welt zerrißne Stämme
Hastig durcheinandermischen;

Denn das große Ziel der großen
Zukunft ist die Einerleiheit,
Schrankenloseste Bewegung
Ist die wahre Völkerfreiheit.

Laß das Klimpern, laß das Leiern,
Wer erfreut sich solchen Schalles?
Beßres Klingen, bestes Klingen
Ist das Klingen des Metalles.« –

Gelber Neidhart, alter Uhu,
Wohl versteh' ich deine Meinung:
Bist du doch der seelenfrohen
Gotterlösten Welt Verneinung!

O du möchtest sie im Mörser
Erst zerstäuben und zerreiben,
Um in Tiegel und Retorte
Dann den Geist ihr auszutreiben!

O du würfst sie in die Arme
Gern dem Moloch unsrer Tage,
Daß sie ganz in Rauch zergehe
Nach Sibyllenwort und Sage!

Alter Uhu, gelber Neidhart,
Mag's dich ärgern und verdrießen:
Dennoch grünt ein reicher Garten,
Wo der Menschheit Rosen sprießen;

Dennoch blüht die weiße Lilie,
Und im Grottenheiligtume,
In des Waldes fernstem Tale
Träumt die stille blaue Blume.

Dennoch klingt es aus den Lüften,
Aus des Haines Dämmerungen,
Und die Amsel hat ihr letztes
Lied noch lange nicht gesungen;

Und die Nachtigall im Busen,
Sie wird jubeln, sie wird klagen
Jeden Lenz, solang auf Erden
Rosen glühn und Herzen schlagen.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.