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Dreizehnlinden

Friedrich Wilhelm Weber: Dreizehnlinden - Kapitel 18
Quellenangabe
typeepos
booktitleDreizehnlinden
authorFriedrich Wilhelm Weber
year1978
publisherFerdinand Schöningh Verlag
addressPaderborn
isbn3-506-29076-2
titleDreizehnlinden
pages3-132
created19991226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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XVII. Des Priors Lehrsprüche

1.
              »Mit dem Auferstehn des Lenzes,
Elmar, bist du auferstanden,
Gott sei Lob, zu neuem Leben,
Ob gebannt, doch frei von Banden.

Und wie auf der Wange knospet
Der Genesung frische Blüte,
Mag Versöhnung aus Erkenntnis
Still ersprießen im Gemüte.

Danke nicht dem ernsten Eifer,
Der dich fremden Mann hier pflegte:
Danke dem, der Menschenliebe
In die Menschenherzen legte!

Was dich andres quält und kümmert, –
Einsamkeit ist Seelennahrung;
In der Stille kommt dem Geiste
Rechte Geistesoffenbarung.

Geisterstimmen zu vernehmen,
Mußt du in der Stille lauschen;
Lauter reden sie im Säuseln
Als in Sturm und Wetterrauschen.

Er, der aus der Welt dich führte
In der Klosterzelle Schweigen,
Wollte in die Welt, die wüste,
Erst den rechten Weg dir zeigen.

Warst du dein im Waffenklirren,
Dein in Braus und Wogenrollen,
Dein im Wildbann, auf der Metbank,
Dein im Hassen und im Grollen?

Tief im Wald verbirgt der kranke
Hirsch sich vor des Tages Gluten.
Sei's, um einsam zu genesen,
Sei's, um einsam zu verbluten.

Elmar, Heimkehr zu sich selber
Wird im Schmerz allein gefunden;
Harre nur: Der Klosterfriede
Heilt dir alle, alle Wunden.«

 
2.
»Elmar, wer vom Morgengrauen
Wallte bis zur Abendkühle,
Höh'n und Täler sah er manche,
Siedelstätten sah er viele.

Wenn er offnen Augs gegangen,
Von der harten Tagereise
Weiß er Schickliches zu reden
Über Landesbrauch und Weise. –

Elmar, wer nach siebzig Jahren
Rückwärts blickt den Weg, den langen,
Kluges kann er dir bescheiden,
Wenn er offnen Augs gegangen.

Wahres kann er dir berichten
Von der Welt, die einst gewesen,
Und zukünftiger Gestaltung
Rätselrunen kann er lesen.

Auch zu Lust und Lehre, Elmar,
Mag er Sinniges dir sagen;
Willst du Weisheitsworte hören,
Graue Männer mußt du fragen!«

 
3.
»Wissen heißt die Welt verstehen;
Wissen lehrt verrauschter Zeiten
Und der Stunde, die da flattert,
Wunderliche Zeichen deuten.

Und da sich die neuen Tage
Aus dem Schutt der alten bauen,
Kann ein ungetrübtes Auge
Rückwärts blickend vorwärts schauen.

Denn solange Haß und Liebe,
Furcht und Gier auf Erden schalten,
Werden sich der Menschheit Lose
Ähnlich oder gleich gestalten.

Menschen sind die Menschenkinder
Aller Zeiten, aller Zonen,
Ob sie unter Birkenbüschen,
Ob sie unter Palmen wohnen;

Ob sie vor dem Christengotte,
Ob vor Wodan sie sich bücken,
Ob sie sich in Lumpen bergen
Oder sich mit Purpur schmücken.

Vielfach sind die Wolkenbilder,
Die den Himmelsraum durchwallen,
Doch nur Dunst die leichten Flocken,
Doch nur Dampf die schweren Ballen.

Alle auf des Sturmes Straße
Fahren sie, die Luftgespinste:
Wolkenbilder, leere Dämpfe,
Menschenbilder, eitle Dünste!«

 
4.
»Sohn, ich las im Runenbuche
Manches Blatt, ein Zeichendeuter;
Viel zur Trauer, viel zum Troste,
Wenn ich weiter las und weiter.

Was sie Weltgeschichte nennen,
Ist ein wüstverworrner Knäuel:
List und Trug, Gewalt und Schwäche,
Feigheit, Dummheit, Wahn und Greuel.

Weise Tugend schweigt und trauert:
Will sie reden, will sie klagen,
Wandert sie in Kerkergrüfte
Oder wird ans Kreuz geschlagen.

Starke, die sich Treiber dünken,
Werden doch nur selbst getrieben,
Heergeräte eines Stärkern,
Die gebraucht, verbraucht, zerstieben.

Stärkre stößt der Fuß des Stärksten,
Und die Stärksten sind Geschirre
Eines, der, ob allen waltend,
Überschaut das Weltgewirre;

Eines, der in ehrnen Händen
Hält die Waage, recht zu wägen,
Der die Zepter knickt wie Ruten
Und wie Stroh das Schwert der DegenDegen, tüchtiger Kriegsmann. Im 15.–18. Jahrh. war das Wort seltener im Gebrauch, bis es von Lessing, Wieland, Bürger, Goethe, Schiller u. a. wieder aufgenommen wurde..

All die Riesen sind nur Zwerge,
All die Herrn nur arme Knechte!
Ob sie gleich den Frevel wollen,
Fördern müssen sie das Rechte;

Dienen müssen sie der Ordnung,
Ob sie gleich das Wüste treiben,
Denn unsterblich ist das Gute,
Und der Sieg muß Gottes bleiben.«

 
5.
»Freiheit sei der Zweck des Zwanges,
Wie man eine Rebe bindet,
Daß sie, statt im Staub zu kriechen,
Froh sich in die Lüfte windet. –

Beides schaffte Karl der Franke,
Liebenswertes, Hassenswertes;
Hielt er fest am Kreuz der Kirche,
Fester doch am Kreuz des Schwertes.

Und mit rotgefärbten Händen
Schwang er's gegen unsre Väter,
Ein Apostel in der Brünne,
Ein mit Blut bespritzter Beter.

Uns uns selbst abzugewinnen,
Hat er todwund uns gehauen;
Zeigend nach den Himmelsburgen,
Nahm er uns die Erdenauen.

Dienen muß der faltenreiche
Kirchenmantel hundert Zwecken:
Ehrsucht, Habsucht, Machtgelüste,
Haß und Rache muß er decken.

Wie das Gold den Durst nach Golde
Mehrt der Ruhm die Gier der Degen,
Denn je mehr die Menschen dürfen,
Desto dreister wird ihr Mögen.

Vom beeisten Belt zum Tiber
Fuhr der Held in lichten Waffen:
War's, um Völker zu befreien,
War's, um Knechte sich zu schaffen?

Statt zu einen Deutschlands Stämme,
Warf er fremde zueinander,
Stark und groß, nur nicht so gütig
Als der Grieche Alexander.

Wär' er uns ein Ordner, Pfleger,
Uns ein milder Herr geblieben:
Wir, die hundertfach ihm danken,
Würden tausendfach ihn lieben;

Ihn, der fromme Friedensstätten
Baut' an Quellen und in Hainen,
Wo einst Menschenleiber zuckten
Auf entweihten Opfersteinen;

Der die Leuchte holder Bildung
Trug in unsre finstern Wälder,
Segensreiche Körner streute,
Doch in blutgedüngte Felder,

Und erst spät! Durch linde Lehre
Hätt' er uns bezwingen können
Rascher, sichrer als mit Eisen,
Als mit Hungerpein und Brennen.

Eitler Glanz der Römerkrone!
Verdens grause Mordgerichte
Mag ihm Gott verzeihn, doch schuldig
Bleibt er sie der Weltgeschichte:

Untat, die der kluge Einhard
Gern verhüllte und verschwiege,
Die in Rom der Völkervater
Selbst gestraft mit ernster Rüge.

Doch den Wirrern und den Klirrern,
Die da ziehn mit großem Schalle,
Allen klebt ein Mal am Schilde,
Und ihr Verden haben alle.«

 
6.
»Menschen baun; die Türme sollen
Ein Jahrtausend überdauern!
Doch der Rost zerfrißt das Eisen,
Und das Moos zernagt die Mauern.

Sieh dich um, du siehst nur Trümmer,
Die der Zeitensturm zerschellte,
Und darauf, für heut und morgen,
Stolze Festen, niedre Zelte.

Denn der Mensch, der fremde Siedler,
Lernt die Scherben klug zu schichten,
Um zur Not für sich und andre
Dach und Herdstatt einzurichten;

Erst zur Not, und will sich's fügen,
Auch zum Troste Scheun' und Garten. –
Baut nur, baut nur: ob für morgen,
Ob für langer? – Ihr müßt warten!«

 
7.
»Karl der Frank, der grimme Bauherr,
Geistesmächtig sondergleichen,
Sinnend unter Völkertrümmern,
Stand er auf zerschlagnen Reichen.

Mit dem Schwerte auf und nieder
Maß er die zerworfnen Blöcke,
Und mit Hünenhänden wälzte
Berg auf Berg der starke Recke;

Berg auf Berg granitne Quader
Sich zur Pfalz, darin zu schalten,
Und, wie Gott der Himmelsfesten,
Hier des Erdenreichs zu walten. –

Traum und Wahn! – Die stille Stunde,
Leise wandelnd, wandelt alles
Stärker als die Überstarken,
Die da dröhnen lauten Schalles.

Hinkt sie auch, es kommt die Rache;
Schleicht sie auch, es naht die Sühne:
Menschentrotz, der Turm zu Babel,
Ward zu mahnenden Ruine.

Traurig sinnend steht der Wandrer,
Sieht er in des Mondes Schimmer
Dort, wo einst ein Mächt'ger toste,
Ödeland, ein Grab und Trümmer.«

 
8.
»Sein Geschlecht? Ein düstres Schicksal
Ist's, Erobrer zu beerben:
Was zum Unheil war den Söhnen,
Wird den Enkeln zum Verderben.Die Zeit der Karolinger gehört zu den düstersten und blutigsten Perioden der deutschen Geschichte.

Wölfe seh' ich, die in Zwietracht
Neidvoll aufeinander stieren,
Die mit Hunger nach des Alten
Besten Beutestücken gieren;

Gelbe Wölfe, die den Greisen
Ziehn und zerren aus der Höhle,
Die in wildem Haß einander
Dann zerfleischen Bauch und Kehle;

Grause Sippe, die den Kiefer
Mit dem Blut des Bruders schändet,
Bis der letzte würgt den letzten
Und mit Wutgeheul verendet.

Voll von Greueln, voll von Leichen
Ist die Welt und wüst und öde:
Sprach von WolfszeitIn der Wöluspa, dem ersten Gesange der rhythmischen oder Sämundsedda, heißt es:

Unerhörtes ereignet sich, großer Ehbruch,
Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen,
Windzeit, Wolfszeit, eh die Welt zerstürzt.

eure Wala,
Traun, das war Prophetenrede!«

 
9.
»Holde Schau! Lichthelle Locken
Wehn im Hauch des Morgenwindes:
Schlanker Wuchs und blaue Augen
Sind der Schmuck des Sachsenkindes.

Tiefer Tann! Am Vogelherde
Lauscht er, auf das Moos gekauert,
Still dem leisen Waidgespräche,
Das durch Busch und Wipfel schauert;

Still dem Bach, der fern im Grunde
Plaudert von geheimen Dingen,
Die geschahn, als Wicht und Elbe
Menschenhold auf Erden gingen.

Hat der Wald mit wunderbaren
Märchenträumen ihn umsponnen?
Denkt er an den Reiterknaben,
Der ein Königreich gewonnen?

An die Kron' im wilden Wasser,
Die ein Edelknecht errungen,
Der vom Stein mit Roß und Rüstung
Sie beherzt hinabgeschwungen? –

Horch, da schallt es durch die Stämme:
Dumpfe Schläge schwerer Hufe,
Panzerklirren, Schwertgerassel,
Hörnerschall und Freudenrufe!

Erzumstarrte Heergesellen
Sind's, die von den Hengsten steigen,
Um vor ihm, dem Froherstaunten,
Huldigend ihr Knie zu beugen.

Gruß und Heil dir, deutscher König,
Sachsensproß, dir Ruhm und Ehre!
Volkserkorner, walte glücklich,
Stark und mild von Meer zu Meere!'

Und von Meer zu Meere hallen
Jubelstimmen tausendtönig:
›Heil dem blonden Sachsenkinde,
Glück und Heil dem deutschen König!‹«

 
10.
»Elmar, sind des Sundes Wogen
Wild empört im lauten Zanke:
Fest die Faust an deinem Steuer,
Fest den Blick auf deine Planke!

Sei kein Tor, den Sturm zu schelten,
Wenn er knickte Mast und Spieren;
Sieh nach dir: in stilles Wasser
Strebe deinen Kiel zu führen! –

Grolle nicht dem Weltgewalt'gen,
Der verwüstet deine Saaten:
Einer richtet; große Frevel
Sind zumeist die großen Taten.

Laß den Klirrern ihre Wege
Und dem Himmel laß die Rache:
Deiner Seele Heil zu wirken,
Elmar, das ist deine Sache!«

 
11.
»Über abgrundtiefe Rätsel
Huscht der Mensch mit leichtem Sinne,
Sorglos, wie auf blauen Schlünden
Spielt und tanzt die Wasserspinne.

Kannst du, Fremdling, mir, von wannen
Und wohin du fährst, bescheiden?
Und den Zweck des Erdenganges?
Und die Absicht all der Leiden?

Bist du gleich dem Regentropfen,
Der, aus Dunst und Dampf gewoben,
Spurlos in das Nichts hier unten
Taumelt aus dem Nichts dort oben?

Weißt du Antwort? Wußte Antwort
Thiatgrim, dein kluger Friese?
Sprach sein Gott? Und welche Deutung
Gab der alte Himmelsriese?

O, ihr Reden ist nur Rauschen
Wie der Wellen, wie des Windes:
Offenbarung ist gekommen
Von den Lippen eines Kindes.«

 
12.
»Andre Zeiten, andre Menschen,
Andre Menschen, andre Götter:
Einer bleibt, der Ewigstille,
Unentwegt vom Zeitenwetter.

Andre Zeiten, andre Götter,
Denn die Zeit verstürmt die alten:
Seltsam, wenn sie ein Jahrtausend
Auf den Stühlen sich gehalten!

Ob bei Volksgeschrei und Jubel,
Unter Flüchen, unter Zähren
Sie in Glut und Trümmer prasseln
Von geschändeten Altären;

Ob aus öden Tempelhallen
Sie als blasse Schemen weichen,
Unvermißt und unbeachtet
In den Gängen sich verschleichen:

Andre Zeiten, andre Götter,
Denn der Geist hat breite Schwingen,
In das Reich des Unerkannten
Strebt er rastlos vorzudringen.

Und die Sonnen jenes Reiches,
Die erleuchten, nicht verbrennen,
Führen aufwärts, Ihn, den Einen,
Unerkannten zu erkennen.

Und erbarmungsreiche Liebe
Neigt dem Sucher sich entgegen;
Jedem, der nach Wahrheit dürstet,
Quillt ihr Born auf allen Wegen. –

Trostlos ist es, für Geschwundnes,
Hingegangnes streiten wollen:
Hast du Macht, den Strom zu hemmen
Und zum Quell zurückzurollen?

Kann, was Asche ward, noch lodern?
Kann, was Leiche ward, genesen?
Zu den Toten fällt das Tote,
Sei es noch so schön gewesen.

Mag ins Abendrot versunken
Trüben Muts ein Träumer klagen,
Doch der Blick der Wohlbereiten
Grüßt im Ost das junge Tagen.«

 
13.
»Manches hab' ich dir berichtet
Von dem Friedenskind, dem frommen,
Das zu diesem Mittelgarten
Aus dem Himmelreich gekommen;

Aus des Himmels Sonnenburgen,
Gottes Sohn in Manneshülle,
Daß an ihm, dem Längstverheißnen,
Sich das Seherwort erfülle;

Wahrer Gott, und mit dem Vater,
Mit dem Geist von gleichem Wesen,
Eins in Dreiheit: ein Geheimnis,
Menschensinnen nicht zu lösen;

Sohn des Schöpfers aller Dinge,
Gott von Gott und Licht vom Lichte,
Fleisch geworden, daß er sühne
Und in Liebe alles schlichte;

Wie er, als ein Held und Herrscher,
Hochgemute kühne Degen,
Teure Zwölf sich auserkoren,
Fest und treu in allen Wegen;

Wie er zog von Gau'n zu Gauen
Segnend, mahnend, wundertätig,
Stets bereit zu sanfter Lehre,
Stets zu Hilf' und Trost erbötig;

Wie er dann ein Reich gestiftet,
Drin er seine Gnaden spendet,
Menschenhold, ein Reich des Friedens,
Das in dieser Zeit nicht endet;

Wie durch ungeheure Meintat
Schuldlos er am Kreuz gestorben
Und durch seinen Tod das Leben
All der Welt – und dir erworben;

Wie er sich, der Todbezwinger,
Siegreich aus der Gruft erhoben
Und verklärt hinaufgefahren
In sein Himmelreich dort oben;

Wie er einst, der Weltenwalter,
Kommen wird am Jüngsten Tage
Und den Lebenden und Toten
Wägen mit gerechter Waage,

Hoch und hehr, in großen PrächtenDie Pluralform Prächte rechtfertigt sich durch mundartlichen Gebrauch im östlichen Westfalen. Über die sprachlich richtige Bildung aus dem alten der Pracht vgl. das Wörterbuch der Br. Grimm II. 285 unter Bracht, und Weigands Deutsches Wörterbuch II. 379. Goethe bildete von die Pracht den Plural Prachten.
Auf den Wolken; mit Erstaunen
Und mit Zittern hört die Schöpfung
Das Erkrachen der Posaunen:

Dies und andres, was in dürrer,
Dürft'ger Red' ich dir entfaltet,
Hat ein gottgeweihter Sänger
Reich zum Heilandslied gestaltet.

Einer von den Unsern, Elmar!
Nicht in weicher welscher Zungen,
In der Heimat vollen Klängen
Hat er herrlich es gesungen.

Hörst du es, du glaubst im großen
Grünen Sachsenwald zu weilen:
Himmelweit die Astgewölbe,
Himmelhoch der Stamme Säulen!

Zwar der Vogelsang, das Rauschen
Dünkt dich neu und fremden Schalles,
Doch ist alles dir so nahe,
Heimatlich vertraut ist alles.

Und verständlich ist dir alles,
Was ertönt aus hundert Kehlen,
Und verständlich, was die Büsche,
Was die Bäume sich erzählen;

Und verständlich das Geplauder
In den Brunnen, in den Bächen,
Und verständlich, was die Blumen
Flüsternd miteinander sprechen.

Klar vor deinen Sinnen liegen
All des Waldes Heimlichkeiten:
Alle Fragen kannst du lösen,
Alle Rätsel kannst du deuten.

Und du staunst, wenn all die Laute,
All das Rauschen und das Singen
Andachtsvoll zu einem großen
Gotteslob zusammenklingen.

Und im fernsten Tale möchtest
Du dir eine Herdstatt gründen
Unterm Kreuz, um unterm Kreuze
Deiner Seele Ruh' zu finden!

Denn von seiner Dornenkrone
Geht ein wunderbares Scheinen
Durch die Welt, das alle Völker
Muß durchleuchten und vereinen. –

Elmar, horch: die Frühlingsstürme
Tosen an des Sollings Halde!
Wenn die Sommerlüfte hauchen,
Führ' ich dich zum Wunderwalde.

Wo der Eichen hohe Wipfel
MimigardefordMimigardeford, Münster. Mundartliche Anzeichen machen es höchst wahrscheinlich, daß der Sänger des Heliand zwischen Münster und Essen lebte. Lindemanns Geschichte d. d. Literatur 32. umschauern,
Wohnt mein Freund im Strohdachkotten
Unter Hirtenvolk und Bauern.

Hören mußt du, selber hören
Ihn, den Sänger sondergleichen:
Wenn die Sommerlüfte hauchen,
Gehn wir in das Land der Eichen.«

 
14.
»Red' ich zu dir warme Worte,
Elmar, aus des Herzens Fülle,
Glänzt dir wohl die Trän' im Auge,
Doch verharrst du stumm und stille.

Nach der Wahrheit steilen Burgen
Mag ein andrer wohl die Pfade
Dir durch Dorn und Felsen zeigen:
Führen kann nur Gottes Gnade.

Die Erkenntnis ist das Erbe
Nicht der Weisen, nein, der Frommen;
Nicht im Grübeln, nein, im Beten
Wird die Offenbarung kommen.

Soll ein Menschenauge schauen,
Muß der Himmel sich erschließen
Und ein Strahl von seinem Lichte
In das dunkle Herz sich gießen.«

 
15.
»Leben magst du hundert Jahre:
Einst, wie Dampf im Berggelände,
Gehst du hin. – Wo kannst du bleiben?
Gott ist aller Dinge Ende.

Ward dir Kraft, von allen Kräften
Hast du Rechenschaft zu geben.
Wirke recht! Du wirst gerichtet,
Magst du hundert Jahre leben.

Denn die Kreatur ist Gottes,
Und sie kann ihm nicht entfliehen;
Einmal, morgen oder später,
Liegst du doch vor seinen Knien.«

 
16.
»Elmar, o du machst mich traurig:
Was ich rede, ist verloren,
Denn du hörst nicht mit dem Herzen,
Denn du hörst nur mit den Ohren.

Man erzählt, ein blinder PriesterDie rührende Legende von dem blinden Beda, dem Ehrwürdigen, dürfte durch Kosegartens Bearbeitung allgemein bekannt sein.
Predigte im Feld den Steinen,
Und die Steine riefen ›Amen‹;
Du bist stumm; ich möchte weinen.

Träumst du wieder von den Wellen?
Ach, es ist ein trostlos Jagen!
Wasserfurchen, die du pflügtest,
Werden niemals Früchte tragen.

Wohl das Schwert, doch nie die Sichel
Mag auf grauer Woge klirren;
Nur dir selber zu gefallen,
Stürmst du in des Kampfes Wirren.

Müh' zur Lust ist eitle Mühe,
Nutzlos wie dem Meer der Regen;
Arbeit, die nicht andern frommet,
Das ist Arbeit ohne Segen.

Willst du dir und dir nur dienen,
Nirgend magst Du Dank erwerben;
Schmachten wirst du, und am Ekel
Vor dir selber mußt du sterben.

Erst gehörst du deinem Gotte,
Ihm zunächst der Heimaterde.
Bist du stark, sei froh; am stärksten
Ist der Mann am eignen Herde.

Bläh dich unter fremden Menschen:
Schweigt dein Volk, dein Ruhm ist nichtig;
Sachsenkind, mit jeder Faser
Bist du deinem Volke pflichtig;

Deiner Heimat, deiner Mutter,
Einer Kranken, einem Weibe;
Bist du brav, so zahl mit jedem
Tropfen Bluts in deinem Leibe.

Willst du fort, sie wird als bleiche
Bettlerin am Wege stehen
Und die dürre Hand dir strecken
Nassen Blicks. – Nun kannst du gehen!«

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