Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Seidel >

Dreißig Märchen

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/seidelh/30maer/30maer.xml
typefairy
authorVerschiedene Autoren
titleDreißig Märchen
year1905
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100902
Schließen

Navigation:

Naschkätzchen

Von

Berta Brunetti

Die Mutter hatte sich für ein halbes Stündchen in ihren Sorgenstuhl zur Ruhe gesetzt, und die Köchin Marie war nach dem Trockenboden gegangen. So kam es denn, daß Röschen ganz allein in der Küche war.

Die Küche, das war ihr liebster Aufenthalt; und wenn die Köchin die Hände zusammenschlug und jammerte: »Ach, wie sieht's da heute aus«, da gefiel es ihr just am besten in der Küche. Da war kein Töpfchen, das sie nicht in die Hand nahm, kein Löffelchen, mit dem sie nicht rührte, kein Quirl, mit dem sie nicht quirlte, kein Deckel, mit dem sie nicht zudeckte. Wie prächtig ließ es sich kochen mit den Strünken vom Kohl, mit den Kartoffel- und Äpfelschalen, mit welken Salatblättern und ähnlichem Küchenabfall; das alles wurde von Röschen recht fein geschnitten und in Töpfchen getan und gerührt und gequirlt und zugedeckt.

Heute aber war von all dem in der Küche nichts zu sehen. Es war schon nach Tisch, und Marie hatte die Küche erst blitzblank und sauber gemacht, ehe sie fortging. Stand aber erst alles in Ordnung, dann wußte Röschen recht wohl, daß sie nichts anfassen dürfe; sonst würde Marie so böse, bitterböse.

Da stand denn Röschen in der Küche und langweilte sich ein bißchen. Sie ließ ihre Äuglein ringsum schweifen – nirgends war etwas, womit sie sich hätte die Zeit vertreiben können. Unterm Küchentisch lag wohl Miezchen, aber das drückte die Augen fest zu und stellte sich schlafend; vielleicht schliefs auch wirklich; denn es war ja doch nach Tisch, und da hat ein jeder gern Ruhe. Mit Mieze konnte man also nicht spielen.

Die Äuglein blickten weiter, und nun entdeckte sie etwas ganz besonderes – die Tür zur Speisekammer stand ein klein wenig offen!

Gewöhnlich war der Schlüssel umgedreht, oder Mama trug ihn gar in der Tasche; heute mußte Mama wohl vergessen haben, die Tür abzuschließen. Im nächsten Augenblick stand Röschen schon an der Spalte und guckte zur Kammer hinein. Wie Herrliches gab's da drinnen zu schauen!

Röschen war ja schon oft in der Speisekammer gewesen, doch immer nur dann, wenn Mama oder Marie zugegen waren.

In der Speisekammer war Röschen eigentlich noch viel lieber als in der Küche. Ach, die Tür war ja nicht verschlossen, warum sollte sie da wohl nicht hineindürfen? Sie wollte sich nur einmal alle Schätze da drinnen so ganz in Ruhe und mit Muße ansehen – vom Ansehen kam doch nichts in Unordnung. Weiter wollte sie ja gar nichts tun, da konnte die Mutter wirklich nicht böse werden darüber. –

Einen Augenblick zögerte Röschen, einen Blick noch warf sie auf die Katze, die machte die Augen nicht auf, und – husch – war Röschen auch schon drinnen.

Und als sie nun erst drinnen war, da dachte sie an gar niemand mehr, weder an die Mutter, noch an Marie, noch an das Kätzchen; auch an die Rute, die irgendwo in der Kinderstube versteckt war und jetzt wohl eigentlich nicht mehr hervorgeholt wurde, dachte sie nicht mehr.

Da standen in langen Reihen die Gläser und Flaschen mit eingekochtem Obst; die sahen wunderhübsch aus, und das Obst schmeckte auch gar zu gut, allein – alle waren fest verschlossen. Hier war ein Töpfchen mit Sahne, dort guckten rotbackige Äpfel aus einem Körbchen heraus, und da stand auch der Kuchen von gestern, ein ganz großes Stück! Nur ein bißchen kosten von allem, wer das doch dürfte! Die Augen blickten immer begehrlicher in die Runde – und da war auch schon das Fingerlein ins Sahnetöpfchen gefahren, und ein Äpflein war auch eins, zwei, drei aufgegessen, und ein Stückchen Kuchen war aufgeknabbert. Das Händchen aber langte noch weiter nach der Mandeltüte – da mit einem Male ging die Tür auf – Röschen war so sehr erschrocken, daß sie zur Seite sprang; dabei stieß sie mit dem Ellenbogen an das Sahnetöpfchen, und – pardauz – da lag es in tausend Scherben am Boden mitsamt seinem süßen Inhalte.

Hatte die Mutter die Tür aufgemacht oder Marie? Nein, die Katze war es gewesen. Leise war sie herangeschlichen, sie wollte sich wohl auch einmal in Muße die Speisekammer ansehen. Da fiel das Töpfchen mit lautem Geklirr herab just vor Mieze hin, und die Sahne spritzte ihr auf ihr schwarzes Seidenfell. Die Katze war nicht weniger erschrocken als Röschen; mit einem Satz war sie wieder unter dem Küchentisch und ging hier gleich daran, sich sauber zu machen.

Was aber sollte Röschen beginnen? Zitternd stand sie da und starrte auf den großen, weißen See am Boden. Nun mußte Marie bald zurückkommen, und die erzählte es dann Mama, und Mama wurde dann sehr, sehr böse; und übermorgen war Röschens Geburtstag – ach, da gab's gewiß keinen Gabentisch! Wie schrecklich traurig war das alles! Was sollte sie nur beginnen? Weinen? Das half wohl nichts. – Schreien? Das half wohl noch weniger. Zur Mutter laufen und sie um Vergebung bitten? Aber Mutter schlief ja! – Warten, bis Marie kam? Ach, die ging dann gleich zur Mama, und die wurde sehr böse, und am Geburtstag – So drehten sich die Gedanken wie in einem Kreise in ihrem kleinen Köpfchen herum.

Die Katze saß unter dem Tisch und wusch ihr Fell, sie tat, als wäre nichts gewesen.

Da, mit einem Male kam dem Röschen ein recht, recht böser Gedanke. »Ich will's auch so machen,« dachte sie, »als wäre nichts geschehen.« Leise, leise schlich sie aus der Kammer hinaus, ging auf den Fußspitzen an Mamas Stubentür vorbei, damit die Schlafende nicht erwache, und schlüpfte ebenso leise in die Kinderstube. Dort setzte sie sich in ihren Puppenwinkel, nahm ihr jüngstes Bübchen auf den Arm und schaukelte es in den Schlaf.

»Eia popei, mein Liebling bist du,
schließe die beiden Guckäuglein zu.«

So sang sie dazu. Zuerst zitterte ihr wohl heftig die Stimme dabei; doch das wurde bald besser. Und als sie den Vers zum dritten Male anstimmte, da klang das Stimmlein schon ganz froh und heiter.

Mit einem Male ertönte eine andere Stimme, die klang laut und zornig: »O du abscheuliche Katze!« rief es. »Na warte, das sollst du büßen!« Marie war's, die so schrie. Röschen lauschte mit angehaltenem Atem. Da tönte der Mutter Stimme dazwischen: »Was gibt's denn nur, Marie? Warum so böse?«

»Das garstige Tier,« zankte Marie, »in die Speisekammer ist es geschlichen, hat an der Sahne genascht und dabei den Topf herabgeworfen. Das Fell ist noch ganz naß davon.«

»O du böse Katze«, sagte die Mutter dazwischen. »Aber warte nur,« zankte Marie weiter, »so leichten Kaufes kommst du mir diesmal nicht davon! Nun hol ich meinen Besen.« Röschen zitterte am ganzen Körper! Nun sollte Mieze Schläge bekommen, und sie allein war schuldig. Schon wollte sie hinauseilen und sagen: »Die Katze ist schuldlos« – aber ach – Röschen blieb sitzen, und die Katze bekam ihre Schläge! Laut miaute und winselte das arme Tier, Röschen hörte es genau; sie preßte die Händchen vors Gesicht und weinte bitterlich.

»Warum weinst du?« hörte sie jetzt fragen, und der Mutter sanfte Hand streichelte ihren Scheitel. »Ach, die Katze, die Katze«, jammerte Röschen. »Weine nicht mehr«, tröstete die Mutter;« Mieze hat ja die Strafe verdient, weil sie ungehorsam war und naschhaft. Nun wird sie es auch nie wieder tun. Du bist mein gutes mitleidiges Kind.«

Aber Röschen weinte noch lange fort; da nahm die Mutter sie auf den Schoß und erzählte ihr Geschichten und versprach ihr zum Geburtstag eine recht große Überraschung.

Den ganzen Tag über blieb Röschen still und traurig. Als sie am Abend im Bettchen lag und ihr Abendgebetlein sprach, da wollten ihr die Worte fast nicht über die Lippen – der liebe Gott konnte ja doch keine Freude daran haben; er mußte doch furchtbar böse auf sie sein. Und traurig schlief Röschen endlich ein.

Kaum war das geschehen, so kamen böse, böse Träume und neckten sie, so daß sie sich unruhig hin und her warf; und mit einem Male wachte sie auf, denn es war ihr gewesen, als ob etwas Weiches Warmes ihre Hand berührte.

Mit erschrockenen Augen blickte sie empor. Es war ganz dunkel im Zimmer, und durch die Dunkelheit sah sie zwei helle Punkte leuchten. Was war das nur?

Die Punkte standen jetzt dich vor ihr, und jetzt erkannte sie's auch; die Augen der Katze waren es! Die Katze stand auf ihrem Bette und schaute sie unverwandt an. Röschen wollte schreien, aber die Katze legte die Pfote vor den Mund zum Zeichen, daß sie schweigen sollte. Dann schlich sie sich noch näher an Röschen heran, neigte sich zu ihrem Ohre und flüsterte ganz deutlich: »Komm mit mir.« Und als Röschen angstvoll das Köpfchen schüttelte, da sagte die Katze nochmals: »Komm mit mir«, aber in einem so bestimmten Tone, daß Röschen keinen Widerstand mehr wagte, sondern gehorsam aufstand und der Katze nachhuschte, die jetzt die Tür geräuschlos aufmachte und im dunklen Korridor verschwand.

Dann ging es abermals durch eine Tür und wieder durch eine. Dabei war es ganz stockdunkel, und Röschen hätte nimmer weiter gefunden, wenn die Katze nicht fortwährend nach ihr umgeblickt hätte mit ihren leuchtenden Augen, die wie zwei Laternchen den Weg erhellten.

Wohin der Weg führte, konnte Röschen nicht ergründen, und zu fragen wagte sie nicht. Als sie so eine Weile gegangen waren, blieb die Katze plötzlich stehen und pochte dreimal an eine Wand. Da tat sich die Wand auseinander, und ein glänzend erleuchteter Saal ward sichtbar.

»Komm mit«, sagte die Katze abermals; denn sie hatte bemerkt, daß Röschen den Versuch machte umzukehren. Dann traten beide in den Saal, während sich die Wand hinter ihnen schloß.

Es war ein seltsames Gemach; Röschen hatte noch nie ähnliches gesehen. Die Wände schillerten in den prächtigsten Farben; und als sie genau hinsah, entdeckte sie, daß sie von oben bis unten mit glänzenden Käfern bedeckt waren.

Von der Decke herab hingen kostbare Kronen; wie staunte aber Röschen, als sie gewahrte, daß viele, viele Tausende von Glühwürmchen da oben saßen und mit ihrem milden Glanze Tageshelle verbreiteten. Bunte Girlanden schmückten die Wände; sie waren jedoch nicht aus Blumen gemacht, sondern bunte Vögelchen flatterten dort nebeneinander, mit ihren farbenprächtigen Federn wie Blumen anzusehen.

Vor Staunen und Bewunderung vergaß Röschen ganz ihre Angst; doch sie kehrte sogleich wieder zurück, als jetzt eine tiefe Stimme sagte: »Tritt näher, Menschenkind!«

Es war ein mächtiger Löwe, der so gesprochen hatte. Da er eine Krone auf dem Haupte trug, mußte er wohl gar ein König sein. Röschen konnte keinen Schritt vorwärts machen, so zitterten ihre Knie. Da schritten auf des Königs Wink zwei Hunde an ihre Seite und zogen sie sanft bis vor den königlichen Thron.

Der Löwe blickte streng auf sie herab.

»Meine treue Untertanin, Mieze genannt,« so begann er, »hat Klage wider dich erhoben. In deiner Gegenwart, vor meinem ganzen Hofstaate soll sie nochmals ihre Anklage wiederholen. Sprich, Mieze, was hast du vorzubringen?«

Die Katze stellte sich neben Röschen und begann nun laut, daß es alle hören konnten, zu erzählen, was ihr widerfahren war. Die Erinnerung an die erlittene Unbill war für Mieze so schmerzlich, daß sie ihre Tränen nicht zurückhalten konnte und in ein klägliches Miauen ausbrach.

Die Zuhörer waren ganz erschüttert. Der König aber blickte noch viel ernster drein als früher. »Was hast du zu deiner Entschuldigung zu sagen?« fragte er Röschen.

Da sank diese in die Knie: »O, ich bin ein böses Kind, ich kann nie wieder fröhlich werden!« schluchzte sie.

»Siehst du, und das soll deine Strafe sein,« sagte der Löwe; »du sollst nie wieder fröhlich sein! Ist aber etwa einer unter euch,« wandte sich der König an die Versammlung, »der etwas zur Verteidigung des Kindes vorbringen kann, dem sei das Wort erteilt.«

Da trat ein alter Hund vor; er sah sehr gelehrt aus.

»König,« sagte er, »das Kind hat häßlich gehandelt, aber böse ist es nicht. Sein Herzlein ist so voll Reue, daß ich glaube, ein zweitesmal wird es so häßliches nicht mehr tun. Frage doch ringsum alle deine Untertanen, ob noch einer da ist, der Klage gegen sie vorbringen kann.«

Der König blickte fragend in die Runde.

»Uns hat sie Futter gestreut, als wir im Winter hungerten,« zwitscherten die Sperlinge.

»Uns hat sie Wolle und Federchen hingelegt, als wir unser Nest bauten,« sagten die Schwalben. »Als ich mir einen Glassplitter in den Fuß getreten hatte, hat sie mir die Wunde gekühlt und mit einem Läppchen verbunden,« erzählte Karo.

Selbst die Fischlein blieben nicht stumm und sagten: »Uns hat sie Krümchen ins Wasser geworfen.«

»Was meinst du, o König,« ergriff endlich der alte Hund wieder das Wort; »ist dieses Kind böse und verdient es so harte Strafe?«

»Nein,« sagte der König; »ich will meinen strengen Spruch zurücknehmen, nachdem ich dies alles gehört habe. Aber ganz schenken kann ich dir die Strafe nicht. So höre denn meine Worte, Röschen. Hier übergebe ich dir ein Fläschchen mit einer Flüssigkeit, so gallenbitter wie es sonst nichts Bitteres gibt auf Erden. Wann immer du etwas Süßes genießt, dann mußt du einen Tropfen aus dem Fläschchen hineingießen, nur einen kleinen Tropfen – die Bitterkeit wird doch durchschmecken, und das soll deine Strafe sein. Ist das Fläschchen einmal leer, dann ist auch deine Schuld gesühnt! Und nun geh, mein Kind.«

Und als der König so gesprochen hatte, hoben alle Käfer an den Wänden ihre Flügel und summten um Röschen Haupt, und die Vögel flogen umher, und die Glühwürmchen umkreisten sie, so daß sie nichts mehr sehen konnte als ein Schillern und Glänzen und Leuchten ringsum. Dann mit einem Male war alles verschwunden, und sie stand allein in einem stockfinsteren Raume und wußte nicht vor- noch rückwärts. Da tat sie einen gellen Schrei und riß die Augen weit auf.

Und nun ward's wieder hell um sie, und die Mutter stand vor ihr.

»Röschen, was hast du, du schriest so laut im Traume?« fragte sie ganz ängstlich.

»O, Mutter, Mutter, die Katze hat mich verklagt, und nun muß ich immer die gallenbitteren Tropfen schlucken hier aus diesem Fläschchen,« dabei hielt sie ihr Händchen empor – aber es war leer.

»Die Katze?« fragte nun die Mutter. »Warum hat dich denn die Katze verklagt, Röschen?«

Da umfaßte Röschen mit beiden Armen die Mutter, und unter Tränen gestand sie ihr alles, was sie Böses getan. Dann erzählte sie auch, wie sie vor dem Richterstuhle des Löwen gestanden habe.

»Das wird wohl nur ein Traum gewesen sein,« sagte die Mutter. »Aber mit den gallbitteren Tropfen wird es schon seine Richtigkeit haben; weißt du, Kind, diese bitteren Tropfen, die dir alles Süße vergällen werden, das ist die Reue, Kind. Und wenn du recht tiefe Reue empfindest, dann wird dein Fläschchen auch bald leer sein, und du kannst wieder so fröhlich sein wie früher. Und nun schlafe weiter, mein Kind, ich und das Kätzchen wollen dir verzeihen!«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.