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Dreißig Märchen

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen - Kapitel 27
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authorVerschiedene Autoren
titleDreißig Märchen
year1905
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Die verlorenen Flügelchen

Von

Else Siegfried

Am Ende der Welt – dort wo Himmel und Erde zusammenstoßen, stand ein kleines Fischerhaus. Es war ein armes, kleines Hüttchen, aber die jungen Leute, die darin wohnten, meinten, es sei das schönste auf der Welt. Die Sonne schickte ihre ersten warmen Strahlen in die Fenster und lachte so heiß auf den Rosenbusch vor der Tür herab, daß seine Blühten röter glühten und süßer dufteten als alle anderen Rosen. Kein Sternlein konnte vorübergehen, ohne herabzunicken, und selbst der kühle Mond strahlte und blinkte vor Vergnügen, wenn er das Häuschen und die glücklichen Leutchen sah.

Wenn der Tag in fröhlicher Arbeit vergangen war, saß die junge Frau oft vor ihrer Tür und sah zu, wie die Sonne unterging, wie sie ihr schönstes rotes Gewand anzog, wie sie ihr Haar löste, daß es wie lange, goldene Strahlen hinter ihr herfloß, wie sie langsam die Himmelstür öffnete und dann rasch dahinter verschwand. Aber eines Abends vergaß sie das Tor zuzumachen, und es dauerte gar nicht lange, so guckte ein allerliebstes, übermütiges Engelchen durch die Spalte. O, wie nah die Erde unter ihm lag, mit den grünen Wiesen und dem blinkenden Bach, und dort die Rosen, die wunderschönen roten Rosen! Die waren ja viel herrlicher und lockender als die Sterne, die alle Abend den Englein zu Bett leuchteten, und ganz nahe schienen sie zu sein: nur über die häßliche graue Dämmerung brauchte man zu fliegen!

Langsam und vorsichtig drängte sich das Englein durch die Spalte; es war zwar aufs strengste verboten, aber es wollte ja gar nicht lange bleiben, und wer weiß, wann die Himmelstür einmal wieder offen war. Ganz leise trat es auf die Wolkenschwelle, breitete die goldig schimmernden Flügelchen aus und schwebte lautlos durch die Luft.

»Sieh nur, eine Sternschnuppe,« sagte die junge Frau auf der Erde, »ich wünsche mir ein Engelchen.« Da stand es schon neben ihr und sah sie zärtlich an mit seinen glänzenden Sternenaugen, und die junge Frau herzte und küßte es, zeigt ihm das Häuschen und den Garten, pflückte ihm die schönsten Rosen vom Strauch, und als es müde wurde, nahm sie es in ihre Arme, bis ihm die Augen zufielen.

Als aber das Engelchen am nächsten Morgen erwachte, da gefiel ihm die Welt nicht mehr. Die Sonne war nicht zu sehen – sie durfte wohl nicht ausgehen, weil sie die Tür nicht ordentlich zugemacht hatte – es regnete alle die Tränen, die die anderen Engel um ihr verlorenes Schwesterchen weinten, die Rosen senkten traurig die Köpfchen, und unser Engelein fror in seinem dünnen Nebelhemdchen.

»Leb wohl und vielen Dank,« sagte es sanft und leise zu der jungen Frau, die weinend neben ihm kniete, »ich muß jetzt rasch zurück in den schönen, warmen Himmel«, und es wollte davonflattern; aber o weh, wie es sich auch mühte und mühte, es konnte nicht mehr fliegen: seine Flügelchen waren verschwunden!

Nun mußte es auf der kalten Erde bleiben, und es weinte bitterlich. Die jungen Fischersleute aber freuten sich über das schöne Englein und pflegten es wie ihr eigenes Kind.

So verging die Zeit, das Englein wurde groß und schön, und wer es sah, mußte es lieb haben. Oft war es aber gar traurig, dann saß es unter dem rotblühenden Rosenstrauch, starrte sehnsuchtsvoll hinauf in den Himmel und sang wundersame, süße Lieder, so schön, wie sie kein wirkliches Menschenkind singen kann, und wenn man es fragte, wo es das alles gelernt habe, dann antwortete es: »Droben im Himmel.« Dann lächelten die Leute, aber sie glaubten es nicht; doch weil es wirklich so gut und schön wie ein Englein war, nannten sie es: Angeletta.

Im Lande aber herrschte Sorge und Betrübnis, denn der alte König war krank und traurig, und kein Arzt konnte ihm helfen. Da hörte er von der jungen Fischerstochter, die die Herzen froh und glücklich mache, weil sie schöner singen könne als alle Nachtigallen, und er sandte seinen ältesten Sohn zu ihr und ließ ihr Schätze und Edelsteine versprechen, wenn sie zu ihm komme, um ihm vorzusingen. Aber sie verschmähte alle die kostbaren Geschenke. »Nur ein Paar Flügel wünsche ich mir, um einmal wieder in den Himmel fliegen zu können,« antwortete sie, »dann will ich kommen.«

»Die sollst du bald haben«, sagte der Prinz und ließ von nah und fern die geschicktesten Arbeiter herbeirufen. Die mußten aus Gold und Silber ein Paar köstliche Flügelchen so kunstvoll arbeiten, daß sie wie ein Fächer auf- und zuklappen konnten. Aber vergebens versuchte Angeletta damit zu fliegen: sie klappten auf, sie klappten zu, aber ihre Füßchen standen fest wie vorher auf dem Erdboden.

Da sandte der König seinen zweiten Sohn, der war der stärkste und kühnste Mann im ganzen Reiche, und als er Angeletta sah, schien sie ihm so reizend, daß er selbst sein Leben wagen wollte, um ihr die ersehnten Flügel zu beschaffen.

Er zog mit seinem Gefolge tief hinein in die Wälder bis zu einem schroffen, hohen Felsen, den niemand zu erklimmen wagte. Der Prinz aber stieg ganz allein höher und höher hinauf; über furchtbare Klippen und Abgründe führte sein Weg zu dem steilen, gefahrdrohenden Gipfel. Da hing dicht über der schwindelnden Tiefe ein Adlernest. Die jungen Adler hackten mit ihren scharfen Schnäbeln nach dem Feind, der Prinz aber zog sein blankes Schwert, tötete den größten und schnitt ihm mit scharfen Schnitt die Flügel ab. Dann eilte er zurück, verfolgt von dem heiseren Geschrei der geängstigten Vögel, über zackige Felsen, über Spalten und Trümmer, bis ihn endlich wieder mildere Luft umgab und er das Tal und die Fischerhütte erreichte.

Mit seidenen Bändern befestigte er die Flügel an Angelettas Schultern, aber sie hingen tot und schwer herab, und wie sie sich auch mühte, sie konnte nicht fliegen.

Da aber der König immer trauriger und kränker wurde, aus Sehnsucht nach des Fischerkindes wundertätigem Gesang, zog endlich sein jüngster Sohn aus, um sie zu holen. Er war jung und schön und frohen Mutes und erreichte gerade die Fischerhütte, als Angeletta heraustrat, um ihren Rosen Wasser zu bringen. Da schwang er sich vom Roß und fragte sie, ob sie die kleine Nachtigall sei, nach deren Liedern der König sich sehne, und ob sie mit ihm kommen wolle. Und als Angeletta die Augen zu dem schönen Königssohn aufschlug, vergaß sie zum ersten Mal ihren Wunsch, Flügel zu haben, und als er ihr erzählte, wie schön und herrlich draußen die Welt sei, vergaß sie alle Sehnsucht und Traurigkeit; er aber hob sie auf sein weißes Roß und führte sie wie eine Königin über die blühenden Wiesen, bis in die große Stadt und das Königsschloß.

Dort wurde sie mit Jubel empfangen, und die Tage vergingen in Lust und Freude. Sie wohnte in köstlichen Zimmern, blondgelockte Pagen trugen ihre seidene Schleppe, bei der Tafel saß sie an des Königs Seite, und wenn des Abends alle Räume des Schlosses im hellsten Lichterglanz erstrahlten, sang sie ihre schönsten Lieder, und der König und wer sie immer hörte, wurde froh und glücklich wie sie selbst.

»Du mußt immer bei uns bleiben,« sagte der Königssohn und küßte ihre roten Lippen, die so schön singen konnten, »es ist ein Glück, daß du keine Flügel hast und nicht davonfliegen kannst.«

Eines Tages sah der Königssohn auf der Jagd einen seltenen, bunten Vogel, den er gern für Angeletta erjagen wollte, und er folgte ihm so eifrig, daß er des Weges nicht achtete und sich im Walde verirrte. Vergebens ließ er sein Hifthorn ertönen; sein Gefolge war weit zurückgeblieben, so daß ihn niemand hören konnte. Der Wald wurde dichter und dichter, die Zweige hingen so tief herab, daß sich der Prinz mit dem Schwerte einen Weg bahnen mußte; Totenstille herrschte rings umher, und alles Leben schien erstorben, kein Lüftchen bewegte die Blätter, kein Vogel zwitscherte in den Zweigen. Die Sonne ging unter, es wurde immer dunkler und kälter, da schien plötzlich die Welt zu Ende zu sein, wie eine hohe, starke Mauer versperrte ein riesiger Felsblock den Weg, und dicht an den Felsen gedrückt, so daß man sie in ihren farblosen Lumpen kaum erkennen konnte, hockte eine alte Hexe.

Der Königssohn war froh, in dieser Wildnis endlich ein menschliches Wesen zu treffen, und bat sie, ihm den Weg aus dem Walde zu zeigen.

»Den Weg hinaus willst du wissen? Das ist klug, junger Prinz«, lachte die Alte höhnisch. »Ich dachte, es wäre schon wieder einer gekommen, um für die schönste Königstochter zu Stein zu werden.«

»Was ist es mit der schönsten Königstochter?« fragte der Prinz neugierig. Da erzählte ihm die Alte, daß in diesem Felsen eine wunderschöne Königstochter verzaubert sei. »Schenk mir deine goldene Kette, und ich will dich zu ihr führen«, sagte sie und streckte gierig die Hände nach dem glänzenden Geschmeide aus, und kaum hatte der Prinz die Kette vom Halse gelöst, so berührte sie dreimal mit ihrem Krückstock den Felsen.

Mit schwerem Krachen öffnete sich ein dunkles Tor wie durch einen Zauberschlag, und die Hexe führte den Prinzen eine hohe Treppe hinauf in einen düsteren Saal. Ein riesiges Untier bewachte den Eingang und starrte dem Eindringling drohend entgegen; es reckte seine mächtigen Glieder, wütend peitschte es mit dem Schweife um sich und stürzte sich mit wildem Sprunge auf seinen Feind. Der Prinz aber schritt mutig vorwärts, blitzschnell sauste sein Schwert durch die Luft und durchbohrte das Ungeheuer, daß es mit furchtbarem Gebrüll zusammenbrach. Verwundert blickte sich der Königssohn in dem mächtigen Saale um. Dicke, graue Säulen trugen die schwere, steinerne Decke, der Fußboden, die Wände, alles war aus demselben grauen, eintönigen und erstarrend kalten Gestein. Mattes Licht fiel durch ein einziges hohes Fenster und beleuchtete in der Mitte des Saales drei ganz gleiche weibliche Gestalten aus wunderbar weißem Marmor.

Der Prinz starrte sie wie verzaubert an; sie waren so schön, wie er nie etwas zuvor gesehen hatte, und er konnte sich von ihrem Anblick nicht losreißen.

Das Kichern der Alten weckte ihn aus seinen Träumen. »Nun, gefällt sie dir, die schöne Prinzessin, so hole sie dir doch, aber nimm nicht die falsche. Die drei schönen Gestalten dort sind ganz gleich. Du kannst sie noch so lange anstarren, du wirst keinen Unterschied an ihnen entdecken, aber nur eine von ihnen hat ein Herz, und das ist die Prinzessin. Wenn ein Königssohn sie küßt in der ersten Vollmondnacht des Jahres, dann ist sie erlöst und der Zauber gebrochen; aber wehe, wenn er sich täuscht und die falsche küßt! Dann muß er sterben, sein Herz erstarrt, und er wird zu Stein wie die Prinzessin. Siehst du die grauen Steinbilder dort an der Wand? Die alle haben sich schon geopfert. Hüte dich, hüte dich!«

Sie schwang ihren Krückstock, das bleiche Licht verlosch, alles war verschwunden, und als der Prinz sich von seinem Staunen erholte, ging der Mond am dunklen Himmel auf, er stand vor seines Vaters Schloß, und was er erlebt hatte, schien ihm ein Traum.

Aber er konnte die schöne Marmorprinzessin nicht vergessen und irrte so lange umher, bis er endlich tief im Walde den grauen, toten Felsen wiederfand. Wie das erste Mal beschenkte er die Alte, und sie öffnete ihm das Felsentor; wie das erste Mal bekämpfte und besiegte er unerschrockenen Mutes das furchtbare Untier, welches ihm den Eintritt verwehren wollte, und dann stand er inmitten des Saales und schaute unverwandt die schönen Marmorgestalten an.

Nun kam er jeden Tag wieder, und immer von neuem begann er sich zu quälen und zu forschen, welches wohl die wahre Prinzessin sein könne.

Einmal glaubte er, es müsse die mittelste sein, weil ihre Locken goldig glänzten; als er aber genauer hinsah, war es nur ein Schimmer des Abendgoldes, der durch das Fenster fiel; dann wieder schien es ihm, als ob die linke die schönste sei, und im nächsten Augenblick, als ob die rechte noch stolzer und königlicher aussähe; einmal dünkte ihm das Gewand der einen am reichsten, dann wieder das Diadem in den Locken der anderen am kostbarsten. Aber immer war es eine Täuschung. Ganz gleich, mit geschlossenen Augen standen die Marmorbilder vor ihm in starrer, unbeweglicher Schönheit, und je näher die Vollmondnacht kam, in welcher er sich die Prinzessin erringen wollte, um so verzagter und unentschiedener wurde der Prinz.

Immer unruhiger und verzweifelter kehrte er von dem Felsenschloß zurück, und selbst Angelettas schönste Lieder konnten ihn nicht mehr trösten und erheitern.

Sie aber bat ihn so lange und flehentlich, ihr seinen Kummer zu entdecken, bis er ihr erzählte, wie er in das Felsenschloß gekommen sei, wie er vergebens zu erraten suche, welches die wahre Prinzessin wäre, und daß er nur noch den einen Wunsch habe, sein Leben für sie zu wagen, sie zu erlösen und zu seiner geliebten Königin zu machen.

Da wurde Angelettas Herzchen noch trauriger und müder als an dem Tage, wo sie ihre Flügel verloren hatte, und als es anfing dunkel zu werden, zog sie ihre prächtigen Gewänder aus, hüllte sich in ihr dunkles Kleid, welches sie als Fischertochter getragen hatte, und schlich leise die Treppe hinab aus dem Schloß in den nahen Wald.

»Ich muß ihm helfen«, flüsterte sie vor sich hin. »Ihr Blümlein, ihr Vöglein könnt ihr mir nicht sagen, welches die Prinzessin ist?«

Die Blumen schüttelten die Köpfchen: »Wir wissen's nicht.« »Wir wissen es nicht,« zwitscherten die Vögel, »es ist zu kalt, wir sind nie dort gewesen.«

»Ihr schönen weißen Wölkchen dort oben, ihr seid gewiß schon vorbeigezogen. Welche von den Marmorprinzessinnen hat ein Herz?«

»Sagt es nicht!« rief grimmig eine böse schwarze Wolke und kam eilend heraufgezogen. »Das ist ja das ungehorsame Engelchen!« Und – husch! – jagte sie die freundlichen Wölkchen davon.

Da tanzten die letzen Strahlen der Abendsonne durch die grünen Blätter. »Die Linke ist es,« flüsterte der eine, »ich blickte den ganzen Tag in ihr schönes Gesicht, und sie blieb so kalt und bleich wie vorher: so stolz kann nur eine wahre Prinzessin sein.« »Nein, die mittlere ist es,« sagte eifrig ein anderer, »ich schien auf den Edelstein in ihrer Krone, und er leuchtete wie in Feuer getaucht.« »Nein, die rechte ist es,« rief ein dritter dazwischen, »ich küßte sie auf die Stirn und sie lächelte ein wenig.«

»Das ist nicht wahr,« riefen sie alle durcheinander, »das ist nicht wahr«, und sie stritten sich so heftig, als ob sie selbst die Prinzessin erlösen wollten.

»So lange kann ich nicht warten«, dachte Angeletta und ging weiter, bis sie endlich ganz erschöpft und müde die dunkle Höhle des mächtigen Waldzauberers erreichte; leise trat sie durch die niedere Tür in eine düstere Halle. Sie zitterte und bebte, sie fürchtete sich vor den glitzernden Schlangen, die auf dem Erdboden spielten und ihre spitzen, schmalen Zungen nach ihr ausstreckten, und noch mehr vor den finsteren Augen, dem langen Bart und der rauhen Stimme des Zauberers, der, in einen bunten Mantel gehüllt, auf einem wundersam mit Muscheln und Perlen verzierten Throne saß.

»Was willst du hier?« schrie er das arme Englein an. »Aber faß dich kurz ich habe nicht lange Zeit. Ich weiß schon, daß euch meine Feindin, die alte Hexe, die ganze Geschichte von dem Felsenschloß und der Prinzessin verraten hat, aber was willst du dabei von mir?«

Angeletta nahm allen Mut zusammen. »Ich wollte dich bitten, dem Königssohn zu helfen und mir zu sagen, welche von den drei Marmorgestalten die Prinzessin ist.«

»Weiter nichts?! Ha, ha«, lachte der Zauberer. »Ich will dir aber nicht helfen, ich will das Herz der Prinzessin behalten, es macht mir Spaß, recht viele Menschenherzen zu haben, und wenn ich ein Fest gebe, so leuchten sie wie die schönsten Lampen; sieh da!« Er fuhr mit der Hand durch die Luft, und es wurde tageshell in der Höhle, und als sich Angeletta an den blendenden Glanz gewöhnt hatte, sah sie, daß es lauter Herzen waren, die an der goldenen Decke strahlten. »Dieses,« sagte der Zauberer und zeigte auf das schönste und leuchtendste, »dieses ist das Herz der Prinzessin. Was willst du mir denn dafür geben, du armer, kleiner Wicht?«

»Kannst du nicht mein Herz dafür nehmen?« fragte das Englein ganz angstvoll und leise.

Da lachte der Zauberer laut und höhnisch auf: »Dein Herz, dein armes trauriges Herzchen für dieses schöne, strahlende? Und ein kleiner Flecken ist auch schon daran, was ist es damit? Heraus mit der Sprache!«

Das Englein wurde ganz blaß und kalt vor Schreck, wie grimmig es die Augen des Zauberers anfunkelten!

»Ich bin zur Himmelstür hinausgeflogen, obgleich es so streng verboten war, und habe meine Flügelchen verloren.«

»So, so,« brummte der Zauberer, »und dafür hast du ein Menschenherz bekommen, damit kann man natürlich nicht fliegen.«

»Nimm es, ich bitte dich,« schluchzte das Englein, »es ist so müde bei mir geworden, aber du wirst sehen, wie es bei dir wieder leuchten und strahlen wird. Du sollst gewiß mit mir zufrieden sein«, und es hörte nicht auf zu bitten und zu flehen.

»Nun denn,« sagte endlich der alte Zauberer, und seine Stimme klang fast ein wenig gerührt, »ich will es versuchen; bis heute Nacht gebe ich dir Bedenkzeit, ob du dein Herz behalten oder für das der Prinzessin geben willst, aber überlege es dir wohl, du kannst es nie wieder bekommen; wenn du also den Mut hast, so sei am Felsenschloß, wenn der Mond aufgeht.«

»Ich werde da sein,« sagte Angeletta, »mein schöner Königssohn soll nicht sterben; ich danke dir«, und sie machte sich auf den Weg. Sie war gar nicht mehr müde, es ging sich so herrlich in dem kühlen Wald, und die Glühwürmchen tanzten mit ihren Laternchen vor ihr her. »Leb wohl,« winkte sie herauf zu dem hellerleuchteten Königsschloß, »leb wohl, du guter König«, und sie eilte vorüber; sie ging immer schneller und schneller. Es wurde so kalt und dunkel und totenstill um sie her, sie war so allein in dem finsteren, verzauberten Wald; die Tränen liefen ihr über die blassen Wangen, und sie schluchzte leise vor Angst und Grauen; aber sie ging immer weiter, und als gerade der Mond aufging, war sie am Felsenschloß. Sie setzte sich unter das hohe Bogenfenster und wartete. Der Königssohn ging an ihr vorüber, die Treppe hinauf in den steinernen Saal. Er dachte an die schöne Königstochter und sah Angeletta nicht. »Leb wohl, leb wohl«, flüsterte sie.

»Es wird zu spät werden,« dachte das Englein plötzlich angstvoll, »vielleicht findet mich der Zauberer nicht, ich muß ihm ein Zeichen geben, daß ich da bin«, und leise und süß fing es an zu singen. Die bleichen Mondstrahlen küßten ihm die Töne von den Lippen und trugen sie weiter und weiter.

Da war es, als wenn der ganze verzauberte Wald zu neuem Leben erwachen wollte: Die toten Bäume reckten ihre mächtigen Zweige, es säuselte und rauschte in den grünen Blättern, die Rosenbüsche öffneten tausend duftende Blüten, und leise, leise läuteten die Schneeglöckchen im grünen Moos. Lockend und sehnsuchtsvoll fingen die Nachtigallen an zu schlagen, ein Singen und Klingen erfüllte die Luft, und

Hirsche und Rehe schlichen neugierig durch das blühende Gebüsch, um dem holden Klange zu lauschen.

Und höher und höher stieg der Mond, schon zitterten seine ersten Strahlen durch das hohe Bogenfenster, und noch immer stand der Prinz in ratloser Qual und wußte nicht, für welche der Marmorprinzessinnen er sich entscheiden sollte.

Das Englein aber sang immer weicher und schöner, als ob ihm das Herz brechen müßte; es sang von dem warmen, blauen Himmel, von der goldenen Sonne, von der kleinen Fischerhütte und dem roten Rosenbusch; es sang von dem herrlichen Königsschloß, von Pracht und Glück, von dem schönen Königssohn und seiner Liebe.

Da zitterte ein banger Seufzer durch den Saal, und die mittelste der drei Marmorgestalten schlug langsam die Augen auf, so strahlend und hell, daß sich der ganze Saal mit Wärme und Licht zu füllen schien; der Prinz aber schlang jubelnd seine Arme um sie und küßte sie auf die kalten Lippen.

Da war der Zauber gebrochen und die schöne Prinzessin erlöst. Freude und Lust erfüllten die Hallen, die Glocken läuteten, die Kanonen donnerten, die Fahnen flatterten, und jubelnd begrüßten alle die liebliche Braut.

Angeletta aber war und blieb verschwunden. »Vielleicht war sie wirklich ein Englein und hat ihre Flügelchen wiedergefunden«, meinte die schöne Prinzessin, und die Sterne am Himmel strahlten und nickten, als ob sie recht hätte.

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