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Dreißig Märchen

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen - Kapitel 20
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authorVerschiedene Autoren
titleDreißig Märchen
year1905
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Das gläserne Häuschen

Von

Gertrud Lundehn

Wenn heute eine holde Fee käme und uns bis zu einer bestimmten Zeit die Erfüllung eines Wunsches zusicherte, ach, was würden da für sonderbare Wünsche laut werden! »Ein Pferd«, riefe der eine, und »langes Haar« eine andere, eine dritte wünschte sich gar einen neuen Magen, während der Vierte unbedingt alle Tage Honigbrot haben möchte. So ist's noch und ist's immer gewesen: im geeigneten Augenblick fällt keinem etwas Gescheites ein.

Wie aber einmal einem braven Handwerksmeister ein sonderbarer Wunsch zum Glück ausgeschlagen ist, davon will ich heute erzählen.

Da lebte mit seiner Frau in einem kleinen, vom Vater ererbten Häuschen, ein Tischler, hatte reichlich Arbeit und wäre soweit ganz zufrieden gewesen, wenn ihm nicht seine Frau das Leben ein wenig verbittert hätte. Die war aber durchaus keine Xanthippe, war auch nicht unfreundlich oder häßlich, nein, ein hübsches, sanftes Weibchen war's, aber – weiß der Himmel, wie es zuging – sie konnte ihre Wohnung, ihre Kleider, ihre Schränke nicht in Ordnung halten!

Konnte der Mann seine Sachen nicht finden, so sprang sie gar eifrig herzu, kehrte das Unterste zu Oberst und brachte das Gesuchte schließlich aus irgend einem Winkel hervor, wo es niemand vermutet hätte. »Was meinst du, wo's war?!« fragte sie lachend den Mann. »In der Ofenröhre hat's gesteckt! Meiner Treu, weiß ich doch selbst nicht, wie es gerade dahin gekommen ist!« Und das sagte sie stets so treuherzig, daß der Mann ihr wirklich nicht böse sein konnte.

In der ersten Zeit seiner Verheiratung hatte er Späße darüber gemacht, mitgelacht, ja, auch mitgesucht, aber allmählich war ihm die Sache zu bunt geworden. Er ärgerte sich, wenn ihm heute dies und morgen das fehlte, er hielt lange Reden oder schalt gewaltig; aber das hatte alles nur den Erfolg, daß seine kleine Frau anfing, herzbrechend zu schluchzen, und hundertmal versprach, sich zu besseren. Sie besserte sich aber nicht, und nach wie vor mußte der arme Tischler Hansemann auf der Suche nach seinen Siebensachen sein. Endlich hatte er das Reden und Ärgern aufgegeben, er wollte Frieden im Hause haben, und da er seine Frau herzlich lieb hatte, hoffte er, durch sein gutes Beispiel und Güte und Freundlichkeit sie am Ende doch von ihrem bösen Fehler zu heilen. Als aber auch das nichts verfing und es immer grausiger in dem Hause aussah, da wurde der Meister ein stiller, trauriger Mann, der seine Arbeit tat, sich sonst aber lieber in Feld und Wald aufhielt als in seinen eigenen vier Pfählen.

Es war an einem Frühlingsabend, als Meister Hansemann einsam in seiner Werkstatt saß und trüben Gedanken nachhing. Draußen sproßte das junge Gras, und die Schwalben, die am Tage gar emsig ihr Nest ausgebessert hatten, saßen jetzt einträchtiglich beisammen und zwitscherten sich noch leise etwas ins Ohr. Ringsum war es still und friedlich, und dem Meister ward das Herz schwer, wenn er an sein eigenes friedloses Heim dachte. Ein feiner Luftzug ließ ihn aufsehen: da stand vor ihm ein winziger Geselle, dem ein grauer Bart bis ans Knie reichte. Als der Tischler erschrocken aufspringen wollte, legte der Kleine die Hand an die Lippen und machte »Pst«. Langsam kam er näher.

»Es darf mich niemand sehen! Ich bin ein Moosmännchen und wohne draußen im Walde.«

Hansemann sah ganz entsetzt aus, denn er wußte, daß die Moosmännchen ganz böse Gesellen waren. Was wollte solch ein Wicht in seinem Hause? Der las ihm die Gedanken von der Stirn.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten,« sagte er, und seine Stimme klang traurig, »ich komme nicht in schlechter Absicht. Ich will dich um etwas bitten. Ich weiß, du bist ein Mann, der schweigen kann, und das mußt du! Kein Mensch darf es erfahren! Du sollst mir einen Sarg machen; außen muß er schneeweiß sein und innen mit rosenroter Seide ausgeschlagen, und ein Kißchen von rosenroter Seide muß darin sein und eine Decke. Aber bis morgen nacht um 12 Uhr muß ich ihn haben. Willst du das übernehmen?« Und als der Tischler zauderte, fügte der Zwerg rasch hinzu: »Es wird dein Schade nicht sein, nur mußt du ihn selbst und ganz allein nach dem Siebeneichenplatz bringen. Dort an der dritten Eiche von rechts stellst du ihn hin und wartest. Bring auch einen großen Spaten mit: es muß tief gegraben werden. Noch eins: länger als 50 Zentimeter darf der Sarg nicht sein!«

Langsam schritt das Moosmännchen rückwärts. »Es wird dein Schade nicht sein!« flüsterte es noch einmal. Als es verschwunden war, atmete der Tischler auf.

»Tu ich's oder tu ich's nicht?« sagte er halblaut. »Tu ich's nicht, wer weiß, was mir der boshafte Kerl dann für Schabernack antut, und tu ich's, wie fang ich's dann an, es so heimlich zu machen?«

Aber er tat's doch. In der Frühe des nächsten Morgens besorgte er die rote Seide und machte mit vieler Mühe die Kissen selbst zurecht. Und ob seine Frau auch noch so dringlich fragte, was er eigentlich in der verschlossenen Werkstatt treibe, er verriet nichts. Frau Hansemann war nicht übermäßig neugierig; als aber ihr Mann nachts um halb 12 fortging mit einem Paket unter dem Arm und einem Spaten, da schaute sie ihm doch sehr verwundert nach, ja, sie machte sogar ein paar Schritte vorwärts, um ihm nachzuschleichen, aber ein feiner Regen sprühte ihr ins Gesicht. Überdies war sie müde und ein wenig furchtsam: da ließ sie's lieber, legte sich in ihr Bett und schlief seelenruhig ein.

Unterdes wanderte der Tischler mit seiner Bürde dem Walde zu und hielt nicht eher an, als bis er den vorgeschriebenen Platz erreicht hatte. Leise tröpfelte der Regen herab, das war das einzige Geräusch ringsumher. Er wartete geduldig eine ganze Weile; als sich aber niemand sehen ließ, wollte er sich endlich ärgerlich wieder auf den Heimweg machen.

Husch – raschelte es hinter ihm, husch – raschelte es vor ihm! Glühwürmchen leuchteten auf, und im Nu war der ganze Platz erfüllt mit kleinen Gestalten, die alle sehr ernst, fast bekümmert aussahen. Jetzt kam der Wichtelmann, der tags zuvor bei ihm gewesen war; auf seinen Armen trug er ein winziges Püppchen, das legte er in den Sarg. Es war ein scheußliches Geschöpf, ein richtiges Wichtelweibchen, und beinahe hätte der Tischler laut gelacht, so wenig stimmte die zarte Rosenfarbe zu dem braunen, verschrumpelten Gesicht. Die Moosmännchen schienen indessen andere Begriffe von Schönheit zu haben; sie waren alle sehr traurig, und jeder wollte noch einmal die Tote streicheln.

»Sie war mein schönstes Kind,« sagte leise der Wichtelkönig, »und darum soll sie auch gerade so begraben werden wie die Menschen. Nun eil dich aber, die Zeit ist kurz!«

Der kleine Sarg wurde geschlossen. Hansemann grub ein tiefes Loch, stellte ihn da hinein und schüttete die Erde wieder darauf; die Zwerge stampften sie fest, daß niemand eine Spur fände.

Verschwunden war plötzlich die ganze Schar, nur der König war zurückgeblieben.

»Du darfst dir jetzt etwas wünschen«, sprach er, »ich will mich dir dankbar erweisen.«

»Etwas wünschen?« – Der Tischler faßte seinen Spaten fester. Ja, was denn nur in aller Welt?! Woher sollte er so geschwind einen vernünftigen Gedanken hernehmen? Er hatte ja unzählige Wünsche, aber welcher war nur der beste und vernünftigste?

»Weißt du gar nichts? Auch nicht für deine Frau?« fragte das Moosmännchen.

Da hub im Dorf die Glocke an zwölf zu schlagen.

»Schnell, spute dich. Ehe der letzte Schlag verhallt, muß der Wunsch ausgesprochen sein, sonst ist alles vergebens!«

Fort war der Zwerg. Da stand nun der arme Mann, der Angstschweiß brach ihm aus. Vier, fünf, sechs zählte er – – er konnte ja soviel brauchen – – »Für meine Frau?« – – sieben – – »Ja, wenn sie nur nicht so unordentlich sein wollte!« Aber nur nichts voreilig aussprechen! – acht, neun – »Wenn sie nur ein kleines bißchen ordentlicher wäre!« – Wie hatte er sich heute morgen erst wieder geärgert, als er seinen Stiefelknecht nicht finden konnte! – – zehn, elf – – »So wünschte ich, wir säßen in einem gläsernen Häuschen, damit ich immer sehen könnte, wo meine Sachen sind!«

Zwölf! – – – –

Lange hallte der Ton nach in der stillen Nacht, der Wunsch war ausgesprochen – und tief seufzend strich sich der Meister über die Stirn. Na, da hatte er gewiß was Schönes angerichtet! Jetzt erst kam ihm die Besinnung zurück und damit das Bewußtsein, daß er einen sehr törichten Wunsch geäußert hatte.

Was seine Frau nur dazu sagen würde –und – – ja, Himmel, wenn nun sein Häuschen wirklich aus Glas wäre?!

Die Beine nahm er unter die Arme, und dahin flog er, an nichts denkend als an das Glashäuschen. Es regnete noch immer ganz leise und fein. »Kling-ling« hörte er schon von weitem. Wahrhaftig, da stand sein Haus, und jedesmal, wenn ein Tropfen aufs Dach fiel, klang es lustig »Kling-ling!« Es war wirklich ein gläsernes Häuschen. Er konnte nicht mehr weiter, der arme Mann, er setzte sich auf die gläserne Schwelle, und seine Tränen rieselten mit dem Regen um die Wette, bis er endlich einschlief.

Heller, lichter Morgen war's. Die Regenwolken waren verschwunden und die goldene Sonne kam herauf. Erstaunt blieb sie stehen, als sie das Glashaus erblickte. Was war das? Ein Haus, in dessen äußerste Winkel man sehen konnte, das war interessant, daß mußte man sich näher betrachten. Langsam kam Frau Sonne näher, ihr Auge wurde immer größer, immer lachender. Ei, da war freilich auch mancherlei zu sehen, und Frau Sonne war neugierig. Ungeniert beguckte sie sich das ganze Haus und selbst die Frau, die friedlich schlafend im Bett lag.

Da fuhr diese in die Höhe. Wie hell es schon war! Und wo steckte denn ihr Mann? Ja, und wo war sie denn? Die kleine Frau Hansemann rieb sich die Augen, aber alles blieb, wie es war. Über ihr glänzte ein heiterer, blauer Himmel, und draußen vor der Tür saß ihr Mann. Ganz deutlich konnte man das sehen. Nun kam Leben in die Frau.

»Hansemann, Hansemann, komm doch herein! Hilf Himmel, wir sind verzaubert!«

Ihr Schreien und Weinen weckte den Mann auf; der sprang auf und kam ins Zimmer, den Kopf gesenkt und die Schultern hochgezogen.

»O Hansemann, wo bist du nur gewesen? Was in aller Welt ist mit uns vorgegangen?« weinte das Frauchen. »Ich kann ja nicht aufstehen, es sieht mir doch jeder zu!« Dicke Tränen rollten ihre Backen herunter. Hansemann seufzte schwer, und weil er sich auch so unglücklich fühlte, weinte er zur Gesellschaft mit.

Endlich zog er sein Taschentuch hervor und trocknete erst sich und dann seiner lieben Frau die Augen.

»Weine nur nicht so sehr,« bat er, »ich will dir ja auch alles erzählen! Ach, hätte ich nur die ganze Geschichte bleiben lassen!«

Ganz still hörte die Frau zu, als er nun von Anfang an alles berichtete. Ihre Tränen versiegten allmählich, als aber der Mann schwieg, kroch sie tief unter die Decke und sagte: »Ich bleibe hier liegen, ich schäme mich halb zu Tode, mache, was du willst!«

Kein Bitten, kein Flehen half: sie rührte sich nicht. Und es blieb Hansemann nichts anderes übrig, als selbst den Kaffee zu kochen.

Hei, das gab ein Staunen, als die Nachbarn von der Sache erfuhren! Der Bäckerjunge hatte es zuerst gesehen und die Neuigkeit natürlich brühwarm von Haus zu Haus getragen. Von allen Seiten kams herbeigelaufen, um das Glashaus zu begucken. Wenn aber jemand fragte, wie das gekommen wäre, dann zuckte der Tischler nur die Achseln: Antwort gab er nicht. Die Lästermäuler hatten ihre helle Lust an dem Glashaus, da konnte man dem lieben Nächsten doch mal so recht in alle Winkel sehen. Schrecklich sah es geradezu aus! In allen Ecken lag dicker Schmutz, und in den Schränken, die auch von Glas waren, lag es wie Kraut und Rüben durcheinander. Jedermann schalt auf die unordentliche Frau, aber jeder lobte und bedauerte auch den Mann, der so fleißig war vom frühen Morgen bis zum späten Abend; denn die Frau lag immer im Bett und war nicht zum Aufstehen zu bewegen.

Hansemann mühte sich redlich; er hielt die Wirtschaft instand, so gut er konnte, und war tätig in seiner Werkstatt. Kaum konnte er alle Aufträge ausführen; denn von nah und fern kamen die Leute und bestellten bei ihm die schönsten Sachen: sah man doch jetzt erst, wie fein und schön er arbeitete! Alles tat er mit fröhlichem Herzen; denn er merkte, daß seine Frau anfing sich zu schämen, und darob freute er sich; denn er hoffte, sie würde nun wohl anfangen, anders zu werden. Ja, Frau Hansemann schämte sich sehr. Zuerst hatte sie nur gedacht: »Es kann mich ja jeder sehen, wenn ich aus dem Bett steige!« Mit der Zeit aber dachte sie daran gar nicht mehr. Jetzt schämte sie sich, daß alle Welt in ihre Häuslichkeit gucken und sehen konnte, wie schrecklich es darin aussah. Und wie die Scham und Reue immer größer wurde, da bemerkte sie auch, wie blaß und vergrämt ihr lieber Mann aussah, und da kam ihr die Einsicht, daß er es sicher nicht mehr lange aushalten würde, die Wirtschaft und seine eigene Arbeit zu besorgen. Das griff ihr gewaltig ans Herz. Eines Morgens, ganz früh, ehe es dämmerte, sprang sie aus dem Bett, wusch und kämmte sich blitzblank, und dann ging's ans Reinemachen und Aufräumen. Immer fröhlicher wurde sie, je sauberer und netter es ringsumher ausschaute. Schließlich sang sie gar ein fröhliches Liedchen. Darüber wachte der Mann auf. Sprachlos blieb er liegen und starrte seine Frau an. Kaum merkte die, daß er wach war, kam sie an sein Bett gelaufen und kniete bei ihm nieder. Lachend und weinend streichelte sie ihn. »O, Hansemann, kannst du mir verzeihen? Es soll jetzt gewiß anders werden bei uns. Wenn wir denn schon mal in einem gläsernen Häuschen wohnen müssen, dann soll es aber auch von innen und außen blinken, daß jeder getrost hineinsehen kann.«

Diesmal wußte der Tischler, daß es seiner kleinen Frau ernst war mit ihrem Vorsatz. Jauchzend zog er sie an sich und küßte sie, unbekümmert darum, daß draußen der Milchmann vorbei kam und alles sah.

Von nun an war das Glashaus wirklich ein Schmuckkästchen. Es gab kein Winkelchen, das die lieben Nächsten nicht hätten sehen können, und wie die beiden lebten und was sie kochten, das konnte auch jeder sehen. So ist's geblieben bis zum heutigen Tag.

Ja, wohnen denn die beiden noch immer in dem gläsernen Häuschen? Sicherlich!

Wer's nicht glaubt, der mag selbst hingehen und sich's ansehen! Es ist gar nicht weit vom Siebeneichenplatz.

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