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Dreißig Märchen

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen - Kapitel 2
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Ein Märchen als Einleitung

Meine lieben Kinder und sehr verehrten großen Leute, ich will euch zu Beginn dieses Märchenbuches auch ein Märchen erzählen, aber ein ganz besonderes, das vollkommen wahr ist und sich erst vor kurzem zugetragen hat. Und nun paßt auf, wie es geht:

Es war einmal ein König von Papierland, der hatte viele Millionen Soldaten, die waren alle aus Blei und gingen auf den Köpfen. Man schmierte ihnen diese mit schwarzer Farbe ein, und dann marschierten sie Tag und Nacht über endloses Papier hin und hinterließen gar seltsame Spuren. Kluge Leute, die lesen gelernt hatten, konnten daraus vieles erfahren; wie es mit Krieg und Frieden und Handel und Wandel stand, und wie die Welt von ihren Königen mit Hilfe der Blauen, der Gelben, der Schwarzen, der Roten und der Goldenen gar weise regiert wurde. Schöne Geschichten gab es dort zu lesen, in denen die Tugend belohnt und das Laster bestraft wurde, und wunderschöne Gedichte, die sich hinten und vorn und in der Mitte ganz anmutig reimten, und wenn einer wissen wollte, was sich in der ganzen Welt von Honolulu bis Nimmersatt oder von Sydney in Australien bis Winsen an der Aller ereignet hatte, so stand es da schwarz auf weiß. Hatte jemand das Bedürfnis zu erfahren, wo es die längsten Giraffen, die dicksten Kartoffeln, die elegantesten Bartbinden, die süßesten Pfefferkuchenherzen gibt, so wurde auch diesem geholfen. Und dann die Bilder! Wo in der Welt auch nur etwas geschah, gleich waren die großen Guckmaschinen mit den Glasaugen dahinterher, und – schnapp! – gab es ein Bild, so daß der Vesuv bei seinem neuesten Ausbruch noch nicht ausgespieen hatte, als er schon vor aller Welt auf dem Papier stand. Als nun aber der König eines Tages die Arbeiten seiner fleißigen Bleisoldaten und der großen Guckmaschinen musterte, da vermißte er etwas. Das, was heute neu und morgen schon wieder alt ist, war in Fülle vorhanden; aber an dem, was sich nie und nimmer begeben hat und darum auch nicht veralten kann, mangelte es. Das sollte anders werden; er drückte auf einen Knopf, und nach einer kurzen Weile steckte sein erster Minister den Kopf in die Tür. »Märchen!« sagte der König. »Sehr wohl!« antwortete der Minister und verschwand.

Nun ging also ein großes Schreiben aus in alle Welt an alle Schriftgelehrten und Märchenmacher und es wurden für das beste Märchen drei Beutel, für das zweitbeste zwei Beutel und für das drittbeste ein Beutel mit Goldstücken ausgesetzt. Die dreißig besten aber sollten abgedruckt werden in einem Buche mit schönen Bildern – gleichsam wie in einem Ehrensaal.

Ha! Da bekam die Post zu tun, und alle Tage brachte sie Märchen und Märchen und wieder Märchen. Manche Leute hatten schon welche fertig, die waren natürlich die ersten auf dem Plan, und die anderen saßen und schrieben und packten ein und schickten weg; niemals wohl, seit die Welt steht, sind so viele Märchen auf Reisen gegangen wie in dieser Zeit. Zentnerweise kamen sie denn alle, alt und jung, hoch und niedrig, reich und arm, waren dabei; der Türmer auf dem Turm und der Schuster in seinem Keller, von Fürsten bis herunter zum Arbeiter, von der vornehmen Dame bis zum Mädchen für alles. Alle vier Fakultäten waren an der Arbeit, und selbst die Blüte der Nation, die Herren Leutnants und die Herren Referendare, schätzten es nicht zu gering. Und manche, die sonst nie dergleichen empfunden hatten, fühlten, daß plötzlich eine Märchenader in ihnen aufsprang und geheimnisvoll zu rieseln begann. So ging das Schicksal seinen Lauf, und als die Zeit erfüllet war, da zählte man 4025 Märchen.

Ihr lieben Kinder und ihr sehr verehrten großen Leute, wißt ihr auch, was das bedeutet 4025 Märchen? Seht, in diesem schönen Buche, das nun vor euch liegt, sind nur dreißig davon abgedruckt, und es ist doch schon ein stattlicher Band. Wollte man nun alle 4025 eingesandten Märchen abdrucken, so wären dazu 134 solcher Bände wie dieser hier notwendig. Wißt ihr aber auch, was man in solche 134 Bände mit der selben Schrift wie diese, alles hineindrucken könnte? Ich glaube ihr ahnt es nicht; denn ich bilde mir ein, daß ich zur Zeit der einzige bin, der das weiß. Diese 134 Bände würden aufnehmen können: zweimal Goethes sämtliche Werke – und der hat doch am Ende nicht wenig geschrieben; damit aber wären sie noch lange nicht bis zur Hälfte gefüllt. Wieland war auch sehr fleißig und hat ebensoviel geschrieben wie Goethe; aber auch seine sämtlichen Werke würden noch immer nicht genügen, und man müßte noch Jean Pauls, E. T. H. Hoffmanns und Fritz Reuters sämtliche Schriften zu Hilfe nehmen, um diesen Schlund zu stopfen. Aber auch dann bliebe noch immer ein Loch offen, und erst Schillers sämtliche Werke würden das Gefäß zum Überlaufen bringen. Ist das nicht märchenhaft? Darum ist der Heldenmut, die Tatkraft und der Feuereifer, mit denen sich die tapferen Männer der Vorprüfung, die sich mit rauchenden Köpfen durch diese tausende von Prinzessinnen mit goldenen Haaren, diese Scharen von Königen und Königinnen, diese Heere von Riesen, Zwergen, Gnomen, Elfen und Wassernixen durchgearbeitet haben, nicht genug zu preisen. Am meisten aber ist es zu bewundern, daß sie nicht in den Zauberwäldern stecken geblieben sind, denn in diesen Märchen kamen so viele greuliche, furchtbare und der menschlichen Gesundheit unzuträgliche Zauberwälder vor, daß man das ganze Festland unseres Erdballs hätte damit bedecken können. Aber diese heldischen Männer haben es geschafft und sind, wie ich hoffe, auch jetzt noch alle am Leben. Sie konnten schließlich den sieben Preisrichtern hundert ausgewählte Märchen zur Schlußprüfung übergeben.

Fast in jedem richtigen Märchen kommt nun auch eine Königin vor, und also fehlt sie auch in diesem wahren Märchen nicht; denn unter den Preisrichtern saß sie, eine ganz wirkliche Königin. Aber noch viel märchenhafter war es, was nun geschah; unter all den klugen und gelehrten Herren und vornehmen und gebildeten Damen, die ihre duftenden oder prunkenden Märchensträuße zur Schau trugen, kam mit schweren Schritt ein einfacher Arbeiter daher, der trug in seiner schwieligen Faust einen Busch aus blühendem Heidekraut, auf dem mit Perlenschimmer und Diamantenglanz der Tau funkelte. Und siehe da – es war keine Frage: ihm gebührte der Preis!

Und so geschah es, daß das Märchen vom Aschenbrödel, vom Allerleirauh oder vom dummen Hans hier wieder lebendig wurde und der Arme, Unscheinbare und Übersehene glänzend den Sieg gewann. Die alten guten Märchen bleiben ewig neu.

Heinrich Seidel

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