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Dreißig Märchen

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen - Kapitel 17
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authorVerschiedene Autoren
titleDreißig Märchen
year1905
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Die Wassernixe

Von

Emmy Haacke

Es war einmal ein armer Holzhacker, der lebte mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in einer kleinen Hütte am Rande des Waldes. So arm war er, daß er oft nicht wußte, wie er alle Kinder satt machen sollte. Die aber waren vergnügt, sprangen im Walde umher, haschten Käfer und Schmetterlinge, liefen den Eichkätzchen nach und lachten und sangen den ganzen Tag. Sie verzehrten ihr Stückchen trockenes Brot so fröhlich, als sei's der schönste Kuchen, und das Wasser aus der klaren Waldquelle schmeckte ihnen so gut, wie manchem nicht der beste Wein.

Nun ging der Holzhacker eines morgens früh aus, um einen Baum zu fällen, der stand weit drinnen im Walde an einem dunklen Waldsee. Das war so recht ein heimliches Plätzchen, wo selten eine Menschenseele hinkam. Rund herum standen hohe, hundertjährige Eichen, und so still und einsam war', als läge ein heimlicher Zauber auf dem Platze. Dort stand nun der arme Holzhacker, arbeitete fleißig und seufzte dazwischen oft, wenn er an seine Armut und an seine lieben Kinder dachte, die vielleicht bald Hunger leiden müßten. Dann setzte er sich auf einen Baumstumpf und begann sein kärgliches Frühstück zu verzehren. Dabei ruhten seine Blicke auf dem stillen Wasserspiegel, der so reglos und geheimnisvoll dalag.

Da geschah's, daß sein Fuß beim Hin- und Hergleiten an einen Stein stieß, der mit einem lauten Platsch herab ins Wasser rollte. Gleich kräuselten sich kleine Wellchen und Wellen, die größer und größer wurden, weiße Blasen stiegen herauf, und mit einem Male hob sich aus dem Wasser der Kopf einer Nixe, die schwamm heran ans Ufer, sah den erschrockenen Holzhacker mit ihren grünen Augen gar seltsam an und fragte ihn dann mit heller Stimme:

»Was störst du mir die Ruhe, Holzhacker?«

Der hatte sich inzwischen ein wenig gefaßt, weil sie nur absonderlich, aber nicht böse schien, und antwortete ihr:

»Ach, seid mir nicht unhold, ich wußte ja nicht, daß ich dich stören würde. Wenn du es haben willst, laß ich meine Arbeit hier liegen und suche mir ein anderes Plätzchen im Walde zum Holzfällen aus!«

»Warum hast du so geseufzt, Holzhacker?« fragte die Nixe wieder. »Bist du nicht zufrieden mit deinem Lose – und du hast doch so liebe Kinderlein?«

»Das ist's ja gerade, warum ich seufze«, entgegnete der Holzhacker. »Fünf hungrige Mäulchen soll ich täglich satt machen und weiß nicht, woher das Brot nehmen!«

»Weißt du was, Holzhacker«, sprach da die Nixe, »ich will dir etwas sagen: Schenke mir eins von deinen Kindern, und ich will dich zum reichen Manne machen. Du hast dann immer noch genug Kinder und brauchst dich nicht mehr zu sorgen und zu quälen.«

Der Holzhacker sann eine Weile nach, dann sagte er: »Topp, es gilt. Ich gebe dir ein Kind, und du gibst mir einen Schatz dafür.«

Da freute sich die Nixe, lachte hellauf und fragte: »Aber welches Kind wirst du mir nun bringen?«

Da wurde der Holzhacker nachdenklich. »Ja, welches? Lieb und brav sind sie alle, auch lustig und guter Dinge!«

»Weißt du,« sagte die Nixe, »bring mir das älteste, Gretel mit den braunen Zöpfen.«

»Nein, nein,« rief der Holzhacker rasch dagegen, »das geht nicht, das Gretel kann ich dir nicht geben. Das fegt und putzt im Häuschen alles blink und blank und singt dabei wie eine Lerche, und keines lacht so lieb mich an, wenn ich heimkomme.«

»Nun,« schlug die Nixe vor, »wie wäre es denn dann mit dem Kleinsten? Das liegt doch noch in der Wiege und schreit, macht dir viel Unruhe und deinem Weibe nur Sorge und Arbeit. Gib es mir, ich will schon mit ihm fertig werden.«

»Das Kleinchen, das so lieb strampelt und kräht, nein, das geht erst recht nicht. Wie würden die anderen alle jammern und weinen, wenn der Liebling nicht da wäre. Das kannst du auch nicht haben.«

»Ja, aber welches dann?« fragte die Nixe ein bißchen ärgerlich.

»Ja, welches nur?« brummelte der Holzhacker und kraute sich verlegen im Barte.

»Ich will dir noch was vorschlagen«, meinte die Nixe endlich. »Geh jetzt ruhig nach Hause mit dem Schatze, den ich dir gebe, und denke gar nicht mehr daran. Welches Kind nun zuerst zu mir an den See kommt, das soll es sein, das hole ich mir als Spielkameraden.«

Und flugs tauchte sie auf den Grund des Sees herab und kam im Nu mit einem Sacke beladen wieder herauf.

Der Holzhacker bedankte sich schön, lud den Schatz auf seine Schultern und ging nach Hause. Aber unterwegs blieb er immer wieder stehen und kratzte sich nachdenklich am Kopfe.

In der kleinen Hütte kehrte zuerst Glück und Freude ein, als der Vater mit seinem schweren Sacke nach Hause kam. Als er aber nun mit der Bedingung herausrückte, die an den Besitz des Schatzes geknüpft war, brach seine Frau in lautes Jammern und Weinen aus und wollte keins der Kinder hergeben. Sie raufte sich die Haare, schalt ihren Mann einen Taugenichts und Geizhals, der nur aus Faulheit seine Kinder verschachere, und machte ihm den Kopf so warm, daß er weder aus noch ein wußte. Den Schatz zurückgeben wollte er auch nicht gern, und so saß er trübselig da und kraulte sich ratlos am Kopfe. Da sagte seine Frau endlich listig: »Weißt du was, wir haben den Schatz nun einmal, so wollen wir ihn auch behalten. Wir werden den Kindern streng verbieten, an den Waldsee zu laufen. So sind wir aus der Not heraus und brauchen keins von ihnen wegzugeben.« Da atmete der Holzhacker auf, wie von einem Alp befreit, und sogleich wurden die Kinder gerufen und ihnen gesagt, daß sie künftig nie mehr an den Waldsee laufen und spielen sollten, weil ihnen da die Nixe auflauere. Die Kinder versprachen's auch, sorgten sich nicht weiter und hatten's bald ganz vergessen.

Nun waren unter ihnen zwei, ein Zwillingspärchen, die liebten sich besonders zärtlich. Das eine war ein Mädchen mit Blauaugen und blonden Haaren, die schimmerten wie Gold, wenn die Sonne darauf schien. Deshalb nannten es seine Geschwister stets nur das Goldchen und wußten kaum, wie es eigentlich hieß. Das andere war ein Knabe, mit dunklem Kruschelhaar, weshalb er Krauskopf genannt wurde. Die beiden faßten sich stets an der Hand, wenn sie in den Wald liefen, und wo das eine war, da wollte auch das andere sein. Sie teilten alles, was sie hatten miteinander, und wenn das eine eine besonders schöne Blume oder Waldbeere fand, so mußte das andere sie haben. Krauskopf beschützte sein Schwesterchen, wo er nur konnte; er trug es durch den kleinen Waldbach, er half ihm über Ranken und Wurzeln zu klettern und verscheuchte die Mücklein und Käfer, die ihm nahe kamen.

Die liefen nun eines Tages mit den anderen Kindern in den Wald, verloren die Geschwister bald aus den Augen und gerieten immer tiefer hinein. Die Sonne schien so lustig durch die Zweige, überall gab's etwas neues zu sehen, Blumen und Beerlein lockten allenthalben, und Vöglein, Käfer und Würmchen schienen ihnen vertraut wie alte Freunde. So kamen sie, ohne es selbst zu merken, immer näher an den Waldsee. Da flog ein Vöglein vor ihnen auf, das glänzte blau und goldig, und es deuchte ihnen, sie hätten noch keins der Art gesehen. Sie schlichen sachte hinzu, um es ganz von nahem zu betrachten, aber – husch! – da war es schon wieder weg und zwitscherte vom nächsten Brombeerstrauch, als wolle es sie auslachen! Wieder liefen sie näher, aber immer flog's ein Stückchen vor ihnen her, so daß sie es nicht genau betrachten konnten. Sie merkten es nicht in ihrem Eifer, daß sie schon ganz nahe am Waldsee waren, lauschten und spähten nur immer nach dem seltsamen Vögelchen. Das war mit einem Male verschwunden, so sehr sie auch guckten und horchten.

Es war ganz still ringsum, der Wasserspiegel regte sich nicht, und große, weiße Blumen schwammen darauf. Da ward's ihnen mit einem Male ganz beklommen zumute, das Goldchen faßte ängstlich nach Kraushaars Hand und sagte: »Komm, wir wollen heim.« Der aber sah die schönen weißen Blumen auf dem stillen See schwimmen, machte sich los und rief: »Erst will ich dir eine holen.« Rasch war er am Ufer und streckte die Hand nach der nächsten aus, aber sie war noch zu weit, er konnte sie nicht erreichen. Da watete er kurz entschlossen ins Wasser. Doch als er der ersten nahe war und sich ein wenig bückte, um sie zu pflücken, siehe, da hob sich vor ihm die Nixe empor, die umschlang ihn mit ihren Armen und zog ihn mit sich hinab in die Tiefe. Das Goldchen hatte es vom Ufer mit angesehen, und ob es auch weinte und schrie: alles blieb still ringsherum. Da kam ihm ein Grauen an, und es lief nach Hause, so schnell die Füße es nur trugen.

Für den armen Holzhacker brach nun eine schlimme Zeit herein. Nicht bloß, daß er sich selbst über den Verlust seines Kindes grämte und härmte, so überhäufte ihn seine Frau auch noch mit Verwünschungen und Klagen, sooft er sich nur in der Hütte blicken ließ. Wohl zehnmal am Tage warf sie ihm seine Habsucht und Geldgier vor, verwünschte den elenden Schatz, um dessentwillen sie ihr Kind verloren, und trieb es so lange, bis er eines Tages den Sack auf den Rücken lud, um zu versuchen, die Nixe zur Rückgabe des Kindes zu bewegen. Aber mißmutig und verzagt kehrte er am Abend unverrichteter Sache wieder heim. Keine Nixe hatte sich blicken lassen, so flehentlich er auch gerufen und gebeten hatte. Alles war still, wie verzaubert geblieben, so daß ihm eine Gänsehaut über den Rücken gelaufen war. Nur als er sich zum Gehen gewandt hatte, war's ihm gewesen, als ertöne vom Grunde des Sees herauf ein spöttisches Lachen. Da hatte er sich grimmig auf den Heimweg gemacht. Den unseligen Schatz wagte er aber nicht nochmals seiner Frau vor Augen kommen zu lassen, darum versteckte er ihn im Walde in einer hohlen Eiche.

Nun lebte aber tief, tief drinnen im Walde, da, wo Bäume und Gestrüpp so dicht verwachsen sind, daß man nur mit Mühe einen Weg hindurch fand, in einer kleinen Mooshütte die alte Waldfrau. Das war ein uraltes, verschrumpeltes Weibchen mit durchdringenden, stechenden Augen und einer großen, krummen Nase. Die Leute sagten von ihr, es sei eine gar arge Hexe, die das Wetter machen, das Blut besprechen und Tiere und Menschen verzaubern könne. Deshalb scheuten sie sich alle gar sehr vor ihr. Die ältesten Leute hatten sie schon ebenso krumm und gebückt im Walde umherschleichen sehen. Wenn aber jemand einen guten Rat brauchte, so konnte ihn niemand besser geben als die Waldfrau, und mancher schon war deshalb zu ihr gegangen. Freilich durfte es ihm da auf ein paar Taler nicht ankommen, denn sie rückte nur gegen klingende Münze mit ihrer Weisheit heraus.

Die Kinder des Holzhackers hatten sie öfters in der Dämmerung im Walde gesehen. Sie stützte sich auf einen dicken Stock und sammelte eifrig Beeren und Kräuter. Stets war sie da begleitet von einem großen, schwarzen Kater, der strich um sie herum und machte einen krummen Buckel, wenn die Kinder ihm nur irgend nahe kamen. Die fürchteten sich aber vor ihr und ihrem unheimlichen Begleiter und rannten davon, sowie sie ihrer nur ansichtig wurden.

An die erinnerte der arme Holzhacker sich jetzt, und wenn ihm auch ein Gruseln ankam bei dem Gedanken, sie in ihrer Hütte aufzusuchen, so schien ihm doch das Opfer nicht zu schwer, wenn er dadurch sein Kind und den Frieden im Hause zurückbekäme. So machte er sich also eines schönen Tages zur Mittagsstunde auf, die Alte in ihrer Hütte zu besuchen. Er fand nur mit Mühe den Weg, so sehr er auch in allen Teilen des Waldes bekannt war, aber die Hütte lag eben an einer besonders versteckten Stelle. Die Sonne schien heiß vom Himmel herab, und in ihren Strahlen wärmte sich eine große Kreuzotter gerade vor der Tür der Hütte. Der Holzhacker faßte seine Axt fester, aber das Tier rührte sich nicht, blinzelte ihn nur aus seinen kleinen, tückischen Augen an. Er klopfte an, und auf das ächzende ›Herein‹ der Waldfrau trat er ein. Drinnen sah's gar wunderlich aus. Von der niedrigen Decke herab hingen große Bündel getrockneter Pflanzen, allerlei seltsame Knochen und Häute lagen umher, auf einem großen Borde an der Wand standen Fläschchen aller Art und Größe, mit sonderbaren Flüssigkeiten gefüllt. In der Mitte des Raumes hing ein großer, rußiger Kessel, unter dem ein Feuer knisterte. Wunderlich geformte Rauchwölkchen stiegen daraus empor, und ein starker Duft entströmte ihm. Die Alte hatte am Kessel gestanden und darin herumgerührt; als der Holzhacker eintrat, sah sie ihn mißtrauisch an und deckte schnell einen Deckel auf den Kessel. Dann streichelte sie den schwarzen Kater zu ihren Füßen, der wie eine Schlange zischte, rief einen großen Raben, der zornig krächzte, ein paar unverständliche Worte zu und fragte den Holzhacker nach seinem Begehr.

Dem war's gar unheimlich zumute; er stotterte und stammelte, indes ihn die Alte unaufhörlich seltsam anstarrte. Dann aber nahm er sich zusammen und erzählte ihr sein Abenteuer mit der Nixe, wie er ihr sein Kind gegen einen Sack mit Edelsteinen überlassen habe und daß ihn nun der Handel reue und er ihn gern rückgängig machen wolle. Auch seinen vergeblichen Versuch dazu verhehlte er nicht und bat sie dann, ihm mit ihrem Rate beizustehen.

Die Alte hörte gar aufmerksam zu, nickte manchmal mit dem Kopfe, lachte ein paarmal vor sich hin und sagte dann: »Glaub's schon, glaub's schon, was man hat, gibt man nicht mehr heraus.« Dann fragte sie: »Hast du denn Geld, mich für meine Mühe zu bezahlen?«

Der Holzhacker kraute sich verlegen am Kopfe: »Geld gerade nicht, aber von meinem Nixenschatz hab' ich Euch hier ein paar Sächelchen mitgebracht.« Dabei zog er einige goldene Spangen aus der Tasche, die waren mit blitzenden Steinen gar kunstvoll verziert. Die Alte lachte laut auf, sah den verwunderten Holzhacker listig an und brummelte: »Mir kann's schon recht sein!« Dann fing sie an, allerlei in den Kessel zu werfen und das Feuer zu schüren, das bald darauf hellauf brannte. Nun rührte sie eifrig in dem seltsamen Gebräu, murmelte wunderliche, unverständliche Worte dazu und schöpfte endlich etwas in ein kleines Fläschchen. Das gab sie dem Holzhacker und sagte ihm, er solle beim nächsten Vollmond an den Waldsee gehen und den Inhalt des Fläschchens hinein gießen. Da werde die Nixe erscheinen, und er könne dann gegen die Rückgabe des Schatzes sein Kind verlangen. Und wieder lachte sie spöttisch auf. Der Holzhacker steckte das Fläschchen ein, bedankte sich bei der Alten und machte sich fort, froh, von dem unheimlichen Orte wegzukommen. Aber noch draußen tönte ihm das sonderbare Gelächter der Alten im Ohre.

Triumphierend eilte er nun nach Hause zu seiner Frau; die freute sich mit ihm, und sogleich mußte er den Nixenschatz herbeischaffen, da noch diese Nacht der Mond voll werden sollte. Aber als sie den Inhalt des Sackes prüften, merkten sie voll Schrecken, daß schon ein guter Teil daran fehlte, und stotternd und zögernd gestand der Holzhacker, daß er schon des öfteren davon weggenommen habe, so auch zuletzt die Schmuckstücke für die alte Waldfrau. Da brach seine Frau wieder in laute Verwünschungen aus über seine Dummheit und Unvernunft, und gar trübselig saßen sie wieder beieinander. Endlich aber fiel ihr eine List ein. »Weißt du,« sagte sie, »wir füllen unten in den Sack Scherben und Steine hinein und schütten die Goldsachen und Edelsteine oben hinauf. Die Nixe wird es nicht merken, wenn der Sack nur das volle Gewicht hat. Haben wir unser Kind erst wieder, dann wollen wir es schon hüten.«

Der Mann war's zufrieden und tat nach ihrem Geheiß, aber es war ihm doch bänglich zumute, als er sich abends nach dem Waldsee aufmachte. Der lag so still wie immer im blanken Mondschein da, und sein Wasser schimmerte wie Silber. Der Holzhacker zog sein Fläschchen aus der Tasche und goß die dunkle Flüssigkeit hinein. Da trübte sich der helle Silberglanz, es brauste in der Tiefe, Wellchen und Wellen kräuselten sich, weiße Blasen stiegen in die Höhe, und plötzlich hob sich die Nixe empor.

»Was willst du schon wieder, Holzhacker?« fragte sie. »Bist du nicht zufrieden mit deinem Schatze?«

»Ach,« sagte der Holzhacker, »mein Weib läßt mir keine Ruhe; ich bringe dir den Schatz zurück, gib mir dafür mein Kind wieder.«

»Wohl,« sagte die Nixe, »wenn dich der Handel reut, so soll er nicht mehr gelten. Bringst du mir meinen Schatz ganz und unversehrt wieder, so sollst du dein Kind dafür haben.«

Da langte ihr der Holzhacker den Sack hin, und sie sah ihm forschend in die Augen, daß es ihm siedend heiß wurde dabei, doch sagte sie nichts, sondern tauchte schweigend mit dem Sack in die Tiefe. Der Holzhacker stand und wartete, und es war ihm gar nicht wohl zumute. Lange dauerte es, ehe die Nixe wieder empor kam. Aber diesmal blitzte sie ihn zornig mit ihren Augen an: »Du hast mich betrogen, Holzhacker,« sagte sie, »nun sollst du zur Strafe weder Kind noch Schatz haben!« Und ob er auch jammerte, bat und alles mögliche versprach, so sank sie doch, ohne weiter ein Wort zu sagen, in die Tiefe. Der Holzhacker aber ging betrübt und zerknirscht nach Hause, denn nun war er ärmer als je zuvor.

Das Goldchen konnte aber sein Brüderchen nimmermehr vergessen, es fehlte ihm überall, und es mochte nicht mit den anderen Kindern spielen. Oft träumte ihm des Nachts, es stehe vor ihm und sähe es traurig an, und darüber ward es ganz nachdenklich. So ging es denn meist allein seines Weges, suchte sich einsame Plätzchen aus und band da allerlei bunte Blumensträuße und Kränze, so wie es das Brüderchen am liebsten gehabt hatte. Auch an den Waldsee setzte es sich oft, obwohl die anderen Kinder sich davor fürchteten. Aber es war gerade, als zöge es eine unsichtbare Gewalt dorthin.

Nun war's einmal ein ganz heißer Sommertag; das Goldchen war den ganzen Morgen im Walde herumgelaufen, um Beeren zu suchen. Es war müde geworden, und da es gerade in der Nähe des Waldsees vorbei kam, gedachte es sich dort im Schatten der hohen Bäume ein wenig auszuruhen. Da stand eine alte, alte Eiche, deren Stamm war hohl, und das Goldchen hatte sich oft mit seinem Brüderchen darin versteckt und allerlei lustige Kurzweil dort getrieben. In die kroch es nun hinein und fühlte sich so recht heimlich darin – wie in einem eigenen Häuschen. Wie es nun die Augen so über den stillen See schweifen ließ, fielen sie ihm unversehens zu, und es schlief ein. Da träumte ihm wieder, sein Brüderchen stehe vor ihm, sehe es mahnend an, hebe das Fingerlein und sage: »Paß auf, lieb Schwesterlein!« Und wie es aufmerkte, hörte es einen eigentümlichen Gesang, der klang über den See; und es waren immer nur die selben Worte und Töne, so daß das Kind vermeinte, es habe noch nie ähnliches gehört. Und es machte die Augen auf und spähte hinaus nach dem Wasser. Da saß auf einem Steine am Ufer die Wassernixe und ließ den langen Nixenschwanz im Wasser plätschern und wärmte sich im glühenden Mittagssonnenschein. Und mit der Hand strich sie über ihr gelbes Haar, daran die Wassertropfen wie Perlen niederrannen, und dazu sang sie ihre eintönige Weise. Sonst war es ganz still umher, nur auf einem Baum am Ufer fing es plötzlich an zu zwitschern. Dort saß ein Vögelchen, dessen Gefieder glänzte blau und goldig, desgleichen das Goldchen erst einmal in seinem Leben geschaut. Das putzte sich die Federn mit dem Schnäbelein und fragte: »Nixlein, warum singst du so traurig?«

Da hörte die Nixe mit Singen auf und hub zu weinen an. Und das Vöglein fragte wieder: »Nixlein, was weinest du?«

Sprach die Nixe. »Soll ich nicht weinen? Bin ich nicht stets allein und weiß nicht, was beginnen den ganzen, langen Tag!?«

Antwortete das Vögelchen: »Hast du nicht einen Spielgefährten nun, den Buben mit dem braunen Kruschelhaar?«

Doch die Nixe weinte stärker: »Ach,« klagte sie, »er mag nicht mit mir spielen, es graut ihm vor mir.«

Fragte das Vöglein wieder: »Warum bläsest du nicht auf deiner goldenen Flöte wie einstmals?«

»O, hätte ich meine Flöte,« rief die Nixe traurig, »dann braucht ich nicht zu weinen und zu singen. Aber die böse Waldfrau hat sie mir gestohlen. Und seitdem muß ich weinen und klagen den ganzen Tag.«

Da knackte es plötzlich im Walde drinnen, als trete ein harter Fuß auf einen dürren Zweig. Das Vöglein hob geschwind die Schwingen und flog hurtig hinweg über den See, die Nixe aber warf sich erschrocken von ihrem Sitze hinab ins Wasser, daß es hoch aufspritzte, und verschwand in der Tiefe.

– Das Goldchen aber fuhr sich mit der Hand über die Augen; es wußte nicht: war's ein Traum oder Wirklichkeit gewesen.

Einige Tage später saß das Kind wieder am Waldsee. Es hatte eine Menge Blumen vor sich ausgebreitet, die es auf der nahen Waldwiese gepflückt hatte, und war eifrig dabei, einen Kranz zu winden. Es sang leise vor sich hin, und wie es nun so ganz vertieft in sein Werk war und nicht aufsah, sprach plötzlich eine helle Stimme hinter ihm: »Das ist eine lustige Arbeit, du kleines Mädchen!« Das Goldchen fuhr erschrocken herum und sah hinter sich eine schöne Frau stehen in grünlich schillerndem Gewande. Deren Angesicht kam ihm sonderbar bekannt vor, obgleich es sich nicht besinnen konnte, es schon einmal gesehen zu haben. Die Fremde aber war gar freundlich: »Fürchte dich nicht,« sagte sie, »ich habe dir nur ein bißchen zugesehen, wie du so geschickt und flink deine Blumen zusammenwindest. Wenn ich das doch auch könnte!«

»Ach, nichts leichter als das!« rief das Goldchen. »Ich will es dich gerne lehren, wenn du willst. Setze dich nur hier neben mich und gib acht, wie ich es mache.«

Die Fremde war gleich bereit dazu, setzte sich ins Gras neben das Kind und breitete ihre langen, schleppenden Gewänder um sich her. Da sah das Goldchen, daß der Saum derselben ganz naß war, als ob es ihn ins Wasser getaucht habe. Das Kind verwunderte sich ein bißchen, denn es war überall trocken im Walde, dachte aber nichts Arges dabei und begann der Fremden zu zeigen, wie man Blume an Blume reihen müsse, um einen Kranz zu flechten. Doch die Fremde war ungeschickt, griff täppisch zu, und manche Blume fiel zerknickt auf den Boden. Aber das Goldchen ließ nicht ab, sie zu belehren, und endlich gelang es ihr besser, und sie hielt schließlich ein zierlich gebundenes Kränzlein in der Hand. Da jauchzte sie vor Freuden, nahm aus ihrem Haar den Kranz von wunderlich seltsamen Gewächsen heraus, ließ ihn achtlos auf den Boden fallen und setzte sich dafür den Kranz von frischen Blumen auf.

»Ei, wie leicht und duftig er ist!« sagte sie froh. »Sag mir doch, wer lehrte dich so geschickt die Blumen zusammenbinden?«

»Niemand lehrte es mich,« lachte das Goldchen, »ist's doch keine schwere Kunst; Brüderchen und ich, wir haben manchen Tag gesessen und Kränze gewunden.«

»Wo ist dein Brüderchen aber jetzt?« fragte die Fremde wieder, und es schien dem Kinde, als funkelten ihre Augen seltsam bei der Frage.

»Mein Brüderchen ist dort unten im kühlen, schaurigen See,« klagte da das Kind, »die Wassernixe hat es geholt und gibt es nicht mehr heraus.« »Möchtest es wohl gern wieder haben?« fragte die Fremde wieder.

»Ach, wie gern,« antwortete das Goldchen, »bin so bang und einsam ohne mein liebes Brüderlein.« Da schaute die Fremde dem Kinde eine Zeitlang gar seltsam ins Angesicht, dann sagte sie plötzlich: »Hab wohl acht, wenn du die alte Waldfrau siehst!«

Das Goldchen sah fragend zu ihr empor, da strich sie ihm leise, leise mit kühlem Finger über die Augen. Alsbald sauste und brauste es vor seinen Ohren, seltsame Nebel stiegen und wallten vor seinem Gesicht, so daß es ängstlich die Augen schloß. Als es sie nach einem Weilchen wieder auftat, war es ganz allein, die schöne Fremde war spurlos verschwunden; nur den seltsamen Kranz sah es im Grase neben sich liegen, den die Fremde achtlos hier vergessen hatte. Es hob ihn auf und betrachtete ihn; er wog gar schwer in seiner Hand und fühlte sich kalt und feucht an. Wundersame Blumen bildeten ihn, desgleichen es noch nie gesehen hatte; sie leuchteten in allen Farben, goldig und grün, bläulich und rot. Es wußte aber das Goldchen nicht, daß es alles die kostbarsten Edelsteine waren, so daß der Kranz einen unermeßlichen Wert besaß. Es gedachte ihn der Mutter zu zeigen, aber dann fiel ihm ein, daß die vielleicht schelten würde, wenn sie erführe, daß Goldchen am Waldsee gewesen sei. So beschloß es, ihn im Walde zu verstecken, da, wo sein Brüderchen ihm einen Spalt in einem Felsblock gezeigt hatte und wo die Kinder alle ihren kleinen Schätze, seltsame bunte Steine, niedliche Vogelfederchen, ein Stückchen Eierschale, darin ein Waldvöglein gesteckt hatte, und ähnliches verbargen und sich heimlich darüber freuten. Es machte sich gleich auf den Weg dahin, und wie es dabei an die schöne Fremde dachte, die auf so seltsame Weise verschwunden war, fiel es ihm mit einem Male ein, daß es wohl die Wassernixe gewesen sein möchte.

Wie es nun so eilig im Walde dahinlief, sah es plötzlich die alte Waldfrau auf sich zuhumpeln, die heftete schon von weitem ihre gierig funkelnden Augen auf den Kranz in Goldchens Händen. Sie verzog ihr Gesicht zu einem freundlichen Grinsen und sagte: »Eia, Töchterchen, wo hast du das schöne Kränzel gefunden? Bist ein Glückskind, hi, hi, sollst ein Ringlein haben mit blutrotem Stein, wenn du es mir gibst.« Und hurtig langte sie in ihre Tasche, kramte darin herum und brachte einen Ring hervor, den hielt sie dem Kinde entgegen. Aber das Goldchen hatte wohl den gierigen Blick gesehen, mit dem die Alte den Kranz angeschaut, deshalb sagte es: »Ich mag dein Ringlein nicht, stecke es wieder ein, mein Kranz gefällt mir besser.« Aber die Alte ließ nicht ab, sie lachte, daß ihre ganze dürre Gestalt wackelte, strich dem Kinde mit der kalten Hand über die Wange und rief: »Bist schlau, Töchterchen, bist schlau, aber die alte Waldfrau läßt mit sich reden. Komm, nimm das Ringlein, und hier, sieh, ich gebe dir noch ein Halskettchen dazu von roten Perlen, die stehen schön zu deinem Sonntagsmieder.«

Aber das Goldchen schüttelte den Kopf: »Was brauche ich deine Kette? Im Walde gibt's genug rote Beerlein, aus denen ich mir Ketten machen kann, soviel ich nur haben will.«

Da wisperte ihm die Alte ins Ohr: »Sei gescheit, Kind, stoß dein Glück nicht von dir, mir gefällt nun mal dein buntes Kränzel, ich will dir's abkaufen. Sollst einen Sack voll Goldstücke dafür haben, desgleichen du noch keinen gesehen hast. Hei, was wird der Vater Augen machen, wenn du mit dem ankommst!«

Das Goldchen zögerte, aber wie es so auf den Kranz in seinen Händen niederblickte, da kamen ihm plötzlich der dunkle Waldsee und die schöne Nixe in den Sinn, und es blitzte ihm ein Gedanke durch den Kopf. So sagte es rasch: »Deine Schätze will ich alle nicht haben, so du mir aber die goldene Flöte gibst, die du der Wassernixe gestohlen hast, so soll der Kranz dein sein.«

Da fuhr die Alte zurück, als habe sie auf ein giftiges Gewürm getreten, bitterböse zuckte es in ihrem Gesicht, aber sie bezwang sich und verzog den Mund zu freundlichem Grinsen. »Ei, ei, Kindchen,« sagte sie dabei, »du stellst einen hohen Preis!« Dann murmelte sie eine Weile sonderbares Zeug vor sich hin, ohne dabei den Kranz aus den Augen zu lassen, langte mit ihrer dürren Hand danach und strich wie liebkosend über die wunderlichen Blumen. »Weißt du denn auch, was es mit der Flöte für eine Bewandtnis hat?« fragte sie dann plötzlich lauernd.

Das Goldchen schüttelte den Kopf: »Nein,« gestand es ehrlich, »ich weiß nur, daß die Nixe weint und sie wieder haben will. So soll sie mir dafür mein Brüderchen geben. Gelt, ich bekomme die Flöte?« Die Alte stand ein Weilchen regungslos, dann sagte sie: »Kind, Kind, warum muß es gerade die goldene Flöte sein?! Geb' sie dir nicht gern, wahrhaftig nicht, aber ich hab' nun mal einen Narren gefressen an dem bunten Kränzel. Gib's mir zuvor in die Hand, laß mich's wenigstens anfassen, daß ich seh', ob es das rechte ist.« Und ohne auf das Goldchen zu achten, strich sie ihm hurtig den Kranz vom Arme, hielt ihn gegen das Licht, besah ihn dann prüfend von allen Seiten und bestrich und befühlte jeden einzelnen Zweig und jede Blume. Dabei funkelten ihre kleinen, boshaften Äuglein vor Lust, sie schmatzte mit den Lippen und murmelte wirres Zeug dazu. Dann lachte sie auf einmal gellend auf, daß dem Kinde ordentlich ein Schreck in die Glieder fuhr, und wisperte: »O, über das Nixlein, das dumme Nixlein, seinen Kranz nicht besser zu hüten. Nun hat ihn die alte Waldfrau und hegt und bewahrt ihn, den goldigen Schatz!« Dann preßte sie ihn wie liebkosend an die Brust, langte rasch in die Tasche und suchte umständlich darin herum. Endlich brachte sie die goldene Flöte daraus hervor, die drückte sie dem Kinde in die Hand und raunte ihm geheimnisvoll ins Ohr: »Gib wohl acht, welchen Schatz ich dir gebe; setze sie nur einmal an die Lippen, so hörst du's singen und klagen, jedes Menschen innerste Gedanken kommen hervor und werden zu Tönen; das lockt so süß und wonnig, daß einem das Herz aufgeht dabei.« Dann lachte sie wieder, daß es sie schüttelte, sagte grinsend: »Viel Glück auf den Weg« und war im dämmernden Walde verschwunden, ehe das Goldchen noch ein Wort hervorgebracht. Da drückte es die kostbare Flöte fest an die Brust und lief, so rasch es nur laufen konnte, zum Waldsee zurück.

Der sah jetzt im Düster der hereinbrechenden Nacht gar dunkel und schauerlich aus, aber das Goldchen achtete nicht darauf, es setzte sich ans Ufer und begann auf der Flöte zu blasen, und kaum hatte es sie mit den Lippen berührt, so drangen süße, wohl lautende Töne daraus hervor. Es jubelte und lachte, weinte und klagte darin, daß dem Kinde vor Freude bald das Herz klopfte, bald vor Wehmut Tränen in die Augen kamen. Und die Blätter der Bäume ringsum hörten auf zu säuseln und zu rauschen, als müßten sie lauschen, Nachtfalter und Fledermäuse huschten herbei, die Wellen des Sees kräuselten sich nicht mehr, die Fische hoben ihre Köpfe aus dem Wasser heraus, und immer süßer und lockender klangen die Töne durch den stillen Wald. Da hob sich auch der Nixe Haupt aus dem See empor, sie schwamm ans Ufer, legte den Kopf in die aufgestützten Hände und schaute unverwandt dem Kinde mit seinen grünen Augen ins Angesicht.

Da tat das Goldchen die Flöte von den Lippen, legte bittend die Hände zusammen und sagte: »Du liebe, schöne Nixe, gib mir mein Brüderchen zurück, das du da unten gefangen hältst, ich bitt' dich viel tausendmal darum!«

Sprach die Nixe: »So gib mir zuvor meine Flöte wieder!« Da reichte ihr das Goldchen die Flöte, und die Nixe setzte sie an den Mund und blies ein paar süße Töne darauf. Dann sagte sie zu dem Kinde: »Dein Brüderchen kann ich dir nicht geben; wer soll mir meine gelben Haare strählen, wenn es nicht da ist? Wem soll ich meine Lieder vorsingen?«

Antwortete das Goldchen: »So will ich dir jeden Tag deine Haare strählen und du sollst mir deine Lieder singen!«

Hub die Nixe wieder an: »Aber meine Haare sind feucht und schwer, und meine Lieder sind traurig!« Drauf das Goldchen: »Was tut's? So trockne ich deine Haare mit meinem Tüchlein und lehre dich neue Lieder, die klingen froh von Licht und Sonne.«

Da schaute die Nixe dem Kinde gar freundlich ins Antlitz und sagte: »Du bist ein gutes, kleines Mädchen. Dein Herzchen ist so lauter und rein wie Gold, du sollst es mir schenken, so will ich dir dafür dein Brüderchen herausgeben.«

Da ward das Goldchen traurig und sagte: »Wenn ich dir mein Herzchen schenke, so kann ich mich nicht mehr freuen und nicht mehr lachen, auch nicht mehr weinen und nicht mehr traurig sein.«

Doch die Nixe sagte: »Was schadet's? Dein Brüderchen sieht wieder die helle Sonne und lacht und freut sich, und Vater und Mutter herzen und küssen es aufs neue.«

Da sagte das Goldchen: »So laß mich wenigstens zuvor mein Brüderchen noch einmal sehen.« Und die Nixe tauchte zur Tiefe hinab, und als sie herauf kam, trug sie den Knaben in ihren Armen, dessen Augen waren geschlossen und er schlief. Sie legte ihn sachte ans Ufer, und das Goldchen beugte sich über ihn, küßte ihn herzlich und sagte dann zur Nixe: »Nun bin ich bereit, nimm dir mein Herz aus der Brust.« Da sah die ihm prüfend ins Antlitz, dann lächelte sie und fuhr ihm wieder leise, leise mit kühlen Fingern über die Augen, daß dem Goldchen die Sinne vergingen.

Und als es erwachte, da war's schöner, heller Morgen, es lag am Ufer am Waldsee und neben ihm schlummerte sein Brüderchen. Wie es das sah, ward's ihm gar froh zumute, es stürzte sich über das Brüderchen, herzte und küßte es, und da merkte es, daß sein Herzchen an der alten Stelle klopfte. Und das Brüderchen schlug erstaunt die Augen auf und sagte: »Was für einen garstigen Traum habe ich gehabt!« Dann lachte es die Schwester an: »Warum sind wir jetzt im Wald und nicht bei der Mutter?« Und sie nahmen sich bei der Hand und liefen schnell nach Hause, und es deuchte ihnen, die Sonne habe noch nie so hell geschienen und die Vögelein noch nie so lieblich gesungen. Und vom Grunde des Sees herauf schallten leise Flötentöne ihnen nach, die tönten so weich und lind, als zwitscherten die Vöglein des Waldes im Traume.

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