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Dreißig Märchen

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen - Kapitel 16
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authorVerschiedene Autoren
titleDreißig Märchen
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Von der Freude

Von

Otto Gysae

Der gute, alte König war gestorben. Und alle, die ihn gekannt oder auch nur von ihm gehört hatten, weinten um ihn. Denn wenn jemand stirbt, dann weint man, besonders wenn es ein lieber, alter König ist, der immer gut und weise für sein Volk gesorgt. Es war eine große, schöne Insel, wo er regiert hatte, und sein Schloß lag auf einem hohen Felsen dicht am Meere. Starke Säulen standen da und trugen graue Mauern, hohe Fenster schauten weit über das Wasser und glühten, wenn die Sonne unterging, und auf dem Turm flatterte eine blaue Fahne; die weißen Wolken, die vorüberzogen, erzählten ihr von fernen Ländern. Die Gärten waren voller Rosen, und Efeu rankte über den Mauern, Laubgänge und dichte Hecken gab es, stille Teiche und tiefe Brunnen. Jeden Tag war der alte König da spazieren gegangen, und das Volk konnte ihn sehen, und wer ein Anliegen hatte, durfte durch das große, goldene Gitter zu ihm hereinkommen und durfte auf den Wegen gehen, auch wenn sie gerade fein geharkt waren. – –

Aber nun war der alte König tot, und der junge König und alle seine Leute hatten ihn begraben. Nicht in der unterirdischen Halle mitten im Walde, wo alle die früheren Herrscher auf steinernen Thronen zusammen saßen, sondern in einer tiefen Gruft unter dem Schlosse. Es ging nämlich die Sage, daß die dort im Walde weiterlebten und daß der letzte von ihnen zuzeiten sich dem Volke zeigte. Und von solchen Sachen mochte der junge König nichts wissen. Ich hatte wohl schon erzählt, daß das Volk sehr traurig war? Wo nur vom alten König gesprochen wurde, da weinte man, und alle sagten, so gut wie unter seiner Regierung würden sie es nie wieder haben. Die Alten mit den weißen Bärten meinten sogar, er sei gar nicht tot, und brannten im Walde große Feuer an, damit der alte König sich zurecht finden konnte, falls er durch das Land ginge. Einige wollten ihn auch gesehen haben, als er an einem Feuer sich die Hände wärmte. Der junge König aber durfte davon nichts erfahren, sonst wurde er bitterböse. Denn er war dabei gewesen, als sein Vater starb, und er hatte ihn begraben und selbst die Tür zur Gruft geschlossen. Und er ließ die Glocken läuten, den ganzen Tag und auch die Nacht hindurch, damit alle es hörten, daß der alte König wirklich tot war.

Nun begann ein strenges Regiment. Der alte König hatte so gern auf dem Söller seines Schlosses gesessen; denn von da aus konnte er beinahe die ganze Insel überblicken, die tiefen undurchdringlichen Wälder und die weiten Wiesen; und er hatte sich gefreut, wenn das alles so behaglich und friedlich zu seinen Füßen schlief, wenn er sah, wie die Kinder mit den Tieren des Waldes spielten, und wie die Alten vor ihren Hütten saßen und sich sonnten. Dann war er glücklich und fühlte sich so recht wie ein Vater von ihnen allen.

Aber der junge König fand, daß das nicht so weitergehen konnte; sein Volk hatte noch gar nichts Rechtes geleistet und mußte einmal ordentlich arbeiten. Und damit er selbst mit gutem Beispiel voranginge, zog er hinein in die Stadt und nahm seinen ganzen Hofstaat mit. Des Königs Räte bekamen nun zu tun, mußten schreiben, bis sie Tintenfinger kriegten, und es wurde ein Mann angestellt, der den ganzen Tag keine andere Beschäftigung hatte, als Federn zurecht zu schneiden. Da wurden Pläne entworfen und Berechnungen angestellt, und der König rechnete selbst alles nach, und wenn es nicht stimmte, diktierte er eine Strafarbeit. – –

Eines Morgens gab es mitten im Walde, wo es ganz dunkel ist und niemals die Sonne hinkommt, ein lautes Krachen. Und als die Köhler des Waldes herbeiliefen, um zu sehen, was das sein mochte, da prasselte es, und große Äste kamen brechend herunter, und sie mußten schnell aus dem Wege springen, damit sie nicht totgeschlagen würden. Denn eine große Eiche fiel zu Boden, und der Wald hallte wider von dem lauten Schrei, den der Baum in seiner Todesangst ausstieß. Fremde Männer standen dabei, mit Sägen und blanken Beilen, und sagten, hier solle eine Sägemühle gebaut werden, und der ganze Wald müsse abgehauen werden. Da erschraken sie alle sehr. Aber keiner wagte, etwas dagegen zu sagen; denn sie wußten, wie streng der König war. Monatelang hörte man nun nichts anderes als das Kreischen der Sägen und das Schlagen der Beile. Und die Vögel wußten nicht mehr, wo sie ihre Nester bauen sollten. Und alle Blumen wurden zertreten. Die großen Hirsche und die kleinen Rehe wurden vertrieben, und viele flinke Eichhörnchen mußten ihr Leben lassen. Und was das schlimmste war: alle Köhler und alle Jäger, die dort im Walde wohnten, mußten selbst mithelfen, die Bäume zu fällen. Nach einem Jahr stand die Sägemühle da, und überall auf der ganzen Insel standen Sägemühlen, und ihr Kreischen und Knarren war lauter als die Brandung des Meeres.

Aber das war nur der Anfang. Denn die fremden Männer mußten irgendwo wohnen, und darum bauten sie sich Häuser – und dann mußten sie doch etwas zu essen haben, und da – – ja, das war nun freilich eine schlimme Geschichte: denn bei dem Häuserbauen wurden die Felder zertreten, auf denen das Getreide wuchs; und weil der Wald nicht mehr da war und das Korn vor dem Winde schützte, lag es nun ganz danieder, und der Staub von Kalk und Ziegeln legte sich darüber, und es gab eine schlechte Ernte. Da mußten also Schiffe gerüstet werden, um von anderen Inseln Getreide und Lebensmittel herüberzuholen. Und um Schiffe zu bauen, wurde nun wieder Holz gebraucht, und das war noch nicht genug; denn man mußte auch welches verkaufen können, damit man Geld bekam; denn das Getreide mußte bezahlt werden. Die Schiffe segelten nun hinaus und waren bis oben hin mit Holz beladen, und nach Wochen und Monaten kamen sie zurück und brachten Getreide. Da hatten sie nun zu essen und hatten an dem Holz noch obendrein einen hübschen Batzen Geld verdient. Aber es kamen wilde Stürme, und graue Wolken und Regen und Gischt hüllten die Insel wie in einen nassen Sack; riesige, grüne Wogen spielten Fangball mit den Schiffen, und die wußten gar nicht mehr, wo sie waren, und konnten den Hafen nicht finden. Und es geschah oft, daß sie auf scharfe Klippen stießen und jämmerlich zu Grunde gingen. Dann warteten sie auf der Insel und warteten – aber das Schiff kam nicht; denn es war längst zerbrochen. Bis eines Tages irgendwo Planken ans Land spülten; da konnten sie sich wohl denken, wo das Schiff geblieben. Dann bekamen sie es natürlich mit der Angst, und keiner wollte sich mehr hinaustrauen aufs Wasser.

Aber der König wußte Rat. Dicke Fässer mit Pech ließ er hinausbringen nach dem Turm, wo der alte König immer so behaglich gesessen hatte. Und jetzt brannte in jeder Nacht dort oben ein helles Feuer, und es saß immer einer dabei und mußte aufpassen, daß es nicht ausging. Da sahen die Schiffer nun schon von weitem, wo die Insel war und wo es in den Hafen ging.

Der König wußte überhaupt immer Rat. Einmal gab es einen furchtbaren Sturm, der von Norden kam und eine ganze Woche lang über die Insel fegte. Und das Meer brüllte dazu und rannte den Strand hinauf, warf sich in das Land hinein, brauste über die Felder und spülte ganze Häuser weg. Das war nun ein großes Unglück, und viele Menschen kamen dabei um. Da befahl der König, daß die, welche einen Spaten hatten – und den hatten sie ja alle –, kommen sollten, um zu helfen. Und da wurde ein Deich gebaut – ein breiter hoher Damm, über den das Meer nicht hinweg konnte, und wenn es noch so wütend war. Das war freilich eine harte Arbeit und kostete auch viel Geld. Aber es war gut, daß der Deich gebaut wurde; denn einige Jahre später kam wieder eine Sturmflut, und die war schlimmer als die erste und hätte gewiß noch viel mehr Schaden angerichtet. Aber da stand nun der Deich wie eine feste Mauer; man brauchte gar keine Angst zu haben, konnte in der warmen Stube bleiben und noch ein paar Scheite in den Kamin werfen, daß es dann so recht prasselte und krachte. Und das taten sie auch und feierten ein Fest; und es ging hoch her dabei, und sie tranken auf die Gesundheit des Königs.

Das muß überhaupt nun gesagt werden, daß sie dahinter kamen, was es eigentlich für ein kluger und starker König war, den sie hatten. Denn früher gab es ja auch satt zu essen, Erbsen und Speck und Braunbier; aber jetzt hatten sie jeden Tag Fleisch und Wein. Und früher sparten sie sich mühsam ein paar Groschen zusammen; aber jetzt besaßen sie ihre eisenbeschlagenen Truhen, und darin häuften sich harte Taler. Ja, – sie sahen ein, daß Fleißigsein Geld ins Haus bringt.

Aber nun kommt das Schlimme: sie dachten nämlich nur noch an das Geld: daß sie hier zu wenig verlangt hätten und dort mehr verdienen wollten, daß sie neue Häuser für ihre Waren bauen wollten, und daß die Schiffe ihnen im nächsten Jahre noch mehr Geld einbringen sollten als in diesem. Vom Morgen bis zum Abend gönnten sie sich keine Ruhe, vergaßen Feiertag und Sonntag – ach – nicht nur die Sonntage: alles andere vergaßen sie darüber! Sie dachten nicht mehr an ihren alten König, sie lachten nicht mehr, wenn die Sonne schien, und jubelten nicht mehr, wenn der Himmel blau war, und die bunten Blumen auf den Wiesen sahen sie überhaupt nicht mehr.

Nun ist die Sonne gewiß recht gutmütig und scheint noch lange, auch wenn sie gar nicht beachtet wird; aber schließlich wird es ihr auch einmal zuviel, sie zieht die grauen Wolkengardinen vor und läßt sich nicht mehr blicken. Und so machte sie es auch bei den Leuten auf der Insel. Der blaue Himmel und das blaue Wasser hatten nur darauf gewartet und taten es ihr nach, und die Blumen wurden vor Ärger ganz blaß und grämten sich zu Tode und starben. Und nun sah es bei allem Reichtum doch sehr traurig auf der Insel aus. Dicker, grauer Dunst und zäher Nebel, qualmende Wolken und tropfender Regen. Und die Gesichter alle so mürrisch und verstimmt; griesgrämig und hastig liefen sie durch die Straßen, und man sah es ihnen an, daß sie auch nicht eine Minute Zeit hatten, sondern schnell viel Geld verdienen mußten. Dem König war es aber gerade so recht. Er sah, daß aus den Dörfern große Städte wurden mit Speichern und Lagerhäusern und daß der Hafen voller Schiffe lag, die kaum noch alle hineingingen. Und er freute sich, denn so hatte er es gewollt.

Die Jahre gingen hin, und die blinkenden Taler häuften sich. Aber die Taler waren auch das einzige, was noch glänzte; denn die Gesichter waren brummig und voller Runzeln und Falten, und die Sonne kam überhaupt nicht mehr zum Vorschein. Einmal versuchte sie es noch, so um die Frühlingszeit, wenn anderwärts die Veilchen kommen; vielleicht, daß doch mal jemand zu ihr hinaufguckte und sich freute über ihr helles Licht; aber sie kam schön an damit: denn unter den vielen Menschen war nur ein einziger, der sie beachtete, und er zog die Gardine vor, weil das Licht ihn blendete; denn er schrieb gerade eine Rechnung. Da ließ es die Sonne nun bleiben. Die ganze Insel wurde grau wie Chausseestaub, und die Menschen sahen aus wie Maschinen, und Lachen – ja, das Lachen kannte man schon lange nicht mehr. Aber eigentlich bildeten die Menschen sich ein, sie wären sehr glücklich, und sie merkten gar nicht, daß ihnen irgend etwas fehlte. Nun muß ich aber genau erzählen: denn manchmal merkten sie es nämlich doch. Das war so um die Zeit, wenn der Tag zu Ende ging, man aber die Lampe noch nicht recht anstecken konnte. Dann saßen sie in der Wohnstube und ruhten ein Weilchen aus und überlegten sich, wie reich sie waren; und wenn sie da so saßen und in Gedanken zählten, da ging manchmal ein leises Klingen durch das Haus, ein leises, trauriges Klingen, – und keiner wußte, woher es kam. Vielleicht von der verstaubten Harfe, auf der Großmutter gespielt hatte, als sie noch jung war, die aber nun in der Ecke stand und von keinem mehr angesehen wurde? Oder war es das Lachen, das schon so lange auf den Wänden schlief und wie im Traum sich regte? – Jedenfalls wurden sie ganz traurig davon. Ja, sie merkten mit einem Male, daß es eigentlich ein trauriges Leben war, welches sie führten.

Und eines Tages gingen sie zum König. Nicht gerade alle, aber doch ein paar von ihnen, auf die der König gern hörte, wenn er neue Pläne im Kopf hatte. Und der König war sehr freundlich zu ihnen und fragte, was sie wollten. Da sagte der Älteste, sie hätten eine Bitte, und der König möchte ihnen doch helfen, wie er das bisher immer getan hätte. Da nickte der König und sagte, das werde er gern tun, und sie wüßten hoffentlich, daß er immer nur ihr Bestes wolle. Da verneigten sich alle ganz tief, und der Älteste fing an, die Bitte vorzutragen: Sie hätten nun gearbeitet, Tag und Nacht, viele Jahre hindurch und wären reich geworden und besäßen große Schiffe und Silberbarren und seidene Kleider. Aber eines hätten sie darüber ganz vergessen: Seit der alte König gestorben, hätten sie nicht ein einziges Mal gelacht, wüßten auch gar nicht, wie man das eigentlich machte; nur eine dunkle Erinnerung hätten sie, daß es schöner aussähe, als eine ganze Truhe voller Taler. Und nun möchten sie das Lachen so gerne wieder haben und ob der König es ihnen nicht geben könnte.

Der König richtete sich stolz auf und sprach: »Ihr seid fleißig gewesen und habt gezeigt, was arbeitsame Hände leisten können; darum sollt ihr auch euren Lohn haben.« Und dann berief er seine Räte und veranstaltete ein großes Fest.

Das wurde nun ein Fest, kann ich euch sagen: so etwas prächtiges hatten sie alle noch nicht gesehen: Der König bewirtete sein Volk; sie aßen von silbernen und goldenen Tellern die auserlesensten Speisen und tranken aus großen Pokalen feurigen Wein. Und der König saß obenan im Purpurmantel und neben ihm die Königin, in weißer, goldgestickter Seide. Und als es Abend wurde flammte der Garten auf von hunderten von Fackeln, und brennende Kugeln flogen in die Luft und zersprangen in schimmernde Blitze, und sprühende Garben von Feuer sausten zum Himmel, wurden rot und dann blau und dann strahlend weiß, bis sie mit einem Male erloschen und von der schwarzen Nacht gleichsam verschluckt wurden. Und dazu tuteten die Hörner, schmetterten die Trompeten und jubilierten die Geigen. Dann war es plötzlich still, und die Musik schwieg, und der Garten war stockfinster. Und mit einem Male krachte ein Kanonenschuß, und hundert andere krachten hinterher, und das Feuer rasselte in die Höhe, und das Licht braust geradezu über die ganze Insel. Und auf dem Balkon stand der König in goldener Rüstung und warf Goldstücke unter das Volk und – lachte.

Da fing das Volk an zu schreien und zu brüllen, und sie schoben und drängten sich und brüllten, was sie nur konnten. Das nannten sie Lachen, und da hatten sie also ihr Lachen nun wieder. – – –

Aber am nächsten Morgen in der Frühe, als alle noch von dem Feste träumten und von den Goldstücken, die es geregnet hatte, und von dem brüllenden Lachen, das den Garten erschüttert hatte, da schlich einer hinein zum König und hatte Tränen in den Augen. Es war schlimm, daß dieser eine gerade des Königs junger Sohn war; und der König erschrak, als er ihn sah. – – –

»War das alles, was du ihnen geben konntest?« sagte er schluchzend zum Vater.

Der König wurde böse. Denn er hatte es sich ein gutes Stück Geld kosten lassen, und in dem Goldhaufen in seiner Schatzkammer war ein großes Loch. »Was willst du noch mehr?« fragte er. »Habe ich ihnen ihr Lachen nicht wiedergegeben?«

»Ja, sie haben gebrüllt vor Lachen; aber es war kein glückliches Lachen, es war keine Sonne da, und du mußtest Fackeln anstecken lassen. Und blauer Himmel war auch nicht da, und du ließest blaue Leuchtkugeln in die Luft werfen, damit man glaube, es sei der Himmel. Klingendes Gold hast du ihnen gegeben, aber kein klingendes Lachen!« Der König zuckte die Achseln. »Es fehlte die Freude!« sagte der Sohn.

Da wandte sich der König ab. Denn er wußte nicht, was das war. Der arme König wußte ja nicht, wie schön die Welt war, wenn die Sonne vom blauen Himmel herunterlachte, wenn die grünen Wiesen glänzten und die Vögel zwitscherten; er hatte sich nie den Abhang hinunter gekugelt oder in duftenden Heuhaufen Kobolz geschlagen. Und der junge Königssohn ging hinaus, denn er sah, daß sein Vater dem Volke die Freude nicht geben konnte; aber er wußte, daß sein Volk nicht eher glücklich sein würde, als bis es die Freude hatte. Und weil er sein Volk liebte, machte er sich auf, um die Freude zu suchen. Und er ging den ganzen Tag; schwarzer Dunst hüllte ihn ein, und grauer Nebel drängte sich um ihn herum, und der Himmel weinte und hätte ihm so gern geholfen. Wie er am Abend zu dem Schlosse des alten Königs kam, da war er so müde und konnte nicht weiter und setzte sich auf einen Felsen am Meer. Die Augen fielen ihm beinahe zu, so müde war er – aber er dachte immer nur daran, wo er die Freude wohl finden konnte. Und nun war es schon beinahe dunkel, und bald wurde wohl die Fackel entzündet, welche den Schiffern den Weg weisen sollte. Da hörte er plötzlich ein Rauschen. Er dachte, das möchte eine Welle sein, die sich zur Abendruhe niederlegte; aber das Rauschen wurde stärker und immer stärker – und da stand er auf und blickte nach dem Meere hinaus. Da sah er ein seltsames Schiff mit goldenem Schnabel und großen Segeln von dunkelblauer Seide. Es wiegte und wogte auf den Wellen, und das blasse Licht der untergehenden Sonne goß einen goldenen Schimmer über die hohen Masten. Und es glitt näher – und ein weicher, süßer Duft von Blumen kam herüber – und dann legte es an – und er ging hinüber. Und er fragte: »Was ist dies für ein Schiff?« Und eine Stimme antwortete: »Das Schiff der Träume.«

»Und wohin fährt es?«

»Nach dem Lande der Freude!«

Da setzte er sich auf ein seidenes Ruhebett und machte die Augen zu. Denn er war den ganzen Tag gelaufen, und da durfte er nun gewiß ein Weilchen schlafen. Und das Schiff fuhr hinaus in das dunkle Meer. – –

Als er erwachte, fand er sich in einem großen Garten. Da standen Tausende von Blumen, die er noch nie gesehen hatte, rote, blaue, violette, gelbe, weiße – – alle durcheinander. Er mußte lachen: so lustig sahen sie aus. Die schienen lebendig zu sein, wie er. Sie spielten und tanzten, flüsterten miteinander und nickten sich zu. Und ein Duft streichelte seine Wangen, so süß und weich – und doch so stark, daß er sich gar nicht aufrichten konnte. Er sank auf den Rasen zurück und sah zum Himmel hinauf. Tiefblau leuchtete er und war so klar und rein, wie er nie etwas gesehen. Und dann flimmerte etwas goldenes da drüben, und eine wohlige Wärme kam von dort herüber. Das war – aber als er zusehen wollte, was es war, mußte er schnell die Augen abwenden vor all dem blendenden Glanz, der vor ihm schimmerte. Ob das wohl die Sonne war? Und er drehte sich herum und sah nach der anderen Seite. Aber da war wieder ein Flimmern wie lauter Silber. Das ging auseinander und wieder zusammen, hüpfte und sprang, und darunter lag eine endlose, blaue Fläche, die sich dehnte und ganz dahinten den Himmel berührte. Das war das Meer. Und um ihn herum Blumen – nichts als Blumen, Hecken mit Blumen, Sträucher mit Blumen – und dazwischen ein paar schmale Wege. Und auf denen mochte wohl manchmal jemand gehen?! Oder waren sie für die bunten Schmetterlinge, die sich auf den Blumen wiegten? Nein! Denn da kam eine junge Frau langsam durch den Garten daher. Schön war sie und trug ein weißes Kleid. Sie wußte wohl, daß er da lag, denn sie kam gerade auf ihn zu und rief seinen Namen. Wie ihre Stimme zu ihm herüberklang, da fingen mit einem Male alle Vögel an zu singen, und alle Blumen läuteten, und das Meer rauschte. Da stand er auf und ging zu ihr. »Ist dies das Land der Freude?«

Sie nickte. »Ich bin die Freude, und dies ist mein Garten. Alle die Blumen, die du siehst, sind meine Kinder, und ich schicke sie zu den Menschen, damit sie ihnen von mir erzählen.«

Da wurde der junge Königssohn sehr froh, und er sagte ihr, daß es daheim keine Freude mehr gebe, und daß er ausgezogen sei, sie zu suchen.

»Ich weiß es,« erwiderte sie, »du saßest am Meere und sehntest dich nach meinen Blumen, darum sandte ich dir das Schiff der Träume, daß du zu mir kämst.«

»Läßt du alle Menschen in diesen Garten hinein?«

»Keinen! – Denn dieser tausend Blumen Duft ist viel zu stark, als daß ihn die Menschen ertrügen. Aber ich schicke ihnen Blumen – heute diese und morgen andere. Mein Schiff trägt sie hinüber nach den großen Ländern und den fernen Inseln.«

»Warum schickst du uns keine Blumen?«

»Früher kamen meine Schiffe auch zu euch und brachten viele Blumen hinüber. Aber ihr wollt sie nicht mehr haben; sie verdorren bei euch und kommen um. Nur der soll Freude haben, der sich danach sehnt.«

»Und ich?«

»Dich habe ich herüber kommen lassen, damit du dir deine Blumen holst. Hier – nimm dir, soviel du willst!«

Und er wollte sich schon bücken, um von den Blumen zu pflücken, aber da fiel ihm ein, daß er sich gelobt hatte, auch seinem Volke die Freude zu bringen. »Darf ich auch für die anderen Blumen mitnehmen?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Sie wollen keine haben, und ich sagte dir ja, nur der soll Freude haben, der sich danach sehnt!«

Da wurde der junge Königssohn traurig, trotzdem daß Rosen und Veilchen, Hyazinthen und Aurikeln in seinen Händen lagen, und er bat, ob sie es nicht doch erlauben wolle. Aber sie schüttelte den Kopf. Da bot er ihr Gold und Silber; denn damit hatte er daheim immer alles kaufen können. Aber sie schüttelte den Kopf. Da wollte er ihr den Thron geben, den er bekommen würde, wenn sein Vater starb. Aber sie schüttelte den Kopf. Und er fing an zu weinen und schalt sie ungerecht, denn vielleicht seien auf der Insel doch zwei oder drei, die sich nach Freude sehnten, und warum sollte er die Freude haben, wenn die zwei oder drei nichts davon abkriegten. Und er bettelte richtig um die Blumen und sagte: Alles, was er ihr geben könne, solle sie bekommen, sie möchte ihm nur die Blumen mitgeben. Und alle Blumen neigten sich tief vor ihr und baten mit ihm. Da lächelte sie: »Nun gut! Ich will euch wieder Blumen schicken, aber du mußt mir dein Herz dafür geben!« Da lachte der junge Königssohn; denn nun hatte er erreicht, was er wollte, und er nahm sein Herz heraus und gab es ihr. Sie hüllte es in weiche Rosenblätter und legte es in eine Glaskugel. »Geh in deine Heimat«, sagte sie, »und nimm diese Kugel mit dir! Weil dein Herz darin ist, wirst du von jedem, der sie berührt, wissen, was seines Herzens liebster Wunsch ist. Und wenn du einen gefunden, der sich die Freude wünscht, so wirf die Kugel in die Luft. Sie wird als Bote zu mir zurückkehren, und dann werde ich euch wieder Blumen schicken.«

Als sie dies gesagt hatte, rauschte das Schiff an den Strand; er nahm die Kugel und wollte ihr danken. Aber sie war verschwunden, und nur die tausend Blumen nickten ihm zu und klangen wie lauter Glocken. Da ging er hinüber, und der Wind blies in die blauen Segel und brachte das Schiff nach seiner Heimat. – – – – – –

Mit Stolz und Freude kam der Königssohn zu seinem Vater und berührte ihn unbemerkt mit der Kugel. »Bist du wieder zurück?« fragte der König. »Hast du eingesehen, daß man nur glücklich sein kann, wenn man mächtig ist?!«

Da erschrak der Königssohn. Denn er wußte, daß sein Vater nichts anders sich wünschte als Macht. Und betrübt ging er hinaus. Im Vorzimmer traf er einen der Räte – gerade den, der immer so viel zu schreiben hatte. Er ging schnell auf ihn zu und sprach ihn an. Der wünschte sich doch gewiß ein wenig Freude, wenn er den ganzen Tag im Zimmer sitzen mußte und Akten schreiben. Aber kaum hatte die Kugel den Arm des alten Mannes gestreift, da bat er, ob der Königssohn nicht ein gutes Wort für ihn einlegen wolle, daß sein Vater ihn zum Minister mache.

Da ging er auf die Straße. Den ersten besten, den er traf, hielt er an. Der riß den Hut herunter und verneigte sich tief; denn es war doch eine große Ehre, daß der Königssohn mit ihm sprach. Aber als er nun fragte, wie es ihm gehe und ob er gar keinen Wunsch hätte, da fing der Mann an zu jammern. Es seien schlechte Zeiten! Wenn er nur wenigstens sein Holz teuer verkaufen könne, dann möchte es vielleicht noch gehen, aber – – –

Da wurde der Königssohn sehr traurig. War denn keiner, der sich die Freude wünschte, – wenn es auch nur ein ganz klein bißchen Freude war. Und er zog wieder durch das Land, aber er fand keinen. – Der eine wünschte sich mehr Geld, der andere ein neues Haus, dieser hoffte auf einen Erben für seine Schätze, jener begehrte den Tod. Aber keiner sehnte sich nach Freude. Da gab er die Hoffnung auf. Auf einem Stein saß er an der Straße und betrachtete die Kugel; so gern hätte er sein Herz nun wieder gehabt, aber es war fest eingeschlossen, und er konnte es nicht herausnehmen, so sehr er sich auch mühte, die Kugel zu öffnen. – –

Da kam ein kleiner Junge des Weges, und als er die bunte Kugel sah, blieb er vor ihr stehen. Und von dahinten kamen noch mehr Jungen, und von drüben kamen kleine Mädchen. Die Schule war nämlich gerade zu Ende. Und weil da einer stand und sich etwas ansah, mußten die anderen doch wissen, was das war, das der sich ansah, und da blieben sie alle vor dem jungen Königssohne stehen. – Und der erste kleine Junge sah sich die bunte Kugel an – von links und von rechts – und alle anderen Jungen sahen sie sich an, und als die Mädchen auch zugucken wollten, wurden sie weggeschubst, aber etwas kriegten sie doch noch davon ab. Da nahm der kleine Junge die Kugel in die Hand und wollte mit ihr spielen. »Das soll eine Freude geben!« schrie er, und dann warf er die Kugel in die Luft und ließ sie springen. Und die Kugel tanzte, und all die kleinen Jungen und alle die kleinen Mädchen jauchzten vor Vergnügen.

Da hatte der junge Königssohn nun doch gefunden, was er suchte. Und er lachte. O, ihr könnt euch wohl denken, wie glücklich er lachte! Und plötzlich zerrissen die Wolken, und die Sonne kam hervor. Und die Kugel tanzte auf und nieder – und flimmerte in dem goldenen Licht. Und die Kinder jubelten. –

Und mit einem Male war die Kugel weg. Mitten in den blauen Himmel hinein war sie geflogen.

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