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Dreißig Märchen

Heinrich Seidel: Dreißig Märchen - Kapitel 12
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titleDreißig Märchen
year1905
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Wirbelchens Windfahrt

Von

Luise Glaß

In Frohdorf lebte einer Witwe

einziges Kind, das hatten sie Schwarzamsel getauft, wegen seiner Haare, die Leute aber nannten es Wirbelchen, um seiner leichten Füße willen.

Mit denen tanzte Schwarzamsel so wunderhübsch, daß jedermann ihr gern zusah: der Bauer, wenn er von Felde kam, und der Kaiser, wenn er durchs Dorf fuhr.

Bis sie zuletzt nichts weiter tun mochte als tanzen. Sie tanzte beim Suppekochen und wenn sie die Milch austrug, sie tanzte mit den Eimern zum Brunnen und sang dazu:

Klipp, klapp!
Tripp, trapp!
Wie der Wind,
So geschwind
Kann ich gehn
Und mich drehn!

Dabei ging ihr alle Arbeit leicht von der Hand, als habe ein Hexenmeister geholfen.

Der Hexenmeister hieß Fröhlichkeit, denn Schwarzamsel lachte zehnmal, ehe sie einmal weinte, und griff zehnmal zu, ehe sie einmal müde wurde.

»Wirbelchen!« rufen die Alten. »Schwarzköpfchen«, rufen die Jungen, und gleich ist sie da.

Dem Einarm trägt sie die Bank vor die Tür, der alten Mahm schiebt sie den Karren bergauf, dem lahmen Jörg holt sie Nüsse vom Baum, und das blinde Lisabetli führt sie in die Schule:

Wie der Wind – so geschwind!

das ihm ist, als flöge es geradewegs in den Himmel hinein.

Wenn Schwarzamsel aber am Feierabend die Mädchen zum Reigen anführte, dann dachten die Burschen: Es wird Zeit, daß wir uns eine Frau nehmen.

Wie das eine Weile so gegangen war, konnte Schwarzamsel keinen langsamen Schritt mehr machen, nur sonntags auf dem Kirchweg kriegte sie es noch fertig; sowie die Glocken läuteten, konnte sie langsam, feierlich einhergehen. Auch kam ihr drinnen in der Kirche weder Lachen noch Tanzen in den Sinn. Auf dem Heimweg aber ging es gleich wieder hurtig und hurlebusch einher.

»Du,« sagte des Großbauern Hans, der breit und schwerfällig war wie ein Sack Mehl, »wollen wir uns heiraten?«

»Wenn du tanzen kannst, warum nicht?« antwortete Schwarzamsel, wirbelte davon und lachte ihn aus, als er humpelte und stapfte und ihr nicht nachkam.

»Du,« sagte Köhlers Lebrecht, der aussah wie Rübezahl, »willst du meine Frau werden?«

»Nein, ich danke, du bist mir zu schwarz, schwarz bin ich selber, ich will einen hellen Mann haben.«

»Da bin ich der Rechte für dich, ich bin so hell, wie einer sein kann«, sagte der weißhaarige Schmied. Aber einen Graukopf wollte Wirbelchen auch nicht haben.

Da ärgerten sich die Burschen und Mannsleute und sagten: »Sie ist eine windige Person, sie mag sich mit dem Winde verheiraten.«

Gleich über Nacht kam der Herbstwind, als ob sie ihn gerufen hätten; er lärmte und lachte und riß an den Bäumen.

Frühmorgens klopfte einer an Schwarzamsels Tür und rief: »Komm heraus, Wirbelchen, dein Bräutigam ist da.«

»Holla,« sagte der Wind, »der Name gefällt mir, die muß ich mir ansehn!«

Schwarzamsel aber kam lachend heraus und lief tripptrapp, klippklapp mit den Eimern zum Brunnen.

»Heidi, du gefällst mir!« rief der Wind, ließ die Dachziegel klappern, die Äste knarren, das Wasser sprühen und die welken Blätter über die Wiese tanzen.

Da setzte Schwarzamsel ihre Eimer auf den Brunnenrand und tanzte mit den Blättern um die Wette.

»Tu's nicht,« sagte der Seiler, der langsam rückwärts ging und seinen Hanf drehte, »tu's nicht. Das weht so weiter und weiter, bis du nicht mehr aufhören kannst. Erst ist es lustig, dann wird dir Angst; tu's nicht, laß den Wind laufen!«

Schwarzamsel lachte, und der Wind lachte und sang ihr zu:

»Komm mit, komm mit – In flottem Schritt!«

So gefiel es ihr, da konnte man sich regen, und dem Winde gefiel's auch.

»Amsel, Amsel, komm nach Hause!« rief die Großmutter durchs Fenster. »Allzu toll bringt Tränen.« Der Wind lärmte so laut, daß Schwarzamsel die Großmutter gar nicht hörte. Huia! ließ er die Blätter hoch auffliegen, wo sie zusammen vorüber tanzten. Aber er trieb auch Schabernack.

Er riß der Waschfrau das Laken aus der Hand und warf dem Amtmann den Hut vom Kopfe, er fegte das Storchnest in den Dorfteich und wickelte die Frau Bürgermeisterin so in Staub ein, daß am nächsten Tag die Gasse gekehrt wurde.

Dann schalten die Leute hinter dem Unhold drein und riefen Schwarzamsel zu: »Du wildes, kleines Mädchen, schäm dich des rohen Gesellen! Geh nach Hause und setz dich ans Spinnrad.«

»Gleich,« antwortete sie, »gleich! Laßt mich nur noch ein wenig tanzen!« Und der Wind blies den Störenfrieden ins Gesicht, daß sie den Mund halten mußten.

Nun waren sie draußen auf der Landstraße, da breitete der Wind seine großmächtigen Fittiche aus und trieb das Mädchen vor sich her, immer schneller, immer toller, immer wilder, daß es am Ende sogar dem rotröckigen Wirbelchen zuviel wurde. »Halt an, Wind,« sagte sie, »nun ist es genug, nun will ich nach Hause gehen.«

Aber der Wind blies und lachte weiter. Er fegte Bäume und Hecken ab, damit Platz für den Schneemantel wurde, er rief in die Hütten und Häuser: »Der Winter kommt, klopft die Pelze aus und macht Holz klein!« Wirbelchen wurde müde und schwindlig und bat zum anderen Male: »Halt an, sonst finde ich den Heimweg nicht wieder!«

Er aber antwortete: »Wozu brauchst du den Heimweg zu finden? Du sollst ja meine Frau werden; ich kann lachen und tanzen, so einen Mann hast du gewollt. Auch bin ich ein vornehmer Herr und habe ein Felsenschloß hoch oben im Ural. Meine Mutter nennen sie Windsbraut, die kann besser rennen und besser blasen als ihre vier Söhne, und einen Kuß darfst du dir nicht von ihr geben lassen, sonst bläst sie dir den Atem aus. Und mit meinen Brüdern mußt du dich auch in acht nehmen, der eine ist zu heiß und der andere zu kalt für dich und der dritte ein Fant, der Vogelnester auf dem Hute trägt. Aber zur Hochzeit müssen sie natürlich kommen, daß verlangt die Höflichkeit. Das wird einen Lärm geben und ein Gelächter, wenn wir alle beisammen sind und uns unsere Abenteuer erzählen.«

Aber Schwarzamsel mochte weder etwas von den Abenteuern noch von der ganzen windigen Verwandtschaft wissen, am allerwenigsten wollte sie den Wind zum Manne haben. Sein strohgelbes Haar flog in langen Strähnen hinter ihm drein, seine gewaltigen Flügel waren hart, und in seinem Bart hingen schon vereinzelte Eiszapfen.

Da gefiel ihr der Hirtenjunge, der am Waldrand seine Schafe hütete, viel besser. Er blies auf seiner Rohrflöte das Lied von ewigen Sternen so sanft und langsam, daß Schwarzamsel beinahe aus dem Tanzen gekommen wäre, wie beim Glockengeläute. Aber der Wind merkte ihr Zögern und übertönte mit Gelächter und Gebrause die sanfte Weise: Heia, Juchheissa! – Da waren sie vorbei, ehe Wirbelchen zur Besinnung kam.

Nun wurde ihr Angst. »Nein,« rief sie, »ich will dich nicht heiraten. Ich fürchte mich vor deiner Mutter und vor deinen Brüdern, und ich will nur Feierabends tanzen, nicht den ganzen Tag lang.«

Der Wind lachte und hielt sie am Rock und brauste weiter mit ihr landein.

Ein Wandersmann kam ihnen entgegen, den rief Schwarzamsel um Hilfe an, aber der Wind nahm ihren Ruf und blies ihn weit weg über die Bäume, daß ihn keiner hören konnte.

Ein Zigeunerwagen trottete heran. Diesmal rief sie, ehe der Wind ihn bemerkt hatte. Die braunen Männer schauten auf und sahen das tanzende Mädchen.

»Die können wir brauchen«, sagte der Alte und streckte den Arm nach ihr aus, aber da fährt ihnen der Wind in die Plane und wirft den Wagen um, daß es reißt und splittert. Hastig greifen die Zigeuner nach ihrer Habe und rufen scheltend: »Wetterhexe!« hinter dem Wirbelchen drein.

Der Wind aber lacht und fegt mit breitem Fittich über die Straße, daß sich keiner mehr heraustraut.

Nun versucht es Schwarzamsel mit dem Ausreißen, läuft rechts und links, kreuz und quer, aber immer ist der Wind um sie her, neckend, wirbelnd, lachend und schneller als sie.

Da wird sie müde und taumelt und will umsinken, aber ehe sie den Boden berührt, nimmt er sie in die Arme und trägt sie hoch oben durch die Luft bis zu einem steilen Felsen; auf dessen Zinne läßt er sie nieder.

»So, hier schlafe dich aus, damit du morgen wieder frisch und vergnügt bist. Du bist das Laufen noch nicht so recht gewöhnt, aber wir werden ein lustiges Leben zusammen führen. Los lasse ich dich nicht, du windige, kleine Person, wir zwei gehören zusammen. Während du schläfst, will ich zu Hause die Hochzeit bestellen.«

Dazu mußte er rund um die Erde wehen, denn der Ostwind kann nicht nach Norden oder nach Süden blasen, und umkehren kann er noch viel weniger. Aber das war ihm eine Kleinigkeit, in einer Nacht rund um die Erde zu jagen. Er brach die Bäume, die ihm im Wege standen, und rannte die Schiffe in den Grund, die nach Amerika wollten, er riß den Indianern die Skalpe von den Gürteln und warf den Japanern die Häuser über dem Kopf zusammen, und dann fegte er, heidi! durch die sibirischen Steppen, wo ihm nicht Berg noch Turm im Wege war, bis der Ural mit seinem Felsenschloß sich breit und schwer durch das Land zog; da fuhr er mit Lärmen und Lachen durch die Säle und Gänge, rief: »Hochzeit, Hochzeit, macht alles bereit!« und ließ sich von seiner Mutter die Flügel zausen.

Einstweilen aber saß Schwarzamsel oben auf der Felsenplatte und fürchtete sich. Tief unter ihr lag die Welt. Wie kleine Stecknadelköpfchen sahen die Menschen aus, die vergnügt aus ihren Häusern kamen, weil der Wind endlich stille schwieg. Sie konnte aber nicht hinunter, denn der Felsen war steil und glasglatt.

Da saß sie nun und dachte an alles, was sie lieb hatte und nicht wieder sehen sollte. An das Dorf und die kleine Kirche, an den Brunnen und die spinnende Großmutter, an die Kinder, mit denen sie gespielt, und an die Mädchen, mit denen sie getanzt hatte.

Wie sie nun so recht von Herzen traurig war, fühlte sie auf einmal einen leisen Stich auf der Hand. Da saß eine kleine schwarze Ameise und wisperte: »Ich bin hungrig, gib mir zu essen, dann will ich dich trösten.«

Ans Essen hatte Schwarzamsel noch gar nicht gedacht, nun merkte sie den Hunger auch, holte ihren Wecken aus der Tasche und gab der Ameise davon.

»Schi,« pfiff der Falke, der über der Felsenplatte schwebte, »schi, wohl bekomm's euch!«

»Danke«, antwortete Schwarzamsel freundlich, die Ameise aber kümmerte sich nicht um den Falken, die ließ sich's schmecken, und als sie satt war, wisperte sie: »Du bist gut, und du bist auch fleißig.«

Da wunderte sich Schwarzamsel. »Woher weißt du denn das? Ich rühr mich doch nicht.«

»Schi,« rief der Falke aus der Luft herab, »du bist auch ein Tollkopf.«

»Woher weißt du denn das? Ich sitz doch ganz stille.«

»Aber du hast braune Augen mit goldenen Tupfen, daran kann man es sehen.«

Und die Ameise wisperte: »Ei, und ich bin aus deinem Dorf, ich hab auf deinem roten Röckchen gesessen, als du mit dem Winde davon tanztest; mir ist schwindlig geworden, aber ich habe mich festgehalten.«

»Schi,« pfiff der Falke, »da bist du leichtsinnig gewesen, du kluge Ameise, nun sieh, wie du wieder zurückkommst.«

»Das ist gar nicht schwer,« antwortete die Ameise, »ich warte aufs Glockenläuten, dann geht Schwarzamsel langsam, und wenn sie langsam geht, hat der Wind seine Macht über sie verloren. Da muß er vorübersausen, und wir zwei können nach Hause wandern.«

»Schi,« schnarrte der Falke, »das ist nicht so sicher, ob der Wind sich wird überlisten lassen; es muß sie auch einer festhalten, damit sie der Wind nicht durch die Luft trägt, sonst hilft euch alles Läuten nichts. Aber ich will hinunterfliegen und ein Kirchlein suchen, dorthin mußt du den Wind locken, wenn er dich morgen zur Hochzeit holen will – versuchen könnt ihr es schon.«

Da faßte Schwarzamsel Mut und schlief in Gottes Namen ein.

Als der Falke zurückkam, setzte er sich auf ihre Schulter und sagte ihr ins Ohr:

»Nach Westen, nach Westen ins Tal hinein
steht ein hochtürmiges Dorfkirchlein.
Die Glocken schwingen, die Glocken klingen,
nach Westen, nach Westen ins Tal hinein.«

Und als Schwarzamsel leise im Schlaf die Worte wiederholte, erzählte der Falke weiter: »Ich hab einen blonden Hirten gesehen, der trieb seine Herde nach Hause und sang:

»Rotröckchen, Schwarzköpfchen liegt mir im Sinn;
Rotröckchen, Schwarzköpfchen, wo bist du hin?«

Da hörte sie im Traum eine Rohrflöte blasen und dazwischen klang leise die Glocke der Dorfkirche.

Am anderen Morgen weckte sie ein Gebrause: Junker Wind war das, um sie abzuholen.

Er wollte die Braut tragen, aber sie sagte: »Ich bin nicht mehr müde, ich will auf meinen eigenen Füßen zur Hochzeit tanzen.«

Das gefiel dem Wind, ganz sanft trug er sie vom Felsen hinab und setzte sie ins grüne Gras. Da wollte sie stille stehen, aber sowie er zu lachen und zu wirbeln begann, mußte sie tanzen, sie konnte nicht anders.

»Ich bin da«, wisperte die Ameise und klammerte sich an das rote Röckchen.

»Ich komme mit«, schnarrte der Falke und zog seine Kreise durch die Luft.

»Wer redet denn mit dir?« fragte der Wind. Aber Schwarzamsel verriet sich nicht.

»Das wird wohl aus den Falten deines Mantels gekommen sein. Wer weiß, wo du die Worte aufgefangen hast unterwegs.«

Weil er keinen sah, glaubte das der Wind, breitete seine Schwingen aus und wirbelte Schwarzamsel auf eine grüne Weide hinauf, weitab von dem Kirchlein.

Da stieß der Falke herunter und rief dem Wind ins Ohr: »Nach Westen, nach Westen« –

*

Der Wind stutze und hielt an. »Nach Westen willst du? Dahin will ich doch auch!«

»Ins Tal hinein«, bat Schwarzamsel, sowie sie wieder Atem hatte.

So tanzten sie geradewegs auf das Kirchlein zu, hinter dessen Schallöchern eine kleine, glänzende Glocke hing. Aber die regte und rührte sich nicht, denn heute brauchte sie niemand zum Gottesdienste zu laden.

Da rief das Wirbelchen in seiner Herzensangst: »Läute Wind, lieber Wind, läute die Glocken, ich will meine Hochzeitsglocken hören.«

Und weil sie von der Hochzeit sprach, tat er ihr den Gefallen. Er reckte sich hoch auf, und während er unten mit den welken Blättern und dem roten Röckchen herumwirbelte, blies er oben so gewaltig in die Schallöcher, daß sich die Glocke zu bewegen begann und ihre feierliche Stimme erhob: Bimbaum!

Da ging es wie ein Ruck durch Schwarzamsels Glieder, ihre Hände falteten sich, und ihre Füße setzten sich langsam und feierlich einer vor den anderen der Kirchentür zu. Auf einmal aber sah der Wind, wie sie die Portaltreppe hinauf schritt. Hui! bog er sich nieder und griff nach ihr. Aber so lange die Glocke läutete, hatte er keine Gewalt über das Mädchen, und noch schwang sie leise hin und wieder. »Haiaho!« kreischte der Falke und krallte sich in den Läutestrick um nachzuhelfen.

Da tat Schwarzamsel in Gottes Namen einen Sprung, kam gerade über die Schwelle und warf die Tür hinter sich zu. Der Wind rüttelte an dem Turm, klirrte an den Fenstern, klopfte am Tor, aber hinein konnte er nicht.

Hast du mich überlistet, dachte er, so will ich dich auch betrügen! Hielt den Atem an, faltete die Schwingen und legte sich vor das Tor.

Als es draußen still wurde, dachte Schwarzamsel: »Jetzt ist er fort, jetzt kann ich nach Hause gehen.« Wie sie aber heraustrat, brauste er mit Macht auf sie ein; wäre sie nicht rasch zurückgesprungen, so hätte er sie wieder in seiner Gewalt gehabt.

Der Wind aber rief durchs Schlüsselloch: »Schwarzköpfchen, Rotröckchen, Wirbelchen, ich hungere dich aus, du wirst doch meine Frau!«

Da verging ihr der Mut.

»Ameise, wenn keiner kommt und mich befreit, muß ich sterben. Den Wind nehme ich nicht zum Manne, lieber verhungere ich.«

Es war aber am Dienstag, und vor Sonntag brauchte niemand in die Kirche zu kommen. Also lief die Ameise mit ihren sechs kleinen Beinchen kreuz und quer, bis sie die Kirchenmaus fand.

»Kirchenmaus, Schwarzamsel verhungert. Du mußt ihr von deinen Vorräten abgeben, sonst beiße ich dich.«

»Du brauchst nicht gleich grob werden, Ameise«, sagte die Kirchenmaus. »Ich tue der Armut gern etwas zugute. Drei Weizenkörner kann ich entbehren; eins zum Frühstück, eins zum Mittag, eins zum Abendbrot; und morgen wird wohl auch wieder Rat werden.«

Die Ameise kroch mit in die Speisekammer der Madam Maus; richtig, da lagen sechs Weizenkörner, davon nahm sie die drei dicksten vorsichtig in ihr spitziges Schnäuzchen, trug sie zu dem Gaste, legte sie ihm fein säuberlich vor die Füße und sagte: »Wohledles Fräulein, nehmt das Geschenk der kleinen Kirchenmaus freundlich auf, ich gebe es Euch gerne.«

Schwarzamsel bedankte sich, aß Frühstück, Mittag und Abendbrot mit einem Male und wurde nicht satt davon.

»Euch Menschenvolk ist schwer zu helfen,« sagte die Ameise, »was seid ihr gefräßig. Da muß schon der Falke nach Nahrung ausfliegen.«

Sie riefen den Falken ans Fenster. »Falke, lieber Falke, willst du uns helfen?« Der Falke war gleich bereit: »Soll ich dir eine Maus fangen, oder eine junge Krähe?« Vor solcher Mahlzeit graute dem Wirbelchen.

»So will ich dir einen Apfel vom Baume brechen, drüben in Müllers Garten hängt noch einer am obersten Zweig.«

Aber der Wind hörte das, und der Wind war schneller als der Falke. Hui! blies er den Apfel vom Baum, dem Müllerknecht vor die Füße.

»Da ist der Wind doch zu etwas nütze«, sagte der Knappe und biß kräftig hinein.

Nun meinte der Falke, es sei besser auszufliegen und einen zu suchen, der das Läuten verstände und den Schlüssel zur Glockenstube habe, sonst kämen sie in Ewigkeit nicht nach Hause.

Als keins einen besseren Rat wußte, breitete er seine Schwingen aus und verschwand.

Ihr Gauner, dachte der Wind, der seine Ohren überall hatte, ich will gewiß keinen Küster in die Kirche lassen. –

In Frohdorf hatten sie sich den ganzen Tag über gewundert, daß keins tanzte und keins lachte. Endlich fragten sie einander:

»Warum ist es so still im Dorf?«
»Wer trägt mir die Bank vors Tor?«
»Wer schiebt meinen Karren bergauf?«
»Wer teilt seinen Wecken mit mir?«
»Wer holt mir Nüsse aus dem Wald?«
»Wer führt unseren Reigen an?«
»Wirbelchen, Wirbelchen, wo bist du?«

»Ei,« antwortete der Schmied, »heute früh ist sie bei mir vorübergesaust, daß die Funken im Schlot auffuhren, und einer hat mit ihr geredet, den sah ich nicht, den fühlt ich nur über meine Nase fahren.«

»Das ist der Wind gewesen!« rief die alte Mahm. »Der Wind hat unsere Schwarzamsel davongeweht.«

»Gerade so hab ich mir's gedacht. Mit der nimmt's kein gutes Ende, nun wirbelt sie – hussa! – in die Hölle«, sagte der Schmied; aber das glaubten ihm alle die nicht, denen Schwarzamsel etwas Liebes getan hatte.

Die alte Mahm und der Einarm gingen zur Polizei. »Schutzmann, du mußt uns das Wirbelchen wieder schaffen.«

Der Schutzmann strich seinen Schnauzbart breit. »Natürlich! Ich will nur erst nachschlagen, wohinaus der Wind geblasen hat, und dann will ich meine Stiefel besohlen lassen; nachher können wir sie miteinander suchen. Die Polizei findet alles.«

»Da heißt es Geduld haben«, sagte die alte Mahm und bot dem Einarm einstweilen zum Trost eine Tasse Kaffee an.

Aber die Kinder wollten nicht warten. Das blinde Lisabetli und der lahme Jörg faßten sich bei der Hand. »Wir zwei haben sie am allerliebsten, wir wollen vorausgehen und den Weg suchen.«

Da gingen die anderen getrost hinterdrein.

Der Schmied lachte. »Die ist lange bei den Wetterhexen, wo sie die Kinder mit den Haaren an den Dornbusch binden. Nehmt euch in acht, daß euch keine erwischt.«

Und der Seiler sagte: »Es ist ihr recht geschehen, ich habe sie verwarnt, und sie hat nicht gehört.« Er knurrte noch, als die Kinder schon draußen auf der Landstraße dahinwanderten. Das blinde Lisabetli zeigte ihnen den Weg, das fühlte mit seinen nackten Sohlen, wo Schwarzamsels tanzende Füße über den Sand gehuscht waren, bis sie an eine Wiese kamen; dort hatten sich alle Hälmchen schon längst wieder aufgerichtet und war keine Spur mehr zu fühlen.

Da mußte der lahme Jörg helfen – der hatte die hellsten Augen. »Guck, guck,« rief er, »was hängt dort am Schlehdorn? Das ist Schwarzamsels Haar, dort hinaus müssen wir gehen.«

So gingen sie Stunde um Stunde, aber endlich fanden sie kein Haar und keine Spur mehr und trafen nicht Mensch noch Tier, die sie hätten fragen können.

»Wollen wir umkehren?« fragte des Langbauern Hans. »Es ist Abendbrotzeit.« Aber die anderen wollten nicht ohne das Wirbelchen heim.

»Wenn's nur nicht dunkel wär',« klagte Peterlene, »ich fürcht' mich im Dunkeln.«

»Bei mir ist's immer dunkel«, antwortete das blinde Lisabetli.

Da waren die anderen auch stille, kauerten sich dicht zueinander und sehnten sich nach dem Tag. Wie sie nun so geduldig waren, kam auf einmal ein feiner, lichter Strahl hinter dem Waldrand hervor und wurde breiter und breiter, bis der volle Mond über den Bäumen stand. Auf dem Mondenstrahl aber kam eine lichte Frau herabgeschwebt, die sagte zu den Kindern: »Grüß Gott und guten Abend, ihr könnt bei mir Herberge nehmen.«

Erst war den Kindern bange vor so viel Schönheit. Lisabetli aber, das nur die freundliche Stimme hörte, griff gleich nach der ausgestreckten Hand, die sich weich und lind wie ein Blumenblatt anfühlte, und ging mit der Fremden den anderen voraus.

Nur ein paar Schritte weit, dann standen sie vor einer Tür, die war mit einem spinnwebfeinen Vorhang verhangen. Wie die Frau den aufhob, sahen sie in einen Saal, in dem stand ein Tisch mit so viel Tellerchen, wie da hungrige Kinder hineinschauten, und so viel Becherchen, wie da Durstige waren. Also setzten sie sich und aßen, und so lange es einem schmeckte, wurde der Teller nicht leer.

Die Frau aber saß bei ihnen und spann von einer silbernen Spindel Fäden, die wie Mondschein und Engelhaar glänzten.

Als ihre Gäste satt waren, stand sie auf und hob wieder einen Vorhang in die Höhe; hinter dem stand für jedes Kind ein Bett und ein silbernes Waschbecklein, das gleißte und glitzerte, wie es noch keins von ihnen gesehen hatte, und die Kissen waren wie Spinnweb so fein und weich.

Da legten sie sich nieder, schliefen in Gottesnamen ein und wußten nicht, bei wem sie zu Gast waren.

Am anderen Morgen, ehe die Sonne aufging, wurden sie geweckt, fanden Trank und Speise und Äpfel und Wecken zum Mitnehmen. Dann führte die Frau sie aufs Feld, gerade als es im Osten licht wurde.

»Nun geht dort hinaus, wo ihr die Sonne im Rücken habt, das ist des Ostwinds Weg, und wenn euch eins fragt, ihr seid bei dem Herbstweiblein Frau Spinnweb zu Gast gewesen, die törichte Menschen eine Wetterhexe schelten.«

In dem Augenblick blinkte die Sonne über den Waldrand und Frau Spinnweb verschwand; ringsum aber über Stoppeln und Hecken waren feine Netzlein gespannt, in denen funkelte der Tau, gerade wie die Teller und Kannen in Frau Spinnwebs Saal.

Da wanderten die Kinder guten Mutes weiter, und wenn sie einen Menschen trafen, fragten sie: »Hast du unser Wirbelchen gesehen, das mit dem Winde davongetanzt ist?«

Endlich trafen sie einen Hirten, um den weideten hundert weiße Schafe, die wurden von zwei schwarzen Hunden in Ordnung gehalten, der antwortete: »Ja, dort hinaus hat er sie gewirbelt.«

Und als er hörte, daß die Kinder das Mädchen suchen wollten, gebot er seinen Hunden, sie sollten auf die Herde acht geben, und wanderte mit.

Als sie wieder eine Weile gegangen waren, trafen sie einen Frosch, der war groß und schön hellgrün uns saß auf dem Klettenblatt.

»Hast du das kleine Mädchen gesehen, mit dem schwarzen Haar und dem roten Rock,« fragte der Hirt, »das kleine Mädchen, das so wunderschön tanzen kann?«

Da pfauchte der Laubfrosch, wurde schwarz vor Ärger und schrie: »Ich bin Hoftänzer ihrer Majestät der Elfenkönigin! Bitte, reden sie nicht von anderer Leute Getanze; ich bin Hupfatoto der Einzige!« Dabei wirbelte und schlenkerte er seine Beine in der Luft herum, daß es zum Erstaunen war.

Von dem konnten sie nichts erfahren.

Noch ein Stück weiter begegneten sie einer Krähe.

»Krähe, Krähe! Hast du das Schwarzköpfchen gesehen, das mit dem Winde durch die Welt tanzt?«

»Ja, – krah,« rief der Vogel, »ich habe sie gesehen, sie sitzt in der Kirche, und der Wind liegt davor und hungert sie aus. Ja – krah.«

Da reckten alle Kinder ihre Semmeln in die Höhe, die sollte die Krähe hinschaffen. Das wollte sie auch gern tun, aber sie konnte nur eine einzige tragen, und als Botenlohn verlangte sie auch: ihre kleinen Krählein brauchten ein weiches Tuch ins Nest. Da band Lisabetli seins vom Hals, ob es gleich kalt war, und die Krähe flog mit Tuch und Semmel so schnell davon, daß sie keins nach dem Weg hatte fragen können.

»Vielleicht ist es unser Kirchlein«, sagte der Hirt, ging voran und sang:

»Rotröckchen, Schwarzköpfchen – Wo bist du hin?«

Das hörte der Falke, der noch keinen Küster gefunden hatte, und schoß durch die Luft.

»Hirte, Hirte! Willst du dein Schwarzköpfchen erlösen?«

»Ja, das will ich,« antwortete der Hirt, und »Ja, ja!« riefen die Kinder hinterdrein.

Da flog der Falke langsam vorauf: so kamen sie hin. Der Wind lag vor der Tür, grimmig und verdrießlich, denn das Stilleliegen ärgerte ihn schon lange, aber nachgeben wollte er nicht.

Als die Kinder seiner ansichtig wurden, sah er gar nicht gefährlich aus. Grau und schattenhaft kauerte er auf der Schwelle.

Der lahme Jörg und das blinde Lisabetli gingen Hand in Hand auf ihn zu und sagten: »Lieber Herr Wind, gib uns das Wirbelchen wieder.«

»Es muß mir Nüsse vom Baum holen.«
»Es muß mich durch die Gassen führen,«
»Es muß dem Einarm die Bank rücken.«
»Es muß der Mahm den Karren schieben.«
»Es muß seine Wecken mit den Waislein teilen.«
»Und die Mädchen zum Reigen führen.«

»Gib uns unser Wirbelchen wieder!« rief die ganze Schar hinterdrein. »Du kannst mit den Blättern tanzen.«

Da richtete sich der Wind auf, schlug mit den Fittichen und donnerte mit seiner wildesten Stimme: »Lumpengesindel, kleines Lumpengesindel, mach, daß du heimkommst, oder ich blase dich auf und davon wie dürre Blätter, den einen auf den großen Bären, den anderen auf den Hundsstern!«

»Au,« sagte der dicke Hans, »vor Hunden fürcht' ich mich ja.« Die Kinder aber faßten sich untereinander fest und drückten sich eng zusammen, und weil ihrer so viel waren, konnte ihnen der Wind nichts zuleide tun.

Inzwischen ging der Hirt um das Kirchlein herum, ob er nicht einen unbewachten Eingang fände. Er fand aber alles verschlossen, nur ein offenes Fenster sah er, und weil er jung und geschickt war, kletterte er am Zierrat der Mauer zu diesem Fenster hinauf.

Davon merkte der Wind nicht eher etwas, als bis Schwarzamsel die Hände herausstreckte, um dem Hirten zu helfen.

Hui fährt er auf und greift mit langem Arm nach dem Burschen! Aber er erreicht nur noch seinen Hut, der fliegt hoch auf, schießt einen Purzelbaum in der Luft und fällt in den Mühlbach. Der Hirt mit seiner Rohrflöte ist drinnen in der Kirche und hält Schwarzamsel an der Hand.

»Nun wollen wir in Gottesnamen hinausgehen, ich führe dich und blase dazu.«

»Mir ist bange,« antwortete Wirbelchen, »ach, wenn doch die Glocken läuteten!«

Draußen lärmte und schalt der Wind rund um das Kirchlein, heulte und klapperte, zerrte die Kinder an den Haaren und riß der Krähe eine Schwanzfeder aus. »Du Unhold,« krächzte sie zornig, »wart, jetzt will ich dich ärgern!« Und dann schrie und krächzte und lockte sie, bis alle Krähen herbeikamen und sich mit ihr an den Glockenstrang hängten. Mehr und mehr kamen geflogen und zerrten an dem Seil, bis droben die Glocke zu schwingen und zu klingen begann. Bimbaum ...

Da tat sich die Kirchtür auf, und Schwarzamsel trat auf die Schwelle; fest und ängstlich hielt sie sich an des Hirten Arm, der aber blies das Lied von den ewigen Sternen, die still und feierlich am Himmel wandeln.

Wie der Wind des Wirbelchens ansichtig wurde, fing er an zu drehen und zu tanzen, zu walzen und zu locken, aber Schwarzamsel ließ sich nicht mehr verführen, langsam und still ging sie dahin.

Da merkte der Wind, daß er keine Gewalt mehr über sie hatte, brauste in wildem Grimme auf, warf die Kinder über den Haufen, blies den Hoftänzer Hupfatoto zehn Meter weit und erschütterte das Kirchlein, so daß die Krähen mit Geschrei in alle Lüfte flogen.

Aber sie kreischten nicht nur, sie lachten auch, da schämte sich der Wind vor dem kleinen Gevögel, das ihn besiegt hatte, und fuhr mit Gewalt davon.

Die Kinder standen lachend wieder auf, klopften sich den Staub von den Kleidern, und es war keinem ein Leid geschehen. Und dann wanderten sie fröhlich hinter ihrem Wirbelchen drein und wurden nicht müde, solange das Lied von den ewigen Sternen ertönte.

Die Krähen jauchzten, der Falke flog über ihnen hin, die Kirchenmaus sah ihnen nach, die Ameise saß auf dem roten Röckchen, und der eifersüchtige Laubfrosch hüpfte neben ihnen her.

»Tanzt doch!« rief er. »Tanzt! sonst glaube ich euch nicht, daß ihr es könnt.«

Sie aber gingen sacht und feierlich weiter bis ins Dorf und gingen dort gleich wieder in die Kirche hinein, wo die Hochzeit war.

Danach aber – ei, das war ein ander Ding – da ging es mit leichtem Schritt! Alle Leute, Schmied und Seiler voran, riefen: »Hurra! Wirbelchen ist da!« und trugen Geschenke in die Hütte, wo die Großmutter Kuchen buk.

Vor der Tür aber lagen die hundert weißen Schafe, die hatten die beiden schwarzen Hunde ihrem Herrn nachgetrieben.

Und nun kam es ihnen allen in die Füße. Bräutigam und Braut tanzten die Wiese entlang, und das ganze Dorf tanzte hinterdrein; sogar der Einarm und die alte Mahm taten mit.

Nur der Frosch nicht, der Frosch ist vor Neid mitten voneinander geplatzt.

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