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Drei Weihnachtsgeschichten

Charles Dickens: Drei Weihnachtsgeschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleDrei Weihnachtsgeschichten
publisherWeltbild
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid77100fd6
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Auf der Walstatt des Lebens

Eine Liebesgeschichte

Erster Teil

Vor langer, langer Zeit wurde einst eine heiße Schlacht geschlagen im alten, tapferen England. Wo und wann, soll uns nicht kümmern. Sie wurde geschlagen an einem langen Sommertage, als grün die Halme wogten. Manch wilde Blume, zum duftenden Becher geschaffen für den glitzernden Tau von des Allmächtigen Hand, füllte ihren farbigen Kelch an diesem Tag mit Blut und welkte schaudernd dahin. Manches Insekt, von Farben so zart wie die unschuldigen Blüten und Blätter, war rot gefärbt vom Blute der sterbenden Menschen und zog in hastiger Flucht unnatürliche Spuren auf den Boden. Der bunte Schmetterling trug Blutstropfen auf dem Rand seiner Flügel; und rot floß der Strom dahin. Die zerstampfte Erde wurde ein dampfender Sumpf, und aus den Pfützen, die sich in den Spuren der Pferdehufe und menschlichen Füße gesammelt, schimmerte das unheimliche Rot zur Sonne empor.

Ein gütiges Geschick möge uns bewahren vor dem Anblick eines Bildes, wie es der Mond auf dieser Walstatt sah, als er über die schwarze Linie des Hügelrückens, dessen Rand ferner Baumbestand schattierte, am Himmel emporstieg und auf das Brachfeld niederblickte, wo mit himmelwärts gerichteten Gesichtern, die Augen gebrochen, die einstmals an der Mutter Brust in Mutteraugen gelächelt oder friedlich geschlummert hatten, in Haufen die Toten lagen. Ein gütiges Schicksal verschweige uns Geheimnisse, wie sie der mit Leichengeruch geschwängerte Wind über den Schauplatz von dieses Tages Werk und dieser Nacht Leiden und Sterben flüsternd trug. Wie oft schien einsam der Mond grell auf diese Walstatt nieder, wie lange Zeit hielten die Sterne trauervoll Wache und mußte der Wind darüber hinstreichen aus jeder Himmelsrichtung, ehe die Spuren des Kampfes verschwanden. Sie blieben noch lange und lange und lebten in den kleinen Dingen fort. Die große Natur, erhaben über menschliches Leid, gewann bald ihre Heiterkeit wieder und lächelte auf das blutgetränkte Schlachtfeld nieder, wie ehedem, als es noch frei von Schuld gewesen. Die Lerchen sangen hoch über ihm; die Schatten der fliegenden Wolken verfolgten einander spielend über Wiese und Wald und über Dächer und Kirchtürme der von Bäumen umsäumten Stadt hinaus in die schimmernde Ferne, wo Himmel und Erde zusammenfließen und das Abendrot verblaßt. Korn wurde gesät und wuchs empor und wurde geerntet; der Fluß, einst wie Purpur gefärbt, drehte das Mühlrad; Männer pfiffen hinter dem Pflug, Schnitter und Heuer arbeiteten still in Gruppen, Schafe grasten und Ochsen, Knaben schrien auf den Feldern, um die Vögel zu verscheuchen, Rauch stieg empor aus den Schornsteinen der Hütten, die Feiertagsglocken läuteten Frieden, und alte Leute lebten und starben. Die scheuen Geschöpfe des Feldes und die schlichten Blumen in Busch und Garten blühten und welkten dahin, wenn ihre Zeit um war; alles auf dem grimmigen, blutgetränkten Schlachtfeld, wo Tausende und Abertausende gefallen in wildem Kampfe.

Wohl sah man noch lange tiefgrüne Inseln im keimenden Korn, auf die die Leute voll Grauen blickten. Jahr um Jahr kehrten sie wieder, und man wußte, daß unter diesen fruchtbaren Flecken Menschen und Pferde in Haufen begraben lagen und mit ihren Leibern den Erdboden düngten. Den Landleuten, die dort pflügten, schauderte es vor den fetten Würmern, die hier umherkrochen, und die Garben, die an diesen Stellen geerntet wurden, hießen noch lange Jahre die »Schlachtgarben« und wurden beiseite gestellt. Niemals kam eine Schlachtgarbe beim Erntefest auf den letzten Wagen. Lange Zeit förderte jede Furche, die gezogen wurde, Trümmer aus der Schlacht ans Tageslicht. Lange Zeit noch standen verwundete Bäume auf der Walstatt und lagen Stücke zerbrochener Mauern und zerstampfter Zäune umher an Plätzen, wo auf Tod und Leben gerungen worden war und weder Halm noch Blatt mehr wachsen wollte. Noch lange Jahre scheuten sich die Mädchen des Dorfs, Haar und Busen mit den schönen Blumen von diesem Totenfeld zu schmücken, und viele Jahre später noch hieß es, die dort wachsenden Beeren hinterließen auf der Hand, die sie pflückte, einen unauslöschlichen Fleck.

Aber mit den Zeiten, die so flüchtig vorüberzogen wie die Sommerwolken, schwanden auch diese Spuren des alten Kampfes, und die sagenhaften Erinnerungen daran vermischten sich im Gedächtnis der Menschen, bis sie zu den Altweibermärchen zusammenschrumpften, die man sich zur Winterszeit am Kaminfeuer erzählte und die mit jedem Jahr mehr und mehr verblaßten. Wo die wilden Blumen und Beeren so lange unberührt gestanden, da wuchsen Gärten auf, und Häuser wurden gebaut, und Kinder spielten Krieg auf dem Rasen. Die wunden Bäume waren schon lange als Weihnachtsscheite verbrannt und waren knisternd und knatternd als Funken davongeflogen. Die dunkelgrünen Inseln waren nicht frischer mehr als das Gedächtnis derer, die da unten ruhten in der Erde. Wohl brachte die Pflugschar von Zeit zu Zeit noch immer allerhand rostiges Eisen zutage, doch keiner vermochte mehr zu sagen, wozu es einst gedient hatte, und die es gefunden, stritten sich darüber vergeblich. Ein alter, zerbeulter Harnisch und ein Helm hatten so lange in der Kirche gehangen, daß derselbe schwache, halbblinde Alte, der jetzt vergeblich versuchte, sie oben an dem getünchten Gewölbe zu erkennen, sie schon als Kind staunend betrachtet hatte.

Wären die Gefallenen auf den Stellen, wo sie den Tod gefunden, plötzlich wieder zum Leben erwacht, dann hätten gespaltene Schädel zu Hunderten zu Tür und Fenster hereingesehen, gespenstische Soldaten wären erschienen am friedlichen Herd, wären aufgespeichert gewesen mit dem Korn in der Scheuer, emporgestiegen zwischen dem Kind in der Wiege und seiner Wärterin, hätten den Strom gestaut und sich mit dem Mühlrad gedreht. Der Obstgarten und die Wiese wären von ihnen angefüllt gewesen und hoch aufgetürmt der Heuschober.

Verändert war die Walstatt, wo einst Tausende und Abertausende in der großen Schlacht gefallen!

Vielleicht nirgends war sie mehr verändert als (vor etwa hundert Jahren) in einem kleinen Obstgarten, der zu einem alten, steinernen, mit einer Geißblattlaube geschmückten Hause gehörte.

Aus diesem kleinen Obstgarten erschallten an einem hellen Herbstmorgen Musik und heiteres Lachen, und zwei junge Mädchen tanzten lustig auf dem Rasen, während ein halbes Dutzend Bauernweiber auf Leitern standen, Äpfel von den Bäumen pflückten und zuweilen in ihrer Arbeit innehielten, um in die Fröhlichkeit mit einzustimmen. Es war ein anmutiges, liebliches und natürliches Bild; ein schöner Tag, ein stiller Ort, und die beiden Mädchen tanzten in ihrer Herzenslust fröhlich und sorglos.

Wenn es in der Welt nichts Derartiges gäbe wie die Sucht, sich hervorzutun – das ist meine ganz private Meinung, und ich hoffe, man stimmt mit mir darin überein –, so wäre ein viel besseres Vorwärtskommen und unvergleichlich mehr Vergnügen. Es war entzückend anzusehen, wie die Mädchen tanzten. Sie hatten keine Zuschauer als die Bauernweiber, die auf den Leitern die Äpfel von den Bäumen pflückten. Und sie freuten sich, ihnen zu gefallen, aber sie tanzten nur für sich selbst. Und wie sie tanzten!

Nicht wie Ballett-Tänzerinnen. O nein! Nein, ganz und gar nicht. Und nicht wie Madame Soundsos vollendete Schülerinnen. Keine Spur. Es war keine Quadrille, kein Menuett, nicht einmal ein gewöhnlicher Bauerntanz. Es war kein Tanz nach dem alten Stil und keiner nach dem neuen, war nicht nach dem französischen und nicht nach dem englischen Stil. Eher ein wenig nach dem spanischen, der freier ist und fröhlicher, wie ich höre, und bei dem Klang der zirpenden Kastagnetten den Eindruck einer köstlichen Improvisation erweckt. Wie sie so unter den Obstbäumen hintanzten und die Beete entlang und wieder zurück und einander im Kreise wirbelten, da schienen sich ihre luftigen Bewegungen im sonnenbeschienenen Grase weiter zu verbreiten, wie ein immer größer werdender Kreis im Wasser. Ihr fliegendes Haar und ihre wehenden Gewänder, das elastische Grün unter ihren Füßen, die Zweige, die im Morgenwind raschelten, die glänzenden Blätter und ihre gefleckten Schatten auf dem weichen Rasen – der balsamische Wind, der durch die Landschaft wehte, froh, die ferne Windmühle lustig drehen zu dürfen – alles, alles um die beiden Mädchen und den Bauern herum, und das Gespann am Pfluge auf dem Hügelrücken – am Horizont, als stünden sie am Ende der Welt – schien gleichfalls zu tanzen.

Endlich warf sich die jüngere der beiden Schwestern außer Atem und fröhlich lachend auf eine Bank, um auszuruhen. Die andere lehnte sich an einen Baum dicht dabei. Die Musik, ein wandernder Harfenist und ein Geiger, schloß mit einem Tusch, als seien sie noch ganz frisch, obwohl der Tanz so schnell gewesen war, daß sie es keine halbe Minute mehr länger ausgehalten hätten.

Die Obstpflückerinnen auf den Leitern ließen ein Murmeln und Gebrumm von Beifall hören und machten sich dann emsig und noch immer summend wie Bienen wieder an die Arbeit. Vielleicht deswegen so besonders fleißig, weil ein ältlicher Herr, der niemand anders war als Dr. Jeddler selbst – es war nämlich Dr. Jeddlers Haus und Obstgarten und die beiden Mädchen Dr. Jeddlers Töchter –, angerannt kam, um nachzusehen, was denn los sei und wer denn, zum Kuckuck, auf seinem Grund und Boden schon vor dem Frühstück Musik mache.

Er war ein großer Philosoph, der Dr. Jeddler, aber keineswegs musikalisch.

»Musik und Tanz heute am Jahrestag«, sagte der Doktor, blieb stehen und sprach mit sich selbst, »ich dachte, man fürchtete sich bis heute noch. Aber es ist eine Welt voller Widersprüche. Aber Grace, aber Marion!« fügte er laut hinzu, »ist denn die Welt heute noch verrückter als gewöhnlich?«

»Du mußt Nachsicht haben, Vater, wenn sie's ist«, antwortete Marion, seine jüngere Tochter, lief zu ihm hin und lächelte ihm ins Gesicht, »weil heute jemand Geburtstag hat.«

»Jemand hat Geburtstag, Kätzchen?« sagte der Doktor. »Weißt du nicht, daß alle Tage jemand Geburtstag hat, weißt du nicht, wieviel neue Schauspieler sich jede Minute auf diese wunderliche, lächerliche – hahaha – man kann gar nicht ernsthaft davon sprechen – Bühne, die man Leben nennt, drängen? Jede Minute?«

»Nein, Vater.«

»Natürlich du nicht; du bist ein Weib –. Beinah wenigstens«, sagte der Doktor. »Wenn ich nicht irre«, setzte er hinzu und blickte in das hübsche Gesicht, das sich dicht an das seine herandrängte, »glaube ich, es ist dein Geburtstag ...«

»Was, du meinst das wirklich, Vater«, rief seine Lieblingstochter und bot ihm die Lippen zum Kuß.

»Da, und meine Liebe dazu«, sagte der Doktor und küßte sie, »und möge der glückliche Tag noch recht oft wiederkehren.«

»Auch ein Gedanke, eine häufige Wiederholung in einem solchen Possenspiel wie dem Leben zu wünschen«, sagte der Doktor vor sich hin, »sehr gut! Hahaha!«

Dr. Jeddler war wie gesagt ein großer Philosoph, und der Grundsatz und das Mysterium seiner Philosophie war, die Welt als einen ungeheuren, ins praktische Leben übersetzten Jux zu betrachten; als etwas zu Albernes, als daß ein vernünftiger Mensch etwas Ernstes darin sehen könnte. Dieses Glaubenssystem hing mit dem Schlachtfelde zusammen, wie wir gleich sehen werden, und leitete sein Entstehen davon ab.

»Wo habt ihr eigentlich die Musik herbekommen?« fragte der Doktor. »Hühnerdiebe natürlich! Wo sind denn die Meistersänger hergekommen?«

»Alfred hat die Musik geschickt«, sagte seine Tochter Grace und steckte ein paar einfache Blumen, mit denen sie vorher das Haar der Schwester in Bewunderung für seine jugendliche Schönheit selbst geschmückt und die der Tanz gelockert hatte, wieder fest.

»Also Alfred hat die Musik geschickt, was?« fragte der Doktor.

»Ja. Er traf sie unterwegs, als er früh in die Stadt ging. Die Leute ziehen zu Fuß herum und haben diese Nacht in der Stadt gerastet; und da Marions Geburtstag ist und Alfred ihr damit eine Freude zu machen glaubte, schickte er sie her mit einem Zettel des Inhalts, daß sie ihr ein Ständchen bringen sollten, wenn ich es für gut fände.«

»Ja, ja«, sagte der Doktor leichthin, »er fragt dich immer um deine Meinung.«

»Und da meine Meinung günstig ausfiel«, sagte Grace heiter und hielt einen Augenblick inne, um den hübschen Kopf, den sie geschmückt, zu bewundern, »und da Marion sehr lustig war und tanzen wollte, machte ich mit, und wir haben uns nach Alfreds Musik außer Atem getanzt. Und sie gefiel uns um so besser, als sie Alfred geschickt hat. Nicht wahr, liebe Marion?«

»O ich weiß nicht, Grace, warum quälst du mich immer mit Alfred?«

»Ich quäle dich, wenn ich deinen Liebsten nenne?« sagte ihre Schwester.

»Es ist mir vollständig gleichgültig«, sagte das mutwillige, hübsche Mädchen, ein paar Blumen, die sie in der Hand hielt, zerrupfend und die Blätter in den Wind zerstreuend, »ob man ihn erwähnt oder nicht. Ich hab es wirklich schon satt, das ewige Gerede von ihm. Und was das betrifft, daß er mein Liebster sein soll –«

»Still. Sprich nicht so leichtfertig von einem treuen Herzen, das nur für dich schlägt, Marion«, rief ihre Schwester aus. »Selbst nicht im Scherz! Niemand auf der Welt hat ein treueres Herz als Alfred.«

»Nein – nein«, sagte Marion und zog ihre Augenbrauen mit einer komischen Miene sorgloser Überlegung in die Höhe. »Vielleicht niemand, aber ich sehe nicht ein, daß darin ein großes Verdienst liegen soll. Ich verlange gar nicht von ihm, daß er so außerordentlich treu sei. Ich habe ihn nie dazu aufgefordert. Wenn er erwartet, daß ich – – aber liebe Grace, was brauchen wir denn überhaupt von ihm zu sprechen, gerade jetzt!«

Es war ein lieblicher Anblick, die beiden blühenden Schwestern Arm in Arm unter den Bäumen wandeln und miteinander plaudern zu sehen, jetzt so ernsthaft im Gegensatz zu dem eben noch an den Tag gelegten Frohsinn und so voll zärtlicher Liebe zueinander ... Auffallend genug war es, daß der Jüngern Schwester Augen in Tränen schwammen und daß etwas tief und innig Gefühltes durch den Mutwillen ihrer Worte klang. Der Unterschied im Alter der beiden Mädchen konnte vier Jahre im höchsten Fall nicht überschreiten. Aber Grace erschien, wie oft in solchen Fällen, wo keine Mutter mehr wacht (die Frau des Doktors war gestorben), in ihrer vorsorglichen Liebe zu ihrer jungem Schwester älter, als sie war, schien, wie die Dinge lagen, allem Wettstreit mit ihr und aller Teilnahme an ihren mutwilligen Einfallen noch aus anderer Ursache als schwesterlicher Liebe und inniger Zuneigung allein weiter entrückt zu sein, als der Altersunterschied bedingt hätte.

Hoher Mutterberuf, der selbst hier in diesem schwachen Abbild das Herz klärte und die Seele zum Engelsbild erhebt!

Des Doktors Gedanken ergingen sich anfangs in fröhlichen Betrachtungen – als er den Mädchen nachblickte und ihrem Geplauder zuhörte – über die Torheit der Liebe und Zuneigung, jene nichtigen Träume, mit denen sich junge Herzen selbst betrügen, wenn sie auch nur einen Augenblick lang etwas Ernstes in solchen Seifenblasen finden, die immer zerplatzen – immer!

Wenn er an Graces häusliche, sich selbst verleugnende Eigenschaften, ihr sanftes Gemüt dachte, so anspruchslos und doch so beharrlich und tapfer, im Gegensatz zu der glänzenden Schönheit seiner jüngern Tochter, tat es ihm beider Kinder wegen leid, daß das Leben eine so ungeheuer lächerliche Posse war.

Es fiel ihm nie ein, zu fragen, ob seine Töchter oder eine von beiden es sich's irgendwie angelegen sein ließen, das Leben ernst zu nehmen oder nicht. Wenn er nur Philosoph blieb. Von Natur mild und hochherzig, war er zufällig über jenen ordinären philosophischen Stein gestolpert, der viel leichter zu finden ist als der, den die Alchimisten suchen und der so oft gutherzigen und freigebigen Menschen zwischen die Füße kommt und die fatale Eigenschaft hat, Gold in Schlacke und kostbare Dinge in armselige zu verwandeln.

»Britain!« rief der Doktor. »Britain! Hallo!«

Ein kleiner Mann mit ungemein mürrischem und sauerm Gesicht trat aus dem Hause und antwortete auf diesen Ruf mit einem sehr unzeremoniellen: »Na, was denn?«

»Wo ist der Frühstückstisch?«

»Drin!« antwortete Britain.

»Wirst du ihn gleich hier draußen decken, wie ich dir schon gestern abend befahl?« sagte der Doktor. »Weißt du denn nicht, daß Herrengesellschaft kommt? Daß heute morgen noch Geschäfte abgeschlossen werden müssen, ehe die Postkutsche vorbeifährt, und daß heute eine besonders feierliche Gelegenheit ist?«

»Ich konnte doch nicht eher anfangen, Dr. Jeddler, bis die Weiber mit den Äpfeln fertig sind, oder ja?« sagte Britain und steigerte seine Stimme nach und nach fast bis zum Schreien.

»Na, sind die jetzt endlich fertig«, sagte der Doktor, sah nach der Uhr und klatschte in die Hände. »Marsch, eilt euch ein bißchen. Wo ist Clemency?«

»Hier bin ich, Mister«, sagte eine Stimme auf einer Leiter, und man sah ein Paar plumpe Füße rasch herunterkommen. »Wir sind fertig. Aufgeräumt, Deerens. In einer halben Minute soll alles in Ordnung sein, Mister.«

Mit diesen Worten machte sie sich rührig an die Arbeit und gab dabei eine Figur ab, die so auffällig war, daß ein paar Worte der Einführung wohl angebracht erscheinen.

Sie war ungefähr dreißig Jahre alt und hatte ein plumpes, gutmütiges Gesicht, das aber immer in so ernste Falten gelegt war, daß es äußerst komisch wirkte. Aber das außerordentlich linkische Wesen in ihrem Gang und Benehmen übertrumpfte das Gesicht noch bei weitem. Hätte man gesagt, sie habe zwei linke Beine und Arme, die gar nicht ihr gehörten, und diese vier Gliedmaßen seien ausgerenkt und nicht mehr an die rechte Stelle angesetzt worden, so hätte man die Wirklichkeit noch im mildesten Licht dargestellt. Und wer sagte, daß sie mit dieser Einrichtung vollkommen zufrieden war und ihre Arme und Beine nahm, wie es gerade kam, und den Launen derselben niemals einen Zaum anlegte, der wurde ihrem Gleichmut nur in geringem Maße gerecht.

Ihre Kleidung bestand aus einem riesigen Paar eigensinniger Stiefel, die immer anderswo hinwollten als ihre Füße, aus blauen Strümpfen und einem buntbedruckten Kattunkleid von dem häßlichsten Muster, das für Geld aufzutreiben gewesen war, und einer weißen Schürze. Sie trug immer kurze Ärmel und hatte immer gerade zufällig wundgestoßene Ellbogen. Sie nahm aus diesem Grunde immer den lebhaftesten Anteil an ihnen und bemühte sich beständig, sie in die unmöglichsten Stellungen zu renken, um sie betrachten zu können. Meistenteils hatte sie auch eine kleine Mütze irgendwo auf dem Kopf sitzen, fast nie aber an der Stelle, die dieses Kleidungsstück bei andern Leuten einzunehmen pflegt. Aber vom Scheitel bis zur Sohle war sie von peinlicher Sauberkeit und trug eine Art linkischer Nettigkeit zur Schau.

Ihrem löblichen ängstlichen Bestreben, in ihren eigenen und den Augen der Öffentlichkeit stets hübsch und sauber zu erscheinen, hatte eine höchst befremdende Gewohnheit, der sie zu huldigen pflegte, das Entstehen zu verdanken, nämlich die Maßnahme, stets eine Art hölzernen Pumpenschwengel als unzertrennlichen Teil ihres Anzugs mit sich herumzuschleppen. Er diente dazu, ihre Röcke so lange zu beklopfen, bis sie in harmonische Falten fielen. So stellte sich Clemency Newcomes Äußeres dar. Man mutmaßte von ihr, daß sie selbst unschuldigerweise eine Verfälschung ihres Taufnamens Clementine veranlaßt habe, aber niemand wußte es gewiß, denn ihre alte, taube Mutter war hochbetagt gestorben, ein wahres Wunder an Langlebigkeit, und andere Verwandte waren nicht da.

Clemency war jetzt beschäftigt, den Tisch herzurichten, und stand von Zeit zu Zeit da, die bloßen roten Arme verschränkt und die aufgestoßenen Ellbogen mit den Händen reibend und sie gelassen betrachtend, bis sie sich plötzlich an etwas erinnerte, das noch fehlte, und davontrabte, um es zu holen.

»Da kommen die beiden Advokaten, Mister«, sagte Clemency in nicht gerade wohlwollendem Ton.

»Aha«, rief der Doktor und ging ihnen ans Tor entgegen. »Guten Morgen, guten Morgen! Grace, mein Herz! Marion! Hier sind die Herren Snitchey und Craggs. Wo ist Alfred?«

»Er wird sicher gleich zurück sein, Vater«, sagte Grace, »er hatte diesen Morgen mit den Vorbereitungen zur Abreise so viel zu tun, daß er schon mit Tagesanbruch aufstand und ausgegangen ist. Guten Morgen, meine Herren!«

»Meine Damen«, sagte Mr. Snitchey, »für mich und Craggs« (Mr. Craggs verbeugte sich) »guten Morgen! Mein Fräulein« (zu Marion), »ich küsse Ihnen die Hand.« Er tat es. »Und ich wünsche Ihnen von Herzen« (es war ihm nicht recht anzusehen, ob das wahr war oder nicht – denn er schien auf den ersten Blick nicht wie ein Herr, dem man heiße Seelenergüsse zutrauen konnte), »ich wünsche Ihnen von Herzen eine glückliche hundertfache Wiederkehr dieses verheißungsvollen Tages.«

»Hahaha«, lachte der Doktor gedankenschwer mit den Händen in den Taschen, »das große Possenspiel in hundert Akten!«

»Das große Possenspiel für diese Darstellerin abzukürzen kann doch gewiß Ihr Wunsch nicht sein, Dr. Jeddler«, sagte Mr. Snitchey und lehnte seine blaue Aktentasche an das Tischbein.

»Nein«, entgegnete der Doktor, »Gott sei vor! Möge sie leben und darüber lachen, solange sie kann, und dann sagen wie die Franzosen: ›Die Posse ist aus, der Vorhang fällt.‹«

»Die Franzosen haben unrecht, Dr. Jeddler«, sagte Mr. Snitchey und spähte in seine blaue Tasche, »und Ihre Philosophie ist auch gänzlich falsch, verlassen Sie sich darauf. Ich hab es Ihnen schon oft gesagt. Es gibt keinen Ernst im Leben? Was ist dann ein Prozeß?«

»Ein Jux«, versetzte der Doktor.

»Haben Sie schon einmal einen geführt?« fragte Mr. Snitchey und blickte von der blauen Tasche auf.

»Nie«, antwortete der Doktor.

»Wenn Sie einmal in die Lage kommen«, sagte Mr. Snitchey, »werden Sie anders denken.«

Craggs, den Snitchey offenbar vertrat und der sich seines besonderen Daseins als Einzelwesen bisher wenig bewußt schien, gab jetzt eine selbständige Bemerkung zum besten. Sie bezog sich auf den einzigen Gedanken, den er nicht mit Snitchey zu gleichen Teilen besaß, der aber vermutlich Gemeingut einiger Weltweisen war. »Es wird zu leicht gemacht«, sagte also Mr. Craggs.

»Das Prozessieren?« fragte der Doktor.

»Ja«, sagte Mr. Craggs, »auch das! Alles auf der Welt scheint mir heutzutage zu leicht gemacht zu werden. Das ist die Schwäche dieser Zeit. Wenn die Welt ein Jux ist – ich will es gar nicht leugnen, so sollte es wenigstens ein anstrengender Jux sein. Ein Kampf, Sir, so hart wie möglich. Das ist der Zweck. Aber es wird zu leicht gemacht. Wir ölen die Türen des Lebens. Sie sollten rostig sein. Nächstens werden sie sich ganz geräuschlos bewegen. Und sie sollen doch in den Angeln knarren, Sir.«

Mr. Craggs schien selbst in seinen Angeln zu knarren, als er diese Meinung aufstellte, die so gut zu seinem Äußern paßte. Er war ein kalter, harter, trockner Mann, in Grau und Weiß gekleidet wie ein Feuerstein und mit einem Geblinzel in den Augen, als ob jemand Funken aus ihnen schlüge. Alle drei großen Reiche der Natur waren in diesen drei Sprechern vertreten: Snitchey sah wie eine Elster aus oder wie ein Rabe, nur nicht so glatt, und der Doktor hatte ein streifiges Gesicht wie ein Zitronenapfel mit hier und da einem Grübchen drin, wo die Vögel gepickt haben mochten, und ein winziges Stück Zopf hinten, das den Stiel vorstellen konnte.

Als die biegsame Gestalt eines hübschen, jungen Herrn im Reiseanzug – begleitet von einem Mann, der sein Gepäck trug – mit lebhaftem Schritt und einem Gesicht voll Frohsinn und Hoffnung, das zu dem Morgen gut paßte, in der Gartentüre erschien, traten ihm die drei entgegen, wie die Brüder der drei Parzen oder wie die höchst geschickt verkleideten Grazien oder wie die drei Männer im feurigen Ofen, und begrüßten ihn:

»Auf fröhliche Wiederkehr, Alf«, sagte der Doktor heiter.

»Hundertfache Wiederkehr dieses verheißungsvollen Tages, Mr. Heathfield«, sagte Snitchey mit einer tiefen Verbeugung.

»Wiederkehr«, brummte Craggs mit tiefem Baß.

»Eine ganze Batterie«, rief Alfred aus und blieb stehen. »Eins – zwei – drei, lauter Vorboten von nichts Gutem auf dem großen Lebensmeer vor mir. Ich bin nur froh, daß Sie nicht die ersten sind, die ich heute morgen sehe. Es wäre eine schlechte Vorbedeutung gewesen. Aber Grace war die erste. Die süße, liebe Grace – so nehm ich's mit Ihnen allen auf!«

»Wenn Sie gestatten, Mister, so war ich die erste«, sagte Clemency Newcome. »Sie ging hier draußen spazieren vor Sonnenaufgang, wenn Sie sich erinnern. Ich war drinnen.«

»Das ist wahr, Clemency war die erste«, sagte Alfred. »So muß es eben Clemency mit Ihnen aufnehmen.«

»Hahaha, mit meiner Wenigkeit und Craggs«, sagte Snitchey, »welche ungleichen Kräfte.«

»Nur scheinbar«, sagte Alfred, schüttelte dem Doktor herzlich die Hand und dann auch Snitchey und Craggs und sah sich um. »Wo sind denn die – Herr, du meine Güte!«

Mit einer Bewegung, die so rasch war, daß sie Jonathan Snitchey und Thomas Craggs in nähere Berührung miteinander brachte, als kontraktlich zwischen ihnen ausgemacht war, eilte er dorthin, wo die beiden Schwestern standen, und – – – doch ich brauche wohl nicht erst zu erzählen, wie er zuerst Marion und dann Grace begrüßte, und bemerke nur, daß Mr. Craggs wahrscheinlich festgestellt haben würde, er mache es sich »viel zu leicht«.

Vielleicht um eine andere Situation eintreten zu lassen, eilte jetzt Dr. Jeddler zum Frühstückstisch, und alle setzten sich nieder. Grace hatte den Vorsitz, plazierte sich aber so geschickt, daß sie ihre Schwester und Alfred von der übrigen Gesellschaft trennte. Snitchey und Craggs saßen an entgegengesetzten Enden, zwischen sich der Sicherheit halber die blaue Tasche, und der Doktor hatte wie gewöhnlich seinen Platz Grace gegenüber eingenommen. Clemency zuckte wie an galvanischen Drähten um den Tisch und bediente. Der melancholische Britain versah an einem Seitentische das Amt eines Vorschneiders bei Rindskeule und Schinken.

»Fleisch?« fragte Britain, indem er sich Mr. Snitchey mit Vorlegmesser und Gabel in der Hand näherte, und ihm die Frage wie ein Wurfgeschoß an den Kopf schleuderte.

»Gewiß«, erwiderte der Advokat.

»Wollen Sie auch welches?« zu Craggs gewendet.

»Mager und durchgebraten«, antwortete dieser Herr.

Nachdem Britain diese Befehle zur Ausführung gebracht und den Doktor in bescheidenem Maße versorgt hatte – daß sonst niemand etwas zu essen verlangte, schien er vorauszusetzen –, blieb er auf einem Platze stehen, der Anwaltsfirma so nahe, wie es sich mit der Schicklichkeit nur irgendwie vertrug, und bewachte mit strengem Blick die Art, wie sie mit ihrem Fleisch umgingen. Bloß ein einziges Mal milderte er den ernsten Ausdruck seiner Züge. Dies geschah, als Mr. Craggs, dessen Zähne nicht mehr die besten waren, sich verschluckt hatte und heftig husten mußte. Da war ein Leuchten über sein Gesicht gegangen, und er hatte lebhaft ausgerufen: »Ich habe schon gemeint, es ist rum mit ihm.«

»Nun, Alfred«, sagte der Doktor, »ein paar Worte über geschäftliche Dinge, solange wir noch beim Frühstück sitzen.«

»Solange wir noch beim Frühstück sitzen«, bekräftigten Snitchey und Craggs, die noch gar nicht ans Aufhören zu denken schienen.

Obwohl Alfred noch gar nichts gegessen hatte und anderweitig in Anspruch genommen war, wie es schien, sagte er doch ehrerbietig:

»Wie Sie wünschen, Sir.«

»Wenn etwas Ernsthaftes«, begann der Doktor, »in diesem –«

»Possenspiel, Sir«, ergänzte Alfred.

»Possenspiel ist«, fuhr der Doktor fort, »so ist es das Zusammentreffen dieses Abschiedstages mit einem zwiefachen Geburtstag, an den sich für uns vier manche angenehme Erinnerung knüpft und der uns immer unser langes und freundschaftliches Beisammenleben ins Gedächtnis zurückrufen wird. Doch das gehört nicht zur Sache!«

»O doch, doch, Dr. Jeddler«, sagte der junge Mann, »es gehört sehr wohl zur Sache. Das sagt mein Herz diesen Morgen, und Ihres würde es auch tun, wenn Sie's nur zu Worte kommen ließen. Ich verlasse heute Ihr Haus, höre auf, Ihr Mündel zu sein, und wir scheiden mit zarten Beziehungen im Herzen, die sich weit in die Vergangenheit zurückerstrecken, und mit andern, die noch in der Zukunft liegen« (dabei blickte er auf die neben ihm sitzende Marion nieder), »mit Banden, so reich an Hoffnungen, daß ich es jetzt zu sagen mich gar nicht getraue. Ja, ja«, fuhr er fort, sich über seine Feierlichkeit und den Doktor zugleich lustig machend, »es steckt ein ernstes Korn in diesem großen, närrischen Erdhaufen, Doktor. Lassen wir heute wenigstens gelten, daß noch ein Körnchen Ernsthaftigkeit drin steckt.«

»Heute«, rief der Doktor, »hört, hört! Hahaha! Heute gerade in dem närrischen Jahr. Gerade heute am Jahrestage der großen Schlacht, die auf diesem Grund und Boden geschlagen wurde. Auf diesem Grund und Boden, wo wir jetzt sitzen, wo meine beiden Mädchen heute früh tanzten, wo das Obst zu unserm Frühstück eben gepflückt wurde von Bäumen, die nicht in der Erde, sondern in Menschen wurzeln! – Hier mußten so viele das Leben lassen, daß in meiner Jugend – noch Generationen später – ein ganzer Kirchhof voll Gebein und Knochenstaub und Splitter gespaltener Schädel zu unsern Füßen ausgegraben wurde. Und doch wußten nicht hundert Menschen in dieser Schlacht, warum und wofür sie kämpften, nicht hundert von denen, die über den Sieg frohlockten, warum sie sich freuten. Und nicht ein halbes Hundert Menschen wurden besser durch den Gewinn oder den Verlust. Nicht ein halbes Dutzend sind sich bis zu dieser Stunde über die Ursache und die Wirkung einig, und niemand hat etwas Bestimmtes gewußt, höchstens die, die um die Erschlagenen getrauert haben. Und das soll man auch noch ernst nehmen«, sagte der Doktor lachend, »ein solches System.«

»Das scheint mir doch alles sehr ernst zu sein«, sagte Alfred. »Ernst«, rief der Doktor aus. »Wenn man solche Dinge ernst nehmen soll, muß man verrückt werden oder sterben oder sich auf einen hohen Berggipfel setzen und Einsiedler werden.«

»Außerdem – ist's doch so lange her«, sagte Alfred.

»Lange her!« entgegnete der Doktor. »Wissen Sie, was die Welt seit dieser Zeit getrieben hat? Ich nicht.«

»Sie hat ein bißchen prozessiert«, bemerkte Mr. Snitchey und rührte seinen Tee um.

»Obgleich es immer zu leicht gemacht worden ist«, sagte sein Kompagnon.

»Und Sie werden mich entschuldigen, Doktor«, fuhr Mr. Snitchey fort, »wenn ich sage, was ich Ihnen schon tausendmal im Laufe unserer Diskussionen gesagt habe, daß ich im Prozessieren und überhaupt in unserm Gerichtswesen etwas außerordentlich Ernstes sehe, etwas in Wirklichkeit Greifbares, etwas, in dem ein Zweck und eine Absicht liegt.«

Clemency Newcome war im schiefen Winkel gegen den Tisch getaumelt, was ein lautes Geklapper unter Tellern und Tassen hervorrief.

»Heidi, was ist denn los?« rief der Doktor aus.

»Das dumme Ding von einer blauen Tasche«, sagte Clemency, »fährt einem immer in die Beine.«

»Es liegt ein Zweck und eine Absicht darin, sagte ich gerade«, fing Snitchey wieder an, »die uns Achtung abringt. Das Leben wäre ein Possenspiel, Dr. Jeddler? Mit allen seinen Prozessen?«

Der Doktor lachte und blickte zu Alfred hinüber.

»Zugegeben! Der Krieg ist etwas Albernes«, sagte Snitchey. »Darin sind wir gleicher Meinung; – zum Beispiel hier sehen wir eine reizende Gegend«, er wies mit der Gabel ins Freie, »vorzeiten überschwemmt von Scharen von Soldaten – Übertreter des Gesetzes jeder einzelne – und verheert mit Feuer und Schwert. Hihihi! Der bloße Gedanke, daß sich jemand freiwillig dem Tod durch Feuer und Schwert aussetzt! Stupid und dumm, rein zum Lachen! Man muß die Achseln zucken über seine Mitmenschen, wenn man daran denkt. Aber nehmen wir diese freundliche Gegend, wie sie jetzt ist. Denken wir uns die aus dem Grundeigentumsgesetz entspringenden Rechtsverhältnisse, die Rechtshandlungen, ohne die sich Grundbesitz nicht vererben und verschenken läßt, die Verpfändung und Einlösung des Grundeigentums – man denke an die Freipacht, Erbpacht, Zeitpacht«, sagte Mr. Snitchey mit solcher Erregung, daß er buchstäblich mit den Lippen schmatzte, »denken wir an die komplizierten Gesetze, die sich auf dem Besitzrecht und der Beweisführung des Besitzrechtes aufbauen, an all die einander widersprechenden Präzedenzfälle und Parlamentsakte, die dazu gehören; an die unzählige Menge tiefsinniger und endloser Kanzleigerichtsprozesse, zu denen diese liebliche Gegend schon Veranlassung gegeben, und Sie müssen anerkennen, Dr. Jeddler, daß dies eine Oase in unserer Welt ist. Ich glaube«, sagte Mr. Snitchey mit einem Blick auf seinen Kompagnon, »daß ich im Sinne meiner Wenigkeit und Craggs' spreche.«

Nachdem Mr. Craggs beigestimmt, bemerkte Mr. Snitchey, dessen Lebensgeister durch diese Rede außerordentlich aufgefrischt worden waren, daß er noch ein wenig Fleisch und noch eine Tasse Tee nehmen wolle.

»Ich will nicht für das Leben im allgemeinen eintreten«, sagte er, sich kichernd die Hände reibend, »es ist voll von Torheit, voll von noch Schlimmerem. Beteuerungen der Treue, des Vertrauens und der Selbstlosigkeit und so weiter! Bah, bah, bah! Wir wissen, was sie wert sind. Aber Sie dürfen nicht über das Leben lachen. Sie haben eine Partie zu spielen – eine sehr ernste Partie. Alle Menschen spielen gegen Sie, verstehen Sie mich, und Sie spielen gegen alle Menschen. Oh, es ist eine außerordentlich interessante Sache! Es stehen tiefsinnige Züge auf dem Brett. Sie können höchstens lachen, Dr. Jeddler, wenn Sie gewinnen, und selbst dann nicht viel, hahaha. Und selbst dann nicht viel«, wiederholte Snitchey, wiegte den Kopf und kniff ein Auge zu, als wolle er damit sagen, Sie können höchstens das tun.

»Nun, Alfred«, rief der Doktor, »was sagen Sie jetzt?«

»Ich sage bloß«, erwiderte Alfred, »daß der größte Gefallen, den Sie mir und auch sich selbst tun können, der wäre, daß Sie manchmal versuchten, dieses Schlachtfeld und andere ähnliche angesichts des so unendlich größern Schlachtfeldes des Lebens, das die Sonne jeden Tag bescheint, zu vergessen.«

»Ich fürchte wirklich, Mr. Alfred, daß ihn das nicht umstimmen würde«, sagte Snitchey. »Die Streiter in diesem Lebenskampfe sind hitzig und sehr erbittert aufeinander. Da wird viel gehauen und gestochen und dem Nebenmenschen von hinten in den Kopf geschossen. Da wird schrecklich aufeinander herumgestampft und -getrampelt; es ist doch eine recht böse Sache das.«

»Ich glaube, Mr. Snitchey«, sagte Alfred, »daß in diesem Kampfe auch stille Siege gefeiert, große Opfer gebracht und Heldentaten begangen werden. Und wenn auch nur bei scheinbaren Nichtigkeiten und Meinungsverschiedenheiten. Die aber darum nicht weniger schwierig zu vollbringen sind und die auch in keiner irdischen Chronik oder öffentlich bekannt werden. Taten, die jeden Tag in Ecken und Winkeln und kleinen Haushalten, in Männer- und Frauenherzen vollbracht werden und von denen eine jede auch den strengsten Tadler mit dieser Welt versöhnen und ihm Glauben und Hoffnung zurückgeben könnte. Wenn auch die halbe Bevölkerung Krieg und ein Viertel Prozesse führt. Und das will doch viel sagen.«

Beide Schwestern hörten aufmerksam zu.

»Gut, gut!« sagte der Doktor, »ich bin zu alt, um mich noch bekehren zu lassen, selbst von meinem Freund Snitchey hier nicht oder meiner guten, ledigen Schwester Martha Jeddler, die auch ihre jahrelangen– häuslichen Prüfungen gehabt hat, wie sie's nennt, und dadurch mildtätig und mildgesinnt gegen alle Art Menschen geworden ist und ganz dieselbe Ansicht hat wie Sie (wenn sie auch als Weib weniger vernünftig, dafür um so hartnäckiger ist), so daß wir uns gar nicht mehr vertragen können und einander nur selten sehen. Ich bin auf diesem Schlachtfeld geboren. Ich fing schon als Knabe an, mir über die Geschichte dieses Schlachtfeldes Gedanken zu machen. Sechzig Jahre sind über mein Haupt dahingegangen, und ich habe immer gesehen, daß die ganze Christenwelt mit, der Himmel weiß, wieviel zärtlichen Müttern und leidlich gut geratenen Töchtern, wie den meinen, ganz versessen auf ein Schlachtfeld war. Denselben Widersprüchen begegnen wir überall. Man muß entweder lachen oder weinen über solche unglaubliche Inkonsequenz. Ich ziehe es vor zu lachen.«

Britain, der jedem Sprecher in tiefster Aufmerksamkeit und Melancholie zugehört hatte, schien sich plötzlich zugunsten derselben Meinung zu entscheiden, wenn ein tiefer Grabeston, der aus ihm emporklang, für ein Lachen gehalten werden durfte. Sein Gesicht blieb aber dabei so unbeweglich, daß keiner der Frühstücksgäste, die sich alle erschreckt von dem unheimlichen Ton umdrehten, ihn für den Täter hielt. Ausgenommen die mitbedienende Clemency Newcome, die ihm mit einem ihrer Lieblingsgliedmaßen, dem Ellbogen, einen Stoß gab und ihn mit vorwurfsvollem Gewisper fragte, worüber er denn lache.

»Über dich nicht«, sagte Britain.

»Über wen denn?«

»Über die Menschheit«, sagte Britain, »es ist ein Jux.«

»Wahrhaftig, zwischen unseren Herrn und diesen Advokaten da wird er auch mit jedem Tag blöder und blöder«, rief Clemency aus und gab ihm als geistiges Erfrischungsmittel mit dem andern Ellbogen einen Stoß. »Du weißt wohl nicht, wo du bist. Du willst dir wohl den Kopf einrennen.«

»Ich weiß von nichts«, sagte Britain mit bleiernem Auge und unbeweglichem Gesicht. »Ich kümmere mich um nichts. Ich mach mir aus nichts was draus. Ich glaube nichts und ich brauche nichts.«

Wenn auch diese gedrängte Schilderung in einem Anfall von Schwermut übertrieben sein mochte, so hatte doch Benjamin Britain – den man zuweilen Little Britain nannte, um ihn von Great Britain, das heißt Groß-Britannien, zu unterscheiden, so wie man auch Jung-England als Gegensatz hinstellt zu Alt-England – seinen wirklichen Geisteszustand damit viel besser gezeichnet, als es auf den ersten Blick schien. In einem Dienstverhältnis zu Dr. Jeddler stehend wie weiland der Famulus Miles zu dem Adepten Baco und Tag für Tag gezwungen, die zahllosen Reden mit anzuhören, die der Doktor an Leute verschiedensten Standes richtete und die alle auf den Beweis hinausliefen, daß sogar die eigene Existenz bestenfalls ein Irrtum und eine Absurdität sei, war dieser unglückselige Diener allmählich in einen solchen Abgrund konfuser und widerspruchsvoller Begriffe, die ihn von außen und innen bedrängten, geraten, daß die Wahrheit auf dem Boden ihres Bronnens im Vergleich mit Britains Tiefe geistiger Verfinsterung sich geradezu auf ebener Erde befand. Das einzige, was er klar begriff, war, daß das neue Element, das Snitchey und Craggs in diese Diskussionen hereinbrachten, nicht geeignet war, die Sache aufzuklären, und des Doktors Philosophie nur zu bestätigen schien. Deshalb sah er in den beiden Advokaten nur Miturheber seines Gemütszustandes und verabscheute sie entsprechend.

»Aber dies geht uns jetzt nichts an, Alfred«, sagte der Doktor. »Sie hören mit heute auf, mein Mündel zu sein, und verlassen uns bis zum Rande gefüllt mit dem Wissen, das die Lateinschule hier – und Ihre Studien in London und ein alter, einfacher Landdoktor wie ich – Ihnen geben konnten. So treten Sie jetzt in die Welt ein. Der erste Abschnitt der von Ihrem seligen Vater festgesetzten Prüfungszeit ist jetzt vorüber, und Sie gehen nun als Ihr eigener Herr hinaus, um seinen zweiten Wunsch zu erfüllen; und lange ehe Ihr dreijähriger Kursus an den ausländischen Schulen der Medizin vorbei ist, werden Sie uns vergessen haben. Du mein Gott, es wird nicht einmal sechs volle Monate dauern.«

»Wenn Sie das so genau wissen, warum soll ich da mit Ihnen streiten?« fragte Alfred lachend.

»Ich weiß gar nichts der Art genau«, erwiderte der Doktor. »Was meinst du dazu, Marion?«

Marion spielte mit ihrer Tasse und schien sagen zu wollen – sagte es aber nicht –, daß er sie nur vergessen möge, wenn er könne.

Grace drückte das blühende Gesicht an ihrer Schwester Wangen und lächelte.

»Ich hoffe, ich bin kein schlechter Verwalter des mir anvertrauten Guts gewesen«, fuhr der Doktor fort, »aber jedenfalls muß ich heute in aller Form meines Amtes enthoben werden, und hier sind unsere guten Freunde Snitchey und Craggs mit einem Koffer voll Papieren und Rechnungen und Dokumenten über das Vermögen, das ich Ihnen zu übergeben habe (ich wollte, Alfred, es wäre größer, aber Sie müssen zusehen, daß Sie ein bedeutender Mann werden und es vermehren können), nebst anderm dummen Zeug der Art, das zu unterschreiben, zu besiegeln und zu übergeben ist.«

»Und rechtskräftig zu bezeugen ist, wie es das Gesetz verlangt«, sagte Snitchey, indem er seinen Teller wegschob und die Papiere hervorholte, die sein Kompagnon sodann auf dem Tische ausbreitete. »Und da meine Wenigkeit & Craggs gemeinschaftlich mit Ihnen, Doktor, Kuratoren des Vermögens waren, so brauchen wir Ihre beiden Dienstboten zur Zeugenunterschrift – können Sie lesen, Mrs. Newcome?«

»Ich bin nicht verheiratet, Mister«, sagte Clemency.

»Oh, hätte mir's denken können«, und er warf einen Blick auf ihre außergewöhnliche Gestalt. »Sie können doch lesen?«

»Ein wenig«, antwortete Clemency.

»Die Trauungsformel früh und abends, nicht wahr?« scherzte der Advokat.

»Nein«, sagte Clemency. »Ist mir zu schwer. Ich les' nur den Fingerhut.«

»Den Fingerhut?« wiederholte Snitchey. »Was schwatzen Sie da zusammen, junges Frauenzimmer?«

Clemency nickte und sagte: »Und den Muskatreiber.«

»Die ist mondsüchtig! Etwas für den Lord Oberkanzler«, sagte Snitchey und starrte sie an.

»Sofern sie etwas Vermögen besitzt«, warf Craggs hin.

Jetzt mischte sich aber Grace hinein und verriet, daß auf den beiden fraglichen Stücken ein Motto eingraviert sei und daß sie für Clemency Newcome, die sich mit Büchern nicht viel abgebe, eine Art Taschenbibliothek bedeuteten.

»Ach so ist's, so ist's, Miss Grace!« sagte Snitchey. »Ja so. Hahaha! Ich dachte schon, sie sei verrückt. Sie sieht ganz danach aus«, murmelte er mit einem hochmütigen Blick. »Und was steht auf dem Fingerhut, Mrs. Newcome?«

»Ich bin nicht verheiratet, Mister«, bemerkte Clemency.

»Also gut: Newcome! Ist's jetzt recht?« fragte der Advokat. »Was steht also auf dem Fingerhut, Newcome?«

Wie Clemency, ehe sie diese Frage beantwortete, eine Rocktasche aufhielt und in die gähnende Tiefe nach einem Fingerhut spähte, der nicht drin war, wie sie dann die andere Tasche aufmachte und ihn tief unten wie eine Perle von unschätzbarem Werte auf dem Grunde zu entdecken schien, wie sie dann alle darüber liegenden Hindernisse, als da waren ein Schnupftuch, ein Wachslichtstumpf, ein rotbäckiger Apfel, eine Orange, ein Glückspfennig, ein Vorhängschloß, eine Schere in einem Futteral, besser gesagt, ein junges vielversprechendes Scherenkind, eine Handvoll Glasperlen, mehrere Garnknäuel, eine Nadelbüchse, eine vollständige Sammlung von Haarwickeln und ein Zwieback, wegräumte und jeden dieser Gegenstände einzeln Britain zu halten gab, ist nebensächlich. Auch wie sie bei ihrem Bemühen, diese Tasche an der Kehle zu packen und festzuhalten – sie hatte einen eigentümlichen Hang, zu baumeln und zu entschlüpfen –, eine Stellung einnahm und sich seelenruhig darin behauptete, die allem Anschein nach mit der menschlichen Anatomie und den Gesetzen der Schwerkraft in vollkommenstem Widerspruch stand. Es genügt, zu konstatieren, daß sie schließlich frohlockend den Fingerhut ansteckte und mit dem Muskatreiber klapperte, wobei nur hervorzuheben ist, daß die Literatur auf diesen beiden Geräten infolge der steten übermäßigen Reibung dem Verschwinden nahe war.

»Das ist also der Fingerhut«, sagte Mr. Snitchey, um sich auf ihre Kosten einen Spaß zu machen, »und was sagt der Fingerhut?«

»Der Fingerhut sagt«, antwortete Clemency und las sich langsam um ihn herum wie um einen Turm: »Ver–giß–und–ver–gib–!« Snitchey und Craggs lachten herzlich. »So neu!« sagte Snitchey. »So leicht zu merken!« sagte Craggs. »So viel Menschenkenntnis liegt darin«, sagte Snitchey. »So anwendbar fürs praktische Leben«, sagte Craggs.

»Und der Muskatreiber sagt?« fragte das Haupt der Firma.

»Der Muskatreiber sagt«, entgegnete Clemency: »Was–du– nicht–willst–, das–man–dir-tu', das–füg–auch–keinem–andern– zu.«

»Schnapp zu, bevor du geschnappt wirst, meinen Sie wohl«, sagte Mr. Snitchey.

»Versteh ich nicht«, erwiderte Clemency und schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Advokat nicht.«

»Ich fürchte, wenn sie es wäre, Doktor«, sagte Mr. Snitchey hastig und so schnell wie möglich, um im voraus den Eindruck zu verwischen, den diese Antwort möglicherweise hervorbringen konnte, »würde sie finden, daß es die goldene Lebensregel ihrer halben Klientel ist. Darin sind sie sehr ernsthaft – so närrisch sonst diese Welt ist – und schieben dann uns die Schuld in die Schuhe. Wir Rechtsanwälte sind in unserm Beruf wenig mehr als Spiegel, Mr. Alfred. Aber meistens ziehen uns böswillige und streitsüchtige Leute zu Rate, die nicht in den besten Verhältnissen sind, und deshalb soll man nicht auf uns schimpfen, wenn wir unfreundliche Mienen widerspiegeln. Ich denke«, sagte Mr. Snitchey »daß ich im Sinne meiner Wenigkeit & Craggs' spreche.«

»Entschieden«, sagte Craggs.

»Und so wollen wir denn, wenn Mr. Britain uns mit einem Schluck Tinte zu Dank verpflichten wollte«, sagte Mr. Snitchey und nahm die Papiere wieder zur Hand, »so bald wie möglich alles unterzeichnen, besiegeln und übergeben, sonst kommt die Postkutsche, ehe wir wissen, wo wir sind.«

Wenn man nach dem äußern Schein urteilen wollte, so war es sehr wahrscheinlich, daß die Kutsche vorbeikommen würde, ehe Mr. Britain wußte, wo er war; denn er stand ganz in Gedanken verloren da und wog im Geiste die Gründe des Doktors gegen die der Advokaten und die der Klienten gegen beide ab und machte schwache Versuche, den Fingerhut und den Muskatreiber (ihm bisher ein ganz neuer Begriff) mit irgendeinem ihm bekannten Philosophiesystem in Einklang zu bringen. Kurz, er zerbrach sich, wie nur je sein großer Namensvetter, Great-Britain, den Kopf mit Theorien und Systemen. Aber Clemency, sein guter Genius – er hatte zwar nur eine geringe Meinung von ihrem Verstande, da sie, zwar immer bei der Hand, um das Rechte zur rechten Zeit zu tun, sich nur selten um abstrakte Spekulationen kümmerte –, war unterdessen mit der Tinte erschienen und leistete ihm noch einen weitern Dienst damit, daß sie ihn durch einen Stoß mit dem Ellenbogen aus seiner Zerstreutheit riß und ihn wieder zu sich brachte.

Ich habe keine Zeit, ausführlich zu erzählen, wie Britain die bei Leuten seines Standes, denen der Gebrauch von Tinte und Feder ein Ereignis ist, so häufige Furcht quälte, daß er ein nicht von ihm selbst geschriebenes Dokument nicht mit seinem Namen unterzeichnen könnte, ohne sich einer noch ungekannten Gefahr auszusetzen oder sich unbewußt zur Zahlung ungeheuerer Summen zu verpflichten, und wie er sich den Dokumenten nur unter Protest und vom Doktor gezwungen näherte und darauf bestand, sie erst durchzulesen, ehe er unterschrieb (die verschnörkelte Handschrift und die Juristensprache kamen ihm chinesisch vor) und das Blatt erst umwenden zu dürfen, um zu sehen, ob auf der ändern Seite nichts Gefährliches stünde; und wie er, nachdem er seinen Namen unterschrieben, schwer unglücklich wurde, wie jemand, der sein ganzes Vermögen und alle seine Rechte aus der Hand gegeben hat.

Ebenso habe ich keine Zeit zu schildern, wie die blaue Advokatentasche, die seine Unterschrift aufbewahrte, später eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf ihn ausübte, so daß er sie gar nicht mehr verlassen wollte, ferner, wie Clemency Newcome, ganz außer sich vor Lachen bei dem Gedanken an ihre Wichtigkeit, sich mit beiden Ellenbogen wie ein ausgespannter Adler über den ganzen Tisch legte und den Kopf auf dem linken Arm ausruhen ließ, ehe sie sich an den künstlerischen Entwurf gewisser kabbalistischer Zeichen machte, die sehr viel Tinte brauchten und deren Spiegelbild sie während des Schreibens mit der Zunge in der Luft nachmalte. Ferner, wie sie, nachdem sie einmal Tinte gekostet, unersättlich wurde, wie ein Tiger, der Blut geleckt, und alles mögliche unterzeichnen und ihren Namen in alle Ecken schreiben wollte. Also kurz und gut, der Doktor wurde seines Amtes und seiner Verantwortlichkeit entbunden, Alfred nahm sie selbst auf sich und trat seine Lebensreise an.

»Britain«, sagte der Doktor, »lauf zur Gartentüre und sieh nach, ob die Postkutsche kommt. Die Zeit entflieht, Alfred.«

»Ja, Sir, ja«, antwortete der junge Mann hastig, »liebe Grace, einen Augenblick: Marion – so jung und schön, so begehrenswert und viel umworben, meinem Herzen so teuer wie nichts auf der Welt –, vergiß sie nicht! Ich lege Marion in deine Hände.«

»Sie war mir immer ein heiliges anvertrautes Pfand, Alfred. Sie ist's mir jetzt doppelt. Ich werde mich deines Vertrauens würdig erweisen, verlaß dich auf mich«, sagte Grace.

»Ich verlasse mich auf dich, Grace. Ich weiß es wohl. Wer könnte dir ins Gesicht sehen, deine ernste Stimme hören und es nicht wissen! O gute Grace! Hätte ich dein bezähmtes Herz und deine ruhevolle Seele, wie unbesorgt würde ich heute fortgehen.«

»Meinst du?« entgegnete Grace mit einem ruhigen Lächeln.

»Und doch, Grace – das Wort Schwester drängt sich mir auf die Lippen –«

»Ja! Nenne mich so«, sagte sie lebhaft, »ich höre es so gern. Nenne mich doch immer so.«

»Und doch – Schwester also –«, sagte Alfred, »ist es für Marion und mich besser, daß du so viel Treue und Beständigkeit hast und uns hier mit ihnen hilfst und uns beide glücklicher und besser machst. Ich würde dir diese Eigenschaften nicht wegnehmen, um mir damit den Abschied zu erleichtern, wenn ich auch könnte.«

»Kutsche! Oben auf der Höhe«, rief Britain.

»Die Zeit verstreicht«, sagte der Doktor.

Marion hatte abseits gestanden, die Augen zu Boden gesenkt, aber jetzt führte Alfred sie liebevoll zur Schwester hin und legte sie ihr an die Brust. »Ich habe Grace gesagt, liebe Marion«, sprach er, »daß ich dich bei meinem Scheiden ihrer Obhut anvertraue als mein teuerstes Kleinod, und wenn ich zurückkomme und dich zurückfordere, Geliebteste, und die schöne Zukunft unseres Ehelebens vor uns liegt, dann wird es eine unserer höchsten Freuden sein, nachzudenken, wie wir Grace glücklich machen, ihr die Wünsche an den Augen absehen, ihr unsere Liebe und Dankbarkeit zeigen und etwas von der Schuld abzahlen können, in der wir bei ihr stehen.« Die jüngere Schwester hatte eine Hand in die seine gelegt, die andere ruhte auf der Schwester Nacken. Sie sah in die ruhigen heitern Augen mit einem Blick voll Zuneigung, Verwunderung, Betrübnis und einem Staunen, das fast Verehrung war, sie sah in das Antlitz dieser Schwester, als wäre es das Antlitz eines lichten Engels. Ruhig und fröhlich blickte Graces Antlitz auf Marion und ihren Geliebten.

»Und wenn einmal die Zeit kommt, wie es eines Tages ja geschehen muß – ich wundere mich nur, daß sie nicht schon längst gekommen ist, aber Grace muß es ja am besten wissen, denn sie hat immer recht –, wo sie eines Freundes bedarf, um ihm das ganze Herz auszuschütten, der ihr ein Teil von dem sein soll, was sie uns gewesen ist, dann, Marion, dann wollen wir beweisen, welche Wonne es für uns ist, zu wissen, daß unsere liebe gute Schwester liebt und wieder geliebt wird, wie sie es verdient.«

Noch immer blickte Marion Grace in die Augen und wandte sich nicht von ihr, selbst nicht nach ihm hin. Und noch immer blickten diese ehrlichen Augen so ruhig, so heiter und freudig auf sie und ihren Geliebten.

»Und wenn die Jahre vergangen sein werden und wir alt sind und zusammenleben – ganz eng zusammen – und von den alten Zeiten reden«, sagte Alfred, »dann werden diese unsere liebsten sein und dieser Tag zumeist von allen andern Tagen. Wir werden uns erzählen, was wir beim Abschied gedacht, gefühlt und gehofft und wie wir uns kaum haben voneinander losreißen können.«

»Die Kutsche kommt durchs Gebüsch«, rief Britain.

»Ja, ich bin bereit! Und wenn wir uns wiedersehen – fröhlich –, möge kommen, was da wolle, dann müssen wir diesen Tag als den glücklichsten im ganzen Jahre anstreichen und wie einen dreifachen Geburtstag feiern. Nicht wahr, meine liebe Grace?«

»Ja«, fiel die ältere Schwester freudig und mit einem strahlenden Lächeln ein. »Ja, Alfred! Aber jetzt geh, es ist die höchste Zeit. Sage Marion Lebewohl, und der Himmel sei mit dir!«

Er drückte Marion an sein Herz. Als er sie losließ, schmiegte sie sich wieder an Grace und sah ihr mit demselben Blick voll gemischter Empfindungen in die ruhigen gelassenen Augen.

»Leben Sie wohl, Alfred, mein Junge«, sagte der Doktor. »Von ernstem Briefwechsel, unverbrüchlicher Zuneigung, Verlöbnis und so weiter in dieser – hahaha – ihr wißt schon, was ich sagen will – zu reden, wäre natürlich purer Unsinn. Ich kann nur sagen, daß, wenn Sie und Marion desselben närrischen Sinnes bleiben, wie Sie's jetzt sind, ich gegen Sie als Schwiegersohn, wenn die Zeit kommt, nichts einzuwenden habe.«

»Auf der Brücke«, rief Britain.

»Soll sie kommen«, sagte Alfred und drückte des Doktors Hand kräftig. »Denken Sie manchmal an mich, mein alter Freund und Vormund, mit so viel Ernst, als Ihnen möglich ist. Adieu, Mr. Snitchey; leben Sie wohl, Mr. Craggs.«

»Kommt schon die Straße herunter!« rief Britain.

»Einen Kuß von Clemency Newcome, alter, langer Bekanntschaft wegen – Hand her, Britain –, Marion, geliebtes Herz, leb wohl! Und Schwester Grace, vergiß meiner nicht.«

Das in seiner heitern Ruhe so schöne Gesicht nickte ihm als Antwort zu, aber Marion konnte kein Auge von ihrer Schwester wenden. Die Postkutsche hielt vor dem Tore. Ein geräuschvolles Hantieren mit dem Gepäck, und die Kutsche fuhr davon. Marion rührte sich nicht.

»Er winkt dir mit dem Hute, Liebling«, sagte Grace. »Dein Bräutigam, Herzchen, schau doch!«

Die jüngere Schwester hob den Kopf und drehte sich für einen Augenblick um. Als sie sich dann wieder zu ihrer Schwester wandte und zum erstenmal diesen ruhigen Augen voll begegnete, da fiel sie ihr schluchzend um den Hals.

»O Grace, Gott segne dich! Aber ich kann den Anblick nicht ertragen! Er bricht mir das Herz!«

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