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Drei Weihnachtsgeschichten

Charles Dickens: Drei Weihnachtsgeschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleDrei Weihnachtsgeschichten
publisherWeltbild
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid77100fd6
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Zweiter Teil

Snitchey und Craggs hatten eine hübsche kleine Kanzlei auf der alten Walstatt, wo sie ein hübsches kleines Geschäft betrieben und eine große Menge kleiner regelrechter Schlachten für ebenso zahlreiche streitende Klienten ausfochten. Obwohl man eigentlich nicht sagen konnte, daß diese Kämpfe im allgemeinen flotte Gefechte gewesen wären, denn in Wirklichkeit gingen sie im Schneckengang, so waren sie es doch für die Firma selbst, die bald einen Schuß auf diesen Kläger abgab, bald jenen Verteidiger aufs Korn nahm, jetzt mit aller Macht über ein unter Sequester stehendes Grundstück herfiel und dann wieder ein Scharmützel mit einer irregulären Truppe kleiner Schuldner ausfocht, wie es der Zufall gerade wollte und wie der Feind ihr entgegentrat. Für sie war ebenso wie für berühmtere Leute die »Gazette« ein wichtiges und nötiges Blatt, und von den meisten Aktionen, in denen sie ihr Feldherrntalent bewiesen, sagten die Kombattanten später aus, daß sie wegen des vielen Schwefeldampfes, von dem sie sich umgeben gefühlt, einander nur schwer hätten unterscheiden können und kaum hätten sehen können, was eigentlich vorging. Die Kanzlei der Herren Snitchey und Craggs lag sehr bequem hinter einer immer offenen Türe, zwei glatte Stufen tief auf dem Marktplatz, so daß jeder streitlustige Farmer, den es nach einer heißen Douche verlangte, ohne Umstände hineinstolpern konnte. Ihre Konferenzen hielten sie eine Treppe hoch in einem Hinterzimmer mit einer niedrigen dunklen Decke ab, das aussah, als ob es die Brauen in finsterem Nachdenken über verwickelte Rechtsprobleme zusammenzöge. Das Mobiliar bestand aus einigen Lederstühlen mit hohen Lehnen, besetzt mit großen runden Messingnägeln, von denen hier und da ein paar ausgefallen oder auch unbewußt von den umherirrenden Daumen und Zeigefingern in Verwirrung gesetzter Klienten herausgezogen worden waren. Es hing ein eingerahmter Stahlstich, das Porträt eines berühmten Richters, an der Wand, jede Locke der schrecklichen Perücke danach angetan, einem Menschen das Haar zu Berge stehen zu machen. Ballen von Papier füllten die staubigen Schränke, Regale und Tische, und rings die Wandtäfelung entlang standen Reihen von feuerfesten, mit Vorhängschlössern versehenen Kisten. Mit Namen, die angsterfüllte Klienten wie unter einem grausamen Zauber vorwärts und rückwärts zu buchstabieren sich gezwungen fühlten, während sie scheinbar Snitchey und Craggs zuhörten, ohne auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Snitchey und Craggs hatten wie im Berufs-, so auch im Privatleben einen Partner auf Lebenszeit. Das heißt, sie waren verheiratet. Snitchey und Craggs, die besten Freunde von der Welt, schenkten einander volles Vertrauen. Aber wie so etwas häufig im Leben vorkommt, betrachtete Snitcheys Gattin Mr. Craggs vorsätzlich mit argwöhnischem Auge, und dasselbe tat Mrs. Craggs hinsichtlich Mr. Snitchey.

»Na, du mit deinen Snitcheys«, pflegte Mrs. Craggs zu ihrem Gatten zu sagen, indem sie die Mehrzahl anwandte, als ob sie geringschätzig von einem Paar nicht einwandfreier Pantoffeln oder anderen Gegenständen, die in der Einzahl nicht vorkommen, spräche, »du mit deinen ewigen Snitcheys, ich weiß nicht, was du mit deinen ewigen Snitcheys willst. Du verläßt dich viel zuviel, kommt mir vor, auf deine Snitcheys, und ich hoffe nur, daß meine Worte niemals zur Wahrheit werden.« Mrs. Snitchey hingegen äußerte sich zu ihrem Mann über Craggs in dem Sinne, daß, wenn er – Snitchey – sich jemals von einem Menschen auf Abwege bringen ließe, es nur durch diesen Mann geschehen würde. Und wenn je in einem sterblichen Auge sich Falschheit spiegle, so in Craggs' Auge.

Nichtsdestoweniger waren sie doch recht gute Freunde, und zwischen Mrs. Snitchey und Mrs. Craggs bestand ein besonderes enges Bündnis gegen die »Kanzlei«, die in ihren Augen eine Art Blaubartkammer war – ein gemeinsamer Feind voll gefährlicher, weil unbekannter Umtriebe.

In dieser Kanzlei sammelten indessen Snitchey und Craggs Honig aus ihren mannigfachen Bienenstöcken. Hier pflegten sie sich an schönen Abenden am Fenster ihres Konferenzzimmers, das hinaus auf die alte Walstatt sah, aufzuhalten und sich zu wundern (aber das war gewöhnlich nur in der Schwurgerichtszeit, wenn die übermäßige Praxis sie sentimental machte) über die Torheit des Menschengeschlechts, das nicht in Frieden leben und seine Prozesse vor dem Zivilgericht ausfechten wollte. Hier zogen Tage und Wochen, Monate und Jahre an ihnen vorbei, und ihr Kalender, die allmählich abnehmende Zahl der Messingnägel in den Ledersesseln und die anwachsenden Stöße Papier auf dem Tische legten Zeugnis davon ab. Fast drei Jahre waren seit jenem Frühstück im Obstgarten verflossen, da saßen die beiden wieder eines Abends beisammen bei einer Konferenz. Die Zeit hatte den einen mager und den andern dick gemacht.

Ein Mann in den Dreißigern, ein wenig salopp angezogen und ein bißchen verlebt in den Zügen, sonst aber gut gewachsen und fein gekleidet, saß bei ihnen in dem Staatslehnstuhl, die eine Hand in der Brust des Rockes, die andere in dem etwas zerwühlten Haar, und in trübes Nachdenken versunken. Die Herren Snitchey und Craggs saßen an einem Pulte daneben einander gegenüber. Eine der feuerfesten Kisten war aufgesperrt, ein Teil ihres Inhalts lag auf dem Tisch ausgebreitet, während der Rest durch die Hand Mr. Snitcheys ging, der ein Dokument nach dem andern ans Licht hielt, jedes Papier einzeln ansah, dabei den Kopf schüttelte und es dann Mr. Craggs hinreichte, der es ebenfalls ansah, dabei den Kopf schüttelte und es wieder weglegte. Zuweilen hielten sie inne, schüttelten gemeinsam den Kopf und blickten auf ihren in Gedanken versunkenen Klienten. Da auf der Kiste stand: Michael Warden, Hochwohlgeboren, konnte man wohl schließen, daß Name wie Kiste zu diesem Klienten gehörten und daß die Angelegenheiten Michael Wardens Hochwohlgeboren schlecht standen.

»Das ist alles«, sagte Mr. Snitchey und legte das letzte Papier hin. »Ich sehe keine weitere Möglichkeit. Keine weitere Möglichkeit.«

»Alles verloren, verschwendet, verpfändet, verschuldet und verkauft, was?« sagte der Klient und blickte auf.

»Alles«, sagte Mr. Snitchey.

»Es läßt sich nichts mehr machen, sagen Sie?«

»Gar nichts mehr.«

Der Klient kaute an seinen Nägeln und versank wieder in Brüten.

»Und ich bin nicht einmal persönlich mehr sicher in England, meinen Sie?«

»In keinem Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland«, antwortete Snitchey.

»Also so etwas wie ein verlorner Sohn! Aber einer, der keinen Vater hat, um zu ihm zurückzukehren, keine Schweine, um sie zu hüten, und keine Treber, um sie mit ihnen zu teilen, was?« fuhr der Klient fort, ein Bein über das andere schlagend, die Augen zu Boden gesenkt.

Mr. Snitchey hustete bloß, als wolle er sich gegen einen Vergleich zwischen einer allegorischen Darstellung und einem Rechtsverhältnisse verwahren. Mr. Craggs hustete ebenfalls, um zu erkennen zu geben, daß das gemeinsame Ansicht der Firma sei.

»Ruiniert mit dreißig Jahren«, sagte der Klient, »uff!«

»Nicht ruiniert, Mr. Warden«, antwortete Snitchey, »so schlimm steht's nicht. Sie haben sich nach Kräften bemüht, muß ich gestehen, aber ruiniert sind Sie nicht. Ein wenig Einschränkung – ein wenig Haushalten –«

»Ein wenig zum Teufel«, sagte der Klient.

»Mr. Craggs«, sagte Snitchey, »würden Sie mich mit einer Prise verpflichten? Besten Dank, Sir.«

Während der unerschütterliche Rechtsanwalt den Tabak in die Nase schnupfte, versonnen und offenbar mit großem Genuß in diese Beschäftigung vertieft, verzog der Klient langsam das Gesicht zu einem Lächeln, sah auf und sagte:

»Sie sprechen von Haushalten. Wie lange haushalten?«

»Wie lange haushalten?« antwortete Snitchey und schnappte die letzten Tabakkörner von den Fingern und nahm in seinem Kopfe eine lange Berechnung vor. »Bei Ihrem verschuldeten Vermögen, Sir? In guten Händen, Sir? S. & C.'s Händen, sagen wir? Sechs bis sieben Jahre!«

»Sechs bis sieben Jahre lang verhungern«, sagte der Klient mit ärgerlichem Lachen und ungeduldig auf dem Stuhle hin und her rutschend.

»Sechs bis sieben Jahre lang verhungern, Mr. Warden, wäre etwas außergewöhnlich Ungewöhnliches«, sagte Snitchey. »Sie könnten sich während der Zeit damit sehen lassen und ein großes Vermögen dabei verdienen. Aber wir sind der Meinung, Sie würden es nicht aushalten! Ich spreche für meine Wenigkeit & Craggs – und rate infolgedessen davon ab.«

»Also was raten Sie eigentlich?«

»Einschränken«, wiederholte Snitchey. »Haushalten. Ein paar Jahre Haushalten unter der Aufsicht meiner Wenigkeit & Craggs' würde alles wieder in Ordnung bringen. Um uns aber in Stand zu setzen, Termine anbieten und einhalten zu können und auch Ihnen zu ermöglichen, Termine einzuhalten, müssen Sie im Ausland leben. Was das Verhungern anbelangt, können wir Ihnen selbst jetzt schon ein paar hundert Pfund jährlich aussetzen, selbst schon für den Anfang, getraue ich mir zu sagen, Mr. Warden.«

»Einige hundert«, sagte der Klient, »und ich habe Tausende gebraucht.«

»Darüber«, entgegnete Mr. Snitchey und legte die Papiere bedächtig wieder in die eiserne Kiste, »darüber besteht kein Zweifel. Besteht kein Zweifel«, wiederholte er zu sich selbst, gedankenvoll in seiner Beschäftigung fortfahrend.

Der Advokat kannte höchstwahrscheinlich seinen Mann; jedenfalls übte seine trockene, verschmitzte und wunderliche Weise einen günstigen Einfluß auf die Verdrossenheit seines Klienten aus und stimmte ihn freier und ungezwungener. Vielleicht kannte auch der Klient seinen Mann und hatte das Angebot nur herausgelockt, um den Plan, mit dem er jetzt herausrückte, besser verteidigen zu können. Er erhob langsam den Kopf und sah seinen undurchdringlichen Ratgeber mit einem Lächeln an, aus dem bald ein Lachen wurde.

»Offenbar, mein starrköpfiger Freund«, sagte er.

Mr. Snitchey zeigte auf seinen Kompagnon: »... und Craggs, Sie entschuldigen, Mr. Warden! – und Craggs.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Craggs«, sagte der Klient. »Offenbar also, meine starrköpfigen Freunde«, er lehnte sich in seinem Sessel vor und senkte die Stimme ein wenig, »kennen Sie meinen Ruin noch nicht zur Hälfte.«

Mr. Snitchey fuhr zusammen und starrte ihn an. Mr. Craggs tat desgleichen.

»Ich bin nicht nur bis über die Ohren verschuldet«, sagte der Klient, »sondern auch bis über die Ohren –«

»Doch nicht verliebt?« rief Snitchey.

»Ja«, sagte der Klient, indem er in den Stuhl zurücksank und die Anwaltfirma, die Hände in die Taschen gesteckt, betrachtete: »Bis über die Ohren verliebt.«

»In eine Erbin?« fragte Snitchey.

»Nicht in eine Erbin.«

»Auch nicht in eine reiche Dame?«

»Nicht reich, soviel ich weiß, außer an Schönheit und Tugend.«

»In eine unverheiratete Dame, hoffe ich«, sagte Mr. Snitchey mit großem Nachdruck.

»Natürlich.«

»Doch nicht in eine von Dr. Jeddlers Töchtern?« fragte Snitchey, plötzlich die Ellbogen auf die Knie stemmend und sein Gesicht wenigstens eine Elle weit vorstreckend.

»Doch«, erwiderte der Klient.

»Doch nicht in seine jüngere Tochter?« fragte Snitchey.

»Doch«, antwortete der Klient.

»Mr. Craggs«, sagte Snitchey, sichtlich erleichtert, »würden Sie mich nochmals mit einer Prise Tabak verpflichten! Ich danke ihnen, Sir. Ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen sagen zu können, Mr. Warden, daß daraus nichts werden kann, Sir, denn sie ist verlobt. Mein Kompagnon kann es bestätigen. Wir sind von der Sachlage unterrichtet.«

»Wir sind von der Sachlage unterrichtet«, bestätigte Craggs.

»Nun, ich vielleicht auch«, antwortete der Klient ruhig. »Was will das besagen? Sie wollen welterfahrene Leute sein und haben noch nie gehört, daß ein Weib andern Sinnes werden kann.«

»Es sind allerdings Klagen wegen Bruchs des Eheversprechens schon vorgekommen«, sagte Mr. Snitchey, »sowohl gegen Bräute wie gegen Witwen, aber in den meisten Fällen –«

»Fällen«, unterbrach ihn der Klient ungeduldig, »kommen Sie mir nicht mit Fällen. Das Leben füllt einen viel größern Band, als Ihre juristischen Schmöker es sind. Übrigens glauben Sie vielleicht, ich habe umsonst sechs Wochen in des Doktors Haus gewohnt?«

»Ich meine, Sir«, bemerkte Mr. Snitchey ernst, zu seinem Kompagnon gewandt, »ich glaube, daß von allen Streichen, die Mr. Warden schon von seinen Pferden gespielt worden sind – und sie waren ziemlich zahlreich und ziemlich kostspielig, wie niemand besser weiß als er und wir beide –, der schlimmste der war, daß ihn eines derselben mit drei gebrochenen Rippen, einer Achselverrenkung und Gott weiß wie viel Quetschungen an Dr. Jeddlers Gartenmauer zurückgelassen hat. Damals, als wir ihn an des Doktors Hand genesen sahen, dachten wir an nichts Böses, aber jetzt sieht es schlimm aus, Sir, schlimm! Es sieht sehr schlimm aus. Und noch dazu Dr. Jeddler – unser Klient, was, Mr. Craggs?«

»Und Mr. Alfred Heathfield dazu – fast auch schon ein Klient, Mr. Snitchey«, sagte Craggs.

»Und Mr. Michael Warden, ebenfalls Klient. In gewisser Hinsicht«, bemerkte der Besucher ungeniert, »und obendrein kein schlechter, da er zehn bis zwölf Jahre lang ein guter Spielball war. Allerdings hat sich Mr. Warden jetzt die Hörner abgelaufen. Dort in der Kiste – liegen die Späne, und er gedenkt jetzt in sich zu gehen und klüger zu werden, und zum Beweis dessen will Mr. Warden, wenn er kann, Marion, des Doktors liebenswürdige Tochter, heiraten und sie mit sich nehmen.«

»In der Tat, Mr. Craggs –«, begann Snitchey.

»In der Tat, Mr. Snitchey und Mr. Craggs, hochgeschätzte Firma«, unterbrach der Klient. »Sie kennen doch Ihre Pflicht Ihrem Klienten gegenüber und wissen ganz genau, daß es nicht Ihre Sache ist, sich in eine Liebesangelegenheit zu mischen, die ich Ihnen anvertrauen mußte?! Ich denke nicht daran, die junge Dame ohne ihre Einwilligung zu entführen. Es ist nichts Ungesetzliches dabei. Ich war niemals Mr. Heathfields Busenfreund. Ich mache mich keines Vertrauensbruches gegen ihn schuldig. Ich liebe, wo er liebt, und denke zu gewinnen, wo er gewinnen wollte – wenn ich kann.«

»Er kann nicht, Mr. Craggs«, sagte Snitchey, sichtlich beunruhigt und nervös. »Es wird ihm nicht gelingen, Sir. Sie hängt sehr an Mr. Alfred.«

»Wirklich?« meinte der Klient.

»Mr. Craggs, sie ist geradezu vernarrt in ihn, Sir«, beteuerte Snitchey.

»Ich habe doch nicht umsonst sechs Wochen in des Doktors Hause gewohnt. Und ich hatte bald so meine Zweifel«, bemerkte der Klient. »Ja, sie würde sehr an ihm hängen, wenn es nach dem Willen ihrer Schwester ginge, aber ich habe sie beobachtet. Marion vermeidet es, seinen Namen auszusprechen, weicht dem Thema überhaupt aus, schon bei der leisesten Anspielung.«

»Warum sollte sie das, Mr. Craggs? Warum sollte sie das, Sir?« fragte Snitchey.

»Ich weiß nicht warum, obwohl es viele Erklärungsgründe dafür gibt«, sagte der Klient und lächelte innerlich über die Spannung und Betroffenheit, die sich in Mr. Snitcheys wißbegierig glänzendem Auge ausdrückte, und über die vorsichtige Weise, mit der er selbst die Unterhaltung führte, um von der Sache mehr zu erfahren. – »Aber daß es der Fall ist, weiß ich bestimmt. Sie war sehr jung, als sie sich verlobte – wenn man es überhaupt so nennen darf – und bereut es vielleicht. Vielleicht – es ist eine peinliche Sache, so etwas auszusprechen, aber meiner Seel, ich meine es nicht schlimm –, vielleicht hat sie sich in mich verliebt so wie ich mich in sie.«

»Hoho, Mister Alfred, ihr alter Spielgefährte, Sie wissen, Mr. Craggs«, sagte Snitchey mit gezwungenem Lachen, »kannte sie schon als Wickelkind.«

»Um so wahrscheinlicher, daß sie es endlich satt hat, an ihn zu denken«, fuhr der Klient gelassen fort, »und nicht abgeneigt ist, ihn mit einem neuen Liebhaber zu vertauschen, der ihr unter romantischeren Umständen vor Augen trat oder besser gesagt von seinem Pferd vor Augen gebracht wurde, mit einem Liebhaber, der in dem für ein Mädchen vom Lande nicht ungünstigen Rufe steht, leichtsinnig und flott gelebt und dabei nichts Böses getan zu haben, und der es seinem Äußern nach – es mag das schon wieder eingebildet klingen, aber meiner Seel, ich meine es nicht so – mit Mr. Alfred noch lange aufnehmen kann.«

Dagegen ließ sich nicht viel einwenden, eigentlich gar nichts. Mr. Snitchey erkannte das genau, als er seinen Klienten mit einem Blick streifte. Gerade in der Sorglosigkeit und Ungeniertheit, mit der sich jener gab, lag viel natürliche Anmut und Liebenswürdigkeit. Es mußte den Eindruck machen, daß sein hübsches Gesicht und seine elegante Gestalt noch viel besser sein könnten, wenn er nur wollte, und daß er voll Kraft und Energie sein könnte, wenn er nur einmal sich aufraffen und Ernst machen wollte. (Bis jetzt hatte er es noch nie getan.)

»Eine gefährliche Sorte von Lebemann«, sagte sich der geriebene Advokat, »der sich sogar das Feuer, dessen er in den Augen einer jungen Dame bedarf, ausborgt und schuldig bleibt.«

»Also hören Sie, Snitchey«, fuhr der Klient fort, indem er aufstand und den Rechtsanwalt bei einem Knopfe faßte, »und Sie, Craggs«, er faßte Craggs ebenfalls bei einem Knopfe und stellte den einen rechts, den ändern links, so daß keiner entschlüpfen konnte, »ich frage Sie nicht um Rat. Sie tun ganz recht daran, sich von dieser Sache vollständig fernzuhalten, die nicht derart ist, daß sich ernste, gesetzte Männer wie Sie hineinmischen könnten. Ich will Ihnen bloß kurz mit ein paar Worten meine Lage und meine Absichten darstellen und es dann Ihnen überlassen, für mich in meinen Geldangelegenheiten das Bestmögliche zu tun, denn Sie werden einsehen, wenn ich jetzt mit des Doktors schöner Tochter entfliehe (ich hoffe es zu tun und unter ihrem liebenswürdigen Einfluß ein anderer Mensch zu werden), dürfte das augenblicklich viel kostspieliger sein, als wenn ich allein fliehe. Doch wird sich dies durch eine veränderte Lebensweise bald wieder einbringen lassen.«

»Ich denke, es ist besser, wir verschließen diesen Ausführungen unser Ohr, Mr. Craggs«, sagte Snitchey und schielte zu seinem Kompagnon hinüber.

»Das ist auch meine Ansicht«, sagte Craggs. Beide hörten trotzdem aufmerksam zu.

»Sie können ruhig Ihr Ohr verschließen«, antwortete der Klient. »Ich will es aber doch erzählen. Ich habe nicht vor, des Doktors Einwilligung mir zu erbitten, weil er sie mir sowieso nicht geben würde. Ich tue dem Doktor nichts Böses damit (übrigens, wie er selbst sagt, sind solche Kleinigkeiten durchaus nicht ernsthaft zu nehmen), will ich doch sein Kind, meine Marion, von etwas befreien, was sie, wie ich genau weiß, mit Bangen im Herzen kommen sieht, nämlich von der Rückkehr ihres früheren Liebhabers zu ihr. Wenn irgend etwas in der Welt wahr ist, so ist es das, daß sie seiner Rückkehr mit Schrecken entgegensieht. Es geschieht also niemand etwas Böses. Ich bin so gehetzt und gejagt gerade jetzt, daß ich das Leben eines fliegenden Fisches führe. Ich bin umlauert selbst im Finstern, bin ausgesperrt aus meinem eignen Haus und von meinem eignen Grund und Boden vertrieben. Aber dieses Haus und dieser Grund und Boden und manches Joch Feld dazu werden mir eines Tages wieder gehören, wie Sie wissen und selbst sagen, und Marion wird wahrscheinlich als meine Frau nach zehn Jahren reicher dastehen – das müssen Sie nach Ihrer Darlegung, die gewiß nicht sanguinisch ist, zugeben – als an Alfred Heathfields Seite, dessen Rückkehr sie mit Furcht entgegensieht (bedenken Sie das wohl) und dessen Leidenschaft nicht heißer als meine sein kann. Wem geschieht also irgendein Unrecht? Die Sache ist fair von Anfang bis zu Ende. Mein Recht ist das gleiche wie seines, wenn sie zu meinen Gunsten sich entscheidet. Und ich will es auf ihre Entscheidung ankommen lassen. Es wird Ihnen lieb sein, wenn Sie nicht mehr viel von dieser Sache hören, und ich werde Ihnen auch nicht weiter mehr erzählen. Jetzt kennen Sie mein Vorhaben und wissen, was mir not tut. Wann muß ich fort von hier?«

»In einer Woche«, sagte Snitchey. »Was meinen Sie, Mr. Craggs?«

»Eher noch früher, möchte ich glauben«, antwortete Craggs.

»In einem Monat«, sagte der Klient, nachdem er die Gesichter der beiden scharf beobachtet hatte. »Heute über einen Monat.

Heute haben wir Donnerstag. Ob es glückt oder mißlingt, von heute über einen Monat reise ich ab.«

»Die Frist ist zu lang«, sagte Snitchey, »viel zu lang. Aber sei es schon. Ich glaubte schon, er würde sich drei ausbedingen«, brummte er in sich hinein.

»Sie gehen schon? Guten Abend, Sir.«

»Guten Abend«, antwortete der Klient und schüttelte der Firma die Hände. »Sie sollen sehen, welch guten Gebrauch ich noch von Reichtum machen werde. Von heute an heißt der Stern meines Schicksals Marion!«

»Geben Sie auf die Treppe acht, Sir«, versetzte Snitchey, »denn dort scheint der Stern nicht. Guten Abend.«

»Guten Abend!«

Die beiden Rechtsanwälte standen auf der obersten Stufe, jeder eine Kanzleikerze in der Hand, und leuchteten ihm hinunter. Als er fort war, standen sie da und sahen einander an.

»Was denken Sie von all dem, Mr. Craggs«, sagte Snitchey.

Mr. Craggs schüttelte den Kopf.

»Es war wohl unsre Meinung an dem Tage, als die Vormundschaft aufgehoben wurde, daß in der Art, wie das Paar voneinander Abschied nahm, etwas nicht ganz richtig wäre, ich erinnere mich jetzt«, sagte Snitchey.

»So ist's«, sagte Mr. Craggs.

»Vielleicht täuscht er sich doch«, fuhr Mr. Snitchey fort, sperrte die feuerfeste Kiste ab und stellte sie weg. »Und wenn nicht, ist schließlich ein bißchen Flatterhaftigkeit und Untreue auch kein Wunder, Mr. Craggs. Und doch hätte ich gedacht, daß das hübsche Gesichtchen sehr treu aussähe. Mir kam es vor«, sagte Mr. Snitchey, indem er seinen großen Mantel wegen des kalten Wetters draußen umnahm und seine Handschuhe anzog und dann eine der beiden Kerzen auslöschte, »als ob ihr Charakter in letzter Zeit kräftiger und entschlossener geworden wäre, entschlossener sogar als der ihrer Schwester.«

»Mrs. Craggs war derselben Meinung«, bemerkte Craggs.

»Ich gäbe wirklich etwas darum«, bemerkte Mr. Snitchey der im Grunde sehr gutherzig war, »wenn ich hoffen dürfte, daß Mr. Warden die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Aber so leichtsinnig, launenhaft und unbedacht er auch ist, so kennt er immerhin die Welt und die Menschen. Er muß es wohl und hat seine Kenntnis teuer genug bezahlt. Ich kann mir nicht recht denken, daß er sich täuscht. Wir tun wohl am besten, uns nicht hineinzumischen; wir können weiter nichts tun, Mr. Craggs, als schweigen.«

»Weiter nichts«, stimmte Craggs zu.

»Unser guter Freund, der Doktor, nimmt solche Sachen zu leicht«, sagte Snitchey kopfschüttelnd. »Ich hoffe, daß ihn seine Philosophie diesmal nicht im Stiche läßt. Unser junger Freund sprach viel vom Schlachtfeld des Lebens« – er schüttelte wieder den Kopf –, »ich hoffe, daß er nicht schon beim Morgenrot unter die Gefallenen zählt. Haben Sie Ihren Hut, Mr. Craggs? Ich will das andere Licht auslöschen.«

Als Mr. Craggs bejahte, ließ Mr. Snitchey die Tat dem Worte folgen, und sie tasteten sich aus der Kanzlei hinaus, die jetzt in Dunkelheit lag wie das Thema oder wie die Gesetzgebung im allgemeinen.

Meine Geschichte führt nun in ein kleines, stilles Studierzimmer, wo an demselben Abend die Schwestern und der muntere alte Doktor vor einem traulichen Kamin saßen. Grace nähte, Marion las aus einem Buche vor. Der Doktor, in Schlafrock und Pantoffeln, die Füße auf dem warmen Kaminteppich, hörte in seinem Lehnstuhl zu und betrachtete seine Töchter. Sie waren beide sehr schön. Zwei hübschere Gesichter hatten noch nie eine Kaminecke traulich und heimisch gemacht. Etwas von ihrer Verschiedenheit hatten die abgelaufenen drei Jahre gemildert, und auf der reinen Stirn der Jüngern Schwester, in ihrem Auge und dem Ton ihrer Stimme war dieselbe ernste Innigkeit zu erkennen, die bei ihrer altern Schwester eine mutterlos verlebte Jugend schon längst gereift hatte. Aber immer noch schien sie lieblicher und zarter als die andere, immer noch schien sie ihr Haupt an ihre Schwester lehnen zu wollen und auf sie zu bauen und Rat und Hilfe in ihren Augen zu suchen. In diesen liebevollen Augen, so ruhig, so heiter und so freundlich, wie ehedem.

»Und da sie jetzt im Vaterhause war«, las Marion aus dem Buche vor, »dem Vaterhause, das ihr so unendlich teuer geworden durch alle ihre Erinnerungen, begann sie jetzt zu fühlen, daß die schwere Prüfung ihres Herzens bald kommen müsse und sich nicht mehr würde aufschieben lassen. O Vaterhaus, unser Trost und Freund, wenn alle andern dahingegangen sind, von dem der Abschied bei jedem Schritt zwischen Wiege und Grab –«

»Meine liebe Marion!« sagte Grace.

»Aber Kätzchen!« rief ihr Vater aus. »Was fehlt dir denn?«

Marion faßte ihrer Schwester hingestreckte Hand und las weiter. Aber ihre Stimme bebte und zitterte, trotzdem sie sich bemühte, ihre Ergriffenheit zu verbergen.

»– von dem der Abschied bei jedem Schritt zwischen Wiege und Grab immer kummervoll ist. O Vaterhaus, uns allen so teuer, vergib uns, wenn wir uns von dir wenden, und sei nachsichtig, wenn unser Fuß strauchelt! Laß kein Lächeln aus alter Zeit in dem Blick deines Erinnerungsbildes leuchten! Keinen Strahl von Liebe, Milde, Nachsicht und Herzlichkeit ausgehen von dem Haupt in weißem Haar! Keine Erinnerung an Liebeswort und Liebesblick den anklagen, der dich verlassen. Nur wenn dein Blick strafend und streng ist, dann sieh in deiner Barmherzigkeit den Reuigen an.«

»Liebe Marion, lies nicht weiter heut abend«, sagte Grace, denn sie bemerkte die Tränen in den Augen ihrer Schwester.

»Ich kann nicht mehr«, sagte Marion und klappte das Buch zu. Die Worte schienen sie zu brennen.

Der Doktor war sehr belustigt und streichelte ihr das Haar.

»So etwas! Von einem Roman ganz aus der Fassung gebracht, von Druckerschwärze und Papier! Na, na, es ist schließlich ein und dasselbe, es ist ebenso vernünftig, Papier und Druckerschwärze ernst zu nehmen, wie irgendein anderes Ding. Aber trockne deine Tränen, Kind, trockne doch deine Tränen. Ich bin überzeugt, die Heldin ist längst wieder im Vaterhaus und alles ist wieder gut – und wenn nicht, so besteht ein wirkliches Heim bloß aus vier Wänden und ein eingebildetes aus Papier und Tinte. Was ist denn schon wieder los?«

»Ich bin's bloß, Mister«, sagte Clemency und steckte den Kopf zur Türe herein.

»Und was fehlt dir denn?« fragte der Doktor.

»Mein Gott, mir nichts«, erwiderte Clemency.

Das war freilich wohl wahr, nach ihrem rein gewaschenen Gesicht zu urteilen, aus dem wie gewöhnlich die beste Laune strahlte, die sonst wenig hübschen Züge verschonend. Wohl gelten Abschürfungen auf dem Ellbogen gewöhnlich nicht als persönlicher Reiz oder Schönheitsflecke, aber besser, man stößt sich auf dem Gang durchs Leben bloß die Arme wund als die Laune: und Clemencys Gemütsstimmung war, was das anbetrifft, so frisch und gesund wie die irgendeiner Schönen des Landes.

»Nichts fehlt mir«, sagte Clemency und trat zur Türe herein. »Aber kommen Sie mal etwas näher, Mister.«

Einigermaßen erstaunt willfahrte der Doktor ihrer Einladung.

»Sie sagten, ich sollte Ihnen keinen geben, wenn die andern dabei sind«, sagte Clemency.

Ein in der Familie Fremder hätte nach ihrem merkwürdigen Liebäugeln bei diesen Worten und der eigentümlichen verzückten Bewegung ihrer Ellbogen, als wolle sie sich selbst umarmen, annehmen müssen, daß sie, milde ausgedrückt, einen ehrsamen Kuß meine. In der Tat schien der Doktor im ersten Moment selbst etwas bestürzt. Aber bald gewann er seine Fassung wieder, als Clemency begann, ihre beiden Taschen zu durchsuchen, wobei sie mit der rechten anfing, dann in der unrichtigen wühlte, zuletzt zu der rechten wieder zurückkehrte und einen Brief zum Vorschein brachte.

»Britain fuhr vorbei«, sagte sie und reichte den Brief dem Doktor hin, »gerade als die Post ankam, und wartete darauf. Es steht A. H. in der Ecke. Ich wette, Mr. Alfred ist auf der Heim- reise. Wir kriegen eine Hochzeit ins Haus – heut morgen waren zwei Löffel in der Suppenschüssel. Ach du mein Gott, wie langsam er ihn wieder aufmacht!«

Sie brachte das alles vor wie ein Selbstgespräch, reckte sich in ihrer Ungeduld, die Nachricht zu vernehmen, auf den Zehen immer höher und höher, drehte ihre Schürze zu Korkzieherform und machte einen Mund wie einen Flaschenhals. Auf dem Höhepunkt der Erwartung angekommen, weil der Doktor mit dem Briefe immer noch nicht fertig werden wollte, ließ sie sich plötzlich wieder auf die Fußsohlen fallen und bedeckte mit der Schürze ihr Gesicht, ganz verzweifelt und nicht mehr imstande, es noch länger auszuhalten.

»Hierher, Kinder!« schrie der Doktor. »Ich kann mir nicht helfen, ich habe niemals in meinem Leben ein Geheimnis bei mir behalten können. Es gibt auch nicht viel, was geheim zu halten wäre in dieser – doch still davon. Also, Alfred ist schon auf dem Heimweg und kommt demnächst an.«

»Demnächst«, wiederholte Marion.

»Nun, so bald doch nicht, wie du in deiner Ungeduld wohl vermutest, aber immerhin bald genug. Laßt mal sehen. Heute ist Donnerstag, nicht wahr? Dann will er heute in einem Monat hier sein.«

»Von heute in einem Monat«, wiederholte Marion leise.

»Ein fröhlicher Tag und ein Festtag für uns«, sagte Graces heitere Stimme, und sie küßte Marion beglückwünschend.

»Ein lang erwarteter Tag, Liebling, aber endlich doch gekommen.«

Ein Lächeln war die Antwort, ein trübes Lächeln, aber voll schwesterlicher Liebe, und als sie Grace ins Gesicht sah und der ruhigen Musik ihrer Stimme lauschte, wie sie die Freude über die Rückkehr weiter ausspanne da glänzte in ihrem eigenen Antlitz wieder Hoffnung und Freude auf.

Und noch etwas anderes: etwas, das durch alle ändern Empfindungen durchschimmerte und für das es keine Worte gibt. Es war nicht Freude, Frohlocken oder Stolz. Die hätten sich nicht so ruhig geäußert. Es war nicht nur Liebe und Dankbarkeit und entsprang keinem selbstsüchtigen Gedanken. Diese glänzen nicht so auf der Stirn, schweben nicht so auf den Lippen, bewegen das Herz nicht derart, daß es den ganzen Körper ergreift.

Dr. Jeddler konnte trotz seiner Philosophie, mit der er beständig in der Praxis in Widerspruch geriet, wie es auch berühmteren Philosophen zu ergehen pflegt, sein starkes Interesse an der Rückkehr seines alten Schülers und Mündels nicht verleugnen. So setzte er sich wieder in seinen Lehnstuhl, streckte abermals die Füße auf dem warmen Kaminteppich aus und las den Brief wieder und wieder durch und hörte nicht auf, davon zu sprechen.

»Es hat einmal eine Zeit gegeben«, sagte er und blickte ins Feuer, »als du und er Arm in Arm herumlieft, wie ein Paar lebendige Puppen, weißt du noch, Grace?«

»O ja«, antwortete sie mit munterm Lachen und hantierte emsig mit ihrer Nadel.

»Heute in einem Monat, wahrhaftig«, meinte der Doktor nachdenklich. »Und wo war meine kleine Marion damals?«

»Nie weit von ihrer Schwester«, sagte Marion fröhlich, »wenn sie auch noch klein war. Grace war mir alles, damals schon, als sie selbst noch ein Kind war.«

»Sehr richtig, Kätzchen, sehr richtig«, erwiderte der Doktor. »Sie war ein gesetztes kleines Frauchen, Grace, und eine gute Haushälterin; ein geschäftiges, ruhiges, nettes Ding, das unsere Launen mit Geduld ertrug und immer ihre eignen Wünsche vergaß, selbst damals schon, wenn sie uns unsere von den Augen ablesen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, daß du jemals, Grace, mein Liebling, eigenwillig oder rechthaberisch gewesen wärst. Außer in einem Punkt!«

»Ich fürchte, ich habe mich seitdem sehr zu meinem Nachteil verändert«, lachte Grace, immer noch emsig nähend. »Und was war das für ein Punkt, Vater?«

»Alfred natürlich«, sagte der Doktor. »Man mußte dich immer Alfreds Frau nennen. So nannten wir dich also Alfreds Frau, und nichts mochtest du lieber, so komisch das jetzt klingt; nicht einmal der Titel einer Herzogin, wenn wir dich zu einer solchen hätten machen können, wäre dir lieber gewesen.«

»Wirklich?« sagte Grace ruhevoll.

»Du weißt das nicht mehr?« fragte der Doktor.

»Ich glaube, ich erinnere mich, aber nur noch flüchtig. Es ist schon zu lange her.« Und sie summte den Refrain eines alten Liedes, das der Doktor gern hatte, vor sich hin.

»Alfred wird bald eine wirkliche Frau haben«, sagte sie, dem Gespräch eine andere Wendung gebend, »und das wird eine glückliche Zeit für uns alle werden. Mein dreijähriges Amt geht zu Ende, Marion. Und es war ein sehr leichtes Amt. Ich werde Alfred sagen, wenn ich dich ihm wieder zurückgebe, daß du seiner die ganze Zeit über in Liebe gedacht hast und daß er kein einziges Mal meiner Dienste bedurfte. Darf ich ihm das sagen, Liebling?«

»Sag ihm, liebe Grace«, antwortete Marion, »daß nie eine Pflicht so edel, hochherzig und standhaft erfüllt wurde, daß ich dich seit jener Zeit mit jedem Tage habe mehr lieben lernen und daß ich dich jetzt so unendlich tief ins Herz geschlossen habe.«

»Das kann ich ihm wohl kaum sagen«, entgegnete ihre Schwester, die Umarmung zärtlich erwidernd. »Wir wollen es Alfreds Phantasie überlassen, sich meine Verdienste selbst auszumalen. Er wird genug übertreiben, Marion, ganz wie du.«

Damit nahm sie ihre Arbeit wieder auf, die sie einen Augenblick aus der Hand gelegt hatte, als ihre Schwester so begeistert gesprochen, und summte wieder das alte Lied, das der Doktor so gern hörte. Und der Doktor, immer noch in seinem Lehnstuhl, die Füße ausgestreckt, horchte auf die Weise, schlug den Takt dazu auf seinem Knie mit Alfreds Brief, betrachtete seine Töchter und sagte sich, daß unter den vielen nichtigen Dingen der eitlen Welt diese da wenigstens hübsch genug wären.

Unterdessen begab sich Clemency Newcome, die so lange im Zimmer gewartet hatte, bis sie die Neuigkeit erfahren, wieder in die Küche, wo ihr Dienstgenosse, Mr. Britain, es sich nach dem Abendessen bequem machte, umgeben von einer so zahlreichen Sammlung funkelnder Deckel, sauber gescheuerter Pfannen, polierter Schüsseln, glänzender Kessel und anderer Anzeichen weiblichen Fleißes an den Wänden und Simsen, daß er wie in der Mitte eines Spiegelsaales saß. Die meisten freilich gaben kein sehr schmeichelhaftes Bild von ihm wieder. Und die Porträts waren keineswegs gleichartig. Auf manchen hatte er ein zu langes Gesicht oder ein sehr breites, dann wieder ein ganz leidliches, auf ändern wieder ein möglichst häßliches, je nach der Art, wie die Gegenstände es abspiegelten. Ganz so, wie es bei den Menschen ist. In einem Punkte aber stimmten alle Bilder überein. Nämlich, daß in ihrer Mitte behaglich ein Individuum saß, die Pfeife im Mund, einen Krug Bier beim Ellbogen – ein Individuum, das Clemency herablassend zunickte, als sie sich jetzt an denselben Tisch setzte.

»Nun, Clemency«, sagte Britain, »wie geh's dir immer, und was gibt's Neues?«

Clemency erzählte, was sie gehört hatte, und er nahm es sehr gnädig auf. Eine huldvolle Stimmung überkam Benjamin vom Scheitel bis zur Sohle. Er wurde viel breiter, viel röter, heiterer und fröhlicher in jeder Hinsicht. Es sah aus, als ob sein Gesicht, das vorher zu einem Knoten zusammengebunden gewesen, sich jetzt aufgeknöpft und geglättet hätte.

»Das wird wieder mal ein Geschäft für Snitchey und Craggs absetzen«, bemerkte er, langsam aus seiner Pfeife paffend. »Wir werden wieder mal die Zeugen abgeben müssen, Clemy.«

»Gott«, antwortete seine Gefährtin mit einer Lieblingsverrenkung ihrer Lieblingsgelenke. »Ich wollte, ich wäre es, Britain.«

»Was denn?«

»Die zum Altar ginge«, sagte Clemency.

Benjamin nahm die Pfeife aus dem Munde und lachte herzlich. »Ja, du wärst gerade die Rechte«, sagte er. »Arme Clemy!«

Clemency lachte ihrerseits ebenso herzlich wie er und schien sich über den Gedanken ebensosehr zu belustigen.

»Ja«, stimmte sie bei, »ich wäre gerade die Rechte, was?«

»Du wirst nie heiraten, versteht sich«, sagte Mr. Britain und nahm wieder die Pfeife in den Mund.

»Meinst du wirklich nicht?« fragte Clemency ganz ernsthaft.

Mr. Britain schüttelte den Kopf. »Keine Spur.«

»Denk mal«, sagte Clemency, »na! Trägst du dich nicht auch mit derartigen Gedanken? Demnächst, was?«

Eine so plötzlich gestellte Frage in einer so wichtigen Sache verlangte Überlegung. Nachdem Britain eine große Rauchwolke von sich geblasen und sie, den Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite legend, betrachtet hatte, als wäre die Wolke die Hauptperson, die er von verschiedenen Gesichtspunkten aus jetzt beaugenscheinigen müsse, erwiderte er, daß er sich in der Angelegenheit noch nicht ganz klar wäre, aber – ja, ja, es sei schließlich nicht so unmöglich.

»Wer sie auch sein mag, ich wünsche ihr Glück«, rief Clemency.

»Oh, daran wird es ihr nicht fehlen«, sagte Benjamin, »sicherlich nicht.«

»Aber sie würde nicht so glücklich leben und keinen so verträglichen Gatten haben«, sagte Clemency legte sich halb über den Tisch und sah nachdenklich in das Licht, »wenn ich nicht gewesen wäre –; nicht daß ich's beabsichtigt hätte – es war sicher nur Zufall – was, Britain?«

»Gewiß nicht«, antwortete Mr. Britain, jetzt auf jenem Höhepunkt des Genusses einer Pfeife, wo der Raucher den Mund nur mehr ein ganz klein wenig zum Sprechen öffnen kann und bequem im Stuhle sitzend nur mehr imstande ist, seiner Gesellschaft die Augen zuzuwenden und auch diese nur ernst und langsam. »Oh, ich bin dir sehr verbunden, Clemy, das weißt du ja.«

»Gott, wie hübsch der Gedanke daran ist!« sagte Clemency

In diesem Augenblick fielen ihre Augen auf die Unschlittkerze, und da sie sich plötzlich auf die Heilkraft dieses Wunderbalsams besann, salbte sie sich den linken Ellbogen reichlich mit dieser neuen Arznei.

»Du weißt, ich hab mancherlei Untersuchung über dies und jenes seinerzeit angestellt«, fuhr Mr. Britain mit dem tiefen Ernst eines Weisen fort, »weil ich immer von wißbegierigem Geiste war und viele Bücher über die Vorzüge und Mängel der irdischen Dinge gelesen habe. Schon als ich ins Leben trat, habe ich mich auf den Boden der Literatur begeben ...«

»Wirklich!« rief Clemency bewundernd aus.

»Ja«, sagte Mr. Britain. »Zwei der besten Jahre meines Lebens habe ich versteckt hinter einer Buchtrödlerbude vertrauert, stets auf dem Sprung, hervorzustürzen, wenn jemand ein Buch in die Tasche steckte. Sodann war ich Laufbursche bei einer Damenschneiderin, in welcher Eigenschaft ich dazu mißbraucht wurde, in Öltuchpaketen nichts als Täuschung und Trug zu den Leuten zu tragen. Das verbitterte mein Gemüt und erschütterte mein Vertrauen in die menschliche Natur. Und dann hörte ich in diesem Hause so ungeheuer viel Gerede, daß sich mein Gemüt noch mehr verdüsterte. Meine Meinung ist nach alledem, daß nichts in der Welt ein sichereres und angenehmeres Besänftigungsmittel für mein Gemüt und ein besserer Führer durchs Leben ist als ein Muskatreiber.«

Clemency wollte etwas hinzusetzen, aber er kam ihr zuvor.

»Im Verein«, fügte er ernst hinzu, »mit einem Fingerhut.«

»Was du nicht willst, daß man dir tu' – und cetrera. Was?« bemerkte Clemency, verschränkte zufrieden und voll Freude über dies schöne Sprichwort die Arme und streichelte sich die Ellbogen. »So ein kerniger Satz, was?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Mr. Britain, »ob wirklich so etwas wie wahre Philosophie darin liegt. Ich hege meine Zweifel darüber, aber es bewährt sich und erspart einem viel Schimpfen, was bei der echten Ware nicht immer der Fall ist.«

»Bedenke nur, wie du selbst manchmal fluchtest«, sagte Clemency.

»Hm«, meinte Mr. Britain, »aber das Merkwürdigste an der Sache ist für mich, daß du es eigentlich warst, die mich bekehrte, du. Das ist das Sonderbarste daran, denn du hast doch nicht einmal einen halben Gedanken im Kopf.«

Clemency war nicht im geringsten beleidigt, schüttelte den Kopf, lachte und umarmte sich selbst und sagte: »Nein, ich glaube auch nicht.«

»Ich bin sogar so ziemlich davon überzeugt«, sagte Mr. Britain.

»Oh, ich glaube, da hast du ganz recht«, sagte Clemency, »ich mag gar keinen, ich brauche auch gar keinen.«

Benjamin nahm die Pfeife aus dem Mund und lachte, bis ihm die Tränen über die Backen liefen. »Wie einfältig du bist, Clemency«, sagte er, wischte sich die Augen und konnte sich gar nicht mehr erholen. Clemency tat desgleichen, ohne das Geringste einzuwenden, und lachte ebenso herzlich wie er.

»Aber ich hab dich doch gern«, sagte Mr. Britain, »du bist ein ganz gutes Mädchen in deiner Art. Gib mir die Hand, Clemency. Was auch immer geschieht, ich will dich immer beachten und immer dein Freund sein.«

»Wirklich?« entgegnete Clemency. »Oh, das ist sehr gut von dir.«

»Ja, ja«, sagte Mr. Britain und reichte ihr die Pfeife zum Ausklopfen hin. »Ich will immer zu dir halten. Horch! Was für ein merkwürdiges Geräusch?«

»Geräusch?« wiederholte Clemency.

»Fußtritte draußen, es klang, als ob jemand von der Mauer springe«, sagte Britain. »Sind sie schon alle oben?«

»Ja, um diese Zeit sind alle schon zu Bett.«

»Hast du denn nichts gehört?«

»Nein.«

Beide horchten, hörten aber nichts.

»Ich will dir was sagen«, meinte Benjamin und nahm eine Laterne herunter, »ich will zu meiner Beruhigung mal einen Blick hinaus tun, ehe ich schlafen gehe. Schließe die Tür auf, während ich das Licht anzünde, Clemy«

Clemency gehorchte schnell, bemerkte aber dabei, daß seine Mühe umsonst sei, daß er sich etwas eingebildet habe, und so weiter.

»Sehr möglich«, meinte Mr. Britain, ging aber doch hinaus, mit einem Schüreisen bewaffnet, und leuchtete mit der Laterne nach allen Seiten.

»Es ist so still wie auf einem Friedhof«, sagte Clemency, als sie ihm nachblickte, »und fast auch so schauerlich.«

Als sie wieder in die Küche zurücksah, schrie sie angstvoll auf, denn eine leichte Gestalt näherte sich ihr. »Wer ist das?«

»Still«, flüsterte Marion aufgeregt. »Du hast mich immer lieb gehabt, nicht wahr?«

»Dich lieb gehabt, Kind? Sicherlich.«

»Ich weiß es. Und ich kann dir vertrauen, nicht wahr? Ich habe hier niemand, dem ich vertrauen kann.«

»Ja«, sagte Clemency herzlich.

»Es ist jemand draußen«, sagte Marion und deutete auf die Türe, »den ich heute nacht noch sehen und sprechen muß. – – – Michael Warden, um Gottes willen, entfernen Sie sich! Jetzt nicht.« Clemency fuhr beunruhigt und erstaunt auf, als sie dem Blick der Sprechenden folgte und eine dunkle Gestalt im Flur stehen sah.

»Im nächsten Augenblick können Sie entdeckt sein«, sagte Marion. »Jetzt nicht! Warten Sie, wenn es geht, in einem Versteck. Ich werde gleich kommen.«

Er winkte ihr mit der Hand und war verschwunden.

»Geh nicht zu Bett. Warte hier auf mich«, stieß Marion hervor. »Schon vor einer Stunde wollte ich mit dir sprechen. O verrate mich nicht!« Mit wilder Hast griff sie nach der ängstlich zitternden Hand der Magd und drückte sie an ihre Brust. Eine Bewegung, die in ihrer Leidenschaft beredter war als die flehentlichsten Worte – und als das Licht der zurückkehrenden Laterne wieder in die Stube hineinflackerte, war Marion verschwunden.

»Alles ruhig und still. Niemand da. Einbildung vermutlich«, sagte Mr. Britain, schloß die Tür und schob den Riegel vor. »Die Folgen einer zu lebhaften Einbildungskraft. Hallo, ja, was ist denn los?«

Clemency saß in einem Stuhl, bleich und zitternd vom Kopf bis zu den Füßen, und konnte ihre Aufregung nicht verbergen.

»Los?« wiederholte sie, sich nervös die Hände und Ellbogen reibend, und wich scheu seinem Blick aus. »Das ist hübsch von dir, Britain, hübsch. Du gehst hinaus und bringst einen fast um vor Todesangst mit Lärmen und Laternen, und was weiß ich sonst noch. Was los? – O ja.«

»Wenn du beim Anblick einer Laterne vor Schrecken fast stirbst, Clemy«, sagte Mr. Britain, »so läßt sich das Gespenst bald vertreiben«, und er blies kaltblütig das Licht aus und hängte die Laterne wieder auf. »Aber du hast doch sonst Courage genug«, sagte er und blieb stehen, um sie zu betrachten, »und warst auch ganz ruhig nach dem Lärm und als ich anzündete. Was ist dir denn durch den Kopf geschossen? Doch nicht ein Gedanke?«

Aber da ihm Clemency in ihrer gewohnten Art gute Nacht wünschte und sich zum Schlafengehen fertig zu machen schien, sagte ihr auch Britain, nachdem er noch die originelle Bemerkung von sich gegeben, daß niemand wisse, wie er mit den Weibern dran sei, gute Nacht, nahm sein Licht und ging schläfrig zu Bette.

Als alles ruhig war, kehrte Marion zurück.

»Mach auf«, sagte sie, »und bleib dicht neben mir, während ich draußen mit ihm spreche.« So furchtsam ihr Benehmen auch war, so verriet es doch einen festen und unerschütterlichen Entschluß, so daß Clemency nicht widerstehen konnte. Sie riegelte leise die Tür auf; ehe sie aber noch den Schlüssel umdrehen konnte, warf sie einen Blick auf das junge Wesen, das nur darauf wartete hinauszuschlüpfen.

Marions Gesicht war nicht abgewendet oder zu Boden gesenkt, sondern blickte ihr ruhig ins Auge im ganzen Stolz seiner Jugend und Schönheit. Eine Ahnung, welch schwache Schranke nur mehr zwischen einem glücklichen Heim und der Liebe des schönen Mädchens lag, ein Gedanke an den Kummer dann in diesem Haus und die Vernichtung der schönsten Hoffnungen schoß durch Clemencys schlichte Seele und traf ihr weiches Herz so tief, machte es so vor Kummer und Mitgefühl überquellen, daß sie, in Tränen ausbrechend, ihre Arme um Marions Hals schlang.

»Ich weiß nur wenig, liebes Kind«, rief sie, »sehr wenig, aber ich weiß, daß das nicht recht ist. Bedenke, was du tust, Kind!«

»Ich habe es vielmals bedacht«, sagte Marion sanft.

»Noch einmal denke drüber nach«, flehte Clemency. »Bis morgen.«

Marion schüttelte den Kopf.

»Mr. Alfreds wegen«, sagte Clemency mit schlichtem Ernst. »Seinetwegen, den du früher so lieb hattest.«

Marion bedeckte das Gesicht einen Augenblick mit den Händen und wiederholte: »Früher!«, als wollte es ihr das Herz zerreißen.

»Laß mich hinausgehen«, bat Clemency »Ich will ihm sagen, was du willst. Setz heute nacht den Fuß nicht über die Schwelle. Es kommt dabei nichts Gutes heraus. Ach, es war ein Unglückstag, als Mr. Warden hierher gebracht wurde. Denk an deinen guten Vater, mein Liebling, an deine Schwester.«

»Ich habe es getan«, sagte Marion und erhob rasch das Haupt. »Du weißt nicht, was ich tue. Ich muß mit ihm sprechen. Du bist meine beste und treueste Freundin auf der Welt, weil du so zu mir gesprochen hast. Aber ich muß diesen Schritt tun. Willst du mich begleiten, Clemency«, sie küßte ihr freundliches Gesicht, »oder soll ich allein gehen?«

Kummervoll und ängstlich drehte Clemency den Schlüssel um und öffnete die Tür. Marion, die Hand ihrer Gefährtin festhaltend, schritt rasch über die Schwelle in das ungewisse Dunkel der Nacht hinaus.

In der Finsternis trat er zu ihr, und sie sprachen miteinander ernst und lang. Und die Hand, die Clemency gefaßt hielt, zitterte bald, bald wurde sie eisig kalt, umklammerte ihre Finger in der Aufregung der Worte. Als sie zurückkehrten, folgte er Marion bis an die Tür, blieb einen Augenblick stehen, faßte Marions andere Hand und drückte sie an die Lippen. Dann stahl er sich hinweg.

Die Türe wurde verriegelt und verschlossen, und wieder stand sie im Vaterhause. Nicht niedergebeugt von dem Geheimnis, das sie mitbrachte, aber mit demselben Ausdruck in ihrem jungen Gesicht, der schon einmal am Abend durch ihre Züge geschimmert und durch ihre Tränen geglänzt hatte.

Wieder dankte und dankte sie ihrer einfachen Freundin und baute auf sie, wie sie sagte, unbedingt und mit Vertrauen und Zuversicht. Und als sie wohlbehalten ihr Zimmer erreicht hatte, sank sie auf die Knie, und mit dem Geheimnis, das ihr Herz bedrückte, konnte sie beten.

Ja, und konnte aufstehen vom Gebet so ruhevoll und heiter, konnte sich niederbeugen über die geliebte Schwester, die schlummernd dalag, konnte ihr ins Angesicht sehen und lächeln, wenn es auch nur ein trauriges Lächeln war, und flüstern, während sie einen Kuß auf die Stirn der Schlafenden drückte, wie doch Grace immer wie eine Mutter zu ihr gewesen und sie wie ein Kind geliebt habe.

Willenlos legte sich ihr Arm um den Nacken der Schwester, als sie in Schlummer sank, als wolle sie sie sogar im Schlaf zärtlich beschützen. Mit einem »Gott segne sie!« auf den Lippen sank Marion in friedlichen Schlummer, bloß gestört von einem einzigen Traum, indem sie mit schluchzender Stimme den Ausruf tat, sie wäre so mutterseelenallein und alle hätten ihrer vergessen.

Ein Monat ist bald vorbei, und wenn die Zeit noch so schleicht. Der Monat, der zwischen dieser Nacht und Alfreds Rückkehr lag, verfloß schnell und entschwand wie Nebeldunst.

Der Tag kam heran. Ein stürmischer Wintertag, an dem das alte Haus zuweilen erzitterte, als schauderte es vor Kälte. Ein Tag, der ein Heim doppelt traulich macht und ein Kaminfeuer doppelt fröhlich, wenn rötliche Glut auf den Gesichtern tanzt und man sich am Feuer zu engerem, geselligem Bunde gegen die draußen tobenden Elemente drängt. An solch einem wilden Wintertag sperrt man die Nacht hinaus und verhängt die Fenster. Da ist Lachen, Tanz und Musik. Da sind Lichterpracht, gesellige Freuden und fröhliche Gesichter am Platze.

Und für alles das hatte der Doktor gesorgt, um sein ehemaliges Mündel zu bewillkommen. Man wußte, daß Alfred vor Einbruch der Nacht nicht eintreffen konnte, und sie wollten, wenn er käme, die Nachtluft von ihrem Jauchzen widerhallen lassen, wie sich der Doktor ausdrückte. Alle alten Freunde sollten versammelt sein, und kein Gesicht, das Alfred gekannt und gerne gehabt, dürfe fehlen. Alle, alle müßten dasein.

So wurden denn Gäste geladen und Musik bestellt und Tafeln bereitet und der Tanzsaal hergerichtet und mit gastlicher Freigebigkeit für jedes gesellige Bedürfnis reichlich gesorgt. Da Weihnachten war und Alfreds Auge lange genug den Anblick der englischen Stechpalme in ihrem Immergrün entbehrt haben mochte, war der ganze Tanzsaal damit behangen und ausgeschmückt, und die roten Beeren winkten aus den Blättern hervor wie ein englischer Willkommgruß.

Es war ein Tag der Emsigkeit für alle. Aber für niemand so sehr wie für Grace, die lautlos überall wirkte und die Seele aller Vorbereitungen war. Wie oft blickte Clemency an diesem Tage, wie oft schon den langen Monat hindurch angstvoll, fast furchterfüllt forschend auf Marion. Sie sah, daß ihr Liebling blasser war als gewöhnlich, daß aber auf dem Gesichte eine gefaßte Ruhe lag, die es noch anmutiger machte.

Abends, als Marion angekleidet war und in ihren Haaren einen Kranz trug, den Grace stolz selbst geflochten hatte – es waren Alfreds Lieblingsblumen, und deshalb hatte Grace sie gewählt –, lag jener alte Ausdruck gedankenvoll, fast sorgenschwer und doch so durchgeistigt, edel und selig, wieder auf ihrer Stirn und machte sie noch hundertmal lieblicher.

»Der nächste Kranz, den ich in dieses schöne Haar flechte, wird ein Brautkranz sein«, sagte Grace, »oder ich bin eine schlechte Prophetin.«

Marion lächelte und hielt sie in ihren Armen fest.

»Noch einen Augenblick, Grace! Verlaß mich noch nicht! Weißt du sicher, daß sonst nichts mehr fehlt?«

Das kümmerte sie wohl im Grunde wenig. Der Gesichtsausdruck ihrer Schwester war es, an den sie dachte, und ihre Augen forschten zärtlich darin.

»Meine Kunst ist zu Ende, mein liebes Kind«, sagte Grace, »schöner kannst du nicht mehr sein. Ich hab' dich noch nie so schön gesehen wie heute.«

»Ich war noch nie so glücklich«, antwortete Marion.

»Oh, es wartet noch ein größeres Glück auf dich! In einem andern solchen Heim, ebenso freundlich und traulich wie dieses hier, werden bald Alfred und seine junge Gattin wohnen.«

Marion lächelte wieder. »Ein glückliches Heim, Grace, steckt dir im Kopfe. Ich kann es dir an den Augen ablesen. Und ich weiß, es wird ein glückliches sein, meine liebe Grace. Wie froh bin ich, daß ich das erkannt habe!«

»Nun«, rief der Doktor, hereinstürmend. »Ist jetzt alles bereit zu Alfreds Empfang? Er kann erst ziemlich spät kommen – kaum eine Stunde vor Mitternacht. Da haben wir noch Zeit genug, um vor seiner Ankunft in Stimmung zu kommen. Wenn er eintritt, muß das Eis längst gebrochen sein. Schüre das Feuer an, Britain. Es soll auf die Stechpalme leuchten, bis sie selbst glüht. Es ist eine Welt des Unsinns, mein Kätzchen, diese treuen Liebhaber und so weiter – alles Unsinn. Aber wir wollen den Unsinn mit den ändern Menschen mitmachen und unserm treuen Liebhaber ein närrisches Willkommen bereiten. Auf mein Wort«, sagte er und blickte mit Stolz auf seine Töchter, »ich weiß vor lauter Unsinn heute abend nur das eine gewiß, daß ich der Vater zweier sehr hübscher Töchter bin.«

»Und wenn die eine dir je Kummer und Schmerz bereitet hat oder es vielleicht noch einmal tun wird – ja tun wird –, liebster Vater«, sagte Marion, »so vergib ihr jetzt, wo ihr Herz voll ist. Sag, daß du ihr vergeben willst. Sag, daß sie immer einen Anteil an deiner Liebe haben soll, auch, wenn – sie –«, sie sprach den Satz nicht zu Ende und verbarg ihr Gesicht an der Brust des alten Mannes.

»Aber, aber, aber«, sagte der Doktor sanft, »vergeben! Was habe ich denn zu vergeben? Heidi, wenn unsere treuen Liebhaber zurückkehren, um uns in solche Aufregung zu versetzen, da müssen wir sie uns vom Leibe halten, müssen ihnen Eilboten entgegenschicken, um sie auf der Straße aufzuhalten und sie nur eine Meile oder zwei per Tag reisen lassen, bis wir gehörig vorbereitet sind, sie zu empfangen. Gib mir einen Kuß, Kätzchen. Vergeben! Was für ein törichtes Kind du bist! Wenn du mich fünfzigmal des Tages gequält und geärgert hättest anstatt gar nicht, würde ich dir alles vergeben, nur eine solche Bitte nicht. Gib mir noch einen Kuß, Kätzchen. So! Für Zukunft und Vergangenheit ist jetzt reine Rechnung zwischen uns. Schürt doch das Feuer an. Sollen denn die Leute in dieser kalten Dezembernacht erfrieren. Es soll hell und warm und fröhlich sein, oder ich verzeihe keinem von euch.«

So aufgeräumt und lustig zeigte sich der Doktor. Und das Feuer wurde angeschürt, und die Lichter glänzten hell. Gäste kamen, und ein fröhliches Gewimmel begann, und schon herrschte im Hause die angenehme Stimmung heiterer Erwartung.

Mehr und mehr Gäste erschienen. Fröhliche Augen blitzten auf Marion, lächelnde Lippen wünschten ihr Glück, kluge Mütter fächelten sich und hofften, sie möge nicht zu jung und flatterhaft für das häusliche Leben sein; stürmische Väter fielen in Ungnade, weil sie von Marions Schönheit gar zu sehr begeistert waren, Töchter beneideten sie, Söhne beneideten »ihn«, und zahllose Liebespaare machten sich die Gelegenheit zunutze. Alle waren voller Teilnahme, Aufregung und Erwartung.

Mr. und Mrs. Craggs kamen Arm in Arm. Nur Mrs. Snitchey kam allein. »Mein Gott, wo haben Sie denn ihn«, forschte der Doktor.

Der Paradiesvogel auf Mrs. Snitcheys Turban zitterte, als ob er wieder lebendig geworden wäre, als sie sagte, das wisse jedenfalls Mr. Craggs. Sie würde ja nie eingeweiht. »Die scheußliche Kanzlei«, bestätigte Mrs. Craggs.

»Ich wünschte, sie brennte einmal ab«, sagte Mrs. Snitchey.

»Er ist – er ist – eine kleine geschäftliche Angelegenheit muß wohl meinen Kompagnon abgehalten haben«, sagte Mr. Craggs und sah sich unruhig um.

»Ja, ja, Geschäftssache. Machen Sie mir das nicht weis«, sagte Mrs. Snitchey.

»Wir wissen, was es heißt, Geschäftssache«, sagte Mrs. Craggs.

Mrs. Snitchey schien es nicht zu wissen, offenbar war das der Grund, warum ihr Paradiesvogel so unheilverkündend zitterte und die zahlreichen Glöckchen in Mrs. Craggs' Ohrringen erregt schaukelten.

»Es wundert mich, daß du kommen konntest, Craggs«, sagte Mrs. Craggs.

»Mr. Craggs ist gewiß selig darüber«, sagte Mrs. Snitchey.

»Die Kanzlei nimmt sie so in Anspruch«, sagte Mrs. Craggs.

»Eine Person, die eine Kanzlei hat, sollte überhaupt nicht heiraten dürfen«, sagte Mrs. Snitchey.

Dann meinte Mrs. Snitchey zu sich selbst, daß ihr Blick die beiden Craggs' ins Herz getroffen habe und daß er das fühle. Und Mrs. Craggs bemerkte zu ihrem Gatten, daß die Snitcheys ihn hinter seinem Rücken betrögen und daß er das erst einsehen werde, wenn es zu spät sei. Aber Mr. Craggs achtete auf diese Bemerkungen nicht besonders und sah sich immer noch unruhig um, bis sein Blick auf Grace fiel, die er sofort begrüßte.

»Guten Abend, Madam«, sagte er zu Grace. »Sie sehen entzückend aus. Ihre – Miss – Ihre Schwester, Miss Marion, ist doch – – –«

»O sie ist ganz wohl, Mr. Craggs.«

»Ja, ich – ist sie hier?« fragte Craggs.

»Hier? Sehen Sie denn nicht dort? Sie tritt eben zum Tanz an«, sagte Grace.

Mr. Craggs setzte die Brille auf, um besser zu sehen, betrachtete Marion eine Zeitlang, hustete und steckte seine Augengläser mit zufriedener Miene wieder ins Futteral und in die Tasche.

Jetzt ertönte die Musik, und der Tanz begann. Das helle Feuer prasselte lustig und hüpfte, als ob es aus guter Kameradschaft selbst mittanzen wollte. Zuweilen rumorte es, als wollte es auch Musik machen. Dann glänzte es und glühte, als wäre es das Auge des alten Zimmers, und zwinkerte wie ein schlauer Patriarch, der die Jugend in den Ecken flüstern sieht. Dann neckte es wieder die Stechpalmenzweige, und wenn die dunkelgrünen Blätter in seinem Scheine aufleuchteten, da sah es aus, als ständen sie wieder draußen in der kalten Winternacht und zitterten im Winde. Manchmal wurde es ganz wild und mutwillig und schlug über die Stränge; dann streute es laut lachend mitten unter die tanzenden Füße einen Regen harmloser Funken und schwang sich toll jauchzend den alten Schlot hinauf.

Wieder war ein Tanz fast vorbei, als Mr. Snitchey seinen Kompagnon, der zusah, am Arme faßte.

Mr. Craggs fuhr zusammen, als wäre sein Freund ein Gespenst.

»Ist er fort?« fragte er.

»Still! Er ist länger als drei Stunden bei mir gewesen und ist alles genau durchgegangen. Er nahm genau Einblick in alle unsere Arrangements für ihn und war außerordentlich peinlich in allem. Er – – uff.«

Der Tanz war aus. Marion ging dicht an ihm vorbei, während er sprach. Sie bemerkte weder ihn noch seinen Kompagnon, sondern sah sich nach ihrer Schwester im Hintergrund des Saales um, dann schritt sie langsam durch das Gedränge und verschwand.

»Sehen Sie, alles ist gut und richtig«, sagte Mr. Craggs. »Er sprach wohl nicht mehr davon, wie?«

»Nicht ein Wort!«

»Und ist er wirklich fort? Ist er in Sicherheit?«

»Er hält sein Wort. Er fährt in seiner Nußschale mit der Ebbe den Strom hinab und segelt vor dem Wind in dieser dunklen Nacht ins Meer hinaus. Er ist ein verdammter Wagehals. Um diese Zeit gibt es keinen einsamen Weg sonst. Das ist die Sache. Die Ebbe setzt eine Stunde vor Mitternacht ein, sagt er. Ich bin froh, daß es vorüber ist.« Mr. Snitchey wischte sich den Schweiß vom Gesicht, das ganz rot und aufgeregt aussah.

»Was meinen Sie«, sagte Craggs, »zu der –?«

»Still«, flüsterte der andere vorsichtig und sah geradeaus. »Ich verstehe Sie schon. Nennen Sie keinen Namen und lassen Sie sich nicht anmerken, daß wir von Geheimnissen sprechen. Ich weiß nicht, was ich denken soll, und um die Wahrheit zu gestehen, es ist mir jetzt schon einerlei. Es ist eine wahre Erleichterung. Ich glaube, seine Eigenliebe hat ihn getäuscht. Die junge Dame wird wohl ein bißchen kokettiert haben. Es wird darauf hinauslaufen. Ist Alfred nicht angekommen?«

»Noch nicht«, sagte Mr. Craggs, »er wird jede Minute erwartet.«

»Gut.« Mr. Snitchey wischte sich wieder die Stirn ab. »Es ist eine große Erleichterung. Ich bin noch niemals so unruhig gewesen, seitdem wir beisammen sind. Ich gedenke jetzt den Abend zu genießen, Mr. Craggs.«

Mrs. Craggs und Mrs. Snitchey traten zu ihnen, als diese letzten Worte gefallen waren.

Der Paradiesvogel war in wilder Bewegung, und die kleinen Glocken läuteten hörbar.

»Es war schon allgemeines Gesprächsthema, Mr. Snitchey«, sagte Mrs. Snitchey. »Ich hoffe, die Kanzlei ist jetzt zufriedengestellt.«

»Womit zufriedengestellt, mein Herz?« fragte Mr. Snitchey.

»Daß es glücklich gelungen ist, ein wehrloses Weib der Lächerlichkeit und dem Spott preiszugeben«, antwortete seine Gattin. »Das ist doch der Zweck der Kanzlei, offenbar.«

»Ich für meinen Teil«, sagte Mrs. Craggs, »bin schon so lange gewohnt, die Kanzlei mit allem, was das häusliche Glück vernichtet, eng verknüpft zu sehen, daß ich schon froh bin, wenigstens zu wissen, daß sie der offenkundige Feind meines Friedens ist. Es ist so etwas wie ein Spiel mit offenen Karten.«

»Mein Schatz«, sagte Mr. Craggs vorwurfsvoll, »deine Meinung ist stets unschätzbar für mich, aber ich kann gewiß nicht zugestehen, daß die Kanzlei die Zerstörerin deines Friedens sei.«

»Nein«, sagte Mrs. Craggs und führte mit ihren Glöckchen einen förmlichen Tanz auf. »Nein, wahrhaftig nicht! Du würdest der Kanzlei nicht würdig sein, wenn du diese Offenheit besäßest.«

»Was mein Ausbleiben heute abend betrifft, liebe Gattin«, sagte Mr. Snitchey und reichte seiner Frau den Arm, »so liegt die Schuld allerdings ganz auf meiner Seite, aber Mr. Craggs weiß –«

Mrs. Snitchey schnitt die Entschuldigungsrede ihres Gatten schroff ab, zog ihn beiseite und forderte ihn auf, den »Mann« anzusehen, ihr den Gefallen zu tun, den »Mann« anzusehen.

»Welchen Mann denn, teuere Gattin?« fragte Mr. Snitchey.

»Den Gefährten deines Lebens – ich kann es dir ja nicht sein, Snitchey«

»O doch, du, nur du bist es, teuerste Gattin.«

»Nein, nein, nein, ich bin es nicht«, sagte Mrs. Snitchey mit majestätischem Lächeln. »Ich kenne meine Stellung gar wohl. Sehen Sie ihn doch an, den Gefährten Ihres Lebens, Mr. Snitchey Ihr Vorbild. Den Bewahrer Ihrer Geheimnisse. Den Mann, dem Sie vertrauen. Ihr anderes Selbst, kurz und gut.«

Die Verknüpfung seines Selbst mit Craggs veranlaßte Mr. Snitchey, in diese Richtung zu schauen.

»Wenn du heute abend dem Manne in die Augen sehen kannst«, fuhr Mrs. Snitchey fort, »und nicht erkennst, daß du hintergangen und betrogen bist, daß du ein Opfer seiner Ränke und ein Sklave seines Willens geworden bist durch eine unerklärliche Faszination, die ich mir nicht erklären kann und vor der ich dich vergebens gewarnt habe, dann kann ich nur sagen, ich bedauere dich.«

Zur gleichen Zeit orakelte Mrs. Craggs über dasselbe Thema. Wie sei es nur möglich, fragte sie, daß Craggs Mr. Snitchey so blind vertrauen könne und seine eigene Lage so gar nicht erkenne. Ob er denn nicht deutlich gesehen habe, daß Snitcheys Gesicht, als er eingetreten voll Hinterlist, Tücke und Verräterei gewesen sei, ob er denn leugnen wolle, daß schon die Art, mit der sich jener die Stirn zu trocknen und unruhig um sich zu blicken pflege, verrate, daß etwas schwer auf seinem Gewissen laste, wenn er überhaupt so etwas wie ein Gewissen habe. Ob etwa andere Leute auch, wie sein Snitchey, zu festlichen Gelegenheiten kämen wie Strauchdiebe – übrigens kein sehr treffendes Bild, denn Snitchey war so schüchtern wie möglich zur Türe hereingekommen. Und ob er – Craggs – ihr gegenüber am hellichten Tage – es war fast Mitternacht – immer noch auf dem Standpunkt beharre, mit Snitchey durch dick und dünn gehen zu wollen, allem Augenschein, jeder Welterfahrung und Vernunft zum Trotz.

Weder Snitchey noch Craggs machten einen Versuch, sich dem Strome solchen Zornes entgegenzustemmen, sondern begnügten sich beide, ruhig mitzuschwimmen, bis seine Kraft nachgelassen hatte, was im selben Augenblicke geschah, als man allgemein zu einem Tanz antrat. Mr. Snitchey benützte die Gelegenheit, Mrs. Craggs zu bitten, während Mr. Craggs so galant war, Mrs. Snitchey aufzufordern. Die Damen willigten auch nach einigen leichten Ausflüchten, wie: warum engagieren Sie nicht eine andere, und: ich sehe es Ihnen an, Sie wären froh, wenn ich ausschlüge, oder: wie, Sie tanzen auch außerhalb der Kanzlei (dies schon mehr scherzhaft), huldreich ein und traten an.

Es war dies eine alte Sitte bei ihnen, bei jeder Gelegenheit, denn sie waren eng befreundet und lebten auf dem Fuß besten Einvernehmens.

Vielleicht waren der falsche Craggs und der schurkische Snitchey im Gehirne der beiden Damen auch nur eine so fingierte Person wie X und Y in den Akten ihrer beiden Gatten, oder die beiden Damen taten gar äußerlich nur so als ob. So viel ist jedenfalls gewiß, daß jede der beiden Damen die sich selbst auferlegte Rolle und ihr Fach ebenso eifrig und fleißig betrieb wie der Gatte das seine und daß beide Frauen ein glückliches Gedeihen der Kanzlei ohne ihr lobenswertes Mitwirken beinahe für unmöglich gehalten hätten.

Jetzt schwebte der Paradiesvogel in die Mitte des Saales, und die Glöckchen fingen an zu klingen und zu springen, und des Doktors rotes Gesicht drehte sich um und um wie ein mit Hochglanz lackierter Kreisel mit einem Menschengesicht. Der atemlose Mr. Craggs fing bereits an zu bezweifeln, daß das Tanzen so wie das übrige Leben einem »zu leicht« gemacht würde, und Mr. Snitchey hüpfte in muntern Sprüngen und Kapriolen für seine Wenigkeit & Craggs und ein halbes Dutzend anderer mehr.

Und auch das Feuer faßte frischen Mut und loderte hell auf, angefacht von dem lebhaften Zug, den der Tanz verursachte. Es war der Genius des Zimmers und überall gegenwärtig. Es glänzte in den Augen der Männer, schimmerte in den Juwelen am weißen Nacken der Mädchen, spielte um ihre Ohren, als wolle es ihnen etwas Neckisches zuflüstern, flackerte auf dem Boden und legte ihren Füßen einen Teppich von Rosen. Es glänzte auf der Decke, daß seine Glut sich auf allen Gesichtern spiegelte, und zündete eine große Illumination in Mrs. Craggs' kleinem Glockenturm an.

Und frischer und frischer wurde die anfachende Luft, immer munterer die Musik, in immer lebhafterem Takt bewegte sich der Tanz; und ein Wehen erhob sich, das die Blätter und Beeren an den Wänden schaukeln machte, als hingen sie noch im Freien, und rauschte durch das Zimmer, wie wenn eine unsichtbare Schar Elfen den braven Tänzern aus Fleisch und Bein auf dem Fuße folgte. Kein Zug auf des Doktors Gesicht war mehr zu erkennen, wie er sich drehte und drehte. Jetzt schienen ein Dutzend Paradiesvögel durchs Zimmer zu fliegen und tausend kleine Glocken zu klingen, eine Flut wehender Kleider wurde im Sturm davongetrieben. Endlich verstummte die Musik, und der Tanz hörte auf.

Erhitzt und atemlos war der Doktor, aber es machte ihn nur noch ungeduldiger auf Alfreds Kommen.

»Hast du nichts gesehen, Britain, nichts gehört?«

»Zu finster zum Sehen, Sir, zu viel Lärm im Haus zum Hören.«

»Da hast du recht, um so fröhlicher der Willkomm. Wie spät ist's?«

»Gerade zwölf, Sir. Er kann nicht mehr lang bleiben, Sir.«

»Schüre das Feuer an und wirf noch einen Klotz darauf«, sagte der Doktor. »Sein Willkommen soll ihm in die Nacht hinausleuchten – dem guten Jungen, wenn er daherkommt.« – – – – –

Er sah es, ja! Aus seinem Wagen erblickte er den Schein, als er um die Ecke bei der alten Kirche bog. Er kannte das Zimmer, aus dem es leuchtete. Er sah die kahlen winterlichen Zweige der alten Bäume zwischen sich und dem Licht. Er wußte, daß einer dieser Bäume zur Sommerszeit lieblich vor Marions Fenster rauschte.

Tränen standen ihm in den Augen. Sein Herz klopfte so heftig, daß er kaum sein Glück ertragen konnte. Wie oft hatte er sich in seinen Gedanken dieses Bild ausgemalt und gebangt, daß es nicht dazu kommen möchte – danach verlangt und geschmachtet in weiter Ferne.

Wieder das Licht, deutlich und weithin leuchtend; angezündet, wie er wußte, als Willkommengruß und um ihn zur Eile anzutreiben. Er winkte mit der Hand und schwang den Hut, jubelte laut, als ob sie die Glut wären und ihn sehen und hören könnten, wie er jauchzend ihnen durch Schmutz und Morast entgegenfuhr.

»Halt!« Er kannte den Doktor und ahnte, was vorbereitet war. Er sollte sie nicht überraschen. Aber doch konnte er eine Überraschung daraus machen, wenn er zu Fuß nach dem Hause ging. Stand die Gartentür offen, konnte er leicht hineingelangen. Wenn nicht, war die Mauer leicht zu erklettern, wie er von früher her wußte, und im Nu stünde er dann mitten unter ihnen.

Er stieg aus dem Wagen und sagte dem Kutscher – selbst das war ihm nicht leicht in seiner Aufregung –, er solle für ein paar Minuten zurückbleiben und ihm dann erst nachfahren.

So schnell er konnte, lief er voraus, probierte, ob das Tor offen sei, kletterte über die Mauer, sprang auf der ändern Seite herunter und stand atemlos in dem alten Obstgarten.

Es lag ein frostiger Reif auf den Bäumen, und in dem schwachen Lichte des bewölkten Mondes hingen die dünnen Zweige wie welke Girlanden herab. Dürre Blätter raschelten unter seinem Fuß, wie er leise nach dem Hause schlich. Öde brütete die Winternacht auf der Erde und am Himmel. Freundlich schien ihm das Licht entgegen aus den Fenstern, Gestalten huschten hin und her, und das Summen und Murmeln von Stimmen grüßte lieblich sein Ohr. Lauschend, ob er ihre Stimme von den übrigen unterscheiden könnte, und schon halb überzeugt, daß er sie höre, hatte er fast die Türe erreicht, als sie sich schnell öffnete und eine Gestalt ihm entgegentrat und sofort erschrocken mit einem halbunterdrückten Schrei zurückwich.

»Clemency«, sagte er, »erkennst du mich denn nicht mehr?«

»Treten Sie nicht ein!« rief die Dienerin und hielt ihn zurück. »Kehren Sie um. Fragen Sie mich nicht warum. Treten Sie nicht ein.«

»Was gibt es denn?« rief er aus.

»Ich weiß es nicht, ich – ich kann es Ihnen nicht sagen. Kehren Sie um. Hören Sie?«

Ein Lärm entstand plötzlich im Hause. Ein wilder Schrei, laut und schrill, lief durch das Haus, und Grace, Entsetzen in Gesicht und Gebärde, stürzte heraus.

»Grace!« Er fing sie mit den Armen auf. »Was ist geschehen? Ist sie tot?«

Sie riß sich los, als wollte sie ihm ins Gesicht sehen, und fiel zu seinen Füßen nieder.

Eine Schar Gestalten kam aus dem Hause gestürzt. Unter ihnen der Doktor, ein Papier in der Hand.

»Was ist geschehen?« schrie Alfred, raufte sich das Haar und blickte voll Verzweiflung von Gesicht zu Gesicht, während er neben dem ohnmächtigen Mädchen kniete. »Will mich denn niemand ansehen? Mir niemand antworten? Erkennt mich denn niemand? Ist denn niemand unter euch, der mir sagt, was geschehen ist?«

Ein Gemurmel erhob sich: »Sie ist fort!«

»Fort?« wiederholte er geistesabwesend.

»Entflohen, mein lieber Alfred«, sagte der Doktor mit gebrochener Stimme und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. »Entflohen aus dem Vaterhause. Heute nacht! Sie schreibt, sie habe ohne Schuld und frei gewählt – bittet, wir möchten ihr vergeben und ihrer nicht vergessen – und ist entflohen.«

»Mit wem? Wohin?«

Er sprang auf, als wollte er ihr nach, aber als sie zurückwichen, blickte er verstört um sich, wankte zurück, brach zusammen und blieb neben Grace knien, ihre kalte Hand in der seinen. Es herrschte Verwirrung und Aufregung, es war ein Hinundherstürzen ohne Sinn und Zweck. Einige liefen auf die Landstraße hinaus, andere holten Pferde und Fackeln, andere sprachen laut und erregt miteinander und wendeten ein, daß man weder Spur noch Richtung habe, um sie einholen zu können. Man trat zu ihm und versuchte ihn zu trösten, stellte ihm vor, daß Grace in das Haus geschafft werden müßte, aber er litt es nicht. Er hörte niemand an und bewegte sich nicht. Der Schnee fiel schnell und dicht. Alfred sah einen Augenblick zum Himmel auf und dachte sich, daß diese weiße Asche gut für ihn passe, die da auf sein Hoffen und sein Leid gestreut wurde. Er blickte um sich her auf den sich weiß färbenden Boden und begriff, daß die Spur von Marions Fuß sich bald verwischen werde. Er fühlte nichts von dem Wetter und regte sich nicht von der Stelle.

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