Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Drei Vergeltungen in Einer

Pedro Calderón de la Barca: Drei Vergeltungen in Einer - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. III
authorPedro Calderón de la Barca
translatorJohann Diederich Gries
yearca. 1905
firstpub1817
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDrei Vergeltungen in Einer
pages117-216
created20050611
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Erster Aufzug.

Waldgebirg.

Hinter der Szene fallen Schüsse. Don Mendo und Doña Violante treten auf, verfolgt von vier Räubern, unter welchen Vicente.

Don Mendo (fechtend). Barbarisch wilde Horden!
Nicht euer Schwert, ringsum gezückt zum Morden,
Und nicht des Bleies Grauen
Soll, eh ich tot bin, je besiegt mich schauen.
Denn nichts ist, was mein Mut zu fürchten hätte,
Im Sterben, noch im Leben.

Violante.                                     Himmel, rette!

Erster Räuber. Siehst du dich hier umschlossen
Vom Waldgebirg, das von den steilsten Sprossen
Des Gipfels bis zum Thale
Dem Wandrer zeigt graunvolle Todesmale:
Wie (ob dein Mut auch mit dem Kriegsgott ränge)
Wagst du zu widerstehn so großer Menge?

Vicente. Ha, diese seltne Schöne,
Die selbst die Sonn' erbleichen macht, gewöhne
Zu besserm Dienst sich heute,
Bestimmt zu unsers Hauptmanns Siegesbeute.

Don Mendo. Eh dieser Schönheit Blüten
Verletzt sich schaun, muß euer grimmes Wüten
Mein Leben durch des Siegs Gewalt vernichten;
Und mag sodann der schnelle Ruf berichten,
Daß ich, wenn nicht ihr Rettung zu erwerben,
Zum mindesten vermocht, für sie zu sterben.

Zweiter Räuber. Das kann gar bald geschehen.

Violante. Weh mir!

Don Mendo.           Ihr zaudert noch?

Don Lope tritt auf, als Räuber.

Don Lope.                                           Was muß ich sehen?

Vicente. Auf diesen Felsensteigen,
In Labyrinthen, die der Lenz aus Zweigen
Unkünstlerisch erbaut, traf unsre Bande
Die Dame hier, die, um dem Sonnenbrande
Sich zu entziehn, soeben
Der Sänft' entstieg, von wen'gen nur umgeben.
Die feigen Diener nahmen
Reißaus, sobald wir kamen;
Und dieser Greis nur, dem es eingefallen,
Sie zu befreien, schützt sie vor uns allen.

Don Lope (zu Don Mendo).
Wie konnte, sprich, dein Mut für rätlich schätzen,
Sich solcher Uebermacht zu widersetzen?

Don Mendo. Wenn ich zu leben dächte,
Wär's offenbar nur Thorheit, daß ich fechte;
Doch denk' ich nur zu sterben,
So kann mein Mut den Tadel nicht erwerben.
Und da dein Spruch mein Leben
Zu richten hat, verlang' ich ohne Beben,
Daß Strenge deiner Streng' Obrichter werde.
Nicht Gnade will ich flehn. (Er kniet.)

Don Lope.                                   Auf von der Erde!
Denn du bist's, dessen Stimme
Zuerst mein Herz zur Milde lenkt vom Grimme.
Die Dame hier, wohl eine nah Verwandte,
Ist sie dein Weib?

Don Mendo.                 Mein Kind ist Violante.

Violante. Und so sehr seines Blutes
Und seiner Würde Kind und seines Mutes,
Daß, wähnst du durch sein Sterben
Dir meines Lebens Herrschaft zu erwerben,
Hast du umsonst gewettet.
Denn eher braucht' ich, wenn kein Stahl mich rettet,
Die eignen Händ' als meines Nackens Seile,
Mich selbst erdrosselnd, stürzt' ich von der Steile
Des Berges mich hernieder
Ins tiefste Thal, zerschmetternd meine Glieder.

Don Lope. O Schönheit sondergleichen,
Laß deines Bangens Traurigkeit entweichen.
Denn ob sie nicht vergebens
Der ungestümen Wildheit meines Lebens
Entschuld'gung würde spenden,
Ist sie's auch, die vermocht, mein Thun zu wenden,
Weil ich vor ihrem Bilde
Zuerst empfand, was Achtung ist und Milde. –
(Zu Don Mendo.) Wohin geht deine Reise?

Don Mendo. Nach Zaragoza. und auf welche Weise
Es immer sei, verhoff' ich dort einstmalen
Den Lohn für deine Milde dir zu zahlen.

Don Lope. Wer bist du denn?

Don Mendo.                           Man nennet
Don Mendo de Torrellas mich und kennet
In Frankreich, Rom und Napel mich seit Jahren
Als Diener unsers Herrn. Ihm zu willfahren,
Muß ich zur Hauptstadt eilen,
Wo er ein wicht'ges Amt mir will erteilen.
Drum geb' ich dir mein Wort: wenn das Verhängnis
Durch grausame Bedrängnis
Dich zwang zu solchen Thaten,
Will ich dir helfen, raten,
Verzeihung deiner Sünden
Für meine Dienst' eintauschen und verkünden,
Daß meine Seele dankbar dir ergeben
Und Schuldnerin dir bleibt für Ehr' und Leben.

Don Lope. Dein Wort würd' ich empfangen,
Wenn ich Verzeihung hoffte zu erlangen
Für meiner Thorheit Schulden.
Doch mehrmals schon verdammt, den Tod zu dulden
Um schnöden Leichtsinns Thaten
(Der Bosheit nicht), bin ich so weit geraten,
Daß, nur dem Mißtraun offen,
Ich nun mein Leben fortführ' ohne Hoffen
Und meine Schuld vermehr' an jedem Tage.
Denn meines Unglücks Plage
Gebietet mir, zu meiner Sichrung Zwecke,
Daß ich Verbrechen durch Verbrechen decke.

Don Mendo. Verzweifle nicht so ganz an deinem Leben!
Willst du Vertraun nur meiner Wahrheit geben,
Kann ich so schlimmer Lage
Dich immer noch entziehn. Drum, Jüngling, sage
Mir, wer du bist; damit man deutlich schaue,
Daß mir dein Herz vertraue.
Denn keine Gunst will ich vom König flehen,
Bis ich dein Schicksal werd' erleichtert sehen.

Don Lope. Fruchtlos, in jedem Falle,
Ist dein Bemühn; doch sei's! – Entfernt euch alle.

(Die Räuber gehen ab.)

Don Lope. Wißt, großmütiger Don Mendo,
Lope de Urrea bin ich,
Sohn Don Lopes de Urrea.
Wären so nur meine Sitten
Unbefleckt, wie meine Herkunft
Und mein Blut es sind!

Don Mendo.                         Gewißlich;
Kann mein Wort auch wenig gelten.
Denn ich und Don Lope hielten
Vormals Freundschaft; und deshalb
Fühl' ich stärker mich verpflichtet,
Was ich kann, für Euch zu thun.

Don Lope. Nein, Herr; wie ich hieraus schließe,
Werdet Ihr nichts thun für mich.
Denn da ich als Freund Euch finde
Meines Vaters, und da eben
Er's ist, den so unzufrieden
Meine Thorheit macht, so mürrisch
Mein Betragen, so verdrießlich
Meine Wildheit, und zuletzt,
Den so arm gemacht mein Schwindel:
Könnt Ihr, denk' ich, als sein Freund,
Nicht mit mir auch Freundschaft schließen.
Obwohl, dächt' ich auf Entschuld'gung
Einzugehn, ich Euch versichre,
Daß ich's könnte; denn er war
Meines Mißgeschicks Beginner.

Don Mendo. Welcher Weise?

Don Lope.                               Dieser Weise:

Don Mendo. Sprecht! Ich hör' Euch mit Begierde.

Violante. Endlich komm' ich, nach und nach,
Doch zu freiem Atem wieder.

Don Lope. Höret denn: Mein Vater war,
Wie man oftmals mir berichtet,
Schon seit seinen frühsten Jahren
(Mag's zum Lob, zum Tadel dienen
Abgeneigt, sich zu vermählen.
Doch befürchtend, die Familie,
So erlaucht, so alt und edel,
Werd' ein Majorat verlieren,
Und getrieben von Verwandten,
Oder von sich selbst getrieben,
Faßt' er, schon im höhern Alter,
Seiner Neigung ganz zuwider,
Den Entschluß, sich zu verändern.
Zu dem Ende nun erkiest' er
Eine Jungfrau gleichen Adels,
Großer Tugend, reiner Sitte;
Ob er wohl in einem Stück
Sehr bei seiner Wahl sich irrte.
Dies war die Verschiedenheit
Ihrer Jahre; denn er kieste
Doña Blanca Sol de Vila,
Die kaum funfzehn Jahr' erblickte,
Zur Gemahlin, und auf ihn
Schneite schon der kalte Winter
Eis'ge Flocken, die verwelkten
Blüten abgelebter Sinne.

Don Mendo. Ja, ich weiß es wohl; und wollte
Gott, ich wüßt' es nicht! (Beiseite.) (Was dringt ihr,
Läst'ge Bilder, auf mich ein?)
Redet, fahret fort!

Don Lope.                   Ich will es.
Sie erwehrte sich der Heirat,
Etwa, weil sie mochte wissen,
Daß bei solchen Ungleichheiten
Schwer sich Liebe läßt erzwingen.
Doch den Frauen höhern Standes
Ward nie freie Wahl beschieden;
Und so mußte sie, ungern,
Ihre Wahl zum Opfer bringen.
Sie vermählte sich, gezwungen
Von den Eltern. O wahnsinn'ger
Zwang der Schicklichkeiten, was
Fehlt dir noch zum Mordvollbringen?
Er, mit sehr geringer Neigung
Für den Stand, den er ergriffen;
Sie, mit wenigem Gefallen –
Nun erwäget Ihr und schließet
Selber, was für Lebenssäfte
Mußt' ein Sohn in sich verbinden,
Der zur Welt kam als Erzeugnis
Solcher schläfrig lauen Liebe.
Wohl gedachte man, ich würde,
Wie's geschehn bei andern Kindern,
Neuer Friede sein den Gatten;
Doch die Folge war so widrig,
Daß ich ward ein neuer Krieg
Beiden durch verschiedne Triebe:
Lieb' erzeugt' ich in der Mutter
Und im Vater Widerwillen.
Ganz entgegen der Natur,
Liebt' er mich auch nicht im mindsten;
Ja, so haßt' er mich, als ob
Zauberei zum Haß ihn zwinge.
Er erzog mich ohne Lehrer;
Und weit frecher machte dieser
Unfug mich, als ich geworden,
Wenn nur meine Fehler irgend
Wen gehabt, der sie verbeßre;
Denn das scheueste, das wildste
Tier wird lenkbar doch zuletzt,
Sei's durch Schmeicheln, sei's durch Zwingen.
Kaum demnach wies Ueberlegung
Mir den ersten schwachen Schimmer
Von aufdämmernder Vernunft,
Als ich schon, so frei mich findend,
Schlechtem Umgang mich ergab,
Ohne daß es ward gehindert
Durch die Lässigkeit des Vaters,
Durch der Mutter heiße Liebe.
So, von aller Aufsicht frei,
Lief mein ausgelaßner Wille
Ohne Zaum und ohne Zügel
Durch der Lasterbahn Gefilde.
Spiel und Weiber wurden bald
Das hauptsächlichste Getriebe
Meines Lebens, und auf solchem
Grunde ward der Bau errichtet
Meiner Jahre; nun erwägt,
Wie ein Bau, der im Beginnen
Wankend ist, so leicht und schnell
Muß in sich zusammensinken.
Endlich, erst nach langen Tagen,
Da ich schon zu Grund gerichtet,
Weil Ausschweifungen mich gänzlich
Unterjocht, ersah mein blinder
Vater, ich sei schlecht erzogen;
Und nun wollt' er, spät und hitzig,
Grade richten einen Stamm,
Den er selber ließ entsprießen
Aus so fehlerhafter Wurzel
Und im Wuchs sich so verbiegen.
In der That, ihm zu gefallen,
War gewiß mein Wunsch; doch nimmer,
Soll ich wahr sein, glückt' es mir,
Das zu thun, was ihm beliebte.
Einer so den andern duldend,
Doch einander stets zuwider,
Lebten wir und waren beide
Die beständ'gen Qualenbringer
Meiner Mutter, die noch jetzt
Immer fühlt ihr Herz geschieden
In zwei Teile, deren einen
Sie, den andern ich besitze.
Deshalb, wenn ich wohl bei Nacht
Mich vermummt zu ihr geschlichen
(Denn für ihren Gram und meinen
Gibt's kein andres Lindrungsmittel),
Gab sie mir des Hauses Schlüssel,
Und ich kam so ganz im stillen,
Daß mein Vater nicht mich hörte.
Wer sah jemals wohl hienieden,
Daß der Mutter Zärtlichkeit,
Daß die Zärtlichkeit des Kindes
Mußten einer Tugend selbst
Des Verbrechens Larve bieten?
Doch damit ich auf einmal
Fort Euch führe zu den schlimmsten
Schicksalsfügungen, die endlich
Mich in diesen Abgrund stießen,
Schweig' ich von den Liebesstreichen,
Spielgelagen, Händeln, Zwisten,
Die uns beid', in Armut ihn,
In Verhaßtsein mich gerissen.
Wißt, daß neben unserm Hause
Eine Dame wohnt' – ich irre;
Denn nicht dies, sie war der Schönheit
Größtes Wunder, war des Witzes
Ganzer Inbegriff, in dem
Die zwei äußersten der Dinge,
Edelmütig sich vereinend,
Die uralte Trennung tilgten,
Welche die Vollkommenheit
In Verstand und Reiz geschieden.
Ich macht' ihr den Hof, und anfangs
Waren meiner Glut Vermittler
Stumme Zeichen, die hernach,
Erst in Seufzer umgebildet,
Uebergingen in Versuche,
Gut gedacht und schlecht geschrieben.
Ich bekannt' ihr meine Qualen
In wohl tausend Blättern, schriftlich,
Die, in ihr mitleidig Ohr
Sich mit leichtem Fluge schmiegend,
Schlau genug, gefäll'gen Eingang
Bahnten endlich auch der Stimme.
Manchmal, wann die stille Nacht
Zeugin war von meiner Liebe,
Horchte sie am Gitterfenster,
Welches schien Vertrag zu schließen
Mit der Brust; denn dieses Eisen,
Durchgefeilt von meinen bittern
Schmerzen, folgte bald dem Beispiel
Ihres schon erweichten Willens.
Ja, sie hörte mich; und damit
Hab' ich Euch zugleich berichtet,
Daß sie meiner Pein erkenntlich
Sich bewies; denn sicher ist es,
Daß, die einmal sich nicht weigert,
Sie zu hören, auch sie billigt.
Ich nun, stolz und aufgeblasen
Durch dies erste Gunstgewinnen,
Nährte so auf ein'ge Zeit
Meine Hoffnung; bis die Liebe
Wollte, daß mein kühnes Streben
Fliegen sollte bis zum Gipfel
Ihres Glückes. – O wie falsch
Nenn' ich's Glück, wenn ich erblicke,
So tyrannisch sei die Herrschaft
In dem weiten Reich der Liebe,
Daß der Körper selbst des Glückes
Der Gefahr zum Schatten dienet!
Wirklich gönnte sie mir Zutritt
In ihr Haus, nachdem durch viele
Schwüre, zahllose Gelübde
Meine Hand ich ihr gesichert.
O wie leicht ist's, sie zu thun!
O wie schwer, sie zu vollbringen!
Denn kaum fand sich im Besitz
Ihrer Schönheit meine Liebe,
Als sie, ihre Bind' abnehmend,
Sah in minder reinem Spiegel,
Sie sei schön, doch zu gefällig.
Ehre, wilder Basiliske!
Selber gibst du dir den Tod,
Wann du selber dich erblickest.
So, verliebt in einer Rücksicht,
In der andern Reu' empfindend,
Liebt' ich stets noch ihre Schönheit
Und verabscheut' ihre Sitte.
Und demnach, um ohne Furcht
Ihre Reize zu genießen,
Sucht' ich schlau, durch die Entschuldung,
Ich sei Haussohn, aufzuschieben
Die Erfüllung ihrer Wünsche;
Bis sie, aus dem allen schließend,
Dieser Aufschub sei nichts andres,
Als ein künstlich Truggebilde,
Listig sich den Anschein gab,
Als erachte sie für richtig
Meinen Vorwand, ohne daß
Nur an der geringsten Miene
Sich erspähen ließ, sie habe
Falsches gegen mich im Sinne.
Einen Bruder hatte sie,
Außerhalb der Stadt, verwiesen,
Weil er einen Mann von Stande
Hatte meuchlings hingeliefert.
Dieser nun, von ihr berufen,
Kam zurück aus dem Gebirge;
Und in ihrem Hause heimlich
Ihn verbergend, gab die List'ge
Ihm alsbald Bericht vom Zustand
Ihrer Ehre. Hoch ergrimmend,
Nahm er zu des Plans Vollführung
Noch zwei Kameraden mit sich.
Mit derselben Sicherheit,
Wie in andern Nächten, ging ich
Zu ihr auch in dieser Nacht;
Doch, kaum tret' ich in ihr Zimmer,
Seh ich plötzlich von den Dreien
Mich verrätrisch angegriffen,
So zugleich, daß eine Wendung
Mich errettet von drei Stichen;
Und schnell ein Pistol vorhaltend,
Dessen, um des Lärmens willen,
Sie sich nicht bedienen durften,
Gab . . . (Man vernimmt Getöse.)

Stimmen (hinter der Szene).
              Ins Thal!

Andere.                         Zum Berg!

Andere.                                           Ins Dickicht!

Don Mendo. Was ist dieses?

Vicente tritt auf.

Vicente.                                 Herr!

Don Lope.                                       Sprich eilig.

Don Mendo. Was verkündet Ihr?

Violante.                                       Was gibt es?

Vicente. Die entflohnen Diener haben
Aufgerufen die Gerichte
Jenes nahen Orts, und alle
Kommen nun, uns zu erwischen.

Don Lope. Ins Gebirge denn!

Don Mendo.                           Dorthin
Flüchtet Euch; entgegen will ich,
Um zu hindern die Verfolgung,
Und noch einmal Euch versichern
Der Erfüllung meines Wortes.

Don Lope. Ich nehm's an.

Don Mendo.                     Nur eines bitt' ich.:
Gebt ein Zeichen mir, ein Pfand,
Das dem Boten, wenn ich schicke,
Euch zu suchen, Zugang schaffe.

Don Lope. Weiß ich gar nichts doch zu finden,
Das ich könnt' als Pfand Euch geben!
Aber nehmt, statt andrer Dinge,
Dies Jagdmesser an; wer dies
Bei sich führt, kommt ungehindert.

(Er reicht ihm sein Jagdmesser.)

Don Mendo. Wie? Ein Messer?

Don Lope.                                 Und was sonst,
Das nicht wär' ein Todesdiener,
Könnt' ich geben?

Don Mendo.               Wohl, ich nehm' es,
Um zu stumpfen ihm die Klinge.

Don Lope. Nehmt und lebet wohl!

Don Mendo.                                   Lebt wohl!

Don Lope. Ich Unsel'ger, weh!

Don Mendo.                             Was gibt es?

Don Lope. In der Unruh, Euch es gebend,
Ritzt' ich mir die Hand und zittre,
Da ich's in der Euern sehe;
Weil, obwohl nicht rachbegierig
Gegen mich Ihr Euch beweiset . . .

Don Mendo. Sicher nur ein Truggebilde
Der Bestürzung ist's; denn ich . . .

Stimmen (wie vorhin). Fort, ins Thal! Zum Berg! Ins Dickicht.

Vicente. Näher kommen schon die Leute.

Violante. Haltet Euch nicht auf, entfliehet!
Meine Seele hängt an einem
Faden, Eure Fährd' erblickend.

Don Lope. Ich entflieh', um eurer Sorg
Mehr, als meiner Fährde willen. –
(Beiseite.) O mein Wahn, wie vieles sahen
Wir in einem Augenblicke! (Ab mit Vicente.)

Don Mendo. Fort! Laß uns entgegen eilen,
Daß sie weiter vor nicht dringen. –
(Beiseite.) O wie viele Dinge, Zufall,
Bringst du dem Gedächtnis wieder!

Violante (beiseite). Nein, gewiß, so liebenswert
Sah ich das Verbrechen nimmer.
O mein Herz, wie vieles nehm' ich
Mit mir fort, um nachzusinnen! (Beide ab.)

 


 
Audienzsaal im königlichen Schlosse zu Zaragoza.

Don Lope, der Vater, und Don Guillen treten auf.

Don Guillen. Da ich seit den frühsten Jahren
Mit Don Lope, Euerm Sohn,
Freundschaft hielt, verzeiht Ihr schon,
Daß ich wünsche zu erfahren
(Weil ich Euch so traurig finde),
Ob Ihr meines Diensts begehrt.

Don Lope. Glaubt mir, daß ich ganz den Wert
Eurer Freundlichkeit empfinde. –
Und wann seid Ihr angekommen?

Don Guillen. Gestern; einer Sache wegen,
Woran vieles mir gelegen,
Bin von Napel ich gekommen.

Don Lope. Mit dem König wünsch' ich sehr
Hier zu sprechen; doch ich zage,
Daß er mein Gesuch versage.

Don Guillen. Schon kommt der Monarch hieher.

Der König tritt auf, mit Gefolge.

Don Lope. Unbesiegter Herr, Ihr sehet
Lope de Urrea hier,
Den Ihr kennt.

König.                     Was wünschet Ihr?

Don Lope. Heut sei nicht von Euch erflehet,
Was ich oft, zu andrer Zeit,
Schriftlich schon von Euch erbeten;
Heute führt zu diesen Stätten
Mich getrösteter mein Leid.
Knieend, bitt' ich Euch von Herzen,
Großer Herr, daß Ihr mich hört.

König. Sprecht!

Don Lope.         Beklommen und verstört,
Thu' ich kund Euch meine Schmerzen.
Mein mir gleich benamter Sohn
Sagte sich als Ehemann
Einer Dame zu, und dann
(Es zu sagen, kränkt mich schon),
Wohl vor meinem Zorn in Bangen,
Weil ich's nicht bewilligt hatte,
Schob er's immer auf, als Gatte
Die Verlobte zu empfangen.
Wähnend, dieses Zögerns Grund
Sei nicht Vorsicht, sei Verschmähen,
Machte sie nun, was geschehen,
Ihrem fernen Bruder kund.
Dieser kommt mit zwei Genossen,
Die zur Nachtzeit ihn umringen
Und bedrohn ihn umzubringen;
Doch der Jüngling, kühn, entschlossen
Und nicht fähig, zu ertragen
So verwegnen Uebermut,
Wagt', in seines Zornes Glut,
Sich mit allen Drei'n zu schlagen.
Einen fällt' er; doch, fürwahr,
Dies kann kein Gesetz beleid'gen,
Denn den Trieb, sich zu verteid'gen,
Fühlet auch das Tier sogar.
Als er auf die Gasse trat,
Da verletzt' er einen Schergen;
Falls er nun – ich will's nicht bergen, –
Hiedurch Euch beleidigt hat,
So bedenkt, es wäre frecher,
Wenn er, das Gericht verachtend,
Nicht ihm zu entfliehen trachtend,
Ruhig dablieb als Verbrecher.
Freilich, auf des Krieges Feldern
Wär' er würd'ger Eurer Huld,
Als nun, mehrend seine Schuld,
Wegelagernd in den Wäldern;
Doch als Ehrenpunkt verteidigt
Wird, Ihr wißt, in Aragon,
Daß kein Edler je entflohn,
Der ein edles Haus beleidigt.
Jenes Weib, das er verließ,
Das bei diesem Unglücksschlage
Hat ein doppelt Recht zur Klage,
Erstlich, weil er ihr verhieß,
Sie zu freien, und zum zweiten,
Weil ihr Bruder ward gefällt,
Will nun, ferne von der Welt,
Sich ein besser Los bereiten
Und verspricht, wie ich gebeten,
Abzustehn von dieser Sache,
Wenn ich ihr den Mahlschatz mache
Um ins Kloster einzutreten.
Und obwohl ich bin so arm,
Daß ich in der tiefsten Not
Suchen muß mein spärlich Brot,
Hab' ich dennoch, ohne Harm,
Mich entäußernd jeder Habe,
Nicht nur ihr das Eintrittsgeld,
Auch ein Jahrgehalt bestellt:
Und zur Leistung dieser Gabe
Muß ich meine Wohnung nehmen
In dem ärmlichsten Quartier
Meines Hauses, um bei mir
Den Don Mendo aufzunehmen.
Habt nun meines Flehens acht
Und laßt nicht umsonst mich knieen!
Schenkt – da die Partei verziehen
Und nun Eure Königsmacht
Einzig ist Partei zu nennen –
Schenkt von Euerm Herrscherthron
Gnade mir für meinen Sohn,
Die Ihr mögt ihm zuerkennen,
Nicht um sein Verdienst, noch mein,
Um so viel berühmter Ahnen,
Deren Thaten laut Euch mahnen,
Ihrem Sprößling zu verzeihn.
Forschet, Herr, was seit so langen
Jahren durch mein Haus geschah;
Tausend Helden seht Ihr da,
Die Euch Sieg und Ruhm errangen.
Laßt Euch dauern dieses Schneees,
Den der Vaterliebe Glut
Schmelzt durch meiner Augen Flut,
Beim Berichte meines Wehes.
Und darf Vaterzärtlichkeit
Nicht auf Königsgnade bauen,
Rühr' Euch einer edeln Frauen,
Seiner Mutter, tiefes Leid.
Dieser Gram – ihr Herz zerbricht er!
Weil Ihr seid Ihr selber, spendet
Huldreich diese Gnad' uns!

König.                                         Wendet
Euch an meinen Oberrichter.

Don Lope. Ach! mein Unglücksstern verspricht
Wenig Hellung meinem Pfade;
Denn ich fleh' Euch an um Gnade,
Und Ihr weist mich ans Gericht.

König. Wird bei diesem das Vergehen
Vorgebracht nach Recht und Brauch,
Muß es nicht erkennen auch
Den Erlaß?

Don Lope.         Ich muß gestehen;
Doch was hilft's? Es gibt ja keinen
Oberrichter Aragons,
Seit dem Tode Don Ramons.

König. Ja; noch heut wird er erscheinen.

Don Lope. Meine Seufzer, meine Zähren,
Rühren mögen sie Eu'r Herz!

König. Wer sieht dich, o Vaterschmerz!
Ohne Mitleid zu gewähren?

(Ab mit Don Guillen und Gefolge.)

Don Lope. O notwendige Verpflichtung
Einer edeln, wackern Brust,
Was nicht hast du thun gemußt
Für die allgemeine Richtung
Eines Volksurteils, und dies
Ohne reine Vaterliebe!
Nicht als hegt' ich Hassestriebe
Gegen Lope; doch gewiß,
Zu der Wendung dieses Falles
Böt' ich freudiger die Hände,
Wenn ich wahre Lieb' empfände.
Doch für Blanca thu' ich alles,
Weil ich so sie lieb' und achte
(Glaubt sie schon das Gegenteil),
Daß ich, wär's zu ihrem Heil,
Wenig aus dem Tod mir machte.
    (Geräusch hinter der Szene.)
Doch wer tritt, mit solcher Schar,
Eben zum Palast herein?
Mendo, glaub' ich, muß es sein,
Der mein Freund vor Zeiten war.
Gerne möcht' ich zwar vermeiden,
Daß er so allhier mich sähe;
Aber da er künftig (wehe!)
Meine Wohnung (bittres Leiden!)
Teilen soll, so kann ich kaum,
Ihn zu grüßen, mich entbrechen. –
Doch Gelegenheit zum Sprechen
Findet jetzt für mich nicht Raum.
Denn der König, der vernommen
Von Don Mendos Wiederkehr,
Wird zum zweitenmal hieher
In den Audienzsaal kommen.

Der König kommt von der einen Seite, von der andern Don Mendo, beide mit Gefolge.

Don Mendo. Gönnet, Herr, daß mir das reiche
Glück, Euch zu verehren, werde! (Er kniet.)

König. Auf, Don Mendo, von der Erde!
Oberrichter meiner Reiche,
Stehet auf!

Don Mendo.     So weigert nicht
Mir die Hand zum Kuß; sie gönne
Beistand mir, damit ich könne
Aufstehn unter dem Gewicht,
Das Ihr auf mich Schwachen ladet.
Schütze Gott Eu'r Diadem!

König. Wie ergeht es Euch?

Don Mendo.                         Wie dem,
Der von Euch so hoch begnadet
Sich erblickt.

König.                   Ermüdet sein
Müßt Ihr; geht und gönnt Euch Rast.
Morgen früh kommt zum Palast;
Und dann, sind wir beid' allein,
Will ich Euch die Absicht sagen,
Derenthalb es mir gefiel,
Euch an Hof zu ziehn. Gar viel
Denk' ich Euch zu übertragen.

Don Mendo. Seel' und Leben, Herr, sind Euer
Und nie besser zu gebrauchen,
Als für Euch sie zu verhauchen.

(Der König und Gefolge gehen ab.)

Don Lope. Daß der Edle, was ihm teuer
War vordem, nicht leicht vergißt,
Laßt, Don Mendo, jetzt den grauen
Lope de Urrea schauen.

Don Mendo. Könnt' ich in der längsten Frist
Die Verbindlichkeit vergessen
Gegen unsrer Freundschaft Band?

Don Lope. Freudig küss' ich Eure Hand
Und in doppeltem Ermessen:
Erstlich, Eurer Ankunft wegen,
Des Bewohners meiner Zimmer,
Wo zu Euern Diensten immer
Ich und Blanca sind zugegen;
Dann auch, weil Ihr dieser Reiche
Oberrichter seid forthin
Und ich Eu'r Bewerber bin.

Don Mendo. Zur Zufriedenheit gereiche
Euch mein Dienen.

Don Lope.                     Meine Sache
Hat der König, eh Ihr diesen
Ort gesehn, an Euch verwiesen.

Don Mendo. Daß ich für Eu'r Bestes wache,
Glaubt, und daß ich jeden Falles
Werd' Euch treu und dienstlich sein.

Don Lope. Wißt, mein Sohn hat . . .

Don Mendo.                                     Haltet ein!
Schon bekannt ist mir dies alles,
Und ich achte diesen Schmerz,
Den Ihr zeigt; denn freilich, schon
Ward mir kund, für Euern Sohn
Hättet Ihr kein Vaterherz.

Don Lope. Vielen, Herr, hat wohl geschienen,
Daß ich oft zu nah ihm trat;
Doch was ich für ihn nicht that,
Mag er schwerlich auch verdienen.
Denn um seiner Streiche willen
Bin ich jedermann zur Last,
Durch sein Bösesthun verhaßt
Und verarmt durch seine Grillen.

Don Mendo. Laßt nun Euern Schmerz vergehn;
Und, da ich die Stellung habe,
Daß ich geben kann die Gabe,
Die ich dachte zu erflehn,
Haltet jetzt sein schlimmes Glück
Für gebessert; denn das Leben,
Das er mildreich mir gegeben,
Geb' ich dankbar ihm zurück.
Kunde werd' ich Euch erteilen
Von dem allen. Kommt nach Haus;
Alles weiset dort sich aus.
Aber kommt nun, laßt uns eilen;
Denn ich ließ zurück vorhin,
Als ich zum Palast mich wandte,
Meine Tochter Violante,
Der ich Freund und Vater bin,
Und ich sorg', ob sie gekommen.

Don Lope. Freuen wird's mich in der That,
Wenn sie wohl mein Haus betrat,
Wo zu ihrem Dienst und Frommen
Blanca, meine Gattin, harrt,
Die ich, Herr, von ganzer Seele
Euch zur Dienerin empfehle.

Don Mendo. Ehr' ist mir die Gegenwart
Meiner Herrin und Verwandten. –
(Beiseite.) Himmel, könnt' ich doch entgehn
Diesem bangen Wiedersehn
Blancas, ach, der Wohlbekannten! (Beide ab.)

 


 
Vorsaal im Hause des Don Lope.

Von der einen Seite Violante in Reisekleidung, von der andern Doña Blanca.

Blanca. Glücklich, daß sich meine Wohnung
Darf so schönen Gastes rühmen,
Dem ich hier zu jeder Stunde
Dienen kann, wie sich's gebühret.
Um willkommen Euch zu heißen,
Violante, und zur Hilfe
Eurer Frauen kam aus meinem
Zimmer ich zu Euch herüber.

Violante. Ich wohl muß mich glücklich nennen;
Denn dies Land als Fremde grüßend,
Kann ich sagen, daß ich hier
Mich wie in der Heimat fühle.
Doch verzeiht, daß ich in diesem
Vorsaal Euch empfangen müssen,
Welcher unsre Wohnung trennt;
Denn nicht wag' ich, Euch zu führen
In mein ungeordnet Zimmer.

Blanca. Diese Schuld habt Ihr zu büßen,
Nicht die Diener; denn Ihr wurdet
Nicht erwartet hier so frühe.

Violante. Und mir schien's noch immer spät;
So sehr, ich beteur' es, wünscht' ich
Mich zu sehn auf dieser Seite
Des Gebirges, stets befürchtend
Eine zweite Fahr des Lebens.

Blanca. Also gab's schon eine früher?

Violante. Und so große, sollt Ihr wissen,
Daß sie meine Seel' erschüttert
Noch bis jetzt (beiseite), (weil eben jetzt
Mehr ich, als zuvor, sie fühle).

Blanca. Aber wie?

Violante.               Um vor der Sonne
Mich zu wahren, die mit glühnden
Strahlen, wie mit Feu'r und Schwert,
Schien die Felder zu verwüsten,
Stieg ich endlich aus der Sänfte
In dem lieblichsten der Gründe,
Einem Waffenplatz der Blumen,
Weil sie drinnen, wohl beschützet
Durch die Schanzen und die Gräben
Eines Bachs, nicht durften fürchten
Das Belagrungszeug der Sonne,
Noch die Streiferein der Stürme:
Als auf einmal vier bis sechs
Männer aus den Bergen stürzten,
Die an meiner Ehr', am Leben
Meines Vaters Zwang zu üben
Sich vermaßen; und gar leicht
Konnte die Gewaltthat glücken,
Kam in diesem Augenblick
Nicht ein kühner, schmucker Jüngling,
Ein verbannter Edelmann,
Der großmütig . . . Was bekümmert
Euch so sehr? Ihr weinet?

Blanca.                                     Weil ich,
Da Ihr Eu'r Geschick enthüllet,
Um mein eignes Schicksal traure.
Fahret fort.

Violante.           Ich will verhüten,
Daß mein Leid Euch Anlaß gebe,
Euer eignes Leid zu fühlen.

Blanca. Sagt mir, sah Eu'r Vater diesen,
Den so glänzend Ihr, so günstig
Schildert?

Violante.          Dankt er doch zum mindsten
Ehr' und Leben diesem Jüngling.

Blanca (beiseite). Weh ihm, daß er nicht, durch Rache
Meiner Ehr', ein Beispiel übte,
Um der Welt . . . Allein was sag' ich?
Gott im Himmel! Was enthüllt' ich?
Ich war thöricht – o verzeiht!
Denn in meiner Seele Gründen
Ist ein Gram so eingewurzelt,
Daß er manchmal mir die Stütze
Der Vernunft entzieht. Nicht wundern
Darf Euch, Fräulein, dieses Uebel;
Denn der Jüngling ist mein Sohn,
Und des Schicksals hartes Fügen
Macht ihn elend, seinen Vater
Lieblos und mich unvernünftig.

Violante. Wohl entdeckt' er, wer er sei;
Doch ich konnte – so zerrüttet
Waren meine Sinne – damals
Jene Namen nicht genügend
Mir einprägen, um zu merken,
Daß er Euch so nah berühre;
Sonst hätt' ich von ihm geschwiegen.

Don Mendo und Don Lope, der Vater, treten auf.

Don Lope. Botenlohn wird mir gebühren,
Blanca; denn in unser Haus
Ziehen heut Glück und Vergnügen.

Blanca. Das ist viel; denn lange schon
Fanden sie's nicht mehr.

Don Lope.                             Wie übel
That ich! (Zu Violante) Reichet mir, Señora,
Eure Hand, daß ich sie küsse,
Und verzeihet mir. – Du, Blanca,
Wisse: Herr Don Mendo, künftig
Unser Gast, ist Oberrichter
Aragons (was unsers Glückes
Erster Teil ist), und ihm hat
(Zweiter Teil) des Königs Güte
Die Begnadigung Don Lopes
Ueberlassen.

Blanca (beiseite).   Wie bedürftig
Bin ich deiner jetzt, Geduld! –
(Zu Don Mendo.) Dankbar bin ich meinem Glücke,
Herr, das Euch hieher gebracht,
Wo ich Euch zu dienen wünsche.
Meinen Sohn betreffend, weiß ich,
Wer Ihr seid, und denk', Ihr fühlet,
Daß Ihr die Verpflichtung habt,
Eurethalb ihn zu beschützen,
Weil Ihr ihm, sagt Violante,
Einen Dienst habt zu vergüten.

Don Mendo. Stets, um sein- und Eurentwillen,
Blanca, wünsch' ich Euch zu nützen;
Denn ich denk', Ihr wißt, wie sehr
Ich in Eurer Schuld mich fühle.

Elvira tritt auf.

Elvira (zu Violante). Jetzt, Señora, ist dein Zimmer
Aufgeschmückt und zugerüstet.

Violante. So verzeiht und gönnt mir, Blanca,
Güt'gen Urlaub, denn ich wünsche
Auszuruhn.

Blanca.             So gönnet mir,
Daß ich Euch begleiten dürfe.

Don Lope. Mir, dem Greise, kommt es zu,
Euch als Kammerherr zu führen.

Violante. Nur vom Hausherrn nehm' ich's an,
Wenn ich annehm' Eure Mühe. – (Zu Blanca.)
Bleibt mit Gott!

Blanca.                     Er mög' Euch wahren!

Violante (beiseite). Auf nun! uns zum Kampf gerüstet,
Mein Gemüt, mit jener Viper,
Die mir Leben gab und kürzte!

(Don Lope führt Violanten ab; Elvira folgt.)

Don Mendo. Daß ich dieses Euch erlaube,
Thu' ich, weil ich's kann vergüten,
Wenn ich Blanca'n nun begleite. –
(Beiseite.) Eh sie mich anredet, wünsch' ich
Ihren Klagen zu begegnen.

Blanca (beiseite). Geisteskraft, jetzt mir zu Hilfe!
    (Sie geht; Don Mendo will sie begleiten.)
Herr, wohin?

Don Mendo.         Euch zu bedienen.

Blanca. Bleibt, Señor.

Don Mendo.               O daß Ihr wüßtet,
Wie ich die Gelegenheit
Mir ersehnt!

Blanca.               Aus welchen Gründen?
Wenn Ihr keinen andern Zweck
Dabei habt, als Ihr verkündet.

Don Mendo. Euch zu sagen, wie mich's quält,
Finden Euch im Gram zu müssen.
Zwar, Ihr könntet wohl erwidern,
Daß es nicht mich wundern dürfe,
Da ich Euch im Gram verließ.

Blanca. Keines doch von beiden wüßt' ich.
Ihr im Grame mich verlassen?
Wie und wann? Denn, wie mich dünket,
Sah ich Euch noch nie im Leben.

Don Mendo. Blanca! O!

Blanca.                           Nicht weiter führet,
Herr Don Mendo, ein Gespräch,
Das nur Höflichkeit begründet.
Und wenn Euch vielleicht Erinnrung
Von verworrner Art verführte,
Euch so sehr in mir zu irren:
Wie das Schweigen sie verhüllte,
Laßt das Schweigen sie vernichten;
Und nach solcher Zeitenlücke,
Bitt' ich Euch, vergeßt dies alles,
Denn mir blieb davon nichts übrig.

Don Mendo. O wie klüglich, teure Blanca,
Wißt Ihr Euern Geist zu nützen!

Blanca. Warum sagt Ihr das? Ich weiß nicht.

Don Mendo. Ich wohl.

Blanca.                         So laßt dies Euch gnügen.

Don Mendo. Dies soll mir zur Weisung dienen;
Aber, soll ich sie erfüllen,
Wie hab ich's zu machen?

Blanca.                                     Schweigend.

Don Mendo. Und wie schweigt man?

Blanca.                                               Still sich fügend.

Don Mendo. Werd' ich's können?

Blanca.                                         Lernt's von mir.

Don Mendo. Durch welch Mittel?

Blanca.                                           Leicht zu üben.

Don Mendo. Sagt es!

Blanca (rufend).         Beatriz!

Beatriz tritt auf.

Beatriz.                                   Señora?

Blanca. Herrn Don Mendo leucht' hinüber. –
So nimmt man Gelegenheiten.

Don Mendo. Nein, so mehrt man Qual und Bürde. (Alle ab.)

 


 
Violantens Zimmer.

Violante tritt auf, ihren Kopfputz lösend, Elvira mit Lichtern.

Violante. Schließ die Thüren ab, Elvira;
Und wofern mein Vater würde
Nach mir fragen, sag', ich sei
Schon im Bette, höchst ermüdet.
Denn nicht ihn, noch irgend jemand
Will ich sprechen mehr; ich wünsche
Nur die Einsamkeit zur Freundin.

Elvira. Seltsam, was dich so erschüttert!

Violante. Und noch lange nicht geschildert
Hab' ich's dir, wie ich es fühle. –
Hilf mir nun die Locken lösen,
Und hier diese Kleidungsstücke
Leg' auf jenen Tisch.

Elvira.                               Kurzum,
Diese Räuber sind – was dünkt dich? –
Nicht so grausam, wie man sagt.

Violante. Wuchs, Gesicht und Stimme drückten
Sich so tief in mein Gedächtnis,
Daß ich sie mit aller Mühe
Nicht vertreiben kann; so tief,
Daß, wohin ich nur mein schüchtern
Auge wenden mag, da glaub' ich
Ihn zu sehen. (Sie treten in den Alkoven.)

Von außen wird eine Thür aufgeschlossen; Don Lope, der Sohn, und Vicente treten auf.

Don Lope.             Ei, was spür' ich?
Sieh, wie herrlich ist dies Zimmer
Aufgeputzt und zugerüstet!

Vicente. Nun, wir irrten uns im Hause;
Denn, fürwahr, in deinem wüßt' ich
Eine Lampe kaum zu finden.

Don Lope (in den Alkoven sehend).
Halt, bleib stehn!

Vicente.                       Ich halte pünktlich.

Don Lope. Siehst ein Weib . . .?

Vicente.                                       Und zwei sogar.

Don Lope. Das des Putzes, der es schmückte,
Stolz verachtend sich entledigt,
Als unnöt'ger Siegesfrüchte,
Als entbehrlicher Trophäen
Ihrer Schönheit, sagend, dünkt mich:
Besser, als in Waffen Pallas,
Sieget Venus ohne Hülle.

Vicente. Ei, ich seh's; und wenn's so fortgeht,
Werden wir in kurzem hübsche
Dinge schaun.

Don Lope.             Wer mag es sein?

Vicente. Meine Mutter ist's natürlich,
Wenn nicht deine.

Don Lope.                   Nahen will ich,
Ob ich ihr Gesicht enthülle . . .

Vicente. Und ich auch.

Don Lope.                   Und ob ich höre,
Was sie spricht. Doch leiser schlüpfe!

Vicente. Wie? Noch leiser? Und beträt' ich
Stufen eines Grabgerüstes,
Nicht den Silberflor verderbt' ich.

Violante und Elvira kommen wieder hervor.

Elvira. Was für seltsame Gefühle!

Violante. Kurz, so nah ist mir, so sehr
Gegenwärtig dieser Jüngling,
Daß ich schwören möchte – Himmel!
Eben dort ihn schaun zu müssen.

Elvira. Nun, man wird dir nicht die Zähne
Ausziehn wegen falscher Schwüre;
Denn ich möcht' es auch beschwören.

Vicente. Nun ist weiter keine Hilfe.

Don Lope. Jene Dam' ist's, die ich sah. –
Sagt mir, reizendes Entzücken,
Sagt mir, schönes Wunderbildnis . . .

Violante. Schatten meines leeren Dünkens,
Täuschung meiner regen Sinne,
Seele meines irren Grübelns,
Körper meiner Phantasie,
Stimme meines Wahns – denn wirklich,
Bist du Schatten gleich und Täuschung,
Traumbild, Wahn und Sinnenlüge,
Ohne Seele, Hüll' und Stimme,
Hast du Stimme, Seel' und Hülle –
Wie bist du hier eingedrungen?

Don Lope. Reinster Schönheit Wunderblüte,
Wohl laßt Ihr die Phantasie
Auf Euch ein zu lebhaft wirken.
Kommt mir, bitt' ich, nicht zuvor
In den Zweifeln, die ich fühle;
Denn ich frag' aus besserm Grunde,
Welch Geschick hieher Euch führte?

Violante. Dieses ist mein Haus.

Don Lope.                                   Auch meins;
Denn, kam ich . . .

Violante.                       Schweigt, Ungestümer!

Don Lope (zu Elvira). Daß sie ruhig werde, höret
Ihr mich!

Elvira.           Ich? Aus welchen Gründen?
Nein, erscheinet meiner Herrin,
Ihr gespenst'ger Räuberjüngling,
Denn sie ist ja die Verliebte.
Aber warum mir? Ich fühle
Wahrlich nichts für Euch.

Don Lope (zu Violante).           Bemerkt,
Wie Euch Eure Furcht betrüget.
Ich bin dieses Hauses Sohn,
Und um Blanca zu begrüßen,
Kam ich her, um ihr zu sagen,
Was Ihr wisset; denn ich wünsche,
Daß sie jene Gunst betreibe,
Die Don Mendo mir verbürgte.
In dies Zimmer trat ich ein
Mittels meines eignen Schlüssels,
Nicht vermutend, wahrlich, Euch
Hier zu sehn. Und wenn mir's glückte,
Euch des Staunens zu entbinden,
Leistet mir die gleiche Hilfe
Und erklärt mir, wie es zugeht,
Daß ich Euch hier finden dürfe.

Violante. Was Ihr sagt, ich wußt' es freilich;
Doch mich übermannten früher
Der Einbildungskraft Phantome,
Als des Wissens sichre Gründe.
Und noch kaum erhol' ich mich
Jetzt sogar, den Trug enthüllend;
Denn vertreibt Ihr eine Furcht,
Laßt Ihr andre noch mir übrig.
Die Ihr schuft als Wahnerzeugnis,
Schafft Ihr nun als Wahrheitsbürge,
Und als Wahrheit oder Täuschung
Seid Ihr immer mir zu fürchten..–
Dieses Haus ist meine Wohnung;
Denn die Diener, welche früher
Kamen, haben es bestellt.
Euer Vater, wie mich dünket,
Wohnt im andern Teil des Hauses.
Sucht Ihr ihn, so geht hinüber
Und verlaßt mich, daß für diese
Zartheit ich Euch danken dürfe.

Don Lope. Muß ich gleich als Gottesdiener
Eurer Schönheit mich verkünden,
Bin ich's mit so heil'ger Liebe,
Mit so reiner Achtungsfülle,
Mit so weit entfernter Hoffnung,
So nachgiebigem Gemüte,
Daß, wie treu ich Euch verehre,
So ich Euerm Wunsch mich füge.
Lebet wohl und wißt: von allen
Seid Ihr's, der zuerst es glückte,
Meinen Willensdrang zu mäß'gen,
Meinen Ungestüm zu zügeln.

Violante. Lebet wohl und wißt auch Ihr:
Dankbar bin ich Eurer Güte.
Und auch Ihr seid ja der erste,
Dem's gelang, mich so zu rühren.

Don Lope. Ha, wer mit dem Preis des eignen
Lebens wüßt' es zu vergüten!

Violante. Wollt vergüten Ihr, Don Lope?

Don Lope. Ja!

Violante.         So geht, und unverzüglich.

Don Lope. Ich will's thun; komm mit, Vicente.

Vicente (der indes mit Elvira gesprochen).
Geh nur, wenn es dich gelüstet;
Aber ich bleib' hier heut nacht.

Violante. Was für seltsame Gefühle!

Don Lope. Welche wundervolle Schönheit!

Violante. Lieb' erregend, ohne Wünsche!

Don Lope. Neigung weckend, ohne Sehnen!

Violante. Geht mit Gott!

Don Lope.                       Er mög' Euch schützen!

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.