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Drei Menschen

Maxim Gorki: Drei Menschen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDrei Menschen
publisherMalik-Verlag
printrun16. ? 20. Tausend
year1928
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071023
modified20160926
projectid589293ad
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I

Mitten in den Wäldern von Kershenez finden sich zahlreiche einsame Gräber zerstreut; in ihnen modern die Gebeine frommer Greise, die sich zur Lehre der Altgläubigen bekannten, und von einem dieser Greise – Antipa hieß er – erzählt man sich in den Dörfern der Umgegend noch heute mancherlei.

Antipa Lunew, ein reicher Bauer von strengem Charakter, war bis an sein fünfzigstes Jahr in weltlicher Sünde versunken gewesen, hatte dann Einkehr bei sich gehalten und, von Schwermut ergriffen, seine Familie verlassen, um sich in die Waldeinsamkeit zu begeben. Dort, am Abhang einer steilen Schlucht, hatte er seine Einsiedlerzelle zurechtgezimmert, und hier lebte er acht Jahre lang, Sommer und Winter, ohne irgend jemand, seien es Bekannte oder Verwandte, Einlaß zu gewähren. Zuweilen stießen Leute, die sich im Walde verirrt hatten, zufällig auf seine Zelle und sahen Antipa, im Gebet versunken, an ihrer Schwelle knien. Sein Anblick erregte Furcht: er war ausgemergelt vom Fasten und Beten und ganz mit Haaren bedeckt wie ein Tier. Wenn er einen Menschen sah, so stand er auf und verneigte sich schweigend vor ihm bis zur Erde. Fragte man ihn, wie man aus dem Walde hinausgelangen könne, so wies er, ohne ein Wort zu sagen, mit der Hand den Weg, verbeugte sich nochmals bis zur Erde, ging in seine Zelle und verschloß sich darin. Man hatte ihn häufig gesehen in den acht Jahren, aber kein Mensch hatte jemals seine Stimme vernommen. Seine Gattin und seine Kinder besuchten ihn; er nahm Speise und Kleidung von ihnen an und verneigte sich vor ihnen bis zur Erde, wie vor allen andern, doch sprach er auch zu ihnen, wie zu allen andern, nicht ein Wort.

Er starb in demselben Jahre, in dem die Einsiedeleien der Altgläubigen zerstört wurden, und sein Tod erfolgte auf solche Weise:

Der Polizeimeister kam mit einem Soldatenkommando in den Wald, und da sahen sie, wie Antipa mitten in seiner Zelle kniete und still für sich betete.

»Du!« schrie der Polizeimeister – »mach', daß du fortkommst! Wir wollen deine Höhle hier zerstören! . . .«

Doch Antipa hörte seine Stimme nicht. Und so laut auch der Polizeimeister schrie – der fromme Greis erwiderte ihm nicht ein Wort. Der Polizeimeister ließ Antipa aus der Zelle herausschleppen. Aber seine Leute wurden verwirrt bei dem Anblick des Alten, der so andächtig und unentwegt im Gebet verharrte, ohne auf sie acht zu geben, und sie zögerten, von solcher Seelenstärke erschüttert, den Befehl des Polizeimeisters auszuführen. Nun gebot der Polizeimeister, die Zelle abzubrechen, und sie begannen behutsam, um dem Betenden nicht wehzutun, das Dach der Zelle abzutragen.

Die Beilhiebe erklangen über Antipas Haupte, die Bretter stürzten krachend zur Erde nieder, das dumpfe Echo der Schläge hallte durch den Wald, rings um die Zelle schwirrten unruhig die durch den Lärm aufgescheuchten Vögel, und das Laub der Bäume erzitterte. Der fromme Greis aber betete, als wenn er nichts sähe noch hörte . . . Schon begannen sie die Balkenlagen der Zelle abzutragen, und immer noch lag ihr Bewohner unbeweglich auf den Knien. Und erst, als die letzten Balken zur Seite geworfen waren und der Polizeimeister selbst an Antipa herantrat und ihn bei den Haaren faßte, sprach Antipa, die Augen gen Himmel gewandt, leise zum Herrn: »Gnädiger Gott, verzeih ihnen!«

Und dann fiel er rücklings hin und war tot.

Als dies geschah, war Jakow, Antipas älterer Sohn, dreiundzwanzig Jahre und Terentij, der jüngere, achtzehn Jahre alt. Der stattliche, kräftige Jakow hatte schon als ganz junger Bursche den Spitznamen »Brausekopf« erhalten, und zur Zeit, da sein Vater starb, galt er als der tollste Zechbruder und Raufbold weit und breit in der Runde. Alle Welt beklagte sich über ihn – die Mutter, der Dorfälteste, die Nachbarn; man sperrte ihn ein, bestrafte ihn von Gerichts wegen mit Rutenhieben und prügelte ihn auch so, ohne Urteil der Dorfrichter, doch alles das vermochte Jakows leichtfertige Natur nicht zu zähmen, und immer enger ward es ihm im Dorfe, unter seinen altgläubigen Landsleuten, die so emsig und arbeitsam waren wie die Maulwürfe, jede Neuerung streng verdammten und trotzig an den Geboten des alten Glaubens festhielten. Jakow rauchte Tabak, trank Branntwein, kleidete sich auf deutsche Art, nahm an den Gebeten und Religionsübungen der Gemeinde nicht teil, und wenn ehrbare Leute ihm ins Gewissen redeten und ihn auf seinen frommen Vater verwiesen, dann meinte er nur spöttisch:

»Habt Geduld, meine verehrten Alten – alles hat seine Zeit. Ist erst das Maß meiner Sünden voll, dann will auch ich Buße tun. Jetzt ist es mir noch zu früh. Könnt mir auch mein Väterchen nicht als Beispiel vorhalten – der hat fünfzig Jahre lang gesündigt und nur acht Jahre Buße getan! . . . Bis jetzt ist nur so viel Sünde an mir, wie Flaum am Leibe des jungen Nestvogels; sind mir erst richtig die Sündenfedern gewachsen – dann ist die Zeit zur Buße gekommen . . .«

»Ein schlimmer Ketzer!« hieß es von Jakow Lunew im Dorfe, und man haßte und fürchtete ihn. Zwei Jahre nach dem Tode des Vaters heiratete Jakow. Er hatte durch sein ausschweifendes Leben die schöne Wirtschaft, die sein Vater in dreißigjähriger, fleißiger Arbeit eingerichtet hatte, von Grund aus ruiniert, und kein Mensch im Dorfe wollte ihm seine Tochter zur Frau geben. Irgendwoher, aus einem entfernten Dorfe, hatte er eine hübsche Waise genommen, und um die Hochzeit auszurichten, hatte er den vom Vater angelegten Bienengarten verkauft. Sein Bruder Terentij, ein schüchterner, schweigsamer Mensch mit einem Buckel und ungewöhnlich langen Armen, hinderte ihn nicht in seinem wüsten Treiben; die Mutter lag krank auf dem Ofen und rief ihm mit unheilverkündender, heiserer Stimme zu:

»Ruchloser! Hab' Mitleid mit deiner Seele! . . . Komm zur Vernunft!«

»Sorgt euch nicht, liebes Mütterchen!« versetzte Jakow. »Der Vater wird bei Gott mein Fürsprecher sein . . .«

Anfänglich, fast ein ganzes Jahr hindurch, lebte Jakow mit seinem Weibe still und friedlich, sogar zu arbeiten begann er. Dann aber wurde er wieder liederlich, verschwand für ganze Monate aus dem Hause und kehrte zerschlagen, abgerissen und verhungert zu seinem Weibe zurück . . . Jakows Mutter starb, und beim Leichenschmause schlug Jakow in der Trunkenheit den Dorfältesten, seinen alten Feind, blutig, wofür er in die Arrestantenkompanie gesteckt wurde. Als er seine Zeit abgesessen hatte, erschien er wieder im Dorfe – mit glattgeschorenem Kopfe, finster, voll Bosheit. Das Dorf haßte ihn immer mehr und übertrug seinen Haß auch auf Jakows Familie, namentlich auf seinen harmlosen Bruder Terentij, der von klein auf den Knaben und Mädchen zum Gespött gedient hatte. Jakow nannte man einen Verbrecher und Räuber, Terentij eine Mißgeburt und einen Hexenmeister. Terentij schwieg zu allen Schmähungen, die ihm zuteil wurden, Jakow dagegen drohte offen jedermann:

»Laßt gut sein! Wartet nur! . . . Ich will's euch anstreichen!«

Er war gegen vierzig Jahre alt, als im Dorfe eine Feuersbrunst ausbrach; man beschuldigte ihn der Brandstiftung, und er wurde nach Sibirien verschickt.

In Terentijs Obhut verblieb nun Jakows Weib, das zur Zeit der Feuersbrunst den Verstand verloren hatte, und sein Sohn Ilja, ein ernster, kräftiger, schwarzäugiger Knabe von zehn Jahren. Sooft dieser Knabe sich auf der Dorfstraße zeigte, liefen die andern Kinder ihm nach und warfen ihn mit Steinen, die Großen aber riefen bei seinem Anblick:

»Hu, der junge Teufel! Die Sträflingsbrut! . . . Krepieren sollst du! . . .«

Zu schwerer Arbeit ungeeignet, hatte Terentij vor dem Brande mit Teer, Zwirn, Nadeln und allerhand Kleinkram Handel getrieben, aber der Feuersbrunst, die das halbe Dorf vernichtet hatte, war auch das Haus der Lunews und Terentijs ganzer Warenvorrat zum Opfer gefallen, so daß nach dem Brande die Lunews nichts weiter besaßen als ein Pferd und dreiundvierzig Rubel an barem Gelde. Da Terentij einsah, daß er in seinem Heimatdorfe auf keine Weise seinen Unterhalt finden konnte, ließ er die Schwägerin für fünfzig Kopeken monatlichen Pflegegeldes in der Obhut einer armen Bäuerin, erstand einen elenden alten Karren, setzte seinen Neffen hinein und beschloß, nach der Gouvernementsstadt zu fahren, in der Hoffnung, daß ihm dort ein entfernter Verwandter der Lunews, Petrucha Filimonow, der in einem Wirtshause Büfettier war, bei seinem Fortkommen behilflich sein würde.

Zur Nachtzeit, ganz heimlich wie ein Dieb, verließ Terentij mit seinem Wägelchen den heimischen Herd. Schweigend lenkte er sein Pferd und schaute mit seinen großen schwarzen Kalbsaugen immer wieder zurück. Das Pferd trottete im Schritt daher, der Wagen ward tüchtig gerüttelt, und Ilja, der sich ins Heu eingewühlt hatte, war bald in kindlich festen Schlaf gesunken . . .

Mitten in der Nacht ward der Knabe durch einen beängstigenden, sonderbaren Ton geweckt, der wie das Heulen eines Wolfes klang. Die Nacht war hell, der Wagen hielt am Saume eines Waldes; das Pferd rupfte schnaubend das taufeuchte Gras in der Nähe des Wagens ab. Eine mächtige Kiefer stand einsam weit im Felde, wie wenn sie aus dem Walde vertrieben worden wäre. Die scharfblickenden Augen des Knaben spähten unruhig nach dem Onkel aus; in der Stille der Nacht vernahm man deutlich das dumpfe, vereinzelte Aufschlagen der Pferdehufe gegen den Boden, und das Schnauben des Gaules, das wie ein schweres Seufzen klang, und jenen unerklärlichen, bebenden Ton, der Ilja so in Schrecken setzte.

»Onkelchen!« rief er leise.

»Was gibt's?« versetzte Terentij hastig, während jenes Heulen plötzlich verstummte.

»Wo bist du?«

»Hier bin ich . . . Schlaf nur ruhig! . . .«

Ilja sah, daß der Onkel, ganz schwarz und einem aus der Erde emporgerissenen Baumstumpf gleichend, auf einem Hügel am Waldrande saß.

»Ich fürchte mich«, sagte der Knabe.

»Wovor kann man sich hier fürchten? . . . Wir sind doch ganz allein . . .«

»Es heult jemand so . . .«

»Hast wohl nur geträumt . . .«

»Bei Gott – er heult!«

»So . . . vielleicht war's ein Wolf . . . Doch er ist weit . . . Schlaf nur! . . .«

Aber dem kleinen Ilja war der Schlaf vergangen. Von der nächtlichen Stille ward ihm so bang ums Herz, und in den Ohren klang ihm in einem fort jener seltsam klagende Ton. Er betrachtete mit Aufmerksamkeit die Gegend und sah, daß der Onkel dahin schaute, wo auf dem Berge, weit, weit im Walde, die weiße Kirche mit ihren fünf Kuppeln sich erhob, über der hell der große, runde Mond erglänzte. Ilja erkannte, daß es die Kirche des Dorfes Romodanowsk war; zwei Werst von ihr entfernt lag oberhalb einer Schlucht mitten im Walde ihr Heimatort Kiteshnaja.

»Wir sind noch nicht weit fort«, sagte Ilja nachdenklich.

»Was?« fragte der Onkel.

»Wir sollten doch weiter fahren, mein' ich . . . Es wird noch jemand von dort herkommen . . .«

Ilja nickte mit feindseligem Ausdruck nach der Richtung des Dorfes hin.

»Wir werden schon weiterfahren . . . wart' nur! . . .« versetzte der Onkel.

Wiederum ward es still. Ilja stützte sich mit den Ellbogen auf den Vorderteil des Wagens und begann gleichfalls dahin zu schauen, wohin der Onkel schaute. Das Dorf konnte man in dem dichten, schwarzen Waldesdunkel zwar nicht sehen, doch es schien Ilja, daß er es wirklich sah, mit allen Häusern und Menschen und der alten Weide mitten auf der Straße, dicht neben dem Brunnen. Auf dem Boden, am Stamme der Weide, liegt sein Vater, mit Stricken gebunden, im zerrissenen Hemd; seine Arme sind auf dem Rücken gefesselt, die entblößte Brust tritt hervor, und der Kopf scheint an dem Baume festgewachsen. Unbeweglich, wie ein Toter, liegt er da und schaut mit schrecklichem Ausdruck in den Augen auf die Bauern. Es sind ihrer so viele, und sie alle schauen so böse drein, und sie schreien und schelten. Diese Erinnerung stimmte den Kleinen traurig, und es kitzelte ihn etwas in der Kehle. Es war ihm, als ob er im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen müßte, aber er wollte den Onkel nicht beunruhigen, und so hielt er an sich und krümmte, um sich zu erwärmen, seinen kleinen Körper noch mehr zusammen . . .

Plötzlich vernahm er wieder jenen seltsamen, heulenden Ton. Wie ein schwerer, schluchzender Seufzer klang er zuerst, und dann wie ein unsagbar trauriges Wehklagen:

»O–o–u–o–o! . . .«

Der Knabe fuhr ängstlich zusammen und horchte. Der Ton aber klang noch immer zitternd durch die Luft und nahm an Stärke zu.

»Onkelchen! Bist du es, der so heult?« schrie Ilja.

Terentij antwortete nicht und regte sich nicht. Da sprang der Knabe vom Wagen, lief zum Onkel hin, schmiegte sich fest an ihn und begann gleichfalls zu schluchzen. Mitten durch sein Schluchzen vernahm er die Stimme des Onkels:

»Ausgestoßen . . . haben sie uns . . . o Gott! Wohin sollen wir gehen? . . . Wohin?«

Und der Knabe sprach mit tränenerstickter Stimme:

»Wart' nur . . . wenn ich groß bin . . . will ich's ihnen vergelten! . . .«

Als er sich ausgeweint hatte, schlief er ein. Der Onkel nahm ihn auf seine Arme und trug ihn in den Wagen, er selbst aber ging wieder auf die Seite und begann von neuem zu heulen, so langgezogen, kläglich . . . wie ein kleiner Hund.

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