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Drei Märchen

Georg Ebers: Drei Märchen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
booktitleDrei Märchen (Gesammelte Werke Bd. XXI)
authorGeorg Ebers
yearca. 1895
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDrei Märchen
created20050917
sendergerd.bouillon
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Hier bricht die Erzählung ab, die der Sohn eines Freundes, als er auf dem Boden der Drei Könige spielte, in einer alten Truhe auffand. Sie füllte ein vergilbtes Heft, das vor dem Zahn der Mäuse und dem Wurmfraße bewahrt geblieben, weil es unter stark duftenden Kräutern und Droguen gelegen, die wohl noch aus der Offizin des alten Hofapothekers stammten.

Zwischen den letzten Seiten dieses Heftes, das mir anvertraut wurde, und dem Umschlag fand sich aber noch der Bericht eines späteren Ueberhell.

Er ist kaum früher als am Ende des vorigen Jahrhunderts verfaßt, wie das Papier und die regelmäßige ansprechende Handschrift, sicherer aber noch die Erwähnung der Kuhpockenimpfung als einer neuen Entdeckung beweist; denn die stammt aus dem Jahre 1796, und in London hatte es schon drei Jahre später ein Impfinstitut gegeben, von dem ein Leipziger Professor der Arzneikunde unterrichtet sein mußte.

Diese Mitteilungen sind »Doktor Ernst Ueberhell, Professor der Arzneikunde«, unterzeichnet; ihr Inhalt aber lautet wie folgt:

Seit demjenigen meiner Vorfahren, dem wir die in diesem Hefte aufbewahrte wunderbare Geschichte des Elixirs verdanken, das lange Zeit in meinem Geschlecht von einem auf den andern vererbt wurde, sind etliche Saecula vergangen.

Viele Ueberhells schlossen seitdem die Augen, und das Grab Doktor Melchiors und seiner schönen Ehehälfte ging bei der Umgrabung des alten Friedhofes verloren. Dagegen wird das mit dem Rotstift vollbrachte Bildnis der Frau Bianka mit dem Zeno-Knäblein heute noch als wertes Familienstück verwahrt, und es ist für meinen Vater selig der erste Anlaß geworden, sich in seiner edlen Kunst zu üben.

Unser Ahnherr, der Doktor Melchior, hatte die beste Kraft eingesetzt, um ein Wohlthäter seines Geschlechtes, vielleicht sogar der gesamten Menschheit, zu werden; doch leider sollte er mit nichten erreichen, was er erstrebt; denn zu meiner Kümmernis muß ich bekennen, daß es wohl in erster Reihe dem Elixir zuzuschreiben ist, wenn sich mancherlei Unliebsames an unsern guten Namen hängte und der Leumund meines alten Geschlechtes sich nicht eben rühmlich gestaltete.

Die meisten Ueberhells wurden nämlich der Anmaßlichkeit und Selbstüberhebung, der Rechthaberei und bitterer Streitsucht bezichtigt. Viele haben sich auch den Nächsten durch kränkende Urteile und harte Anklagen lästig und feindlich erwiesen, sich selbst aber durch ein wunderliches Zurschautragen der eigenen Fehler zu Schaden gebracht.

Unser Geschlecht wich dazu durch unmilde Schroffheit und durch kränkenden Mangel an wohlwollender Rücksicht so weit von den Gliedern der besseren Kreise unserer guten und gesitteten Stadt ab, daß das harte Wort von Mund zu Mund ging, es gebe zu Leipzig Männer, Frauen und Ueberhells.

Meine Vorfahren haben darum wenig Liebe und viel Abneigung und Feindseligkeit geerntet, und so kam es, daß auch ihr Wohlstand abnahm. Selbst die heiligen drei Könige in der Katharinenstraße, die indes längst diesen Namen einbüßten, während er sich an ein anderes Haus knüpfte, gingen uns verloren, bevor mein Vater selig sie wieder erwarb, und daß die Voreltern nicht noch weiter herabkamen, das danken sie wohl vorzüglich der Scheu, ja der Furcht, die sie vielen einflößten.

Von manchem meiner Ahnen – und sie bedienten sich sämtlich im fünfundzwanzigsten Lebensjahre des Elixirs – brachte ich Näheres in Erfahrung; von keinem aber, daß er ein glücklicher und zufriedener Mann gewesen wäre, außer von einem, und das war der Maler Johannes Ueberhell, der seltene Mann, dem ich das Leben verdanke.

Der verlor den Vater beizeiten und wurde von seiner braven Mutter, einer Witib, unter Not und Thränen durchgebracht und erzogen; auch hat sie das letzte Geschmeide und Silber aus der alten, guten Zeit drangegeben, um es ihm zu ermöglichen, bei einem wackeren Meister zu Dresden den Pinsel führen zu lernen.

Er war ein rechtschaffener Bursch mit einem Herzen sonder Harm und einer so heiteren Seele, daß Betrübte das Leid vergaßen, wo sich nur sein sonniges Angesicht zeigte.

Schon als Kind – das haben wir aus dem Mund der Großmutter selig vernommen – war er trotz der bitteren Armut, in der er heranwuchs, so heiteren und erkenntlichen Gemütes, daß er sich ein eigenes Gebetchen ersann, in dem er dem Herrgott fröhlich dankte, daß er ihn erschaffen.

Dieser Mann ist denn auch ohne das Elixir schon als Kind treu und wahrhaftig gewesen wie einer, aber er hat sich seiner dennoch bedient, und ihm gereichte es zu großem Segen. Als fröhlicher und doch bescheidener und im Verkehr mit anderen, die nicht seine Altersgenossen, sonderbar schüchterner Bursch war er mit einen leichten Ränzlein und fünfzig Thalern in der Tasche über die Alpen in das Land Italia gewandert und in Rom als Gesell bei einem fürnehmen Meister untergekommen. Den brannte bald der Neid wegen der großen Kunst meines Vaters; auch war er bestrebt, des Alten und anderer deutschen Künstler Arbeiten, mit denen sie sich um einen hohen Preis bewarben, zurückzusetzen, um ihn geringeren Malern welschen Blutes zuzuwenden. Anfänglich fand nun der Vater wegen der übelen Befangenheit, deren er nicht aus eigener Kraft Herr zu werden vermochte, nimmer den Mut, solcher Unbill entgegenzutreten, bis er, wie das Mütterlein daheim es ihn geheißen, am fünfundzwanzigsten Geburtstag sich des Elixirs bediente.

Dies verlieh ihm dann nicht nur das Vermögen, sondern nötigte ihn sogar mit unwiderstehlicher Macht, die Wahrheit laut zu verkünden und die Ungerechtigkeit beim rechten Namen zu nennen.

Dadurch kam es zu einer ernstlichen Untersuchung dieses Handels, und die neu ernannten Richter erkannten dem Johannes Ueberhell einmütig den Preis zu, mit dem ein ehrender Auftrag verbunden. Nachdem man aber einmal erkannt, was er vermochte, stieg er schnell zu hohem Ansehen und wurde der vielgepriesene Meister, als welcher er schon in jungen Jahren weithin berühmt ward.

Auch im späteren Leben dankte dieser seltene Mann dem Elixir nur das Beste; denn weil seine Seele so lauter war wie helles Kristall und er jedermann nur Gutes wünschte, konnte er getrost heraussagen, was ihn bewegte.

Seine Augen hielten nichts fest, als was schön, und das Schöne und Wahre war ihm eins. So that denn auch sein Auge und Mund den anderen nichts kund, als was gefällig erschien und erfreulich. Drängte sich ihm aber einmal das Schlechte und Niedrige auf, so konnte er es freilich zu Boden schmettern als echter Ueberhell; doch das geschah selten, weil sein geflügelter Geist ihn hoch darüber hinwegtrug und das Gemeine und Unsaubere ihn abstieß.

Ja, der Vater war ein glückseliger Mann, und daß das Elixir wesentlich dazu beitrug, will ich nicht leugnen; denn wenn es ihn zwang, das Innerste nach außen zu kehren und den Leuten mit aller Wahrhaftigkeit zu zeigen, was in seiner Künstlerbrust vorging, so wurden ihnen Einblicke in eine Welt eröffnet, so sonnig, rein und von überirdischer Herrlichkeit, wie sie ihre blöden Augen sonst nimmer zu schauen bekamen.

Darum suchten die Besten ihn auf und schlossen sich an ihn, und je mehr Güte ihm zu teil wurde, desto besser und weiser ist er geworden.

Nun möchte wohl männiglich denken, daß er, dem das Elixir sich so günstig erwies, es besonders hoch gehalten und es den Kindern und Enkeln fleißig zu nützen geboten hätte; doch ist es damit ganz anders ergangen.

Nachdem ich nämlich die hohe Schule verlassen und die Venia erhalten, als Magister an der hohen Schule zu Leipzig die edle Arzneikunde zu lehren, berief er mich in der Vakanzzeit nach Rom, wo er immer noch lebte, und wenige Wochen vor dem Beginn des fünfundzwanzigsten Lebensjahres ritt ich in die Porta del Popolo ein.

Am Abend nun, der meinem Wiegenfeste voranging, holte er die Phiole hervor, wies sie mir und frug, was ich über die Verse denke, die er auf ein Schildlein geschrieben, das er an der Flasche befestigt.

Da las ich sie denn, und sie lauteten also:

»Hegt nur in dankbarer Brust das Kleinod der lauteren Wahrheit,
Freut euch der herrlichen Macht, die sie zu reden euch zwingt,
Wahr sei, was ihr auch denkt, doch achtet der Lehre des Alten:
Weislich verschweiget auch viel, was als wahrhaftig ihr schätzt.«

Da war es mir, als fielen mir Schuppen von den Augen, und ich erkannte, was den Ueberhells einen so übelen und gefürchteten Namen unter den Mitbürgern bereitet.

Morgen sollte auch ich mich des Elixirs bedienen, und ich fragte den Vater: »Aber wenn die Kraft der Essenz nun auch mich unwiderstehlich zwingt, alles Wahre, wie es auch heiße und ob es mir auch widerstrebe, nur weil es eben wahr ist, zum eigenen Verdruß und Schaden und anderen zum Aergernis herauszusagen?«

Da versetzte er ernst: »Das Wahre? Hat sich denn jetzt schon die rechte Antwort auf die alte Frage: ›Was ist Wahrheit?‹ gefunden? Weißt Du denn je, ob der großen und edelen Himmelstochter entspricht, was Dein kleiner, irrender Menschengeist für das Wahre und Richtige hält?«

Die nämlichen Bedenken hatten mich auf dem Ritt über die Alpen schon selbst beunruhigt, und so rief ich ihm denn zu: »Das ist eben die schwere Gefahr, die dem Elixir innewohnt! Es schärft in der Seele die Zuversicht, daß sie der vollen Wahrheit vermittelst eines Zaubers teilhaftig sei, während ihr doch nur die Fähigkeit innewohnt, sie zu suchen.

Es verleitet uns auch, anderen aus voller Ueberzeugung aufzudringen, was wir für wahr halten, sie zu verachten und zu strafen, wenn sie sich zu abweichenden Meinungen bekennen. Dich machte das Elixir zu einem glücklichen Mann, mein Herr Vater, weil in Dir alles gut ist und rein, und weil das Schöne, in dem und wofür Du lebst, jegliches adelt und den Menschen genehm macht, was von Dir ausgeht. Aber viele Geschlechter mußten dahinsterben, bevor Du erschienest, um die Kräfte der Essenz zu Ehren zu bringen. Ich selbst bin schon von geringerem Schlage, und wie meine Kinder, wenn mir solche beschieden sein sollten, geraten werden, wer kann es wissen? Der Mensch, der in dieser Welt, wo alles sich verbirgt und seine Rede bemäntelt, allein gezwungen ist, herauszusagen, was er für wahr hält, der gleicht einem Streiter, der ohne Schild und Harnisch gegen Gepanzerte kämpft. Darum, mein viellieber Herr Vater, widerstrebt es mir mächtig, mich morgen des Fläschleins zu bedienen.«

Da lächelte der Alte und versetzte: »Rieche nur getrost hinein, mein Erneste; denn es sei Dir vertraut, daß ich die Essenz in den Tiber schüttete, an dessen Ufer so viel nach Wahrheit gesucht wurde und so mancher das Wahrheitselixir bei sich zu führen vermeinet. Mit Wasser und mit einem Tropfen stark duftender Myrrhen füllt' ich darauf die Phiole; das Wasser aber nahm ich aus der fontana Trevi. Du weißt doch, daß diesem Brunnen die Kraft innewohnt, Sehnsucht zu wecken, – zunächst freilich nur nach der ewigen Stadt, vielleicht aber auch in unserer Phiole nach der ewigen Wahrheit. Lassen wir unseren Nachkommen das Fläschchen! Sie mögen sich seiner schon in jungen Jahren bedienen und zu gleicher Zeit das Sprüchlein dem Gedächtnis einprägen, das daran haftet. Wenn dann das harmlose Naß, das es enthält, und die Lehre und das Beispiel der Eltern die Sehnsucht nach der Wahrheit in ihnen wecket, dann haben wir besser für sie gesorgt als weiland der Doktor Melchior Ueberhell für diejenigen, welche unsere Vorfahren waren.«

»So denke auch ich,« versetzte ich dankbar. »Aber,« fügte ich hinzu, »hast Du, Vater, indem Du das Elixir in den Strom gossest, Dich nicht des wirksamsten Hilfsmittels beraubt, in Deinen Schöpfungen der Wahrheit unbedingt treu zu bleiben?«

Da schüttelte der Alte das Haupt und versetzte: »Laß die Essenz nur schwimmen! Das Wahre der Ueberhells, das nämlich, was der Einzelne für wahr hält, ist doch nur ein nichtiges, und, pocht man darauf, ein gefahrbringendes Ding. Nur wo der Geist aus den flüchtigen Erscheinungen in der Natur und im Leben ein Gesetz zieht, entgeht er der Gefahr, das hinfällige und wechselnde Wirtliche für die unvergängliche und sich ewig gleichbleibende Wahrheit zu halten. Darum bereue ich keineswegs, was ich that. Ich habe auch damit für meine Enkel, die etwa Künstler werden, die Gefahr beseitigt, dem Irrtum zu verfallen, das Höchste sei ihnen gelungen, wenn es nur glückte, ein Ding ganz, wie es ihnen zufällig in der Wirklichkeit begegnete, mit all seinen Flecken und Schäden so treu nachzubilden, wie es nur angeht. Von dem besten Spiegelglas könnte man wähnen, es stelle seine Bilder mit Hilfe unserer Essenz dar; – um ein echtes und im höheren Sinne wahres Kunstwerk zu schaffen, bedarf es anderer Kräfte.«

Damit tilgte der Alte die letzte Spur meines Bedauerns wegen des Verlustes unseres Elixires, und meine Knaben und Enkel, die bereits zu Männern heranreiften, brachten es denn auch mit Gottes Hilfe dahin, daß heute Mann und Weib in Leipzig wieder gern mit den Ueberhells verkehret.

Zum Schluß möchte ich nur noch eines bekennen:

Ich erwähnte schon, daß ich Arzt bin, und wie nun neulich aus England die Kunde kam von der Kuhpockenimpfung, und ich sah, wie ein Tröpfchen davon das ganze Blut des Menschen durchdringt, bedauerte ich doch ein wenig, daß der Vater das Elixir fortgoß. Besäße ich es noch, würde ich eine Probe damit machen, und es mir, trotz meiner hohen Jahre, ins Blut impfen. Der Geruch der Essenz hatte nur auf die Zunge gewirkt, und daher ihre verderbliche Wirkung – wäre es aber möglich gewesen, den ganzen Menschen mit dem Wahrheitsdrange zu durchdringen und zu durchtränken, dann, ja dann! . . . Auch zu wahrer Selbsterkenntnis, die der inneren Läuterung Anfang, wären wir dann wohl gelangt. Eines auch, das will ich bekennen, gereicht mir jetzund, und wie die Dinge nun einmal gekommen sind, zum Trost: Ein Geschlecht, das sich durch so viele Generationen gezwungen sah, der Wahrheit zu dienen, bei dem muß sie doch wohl endlich eine erbliche Eigenschaft werden, wie das lange Anhalten des Atems bei den Geschlechtern am persischen Meerbusen, die Perlenfischerei treiben.

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