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Drei Märchen

Georg Ebers: Drei Märchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
booktitleDrei Märchen (Gesammelte Werke Bd. XXI)
authorGeorg Ebers
yearca. 1895
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDrei Märchen
created20050917
sendergerd.bouillon
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Die Schimmelin weinte sich die Augen halb blind, und am dritten Tage nach dem Tode des Doktors Melchior Ueberhell wurde seine irdische Hülle mit stattlichem Gepränge zur Ruhe gebracht und an derjenigen Stelle in die Erde gesenkt, die er sich selbst bei Lebzeiten erwählet.

Zwischen seinem Weib und seiner Mutter erhob sich bald darauf der Hügel, der seinen Ruheplatz bezeichnete, und später blieben viele, die den Friedhof besuchten, an den Gräbern des Melchior und der Bianka stehen, maßen sich die Schlingrose, die er unter dem Kreuz der Herzliebsten gepflanzet, in wunderbarer Fülle ausbreitete und die Gräber des Mannes wie des Weibes mit gleicher Ueppigkeit und im Juniusmonde mit einer Blütenpracht sondergleichen umrankte.

In den Briefen, die der Doktor am letzten Tag seines Erdenwallens dem Notarius Winckler, dem Vormund seines Sohnes, übergeben hatte, verordnete er, daß selbiger oder derjenige, welcher ihm nachfolgen werde, dem Zeno am Morgen seines fünfundzwanzigsten Geburtstages das versiegelte Päckchen mit der Phiole nebst einem Schreiben übergeben solle.

In einem zweiten Brief mit dem Vermerk: »Falls mein Sohn Zeno vor dem Eintritt in das fünfundzwanzigste Lebensjahr schon das Zeitliche segnete, zu eröffnen,« ward dem Notarius mitgeteilt, welche Kraft dem Fläschlein innewohnte, und ihm anempfohlen, es dem Heil der Menschheit dienstbar zu machen.

In beiden Briefen, dem an Zeno und dem an den Notarius, lag die genaue Vorschrift, wie das Elixir herzustellen sei, nebst dem Rate, es an alle Universitäten und Fakultäten, sowie an die geistliche und weltliche Obrigkeit zunächst in seinen lieben Vaterländern Sachsen und Deutschland zu versenden, um es von dort aus zum Gemeingut des übrigen Erdenrundes zu machen.

Der Schimmelin hatte der Doktor die leibliche Pflege Zenos anvertraut, dem Notarius die Sorge für das geistige Wohl seines Kindes, und beide erfüllten an ihm nicht nur, was ihre Pflicht, sondern gaben noch ein gut Teil Liebe dazu, so daß die junge Waise sonder Harm heranwuchs.

Daß der Junge weder klüger noch einfältiger, stärker oder schwächer gedieh als die Schulgenossen, war der Schimmelin genehm; denn sie pflegte zu sagen: »Die haben' s im Leben am schwersten, bei denen man im Guten oder Bösen ›O Je!‹ sagt, wenn man ihnen begegnet.«

Der Alten gewährte es dazu besondere Lust, den Knaben recht schön herauszuputzen, und da er ein reich begütertes Kind war, machte ihr nichts Sorge für seine Zukunft als der fünfundzwanzigste Geburtstag, an dem er das Elixir des Vaters erhalten sollte, wovon sie, treu ihrem Eide, gegen jedermann schwieg.

Aber auch dieser Sorge meinte sie ledig zu sein, als es eines Tages Feuerlärm gab und sie erfuhr, daß in dem Oellager im Keller des Wincklerschen Hauses ein Brand ausgebrochen und das Quartier des Notarius von den Flammen verzehrt worden sei.

Aber sie hatte sich zu früh gefreut; denn nur die Briefe des Doktors Melchior an den Sohn und den Freund waren zu Asche geworden, und die wunderliche Alte konnte es dem braven Manne und gewissenhaften Vormund schwer vergeben, daß er unter großer eigener Gefahr das Kästchen mit der Phiole gerettet.

Ueber Zeno selbst weiß ich nichts zu vermelden, als daß er zu einem schmucken Burschen mit den großen schwarzen Augen der Mutter gedieh und viel auf prächtige Kleider und ein edles Roß hielt.

Im dreiundzwanzigsten Jahre hatte er es zum Doktor beider Rechte, im vierundzwanzigsten zur Aufnahme in den berühmten Gerichtshof der Leipziger Schöppen gebracht, und nun trieb ihn die steinalte Schimmelin samt seinem Pflegevater, dem Notarius, dessen Hausfrau inzwischen gestorben, eifrig an, sich eine Lebensgefährtin zu suchen.

Weil nun die Wünsche der Pfleger seinen eigenen begegneten, eilte er sich, und die Wahl fiel auf die Tochter des Schloßhauptmannes, die einen fürnehmen Namen führte, und deren zierlicher Putz bei den Tänzen auf dem Rathaus jedermann in die Augen stach.

Darob erschrak die Schimmelin ein wenig, maßen ihr eine ehrenhafte Jungfrau aus gut bürgerlichem Geschlecht passender für den Erben der heiligen drei Könige erschienen wäre; doch war am Ende für ihren Zeno die Schönste und Höchste nur eben recht, und nachdem sie von den Dienstboten des Schloßhauptmannes erfragt, daß ihr Fräulein von munterer Gemütsart und es wohl verstehe, durch das Geschick der eigenen Hände sich selbst und den großen Haushalt der Eltern, in dem es von Kindern wimmelte und der mit spärlichen Mitteln geführt werden mußte, ein ziemliches Ansehen zu geben, da meinte sie, ihr Gebet habe dem Zeno auf den ersten Anlauf die Rechte begegnen lassen.

Ihr Zureden stärkte denn auch dem Bürgersohne den Mut, und nach kaum drei Monaten wurde die Hochzeit mit großem Gepränge, mit Pauken und Trompeten gefeiert.

Der junge Ehemann ging einher, wie von Flügeln getragen.

Eine schönere und prächtigere Hälfte hätte er in ganz Sachsen nicht finden können, und wie sie ihm recht unwirsch geweigert, auch die Schimmelin zum Vermählungsfest zu laden, hatte er solches ihrem fürnehmen Umgang und Wesen zu gute gehalten. Es war auch zu keinem rechten Streite gekommen; denn die Alte hatte aus freien Stücken erklärt, daß es ihr genug sei, in der Kirche für das Gedeihen des jungen Paares zu beten.

Vom Hochzeitstage an hatte der junge Gatte vier Wochen lang nicht aufgehört, sich zu wundern, daß einem Menschenkind auf dieser Erde, die doch gar viele ein Jammerthal schalten, so große und schier paradiesische Glückseligkeit beschieden sein könne, und wenn sein heißes schwarzes Auge sich in dem kühleren blauen der Neuvermählten spiegelte und sie seine Zärtlichkeit minniglich, doch mit der ihr eigenen fürnehmen Zurückhaltung erwiderte, die ihn wie jungfräuliche Sittigkeit anmutete, wähnte er, der Himmel habe ihm vor allen Erdenlosen das beneidenswerteste beschieden.

So verging die Zeit, bis sein fünfundzwanzigster Geburtstag herankam. Da erwartete die junge Frau Ueberhellin mit noch größerer Neubegier als ihr Eheherr, was das versiegelte Päckchen enthielt, das der Notarius Winckler für sein Mündel bewahrte.

Am Morgen des Wiegenfestes hatte Rosalie, die das geringe Weiblein gern fern von sich hielt, die Schimmelin abweisen lassen, dem Notarius aber ging sie selbst entgegen, als sie ihn vor dem Hause gewahrte, das auf ihren Wunsch mit Stukkaturen und Vergoldungen reich geschmückt und mit einer Stallung für den Hengst Zenos und ihre beiden Zelter versehen worden war.

Der alte Herr brachte, was das Pärchen erwartete, und nachdem er berichtet, daß die Schreiben mit der Verordnung, die der selige Doktor Melchior diesem Kleinod beigegeben, leider ein Raub der Flammen geworden, und sodann die Siegel gelöst, die das Päcklein so lange verschlossen gehalten, klatschte Rosalie in die Hände; denn es zeigte sich zunächst ein zierliches Kästchen von fein geschnitztem Elfenbein mit güldenen Beschlägen.

Selbiges wurde behutsam geöffnet, und Zeno entnahm ihm einen Zettel, der auf rosenroter seidiger Watte ruhte und auf den Doktor Melchior mit großen römischen Lettern geschrieben: »Meinem Sohne Zeno Ueberhell. Nach meiner Angabe in dem beiliegenden Brief zu verwenden und später seinem ältesten Sohne am fünfundzwanzigsten Geburtstage zu überantworten, mit dem Geheiß, daß es so fort weiter gehalten werde vom Erstgeborenen zum Erstgeborenen bis auf den letzten – damit immerdar und, will's der Himmel, bis ans Ende der Tage, die Phiole, die dem Leben der gesamten Menschheit ein neues Ansehen zu geben und sie zum wahren Heile zu führen bestimmt ist, ein teurer Besitz des Ueberhellschen Geschlechtes verbleibe. Nach der beigegebenen Verordnung wird jeder erfahrene Scheidekünstler das Elixir in beliebiger Menge herzustellen vermögen. – Mein besonderer Segen ruhe auf Dir, mein Kind, und jedem Ueberhell, der als Fünfundzwanzigjähriger, das heißt als reifer Mann dies Fläschchen als köstlichstes aller Erbstücke in Empfang nimmt.«

Selbige Schrift verlas der Sohn Melchiors mit bewegter Stimme und so tief ergriffen von dem würdigen Ernst der väterlichen Rede, daß er nicht wahrnahm, wie seine junge Frau Liebste die Watte aus dem Kästlein zog, die Phiole mit neugierigen Blicken betrachtete und sodann den Hals, nachdem sie den gläsernen Stöpsel mit einiger Mühewaltung geöffnet, an das feine, keck nach oben gekehrte Näslein führte.

Aber sie schloß das Gefäß so schnell, wie sie es geöffnet; denn ihr ward ganz seltsam zu Mute, das Blut geriet ihr in sonderbare Wallung, und von einem inneren Zwange genötigt, rief sie, ohne des Herrn Notarius und der Klugheit, an der es ihr sonst nicht fehlte, zu achten: »Das also wäre Dein Erbstück? Ein buntes Gläslein, wie man's auf der Messe für zwanzig Heller ersteht, und darin etliche braune Tropfen, wovon niemand weiß, wozu sie gut sind, weil die Verordnung verbrannte.«

Da bemühte sich Zeno, dem der schrille Klang in der Stimme der Frau Liebsten, den er heute zum erstenmal hörte, weh that, sie zu begütigen, und während er ihr erklärte, daß das Elixir gewiß herrliche Wunderkräfte umschließe, und daß sie den Herrn Vater selig nicht dafür strafen möge, daß ein übles Ungefähr die erläuternde Schrift verzehret, suchte er sie an sich zu ziehen; sie aber wies ihn unwirsch zurück und rief voll zornigen Eifers. »Selig nennst Du den Alten? Als ob ich nicht wüßte, daß er in allerlei höllischen Künsten und der schwarzen Magie ein Meister gewesen. Für solche Seligkeit dank' ich!«

Das waren schnöde Worte, und wie einer, der im hellsten Lichte wandelt und den plötzlich tiefes Dunkel überfällt, schrak er zusammen, und dabei war es ihm, als schwanke ihm der Boden unter den Füßen und als wollten die Kniee ihm brechen.

Da griff er nach der Phiole, um sich an dem Duft, der ihr entströmte, zu stärken, und während er ihn noch einzog, ward ihm auf einmal, als lichte sich die Finsternis, und hoch aufgerichtet und mit einer Würde, deren er selbst sich bis dahin nicht für fähig gehalten, folgte er der weiteren Rede Rosaliens.

So bleich er auch geworden und so schwer es ihn auch ankam, unterbrach er sie nicht, während die Macht des Elixirs sie zwang, frei zu bekennen, daß sie ihm das Jawort nur gegeben, weil er sich für seine geringe Herkunft gut trage und sie sich nicht zu schämen brauche, an seiner Seite durch die Stadt zu wandeln oder zu reiten. Sie hätte bei ihm großen Reichtum zu finden gehofft und erwartet, als seine Hausfrau nach eigenem Behagen leben und es dem Vater erleichtern zu können, die kleinen Geschwister aufzuziehen, wie ihr Stand es erheischte. Aber was sie gefunden, sei doch nur ein mäßiger Wohlstand, der eben genüge, ihr selbst ein behagliches Leben zu sichern, und dafür habe sie sich an einen aufgeputzten Täuberich gekettet, dessen ewiges Gegirre ihr von Tag zu Tag lästiger falle. Heute sei nun auch die Hoffnung auf jene Ueberfülle des goldenen Segens, die man doch sonst oft genug im Hause der Schwarzkünstler finde, zu Schanden geworden, und wenn es nicht wegen der Leute wäre, ginge sie je eher desto lieber wieder nach Hause.

Mit diesem Wunsche schloß Rosalie atemlos ihre Rede und schaute sich dann erstaunt über sich selbst und ihre wunderbare Offenheit, die sie jetzt schon mit aller Bestimmtheit als unklug und verderblich erkannte, im Kreise um.

Dabei begann die sonderbar fürnehme Gelassenheit des beleidigten Eheherrn und sein leichenfahles Antlitz ihr die Ruhe zu stören, und das Mißbehagen wuchs zu peinigender Angst, als Zeno eine gute Weile still blieb, bevor er anhob: »Ich habe Dich heiß und mit redlicher Minne geliebt, Weib; nun aber gibst Du nur zu erkennen, wie meinem Herzen erwidert wurde, was es Dir schenkte. Recht hast Du wohl darin, daß ich bisher an nichtigen Dingen zu großes Gefallen fand; doch gerade dafür wurde ich am schärfsten gezüchtigt; denn wär' ich statt in gleißendem Sammet in ehrlicher Wolle Dir entgegen getreten, so hätte mich das schwere Unheil nimmer getroffen, mit einem Weibe von Deiner Art verbunden zu sein. Aber da ich um Dich warb, leitete auch mich keineswegs echte Minne, sondern der elende Kitzel, die Tochter eines fürnehmen Geschlechts in mein bürgerlich Haus zu führen. So haben wir uns beide betrogen, und begehrst Du dahin zurück, von woher ich Dich nahm, so magst Du mein Haus ungehindert verlassen.«

Da schlug die junge Frau die Hände vor das Antlitz und rief: »Nein, nein! Es ist daheim bei den Meinen zu elend und ärmlich, und das ewige Ringen, den Schein zu wahren, es hat mich zu gräßlich gemartert. Und dann. – Was werden die Leute? . . . Nein, nein! Ich will alles thun, um Dich zufrieden zu stellen.«

»So bleibe,« versetzte er dumpf; die Schimmelin aber, die längst in das Gemach gedrungen war, wandte sich an den Notarius und raunte ihm zu: »Der Herr Hofapotheker selig war der Meinung, ich hätt' einen kurzen Verstand, und dennoch sah ich schon vor dreißig Jahren voraus, was sich heute erfüllet.«

Dann drang sie in Zeno, das Elixir in die Pleiße zu gießen; doch zum erstenmal behauptete er fest den eigenen Willen, schob die Phiole mit der Schrift seines Vaters in die Brustöffnung des Gewandes, nahm den greisen Notarius unter den Arm und verließ mit ihm das Gemach.

Die Schimmelin folgte ihnen bald, und drunten im Hausflur blieb sie stehen, schüttelte bedenklich den grauen Kopf und murmelte vor sich hin: »Der Doktor Melchior war ein so kluger Mann. Warum hat er nur nicht verordnet, daß jeder seiner Nachkommen die Jungfrau, die ihm just zusagt, bevor er sie um das ›Ja‹ fragt, an dem Elixir riechen lasse. Ich habe mit dem Vorkel und meinem zweiten, der nun längst bei den anderen Schimmeln auf dem Friedhofe rastet, auch nicht im Paradiese gelebt; doch auch für Zeno und seinen Unhold beginnt jetzt schon lang vor dem Tode die übele Hölle.«

Aber diesmal wäre die Schimmelin um ein kleines mit ihrer Voraussagung auf den Holzweg geraten; denn wohl gingen die Ehegenossen anfänglich fremd und grollend neben einander her, doch lernte Frau Rosalie mit einer Scheu, die ihr doch gut that, zu ihrem Herrn aufschauen; denn seit er an dem Elixire gerochen, war er zu einem strengen Manne geworden, dessen schlichte Tracht dem neuen Ernst seines Wesens wohl stand.

Als dem jungen Paare aber, bevor das Jahr verrann, ein liebliches Knäblein geschenkt wurde und Rosalie sah, wie er das Kleine auf den Arm nahm und es herzte, rief sie ihn an ihr Lager und bat ihn leis mit dem bleichem Gesicht, das ihm immer noch holdseliger erschien als jedes andere: »Vergib mir.«

Da winkte er ihr Gewährung zu, küßte ihr die Stirn, ging auf seine Kammer, roch an dem Elixir, über dessen Kraft und Verwendung ihn die Schimmelin längst unterrichtet hatte, und rief dann laut und als rede er zu einem andern: »Wenn sie gut gegen das Kind ist, brauch' ich sie nicht länger fühlen zu lassen, was sie mir anthat; doch verschmerzen kann ich es nimmer.«

Aber es war ihm nicht vergönnt, ihr durch die That zu beweisen, daß er ihr vergeben; denn schon in der nächsten Nacht kamen die Gichter über sie, und da die Sonne aufging, gab sie den Geist auf.

Ihre heiße Hand hatte, bevor ihr das Herz zum Stillstand gelangte, in der seinen geruht und sie gedrückt wie zum Abschied.

Die Schimmelin folgte bald dem unglücklichen Weibe ihres Lieblings, und ihr Tod war leicht und freundlich gewesen, weil Zeno ihr in der letzten Stunde die abgezehrte Hand gehalten und von der Zeit gesprochen, in der sie ihn mit dem schönen blauen Kleidchen geputzt. Er drückte ihr auch selbst die Augen zu und folgte ihrem Sarg auf den Friedhof.

Der Notarius blieb dem Witwer, der allein mit dem Sohne in den Drei Königen hauste, ein treuer väterlicher Freund und half ihm bei seinen vielfachen Versuchen mit dem Elixire.

Dabei ergab es sich, daß die Essenz nur auf diejenigen wirkte, die zu den Ueberhells gehörten; solches aber war dem Zeno fast schmerzlich; denn er hielt die Wahrheit hoch und hatte von dem alten Freunde seines Vaters vernommen, wie Großes der Verstorbene von seiner Entdeckung für die gesamte Menschheit erwartet; auch war seine Hoffnung zu Schanden geworden, es bei seiner Amtsthätigkeit benützen zu können, um verstockte Sünder zum Reden zu bringen.

Damit war es nun nichts, und der Notarius und sein Pflegesohn meinten, der Umstand, daß die Kraft des Elixirs sich nur noch an den Ueberhells bewährte, erkläre sich daraus, daß die Essenz ihre Wirkung dem Blut eines Menschen aus selbigem Geschlecht verdanke.

Freilich übte sie – das ging aus Frau Rosaliens Verhalten hervor – ihre Macht auch auf die Angeheirateten, die den Namen Ueberhell führten; daß das Elixir aber einmal die Schimmelin zum Bekennen der Wahrheit gezwungen, das bewies, daß der Hofapotheker doch wohl etwas anderes als das eigene Blut dem Elixir beigegeben – denn die Haushälterin war sicher nicht mit dem Alten ehelich verbunden gewesen.

Wie dem auch sei. Jedenfalls wohnte dem Elixir eine wundersame Kraft inne. Jedenfalls verwandelte es den Sohn Melchiors in einer alles Glaubliche weit übersteigenden Weise; denn aus dem leicht lenkbaren und allem Ergötzlichen holden Jüngling wurde ein in sich gekehrter Mann mit einsiedlerischen Neigungen, von dem es hieß, er sei der strengste unter den Leipziger Richtern.

Hoch und Gering zog achtungsvoll vor ihm den Hut, doch erwarb er sich wenig Liebe.

Wenn er auf dem Rathaus weit über die Pflicht hinaus geschafft, blieb er ungesellig daheim, und niemand suchte ihn auf, um sich mit ihm die Zeit zu vertreiben; denn man fürchtete die schroffe, rauhe Offenheit seiner Rede. Dem geselligen und frohsinnigen Notarius aber schnitt es ins Herz, wenn er den Pflegesohn den harten Ueberhell oder »die Sündergeißel« nennen hörte, und auch ihm gelang es nicht, ihn aufzuheitern und in den Kreis seiner Freunde zu ziehen.

Als auch ihn, aus dessen Munde Zeno oft bittere Worte über das Elixir vernommen, der Tod abgerufen hatte und der Sohn Doktor Melchiors sich sagen mußte, daß ihm der Trieb, alles, was er für wahr hielt, rückhaltslos herauszusagen, immer mehr Feinde weckte, fragte sich der vereinsamte Mann, ob es nicht dennoch geraten sei, die Essenz, deren Kraft ihm so wehe gethan, zu vernichten und sie seinem Sohn und dessen Nachkommen zu entziehen.

Aber der strenge Hüter des Gesetzes fühlte sich nicht berechtigt, der Verordnung des Vaters entgegenzuhandeln, und so wurde das Elixir seinem Sohne am fünfundzwanzigsten Geburtstage von dem ihm bestellten Vormunde übergeben; denn er selbst ging von hinnen, bevor sein einziges Kind zu diesem Alter gelangt war.

Was den zweiten Melchior Ueberhell nun angeht, dessen beklagenswertes Schicksal . . .

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