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Drei Märchen

Georg Ebers: Drei Märchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
booktitleDrei Märchen (Gesammelte Werke Bd. XXI)
authorGeorg Ebers
yearca. 1895
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDrei Märchen
created20050917
sendergerd.bouillon
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Vom nächsten Morgen an war der Doktor mit erneutem und verdoppeltem Eifer an die Arbeit gegangen.

Sämtliche Droguen, die in der Küche des seligen Hofapothekers gebraucht worden waren, wurden mit seinem Elixir vermischt und verkocht, und er versuchte, wenn auch vergebens, die gewonnenen Tränke an sich selbst; denn die Schimmelin war nicht zu bewegen, noch einmal an dem Elixire zu riechen.

Dafür sorgte sie um so treuer und eifriger für die Bedürfnisse des Hauses und das äußere Wohl des Herrn und Kindes, und als sie bemerkte, daß der Doktor wie sein verstorbenes Weib zu hüsteln begann, abfiel und von Kräften kam, legte sie ihm ans Herz, sich besser zu pflegen, um den Sohn nicht vorzeitig zur Waise zu machen; auch veranlaßte sie den Notarius Winckler, ihn anzuhalten, des eigenen Wohles und des Kindes fleißiger zu achten.

Da war auch noch etwas anderes, das ihr Herzeleid bereitete.

Sie hatte die ganze Seele an den kleinen Zeno gehängt, und ein hübscheres und, wenn sie es an Feiertagen schön herausgeputzt hatte, fürnehmer drein schauendes Kind ließ sich nicht denken.

Dennoch schien der Doktor wenig nach ihm zu fragen.

Nur des Abends, wenn der Kleine im Bette lag, trieb er es mit ihm wie bei Lebzeiten der Mutter. Bisweilen hob er ihn auch aus dem Bettchen und drückte ihn mit so heftiger Zärtlichkeit an sich und herzte ihn so stürmisch, daß das Kind sich ihm zu entwinden trachtete und in großer Angst nach der Schimmelin rief.

So kam es, daß der Knabe sich dem Vater endlich nur noch scheu zu nähern wagte, und das konnte die Alte auf die Dauer nicht ruhig mit ansehen. Einmal nahm sie auch den Mut zusammen und stellte den Doktor auf jede Gefahr hin zur Rede.

Sein Vater selig, begann sie, habe zwar gesagt, die Heiligen hätten sie nur mit einem kurzen Verstande bedacht; das aber meine sie dennoch zu wissen, daß es von einem Vater, den der Himmel mit einem so feinen Söhnchen gesegnet, weder weise noch fromm sei, solchen Kleinods so wenig zu genießen und es sich gar zu entfremden.

Da hatte der seltsame Mann sie mit den traurigen Augen von unten nach oben gemessen und gedankenvoll erwidert: »Ich begehre nichts von dem Knaben, weil ich an nichts denke, als ihm alles zu geben, was in mir und an mir. Nach etwas Höherem, als die Welt bisher kennt, suche ich für ihn, und ich werde es finden.«

Solche großen Worte schlossen der Schimmelin den Mund, aber sie dachte bei sich: »Mit dem kurzen Verstande seh' ich doch mehr als Du mit dem langen. Ein warmer, herzlicher, freiwilliger Kuß von Deinem Kinde würde Dir besser frommen als all die großen Hirngespinnste, denen Du nachjagst, und dem Zenochen brächte ein wahrhaft väterlich Wort und ein rechtschaffener Schlag von Dir – alles zu seiner Zeit – besseres Heil als das giftige Weltverbesserungsglück, womit Du Dir die Tage und Nächte versauerst.«

Au einem schönen Juniusnachmittage fand sie bei der Heimkehr vom Friedhof, wohin sie den Knaben fleißig führte, und woselbst sie der weißen Rosen auf dem Grabe der seligen Bianka mit besonderer Sorgfalt wartete, den Doktor nicht wie sonst in der Küche bei der Arbeit, sondern auf dem Ruhebett, und da er bei ihrem Eintritt schwer aufseufzte, frug sie ihn ehrerbietig, was ihn bedrücke.

Da schüttelte er anfangs abweisend das Haupt, doch wie sie trotz dessen stehen blieb und er bemerkte, daß die grauen Augen sich ihr mit Thränen füllten, mußte er der Tage gedenken, da sie erst am Sarge der Mutter selig und dann am Sterbelager Biankas mit ihm geweint, und nun floß das übervolle Herz ihm über, und kurzatmig und oft von leisem Husten unterbrochen, stieß er hervor: »Bald ist es vorbei – ich fühl' es hier drinnen, und noch bin ich dem Ziele nicht näher gekommen. Was es von Stoffen gibt in allen Reichen der Natur, ich hab' es zur Hilfe gerufen; alle Geister, über die das bannende Wort Macht besitzet zwischen Himmel und Erde, hab' ich mir dienstbar gemacht und sie mir beizustehen beschworen, und dennoch! Da steht das Elixir, und es ist kaum von höherem Wert als das Dünnbier, womit der Knecht drunten den Durst löscht, ja ich schätz' es geringer; denn wem bringt es Erquickung? Als ein unseliger Mann, der das Geschenk des Lebens samt guten Gaben und rastlosem Fleiß von der Schulbank an nutzlos vergeudet, werd' ich dahingehen. Und doch. Zeigte mir der Geist die Tropfen, die dies Naß in der Hand meines Vaters zu dem machten, was es ja schon einmal war, – ich wiese zwanzig neue Leben zurück; denn dann – dann . . . O Du alte, treue Seele, – Du kannst es ja unmöglich begreifen! – Dann würde aus dieser Welt, in der Lug und Trug sich groß machen, ein neues Paradies, und ein Ueberhell würde es sein, dem die Menschheit solche Segnung verdankte; – doch nun . . .«

Hier schlug er wie ein Verzweifelter die Hand vor das Antlitz; die Schimmelin aber schaute mit bitterem Herzweh auf den edlen, klagenden Mann, und weil es ihr in der Art lag, lieber helfend zuzugreifen als mit zu jammern, erwog sie, was wohl dem lieben, verlorenen Herrn Trost bringen könnte.

Auch hatte sie nicht lange zu suchen; denn im Erker hockte der kleine Zeno und zerrupfte gar sorgsam das grüne Laub eines Rosenzweiges, den sie ihn auf dem Grabe der Mutter für den Vater zu pflücken geheißen. Der ganze Stiel war schon entblättert, doch die weiße Blume prangte noch schön und unangetastet an seiner Spitze.

Da winkte sie dem Knaben und gebot ihm leise, den Vater zu wecken und ihm die Friedhofsrose zu reichen, und der kleine Zeno gehorchte und trat geradewegs auf Melchior zu. Dem Ruhebett gegenüber sank ihm freilich der Mut; doch bald fand er ihn wieder, legte dem todesmüden Forscher das Händchen auf das vorzeitig ergraute Haar und sagte mit dem ganzen süßen Zauber, der dem Kindermunde eigen, wenn er sich öffnet, um einen zu trösten, der ihm zu Schutz und Trost bestimmt ist: »Zenochen bringt Dir die Rose, Vater. Vom Friedhofe kommt sie. Mütterchen schickt sie und läßt auch schön grüßen.«

Da fuhr der Doktor schnell auf und faßte, seiner selbst kaum mächtig vor tiefer Bewegung, nach der Hand des Kindes, die den Rosenzweig hielt, und zog es mit stürmischer Zärtlichkeit zu sich heran.

Doch der Knabe sträubte sich, und statt dem Leidenden neue Liebesworte zu spenden, schrie er schmerzlich auf; denn bei dem heftigen Druck der väterlichen Hand hatte sich ihm ein starker Rosendorn in den Finger gedrückt, und helles Blut troff ihm aus der Wunde auf das himmelblaue Kleidchen.

Da wurde dem Doktor, er wußte selbst nicht wie.

Er hatte dem Wesen wehe gethan, für dessen künftige Größe er die schwindende Lebenskraft in mühevoller Arbeit verbrauchte.

Dort floß das Blut seines Kindes, das als Bote des Weibes kam, dem die einzige große Liebe seines Herzens gegolten, und ihm zu Füßen lag die weiße Rose, die sie ihm gesandt.

Wie nun sein Blick die Blume traf, die Bianka vor allen geliebt, und dann den weinenden Knaben, füllte sich ihm die ganze Seele mit Zärtlichkeit, und zum erstenmal ergriff ihn brennende Reue, nicht der Liebe und ihr allein das ganze Leben geweiht zu haben. Dem Kinde, das da weinte, die letzten gezählten Tage des Erdendaseins zu widmen, schien ihm in diesem Augenblick von allem Schönen das Schönste; und doch kam die Leidenschaft des Entdeckers auch jetzt nicht in ihm zur Ruhe, und während sein Blick nach einem Tüchlein suchte, um das Blut an dem Finger des Kindes zu trocknen, begegnete er dem Gefäß mit dem Elixir auf dem Tische und dann wieder der Rose, und blitzschnell kam ihm der Gedanke, daß Bianka, die ihm die Blume gesandt, an dem Händchen des gemeinsamen Lieblings den Quell geweckt habe, dessen er bedurfte, um seinen Lebenszweck zu erreichen.

Und in der That: von allen Stoffen, die aus dem Wasser kommen und der Luft, und die Erde und Feuer bilden, hatte er dem Elixir schon einen Teil beigesellt, nur nicht vom Blut eines Kindes.

Mit fliegendem Atem griff er nun nach der Hand des Sohnes, hielt ihm die Phiole an die Wunde und ließ, während er ihm liebevoll zusprach, Tropfen auf Tropfen des rubinroten Lebenssaftes in das Elixir rinnen.

Dann legte er den Knaben auf den Arm der Schimmelin, ging, so schnell die müden Füße ihn trugen, in die Küche und bewegte den Blasebalg mit so mächtigen Zügen, daß jene ihm mit stummem Entsetzen zusah. Endlich goß er den Trank in den Tiegel, setzte ihn auf die heiße Glut der weithin leuchtenden, sprühenden Kohlen und murmelte wunderliche Worte und Sätze über das rauchende Naß hin, bis es aufbrodelte und platzende Blasen über den Tiegelrand perlten. Zuletzt stellte er das heiße Gefäß in kühles Wasser, beschwor seinen Inhalt noch einmal, hielt es vor einen Spiegel; denn einen solchen führt der Geist der Wahrheit als Sinnbild und Abzeichen in der Rechten, – goß dann den Trank in die Phiole und trat mit perlender Stirn und leidenschaftlich glühenden Augen, tief atmend, auf den Sohn zu, um die Kraft des neuen Elixirs an ihm zu erproben.

Aber nun ereignete sich etwas, das er nun und nimmer erwartet; denn die sonst so bescheidene Schimmelin drückte das Antlitz des Knaben an die Brust, und die guten grauen Augen funkelten ihr wild, während sie, zum äußersten Widerstand entschlossen, ausrief: »Macht mit dem Trank, was Ihr wollt, Herr; nur das Kind laßt mir in Frieden! Unser Zenochen spricht die Wahrheit auch ohne Euer Gebräu! Ein Kinderherz ist ein heilig Ding, würde seine Mutter selig, der Engel, sagen, – und ich, ich dulde nicht, daß Ihr es mißbraucht, um Eure Künste an ihm zu versuchen!«

Und seltsam! Der Doktor nahm diese Mahnung hin, ohne die Alte wegen solchen unziemlichen Widerspruchs zu strafen, und entgegnete nur mit überlegener Selbstgewißheit: »Es bedarf weder des Kindes noch eines andern, um die Probe zu machen.«

Damit roch er selbst kräftig in die Phiole, atmete dann tief auf und blickte lange Zeit nachdenklich bald zu Boden, bald an das Gewölbe der Decke.

Dabei hob und senkte sich ihm die Brust, und bisweilen brauchte er das Tuch, um sich den Schweiß von der feuchten Stirn zu wischen.

Die Schimmelin schaute ihm ängstlich zu. und sie wußte nicht, ob er wie ein Irrer oder wie ein Heiliger dreinschaue, als er endlich den Blick himmelwärts richtete und mit hoch erhobenen Armen ausrief: »Ich hab' es gefunden! Vater, Bianka; – es ist das Rechte!«

Da ließ die Schimmelin ihn allein, legte das Kind zur Ruhe, kehrte wieder in die Küche zurück, und wie sie ihn immer noch an derselben Stelle fand, wo sie ihn verlassen, sagte sie bescheiden: »Da bin ich, und wenn es dem Herr Doktor von Wert ist, auch mit mir, eine wie geringe Person ich auch sein mag, die Probe zu machen, so halt' ich ihm still: nur würde mir ein Gefallen geschehen, wenn mich der Herr nicht nach Dingen fragte, die uns Schimmel betreffen oder die Mitglieder des ansehnlichen Ueberhellschen Geschlechtes.«

Doch der Doktor zauderte einige Zeit, bevor er dies Angebot sich zu nutze machte; denn die kecken Worte, mit denen ihm die Alte das Kind entzogen, gingen ihm noch nach, und außerdem genügte ihm die Probe, die er an sich selbst gemacht, um ihn von dem Gelingen seiner Entdeckung zu überzeugen; war es ihm doch gewesen, nachdem er an der Essenz gerochen, als habe sich ihm in dem schweren Haupte etwas gelichtet. Als er dann aber Einkehr in sein Inneres gehalten, um sich mancherlei Fragen vorzulegen, hatte er an vielem, das er an anderen für rein und untadelig gehalten, genug dunkle Flecken und Schatten wahrgenommen, um sich der Ueberzeugung hingeben zu dürfen, das wahre Spiegelbild ihres Wesens zum erstenmal erblickt zu haben.

Ja, er durfte seiner Sache gewiß sein!

Dennoch war die Freude des Entdeckers getrübt worden; denn wie oft hatte er allen Wirkungen nachgesonnen, die das Elixir üben könne, und dabei war ihm auch die Hoffnung nahe getreten, daß ihm die Kraft innewohnen könne, ihm über das eigene Sein und Wesen volle Klarheit zu gewähren, den Schleier von dem den Sterblichen Verborgenen zu ziehen, die wahre Natur der Dinge dem Menschengeiste zu enthüllen und die Rätsel des Lebens zu lösen.

Doch die dahin zielenden Fragen, die er sich selbst vorgelegt, waren unbeantwortet geblieben, und darum drängte es ihn, zu sehen, ob die Essenz nicht vielleicht andere befähige, das wahre Wesen dessen zu erkennen, was für das menschliche Denken bis dahin unergründlich gewesen.

Darum konnt' er sich doch nicht enthalten, die Schimmelin an der Essenz riechen zu lassen, und erwartungsvoll frug er sie, warum es allem Geborenen und Erstandenen beschieden sei, zu sterben und zu vergehen.

Aber die Antwort hatte nur gelautet: »Dergleichen möget Ihr den lieben Herrgott fragen, der es also bestimmte.«

Und wie er weiter zu erfahren wünschte, wie und aus welchen Bestandteilen das menschliche Blut zusammengesetzt, lachte die Alte nur und entgegnete leichthin, daß es rot sei; denn mehr erfahre man davon nicht bei »dem Schulmeister mit den Kindern«, von dem sie all ihre Gelehrsamkeit habe.

Da seufzte der Doktor: »So ist denn der mühevoll erworbene Fund dennoch von geringerem Werte, als ich erwartet!«

Sobald aber diese Worte ihm über die Lippen gekommen waren, lächelte er still vor sich hin. Die Essenz war es gewesen, die ihn zu diesem Ausspruch gezwungen; denn ohne ihren Einfluß hätte er nie und nimmer, wem es auch sei, bekannt, daß seiner herrlichen Entdeckung ein Mangel anhafte.

Diese Erfahrungen genügten ihm für heute, und er hinderte die Alte nicht, sich zur Ruhe zu begeben.

Auf dem eigenen Lager überdachte er noch einmal die Tragweite seines Fundes.

Die Wahrheit als solche, die volle und ganze, zu enthüllen, war das Elixir nicht geschickt, auch besaß es leider nicht die Macht, den Besitzer zu voller Selbsterkenntnis zu führen. Dagegen wohnte ihm die Kraft inne, jeden, der sich seiner bediente, zur Wahrhaftigkeit gegen den Nächsten zu zwingen, und das war gewißlich nichts Kleines. Nein, es war vielmehr groß genug, ihn zu den ruhmreichsten Entdeckern aller Zeiten zu gesellen, und seine Sippe zu dem edelsten Weltbeglückergeschlecht aus dem gesamten Erdenrund zu machen.

Schlaflos, doch voll von triumphirender Freude wie ein Feldherr, der einen herrlichen Sieg erfochten, durchwachte er die Nacht; als die Schimmelin aber am folgenden Morgen nach Hause kam, fand sie ihn mit dem kleinen Zeno zwischen den Knieen.

Da stieg in ihr der Verdacht auf, der Vater habe das Kind dennoch mißbraucht, um die Wirkung der Essenz an ihm zu erproben, und so blieb sie lauschend an der Thür stehen.

Aber die Phiole schaute verschlossen aus der Brusttasche des Doktors hervor, und er befrug den Zeno auch nicht, sondern redete nur eifrig in ihn hinein.

»Deine Mutter,« sprach er, »war mir lieber als das Leben und alles, und Du, kleiner Gesell, bist mir auch wert, schon weil sie es war, die Dich mir schenkte; aber wer weiß, ob ich Dich nicht hergegeben hätte, wenn davon das Gelingen der schweren Arbeit abgehangen hätte, der ich so viele Jahre geweiht. Jetzt bin ich am Ziele, und ich sage Dir, mein Knabe: Es gibt nur zwei große Wonnen hienieden, die uns die Seligkeit des Paradieses zu ahnen gestatten, und das sind die süßesten Gaben echter Minne und die Glückseligkeit des Forschers, dem die Entdeckung gelang. Ich habe sie jetzt beide gekostet.«

Der Knabe hatte dem Vater, während er solches, von der Macht des Elixirs genötigt, bekannte, mit offenem Munde ins Antlitz geschaut und nicht gewußt, ob er sich wieder fürchten oder das alles für einen Spaß halten und lachen sollte.

Doch die Schimmelin machte dem Zweifel ein Ende; denn sie brachte es nicht über sich, länger zu dulden, daß man den kleinen Liebling mit so wunderlichen Reden verwirrte, und fiel dem Doktor darum ins Wort: »Dem Zenochen schmecken ganz andere Dinge. Nicht wahr, mein Lämmchen, der Herr Vater sollte lieber Deine Schimmelin mit Dir auf den Markt schicken, um Dir Kirschen zu kaufen? Die schmecken dem Kinderschnäbelchen besser als ›echte Minne‹ und das andere Zeug, das den Männern die Köpfe verdreht.«

Da lächelte der Doktor wieder und rief: »Er wird dereinst an sich selber erfahren, was der Vater gemeint hat, und wenn Sie ihm Kirschen kaufen will, Sie alte treue Seele, so gehe Sie nur hin und wähle die schönsten. Auch in die Nürnberger Bude möget ihr gehen, und er soll von dem Tand die hübschesten Pferdchen und was es sonst Schönes und Kostbares gibt, wählen; denn dem Jungen dank' ich ja zum Teil die Entdeckung, und ich werde ihm etwas weh thun müssen. Doch unbesorgt! Er wird es kaum fühlen.«

Was hatte der sonderbare Mann nur wieder im Sinne?

Etwas Löbliches gewiß nicht!

Und weil sich die Schimmelin als Stellvertreterin der Mutter ihres Herzblattes fühlte, begehrte sie bescheidentlich zu wissen, was der Doktor dem Kinde anzuthun gedenke.

Da versetzte er verlegen und unfähig, der Alten frei ins Auge zu schauen: »Es ist nur wegen der größeren Menge des Elixirs, dessen wir bedürfen. Wollt' ich andere Kinder einem Aderlaß unterziehen, der Groß und Klein ja ohnehin wohlthut, man würde mich schwarzer Künste zeihen und vielleicht gar die Mücke zum Elefanten machen und mich zum Kindesmörder stempeln. Darum spendet der Junge wohl gern einige Tropfen des eigenen teuren Blutes, wenn er dafür etwas Schönes empfängt. Ich bin geschickt und mach' es schon so, daß es ihn nicht schmerzt.«

Wie aber die Schimmelin die Hände zusammenschlug, und Zeno das Gesichtchen weinend in ihre Röcke verbarg, fuhr der Doktor fort: »Nun, nun, es hat keine Eile, und es ist auch wohl besser, wenn ich es erst mit dem eigenen Blute versuche. So nehmt denn den Jungen, kaufet ihm das Zierlichste und Feinste und klopfet auch bei dem Herrn Notarius Winckler an. Er möge sich heute noch in die Drei Könige bemühen; denn ich hätte Wichtiges mit ihm zu bereden.«

Die Alte entzog das Kind nur zu gern den Händen des Vaters, dessen fröhliches Wesen ihr so befremdlich erschien wie sein Anschlag auf das Blut des Sohnes entsetzlich, und so schleppte sie den Kleinen schnell mit sich fort; der Doktor aber begab sich schwankenden Schrittes zuerst in die Küche und bereitete dort in einer halben Stunde eine neue Menge des Elixirs, das er mit dem eigenen Blute vermischte.

Und siehe, es übte die gleiche Wirkung wie das mit dem Lebenssaft seines Kindes!

Das freute ihn so, daß er vor Glückseligkeit strahlte; doch gönnte er sich keine Ruhe, sondern ging mit der Essenz, die er gestern gewonnen, in die Bücherei und schrieb dort und schrieb.

Um Mittag ließ er sich nur einen kleinen Imbiß reichen, den er am Pulte verzehrte. Dann aber fuhr er fort, Feder, Siegelwachs und Petschaft zu brauchen, bis der Notarius gegen Abend bei ihm eintrat.

Dem fiel er zum erstenmal in der langen Zeit ihrer Freundschaft um den Hals und bekannte ihm mit feuchten Augen und zitternder Stimme, daß er jüngst die glückseligsten Feierstunden des Lebens genossen; denn das große Werk, dem er sich schon zu Padua und Bologna ergeben, sei nun vollbracht, und die herrlichste Entdeckung aller Zeiten habe gestern den Abschluß gefunden.

Auch für die Wissenschaft des Notarius, die edle Rechtsgelehrsamkeit, würde eine neue Epoche beginnen.

Da unterbrach ihn der Freund, um Näheres zu erkunden, doch Melchior brachte es über sich, reinen Mund zu halten und übergab ihm nur die Phiole mit dem Elixir, das er vorhin in ein Schmuckkästlein der seligen Bianka von zierlicher welscher Arbeit sorgsam verpackt und dann in Pergament gewickelt, umschnürt und mit vielen Siegeln verschlossen hatte.

Hienach vertraute er dem Jugendgenossen auch die Briefe, die er geschrieben, bekannte ihm, daß seine Tage gezählt wären, gab ihm mancherlei Verordnungen und ließ sich endlich von ihm geloben, des Zeno als getreuer Vormund und zweiter Vater zu walten, falls er abgerufen würde.

Um Mitternacht trennten sich die Freunde tief bewegt; der Notarius aber berichtete daheim der Hausfrau, so strahlend und übervoll des höchsten Glückes hätte er noch keinen andern Menschen, geschweige denn den ernsten Melchior, gesehen, und sollte er von dem Glanz des Blickes und dem jugendlichen Feuer der begeisterten Rede auf die Lebensdauer des Freundes schließen, dann wären ihm noch viele schöne Jahre beschieden.

Doch was ihm an dem Doktor so wohlgefallen hatte, war nur das letzte helle Aufflackern der abgebrannten Lebenskerze gewesen.

Die großen Erregungen der letzten Tage hatten den siechen Mann überwältigt, und bevor noch der Morgen graute, hörte die Schimmelin ihn die Glocke rühren, und als sie bei ihm eintrat, saß er hochaufgerichtet und mit glühenden Wangen im Bette und forderte einen Trunk, weil ihn dürste.

Dabei hustete er heftig; doch als er sich an dem mit Wasser gemischten Wein erquickt, der in Welschland sein Lieblingsgetränk geworden, sagte er der Alten, daß er des Blutes seines Kindes nicht mehr bedürfe, weil sein eigenes genüge.

Dann fragte er, ob sich der Vater, bevor auch er das Elixir gefunden, die Hand verletzt, und als die Schimmelin dies betätigte, indem sie des zerbrochenen Glaskolbens gedachte, womit der Hofapotheker sich am Tage, der seinem Ende voranging, in den Finger geschnitten, lächelte er und sagte, nun sei auch dieser wunderbare Vorgang des Geheimnisses entkleidet; denn ein Tropfen des väterlichen Blutes habe den Weg in die Mischung gefunden. So löse sich Rätsel auf Rätsel, und bald werde auch das letzte, das ihm dunkel geblieben, von Licht umflossen werden. Nachdem er die Wahrheit in die Welt gebracht, wollte er gern dahin gehen, wo es immerdar sonnenheller Tag sei und es keine Lüge gebe und keinen Nebel und ihm der untergegangene Stern seines Lebens wieder aufgehen werde.

Dann murmelte er den Namen Biankas, schloß die Augen, ein heiteres Lächeln verklärte ihm das stille, hagere Antlitz, und während die von Husten und Fieberschauern erschütterte Brust ihm auf und nieder flog, rief er zu wiederholtenmalen wie ein Glückseliger vor sich hin: »Schwere Arbeit, köstlichster Lohn. Alles, alles erfüllt!«

Da sah die Schimmelin, daß seine letzte Stunde gekommen, und nachdem er das Sakrament empfangen, und die Alte die Hand des Sterbenden auf das Lockenhaupt des Sohnes gelegt, schloß er mit einem wonnetrunkenen Blick in das liebliche Antlitz seines Kindes die Augen.

Der Priester, der ihm das Sakrament gereicht, erzählte gern von dieser letzten Oelung; denn glückseliger und mit fröhlicherer Zuversicht habe er noch keinen Sterbenden dahingehen sehen.

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