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Drei Märchen

Georg Ebers: Drei Märchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
booktitleDrei Märchen (Gesammelte Werke Bd. XXI)
authorGeorg Ebers
yearca. 1895
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDrei Märchen
created20050917
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Ein halbes Jahr nach dem Hingang des Hofapothekers kehrte Melchior Ueberhell heim, und die Vorkelin, die nunmehr nach ihrem neuen Eheherrn, dem Provisor, Frau Schimmelin hieß, war die einzige, die benachrichtigt wurde, zu welcher Stunde er in Leipzig einziehen werde.

Der junge Doktor hatte ihr solches in einem Brief vermeldet und sie beauftragt, Sorge zu tragen, daß ihn und die Seinen bei der Ankunft in dem neu hergestellten Hause ein Knecht, eine Küchenmagd und Feuer auf dem Herde erwarte. Sodann ersuchte er seine »vielgetreue Alte«, das Dreieck von Messing, das der Bote ihr übergeben werde, derartig vor den Herd in der Küche des ersten Stockes zu nageln, daß die Zahlen und Tierbilder, die es auf einer Seite bedeckten, zu sehen blieben.

Das alles hielt die Schimmelin in der regsten Bewegung, und zur bestimmten Zeit stand im Ueberhellschen Hause alles zum Empfang der künftigen Insassen bereit.

Doktor Melchior hatte mit den Seinen den Untergang der Sonne in Connewitz abgewartet, um vor dem Schluß der Thore und doch nicht bei hellem Tag die Vaterstadt zu betreten; denn es widerstand seiner stillen Art, sich und sein schönes Weib, das samt dem Kinde in einer von Maultieren getragenen Sänfte den Weg gen Norden zurückgelegt hatte, neugierigen Blicken auszusetzen. Da die Ostermesse gerade abgehalten wurde, die viele Fremde nach Leipzig zog, kamen die Heimkehrenden auch, ohne Aufsehen zu erregen, durch die Petersstraße, über den Markt und in ihr schmuck erneuertes Haus.

Zwar verbarg das Dunkel schon die stolze Minerva auf der Spitze des hohen Giebels und die Sonnenuhr mit dem Tierkreis zwischen seinen zweiten und dritten Stufen, aber die erleuchteten Fenster auf dem Flur und im ersten Stock gewährten doch einen freundlichen Anblick.

Die Schimmelin, die die Ankömmlinge schon lange erwartet, trat ihnen entgegen, und der neue Knecht hielt die Latern, auf daß man ihre tiefen Reverenzen nicht übersehe.

Wie die Alte endlich den Heimgekehrten ein herzliches: »Die lieben Heiligen mögen euren Einzug segnen!« zurief, da schnürte sich dem gelehrten Doktor der Hals zusammen. Blitzschnell schoß eine Reihe von süßen Erinnerungen aus der Zeit, in der ihm die liebe Mutter die Händchen gefaltet, um mit ihm zu den heiligen Patronen des Hauses zu beten, durch die Seele, die Stunde, in der er die Trauerpost vom Hingang des Vaters erhalten, flog ihm durch den Sinn, und erstaunt und befremdet fühlte er – zum erstenmal seit langen Jahren – warmes Naß sich über die Wangen rinnen, und bevor er sich selbst dessen versah, hatte er die Schimmelin ans Herz gezogen und sie rechtschaffen geküßt.

Dann wandte er sich schnell der schlanken jungen Frau zu, die mit dem Knaben hinter ihm stand, und wies sie der Alten mit dem frohen Rufe: »Die besten Schätze, die ich in Welschland erwarb; ich empfehle sie Deiner Liebe!«

Während sodann die Schimmelin die zarte Hand der schönen Welschen an die Lippen zog und das Knäblein hoch hob, um es zu herzen, eilte Melchior raschen Schrittes der Hausthüre zu, verneigte sich dreimal und hob dann die Hände mit feierlicher Würde dem Abendstern entgegen, der sich eben hart über einem Hausdach am Markte den Blicken zeigte.

Die Alte bemerkte dies wohl, und es gefiel ihrem Herzen; denn sie meinte, der Melchior sage den Heiligen Dank für gnädige Führung. Wie er aber die Lippen öffnete und einen Spruch in die Höhe rief, erschrak sie; denn das war kein Deutsch, und auch das Latein, dessen Klang ihr von der Messe her vertraut war, hörte sich anders an. Er bestand vielmehr aus lauter wunderlichen Worten, wie sie sie wohl von dem verstorbenen Herrn vernommen, wenn er, mit den Briefen des Sohnes neben sich, in der Küche die Hände gerühret. Ein guter christlicher Segen war es gewiß nicht, und das fiel ihr schwer auf die Seele. Als der Doktor aber fertig war mit der Beschwörung, die vielleicht böse Geister bannen sollte, und mit Weib und Kind die Schwelle übertrat, da schlug sie ihm, ohne sich lang zu bedenken, ein Kreuz auf die Brust und dem Kind ein anderes auf den lockigen Scheitel; er aber ließ es lächelnd geschehen, und bald darauf saßen die Heimgekehrten am säuberlich gedeckten Tische, und die Schimmelin hatte ihre Freude, wie dem Melchior die Kost der Heimat und dem kleinen Zeno – denn so hieß der Enkel des Hofapothekers – die gute Milch und die Stolle mundete, die sie zum Empfang der Heimgekehrten gebacken.

Nur die junge Frau kostete kaum von den Speisen.

Ob sie ihr nicht schmeckten? Vielleicht nährte man sich in Welschland mit anderen Speisen, und: »andere Völker, andere Sitten«.

Und wer hätte diesem holdseligen Geschöpfe wohl gram sein mögen?

Ein Gleiches meinte die Schimmelin nimmer gesehen zu haben, und es fiel ihr sauer, den Blick von ihr zu wenden. Aber es zog ihr doch wie leises Bangen durchs Herz, wenn sie das Weib ihres Lieblings betrachtete, und sie wußte nicht, wie es kam, aber auf einmal war es ihr, die sich noch nie mit Gesichtern, mit Ahnungen und dergleichen abgegeben, als sehe sie Frau Bianka – das war der Name der jungen Welschen – auf einer Totenbahre liegen, von einem zarten Schleier umflossen und mit einem Maiglöckchenkranz auf den rabenschwarzen Locken.

Ein trauriges, dummes Gesicht!

Es konnte ihr auch nur gekommen sein, weil das junge Frauchen so bleich war. Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz galt für sie wie für die Schönen im Märchen, aber das »rot wie Blut« fehlte. Sie war auch so hoch gewachsen und schmächtig wie die Lilien im Gärtchen des Hofapothekers vor dem Petersthore.

Während die Alte nach dem Mahle der jungen Frau half, den kleinen Zeno zu baden und zur Ruhe zur bringen, wobei auch Melchior nicht fehlte, mußte sie fortwährend von dem einen auf das andere schauen, und dabei ergriff sie ein großes Mitleid mit dem lieben Sohn ihres Herrn, der das Herz an solch ein zartes Wölkchen gehängt, das jeder Wind fortwehen konnte, solche schmelzende Süßigkeit, die, wenn sie ihre Erfahrung nicht trog, keinen deutschen Mann rechtschaffen sättigen konnte.

Aber sah denn der Melchior noch aus wie ein solcher?

O nein!

Und wieder schauerte es ihr kalt über den Rücken; denn wie der Heimgekehrte das große weiße Leinentuch vor sich hielt, um das gebadete Kind damit zu umhüllen, war es ihr, als trüge er ein langes Leichenhemd, und als schaute sein blutlos fahles, hageres Antlitz mit dem schwarzen Haar und Knebelbart gespenstisch darüber weg.

Bei solcher frohen Heimkehr dergleichen närrische, trübe Gedanken!

Mit aller Kraft suchte sie ihnen die Wege zu weisen, und dazu half ihr das Kind; denn das sah aus wie das Leben, und wie es so unbändig in dem lauen Wasser prustete und strampelte, lachte und jauchzte, die Eltern rief und ihren Namen »Frau Schimmelin« auszusprechen versuchte, da ging ihr das Herz auf, und sie gab manche verkehrte Antwort; denn innerlich sprach sie ein unhörbares Paternoster nach dem andern für das Gedeihen und Wohlergehen dieses holdseligen Knaben, der ihr sogar lieblicher erschien als weiland der Melchior, den sie seinerzeit für das allersüßeste Büblein gehalten.

Wie das Kind im Bette lag, faltete ihm die Mutter die Händchen und sprach ihm etwas vor, worin die Schimmelin ein Gebet erkannte; der Vater aber bestrich ihm mit einer Essenz die Stirn und die Gegend des Herzens und murmelte dazu unverständliche Worte. Was sie auch bedeuteten – sie schienen dem Prachtkinde gottlob wohl zu bekommen.

Die junge Frau, die die weite Reise ermüdet hatte, ging zeitig zur Ruhe, und als die Haushälterin mit Melchior allein war, mußte sie ihm berichten, wie es dem Vater seit seinem Aufbruch ergangen.

Der Sohn ihres Herrn hatte doch ein gutes, weiches Herz heimgebracht aus dem Welschland, wie ernst und gefurcht von strenger Arbeit sein längliches, farbloses Antlitz auch aussehen mochte; denn da er von der Sehnsucht und dem Verfall des Alten vernahm, schwammen ihm die Augen in Thränen.

Selten nur unterbrach er den Fluß ihrer Rede: wie sie aber zu den letzten Stunden des Hofapothekers und den Versuchen gelangte, die selbiger mit dem neuen Elixir an ihr gemacht, da erhob er sich jählings und häufte Frage auf Frage, bis ihm zur Gewißheit geworden, was er zu erfahren begehrte. Dann blieb er plötzlich mitten im Zimmer stehen, wandte Arme und Augen nach oben und rief laut und feierlich wie ein Verzückter: »Ewige Wahrheit, heilige Wahrheit! Dein Reich, es wird kommen.«

Der Schimmelin gingen diese Worte durch Mark und Bein, und wie der Melchior so dastand, als öffne sich die Decke über ihm und als schaue er gerade hinein in den Himmel, da erschien ihr der Mann, dem sie einst vor dem Schulgang die Bemmen in das Ränzlein gesteckt, so groß, so unnahbar und ganz besonders, daß sie sich vor ihm fürchtete und ihm zitternd den Willen that, als er ihr befahl, auch ihm mit einem feierlichen Eid zu beschwören, was sie über das Elixir erfahren und vernehmen werde, als unverbrüchliches Geheimnis in der Brust zu verschließen.

Dies Gelöbnis fiel der Schimmelin schwer auf die Brust; bald aber atmete sie wieder freier auf; denn er begann von Dingen zu reden, für die sie besseres Verständnis besaß. Sie bezogen sich auf den Haushalt und die große Küche mit dem hohen Schornstein im zweiten Stocke. Er suchte nach einem geschickten und verschwiegenen Gehilfen, und die Schimmelin hatte einen solchen in Vorrat; denn ihrem neuen Eheherrn gedieh der Müßiggang übel, maßen er, der sein Leben lang Kohlen geschürt und Arzneien gekocht und gebraut, auch jetzt nicht davon lassen mochte und sie kein Täubchen braten ließ, ohne ihr mit dem stummen, schnüffelnden Antlitz über die Schulter zu schielen.

Die wackere Frau sah voraus, daß der Müßiggang ihr den alten Neuvermählten verleiden würde, und Doktor Melchior ließ sich gern bestimmen, ihm, dessen schweigsames Wesen und geschickte Hände er nicht vergessen, anbieten zu lassen, es bei ihm zu versuchen. Im Hinterhause gab es ein freundliches Quartier, das die Wirtschafterin und die Lehrlinge weiland bewohnt. Das stellte der Heimgekehrte dem alten Paar zur Verfügung. Die Schimmelin solle seiner Ehefrau zur Hand gehen; denn Frau Bianka sei weder der Sprache noch der Kunst des deutschen Haushaltens mächtig, und auch von dem Schimmel erwarte er das Beste, zumal er, der Doktor, fürs erste nach einem Heilmittel für die Hausfrau suche, deren Gesundheit ihn mit Besorgnis erfülle.

In der neu hergerichteten Küche begann nun ein emsiges Treiben, und der alte Provisor freute sich der neuen Stellung; denn vor einer besser eingerichteten Feuerstätte mit feineren Wagen und Instrumenten hatte noch kein Apotheker und Scheidekünstler hantirt. – Wenn er auch nicht wußte, wohin das Messen, Sieden und Destilliren führte, sobald der Doktor von dem Zusammenkochen neuer und immer neuer Heiltränke abließ, so füllte ihm das Schaffen doch die langen Sommertage aufs beste, zumal ihm nichts ferner lag als der Trieb ins Freie, den die meisten Leipziger Kinder mit auf die Welt bringen.

Seit er in die Lehre getreten – es war seitdem ein Menschenalter vergangen – hatte er nur zweimal in jedem Jahre die Apotheke verlassen, um einen freien Tag zu genießen, und bei dieser Gelegenheit waren ihm grüne Bäume niemals zu Gesichte gekommen; denn was er seine »Ausspannung« nannte, hatte er stets auf das Dreikönigsfest im Januar und – er hieß Rupert – auf seinen Namenstag am siebenundzwanzigsten des Märzmonats verlegt.

Unter den achtzig Malen, die hinter ihm lagen und die ihn stets zu seiner Schwester, die zu Gohlis mit dem Müller verehelicht war, führten, hatte es neunundzwanzigmal geregnet und zweiundvierzigmal geschneit. Darum war für ihn ein Gang ins Freie mit der Vorstellung von durchweichten Kleidern, nassen Füßen, verdorbenem Schuhwerk, Schnupfen und, weil seine Schwester, die Müllerin, dem seltenen Gaste stets fette Speisen auftrug, dazu noch mit Magenbeschwerden verbunden. Auch seinem Eheweib war es am wohlsten innerhalb der Mauern der Stadt, wo, pflegte sie zu sagen, man weiß, was man hat.

So war denn Herr Schimmel auch im Sommer dem Meister jederzeit zur Hand, und er hatte sich nicht über zu schweren Dienst zu beklagen; denn der Doktor schien einem Gang ins Freie so hold zu sein, wie der Provisor ihm gram war; ja, als der Mai kam und draußen die Obstbäume blühten, die zarten, saftigen Buchenblätter die Hüllen sprengten, die Eichen das harte Braun des dürren Laubes abwarfen, um sich mit geschmeidigem jungen Grün zu schmücken, als der gelbe Löwenzahn den Wiesenteppich mit Goldgelb durchwirkte und ihn dann mit silbergrauen Seidenfasern überwehte, als die goldene Schlüsselblume, das weiße Gänseblümchen und die violetten Glockenblüten seine bunte Farbenzier mit anderen Genossen in Rot und Blau noch erhöhten, als am Ufer der Pleiße Strauch um Strauch die Knospen erschloß und am Abend die Nachtigall im Busch und Wald zu locken und zu jauchzen begann, da hielt es an sonnigen Nachmittagen den Doktor Melchior Ueberhell selten zu Haus.

Mit dem schönen jungen Weibe am Arm wandelte er in den frisch grünenden Laubwald, der der Stadt eigen, und wenn er schon im Welschland, wo der Boden trockener und das Laub der Bäume härter ist, denn bei uns, sich oft gesagt, daß es doch nichts Schöneres gebe, als den Wasserreichtum und die strotzende Fülle der saftigen, biegsamen Blätter in den heimischen Forsten, so ward er in selbigem Lenz nicht müde, sich solches zu wiederholen, und es bot ihm recht tief innerliches Genügen, daß der Herzliebsten der deutsche Wald so wohl gefiel wie ihm selber.

Wenn sie bei solchen Spaziergängen anderen Bürgern begegneten, hefteten sich aller Augen auf das schöne Paar; denn war der Melchior auch hager, so freute er sich doch eines hohen Wuchses, und sein Antlitz war wohlgebildet und gewann einen besonderen Zauber durch den seltsamen Glanz der großen dunklen Augen, die mehr zu schauen schienen, als was sich ihnen am Wege darbot. Dabei ließen ihm die schwarzen Gelehrtengewänder so gut wie ihr die weißen Kleider und Tücher von kostbarem Stoffe, die sie gern mit lichtem Blau verzierte, das ihre Farbe. So glich diese zarte junge Welsche mit der leicht nach vorn geneigten Haltung und dem wunderschönen, bleichen, vom schwärzesten Haar umrahmten Antlitz einer Elfe, die in lichten Gewändern zum Maientanz im Mondenschein ausgeht und sich mit Vergißmeinnicht und Enzian geschmückt hat.

Wer sie sah, dem hellte Herz und Antlitz sich auf; denn es war ihm, als sei ihm ein Glück begegnet, aber ihren näheren Umgang suchte niemand, obwohl der Doktor es nicht unterließ, sie zu etlichen Verwandten und den Leitern des städtischen Wesens zu führen. Wenn aber Melchior, den man vielfach mit ihr zu Gaste lud, sie entschuldigte, weil sie von schwacher Gesundheit, so drang man nicht in ihn; denn es ließ sich mit ihr, die kein Deutsch verstand, nicht reden, und wer ihr leises Hüsteln vernommen, der verdachte es dem Doktor nicht, daß er dies gebrechliche Kleinod fürsichtiglich hüte.

Statt in Küche und Keller fanden die Hausfrauen, die sie besuchten, Bianka auf dem Ruhebett mit einer Schrift oder der Laute in der Hand, oder wohl auch beim Spiele mit ihrem Knaben, und das wußten die Wohlgesinnten ihrem bleichen Antlitz und überzarten Leibe zu gute zu halten, die Strengeren aber meinten, das sei welsche Art und beklagten den Doktor.

Was aber bei den Gevatterinnen das größte Aergernis erregte, das war sicherlich der Umstand, daß das junge Paar sich auch ohne sie zufrieden fühlte; und in der That strahlte ihnen die helle Glückseligkeit aus den Augen, und dem schweigsamen Doktor schien die Zunge gelöst, wenn man ihm mit der Frau Liebsten draußen im Wald und auf der Wiese begegnete. Auch floß der Mund des Notarius Anselmus Winckler über vom Lob dieser beiden. Er war der einzige, der sie bisweilen auf ihren Gängen durch den Wald begleiten durfte, und da er dem Melchior auf der hohen Schule zu Bologna jahrelang ein guter Gesell gewesen und dort der wohllautenden Muttersprache Frau Biankas mächtig geworden, konnte er mit ihr wie mit einer Landsmännin reden. Er war ein geselliger Herr, und wenn er's sich im Wirtshaus oder bei einem Gastfreunde wohl sein ließ, gab er den anderen zu hören, wie tief bewandert der Doktor in allen Reichen der Natur sei, und wie trefflich der gelehrte Meister Vitali, Frau Biankas Herr Vater, es verstanden hatte, den Sinn für das Schöne und Wissenswerte in der Tochter zu wecken. Sie fragen und den Gatten so klug und minniglich antworten zu hören, das sei eine Lust sondergleichen.

Auch an freundlichen Morgen hielt es den Doktor nicht immer zu Haus, und dann führte er die junge Frau gern in den Ueberhellschen Garten vor dem Petersthore und zeigte ihr, was Großvater und Vater dort an seltenen Gewächsen gesät und an Obstbäumen gepflanzt; der jungen Frau aber bot es Ergötzen, Sträuße zu binden und mit dem Kinde die wohlgediehenen Kirschen und frühen Birnen ernten zu helfen.

In Bologna hatte sie ihn schwer von der Arbeit abzuziehen vermocht, bei der ihr eigener Vater, sein Meister, ihn zurückhielt, und nun sah sie dankbar, daß er ihr in der neuen Heimat so viele Stunden schenkte, und – er hatte es ihr verraten – statt des Elixirs, wovon sie schon als Kind, als von dem würdigsten Ziele der Forschung, gehört, nach Mitteln suchte, die ihr wohlthun sollten.

So kam der Herbst, und wie sich die Stare auf der Thomaskirche, die Störche auf dem Dorf und die Schwalben auf dem Dache des Nachbarhauses sammelten, um gen Süden zu ziehen, rissen rauhe Stürme das Laub von den Bäumen, folgte ein trüber Regentag dem andern, und als die Ebereschen und Berberitzenbeeren im lichtesten Purpur glänzten, da verwandelte sich der rosige Schimmer, der sich in diesem regenarmen, glückseligen Sommer auf den Wangen des jungen Weibes gebildet, in rotschimmernde Kreise, ihr Auge gewann einen sonderbaren, thränenfeuchten, sehnsüchtigen Glanz, und wenn der Husten ihr die Brust erschüttert hatte, sank sie zusammen, als habe der Herbstwind sie gebeugt wie die Stengel der Malven, die der Sturm im Gärtchen draußen von den Stäben riß.

Dann kam ein Tag, an dem der kurfürstliche Leibmedikus Olearius den Weg in die Drei Könige fand. In Mitten des Dezembermonats lag Stroh vor dem Ueberhellschen Hause, und wen das Glück des jungen Paares fern von ihm gehalten, den führte jetzt das Leid zu ihm hin. Es schien, als sei die junge Fremde, die niemand zu sich heranzuziehen versucht, der Abgott der Bürgerschaft gewesen, so häufig kamen die Fragen nach ihrem Befinden, das liebreiche Angebot guter Dienste, und als Freundschaftszeichen späte Blumen, seltener alter Wein und dergleichen. Als dann die Weihnachtsglocken klangen und das frohe »Christ ist geboren« durch die Straßen der Stadt scholl, da schrillte ein lauter Aufschrei durch die alten Räume der heiligen Drei Könige, und neben seiner geknickten Blume, die nun ganz zur Lilie geworden, weil der letzte rosige Abendschimmer von den schneeweißen Wangen gewichen, kniete Melchior und rang die Hände und zerwühlte sich das wirre dunkle Haar.

Des Leichenzuges, der der jungen Welschen folgte, die wie ein flüchtiger Gruß aus dem Eden so schnell gegangen war wie gekommen, hätte sich auch das Ehegemahl des Herrn Hofrichters nicht zu schämen gebraucht. Was ansehnlich und wohlgeboren in Leipzig und außerdem viele geringere Leute, die der Blick Biankas nur einmal getroffen, folgten ihm nach. Man war hier so gastfrei, und was man der Lebenden nicht hatte erweisen können, das holte man nach an der Toten. Dabei wurden heiße Thränen vergossen, und doch hatte keiner die Verstorbene recht gekannt; es war nur den meisten, als hätte man die Schönheit selbst zu Grabe getragen.

Der einzige aus dem Ueberhellschen Geschlecht, der der Leiche nicht folgte, war der vornehmste der Leidtragenden, war der verwitwete Doktor Melchior selbst.

Einsam und thränenlos durchwandelte er die Zimmer, die Bianka bewohnt. Gegen alle, die ihn zu sehen und zu trösten begehrten, schloß er sich ab; ja auch den Besuch des Notarius Winckler wies er zurück.

Daß von seinem Dasein die Blüte gebrochen, und daß er eine Todeswunde im Herzen trug, war das einzige, was er fühlte und dachte.

Die Schimmelin fürchtete ernstlich für sein Leben. So gut sich das Gesicht erfüllet hatte, das ihr Frau Bianka auf dem Totenbett gezeigt, konnte auch das andere, das den Doktor betraf, zur Wahrheit werden, – und er aß und trank weniger als ein Karthäuser am Fasttag; er stieß die guten Leute vor den Kopf, die seiner Seligen so hohe Ehre erwiesen hatten, ging weder in die Messe, noch in die Küche zur Arbeit, und dadurch verfiel auch ihr Schimmel in Müßiggang und verhieß wiederum unleidlich zu werden.

Wie sollte das enden?

Die Bürgerschaft erzeigte ihm große Geduld. Er war einmal von besonderem Schlag, und man durfte ihm vergeben, daß er dem Sarge nicht gefolgt war, zumal es – die Schimmelin hatte das alles auf eigene Gefahr hin veranstaltet – an nichts gefehlet, das zu einem glänzenden, fürnehmen und teuren Leichenzuge gehört. Wenn die große Aerztin »Zeit« ihn getröstet, dachten die meisten, werde er sich denen wieder nähern, zu denen er gehörte, ja sich fester an sie schließen denn früher, maßen er die sieche Ehefrau verloren, die ihn abseits von ihren heiteren Kreisen gehalten.

Man erweist sich den Unglücklichen gern milde – denn ein Größerer fügte ihnen ja Schlimmeres zu, als man ihnen selbst hätte anthun können.

Es kam übrigens anders, als die freundlichen Mitbürger meinten.

Die Drei Könige lagen hinfort da wie verödet, und wenn nicht vier Wochen nach dem Hingang Biankas die hohe Esse auf dem Dache wieder begonnen hätte, bei Tag und oft auch bei Nacht Rauch in Strömen auszuhauchen, wäre gemeiniglich jedermann berechtigt gewesen, das Haus mit der Minerva und dem Tierkreis für unbewohnt zu halten. Gemeiniglich; denn bisweilen hörte man doch den Klopfer gehen, den der Notarius Winckler rührte, vernahm man frohes Kindergelächter aus dem offenen Fenster, oder sah die Schimmelin mit dem Korb auf den Markt gehen.

Dem Doktor begegnete niemand, weder in der Kirche noch auf der Straße, doch blieb er nicht immer daheim.

Im Sommer ging er bei Sonnenaufgang auf den Friedhof und von dort in den Forst, im Winter wanderte er, sobald die ersten Sterne aufgegangen waren, in einen schwarzen Mantel gehüllt, erst zu dem Grabe Biankas und von dort auf eines der benachbarten Dörfer, ohne je Einkehr zu halten, und nur der Totengräber, der ihm den Gottesacker aufthat, und der Thorwächter, der ihm die kleine Bürgerpforte erschloß, wechselten mit ihm einen Gruß.

Daheim irrte er nicht mehr müßig und fastend einher, sondern nahm die Mahlzeiten regelmäßig ein und hatte sich mit so leidenschaftlichem Eifer auf die Arbeit gestürzt, daß es sogar dem fleißigen Schimmel und seiner besorgten Hausfrau bisweilen zu viel ward. Die wußte jetzt auch, was der Doktor mit dem schweren Schaffen zu stande zu bringen hoffte; denn sie hatte es erlauscht, doch brauchte sie sich dessen nicht zu schämen, maßen es in löblicher Absicht geschehen war.

Vier Wochen nach dem Tode Biankas, der sie viele heiße und aufrichtige Thränen nachweinte, hatte Melchior sich zum erstenmal wieder ans Schaffen begeben.

Es war am späten Abend geschehen, und er hatte, bevor er in die Küche ging, dem schlafenden Knäblein, bei dem die Schimmelin wachte, so seltsame Dinge zugeraunt und gerufen, daß ihr bange geworden war, zumal man den Schimmel nicht berufen, dem Doktor Beistand zu leisten. Was aber dem gestörten Manne, wenn man ihn allein hantiren ließ, alles zustoßen könne, war der Alten wie Nachteulen und Fledermäuse schwarz und bedrohlich durch die Seele gezogen. So hatte sie sich denn hinter die Blasebälge, mit denen das Kohlenfeuer auf dem Herde geschürt wurde, verborgen, und sie war dort Zeuge von Vorgängen geworden, die ihr noch nach Jahren kalte Schauder über den Rücken trieben, wenn sie ihrer gedachte.

In seinem besten Feiertagsgewand von schwarzem Sammet mit seidenen Puffen hatte der Doktor, stolz aufgerichtet, die Küche betreten, deren weiter, hochgewölbter Raum nur durch das gedämpfte Licht der Ampel spärlich erhellt wurde; als aber die Schimmelin seine Schritte vernommen, hatte sie sich so tief in sich selbst zusammengezogen, daß sie ernstlich vermeinet, sie sei kleiner und weniger leicht sichtbar geworden; denn es war zu befürchten gewesen, daß er die Kohlen entzünden und sie bei ihrer Glut wahrnehmen würde.

Doch zu ihrer großen Erleichterung hatte er sich in der Mitte der Küche gerade unter der Ampel hingestellt, die an der Stelle befestigt war, wo die Gurte des Deckengewölbes zusammentrafen. Dann hatte er mit einem frischen Lorbeerzweig nach allen Seiten hin gewinkt und dazu ähnliche Worte und Namen, nur lauter und gebieterischer, gerufen, als am Bett seines Knaben.

Der Lauscherin war es deutlich bewußt gewesen, daß er Geister beschwöre, und die Kniee hatten ihr gezittert und die Zähne so laut auf einander geschlagen, daß sie gefürchtet, er möchte es hören; auch hatte sie fürsichtiglich die Augen geschlossen, um nicht von dem Anblick der Höllenbrut, die bald in dies christliche Haus dringen sollte, um den Verstand gebracht oder erdrosselt zu werden, und wirklich mußten die Unholde, dem Winke des Meisters gehorsam, die Küche betreten haben; denn sie hatte deutlich vernommen, wie er einen solchen feierlich begrüßte.

Weil sie aber weder schwefligen Dunst noch das Flackern lodernder Flammen durch die leicht geöffneten Lider spürte, war ihr der Mut also gestiegen, daß sie sich endlich erkühnet, Umschau zu halten. Doch sie hatte nichts zu erspähen vermocht als den Doktor, der auf den Knieen lag und in eine Ecke der Küche hinein sprach, wo sich nichts befand als der Besen, mit dem sie noch am Morgen den Estrich gefegt, und an einem Haken die alte braune, etwas fuchsig schimmernde Perücke des Schimmel, die er aufzusetzen pflegte, wenn er in dieser Winterszeit über den Hof ging.

Solche Geister waren ihr so wohl vertraut, daß sie bei ihrem Anblick wieder frei zu atmen begonnen und gelassenen Mutes erwogen hatte, die beschworenen Geister müßten sie entweder nicht für würdig erachtet haben, sich ihr zu zeigen und nur dem Meister erkennbar gewesen sein, oder es habe der Verstand des Doktors erheblich gelitten. Des ihrigen meinte sie immerdar sicher zu sein; denn der – des getröstete sie sich – war von gröberem Stoff und wie alles Kurze nicht so leicht zu verwirren.

Mochte Doktor Melchior nun zu dem Besen oder der Perücke oder zu einer Erscheinung geredet haben, die er und kein anderer sah – war sie jedenfalls so weit zur Besinnung gekommen, daß das eigentliche Lauschen beginnen konnte.

Nachdem sie zu größerer Sicherheit einige Kreuze geschlagen, hatte sie dann aus des Doktors eigenem Munde vernommen, was ihr und dem Schimmel ein Geheimnis gewesen.

Kein Wort war ihr entgangen, bis Melchior in die Bücherei neben der Küche getreten war, und jetzt hatte sie es doch für rätlich gehalten, den Schlupfwinkel zu verlassen und in ihre Kammer zu eilen.

Der Schimmel war längst zur Ruhe gegangen und sein Schnarchen ihr beim Eintritt laut entgegengerasselt; doch sie hatte ihn geweckt und ihm dann mit fliegenden Worten vermeldet, was sie gesehen und vernommen.

Der Geist, den der Meister beschworen, hatte sie berichtet, nachdem sie ihrer Angst und des Folgenden gedacht, sei der der Wahrheit gewesen; denn also habe er ihn gerufen.

Ob er Gehorsam geleistet oder nicht, das stehe freilich auf einem andern Blatte; jedenfalls sei er nicht aus der Hölle gekommen, maßen was dem Gottseibeiuns angehöre, mit üblem Geruch behaftet und der Satanas auch der Fürst der Lüge heiße, und es ihn darum wie ein Schimpf verdrießen müsse, sich als den »Geist der Wahrheit« anrufen zu hören, während doch derjenige, welcher dem Doktor erschienen sei, sich in jeder Hinsicht manierlich betragen.

Außerdem sei der Meister mit echt christlicher Demut, ja mit reumütigen Selbstanklagen geständig gewesen, sich gegen die Wahrheit versündigt zu haben, der er sich doch mit Leib und Seele, Gut und Blut hingegeben, indem er, von der heißen Minne zu dem geliebtesten Weibe bewältigt, der Aufgabe seines Lebens abtrünnig geworden sei und nur das eine erstrebt habe, ein Mittel zu finden, das die Kranke von ihrem Siechtum zu heilen und am Leben zu erhalten vermöge.

Hienach sei er aufgesprungen, habe die Hand mit dem Schwurfinger gen Himmel gestreckt und dem Geiste gelobt, von nun an unentwegt darnach zu trachten, das Elixir zur Vollendung zu bringen, das bestimmt sei, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen.

Endlich hatte die Schimmelin geschildert, wie dem Doktor bei dieser Rede die Augen geglüht, und daß es ihr gewesen sei, als hätte ihm eine unsichtbare Hand das Wort »Wahrheit« mit großen Buchstaben über das Antlitz geschrieben. Er werde auch so sicher zum Ziele gelangen, wie sie für sich selbst ein seliges Ende von den Heiligen erflehe.

Herr Schimmel hatte auf diese wichtige Eröffnung nach langem Schweigen und Sinnen nichts zu entgegnen vermocht als: »Mir kann es gleich sein,« und seine liebe Hausfrau ihm nicht minder kurz, doch mit aufrichtiger Entrüstung erwidert: »Er Stockfisch!«

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