Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Drei Märchen

Georg Ebers: Drei Märchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
booktitleDrei Märchen (Gesammelte Werke Bd. XXI)
authorGeorg Ebers
yearca. 1895
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDrei Märchen
created20050917
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Im Schlosse der Grisos herrschte indessen viel Jammer und Gram. Der Bursche, mit dem Georg in den See gefahren war, hatte das Leben gerettet und am andern Morgen den Weg nach Hause gefunden; – aber so viel man ihn auch ausfragte, brachte man doch nichts aus ihm heraus, als daß er mit den leiblichen Augen gesehen habe, wie der Prinz ertrunken. Mit dieser Auskunft mußte der Hofstaat sich zufrieden geben, die Herzogin aber that es mit nichten; denn eher gibt ein König die Herrschaft auf, als eine Mutter die Hoffnung, ihr liebstes Kind. Sie besaß ja auch ein Mittel, um sich zu vergewissern, wie es mit dem Lieblinge stand: den Zauberspiegel, den die Fee dem ersten Wendelin geschenkt, und in dem alle Grisos jederzeit diejenigen erblicken konnten, die sie liebten. In diesem Spiegel hatte sie auch den Gemahl vom Rosse sinken und sterben sehen. Jetzt nahm sie ihn wieder aus dem Ebenholzschreine, in dem sie ihn verwahrte; doch so lange Georg in der Höhle des bösen Geistes gefangen saß, wollte sich nichts auf der blanken Fläche zeigen. Das war nicht gut; aber sie hörte nicht auf zu hoffen und dachte: »Wär' er gestorben, so müßte ich doch seine Leiche gewahren.« Die ganze Nacht hindurch saß sie vor dem Spiegel, und am andern Morgen kam ein Bote vom Heere der Grisos und meldete, daß der Feind dränge und eine Schlacht auch ohne die neuen Truppen, die der Feldherr Moustache gefordert, geschlagen werden müsse. Der Ausgang sei zweifelhaft, die Herzogin möge alles für sich und die Prinzen zur Flucht bereit halten und sollt' es zum Aeußersten kommen, auch die Kronjuwelen, das Staatssiegel und einige Wispel Gold mit sich führen.

Nun ließ der Statthalter dies alles in Kisten packen und auch seinen eigenen Schlafrock dazu. Dann bat er die hohe Witwe, in den Spiegel zu schauen und ihn rufen zu lassen, sobald das Bild der Schlacht sich ihr zeigte.

Gegen Morgen sah die Herzogin, wie die Heere zusammenstießen, aber gleich darauf verlangte es sie wieder, den Sohn zu erblicken. Und siehe, da trat er ihr vor Augen, und er saß neben einem alten, zerlumpten Hirten und aß mit ihm Käse und Brot und war ganz naß und konnte die Kleider nicht einmal wechseln. Das ängstigte sie sehr, und sie sah ihn schon, von Schnupfen, Fieber oder von einer Lungenentzündung ergriffen, hilflos im Freien liegen, und von nun an kümmerte sie sich gar nicht mehr um die entscheidende Schlacht und vergaß, während sie ihm mit den Blicken folgte, viele Stunden lang alles andere. Dabei berief sie Jäger und Boten und die Professoren, die Geographie, Pflanzen und Steinkunde trieben, und ließ sie mit in den Spiegel schauen und fragte sie, ob sie wüßten, wo das Gebirge lag, das sie in ihm sahen. Aber die blanke Fläche zeigte nur die nächste Umgebung des Wanderers, und Keiner konnte Auskunft erteilen, wo Georg sich befinde. Da sandte sie Leute nach allen Himmelsrichtungen aus, um ihn zu suchen.

So ging der halbe Tag dahin, und als der Statthalter am Nachmittag wieder kam, um sich nach dem Verlaufe der Schlacht zu erkundigen, erschrak die Herzogin; denn sie hatte sie völlig vergessen.

Nun befahl sie dem Spiegel wiederum, ihr das Heer und den Feldherrn Moustache, der ein Vetter des verstorbenen Herzogs war, zu zeigen, und da gewahrte sie mit Schrecken, daß die Reihen der Ihren ins Wanken gerieten. Der Statthalter sah dies gleichfalls, schlug die Hände vor die schmale Stirn und rief: »Alles verloren! Meine Würde, Eure Hoheit, das Land! Ich muß in den Schatz, in den Stall! Die Feinde, die Flucht – unsere Tapferen. – Geben Eure Hoheit wohl acht auf den Verlauf des Kampfes! – Höhere Pflichten . . .«

Damit entfernte er sich, und als er nach einer halben Stunde ganz rot von all den Anordnungen, die er getroffen, wieder kam und unbemerkt von der Frau Herzogin ihr über den Rücken in den Spiegel schaute, fuhr er unwillig zurück und rief so ärgerlich, wie ein rechter Hofmann eigentlich niemals vor der allerhöchsten Herrschaft werden kann: »Beim Blut meiner Ahnen! Ein Bub, der bergan steigt . . . Und es thut uns so dringend not, zu erfahren . . .«

Da seufzte die Herzogin auf, ließ die Schlacht abermals erscheinen, und nun zeigte es sich, daß die Dinge, während sie nach dem Sohne Ausschau gehalten, sich zum Besseren gewandt. Das freute sie sehr, und der Statthalter rief: »Ich habe es Eurer Hoheit vorausgesagt. Die Bedingungen liegen so, daß uns der Sieg schwerlich entgehen dürfte. Wackerer Moustache. Im Vertrauen auf ihn konnte ich die Karawane mit den Schätzen ruhig aufbrechen lassen. Herzogliche Gnaden werden gestatten, sie zurückzuberufen.«

Von nun an sah sie nicht mehr nach ihrem Kinde, bis die Ihren gesiegt und den Feind in die Flucht geschlagen hatten. Dann brauchte sie den Spiegel wieder nach Herzenslust.

So lange sie später den Georg traurig hinziehen sah, dachte sie: »Ist das mein ausgelassener Bub? Wenn er doch wieder fröhlich dreinschauen und einen dummen Streich machen wollte.« Und als der Knabe dann als lustiger, freier Wandervogel weiter zog, freute sie sich wohl, aber es bekümmerte sie doch, daß er so sorglos aussah, als hätte er sie völlig vergessen.

Alle Boten, die ihn suchen sollten, waren vergebens ausgesandt worden; sie aber erfuhr durch den Spiegel, daß er ein Steinmetzlehrling geworden war und grobe Arbeiten zu verrichten hatte. Das betrübte sie sehr. Er war ja leider ein Unglückskind; wenn sie ihn aber so grobe Speisen, daß ihre Hofhunde sie verachtet hätten, aus derselben Schüssel löffeln sah, in die auch die anderen rohen Tischgenossen griffen, dachte sie, das Elend, in das er geraten, sei doch gar zu tief und zu gräßlich geworden. Unbegreiflicherweise schaute er trotz alledem immer fröhlich drein, während Wendelin, der Thronfolger, recht mürrisch aussah.

Das Herzogtum dieses glücklichen Knaben hatte sich durch den gewonnenen Krieg stark vergrößert, und die Stände sprachen davon, es zum Königreich zu erheben. Er besaß alles, was sich ein Menschenkind nur immer wünschen kann, und dennoch schien er mit jedem neuen Monat verdrossener und unzufriedener zu werden.

Wenn der Thronfolger in der goldenen Kutsche ausfuhr und die Herzogin hörte, wie das Volk ihm zujubelte, oder wenn sie ihn beim Fasanenschmaus mit der Zunge schnalzen und ihn lange Spargeln durch die Zähne ziehen sah und dabei bedachte, wie kümmerlich und schwer es sein Bruder habe, mußte sie, so unrecht sie das auch fand, dem Glückskinde, dem alles Gute zu teil ward, das dem armen, ausgestoßenen Georg abging, geradezu gram sein.

Einmal sah die Herzogin im Spiegel, wie Georg ein Uhrwerk, das er behutsam auseinandergenommen hatte, wieder zusammenzusetzen versuchte, und als der Statthalter mit dem Zeremonienmeister bald darauf hinter sie trat, um gleichfalls in den Spiegel zu schauen, erhoben beide ein lautes Zetergeschrei und geberdeten sich, als sei der Feind von neuem ins Land gebrochen.

»Der arme, beklagens- und beweinenswerte Unglücksprinz,« schrie der eine. »Ein Griso, es ist unerhört, verrucht und tempelschänderisch,« jammerte der andere. Und sie hatten allerdings etwas Gräßliches zu sehen bekommen; denn vor ihren Augen war dem Sohne Wendelins XV. von einem rohen Handwerker der Rücken mit einem Rohrstock tüchtig zerbläut worden. Aehnliche Greuelscenen bekam die Herzogin auch später in der Schule zu sehen, wohin der Steinmetz den aufgeweckten und tüchtigen Lehrling gegeben hatte. Ach, und wie lange mußte das arme Kind dort hinter großen Reißbrettern und vor schwarzen Tafeln mit garstigen Figuren sitzen, während Wendelin nur zwei Stunden am Tage von einem feinfühligen Lehrer, der ihn mit sanfter Hand und wie zum Spaß in die Wissenschaft gleichsam hineinschmeichelte, Unterricht empfing. Was nach Schwierigkeit aussah, wurde behutsam von ihm ferngehalten, und alles Bittere verstand man ihm mit süßem Honig schmackhaft zu machen. Auch in der Schule wandelte das Glückskind auf Rosen ohne Dornen, und wenn er den Lehrer bisweilen angähnte, so war dieser stolz darauf; denn bei allem, was andere junge Menschenkinder Vergnügen nennen, gähnte der Prinz noch viel öfter und lauter.

Als er sechzehn Jahre alt geworden, wurde er für volljährig erklärt; denn Prinzen werden eher verständig als andere Menschen. Man krönte ihn auch gleich darauf nicht nur zum Herzog, sondern zum König, und auch dabei hielt er öfter das Spitzentuch vor den Mund.

Der Staat wurde vortrefflich von ihm regiert; denn seine Mutter und die Weisen des Landes hatten tüchtige Männer erwählt, die alles konnten und vollbrachten, was notthat. Sie wurden des Königs heimliche Räte genannt. Der erste hatte das Heer, der andere die Verwaltung, der dritte die Steuern und Zölle, der vierte die Schulen zu verwalten, ein fünfter für den König Gnade zu üben und der sechste, der den Titel des Rates der Räte führte, für Seine Majestät zu denken. Diesem erfahrenen Manne war es auch überlassen worden, eine Gemahlin für den jungen König zu wählen, und er hatte seine Aufgabe wunderbar gelöst; denn die Prinzessin, die am zwanzigsten Geburtstage Wendelins XVI. mit ihm Hochzeit machte, war die Tochter eines mächtigen Königs und so schön, als hätte der Herrgott, wie er sie formte, einen besonders feinen Zirkel benützt. Ein ebenmäßiger gestaltetes Wesen konnte man in dem berühmtesten Wachsfiguren-Kabinet nicht finden, und dabei besaß sie die Kunst, ihre regelmäßigen Züge stets in bester Ordnung zu halten; denn wenn etwas Komisches vorkam, hob sie nur leise die Lippe, und wo andere geweint und das Gesicht verzerrt haben würden, senkte sie nur langsam die Lider. Sie war auch sehr tugendhaft, und trotz ihrer siebenzehn Jahre wurde sie »weise« genannt; denn sie sagte nie etwas Einfältiges, und gewiß aus Bescheidenheit verschwieg sie gerade die klügsten Gedanken. Das war Wendelin lieb, weil er selbst nur ungern redete, aber seine treue Mutter grämte sich darüber; denn sie hatte sich gefreut, das volle Herz in das einer Tochter zu ergießen und die Gattin ihres Sohnes zu ihrer Vertrauten zu machen. Doch es war anders gekommen; denn wenn sie die reiche Fülle der Empfindungen, die sie selbst belebten, auszuströmen versuchte, war es ihr immer, als flöße alles von der Königin ab, wie das Wasser von der Brust eines Schwanes.

Das Volk freute sich seines Herrscherpaares; denn es war so wunderschön, und dazu sah es gar vornehm und fürstlich aus, wenn Beide, schräg in die Ecken der goldenen Kutsche gelehnt, dahergefahren kamen und so stolz in die Luft schauten, als hätten sie ihre Freundschaft im Himmel und nichts auf Erden zu suchen.

So vergingen die Jahre, und die Wahl des Rates der Räte schien diesmal doch nicht vollkommen glücklich gewesen; denn die Königin schenkte ihrem Gemahl keinen Erben, und dem Hause der Griso drohte die Gefahr, mit Wendelin XVI. auszusterben. Das bekümmerte die Herzogin wohl, aber doch nicht so tief, wie man denken sollte: denn sie wußte, daß noch ein anderer Griso lebte, und ihr Mutterherz hörte nicht auf, zu hoffen, daß der einmal wiederkehren und den Stamm ihres Gatten erhalten werde.

Sie hörte darum auch nicht auf, Boten in die Lande zu senden, in denen Georg nach der Tracht der Leute und dem Ansehen der Gegenden und Bauten, die sein Bild im Spiegel umgaben, weilen konnte.

Ein einzigesmal hatte sie ihrer Schwiegertochter vergönnt, mit ihr in das blanke Glas zu schauen, aber nie wieder; denn da die Königin Georg gerade zu sehen bekam, wie er ärmlich gekleidet in einem dürftigen Dachkämmerchen mit perlender Stirn über Zeichnungen gebückt war, hatte sie nur die Nasenflügel leise zusammengezogen, als ob sie von dem Geruch der Armut gestreift zu werden fürchte, und dann gleichgiltig gesagt: »Das sollte ein Bruder meines hohen Gemahls sein? Unmöglich!«

Von dieser Stunde an gestattete die Herzogin außer der alten Nonna niemand mehr, mit in den Spiegel zu schauen, und doch verbrauchte sie viele, viele Stunden an jedem Tage, um dem elenden Lebenswege ihres Unglückskindes zu folgen. Manchmal wollte es ihr freilich scheinen, als mische sich doch etwas Glück in das kümmerliche Dasein des armen geplagten Gesellen, und es fiel ihr auch auf, daß, während der einst so schöne Wendelin trotz seiner grauen Locke überstark und so rotwangig wurde, daß er jetzt aussah wie ein ganz gewöhnlicher Pächter, der Dutzendjunge Georg sich dagegen nach und nach in einen schlanken und stattlichen Mann mit hoher Stirn und leuchtenden Augen verwandelt hatte.

Welche Aengste mußte sie mit ihm durchleben, welche Schmerzen schnürten ihr, so oft sie ihn notleiden sah – und das war nichts Seltenes – das Herz zusammen, aber wie häufig mußte sie auch mit ihm lachen und sich freuen, wenn das Unglückskind sich der wunderlichen Täuschung hingab, glücklich zu sein. Hatte sie je ein so strahlendes Gesicht gesehen wie das seine, als ein würdiger Greis in langem Künstlertalar ihn eines Tages in einem prächtigen Saale an die Brust zog und über große Baupläne, an denen sie Georg bei der Arbeit gesehen hatte, einen Lorbeerkranz hängte? Und dann – er war in ein fernes Land gezogen – geberdete er sich mitten in der kläglichsten Not – die Welt schien sich zu verkehren! – so ausgelassen lustig, als hätte das Glück sein größtes Füllhorn bis auf den Grund über ihn ausgegossen.

Er bewohnte eine weiß getünchte Kammer, die nicht einmal gedielt, sondern nur mit rohen Ziegelsteinen gepflastert war. Abends genoß er nichts als ein Stückchen Brot, einige Feigen, etwas Ziegenkäse und dazu einen Schluck trüben Weins, den er mit Wasser verdünnte. Ein altes, ärmliches Weib pflegte ihm dies Bettlermahl zu bringen, und es schnitt ihr ins Herz, wenn sie sah, wie er die Kupferstücke zusammensuchte, mit denen er es bezahlte. Heute schien er die letzten verausgabt zu haben; denn er kehrte das Beutelchen um, schwenkte es durch die Luft, und dabei fiel auch nicht die kleinste Münze zur Erde.

Das war ihr wieder mitten ins Herz gedrungen, und sie hatte lange und bitterlich weinen und dabei an das Wohlleben des anderen Sohnes denken und dem grausamen und blinden Schicksal grollen müssen, das seine Güter doch gar zu ungerecht verteilt.

Als die Augen ihr endlich wieder trocken genug geworden waren, um das Bild in dem Spiegel zu erkennen, schaute sie wiederum hinein, und da gewahrte sie ein langes, ärmliches Haus, an das sich ein großer Raum schloß, über den sich ein Spalier breitete. Um seine rohen Holzstäbe schlang sich in buntem Gemisch üppiges Feigen- und Weinlaub, der Mond versilberte die Ranken und Blätter, und der lichte Schein eines hellen Feuers warf goldene und purpurne Lichter auf das Haus, das beleuchtete Spalierdach und das fröhliche Volk, das unter ihm zechte.

An einem schmalen Tische saßen junge Männer in wunderlicher Tracht mit lebhaften und heiteren Gesichtern. Vor jedem stand eine mit Stroh umflochtene langhalsige Flasche, Becher wurden gefüllt, geleert, geschwungen, aneinandergestoßen, aus den Augen der Trinker begann schwärmerische Glut zu strahlen, jede Bewegung freier und lebhafter zu werden, und nun sprang einer auf den Tisch, und dieser eine war der Schönste von allen, war ihr Georg. Und er sah aus, als weile er nicht auf Erden, sondern im Himmel, und als sei es ihm gestattet, den Herrgott selbst und die himmlischen Heerscharen zu schauen. Und nun sprach er und sprach, und die anderen hörten ihm zu und regten sich nicht, bis er den großen Becher mit einem so langen Zuge leerte, daß es die Herzogin kalt überlief.

Welch ein toller Jubel brach dann unter den anderen aus! Wie besessen waren sie aufgesprungen, und einer hatte sogar den Pokal weit von sich und durch die Ranken am Spalierdach geschleudert.

Als Georg endlich wieder auf dem Boden stand, wurde er von den Jungen und Alten umringt, etliche warfen sich ihm an die Brust, und die ganze frohe Schar begann zu singen. Zuletzt sah die Herzogin ihren Sohn mit einem buntgekleideten Mädchen – es war wohl schön, aber barfuß und gewiß nur des Schankwirtes Tochter – sich wie der Wirbelwind im Tanze drehen und ihr dabei – das hätte er, ein Griso, nicht thun sollen, aber sie gönnte es ihm dennoch – die jungen, kirschroten Lippen küssen.

Das sah aus wie Glück, aber wirkliches Glück konnt' es trotzdem nimmermehr sein; denn einem Unglückskinde wird kein solches beschieden. Doch was war es denn anders? Gleichviel; er hatte gewiß das Ansehen eines überseligen Menschenkindes.

Er war in Italien; das wurde ihr mehr und mehr zur Gewißheit, und doch konnte kein Bote ihn finden; aber nach einem Jahre begann ihr Sohn sich mit Dingen zu beschäftigen, die neue Abgesandte auf die Spur führen mußten. Georg hatte die elende Kammer verlassen und wohnte in einem prächtigen, hochgewölbten Raume. Bei Tage pflegte er mit einer Pergamentrolle in der Hand und gar stattlich gekleidet vielen Bauleuten zu befehlen. Oft sah sie ihn auf mächtigen Gerüsten so hoch, so himmelhoch über dem Erdboden stehen, daß sie selbst der Schwindel ankam, gegen den er gefeit sein mußte.

Zuweilen kam ein hoher, fürstlich aussehender Herr mit einem schönen Fräulein und vielen Höflingen und Dienern zu dem Bau, und dann wurde ihr Sohn gerufen, und er zeigte dem Herr und seiner Tochter, einem wunderschönen Fräulein, die Pläne und redete lange mit ihnen. Dabei erwies er sich gar nicht höfisch unterwürfig, und seine Bewegungen waren so frei und schön, und seine Augen blickten so offen und doch so liebenswürdig bescheiden, daß sie ihn übergern ans Herz gezogen und rechtschaffen geküßt hätte; aber ach, das konnte ja nicht sein, und nach und nach kam es ihr auch vor, als trage er nach anderen Lippen als den ihren Verlangen; denn er sah die Jungfrau mit ganz besonderen Augen an, und sie schien sich dies gern gefallen zu lassen.

Einmal ließ sie auch, während sie mit Georg sprach, eine Rose fallen, und als er sie aufgehoben hatte, mußte sie ihm wohl gestattet haben, sie zu behalten; denn sie erhob keinen Einspruch, als er die Blume an die Lippen preßte und sie dann zwischen das Wams und die Brust schob. Der große Bauplan schützte ihn dabei vor unberufenen Blicken.

Eines Abends sah sie ihn mit einer Laute im Mondschein über eine Gartenmauer klettern, aber dann verdunkelte sich der Himmel, und sie konnte ihn nicht mehr erkennen, wohl aber ein erleuchtetes Fenster, an dem ein holdseliges Mädchenbild stand. Die Jungfrau gefiel ihr über die Maßen, und es überlief sie kalt und heiß vor lauter Wonne, wenn sie bedachte, daß Georg sie doch vielleicht zum Weibe gewinnen und ihr eines Tages zuführen könnte. Aber es kam ihr immer und immer wieder in den Sinn, daß er ein Unglückskind war, und einem solchen, dachte sie, würde die Liebe einer so holdseligen Mädchenblume nimmer zu teil.

Was sie in den nächsten Wochen erblickte, das bestärkte nur diese Vermutung. Er hatte sonst immer ein entschiedenes, schneidiges, selbstgewisses Ansehen gehabt, jetzt aber kam er ihr vor wie eine Uhr, die anders zeigt, als sie schlägt; denn auf dem Bau gebot er den Arbeitern zwar so fest und sicher wie immer; sobald sie ihn aber allein sah, machte er ein Armsündergesicht und saß entweder elend und zusammengeknickt da oder lief ruhelos auf und ab und durchfocht die Luft mit den Armen. Manchmal schlug er sich auch mit der flachen Hand so ungestüm vor die Stirn oder mit der Faust auf die Brust, daß es ihr weh that.

Nach einem Gartenfeste, wobei es ihm vergönnt gewesen war, ganz allein und wohl eine Stunde lang mit der Tochter des Bauherrn in einem dämmerigen Laubgang auf und nieder zu wandeln und ihr die Hand mehr als einmal zu küssen, brach er gar, sobald er auf seinem Zimmer allein war, in bittere Thränen aus und geberdete sich dann so gräßlich, daß sie für seinen Verstand fürchtete und sich die Augen rot weinte. Und gerade in dieser Zeit hätte sie Freude, lauter innige Freude empfinden sollen; denn es war wieder zu Tage gekommen, daß der Rat der Räte weiter voraus zu sehen verstand als andere Menschen, und daß er sich bei der Wahl der Königin doch nicht geirret; denn diese war eines Prinzen genesen, und zwar eines echten Griso. Die graue Locke sah zwar etwas schmächtig aus, und es fehlte ihr die kecke Rundung, aber daß sie grau sei, mußte jeder erkennen, der nicht farbenblind war.

Wie gern hätte sich die Herzogin des Enkels so recht inniglich gefreut, aber ihr Herz blieb, selbst wenn sie ihn auf dem Arme hielt, geteilt und zog sie zu dem Spiegel und dem Unglückskinde zurück.

Wendelin XVI. war, als er den ersten Schrei des Kleinen gehört und die Botschaft empfangen hatte, daß sein Kind ein Sohn sei, seit zwölf Jahren zum erstenmal froh wie andere Leute gewesen; denn was sein königliches Leben auch bot, alles kam ihm über die Maßen schal vor und fade. Das größte Vergnügen empfand er, wenn er gedacht hatte, daß es erst vier sei, und es schon fünf schlug.

Das Kind war doch einmal etwas ganz Neues, und sein Herz, das sich sonst so gleichförmig und langsam bewegte wie eine ausgelaufene Uhr, die nachgeht, regte sich etwas schneller, wenn er des Kleinen gedachte. So saß er denn in den ersten Wochen stundenlang neben der goldenen Wiege und schaute den künftigen siebenzehnten Wendelin mit dem Augenglas aufmerksam an, bis auch dies ihn nicht mehr unterhielt und die trägen Wogen des früheren Lebens ihn wieder langsam von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde fortwiegten.

Die Königin, seine Gefährtin auf dieser gemächlichen Reise, war ihm in vielen Stücken ähnlich geworden. Sie gähnten Beide wie andere Menschenkinder atmen. Wünsche hatten sie nicht – denn weil alles, was sie besaßen, von vorn herein vom Besten war, konnte ihnen morgen nie etwas Besseres begegnen und zukommen als heute. Ihr Lebensweg war eine gerade lange Pappelallee, in der sie schläfrig neben einander herschlenderten.

Der Hausmeister Pepe, der, seitdem Wendelin den Thron bestiegen, Leibdiener Seiner Hoheit geworden, war gewiß geneigt, den Gebieter, der unter so günstigen Vorzeichen die Welt erblickt hatte und dem alles nach Wunsch ging, für ein Glückskind zu halten; wenn er ihn aber in mancher stillen Nacht seufzen und wimmern hörte, dachte er: »In der eigenen Haut ist's doch am besten.«

Der Leibdiener war verschwiegen, und was er da wahrnahm, vertraute er Keinem an wie der alten Nonna. Die hatte auch schweigen gelernt und teilte, was sie von dem Alten hörte, nicht einmal der Herzogin mit, die ohnehin schwer genug heimgesucht war.

Ach, wie bleich erschien der Mutter das Bild des Lieblings, das der Spiegel ihr jetzt zeigte! Aber thätig und auf dem Platze war er auch in den schlimmsten Tagen gewesen, und der Dom, an dem er schon seit drei Jahren baute, schien auch bald fertig zu sein. Am eifrigsten wurde noch an der Kuppel geschafft, die den Mittelbau stolz überwölbte. Wenn Nonna der Herzogin über die Schulter schaute, um Georg zu suchen, war er dort immer zu finden, so lange die Sonne am Himmel stand. Manchmal hatte beiden Frauen das Herz still gestanden, wenn er auf die höchsten Balkenspitzen des Gerüstes geklettert war, um von dort aus die Arbeit zu lenken. Das Schicksal hätte nur nötig gehabt, den Fuß des Unglückskindes um einen Zoll zu verrücken oder einer Wespe zu befehlen, ihn in den Finger zu stechen, um seinem Dasein ein Ziel zu setzen. Dabei ängstigte sich die arme Mutter doppelt für ihn, weil er da oben in der gräßlichen Lebensgefahr gar nicht demütig, sondern ganz besonders trotzig und selbstbewußt dreinzuschauen pflegte.

Die Kuppel war schon ganz rund. Warum wollte sie gar nicht fertig werden, warum mußte er immer und immer wieder hinauf auf das schreckliche Gerüst.

»Nonna, Nonna, sieh nur, ich ertrag' es nicht länger,« rief sie eines Tages, nachdem sie lange in das Glas geschaut hatte. »Halte mich – da springt er. Nonna! Ist es geglückt? Ich kann nicht mehr hinsehen,« und dabei wankte der Spiegel ihr in der Hand.

»O,« entgegnete die Alte und atmete auf; »da steht er wie das Standbild Wendelins I. drunten auf dem Markte, fest eingewurzelt und wie angenagelt. Seht nur . . .«

»Ja, ja, da steht er,« stieß die Herzogin hervor und warf sich auf die Kniee, um dem Himmel zu danken.

Indessen schaute die Wärterin immerfort in das Glas, und auf einmal kreischte sie so laut auf, daß ihre Gebieterin zusammenfuhr, das Antlitz tief in die Hände verbarg und stöhnend frug: »Hinunter gestürzt? Alles vorbei?«

Aber Nonna ließ sie nicht ausreden, sondern sprang trotz der Gicht in den Füßen ganz rüstig mit dem Spiegel in der Hand auf die Gebieterin zu und stammelte halb lachend, halb weinend, wie berauscht und doch klar und bestimmt: »Georg, unser Georg! Seht nur her! Unserem Prinzen ist die graue Locke, hier, unter meinen Augen ist sie ihm eben erwachsen.«

Da sprang die Herzogin auf und warf einen Blick in den Spiegel und sah die graue Locke ganz, ganz deutlich und vergaß, daß sie eine Fürstin und Nonna eine arme Dienerin war, und küßte sie gerade auf den Mund, der ein so stattliches Bärtlein trug, daß mancher Page gern die junge gegen ihre alte Oberlippe eingetauscht hätte. Dann griff sie nach dem Spiegel, um sich noch einmal zu überzeugen, ob sie recht gesehen hatte; aber auch ihr zitterten die Finger vor innerer Bewegung, und das Kleinod glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden und zerbrach in tausend Stücke.

Das war ein Schreck! Doch zum Glück hatte Nonna in vielen Kinderstuben das, was man Nerven nennt, abgelegt, sonst wäre sie sicher in Ohnmacht und mit ihrer Herrin zu Boden gefallen; so aber konnte sie die Frau Herzogin stützen und ihr noch dazu gute Worte geben.

Indessen untersuchte der junge Baumeister auf dem Gerüste den Schlußstein in der Wölbung der Kuppel und fand das Werk wohl gelungen. Aber er ahnte nicht, daß ihm eine graue Locke gewachsen; denn es kamen ältere Meister und nahmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie drückten ihm die Hände, lobten ihn und sagten, er habe ein herrliches Kunstwerk vollendet. Sie besichtigten mit ihm auch das Innere des Domes, und dann erschien der Fürst, für den Georg das Gotteshaus gebaut hatte, und ließ sich von den Meistern erklären, wie fest und harmonisch geformt die Wölbung sei, die vor wenigen Stunden zum Abschluß gekommen. Der hohe Herr folgte verständnisvoll ihrer Rede, und nachdem er genug vernommen, zog er den Baumeister an die Brust und sagte: »Ich danke Euch, mein Freund. Trotz Eurer Jugend hab' ich Euch Großes anvertraut; Ihr aber überbotet die kühnste Erwartung. In meinem Alter achtet man es für Gewinn, unenttäuscht davonzukommen; doch den Tag, an dem etwas ganz erfüllt, ja überboten wurde, worauf wir hofften, zählen wir froh zu den guten. Euer Werk gereicht dem Lande und dieser Stadt zur Zier und wird Eurem Namen unvergänglichen Ruhm verleihen. Nehmt dies von einem Manne, der es wohl mit Euch meint.«

Damit nahm der Fürst die goldene Kette von der eigenen Brust, hing sie Georg um den Hals und fuhr fort:

»Die Kunst sei leicht, sagen manche, und andere wieder, die Kunst sei schwer. Beide sind im Rechte. Es muß wonnevoll sein und gleichsam zum Himmel erheben, solch ein Werk zu ersinnen, aber daß die Ausführung schwer ist und mit großer Sorge verbunden, das sehe ich wieder an Euch: denn gestern noch freute mich der jugendliche Glanz Eures braunen Haares, und heute – während Ihr die letzte Hand an den Kuppelbau legtet, wird es geschehen sein – heute ist Euch hier an der linken Schläfe eine Locke ergraut, Meister Peregrinus.«

Da fuhr Georg jäh zusammen; denn er sah den höchsten Wunsch seiner Seele sich plötzlich erfüllen. Unter dem Namen Peregrinus war er in die Fremde gezogen und hatte niemand verraten, daß er ein Fürstenkind sei. Das Herz war ihm seit Jahren übervoll von Liebe zu der Tochter des Fürsten, und was er selbst empfand, das wurde von ihr in Treuen erwidert. Das wußte er; dennoch aber hatte er die Sehnsucht wacker bekämpft und den Seinen zu gefallen Leid und Herzweh still getragen.

Wie innig ihm der Fürst zugethan war, dafür fehlte es nicht an Beweisen, und hätte er ihm gesagt: »Ich bin ein Griso,« so wäre der edle Herr sicherlich froh geneigt gewesen, ihm die Hand der Tochter zu gewähren. Das hatte Georg sich tausendmal wiederholt, aber er war stark geblieben und hatte geschwiegen und gehofft und gehofft, daß es ihm mit tüchtigem Können und redlichem Fleiß gelingen werde, das »Gute und Große« zu vollenden, das in der Höhle des Zauberers Misdral von ihm verlangt worden war. Sobald ihm die graue Locke wachse, hatte der Fisch der Fee Clementine gesagt, habe er das »Gute und Große« vollbracht, das ihn berechtigte, den Namen seines stolzen Geschlechtes wiederum zu führen und, ohne die Seinen zu gefährden, nach Hause zurückzukehren. Und nun war er am Ziele und das Werk gelungen. Er durfte sich wieder einen Griso nennen; denn die Locke, der Schmuck seines Hauses, zierte auch ihn.

Der Fürst sah ihn hoch erglühen und tief erblassen, und als er fragend anhob: »Nun, mein Peregrinus?« warf sich der Baumeister vor ihm auf die Kniee, preßte ihm die Lippen auf die Hände und rief:

»Nicht Peregrinus. Von nun an bin ich wieder ein Griso, bin Georg, der zweite Sohn des Herzogs Wendelin, von dem Ihr hörtet, und jetzt, mein edler Herr, jetzt darf ich's gestehen, daß ich Eure Tochter Speranza liebe und mit keinem Gott tauschen möchte, wenn Ihr uns Euren Segen erteiltet.«

»Ein Griso!« rief der Fürst. »Wahrlich, wahrlich, dieser Tag gehört nicht nur zu den guten, nein, zu den besten und allerbesten. An mein Herz, Du lieber, Du trefflicher Sohn!«

Eine Stunde später hielt der Baumeister die Prinzessin im Arme.

Das gab eine Hochzeit! Aber Georg kehrte nicht sogleich zu den Seinen zurück, sondern schrieb nur der Mutter, daß er lebe und glücklich sei und sie mit der Neuvermählten aufzusuchen gedenke, sobald ein großes Werk, das er begonnen, ganz vollendet sein würde. Zu dem Briefe legte er das Bild seiner holden Gemahlin, und als die Herzogin dies erblickt und jenen gelesen hatte, wurde sie um zehn Jahre jünger vor lauter Freude und die alte Nonna um fünf.

Als Wendelin XVI. mitgeteilt wurde, daß sein Bruder noch lebe, lächelte er, und die Königin that das Gleiche; aber sobald sie mit dem Gemahl allein war, rief sie, nun werde das Land der Griso noch kleiner werden, und es sei ohnehin nicht ganz so groß wie das ihres Vaters.

Als Speranza ihrem Gatten einen Knaben geschenkt hatte, reiste die Herzogin mit der treuen Wärterin nach Italien, und das Wiedersehen, das sie mit dem Sohne feierte, war glückselig über die Maßen. Zwei Monate blieb sie bei dem geliebten Paare, dann kehrte sie froh in die Heimat zurück; denn Georg und seine Gemahlin hatten ihr versprochen, sie im nächsten Jahr in der Grisostadt zu besuchen.

Der Dom war vollendet. Ein edleres Bauwerk gab es nicht unter der Sonne, und von weit und breit strömten die Künstler und Kenner herbei, um es zu schauen. Das Lob der Besten wurde Georg zu teil, und wo man von großen Baumeistern sprach, da wurde sein Name unter den ersten genannt.

Froh seines Werkes und doch bescheidenen Sinnes zog er endlich mit Weib und Kind in die Heimat.

An der Grenze empfing ihn lauter Jubel; denn der Feldherr Moustache hatte wiederum einen Feind geschlagen, und beim Friedensschluß war abermals eine neue Provinz dem Reiche der Griso zugefallen, das dadurch die gleiche Ausdehnung gewann wie das des Vaters der Königin.

In der Hauptstadt wehten Fahnen, läuteten hundert Glocken, krachten Böller, donnerten bald hinter einander, bald im lufterschütternden Chor große Kanonen, und hunderttausend Stimmen jubelten und schrieen: »Hoch, hoch! Wendelin der Glückliche lebe hoch!«

Die Stände hatten gestern beschlossen, den König, unter dessen Herrschaft das Land sich so wundervoll vergrößerte und an den sich kein Mißgeschick auch nur von fern wagte, »Wendelin den Glücklichen« zu nennen. Dieser Ehrentitel war auf allen Fahnen, an allen Ehrenpforten, an den Transparentbildern und selbst auf den Pfefferkuchenherzen in den Buden zu lesen.

Georg und sein holdseliges Weib waren froh mit all den fröhlichen Menschen, am glücklichsten aber, wenn sie mit der Mutter allein sein konnten.

Wendelin XVI. empfing den Bruder mit seiner Gemahlin im großen Empfangssaal und ging ihm sogar weiter entgegen, als der Zeremonienmeister es vorgeschrieben hatte; die Königin machte indes den Schaden wieder gut und hielt sich ordnungsgemäß in den rechten Schranken. Nach der Tafel ging Wendelin mit dem Bruder auf den Altan, und als er ihm dort gegenüberstand und ihn näher ansah, schlug er langsam die matten Augen nieder, denn Georg kam ihm vor wie ein Mann von Stahl, und dabei hatte er die Empfindung, als hätte er selbst eine Wirbelsäule von Brotteig im Rücken.

Am Abend war der See wundervoll beleuchtet, und eine große Wasserfahrt mit Musik und Feuerwerk sollte den Festtag beschließen.

Im ersten Boote saß Wendelin XVI. mit seiner Königin auf weichem Kissen von Sammet und Hermelin, im zweiten Georg mit seinem lieben Weibe. Die Mutter mochte sich von diesen Beiden nicht trennen, und das Glück, sie zu besitzen, keine Stunde entbehren.

Das Wetter war so köstlich, wie es nur von diesem Glückstage verlangt werden konnte. Der volle Mond schien so hell, als wollte auch er dem Könige zu dem neuen Titel gratuliren, die Glocken begannen wieder zu läuten, und ein Mädchen- und Knabenchor sang in dem Kahne, der neben der königlichen Prachtgondel fuhr, das neu komponirte Lied, das vierundzwanzig Strophen lang war, von denen jede endete:

»So preiset sein Glück, und so feiert ihn,
Unsern König, den glücklichen Wendelin

Der saß neben der Gemahlin, die auf den hergelaufenen Bruder schalt und dem Gatten gebot, zu untersuchen, ob dieser Baumeister nicht am Ende gar ein falscher Griso sei. »Er und sein Kind,« sagte sie, »hätten wohl auch eine graue Locke; doch das Färben der Haare sei leicht, die Kunst der Friseure weit fortgeschritten, und dieser pausbackige Bube gehöre gewiß eher in die Wiege eines Bauern als in die eines Prinzen.«

Wendelin XVI. hörte nicht, was sie sagte; denn sein Herz that ihm sehr weh, und jedesmal, wenn eine Glocke die andere recht hell und vorlaut übertönte oder der Chor sein »den glücklichen Wendelin« besonders kräftig und überzeugt herausschmetterte, war es ihm, wie wenn man ihn hänselte und verhöhnte. Am liebsten hätte er laut aufgeheult vor Scham und Seelenpein und sich in das zweite Boot zu der freundlichen Mutter und seinem starken Bruder Georg geflüchtet. Wenn er ins Wasser schaute, meinte er, die Fische im See lachten ihn aus, und sah er aufwärts, zog ihm der Mond ein höhnisches Gesicht und blickte spöttisch auf den armseligen Mann, der doch »der Glückliche« hieß. Er wußte sich nicht zu lassen und zog sich ganz in sich zusammen, hielt sich die Ohren zu und hätte Gott weiß wie gern mit dem starken Schiffsmann getauscht, der ihm gegenüber frisch und mit sehnigen Armen das purpurne Segel stellte.

Eine leichte Brise trieb die königliche Gondel der Insel zu, auf der das Feuerwerk abgebrannt werden sollte. Das zweite Schiff folgte dem ersten in geringer Entfernung. Georg hielt die Hände der Mutter und Gattin in den seinen, und dabei sprachen sie nur wenige Worte, aber jedes umschloß einen ganzen Schatz von Liebe und Glück und erzählte beredter als lange Sermone, wie wert und hoch diese drei Menschenkinder einander hielten.

Die königliche Gondel fuhr ruhig an der Klippe vorbei, die die südliche von der nördlichen Seite des Sees trennte; sobald sich aber das zweite Boot ihr genähert hatte, pfiff plötzlich und unvorhergesehen ein furchtbarer Windstoß aus den Felsenspalten hervor, und ehe die Matrosen noch Zeit fanden, das Segel zu reffen, traf er es wieder und wieder und riß das leichte Fahrzeug auf die Seite. Georg regte sich eifrig und half den Matrosen, aber schon hatte ein neuer Windstoß das flatternde Tuch in die Höhe gerissen. Die Gondel schlug um, und ein tosender Strudel riß sie in den Abgrund. Neben Georg tauchten beide Frauen aus den Wogen empor. Er ergriff die Mutter und kämpfte wacker mit Sturm und Wellen, bis er sie auf den Sand am Fuße der Klippe niedergelegt. Dann schwamm er mit ungestümem Eifer zu der Unglücksstätte zurück. Die Mutter war geborgen, doch sein Weib, die Geliebte, sein alles? Sie retten oder mit ihr untergehen, war sein einziger Gedanke.

Da zeigte sich ihm ein goldig wallender Streifen auf den bewegten Wellen. Das war ihr Haar, ihr wundervoller, seidiger Hauptschmuck. Mit Riesenkraft strebte er ihm entgegen, und nun erreichte er ihn, nun faßte er ihn, nun berührten seine bebenden Hände ihren Leib, nun hoben sie ihn in die Höhe. Sie atmete, sie lebte; es lag an ihm, sie dem bösen Feinde, sie dem Tode zu entreißen. Mit der einen Hand preßte er sie an sich, mit der andern teilte er mächtig die Flut; aber es war, als hätte der See sich in einen Strom verwandelt, der mit heftigem Wogenschwall auf ihn eindrang. Er kämpfte, er rang mit keuchender Brust, doch vergebens, immer vergebens. Schon begann die Kraft ihm zu erlahmen. Wenn keiner ihm beistand, war er verloren, und mit hoch erhobenem Haupt und Auge suchte er nach Hilfe.

Da zog die Gondel seines Bruders ruhig und unberührt von Sturm und Unheil wie ein Schwan im Mondschein dahin, und als er das sah, trübte ihm ein bitterer Gedanke die Seele, und es kam ihm in den Sinn, daß Wendelin der Glückliche heiße und daß er selbst ein Unglückskind war. Aber schon teilten seine Arme wieder die Wellen, und diesmal mit besserem Erfolge. Jetzt schlug Speranza die Augen auf und erkannte ihn und küßte ihm die Stirne und sagte: »Du liebster, bester der Menschen!«

Von der Klippe her rief die Herzogin: »Georg, mein guter, mein einziger Sohn!«

Da ward es ihm mit einemmal gar wundersam warm ums Herz. Alle Bitterkeit schwand dahin, und das Wasser schien ihn samt der teuren Last an seiner Brust wie auf Armen zu wiegen. Er fühlte seines Weibes Nähe. Vor sein inneres Auge stellte sich das Bild der Mutter, das seines Kindes und seines herrlichen Werkes, des hohen, unvergänglichen Domes, den er zu Gottes Ehre errichtet. Dann flog ihm durch den Sinn, wie süße Wonnen ihm jeder neue Frühling gebracht, wie das Schaffen ihn beseligt, mit wie heißem Entzücken ihn alles, was schön war auf Erden, durchdrang. Nein, nein, nein! Von allen Menschen hienieden war er, das Unglückskind, der glücklichsten einer! Und nun erwiderte er, tief beseligt von dankbarer Bewegung, den Kuß der Geliebten. Gerettet! Sie war gerettet! Er fühlte festen Grund unter den Füßen und hob sie zum Ufer empor; doch während er sie in die kräftigen Arme legte, die sich von dort aus ihr entgegenstreckten, riß ihn eine wilde Woge in die Tiefe zurück, und die Wasser des Sees schlugen über ihm zusammen.

Am nächsten Morgen fand ein Fischer die Leiche. Georgs Weib und die Herzogin waren gerettet. Die Weisen des Landes sagten, das Unglückskind hätte so geendet, wie es vorauszusehen gewesen, und das Volk sprach es ihnen nach.

In dem Mausoleum der Griso waren nur noch zwei Plätze frei, und sie mußten für König Wendelin den Glücklichen und seine Gemahlin aufgespart werden. So konnte das Unglückskind nicht einmal in der Gruft seiner Väter Ruhe finden, und man bestattete Georg auf einem grünen Hügel, von dem sich ein schöner Blick auf den See und in die Ferne bot.

König Wendelin der Glückliche und seine Gemahlin erreichten ein hohes Greisenalter. Nachdem er zuletzt völlig kindisch geworden, gewöhnte er sich auch ab, in der Nacht so jämmerlich zu stöhnen und zu wimmern wie früher. Nach seinem Tode ward er neben der Königin Isabella in der kältesten Ecke des steinernen Mausoleums bestattet, und kein Sonnenstrahl berührte je seinen marmornen Sarkophag. Sein Sohn Wendelin XVII. besuchte die Gruft jedes Jahr einmal am Allerseelentage und legte einen großen Kranz von trockenen Immortellen auf den Deckel des Sarges.

Das Grab Georgs wurde rings von Sträuchern und Blumen umblüht. Liebende Mutter-, Gattin- und Kindeshände hegten und pflegten es, und wenn der Frühling kam, sangen Nachtigallen, Rotkehlchen, Finken und Amseln ohne Zahl fröhliche Lieder zu Häupten des Unglückskindes, das da ruhte. Sein Sohn Georg wuchs auf zum Stolz der Mutter und ward ein edler Fürst im schönen Italien. Jahrhunderte sind seitdem vergangen, und heute noch pilgern von Nah und Fern begeisterte Künstler zu dem Grabe des großen Baumeisters Georg Peregrinus aus dem fürstlichen Hause der Griso und legen Kränze auf den grünen Hügel, den die Sonne so freundlich bescheint. Sie wenigstens glaubt nicht, daß unter ihm ein Unglückskind ruht.

 << Kapitel 9 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.