Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Cronau >

Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika

Rudolf Cronau: Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleDrei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika
publisherDietrich Reimer (Ernst Vohsen)
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170228
projectida009d0e9
Schließen

Navigation:

Die ersten Deutschen in den amerikanischen Kolonien.

Die deutschen Gouverneure von Neu-Niederland und Neu-Schweden.

Wie deutsche Soldaten, Seefahrer, Handwerker und Kaufleute in der Gefolgschaft der Spanier und Portugiesen nach den neuweltlichen Kolonien derselben verschlagen wurden, so kamen auch zahlreiche Deutsche im Dienst der Holländer und Schweden nach der Ostküste von Nordamerika.

Es war im Jahre 1609, als der im Sold der »Niederländisch Ostindischen Compagnie« stehende Seefahrer Henry Hudson jenen herrlichen Strom entdeckte, der späterhin mit seinem Namen belegt wurde. Diesen Strom genauer zu erforschen, war aber nicht dem berühmten englischen Kapitän, sondern dem aus Kleve gebürtigen Hendrik Christiansen beschieden. Auf einer Handelsreise nach Westindien hatte dieser Deutsche die Mündung des majestätischen Stroms gesehen und war von dem Anblick so eingenommen worden, daß er wieder und wieder zurückkehrte und insgesamt elf Fahrten dorthin vollführte.

Die erste dieser Reisen machte er in Gemeinschaft mit dem Kapitän Adrian Block. Sie diente hauptsächlich Erkundigungszwecken. Aber die Bedeutung der Gegend für den Pelzhandel scheint beiden sofort aufgegangen zu sein. Denn nach ihrer Rückkehr bildete sich in Amsterdam und Horn eine Kaufmannsgesellschaft, die im Jahre 1614 eine kleine Flotte ausrüstete, um am Hudson den Grund zu einem Kolonialreich zu legen, das den Namen » Neu-Niederland« empfangen sollte.

Zwei der jener Flotte angehörenden Schiffe wurden von Christiansen und Block befehligt. Der erste führte die »Fortuna«, Block den »Tiger«.

Christiansen erkannte bald die Notwendigkeit und die Vorteile eines ständigen Stützpunktes für den Tauschhandel mit den Urbewohnern und legte auf der Südspitze der von den Manhattanindianern bewohnten, 13 engl. Meilen langen Manhattaninsel einen aus mehreren Blockhütten bestehenden Handelsposten an.

Später richtete er sein Augenmerk auch auf die Gegend, wo der Mohawkfluß sich mit dem Hudson verbindet und gründete auf einer unweit dieser Stelle gelegenen Insel eine zweite, befestigte Station, die er Fort Nassau taufte. Zur Verteidigung dieses mit Gräben und Palisaden umgebenen, aus Wohnstätten und Lagerhaus bestehenden Postens dienten zwei Kanonen und elf Drehbrassen. Der häufigen Überschwemmungen wegen wurde diese Station später auf das westliche Stromufer verlegt und bildete als »Fort Oranien« den Keim der heutigen Stadt Albany.

Leider sind wir über die weitere Tätigkeit Christiansens, des ersten in der Kolonialgeschichte der heutigen Vereinigten Staaten genannten Deutschen, nur wenig unterrichtet. Wir wissen nur, daß er dem Pelzhandel, der Haupteinnahmequelle der Kolonie Neu-Niederland, die Wege ebnete, indem er die an beiden Ufern des Hudson und am Ausfluß des Mohawk wohnenden Indianer besuchte und in regelmäßige geschäftliche Beziehungen zu ihnen trat. Daß die Holländer selbst Christiansen als den eigentlichen Erforscher der Hudsongegenden betrachteten, geht aus folgender Stelle der von dem zeitgenössischen Lehrer Nikolas Jean de Wassenaer stammenden »Geschichte der denkwürdigsten Ereignisse« hervor: »Dieses Land (Neu-Niederland) wurde zuerst von dem ehrenwerten Hendrik Christiansen von Kleve befahren ... Hudson, der berühmte englische Seefahrer, war auch dort gewesen.«

Leider fand Christiansen einen vorzeitigen Tod. Und zwar durch die Hand eines jungen Indianers, den er einst mit nach Holland genommen hatte. Die Beweggründe zu der Tat sind nicht bekannt, daß es sich aber um einen Mord handelte, dürfte daraus zu schließen sein, daß der Indianer von den Leuten Christiansens standrechtlich erschossen wurde.

Als im Jahre 1623 die »Niederländisch-Westindische Gesellschaft« einen Freibrief für Neu-Niederland erhielt, ernannte sie, nachdem ihre Interessen von den beiden Holländern Cornelius May und Willem Verhulst mit wenig Glück vertreten worden waren, im Jahre 1626 den aus Wesel gebürtigen Peter Minnewit zum Direktor der jungen Kolonie.

Leider wissen wir über das Vorleben dieses bedeutenden Mannes nur, daß er in seiner Vaterstadt Diakon der reformierten Kirche gewesen war. Von Wesel hatte Minnewit sich nach den Niederlanden gewendet, als die Stadt während des klevischen Erbfolgekrieges von den Spaniern eingenommen wurde. Von Holland aus unternahm Minnewit im Dienst hervorragender Handelshäuser Reisen nach Ostindien und Südamerika. Auf diesen erwarb er sich den Ruf eines so tüchtigen Beamten, daß die vorsichtigen Leiter der Niederländisch-Westindischen Gesellschaft ihn für den schwierigen Posten erkoren, der von seinem Inhaber so mannigfache Fähigkeiten erheischte.

Bereits die erste Maßregel, die Minnewit nach seiner am 4. Mai 1626 erfolgten Ankunft in seinem Verwaltungsbereich traf, stellt seiner Umsicht das beste Zeugnis aus. Obgleich die Niederländer kraft der in ihrem Auftrag geschehenen Entdeckung und Besiedelung alles Land am Hudson beanspruchten, so waren doch Gerüchte im Umlauf, daß die Engländer auf Grund der im Jahre 1497 von John Cabot gemachten Entdeckungen Anspruch auf die ganze Ostküste Nordamerikas von Neufundland bis Florida erhöben. Es galt nun, solchen vagen Ansprüchen einen einwandfreien Besitztitel gegenüberzustellen. Aus diesem Grunde, und um in der Ausdehnung des Handelspostens unbeschränkt zu sein, schloß Minnewit mit den die Insel bewohnenden Indianern einen Vertrag, durch welchen die Insel in den Besitz der Niederländisch-Westindischen Gesellschaft überging.

Die einzige, auf unsere Tage gekommene Urkunde, welche über diese hochinteressante Episode in der Kolonialgeschichte Amerikas berichtet, besteht in einem Brief, der von dem Stadtschreiber der Stadt Amsterdam an die im Haag residierenden Herren der Generalstaaten gerichtet ist. Derselbe lautet verdeutscht:

Hochmächtigste Herren!

Hier ist gestern das Schiff »das Wappen von Amsterdam« angekommen, welches von Neu-Niederland aus dem Muritius Fluß am 23. September abgesegelt ist. Es berichtet, daß unser Volk daselbst guten Mutes ist und in Frieden lebt. Die Frauen haben auch Kinder daselbst geboren; man hat die Insel Manhattes von den Wilden für einen Wert von 60 Gulden gekauft; sie ist 11 000 Morgen groß. Sie säten all ihr Korn um die Mitte des Mai und ernteten es Mitte August. Wir haben Proben des Sommer-Getreides, wie Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Canarisamen, Böhnchen und Flachs. Die Ladung des genannten Schiffes besteht aus 7246 Biberfellen; 178½ Otterfellen; 675 Otterfellen; 48 Minkfellen; 36 Wildkatzenfellen; 33 Minkfellen; 34 Rattenfellen. Viele Stämme von Eichen und Nußbaum. Hiermit mögen Eure hochmächtigen Herren der Gnade des Allmächtigen empfohlen sein.

In Amsterdam, den 5. November 1626.

Euer Hochm. Dienstwilligster
v. Schaaben.

Nachdem Minnewit so den Ansprüchen der Niederländer eine feste Grundlage gegeben, traf er Vorkehrungen zum Schutz der Insel, indem er auf ihrer Südspitze ein Fort aufführen ließ. Die Lage war glücklich gewählt. Denn auf seiner Westseite wurde das Fort vom Hudson, auf der Ostseite vom Mauritiusfluß, dem heutigen East River bespült. Gegen Norden konnte es durch einen befestigten Graben leicht verteidigt werden. Die Angaben über die Bauart des Forts widersprechen einander. Einige besagen, es sei von hohen, mit Palisaden besetzten Erdwällen umgeben gewesen, während andere Nachrichten von Steinmauern reden. Das aus Stein aufgeführte »Kontor« oder Geschäftshaus der Gesellschaft lag in der Mitte des Forts. Ein Teil dieses Hauses diente gleichzeitig als Lagerraum und Kaufladen. Die Holzhütten der Ansiedler und Bediensteten, etwa dreißig an der Zahl, lagen am Ufer des East Rivers. Der ganze Handelsposten führte den Namen Neu-Amsterdam. Der übrige Teil der Insel Manhattan war mit dichten Wäldern bedeckt, in deren Dunkel Hirsche, Panther und Bären hausten. Zwischen den Felsgraten dehnten sich zahlreiche Sümpfe, ferner ein kleiner See, an dessen malerischem Strand die Wigwams der Rothäute lagen. Ohne Zweifel muß der damalige Anblick der herrlich grünen Insel inmitten der von indianischen Kanus belebten Bai eines der großartigsten Landschaftsbilder gewesen sein, welche die Neue Welt zu bieten vermochte.

Unter der umsichtigen Leitung Minnewits, der es sich angelegen sein ließ, mit den Indianern in Frieden auszukommen, entwickelte sich der Handel von Neu-Amsterdam so rasch, daß die Ausfuhr an Pelzen, die im Jahre 1624 einen Wert von nur 25 000 Gulden besaß, im Jahre 1631 bereits auf 130 000 Gulden stieg. Minnewit war aber auch darauf bedacht, alle Hilfsquellen der jungen Kolonie zu entwickeln. Jede Bucht, jeder Strom wurden gründlich erforscht. Und zwar erstreckten sich diese Streifzüge über Long Island hinaus bis zur Narragansett Bai.

Nordöstlich der letzteren lag die im Jahre 1620 gegründete englische Kolonie New Plymouth, deren Bewohner gleichfalls mit den Indianern der Narragansett Bai Handel trieben.

Minnewit gab sich große Mühe, mit jenen englischen Nachbarn freundschaftlichen Verkehr zu gewinnen. Er sandte mehrere von Geschenken begleitete Briefe an den Gouverneur Bradford, in welchen er ihm Grüße übermittelte und einen Warenaustausch vorschlug. Der Engländer erwiderte zwar diese Höflichkeiten, benutzte aber gleichzeitig die Gelegenheit, das Recht der Niederländer, mit den Indianern der Narragansett Bai Handel zu treiben, anzuzweifeln. Ja, er ließ wissen, daß die englischen Schiffe vom König Befehl erhalten hätten, alle fremden Fahrzeuge, die an den bis zum 40. Breitengrad reichenden Küsten angetroffen würden, aufzugreifen und ihre Insassen gefangen zu nehmen. Da Neu-Niederland nördlich vom 40. Breitengrad lag, so ließ die Mitteilung sich nicht anders auslegen, als daß England die Ansprüche der Niederländer auf das Hudsongebiet nicht anerkenne.

Minnewits Antwort lautete höflich aber bestimmt: »As the English claim authority under the King of England, so we derive ours from the States of Holland and will defend it.«

Peter Minnewit ersteht von den Indianern die Insel Manhattan. Mit Erlaubnis der Title Guarantee & Trust Co. in New York nach dem in ihrem Besitz befindlichen Gemälde von A. Fredericks.
Copyright 1902 by the Title Guarantee & Trust Co. New York.

Obgleich die Versicherungen gegenseitigen Wohlwollens zwischen den beiden Gouverneuren fortgesetzt wurden, hielt Minnewit es doch für geraten, die niederländische Regierung um Verstärkung seiner Garnison zu bitten, damit er etwaige feindliche Angriffe zurückweisen könne. Ehe sein Gesuch in Holland eintraf, hatten die Niederlande aber bereits mit Karl I. von England ein Übereinkommen geschlossen, wonach sämtliche Häfen des Königreiches wie der englischen Kolonien holländischen Schiffen offenstehen sollten.

War dadurch den drohenden Verwicklungen einstweilen vorgebeugt, so bereiteten hingegen andere von den Direktoren der Niederländisch-Westindischen Gesellschaft getroffene Maßregeln Minnewit neue Verlegenheiten. Obwohl Neu-Niederland von Jahr zu Jahr Fortschritte machte, so war es noch nicht imstande, sich selbst zu erhalten. Die Einnahmen deckten nicht die Ausgaben.

Besonders die landwirtschaftlichen Zustände ließen viel zu wünschen übrig. Das war darauf zurückzuführen, daß die Westindische Gesellschaft weit intensiver die Interessen des Handels als die der Besiedlung betrieb. Überdies konnten wirkliche Ackerbauer nur schwer dazu bewogen werden, ein sicheres Auskommen im gesegneten Holland gegen ein ungewisses Dasein in einem unbekannten, von Wilden bewohnten Lande zu vertauschen.

Um nun die Besiedlung Neu-Niederlandes zu fördern und auch die Privatspekulationen zu ermuntern, nahmen die Direktoren der Gesellschaft am 7. Juni 1628 einen Freibrief an, in welchem allen denjenigen, die sich zur Gründung von Ansiedlungen in Neu-Niederland entschlössen, die weitestgehenden Vergünstigungen zugesichert wurden.

Wer eine Niederlassung mit wenigstens 50 erwachsenen Personen gründe, solle berechtigt sein, innerhalb der Kolonie am Ufer irgendeines schiffbaren Stromes einen Streifen Landes von 16 Meilen Länge auszusuchen, wenn das gewählte Stück auf einer Seite des Stromes lag. Aber man durfte auch zwei, auf beiden Ufern gelegene Streifen von je acht Meilen Länge besetzen. Nach dem Innern hin war die Ausdehnung unbegrenzt. Wer mehr als 50 Ansiedler brachte, dessen Ansprüche auf Land erhöhten sich der Kopfzahl der Personen entsprechend. Auf solchen »Patronaten«, die als unumschränktes erbliches Eigentum zuerkannt wurden, standen den Besitzern alle Jagd- und Fischereigerechtsame, sowie die Gerichtsbarkeit über sämtliche dort wohnende Kolonisten zu. Entstand auf einem Patronat eine Stadt, so hatte der Patron das Recht, ihre Behörden zu ernennen und einzusetzen.

Da obendrein den Patronen für zehn Jahre lang alle Abgaben und Steuern erlassen wurden, so beeilten sich natürlich viele, deren Mittel zum Erfüllen der Bedingung ausreichten, von so verlockenden Vergünstigungen Gebrauch zu machen. Die ersten waren mehrere Direktoren der Gesellschaft. Schon als der Freibrief in Beratung war, belegten sie die schönsten und wertvollsten Landstriche für sich. Der Diamantenhändler Kilian van Rensselaer sicherte sich am Hudson ein Gebiet, welches die späteren Grafschaften Albany und Rensselaer umfaßte. Michael Pauw belegte Staten Island und einen Streifen der New Jersey Küste. Andere Direktoren setzten sich am untern Hudson und nördlich von der Insel Manhattan fest. Natürlich führte diese Handlungsweise zu Eifersucht und Streit innerhalb der Gesellschaft. Das Verhältnis wurde noch gespannter, als die Herren der neugeschaffenen Besitzungen entgegen der ausdrücklichen Bestimmung, daß der Pelzhandel Reservatrecht der Gesellschaft bleiben solle, auf eigene Faust mit den Indianern Pelzhandel zu betreiben begannen, was einen bedeutenden Rückgang in den Einnahmen des Gesellschaftpostens Neu-Amsterdam zur Folge hatte.

Wie das bei solchen Vorgängen zu geschehen pflegt, so erhoben diejenigen, welche ihre Besitztümer nicht so ergiebig oder wertvoll wie jene der andern wähnten, gegen Gouverneur Minnewit die durchaus ungerechte Beschuldigung, daß er bei der Verteilung der Besitzungen andere Patronatsherren bevorzugt habe. Das Gezänk wurde schließlich so unerquicklich, daß Minnewit froh war, als im August des Jahres 1631 seine Abberufung erfolgte.

Das Siegel der Kolonie Neu-Niederland oder Neu-Belgien.

Sowohl für Neu-Niederland wie für die spätere Kolonie New York hatten die Bestimmungen des Freibriefes viele üble Folgen. Es wurde auf dem Boden der Neuen Welt ein Feudaladel geschaffen, der für das Aufblühen eines kräftigen Bürgertums überaus hinderlich war und durch seine Anmaßungen schwere Kämpfe mit den wirklichen Kolonisten verursachte.

War Peter Minnewit dem verhängnisvollen Fehler der Niederländisch-Westindischen Gesellschaft zum Opfer gefallen, so war aber seine Rolle auf dem Boden der Neuen Welt noch nicht abgeschlossen. Er trat in die Dienste der schwedischen Regierung, die sich gleichfalls mit Kolonisationsplänen trug.

Die Anregung hierzu hatte Willem Usselinx, einer der Gründer der Niederländisch-Westindischen Gesellschaft gegeben. Demselben schwebte der Aufbau eines großen niederländischen Kolonialreiches vor, welches demjenigen der Spanier die Spitze bieten und sein Handelsmonopol brechen sollte. Als er aber mit seinen kühnen Plänen im Direktorenrat nicht durchzudringen vermochte, wandte er sich an den hochstrebenden König Gustav Adolf von Schweden. Dieser griff die Pläne Usselinx' begierig auf und gründete am 10. November 1624 die »Australische Gesellschaft«. Um den Handel Schwedens mit außereuropäischen Ländern zu fördern, erteilte er derselben die wertvollsten Vergünstigungen. Als er sich selbst mit 400 000 Reichstalern an die Spitze stellte, erwachte in Schweden ein förmliches Kolonisationsfieber. Die vornehmsten Edelleute, Offiziere, Bischöfe und Gelehrte beeilten sich, ihren Namen in die Listen der Gesellschaft einzutragen. Dieselbe änderte ihren Titel bald in »Süd-Gesellschaft« um und nahm ihren Sitz in Gothenburg. Dort reiften ihre Pläne ganz im Sinne Usselinx' zu einer der eigenartigsten Kolonialunternehmungen aller Zeiten aus. Man wollte alle germanischen Völker für dieselbe gewinnen. Vornehmlich die Deutschen, mit denen man die herzlichsten Beziehungen unterhielt. Von vornherein wurden zu diesem Zweck alle Veröffentlichungen der »Süd-Gesellschaft« auch in deutscher Sprache gedruckt. Zunächst die in den Jahren 1624 und 1626 in Stockholm durch »Christoffer Reusner« gedruckten Vertragsbriefe.

Titelblatt der Argonautica Gustaviana, der ersten in deutscher Sprache gedruckten Auswanderungs-Flugschrift.

Zwar geriet das Unternehmen durch den Kriegszug Gustav Adolfs nach Deutschland etwas ins Stocken, aber der König beschäftigte sich unausgesetzt mit den großen Plänen. So ordnete er den Erlaß eines Aufrufs an die Deutschen zur Beteiligung an. Dieses vom Kanzler Oxenstierna verfaßte Schriftstück lag im November 1632 zur Unterzeichnung durch den König bereit. Unglücklicherweise wurde aber dem Leben des letzteren in der am 16. November 1632 stattfindenden Schlacht bei Lützen ein vorzeitiges Ziel gesetzt. –

Sobald die dadurch verursachte Verwirrung sich gelegt hatte, ließ Oxenstierna im April 1633 bei »Christoph Krausen zu Heilbrunn« mehrere Flugschriften und im Juni bei »Caspar Rödteln zu Frankfurt am Mayn« den Aufruf erscheinen. Wohl in der Voraussetzung, daß man den Deutschen mit nichts so sehr imponieren könne als Gründlichkeit, ließ Oxenstierna seiner 120 Folioseiten umfassenden Schrift einen Titel voransetzen, dessen ungeheure Länge gewiß auch in jenem, an Weitschweifigkeiten gewöhnten Zeitalter manchem Leser den Atem benommen haben mag. Zur Erheiterung unseres Kürze des Ausdrucks liebenden Geschlechts möge hier der Titel in einer verkleinerten Faksimilewiedergabe eine Stelle finden.

Die von Friedrich Kapp treffend als »das erste in deutscher Sprache erschienene »Auswanderungspamphlet« bezeichnete Schrift war eine Sammlung aller das Unternehmen der »Süd-Gesellschaft« betreffenden Veröffentlichungen. Sie legte in klarer Weise sämtliche Vorteile dar, welche solchen erwachsen müßten, die sich mit ihrem Geld an dem Unternehmen beteiligen wollten.

Es wird ausgeführt:

I. »Daß Schweden und Teutschland so gut Fug vnd Recht für Gott vnd aller Welt, auch so viele gute vnd bequeme, allerhand behörliche Mittel habe, eine solche Seefahrt vnd Handelsgesellschaft anzurichten, als einig andter Landt in Europa: Vnd nichts mehr mangele, als daß man sich nur selbst recht erkennt, vnd die von Gott verliehenen vnd gewiesenen Mittel vernünftig vnd mit gutem Willen und Ernst gebrauche.«

II. »Daß Sothane Compagny nicht allein vor allen andern Nationen in Europa, sondern auch vor alle andere Particulier Handlungen in Schweden vnd Teutschlandt vielfältige vnd vberaus große Vorteile, vnter andern auch in Zöllen, haben werde: – so daß solches respectiue 20. 30. 50 bis 100 pro cento außträgt.«

III. »Daß männiglich so theil mit daran zu haben begehret, bey dem Gelde so er in diese Gesellschaft leget, sich viel weniger Gefahr zu besorgen habe, als wenn er es an andern Handlungen, Landgütern, Häusern, u. s. w. anleget, oder auff Zinsen, Wechsel, v. s. w. außßgethan hätte: Ja daz es ihme besser versichert sey, als wenn er es baar oder an Kleinodien in seynem Beutel und Kasten hette.«

IV. »Daß er aber unter dessen vielfältig mehr Gewerb und Gewinn davon gewarten als in einiger andern Handthierung; so auch das, wohlbedachter Weise davon zu reden, von einem Thaler in dieser Compagny mehr Gewinn verhoffenlich vnd ordinaire zu erlangen seyn wirdt, als von 10 Thalern in andern Handlungen, vnd 20 Thalern an Landtgütern.«

V. »Daß niemandt so Lust hiezu trägt, deßwegen sich auff koufmanschafften verstehen, Reyßen auff sich nehmen, oder das geringste seinem Beruff zuwider, er sei wes Standts oder Condition er auch jmmer wolle, handeln dürfe; Sondern seines ordentlichen Wesens einen Weg wie den andern abwarten, dieses als eine Zweckmühle betrachten könne.«

Als weiterer, aus dem Unternehmen entspringender »Haubtnutz« sei die »Fortpflanzung des heiligen Evangelij« und die »Wohlfahrt aller Europeischen Landen« anzusehen. »In deme viel mehr Europeische Waaren verführet (verschifft) werden könne als jetzo.« Zuletzt wird nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß »eine sehr große Wohlthat widerfahre den Leuten, die wegen der großen Verfolgung und Verwüstung, die in Teutschland vnd andern Orten in diesen Jahren entstanden, und deß großen Krieges, so vber gantz Europam, mit dem eußersten Vntergang und Verderben vieler Ländter vnd Städte, sich außbreitet, nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, damit sie noch jhres Lebens, vnd der wenigen Mittel, so jhnen etwa vberblieben, vnd jhrer Töchter und Weiber Ehr, für Gewalt versichert seyn mögen.« –

Der Aufruf bewirkte, daß zunächst die vier oberdeutschen Kreise sich am 12. Dezember 1634 in Frankfurt zur Unterstützung des Unternehmens bereit erklärten. Desgleichen sandten die Städte Emden, Stettin und Stralsund, ferner der Herzog von Pommern sowie Livland zustimmende Antworten. Aber die gerade jetzt mit vernichtender Gewalt einherbrausenden Stürme des Dreißigjährigen Krieges verhinderten, daß die große Masse des deutschen Volkes dem Vorhaben die erforderliche Aufmerksamkeit schenken konnte. Auch in Schweden machte das Unternehmen infolge des Krieges nur langsame Fortschritte. Willem Usselinx war am 1. Mai 1633 vom Kanzler Oxenstierna zum Generaldirektor der »Süd-Gesellschaft« ernannt und obendrein im Jahre 1635 zum schwedischen Minister erhoben worden. Als solcher bemühte er sich, auch in Holland und England Stimmung für seine Pläne zu machen, hatte aber nur wenig Erfolg. Erst als einer seiner Agenten, Peter Spiering, in Amsterdam mit Peter Minnewit, dem früheren Gouverneur von Neu-Niederland, zusammentraf, begannen die seit zwölf Jahren genährten Hoffnungen sich zu verwirklichen. Minnewit bot in einem vom 15. Juni 1636 datierten, von Spiering nach Schweden gebrachten Brief der dortigen Regierung seine Dienste an und erklärte sich bereit, eine Reise nach »gewissen, bei Virginien und Neu-Niederland gelegenen Gegenden zu machen, die ihm wohl bekannt seien, ein sehr gutes Klima besäßen und Nova Suedia genannt werden möchten«. Für diese Expedition sei ein mit zwölf Kanonen, genügender Munition und 20 bis 25 Mann versehenes Schiff erforderlich. Als Ladung könne es für 10 bis 12 000 Gulden Beile, Äxte, Decken und andere Tauschgegenstände mit sich nehmen, wogegen es 4500 bis 6000 Biberfelle heimbringen werde. Die durch diesen Brief eingeleiteten Unterhandlungen führten zu einem Vertrag, wonach Minnewit und seine niederländischen Freunde die Kosten der Expedition zur Hälfte bestritten, während die schwedische Regierung die andere Hälfte trug. Die Expedition wurde aber in einem größeren als dem von Minnewit vorgeschlagenen Umfang ausgerüstet. Ihre Kosten beliefen sich auf 36 000 Gulden; zugleich stellte man zwei Schiffe sowie eine größere Zahl von Personen zur Verfügung.

Es war im Herbst 1637, als Minnewit mit dem »Kalmar Nyekel« (»Schlüssel von Kalmar«) und dem »Gripen« (»Greif«) von Gothenburg absegelte. Im März 1638 liefen die beiden Fahrzeuge in den Delaware ein, fuhren diesen Fluß eine Strecke aufwärts und gingen an der Mündung des Minquas Creek vor Anker. Hier erwarb Minnewit am 29. März an der Stelle, wo heute die Stadt Wilmington liegt, von den Häuptlingen der Minquaindianer gegen mehrere Decken, kupferne Kessel und andere Kleinigkeiten das ganze, zwischen Bomtiens Udden und dem Einfluß des Schuylkillflusses gelegene Westufer des Delaware. Dem Innern zu blieb die Ausdehnung des Landes unbegrenzt. Zwar erhoben die Neu-Niederländer, als sie von dem Handel erfuhren, Einspruch gegen die Besitznahme; Minnewit aber schlug den Protest mit dem Hinweis darauf, daß das Land unbewohnt sei, in den Wind und baute ein Fort, das er zu Ehren der jungen schwedischen Königin Christina nannte.

Durch reiche Geschenke an die Indianer zog Minnewit den Pelzhandel so an sich, daß die am Delaware Handel treibenden Niederländer den Abgang bald empfindlich bemerkten. Zornentbrannt sandte William Kieft, der damalige Gouverneur in Neu-Amsterdam am 26. Mai 1638 einen Brief an Peter Minnewit, worin er ihn darauf aufmerksam machte, daß man den Delaware oder Südfluß seit vielen Jahren als zu Neu-Niederland gehörig betrachtete und entschlossen sei, dieses Gebiet zu verteidigen. Minnewit, der die Schwäche seiner Nachbarn nur zu gut kannte, ließ auch diesen Protest unbeachtet. Ja, er trat, um die Sicherheit des Fortes Christina unbesorgt, mit seinen beiden Schiffen eine Reise nach Westindien an, um Tabak einzukaufen. Auf dieser Fahrt kam Minnewit aber während eines Orkanes ums Leben.

Unter den hervorragenden Personen, welche der Kolonialgeschichte Nordamerikas so hohen Glanz verleihen, war Peter Minnewit zweifellos eine der bedeutendsten. Er war kein Abenteurer oder Phantast, sondern ein umsichtiger, praktisch denkender und handelnder Mann, der seinen schwierigen Posten mit Geschick ausfüllte und unermüdlich tätig war. Wo es nottat, zeigte er Entschlossenheit und Festigkeit des Charakters. Im Verkehr mit den Urbewohnern verstand er es in hohem Grade ihr Vertrauen zu gewinnen. Anstatt sie gewaltsam zu vertreiben, behandelte er sie als Menschen, die auf den von ihnen bewohnten Boden Anrecht besäßen. Aus diesem Grunde suchte er die begehrten Landstriche auf gütlichem Wege, durch gegenseitiges Übereinkommen zu erwerben. Deshalb blieben auch Neu-Niederland sowohl wie Neu-Schweden unter seiner Verwaltung von Indianerunruhen verschont.

Die beiden Schiffe, mit welchen Minnewit nach Westindien gesegelt war und die dem Orkan glücklich entrannen, kehrten reichbeladen nach Schweden zurück. Dort ernannte man zum Nachfolger Minnewits den Leutnant Peter Hollender.

Dieser traf im April 1640 in Fort Christiana ein. Aber er vermochte nicht, sich gleich seinem Vorgänger bei den nördlichen Nachbarn Respekt zu verschaffen, denn bald begannen die Niederländer, in Neu-Schweden einzudringen. Auch englische Kolonisten von New Haven kamen den Delaware hinauf, trieben mit den Indianern Handel und schlossen mit ihnen Landkäufe über Gebiete ab, die lange zuvor auf die gleiche Art von den Schweden erworben waren. Obwohl Hollender die Eindringlinge prompt entfernte, so hielt man es in Schweden doch für geraten, eine kraftvollere Person an seine Stelle zu setzen. Die Wahl fiel auf den deutschen Edelmann Johann Printz von Buchau, einen Oberstleutnant der West-Gothischen Reiter. Das war ein Mann von festem Charakter und gewaltigem Körperbau. Sein Gewicht belief sich auf 350 Pfund; an Trinkfestigkeit übertraf ihn keiner.

Die erteilten Weisungen empfahlen ihm, mit seinen holländischen Nachbarn wennmöglich gutes Einvernehmen zu unterhalten, feindliche Angriffe dagegen mit Gewalt zurückzuweisen. Johann Printz (mit diesem Namen unterzeichnete sich der neue Gouverneur) traf am 15. Februar 1643 im Fort Christina ein, begleitet von zahlreichen Personen, unter denen sich viele Deutsche, meist Pommern und Westpreußen, befanden. Seine Residenz »Printzhof« schlug er auf einer mehrere Meilen nördlich von Christina, im Delaware gelegenen Insel auf, die er obendrein durch das aus schweren Holzstämmen erbaute Fort Neu-Gothenburg befestigte. Die Ansiedler trieben Ackerbau und pflanzten Tabak. Im Tauschhandel mit den Indianern zeigten sie sich so erfolgreich, daß die Holländer klagten, die Schweden verdürben den ganzen Handel. Nichtsdestoweniger blieb das Verhältnis zwischen den beiden Gouverneuren erträglich; ja, man wechselte Briefe miteinander und tauschte die von Europa kommenden Nachrichten aus.

Als Johann Printz im Jahre 1647 seinen dritten Bericht nach der Heimat sandte, konnte er die Lage der Kolonie als vorzüglich bezeichnen. Den früheren Befestigungen hatte er die Forts Elfsborg und Neu-Korsholm hinzugefügt.

Um die gleiche Zeit, wo dieser Bericht in Schweden eintraf, vollzog sich aber in der Verwaltung von Neu-Niederland ein bedeutungsvoller Wechsel: au Stelle des friedliebenden Gouverneurs Kieft trat im Mai 1647 der rücksichtslose, kriegerisch gesinnte Peter Stuyvesant, welcher sofort nach seiner Ankunft alles zwischen den Vorgebirgen Henlopen und Cod gelegene Land als holländisches Gebiet reklamierte. Im Mai 1651 sandte er sogar ein bewaffnetes Schiff nach dem Delaware. Er selbst zog mit 120 Mann über Land nach dem von den Holländern an der Nordgrenze von Neu-Schweden erbauten Fort Nassau, fuhr von dort mit vier stark ausgerüsteten Fahrzeugen den Delaware hinab und legte auf dem Westufer, zwischen den beiden schwedischen Forts Christina und Elfsborg die kleine Festung Casimir an. Zugleich ließ er die schwedischen Grenzpfähle niederschlagen und von allen in den Fluß einfahrenden Schiffen Zölle erheben. Gouverneur Printz fühlte sich mit seiner Handvoll Soldaten nicht imstande, diese Gewaltakte abzuwehren. Auf das gute Einvernehmen zwischen dem schwedischen Königshause und den Generalstaaten hinweisend, lud er Stuyvesant zu einer Besprechung ein. Das Ergebnis bestand in dem Übereinkommen, fortan freundschaftliche Beziehungen miteinander unterhalten zu wollen.

Printz erstattete über die Vorfälle Bericht nach Schweden und ersuchte, um Wiederholungen vorbeugen zu können, um Zusendung von Soldaten und Waffen. Auch betonte er die Notwendigkeit stärkeren Nachschubes an Einwanderern. Gleichzeitig bat er um seine Ersetzung durch eine jüngere Kraft, da er alt und schwach geworden sei und nach dreißigjährigem Dienst sich nach Ruhe sehne.

Mehrere Jahre verstrichen, ohne daß auf diesen Bericht eine Antwort eintraf. In der Befürchtung, von der Heimat vergessen zu sein, beschloß Printz endlich, sich persönlich nach dem Stand der Dinge umzusehen. Er begab sich auf einem holländischen Schiff nach Europa und traf im April 1654 in Schweden ein. Dort erfuhr er zu seinem Staunen, daß bereits im Jahre 1649 ein Schiff mit 400 Auswandrern, 19 Kanonen und vielen Vorräten nach Neu-Schweden abgegangen sei. Es hatte aber an der Küste von Porto Rico Schiffbruch gelitten und war von den Spaniern geplündert worden. Von seiner Besatzung kehrten nur wenige Personen erst nach Jahren nach Schweden zurück. Eine Ersatzexpedition unter dem Befehl des Handelskammersekretärs Johann Rising aus Elbing war kurz vor dem Eintreffen des Gouverneurs nach Amerika abgegangen. Sie zählte mehr als 100 Familien und traf am 21. Mai 1654 an der Mündung des Delaware ein. Da das von den Holländern errichtete Fort Casimir von nur einem Dutzend Soldaten besetzt war, so forderte Rising dieselben zur Übergabe auf. Diesem Befehl kam die Besatzung nach, worauf die Schweden ihre Flagge aufzogen und das Fort zum Andenken an den Tag seiner Eroberung Trefaldighets Fort (Dreifaltigkeitsfeste) nannten.

Unterschriften der deutschen Gouverneure von Neu-Niederland und Neu-Schweden.

Dieser Akt entflammte den Zorn der Neu-Niederländer. Der grimme Stuyvesant schwur, die Unbill bitter zu rächen. Als am 12. September das von Schweden kommende Schiff »Gyllene Hajen« irrtümlicherweise in die Mündung des Hudson anstatt in den Delaware einlief, bemächtigte der alte Haudegen sich des Fahrzeugs und ließ es samt der Ladung verkaufen. Gleichzeitig traf er Vorbereitungen, Neu-Schweden zu überfallen. Hierfür stellten ihm die Direktoren der »Westindischen Gesellschaft« das mit 36 Kanonen und 200 Mann ausgerüstete Kriegsschiff »De Waag« (»Die Wage«) zur Verfügung. Er selbst rüstete außerdem sechs Fahrzeuge mit zusammen 24 Kanonen und 700 Mann Besatzung aus und erschien mit dieser ansehnlichen Macht am 27. August 1665 im Delaware. Das nur von 47 Mann verteidigte Dreifaltigkeitsfort zwang er rasch zur Kapitulation. Dann umzingelte man das Fort Christina, wo Rising und 30 Soldaten sich aufhielten. Da zwischen den Königreichen Schweden und den Niederlanden fortgesetzt freundliche Beziehungen bestanden, so wollten sowohl Stuyvesant wie Rising Blutvergießen vermeiden. Man verlegte sich aufs Parlamentieren. Als Rising nach zwölftägiger Belagerung nicht nachgab, stellte Stuyvesant das Ultimatum, Fort Christina sofort zu räumen, widrigenfalls er es bombardieren werde. Die Nutzlosigkeit weiteren Widerstandes erkennend und hoffend, daß die Ansprüche auf das Land am Delaware am besten zwischen den Regierungen der Mutterländer geregelt werden würden, unterzeichnete Rising am 15. September einen Vertrag, der ihm freie Rückfahrt nach Europa, der schwedischen Regierung das Eigentumsrecht auf sämtliche Waffen, den schwedischen Ansiedlern das Verbleiben auf ihren Gütern sicherte. Den Soldaten ließ man die Wahl, entweder in Amerika zu bleiben oder nach Europa zurückzukehren.

Von seinen Beamten begleitet, traf Rising im April 1656 in Schweden ein, um über den Verlust der Kolonie zu berichten. An diplomatischen Bemühungen, die Niederlande zur Herausgabe derselben zu veranlassen, ließ König Karl X. es nicht fehlen. Aber er war zu sehr in kriegerische Unternehmungen gegen Polen und Dänemark verstrickt, als daß er seinen Reklamationen den nötigen Nachdruck hätte verleihen können. Die Unterhandlungen schleppten sich jahrelang hin und wurden endlich, als Neu-Niederland mitsamt Neu-Schweden im Jahre 1664 von den Engländern genommen wurden, ganz fallen gelassen.

Das Fort Dreifaltigkeit. Nach einer Abbildung in Campanius' »Neu-Schweden«.

Ob Stuyvesant, als am 28. August jenes Jahres die Feuerschlünde der vor Neu-Amsterdam erschienenen englischen Fregatten sein Fort bedrohten, und er zur Übergabe aufgefordert wurde, sich seines ehemaligen Nachbarn Rising erinnert haben mag, dem er neun Jahre zuvor in gleicher Weise mitgespielt hatte? Möglich ist's, denn seine Lage war jener Risings verzweifelt ähnlich. Was half's. Er mußte sich bequemen, die weiße Flagge aufziehen zu lassen. Als er dazu das Zeichen gab, knirschte er in seinen grauen Bart: »Lieber hätte ich mich begraben lassen.«

Leislers Wohnhaus in Alt New York.

Jacob Leisler; die stürmischste Periode in der Geschichte der Kolonie New York.

Es war am 27. April des Jahres 1660. Die Bäume und das Unterholz der mächtigen Wälder, welche die Ufer der herrlichen Bai von New York umgürteten, begannen eben, sich mit smaragdnem Frühlingsgrün zu schmücken. Ein wunderbar weicher Südwind, von den Küsten Karolinas und Virginiens kommend, schwellte die Segel eines holländischen Fahrzeuges, das nach langer, stürmischer Seereise nunmehr seinem Ziel nahe war und ihm geräuschlos wie ein gewaltiger Schwan entgegenglitt.

Mit derselben hoffnungsfrohen Erwartung, mit welcher noch heute tausende und abertausende Einwandrer dem aus den Fluten emportauchenden Häusermeer von Groß-New York entgegenblicken, so hafteten die Augen der damals Kommenden auf dem majestätischen Bild der waldumsäumten, durch den Zusammenfluß des Nord- oder Hudsonstroms mit dem Ostfluß gebildeten Bai, in deren stillen Buchten Scharen von Wildenten und anderen Wassergeflügels sich tummelten. Da und dort kräuselten blaue Rauchwölkchen am Strande empor. Bei schärferem Zusehen vermochte man leichtgebaute Hütten aus Baumrinde zu entdecken, vor denen braunrote, mit Fellen und bunten Wolldecken bekleidete Menschen lagen. Flinke, überaus zierliche Boote glitten vorüber. In ihnen saßen dieselben braunroten Menschen, die ihre Köpfe mit Adlerfedern geschmückt hatten und als Waffen Bogen und Pfeile, Keulen und Speere führten.

Im Hintergrund der Bai wurde jetzt eine schmale, langgestreckte Insel sichtbar. Auf ihrer Südspitze lagerten mehrere hundert Holzhäuser um eine mit hohen steinernen Wällen umgebene Befestigung, über welcher die Flagge der »Niederländisch-Westindischen Gesellschaft« wehte.

Im Dienst dieser Gesellschaft stand auch ein junger, in das malerische Gewand damaliger Soldateska gekleideter Kriegsmann, der vom Bug des Schiffes aus seine strahlenden Blicke über die fremde, vom Schimmer wilder Romantik überflutete Landschaft schweifen ließ. Ein Deutscher war's, ein Sprößling der alten Handelsstadt Frankfurt a. M., den die Lust zu Abenteuern in die Fremde getrieben hatte. Jetzt öffnete sich vor ihm die »Neue Welt«, von deren Schätzen, seltsamen Menschen und Tieren er soviel hatte erzählen hören.

Wie lange Jakob Leisler – das war der Name des Frankfurters – nach seiner Ankunft in Neu-Amsterdam im Sold der »Niederländisch-Westindischen Gesellschaft« blieb, wissen wir nicht. Vermutlich nahm der Dienst ein Ende, als vier Jahre nach Leislers Ankunft eines Morgens mehrere englische Kriegsschiffe in der Bai erschienen, Neu-Amsterdam samt Neu-Niederland mit Waffengewalt dem englischen Reiche einverleibten und Stadt wie Land dem Herzog York zu Ehren New York tauften.

Über Leislers Lebenslauf während der nächsten zwanzig Jahre wissen wir, daß er sich dem Handel widmete und zu Wohlstand kam. Sein Vermögen wuchs durch einen Ehebund mit Elsie, der Witwe des Kaufherrn van der Veen. Als Mann von generöser Veranlagung zeigte er sich häufig; so erkaufte er eines Tages die Freiheit einer Hugenottenfamilie, die nicht imstande gewesen war, das Geld für ihre Seereise aufzubringen, und damaliger Sitte gemäß dasselbe durch langjährige Dienstbarkeit hätte abtragen müssen. Unzweifelhaft gehörte Leisler zu den beliebtesten Persönlichkeiten der Stadt. Das ergibt sich daraus, daß, als er während einer im Jahre 1678 unternommenen Handelsreise nach Europa maurischen Seeräubern in die Hände fiel, der damalige Gouverneur von New York eine Sammlung durch die ganze Kolonie eröffnete, um Leisler loszukaufen, was glücklich gelang.

Seiner soldatischen Neigung hatte Leisler nicht entsagt. Er war in die sechs Kompagnien zählende Bürgerwehr eingetreten und im Jahre 1684 ihr Seniorkapitän. Daß er als solcher die Achtung des größten Teiles der Mitbürger genoß, zeigte sich, als im Jahre 1689 ein Ereignis eintrat, das sämtliche Kolonien in die heftigste Erregung versetzte. Der furchtbare Streit über religiöse Glaubensfragen, der damals ganz Europa erschütterte, stellte auch in England alle Verhältnisse auf den Kopf. Die Mehrheit des englischen Volkes hatte sich dem Protestantismus angeschlossen; König Karl II. aber und sein Nachfolger, James II., blieben Katholiken, welche mit aller Macht die Wiederherstellung der römischen Kirche in England anstrebten. Die dadurch entstehenden scharfen Reibungen zwischen Volk und Regierung führten schließlich zur Revolution. Als auf Bitten der englischen Edelleute Wilhelm der Oranier den Protestanten zu Hilfe eilte und mit einem starken Heer in England landete, floh James II. nach Frankreich. Er wurde vom Parlament seines Thrones verlustig erklärt und der Oranier als Wilhelm III. zum König ausgerufen.

In jenen Tagen langwieriger Schiffahrt drang die Kunde selbst so wichtiger Ereignisse nur langsam nach Amerika. Sie kam anfangs in Form unverbürgter Gerüchte, die von den Beamten, die ihre Stellen dem entthronten König verdankten, schleunigst unterdrückt wurden. Die an Geschäftsleute gerichteten Mitteilungen wurden unterschlagen, um »Ruhestörung durch Verbreitung so seltsamer Neuigkeiten zu verhüten«.

Gründe zur Befürchtung von Ruhestörungen waren allerdings in den Kolonien genug vorhanden. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Puritanern und protestantischen Sektenanhängern, von denen viele wegen ihres Glaubens die Heimat verlassen hatten. Die den Kolonien vorstehenden Beamten hingegen waren meist katholisch; die religiösen Streitigkeiten waren dadurch törichterweise auch auf den Boden der Neuen Welt übertragen worden. Dazu kam, daß manche Beamten sich durch ihren Despotismus verhaßt gemacht hatten.

Als in den Monaten März und April 1689 endlich verbürgte Nachrichten über den Regierungswechsel nach Boston drangen, entstand dort ein Aufruhr, währenddessen das Volk den Gouverneur Andros gefangennahm und ihn sowohl wie 50 seiner Anhänger nach Europa sandte. Als Nicholson, Andros' Stellvertreter in New York, davon hörte, flüchtete er mit den öffentlichen Kassen in das Fort.

In New York gestaltete sich jetzt die Lage zu einer höchst eigentümlichen. Die von der »Niederländisch-Westindischen Gesellschaft« eingesetzten Großgrundbesitzer hatten sich während der letzten 60 Jahre zu einer förmlichen Kaste von Aristokraten zusammengeschlossen. Sie herrschten nicht bloß auf ihren ausgedehnten Besitztümern, den »Manors« im Feudalstil, sondern betrachteten auch die Besetzung höherer Ämter in den Kolonien mit Personen ihres Kreises als ein ihnen zukommendes Vorrecht. Sie bildeten einen förmlichen Ring, der stets bemüht war, Einfluß auf den jeweiligen Gouverneur zu gewinnen und ihn sowie das übrige Beamtentum den Interessen des nach weiteren Vergünstigungen und Landschenkungen lüsternen Ringes geneigt zu machen. Das war um so leichter, als die meisten Gouverneure infolge des in England geführten verschwenderischen Lebens bankerott waren, und die ihnen anvertrauten Posten in den Kolonien als günstige Gelegenheiten zum Aufbessern der zerrütteten Vermögensverhältnisse betrachteten. Für das gewöhnliche Volk, den sogenannten »rabble«, bekundeten die dem Gouverneur schweifwedelnden Aristokraten natürlich unbegrenzte Verachtung. Sie hielten es nur mit der Regierung, von der allein ja weitere Vergünstigungen als Belohnung für die erwiesene Loyalität zu erwarten standen.

Das bedrückte, seiner unwürdigen Stellung bewußte Volk brachte sowohl der Regierung, ihren hochmütigen Vertretern wie den Aristokraten mühsam verhaltenen Haß entgegen. Wären der Regierungswechsel in England und die Vorgänge in Boston allein hinreichend gewesen, um die Explosion zu erzeugen, so ward dieselbe durch verschiedene andere Gerüchte noch beschleunigt. Man munkelte, der Vizegouverneur wolle die Kolonie für James II. behaupten und zu diesem Zweck aus Canada Franzosen herbeiziehen. Eine französische Flotte sei bereits von Europa unterwegs; sämtliche Protestanten in New York sollten in einer erneuten Bartholomäusnacht ausgerottet und die Stadt an allen vier Ecken angezündet werden. Da in jenen Zeiten grausamster Religionsverfolgungen und überraschender Staatsstreiche solche Anschläge keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehörten, so entschlossen sich die beunruhigten Bürger, denselben zuvorzukommen und Stadt und Provinz für den Oranier zu bewahren.

Zum Durchführen dieses Plans bedurfte man eines entschlossenen Leiters. Als die Bürger Umschau hielten, erschien niemand so geeignet, als der Seniorkapitän der Bürgerwehr: Jakob Leisler. Sobald sein Name in der am 31. Mai 1689 statthabenden Bürgerversammlung in Vorschlag gebracht wurde, erscholl aus hundert Kehlen der Ruf: »Zu Leisler! Zu Leisler!« und unter Trommelschlag zog die Menge nach dessen Haus, um ihm ihren Willen kundzugeben. Leislers Haus, das erste aus Ziegeln aufgeführte Wohngebäude der Stadt, lag östlich vom Fort. Leisler war daheim, als die Menge sich heranwälzte und stürmisch verlangte, daß er die Stadt schütze und mit seiner Bürgerwehr das Fort besetze. Leisler, die Bedeutung eines solchen Schrittes klar erkennend, lehnte die Forderung ab und ermahnte die Bürger, die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Davon wollte aber die erregte Menge nichts wissen; sie teilte sich in zwei Haufen, von denen einer vor das Stadthaus zog und dem gerade mit seinem Anhang beratenden Vizegouverneur Nicholson die Schlüssel des Forts abverlangte. Der zweite Haufe marschierte inzwischen ins Fort und besetzte es, ohne daß die dort befindlichen Soldaten Widerstand leisteten.

Nachdem so die Würfel ins Rollen gekommen, machte die Notwendigkeit, daß eine tüchtige, für die Aufrechterhaltung der Ordnung bürgende Person an die Spitze der Bewegung trete, sich um so dringender geltend. Als der Ruf nach Leisler aufs neue ertönte, glaubte dieser das Verlangen seiner Mitbürger nicht länger ablehnen zu dürfen. Er erklärte sich in einer öffentlichen Ansprache zur Übernahme der provisorischen Regierung bereit und versprach, Fort wie Stadt für Wilhelm den Oranier zu halten und gegen alle Anschläge der früheren Regierung zu schützen. Bei Übernahme seines Amts mag Leisler von der Hoffnung geleitet worden sein, daß er, der durch seine Heirat mit Elsie van der Veen zu den Aristokratenfamilien, den van Cortlandts, Bayards, Philipses u. a. in verwandtschaftliche Beziehungen getreten war, ein Vermittler zwischen den beiden feindlichen Parteien werden könne.

Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Denn mit dem Augenblick, wo Leisler sein Amt antrat, begannen die Aristokraten ihn als einen Demagogen zu hassen und zu bekämpfen. Das Glück schien Leisler zu begünstigen, denn als er am 3. Juni die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten tatsächlich übernahm, floh Vizegouverneur Nicholson auf ein im Hafen liegendes Schiff und verließ die Kolonien auf Nimmerwiedersehen. Seine Anhänger zogen sich nach Albany zurück, um von dort aus einen wütenden Intriguenkrieg wider Leisler und die Volkspartei zu eröffnen.

Als in New York die offizielle Nachricht von der Thronbesteigung Wilhelms eintraf, sandten Leisler und die Bürger eine Ergebenheitsadresse nach England. Gleichzeitig veranstalteten sie eine öffentliche Huldigungsfeier. Es spricht in hohem Grade für die Friedliebe und das Rechtsgefühl Leislers, daß er den Bürgermeister Stephanus van Cortlandt sowie den Stadtrat, lauter der Aristokratenpartei angehörige Personen, einlud, an der Feier teilzunehmen. Den Bürgermeister ersuchte er sogar, die Huldigungsschrift zu verlesen. Aber die hohen Herren hielten sich fern. Sie veranstalteten auf eigene Faust eine Feier in Albany, gelegentlich welcher sie ›die meuterischen Vorgänge in New York‹ aufs heftigste mißbilligten. Im Aufleben der Volkspartei das Ende ihrer Willkürherrschaft ahnend, entschlossen sie sich zur äußersten Kraftanstrengung, um ihre Vorzugsstellung zu behaupten. Was sie dabei nicht durch Gewalt erzwingen konnten, suchten sie durch Verdächtigungen herbeizuführen. Man beschuldigte in Briefen und Vorstellungen an die Regierung in England die in New York aufgerichtete Volksverwaltung der verwerflichsten Absichten, nannte Leisler einen ›fremdländischen Plebejer‹ und ›Volksaufwiegler‹, der eine Meuterei angezettelt habe, um während seiner Amtszeit für die auf seinen Schiffen ankommenden Waren keine Einfuhrzölle bezahlen zu müssen. Die Wut wuchs, als Leisler am 16. August durch einen über 400 Unterschriften tragenden Beschluß des Sicherheitsausschusses auch zum provisorischen Befehlshaber der Provinz New York ernannt wurde, und nun, durch die Opposition seiner Gegner erbittert, die bisherigen Stadtbehörden ihres Amtes entsetzte und Neuwahlen anordnete, in denen ausschließlich Männer des Volkes mit der Leitung der öffentlichen Geschäfte betraut wurden. Während die Vorstände der benachbarten Kolonien die Neuordnung anerkannten und mit Leisler offiziell in Verkehr traten, fuhren die in Albany versammelten Aristokraten fort, die ›aus hergelaufenem Gesindel‹ bestehende Leislersche Regierung anzuschwärzen. Sie gehe nur darauf aus, die öffentlichen Kassen zu bestehlen und die Regierung um die Zölle zu betrügen. Selbstredend weigerten die Aristokraten sich, Leisler und die Beamten der Volkspartei anzuerkennen. Desgleichen erklärten sie die Absetzung der bisherigen Beamten als eine unrechtmäßige Maßnahme. Obendrein forderten sie die Bewohner der Kolonie auf, Leisler sowie den Männern seiner Regierung als Usurpatoren den Gehorsam zu verweigern.

Der so Herausgeforderte glaubte, die ihm gebührende Anerkennung seiner provisorischen Herrschaft erzwingen zu müssen. Zu diesem Zweck sandte er seinen Schwiegersohn, Major Jakob Milborne, mit einer Anzahl Soldaten nach Albany, damit er das dort von seinen Gegnern gehaltene Fort besetze und die Unbotmäßigen unterwerfe. Leider war die ausgeschickte Macht für einen solchen Handstreich viel zu gering. Die Aristokraten waren auf der Hut und verteidigten Fort und Stadt so erfolgreich, daß Milborne unverrichteter Dinge zurückkehren mußte. Die Folge war, daß die Aristokraten um so kühner wurden und der Leislerschen Regierung überall Hindernisse in den Weg legten.

Neu Amsterdam zu Leislers Zeit. Nach einem Kupferstich des 17. Jahrhunderts.

Bereits war der Monat Dezember gekommen, als in Boston ein Brief des Königs Wilhelm mit der Aufschrift eintraf: ›An Francis Nicholson oder denjenigen, welcher zurzeit in Sr. Majestät Provinz New York für die Aufrechterhaltung des Friedens und die Beobachtung der Gesetze Sorge trägt.‹

Durch ihre in Boston unterhaltenen Kundschafter erfuhren die Aristokraten von Albany zuerst von der Ankunft des Briefes und setzten Himmel und Erde in Bewegung, um in seinen Besitz zu kommen, hoffend, daß der Brief manche ihnen nützliche Nachrichten enthalte. Ihrer drei schlichen sich heimlich nach New York, um den von Boston kommenden Boten abzufangen und zur Herausgabe des wichtigen Schriftstückes zu bewegen. Aber Leislers Anhänger waren gewarnt und führten den Boten sofort ins Fort, wo Leisler das Schriftstück entgegennahm. Durch dasselbe wurde Nicholson oder derjenige Mann, welcher an seiner Stelle stehe, ermächtigt, den Oberbefehl über die Provinz zu übernehmen und mehrere Räte zu ernennen, die ihm beim Führen der Geschäfte zur Hand gehen sollten. Leisler entsprach dieser Vorschrift, indem er am 11. Dezember 1689 den Titel eines Vizegouverneurs annahm und einen aus neun Personen bestehenden Rat einsetzte.

Dieser Schritt entflammte die Wut der Aristokraten aufs höchste. Sie zettelten mit Hilfe ihrer in New York wohnenden Genossen einen öffentlichen Tumult an und suchten sich während desselben der Person Leislers zu bemächtigen.

Aber der kühne Anschlag mißlang. Die beiden Hauptanstifter, der frühere Stadtrat Bayard, sowie der Aristokrat Nicholson wurden gefangen und vom Gerichtshof wegen Angriffs auf die der Provinz vorgesetzte Behörde zum Tod verurteilt. Leisler ließ sich durch die in erbärmlicher Feigheit gegebene Versicherung der beiden, daß sie in törichter Verblendung gegen ihn aufgetreten seien und in Zukunft sich aller Feindseligkeiten enthalten wollten, bestimmen, das Todesurteil aufzuheben. Er gab aber Befehl, die Gefangenen bis zum Eintreffen des vom König ernannten Gouverneurs in Gewahrsam zu halten.

Der deutsch-amerikanische Geschichtschreiber Friedrich Kapp rügt diesen Gnadenakt Leislers als dessen größten politischen Fehler, da er eine der Ursachen seines Unterganges geworden sei. Leisler habe dem Gefühl die Oberherrschaft über den Verstand eingeräumt und schwächliches Mitleid über politische Logik gesetzt. Er hätte rücksichtslos durchgreifen und die Verfolgung seiner Gegner bis zu ihrer völligen Vernichtung fortsetzen müssen. Dieser Anschauung kann man entgegensetzen, daß es Leisler zu einem solchen Krieg gegen die über die ganze Provinz und auch in den benachbarten Kolonien stark verbreitete Aristokratenpartei doch an Machtmitteln fehlte. Zudem hätte er durch Heraufbeschwören solcher Kämpfe zweifellos den Verdacht auf sich geladen, ein Gewaltherrscher, ein Usurpator zu sein. Diesen Verdacht wollte und mußte er vermeiden und darum die Bestrafung der Schuldigen, hochangesehener Personen, der Regierung des Mutterlandes überlassen.

Übrigens zeigte es sich bereits im Januar 1690, daß die Besorgnis der New Yorker, der verjagte König James II. möge mit Hilfe der Franzosen die Wiederherstellung seiner Herrschaft versuchen, nicht unbegründet gewesen sei. In Europa mußte Wilhelm einen heftigen Krieg gegen die Heere des französischen Königs Ludwig XIV. führen. Von Kanada aus unternahmen die Franzosen unter Frontenac drei Vorstöße gegen die Kolonien, wobei sie mit mehreren hundert Indianern bis nach Shenectady vordrangen, diesen Ort niederbrannten und den größten Teil seiner Bewohner töteten.

Leisler fiel die schwierige Aufgabe zu, die Franzosen zurückzuwerfen. Er raffte sofort alle verfügbaren Soldaten zusammen und sandte dieselben nach Albany, dessen Fort ihnen nun bereitwilligst eingeräumt wurde. Ferner errichtete er, um einem neuen Überfall vorzubeugen, fünfzig Meilen von dem Ort entfernt einen starken Außenposten und lud endlich Vertreter sämtlicher von den Franzosen bedrohten Neu-Englandstaaten nach New York ein, um über gemeinsame Schritte zur Züchtigung der Feinde zu beraten. Diese am 1. Mai 1690 abgehaltene Versammlung war insofern von hoher Bedeutung, als die Kolonien sich zum erstenmal zu gemeinsamem Handeln, zur Ausrüstung eines Heeres und einer Flotte entschlossen.

Die Kolonien New York, Connecticut, Plymouth, Massachusetts und Maryland verpflichteten sich, zusammen 850 Mann aufzubringen. Im Verein mit 1600 Mohawkindianern sollten dieselben über Land nach Canada vordringen. Gleichzeitig sollte eine 32 Schiffe zählende Flotte den St. Lorenzstrom hinauffahren und Quebek angreifen. Dieser groß angelegte Plan, das erste von den Kolonien auf eigene Kosten und Verantwortung ins Werk gesetzte gemeinschaftliche Unternehmen, kam tatsächlich zur Aufführung. Leider erwiesen sich aber die mit der Führung von Heer und Flotte betrauten Personen, Winthrop und Philipps, so wenig als tatkräftige Männer, daß der Zweck der Expedition fast vollständig verloren ging. Nur Leisler hatte einigen Erfolg, indem er sechs französische Schiffe, die sich bis vor den Hafen von New York wagten, kaperte. Trotz dieses Erfolgs säumten die Gegner Leislers nicht, ihn allein für das Mißlingen des Unternehmens, welches den Kolonien bedeutende Kosten verursacht hatte, verantwortlich zu machen. War dasselbe doch auf seine Anregung zurückzuführen! Desgleichen benützten sie jede andere Gelegenheit, um das Ansehen Leislers zu untergraben und die Zahl seiner Anhänger durch Versprechungen und Bestechung zu vermindern.

So kam das Jahr 1691 heran. Es war gegen Ende Januar, als ein von England kommendes Schiff die Nachricht brachte, daß Oberst Henry Sloughter vom König zum Gouverneur von New York ernannt worden sei. Derselbe befinde sich mit mehreren Fahrzeugen und zahlreichen Truppen unterwegs, um die Regierung der Provinz zu übernehmen. Ein schwerer Sturm hatte die kleine Flotte zerstreut und Sloughter genötigt, mit seinem Fahrzeug den Schutz der Bermudas aufzusuchen. Überbringer dieser Botschaft war Major Richard Ingoldsby, der Befehlshaber der auf den Schiffen befindlichen Truppen.

Kaum war die Ankunft dieses Mannes bekannt geworden, als die Feinde Leislers ihn an Bord des Schiffes besuchten und mit Höflichkeiten überschütteten. Natürlich versäumten sie nicht, die augenblickliche Lage in New York und die Volksregierung in den schwärzesten Farben zu schildern. Infolgedessen wurde Ingoldsby so gegen Leisler eingenommen, daß er dessen Einladung, in seinem Hause Quartier zu nehmen, barsch abschlug und die sofortige Übergabe der Stadt und des Forts verlangte. Zum Erfüllen dieses Verlangens konnte Leisler sich aus guten Gründen nicht entschließen. Als er nämlich Ingoldsby um dessen Legitimationen und Vollmachten ersuchte, vermochte dieser nichts weiter als sein Offizierspatent vorzuzeigen. Daraufhin das Fort auszuliefern, fühlte Leisler sich nicht berechtigt, zumal die Möglichkeit eines Betrugs keineswegs ausgeschlossen war. In der Uniform des englischen Majors konnte sich sehr wohl ein Anhänger des vertriebenen Königs James II. verstecken. Indem Leisler sich weigerte, dem Offizier das Fort zu überliefern, folgte er nur dem Gebot der Klugheit. Aber Ingoldsby, ein hochfahrender, von seiner Würde sehr eingenommener Mann, fühlte sich in seiner Soldatenehre arg verletzt. Von den Aristokraten überdies aufgehetzt, beschloß er, die Übergabe des Forts mit Waffengewalt zu erzwingen.

Die jetzt in hellen Haufen nach New York zurückkehrenden Feinde Leislers schürten das Feuer. Dazu hatten sie reiche Gelegenheit, als Ingoldsby bei einem der Ihrigen, Frederick Philipse, Wohnung nahm.

Die ersten Schritte Ingoldsbys bestanden in der Besetzung des Stadthauses und dem Erlaß eines öffentlichen Aufrufs an das Volk, seine Treue zur königlichen Regierung dadurch zu bekunden, daß es ihn beim Begründen einer geordneten Verwaltung unterstütze. Diejenigen, welche ihm Hindernisse in den Weg legten, hätten zu gewärtigen, als Rebellen betrachtet und behandelt zu werden.

Diesen Aufruf beantwortete Leisler am 3. Februar mit einem öffentlichen Protest, in welchem er erklärte, daß man wohl Nachrichten über die Ernennung des Hauptmanns Henry Sloughter zum Gouverneur besitze, daß derselbe aber bisher niemandem Befehle oder Weisungen betreffs der Regierung von New York erteilt habe. Nichtsdestoweniger maße Ingoldsby, aufgereizt durch gewisse Gentlemen, sich allerlei Rechte an, gegen die im Namen des Königs Widerspruch erhoben werden müsse. Für jeden Gewaltstreich und etwa dadurch hervorgerufenes Blutvergießen sei Ingoldsby verantwortlich.

Dieser Protest hielt die rasche Entwicklung der Dinge nicht auf. Im Gegenteil, dieselben nahmen eine Gestaltung an, wie New York sie nie vordem erlebte und wohl niemals wieder erleben wird. Zwei Parteien, jede auf ihre Königstreue pochend, standen auf einem sehr engen Raume einander feindlich gegenüber, nicht geneigt, in ihren vermeintlichen Rechten das Geringste nachzugeben. Zwischen den beiden Parteien befanden sich die irregemachten Bürger, nicht wissend, wie sie sich verhalten und wem sie sich anschließen sollten.

Wäre Gouverneur Sloughter in diesem kritischen Augenblick eingetroffen, so hätte die Lage sich vielleicht noch zum Guten gewendet. Aber leider verstrichen Wochen, ohne daß das von Leisler sehnsüchtig erwartete Schiff des Gouverneurs auftauchte. Unterdessen spitzten sich die Dinge immer mehr zu. Aufgestachelt von den Aristokraten und dreist gemacht durch Leislers passives Verhalten, begann Ingoldsby das von jenem gehaltene Fort förmlich zu belagern. Er ließ alle dorthin führenden Straßen sperren, verbot jedermann, Nahrungsmittel nach dem Fort zu bringen und befahl die Beschießung sämtlicher Boote, die dem Fort sich nähern oder von dort abfahren würden. Leisler beantwortete diese brutalen Feindseligkeiten damit, daß er einige Soldaten, die dem Fort herausfordernd sich näherten und die Posten verhöhnten, aufgreifen und einsperren ließ. In blinder Wut befahl Ingoldsby nun die Erstürmung zweier nahegelegener Blockhäuser sowie die Beschießung des Forts. Acht grobe Geschütze wurden aufgepflanzt und die kleine Festung mit Kugeln überschüttet. Ob die Insassen des Forts Verluste erlitten, ist aus den vorhandenen Zeugenaussagen (dieselben finden sich in der von der New York Historical Society im Jahre 1868 veranstalteten Sammlung Leislerschen Dokumente) nicht ersichtlich. Aus einer geht aber hervor, daß durch einen Unfall beim Abfeuern der Geschütze drei Soldaten Ingoldsbys umkamen und fünf Verwundungen erlitten. Außerdem wurde ein Mann durch einen Schuß getötet, von dem nicht festgestellt werden konnte, ob er von Ingoldsbys Soldaten oder aus dem Fort abgefeuert war.

Obwohl nach den gleichen Zeugenaussagen Leisler in wenigen Augenblicken die ganze Stadt hätte in Trümmer schießen können, so enthielt sich dieser doch solcher Maßnahmen. Er sandte vielmehr am 12. März einen Brief an Gouverneur Sloughter nach Bermuda, in welchem er schrieb, daß infolge seiner Abwesenheit und infolge der Ausschreitungen Ingoldsbys die Dinge so in Unordnung geraten seien, daß er zu Gott flehe, seine Exzellenz baldigst in New York erscheinen zu lassen.

Ob dieser Brief in den Besitz des Gouverneurs gelangte, ist ungewiß. Der letzte traf endlich am 19. März 1691 auf dem Admiralschiff »Archangel« im Hafen ein. Natürlich wurde er von dem auf der Lauer liegenden Ingoldsby und den Häuptern der Aristokratenpartei sofort eingeholt, im Triumph nach der Stadt geleitet und gleichfalls im Hause eines Aristokraten einquartiert. Sloughter, ein Mann von schwachem, unselbständigem und leichtfertigem Charakter, Schmeicheleien sehr zugängig, durch verschwenderische Lebensweise finanziell und moralisch heruntergekommen, und gleich allen Standespersonen jener Zeit geneigt, das Volk als rechtlos und nur für die Zwecke der Aristokratie existierend zu betrachten, wurde das willenlose Werkzeug der Aristokraten. Diese überschütteten ihn so mit Klagen über die durch den Despoten Leisler erduldeten Vergewaltigungen, daß er noch am Abend seiner Ankunft Leisler und seine Räte für abgesetzt erklärte. Gleichzeitig bildete er aus den Häuptern der Aristokraten einen neuen Rat, in welchem die noch im Fort gefangengehaltenen Bayard und Nicholls Ehrenämter erhielten. Damit war der Untergang Leislers besiegelt.

Leisler hatte dem Gouverneur gleich nach seiner Ankunft durch mehrere Abgesandte seine Hochachtung entbieten lassen und ihn ersucht, Bestimmungen zur ordnungsmäßigen Übergabe des Forts zu treffen. Wie sehr Sloughter aber bereits von den Feinden Leislers beeinflußt war, ergibt sich daraus, daß er dessen Abgesandte verhaften ließ und dem Major Ingoldsby nachstehenden schriftlichen Befehl ausfertigte:

»Sir! Ich befehle Ihnen hierdurch, mit Ihrer Kompagnie Fußsoldaten vor das Fort dieser Stadt zu marschieren und abermals dessen sofortige Übergabe zu verlangen. Sollten, nachdem Sie im Besitz desselben sind, Kapitän Leisler und diejenigen Personen, welche man seine Räte nennt, sich nicht ergeben, so verhaften Sie dieselben im Namen Sr. Majestät und bringen sie alle vor mich und meinen Rat.

Ihr Freund
H. Sloughter.«

New York, 20. März 1691.

Dieser Befehl gab dem erbitterten Ingoldsby erwünschte Gelegenheit, sich an Leisler zu rächen. Sobald Leisler ihn und seine Soldaten in das Fort eingelassen, erklärte er Leisler und dessen Räte für verhaftet und schleppte sie vor den Gouverneur ins Stadthaus.

Aus einem Brief, der gleichfalls in der von der New York Historical Society herausgegebenen Sammlung abgedruckt ist, geht hervor, welch schmachvoller Behandlung Leisler seitens der Aristokraten in Gegenwart des Gouverneurs ausgesetzt wurde.

»Nachdem Se. Exzellenz nur wenige Worte an ihn gerichtet hatte, ließ sie es ruhig geschehen, daß man Leisler ins Gesicht spuckte, ihm Perücke, Schwert, Gürtel und einen Teil der Kleider abriß. Sie behandelten ihn gleich wütenden Furien, legten ihn in Ketten und warfen ihn in ein schmutziges, mit Gestank erfülltes unterirdisches Loch.«

Leisler hatte seine Verhaftung widerstandslos geschehen lassen in der festen Zuversicht, der Gouverneur wie die Regierung in England würden sein durchaus korrektes Verhalten aus den Gerichtsverhandlungen erkennen und ihm volle Genugtuung geben. Aber er unterschätzte den fanatischen Haß seiner Gegner, die nur noch ein Ziel, die gänzliche Vernichtung Leislers kannten. Sie schlugen Sloughter vor, die Prozessierung ihres Feindes einem Spezialgerichtshof zu überweisen. Diesem Vorschlag kam der Gouverneur um so bereitwilliger nach, als er dadurch der Verantwortung für den Schiedsspruch enthoben wurde. Natürlich war dieser Gerichtshof aus lauter Feinden Leislers zusammengesetzt. Obwohl dieser die Kompetenz desselben bestritt und in England prozessiert zu werden verlangte, so wurde das Verfahren gegen ihn dennoch ›wegen gewaltsamer Auflösung des Rates des früheren Vizegouverneurs Nicholson, wegen unrechtmäßiger Aneignung der höchsten Macht, wegen unbefugter Erhebung der Steuern, wegen Rebellion gegen den König‹ usw. eingeleitet.

In der obenerwähnten Dokumentensammlung befindet sich ein Blatt, auf dem eine ungenannte Person, unzweifelhaft Leisler selbst, Bemerkungen in holländischer Sprache über eine Gerichtssitzung niedergeschrieben hat. Dies Blatt gewährt Einblick in die geradezu frivole Behandlung, der Leisler unterworfen wurde. Es möge hier eine Stelle finden.

»Was geschehen ist, als ich vor Gericht erschien. Ein Schriftstück wurde mir vorgelesen. Ich antwortete, daß ich dasselbe nicht verstehe und bat um einen Dolmetscher. Stephanus van Cortlandt, der von der Volkspartei abgesetzte Bürgermeister von New York, erklärte, daß ich des Aufruhrs beschuldigt sei. Ich brauche nur zu sagen, ob ich mich schuldig bekenne oder nicht. Sie alle suchten mich zu der ersten Erklärung zu bereden. Ich antwortete, daß ich mich nicht schuldig bekennen könne in einem Fall, in dem ich vom König und seinem Gerichtshof sicher freigesprochen würde. Sie schrien mich unter größtem Lärm an, ich solle englisch reden und jeder beschimpfte mich. Ich ersuchte aufs neue um einen Dolmetscher und fragte, wem ich Rede zu stehen habe; ich sei bereit, ihnen allen zu antworten. Desgleichen, daß sie sich schämen sollten, einen Spott aus ihrem Gerichtshof zu machen; es scheine für sie einem Sport gleichzukommen, einen Mann abzuurteilen oder ihn zu töten.

Das Stadthaus zu New York, in dem Leisler prozessiert wurde. Nach einem alten Stich.

Der Richter fragte, was ich gesagt habe. Aber Cortlandt übersetzte das Gesagte in einer sehr nachteiligen, falschen und verkehrten Weise.

Sie sagten, ich solle mich der Gnade des Gerichtes unterwerfen, worauf ich entgegnete, daß ich keine Gnade suche, da ich wohl wisse, dieselbe hier nicht finden zu können, wo jeder ›kreuziget ihn, kreuziget ihn!‹ rufe.

Der Gerichtsbeamte packte mich darauf gewalttätig an, ergriff sein Schwert und drohte, mich zu erstechen. Ich entblößte meine Brust und sagte, er sei ein Feigling und wage nicht, das zu tun. Ein Kinderspielzeug passe ihm besser als das Schwert ...«

Hier brechen die Aufzeichnungen ab. Daß von einem Gerichtshof wie dem hier geschilderten weder Gerechtigkeit noch Gnade zu erwarten seien, war gewiß. Und in der Tat verhängte derselbe am 15. April über Leisler, seinen Schwiegersohn Milborne sowie sechs Mitglieder des von Leisler eingesetzten Rats wegen Hochverrates das Todesurteil. Zugleich wurde die Einziehung ihres Vermögens verfügt. –

Unter allen nicht zur aristokratischen Partei gehörenden Bewohnern der Kolonie New York erregte der ungerechte Spruch Erbitterung und Bestürzung. Man bestürmte den Gouverneur durch Bittschriften, die Verurteilten zu begnadigen. Aber die Feinde Leislers wußten es einzurichten, daß die Bittgesuche gar nicht in die Hände des Gouverneurs gelangten. Nur zu einem Zugeständnis, zur Begnadigung der sechs Räte ließen sie sich herbei. Der Tatsache vergessend, daß Leisler in hochherziger Weise zwei der Ihrigen, Bayard und Nicholls, geschont, drängten sie angesichts der von Tag zu Tag im Volke wachsenden Gärung auf schnelle Vollstreckung des Urteils, damit der Sieg ihnen nicht im letzten Augenblick entschlüpfe. Um den Schein zu wahren, veranlaßten sie die anfangs Mai in New York zusammentretende, fast nur aus Mitgliedern der Aristokratenpartei bestehende gesetzgebende Körperschaft der Provinz zur Abgabe eines Beschlusses, durch welchen Gouverneur Sloughter zur Bestätigung des ›von allen loyalen Bürgern gebilligten‹ Todesurteils aufgefordert wurde, da ›das Urteil zur Unterdrückung des in der Provinz umgehenden revolutionären Geistes wesentlich beitragen werde‹.

Trotzdem zögerte Sloughter, der die ganze Haltlosigkeit des Prozesses, den fanatischen Haß sowie die Selbstsucht der Feinde Leislers durchschaute, das Todesurteil zu unterzeichnen. Er erklärte, vorher nach England über den Fall berichten zu wollen. Das mußten die Aristokraten unter allen Umständen verhüten, da dann eine Aufdeckung ihres schandbaren Treibens zu befürchten stand. Sie machten deshalb den Gouverneur während eines großen Gelages sinnlos betrunken und ließen ihn so unter Versprechen einer großen Summe Geldes das Todesurteil Leislers und Milbornes unterzeichnen.

Als den beiden das Urteil verkündigt wurde, protestierten sie gegen die Vollstreckung, bis der Entscheid des Königs gehört worden sei. Aber ihr Protest blieb unbeachtet. Noch ehe der Gouverneur seinen Rausch ausgeschlafen hatte, wurden in der Frühe des 16. Mai 1691 Leisler und Milborne auf den Richtplatz geschleppt und am Galgen gehängt. Die Leichen wurden überdies noch geköpft. Von welch grauenhafter Rachgier Leislers Feinde besessen waren, ergibt sich aus den Zeugenaussagen einer Frau Latham. Sie erklärte, daß der Henker, nachdem er die Leiche Leislers geköpft hatte, dieselbe öffnete, um das Herz herauszunehmen, für welches ihm eine den Aristokraten angehörende Dame eine hohe Belohnung versprochen habe. An dieser Freveltat wurde der Henker nur durch den Einwand eines Mannes verhindert.

Die Leichen der Gerichteten begrub man auf einem dem Galgen gegenübergelegenen Grundstück der Familie Leislers, wo heute Park Row und Spruce Street zusammentreffen.

Die Aristokraten schwelgten in Freude über ihren Sieg. Am Herzen des Gouverneurs aber nagte das Gewissen, daß er bei dem zwiefachen Justizmord mitgeholfen. In einem Berichte der Ältesten der holländischen Kirche zu New York an die Regierung heißt es, daß er keine ruhige Stunde mehr gehabt habe und in Trübsinn verfallen sei.

Leislers Grabstätte auf dem ehemaligen Friedhof der holländischen Gemeinde zu New York

Die Magistratspersonen suchten diesen Trübsinn zu zerstreuen, indem sie den Gouverneur häufig total betrunken machten. Aber sobald der Rausch ausgeschlafen war, bemächtigten Reue und Verzweiflung sich seiner aufs neue. Von seinen Genossen keinen bessern Trost in seinen Klagen empfangend, als Judas von den Hohenpriestern empfing, stürzte er von einer leidenschaftlichen Zerstreuung zur andern, bis er plötzlich an einer Herzkrankheit starb.

Wie die Wahrheit stets zum Durchbruch kommt, so sollte auch dem Andenken Leislers Gerechtigkeit werden. Angesehene Männer, darunter der spätere Gouverneur Lord Bellemont, der die grenzenlose Selbstsucht der Aristokraten erkannte, unterstützten die von den Hinterbliebenen der Ermordeten beim König erhobenen Beschwerden über das Urteil, sowie die Gesuche um Rückgabe der eingezogenen Besitztümer.. Allerdings bedurfte es jahrelanger Kämpfe, bis Leislers Sohn in sein väterliches Erbe eingesetzt wurde und vom englischen Parlament das Erkenntnis erwirkte, daß das über Leisler und Milborne gefällte Urteil für ungültig und beider Verhalten als gesetzmäßig und loyal anzuerkennen sei.

Dieses Erkenntnis erregte bei den Bürgern von New York hohe Befriedigung. Sie beschlossen, der Ehrenerklärung der Gerichteten durch feierliche Überführung ihrer Überreste zum Friedhof der holländischen Gemeinde auf sichtbare Weise Ausdruck zu verleihen. Diese Feierlichkeit erfolgte am 20. Oktober 1698 unter Teilnahme von 1500 Personen, die sich trotz eines starken Schneesturmes von diesem Akt der Pietät nicht abhalten ließen. –

Aus den Gräbern der Gemordeten aber stieg der Geist der Vergeltung empor. Er lebte fort in der Volkspartei, die sich ihrem gesunkenen Führer zu Ehren fortan die ›Leislersche Partei‹ nannte und stetig an Boden gewann. Bei den Wahlen des Jahres 1699 gaben die Leislerianer bereits 455, ihre Gegner nur 177 Stimmen ab; in der gesetzgebenden Körperschaft, der Assembly, eroberten sie von 21 Sitzen deren 16. Schärfer und schärfer wurde ihr Widerstand gegen die Aristokraten und deren angemaßte Vorrechte. Von New York aus verpflanzte sich die Bewegung während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts über alle anderen, ähnlichen Bedrückungen ausgesetzten englischen Kolonien der Ostküste Nordamerikas und führte endlich zu jenem großartigen Freiheitskriege, aus welchem der Bund der Vereinigten Staaten hervorging. Jakob Leisler, der Frankfurter, darf mit vollem Recht als der erste Märtyrer dieses gewaltigen, zu seinen Lebzeiten anhebenden Freiheitskampfes gelten.

Leislers Verdienst ist es ferner, bei den Bewohnern der Kolonien zuerst das Bewußtsein der Interessengemeinschaft erweckt zu haben, indem er Vertreter sämtlicher Kolonien nach New York berief, um sie zu gemeinsamen Maßregeln gegen die Franzosen zu veranlassen.

Die am 1. Mai 1690 unter seinem Vorsitz in New York abgehaltene Zusammenkunft von Vertretern mehrerer Kolonien war der Vorläufer jenes großen Kongresses, welchem 86 Jahre später das bedeutsamste und folgenreichste Dokument der Menschheit, die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika entsprang.

Leislers Siegel und Unterschrift.

Porträt Augustin Herrmans.

Augustin Herrman, der erste deutsche Kartograph; Johann Lederer, der erste deutsche Forschungsreisende in Nordamerika.

Neben deutschen Soldaten kamen auch deutsche Handwerker schon frühzeitig nach der Neuen Welt. Wegen ihres, in langen Dienstjahren erworbenen gründlichen Könnens wurden sie überall so geschätzt, daß sie mit Sicherheit darauf rechnen konnten, auch in der Fremde gutes Auskommen zu finden.

Meist kamen die deutschen Handwerker über holländische, englische oder spanische Häfen. Zu den über Spanien Auswandernden gehörte der Buchdrucker Johann Cromberger, der bereits im Jahre 1538 in der Stadt Mexiko eine Druckerei gründete und die dort hergestellten Werke mit dem Zusatz versah: »Impressa en la gran ciudad de Mexico en casa de Juam Cromberger.« –

Im ersten Kapitel seiner »History of the German Element in Virginia« führt Hermann Schuricht zahlreiche Beweise dafür an, daß auch in Jamestown, der ersten englischen Ansiedlung von Virginien, manche deutsche Handwerker lebten. Dieselben mögen auf Grund jener Empfehlung dorthin gebracht worden sein, welche Kapitän John Smith, der Deutschland durch Augenschein kannte, an den Rat der Kolonie richtete: »to send to Germany and Poland for laborers.«

Deutsche Handwerker zur Auswanderung nach Nordamerika zu bewegen, fiel nicht schwer. Die politischen und wirtschaftlichen Zustände Deutschlands waren durch den Dreißigjährigen Krieg so traurig geworden, daß Tausende ins Ausland flüchteten. Die meisten wandten sich nach den Niederlanden oder England, wo die Erwerbsmöglichkeiten am günstigsten lagen. Besonders die in Amsterdam und London bestehenden Kolonisationsgesellschaften waren stets bereit, tüchtige Handwerker anzuwerben und nach den in der Neuen Welt gegründeten Niederlassungen zu schicken.

Neben solchen Handwerkern begannen auch bereits den gebildeten Klassen angehörende Deutsche in den Kolonien aufzutauchen. Johann Huygen aus Wesel, der Schwager Peter Minnewits, des Generaldirektors von Neu-Niederland, hatte den wichtigen Posten eines Lagerverwalters in Neu-Amsterdam inne. Peter Petersen Bielefeld, offenbar auch ein Deutscher, war der erste Beirat. Dr. Lubbertus van Dinklage, einer der fähigsten Beamten der »Niederländisch-Westindischen Gesellschaft«, brachte es zum Vizedirektor. Als Notar amtete um das Jahr 1650 Tielman van Vleck aus Bremen in Neu-Amsterdam. Erster lutherischer Pfarrer war Johann Ernst Gutwasser. Ihm folgte im Jahre 1669 der Schlesier Jakob Fabricius. Paulus van der Beek aus Bremen, Wilhelm Trophagen aus dem Detmoldischen und Hans Kierstede aus Magdeburg waren als Ärzte in Neu-Amsterdam tätig. Unter den Handeltreibenden erfreuten sich Paul Schriek aus Nürnberg, Gysbert Opdyck aus Wesel, Hieronimus Ebbing aus Hamburg und vor allem der Hamburger Nikolaus de Meyer großen Ansehens. Meyer besaß eine Brauerei, eine Windmühle und eine ganze Anzahl Bauerngüter. Nachdem er mehrere städtische Ämter bekleidet hatte, wurde er 1676 Bürgermeister.

Über umfassende Bildung verfügte auch der Landvermesser Augustin Herrman. Von protestantischen Eltern in Prag geboren, hatte er an der dortigen Hochschule studiert und später an den Kriegszügen Gustav Adolfs teilgenommen. Um das Jahr 1630 kam er nach Virginien, von wo er später nach Neu-Amsterdam übersiedelte, um dort seine reichen Kenntnisse in den verschiedensten Richtungen zu verwerten. Gouverneur Stuyvesant ernannte ihn im Jahre 1647 zu einem der neun mit der Verwaltung der Kolonie betrauten Räte. Wichtige Dienste leistete Herrman ferner als Landvermesser. Wahrscheinlich entstammen die in Van der Donks »Beschreyvings van Niew Nederland« (gedruckt 1655 in Amsterdam) enthaltene Karte von Neu-Niederland sowie die in demselben Buch enthaltene älteste Ansicht von Neu-Amsterdam seiner Hand.

Schon im Jahre 1659 befürwortete Herrman die kartographische Aufnahme Neu-Niederlands und der englischen Grenzgebiete.

Stuyvesant bestimmte ihn neben Waldron zum Spezialkommissar, um in dem Grenzstreit zwischen Neu-Niederland und der südlich davon entstandenen englischen Kolonie Maryland die Ansprüche der Niederländer zu verteidigen. Herrman stellte sich dabei auf den Standpunkt, daß das Patent des Lord Baltimore denselben nur zum Besetzen solcher Landstriche berechtige, die nie zuvor von Europäern bewohnt worden seien. Diese Auslegung sagte aber den Behörden Marylands so wenig zu, daß sie vorschlugen, die Entscheidung den Regierungen der beiden Mutterländer zu überlassen.

Vor seiner Rückkehr nach Neu-Amsterdam besuchte Herrman verschiedene Teile der englischen Kolonien Maryland und Virginien. Die Schönheit Marylands entzückte ihn so, daß er im Jahre 1660 dem Lord Baltimore anbot, eine genaue Karte der Kolonie anfertigen zu wollen, wenn man ihm als Entschädigung hierfür ein gewisses, in Maryland gelegenes Stück Land abtrete. Da zwischen Maryland und Virginien gleichfalls Grenzstreitigkeiten bestanden, die nur auf Grund guter Karten entschieden werden konnten, so kam das Angebot Herrmans sehr gelegen. Herrman siedelte nach Maryland über und erlangte im Jahre 1666 durch einen Beschluß der dortigen Legislatur samt seinen Kindern das Bürgerrecht.

Die von ihm angefertigte Karte wurde in England von dem berühmten Kupferstecher William Frithorne gestochen. Sie war so vorzüglich, daß der König sie als die beste bezeichnete, die er je gesehen habe. Sie trägt auch das Porträt ihres Urhebers mit der Unterschrift: »Augustine Herrman, Bohemian«. Ferner eine mit den Figuren eines Indianers und einer Indianerin geschmückte Vignette mit der lateinischen Inschrift: »Virginien und Maryland, wie sie angepflanzt und bewohnt waren im Jahre 1670. Vermessen und gezeichnet von Augustin Herrman aus Böhmen.«

Das Land, welches Herrman als Entschädigung für seine Arbeit erhielt, maß 5000 Acres und lag am Elk River in der heutigen Grafschaft Cecil. Durch Ankauf anderer Grundstücke vergrößerte Herrman dieses Besitztum später um weitere 15 000 Acker und teilte das Ganze in die Güter: »Bohemia Manor«, »St. Augustine Manor«, »Little Bohemia Manor« und »The three Bohemian Sisters«.

Wichtige Dienste leistete Herrman später bei der Festlegung der Grenze zwischen Maryland und Pennsylvanien. Er starb nach dem Jahre 1684 und wurde im Garten seiner Besitzung Bohemia Manor begraben.

Namenszug Augustin Herrmans.

Um dieselbe Zeit, wo Herrman in Maryland tätig war, beschäftigte sich ein anderer junger deutscher Gelehrter, Johann Lederer, mit der Erforschung Virginiens. Er war im Jahre 1668 nach Jamestown gekommen und dort mit dem Gouverneur Berkly bekannt geworden. Dieser betraute ihn mit der Aufgabe, die im Westen von Virginien aufragenden unbekannten Gebirge zu erforschen und zu sehen, ob sie einen Paß besäßen, durch den man nach dem Indischen Ozean gelangen könne.

Columbus war bekanntlich in dem Glauben gestorben, daß die von ihm entdeckten Länder Teile Asiens und der ostindischen Inselwelt seien. Erst allmählich drängte sich seinen Nachfolgern die Überzeugung auf, daß man einen neuen Erdteil vor sich habe, der den ganzen, zwischen der arktischen und der antarktischen Zone gelegenen ungeheuren Raum ausfülle und gleich einem Wall den Weg nach Indien versperre.

War das Staunen über diese »Neue Welt« begreiflicherweise groß, so hoffte man aber, daß der gewaltige Erdteil irgendwo einen Durchlaß besitze, durch den man nach Indien kommen könne. Das Auffinden einer solchen Wasserstraße war der Traum eines Balboa und Cortes, der beiden Cabots, eines Verrazano, Cartier, Hudson und zahlreicher anderer Entdecker. Aber keinem hatte sich dieser Traum erfüllt. Nichtsdestoweniger blieb der Glaube an die Existenz einer Durchfahrt bis ins 17. Jahrhundert lebendig. Gouverneur Berkley nahm an, daß der Indische Ozean sich bis an die Westseite der Virginien durchziehenden Gebirge erstrecke. Bestätigte sich diese Annahme, so mußte Virginien die Durchgangsstation für den Handel zwischen Europa und Asien werden.

Von dem heißen Wunsch beseelt, über diesen Punkt Klarheit zu schaffen, drang Lederer während der Jahre 1669 und 1670 dreimal bis in die Appalachengebirge vor. Seine in lateinischer Sprache niedergeschriebenen, von dem Gouverneur Talbot von Maryland im Jahre 1671 ins Englische übertragenen Reiseschilderungen kamen im Jahre 1672 in London zum Druck. Sie enthalten höchst anschauliche Beschreibungen der durchquerten Wildnis und gewaltigen Gebirge. Zugleich wertvolle Beobachtungen über die unterwegs angetroffenen Indianer und Tiere.

Trotz aller Anstrengungen war es Lederer aber nicht beschieden, die vielen parallel laufenden Gebirgsketten der Appalachen zu überschreiten. Hatte er eine glücklich erklommen, so sah er dahinter andere, noch höhere aufragen, die er nicht zu übersteigen vermochte, da ihm Proviant und Ausrüstung fehlten.

Nach Beendigung seiner überaus mühevollen Wanderungen zog Lederer folgenden Schluß: »Diejenigen befinden sich in großem Irrtum, welche annehmen, daß der Erdteil Nordamerika zwischen dem Atlantischen und dem Indischen Ozean nur acht bis zehn Tagereisen breit sei.«

Aus mancherlei Andeutungen der Indianer glaubte er aber schließen zu dürfen, daß sich nordwestlich von den Appalachen große Wasser befänden: »Vielleicht ein Arm des Indischen Ozeans oder die Bai von Kalifornien.« – Es waren unbestimmte Nachrichten über die fünf großen Binnenseen, die um dieselbe Zeit von französischen Pelzhändlern zuerst erforscht wurden.

Durch Lederers Entdeckungen angeregt, sandte Gouverneur Berkley später noch den deutschen Kapitän Henry Batte auf eine Forschungsreise in die westlichen Gebirge. Aber auch diesem glückte es nicht, die wilden Ketten zu übersteigen, zumal die indianischen Führer aus Furcht vor den westlich wohnenden Stämmen sich weigerten, weiter zu gehen. Die Expedition kehrte zurück, ohne den Berichten Lederers etwas Neues hinzufügen zu können.

Lederer erwuchs aus seinen mühevollen Wagnissen kein Dank. Seine Begleiter, die ihn auf seiner zweiten Expedition schmählich im Stich gelassen hatten, verbreiteten, um ihre eigene Feigheit zu bemänteln, allerlei ungünstige Nachrichten über ihn. Obendrein hetzten sie die Bewohner Virginiens durch die erlogene Behauptung auf, die Kosten der zwecklosen Reisen müßten von den Kolonisten bestritten werden. Infolgedessen nahmen die letzteren eine so drohende Haltung gegen Lederer an, daß er nach Maryland floh, wo er in dem Gouverneur Talbot einen neuen Beschützer fand.

Indianer aus Virginien. Nach einem Kupferstich des 17. Jahrhunderts.

Aus in den Archiven von Maryland entdeckten Aufzeichnungen wissen wir, daß Lederer in der alten Hansastadt Hamburg geboren war. Im Jahre 1671 lebte er im Calvert County der Kolonie Maryland. Er hatte dort das Bürgerrecht und von den Behörden die auf 14 Jahre ausgedehnte Erlaubnis erworben, mit den im Südwesten der Kolonie hausenden, von ihm entdeckten Indianerstämmen Pelzhandel treiben zu dürfen.

Über die weiteren Schicksale dieses ersten deutschen Forschungsreisenden in Nordamerika ist leider nichts bekannt.

Aus Stake »Deutsche Geschichte«. Plünderung eines Dorfs im dreißigjährigen Krieg. Nach einer gleichzeitigen Radierung.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.