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Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika

Rudolf Cronau: Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika - Kapitel 17
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleDrei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika
publisherDietrich Reimer (Ernst Vohsen)
year1909
correctorreuters@abc.de
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Die neueste Zeit.

Der amerikanische Bürgerkrieg übte auf die Einwandrung in die Vereinigten Staaten naturgemäß eine einschränkende Wirkung. Die Zahl der deutschen Ankömmlinge, die 1854 nicht weniger als 215 000 betragen hatte, sank bis zum Jahre 1862 auf 27 000 herab. Sobald aber die Aussicht, daß die Sache des Nordens siege, zur Gewißheit wurde, begann auch der Zustrom der Deutschen wieder zu steigen, denn im Jahre 1864 kamen bereits wieder 67 000 und im darauffolgenden Jahre 83 000 Deutsche in den Häfen der Union an.

Einen großen Anstoß erhielt die deutsche Einwandrung dadurch, daß die » Hamburg-Amerika Paketfahrt-Actiengesellschaft« sowie der » Norddeutsche Lloyd« regelmäßige Fahrten nach den Vereinigten Staaten ausführten und durch ihre über ganz Deutschland verteilten Agenturen sehr anregend auf die Auswandrungslustigen einwirkten. Infolgedessen stieg die Zahl der nach Amerika ziehenden Deutschen von Jahr zu Jahr, bis sie im Jahre 1882 mit 250 630 Köpfen ihren Höhepunkt erreichte.

Blicken wir auf die deutsche Einwandrung seit 1820 zurück, so finden wir, daß nach den mit jenem Jahre anhebenden, allerdings nicht sehr zuverlässigen offiziellen Aufnahmen während des Zeitraums von 1820 bis 1860, also innerhalb 40 Jahren, 1 545 508 Deutsche sich in der Union niederließen. Nahezu ebenso viele kamen während des nur 20 Jahre umfassenden Zeitraums von 1861 bis 1880; das Jahrzehnt 1881 bis 1890 hingegen reicht mit 1 452 970 Köpfen an die früheren, doppelt und viermal so großen Zeiträume heran. Während der Jahre 1891 bis 1900 trafen 505 152 Deutsche in den Häfen der Vereinigten Staaten ein.

Über die deutsche Einwandrung vor 1820 liegen keine verläßlichen Angaben vor, man wird aber nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß Deutschland bis heute insgesamt gegen 6 bis 7 Millionen Personen an die Vereinigten Staaten abgegeben hat, wobei die über Canada sowie die aus Österreich, der Schweiz, aus Luxemburg, Belgien, Holland, England, Rußland und anderen Teilen der Welt gekommenen Deutschen nicht mitgerechnet sind.

In einem von Emil Mannhardt im Juliheft 1903 der »Deutschamerikanischen Geschichtsblätter« veröffentlichten Aufsatz kommt derselbe zu dem Schluß, daß im Jahre 1900 in den Vereinigten Staaten 13 437 061 Personen mit deutschem Blute vorhanden waren, die 17,68 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Diese waren indessen nur aus der Einwandrung während des 19. Jahrhunderts hervorgegangen, und zu ihnen müssen noch die Nachkommen der früheren Einwandrer gezählt werden. Mannhardt berechnet die Nachkommen der deutschen Einwandrer in Pennsylvanien auf etwas mehr als vier Millionen, was nicht zu hoch ist, denn der vortreffliche Forscher Oskar Kuhns vertritt in seinem Buche »The German and Swiss Settlements in Colonial Pennsylvania« die Ansicht, daß sie vier bis fünf Millionen stark sind. Die Schätzung, daß im Jahre 1800 ein Fünftel der Bevölkerung der Vereinigten Staaten deutsch war, erscheint berechtigt; ebenso der Schluß, daß dieser Teil des Volkes sich jetzt auf rund 13 Millionen vermehrt hat. Berücksichtigt man, daß ein verhältnismäßig großer Teil der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Einwandrung sich sehr lange deutsch erhalten hat, stellenweise sogar bis auf den heutigen Tag, und beachtet man ferner die Spuren deutschen Blutes, welche sich allenthalben in reinen oder verstümmelten deutschen Namen finden lassen, so muß man Mannhardt beistimmen, wenn er zu der Annahme gelangt, daß gegenwärtig in mehr als einem Drittel des amerikanischen Volkes deutsches Blut fließt.

Am stärksten war das deutsche Element zu Anbruch des 20. Jahrhunderts im mittleren Westen vertreten, in Wisconsin, Minnesota, Iowa, Nebraska, Illinois, Dakota und Kansas. Auch in den Industriestaaten des Ostens bildete es einen ungemein starken Bestandteil der Bevölkerung. Weniger zahlreich war es in den Südstaaten. Etwa 50 Prozent der in Deutschland geborenen Deutschen lebten in den Städten, von denen manche es hinsichtlich ihrer deutschen Bevölkerung kühn mit den bedeutendsten Städten Deutschlands aufnehmen können. Groß-New York käme z. B. mit etwa 900 000 deutschsprechenden Personen direkt hinter Berlin und Hamburg. Chicago steht mit etwa 500 000 Deutschen München gleich. Philadelphia hat mehr Deutsche als die Stadt Düsseldorf; St. Louis ebenso viele wie Danzig; Milwaukee ebenso viele wie Straßburg.

Daß ein so zahlreich vertretenes und dazu so kraftvolles Volkselement einen bedeutenden Einfluß auf das Kulturleben Amerikas ausüben muß, ist selbstverständlich. Dieser Einfluß zeigt sich nicht bloß im Erwerbsleben, sondern auch in der Kulturentwicklung der Amerikaner, von denen viele Gebildete, die sich einen offenen Blick bewahrten, bereitwilligst den großen Anteil des Deutschtums an dem Aufschwung Amerikas in materieller und kultureller Hinsicht anerkennen. Sie geben zu, daß, wenn die Einwandrung nach Nordamerika eine ausschließlich englische geblieben wäre, der von den ersten Ansiedlern mitgebrachte und im vorigen Jahrhundert sich immer weiter ausbreitende streng puritanische Geist unausbleiblich zu Einseitigkeit und Erstarrung hätte führen müssen. Sie erkennen an, daß der Einfluß des lebensfreudiger veranlagten Deutschtums das Amerikanertum dieser Gefahr sowie der noch größeren des Versinkens in der immer dichter zu werden drohenden »Almighty-Dollar«-Atmosphäre entrückte.

Wo nämlich deutsche Einwandrer sich niederließen, da regten sie durch ihre freiere Lebensauffassung zur Geselligkeit und zum Frohsinn an. Sie pflegten Gymnastik, Musik, Gesang, Schauspielkunst und Rezitation, veranstalteten gemeinschaftliche Ausflüge und fröhliche Feste, bei denen alle Teilnehmer sich herrlich vergnügten, ohne daß jemals Klagen über Ausschreitungen bekannt geworden wären. Die Deutschen zeigten ihren amerikanischen Mitbürgern, wie man freie Lebensanschauungen besitzen und dabei doch stets maßhalten und Ordnung bewahren kann.

Eine geradezu erstaunliche Entwicklung nahm das deutsche Vereinswesen. Besonders infolge der starken Anregungen, die von den »Achtundvierzigern« ausgingen. Zwar schleppten sich in zahlreichen Vereinen noch Überbleibsel der alten deutschen Sonderbündlerei hin, aber der mächtige Einfluß der Ereignisse der siebenziger Jahre und der überall wahrnehmbare Zug zur Zentralisation werden diese Nachklänge einer glücklicherweise versunkenen Zeit mehr und mehr verwischen.

Die besten Anzeichen dafür sind nicht bloß in dem raschen Wachsen des » Deutschamerikanischen Nationalbundes«, sondern auch in dem zunehmenden Bestreben zu erblicken, dem deutschen Vereinsleben in den sogenannten » Deutschen Häusern« Zentralstellen zu schaffen. Solche, von vielen Vereinen gemeinsam benützten Gebäude, die sowohl dem einzelnen Besucher behagliche Räume darbieten wie auch Säle für größere Zusammenkünfte und Festlichkeiten enthalten, bestehen bereits in manchen Städten. Eines der schönsten und ausgedehntesten ist das » Deutsche Haus in Indianapolis«, welches mit seinen Sälen, Versammlungs- und Beratungszimmern vorbildlich dienen könnte.

Die große Opferwilligkeit der Deutschamerikaner in bezug auf ihr Vereinswesen bekundet sich auch in zahlreichen, oft glänzend ausgestatteten Klubhäusern. Heimstätten, wie die Mitglieder des » Deutschen Liedeskranzes« und des » Arion« zu New York, des »Germaniaklubs« zu Brooklyn, Baltimore und Chicago solche schufen, stehen in nur sehr wenigen deutschen Großstädten einer geselligen Vereinigung ausschließlich zu Gebote. Daß das hier sich entfaltende Vereinsleben die häufig als Gäste erscheinenden Amerikaner zur Gründung ähnlicher Klub- und Gesellschaftshäuser anregte, kann keinem Zweifel unterliegen.

Die Neigung zu engerem Zusammenschluß, zur Zentralisation, bekundete sich auch im kirchlichen Leben der Deutschamerikaner, auf welches wir hier einen flüchtigen Blick werfen wollen.

Als älteste deutsche religiöse Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten dürfte die Deutsche lutherische Kirche zu betrachten sein. Deutsche Lutheraner kamen bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach Neu- Niederland und Neu-Schweden, wo sie sich den dort bestehenden holländischen und schwedischen Gemeinden anschlossen oder eigene gründeten. Eine von dem sächsischen Prediger Justus Falkner gestiftete bestand bereits im Jahre 1703 in Falkners Swamp in Pennsylvanien. Im Lauf des 18. Jahrhunderts schlossen die lutherischen Gemeinden verschiedener Landesteile sich zu Synoden zusammen, die wiederum in der am 22. Oktober 1820 gegründeten General-Synode ein Einheitsband gewannen. Es umfaßte im Jahre 1908 25 Synoden mit 1734 Gemeinden, 265 469 Kommunikanten und 1322 Predigern. Von dieser General-Synode lösten sich im Jahre 1866 mehrere Synoden ab und bildeten das General-Konzil, das im Jahre 1908 437 788 Mitglieder zählte und 2195 Kirchen mit 1433 Geistlichen unterhielt.

Außerdem besteht die von dem Sachsen Karl Ferdinand Wilhelm Walther im Jahre 1847 gegründete Synodal-Konferenz mit 643 599 Mitgliedern, 3101 Kirchen und 244 Predigern. Andere, fast rein deutsche lutherische Körperschaften sind die Ohio-, Iowa-, Texas- und Buffalo-Synoden mit zusammen etwa 220 000 Mitgliedern.

Die Deutsche reformierte Kirche in den Vereinigten Staaten, die den im Jahre 1746 gelandeten Michael Schlatter als Gründer verehrt, besitzt gleichfalls mehrere Synoden, die im Jahre 1863 sich zur Generalsynode verbanden. Im Jahre 1908 hatte sie 1754 Gemeinden mit 1164 Pastoren und 284 073 Kommunikanten. Die im Jahre 1877 gegründete Deutsche evangelische Synode entsprang dem in Missouri entstandenen Deutschen Evangelischen Kirchenverein des Westens, dem sich später andere evangelische Gemeinden anschlossen. Die Synode hatte im Jahre 1908 237 321 Mitglieder, 1262 Kirchen und 974 Geistliche.

Um dieselbe Zeit zählten die Deutschen evangelischen Protestanten 20 000 Mitglieder, 155 Kirchen und 100 Geistliche.

Die von dem Schwaben Wilhelm Nast gestiftete Deutsche Methodistenkirche der Vereinigten Staaten hat etwa 100 000 Mitglieder. Auch die deutschen Baptisten und Presbyterianer unterhalten mehrere hundert Gemeinden, außerdem, gleich allen anderen bereits genannten religiösen Genossenschaften, eigene Seminare, Akademien, Missionshäuser und Zeitschriften.

Der Nassauer Philipp Otterbein stiftete im Jahre 1805 in Baltimore die » Gemeinschaft der Vereinigten Brüder in Christo«, die im Jahre 1908 291 758 Mitglieder mit 4378 Kirchen und 2160 Predigern umfaßte.

Die in den Vereinigten Staaten lebenden deutschen Katholiken gewannen in dem am 15. April 1855 in Baltimore gegründeten Deutschen römisch-katholischen Zentralverein einen Mittelpunkt, dessen Bedeutung beständig im Steigen begriffen ist.

Im Gegensatz zu den anglo-amerikanischen Kirchengemeinden, die sich noch heute durch das von den Puritanern ererbte starre Festhalten am Buchstabenglauben, an strengster Sonntagsruhe und gänzlicher Enthaltung aller geistigen Getränke kennzeichnen, hegen die deutschamerikanischen Gemeinden einen freieren Geist, der menschlicher Freude nicht grundsätzlich abhold ist, sondern die Pflege heiterer, durch Musik und Gesänge verschönten Geselligkeit die gebührende Beachtung zuteil werden läßt.

Dem Einfluß dieses liberaler gesinnten Deutschtums ist die Umgestaltung der amerikanischen Sonntagsfeier zu danken. Solchen Europäern, die vor einem Vierteljahrhundert die Vereinigten Staaten besuchten und den »amerikanischen Sonntag« kennen lernten, steht derselbe als ein Tag drückendster Langerweile in Erinnerung. In vielen Staaten war es infolge des eingestellten Eisenbahn- und Schiffsverkehrs nicht möglich, einen Ausflug zu unternehmen. Sämtliche Museen, Bibliotheken, Theater und Konzerthallen blieben geschlossen. Öffentliche Vergnügungen waren ebenso verpönt, als daheim nichtgeistliche Gesänge und Musikstücke erklingen zu lassen. Kein Ton der Freude, kein frohes Lachen erhellte die Gesichter. Der Glanz der Sonne, das Zwitschern und Singen der Vögel, die Pracht der Natur blieben ohne Eindruck auf die Gemüter, die von dem Irrwahn befangen waren, daß dieses Leben nur als eine Vorbereitung für das Jenseits zu gelten habe. Es bedurfte jahrelanger Kämpfe, um so düstere, sich und andere um jede Lebensfreude betrügende Anschauungen zu besiegen.

Aber schrittweise gelang es den Deutschen, auch auf diesem Gebiet Eroberungen zu machen und zeitgemäße Änderungen herbeizuführen. Auf ihr Betreiben wurden die Museen, Bibliotheken und Lesehallen auch Sonntags geöffnet und dadurch den während der Woche beschäftigten Arbeitern und Geschäftsleuten zugängig. Die Eisenbahnen und Schiffe nahmen einen beschränkten Verkehr auf und ermöglichten es den Erholungsbedürftigen, die Pracht und den Frieden der Wälder, die erquickende Frische der Seeluft zu genießen. Deutsche Gesangvereine veranstalteten in den öffentlichen Parkanlagen freie Konzerte und bahnten dadurch an, daß solche heute in vielen Städten während der Sommermonate zu den stehenden Einrichtungen gehören. Welch eine Quelle des Genusses, der Erhebung und Bildung dieselben für die Bevölkerung sind, ist für jeden ersichtlich, der in den gewaltigen Parks der Stadt New York Tausenden von sonntäglich gekleideten Menschen, die Damen in duftigen Toiletten, lustwandelnd oder auf Felsen und im grünen Grase lagernd den Klängen der Musik lauschen sieht.

Andere Teile der Parks wurden dem Ball- und Lawn-Tennisspiel freigegeben, und so hat der wegen seiner Öde verrufene amerikanische Sabbat begonnen, sich mehr und mehr in einen wahrhaft idealen Feiertag zu verwandeln, an dem auch die Erholungsbedürftigen und die Jugend zu ihrem Rechte kommen.

Daß mit solchen Neuerungen der richtige Pfad betreten wurde, auf dem weitergeschritten werden sollte, haben viele aufgeklärte Amerikaner bereitwilligst anerkannt. Noch vor kurzem schrieb H. M. Ferren, ein an der Hochschule zu Alleghany, Pa., angestellter Lehrer: »True enjoyment is a matter of grave importance. The truth will dawn upon you, that the Germans, in promoting music and song in this country, contributed infinitely more towards the suppression of vice than all our law and order societies ever did or ever will do. Brutality and excess of every kind come rushing in like a replenishing ether wherever a social vacuum occurs. To displace them effectively, we must secure a richer content for our inner national life. Our temperance and Sunday questions, along with many others of a similar nature, will sink into insignificance the moment we learn to provide for the masses the proper forms of enjoyment, because a heart overflowing with genuine joy has no room for wickedness. Let us hope that this nation may soon proclaim a second declaration of independence, that it may bid a friendly but final farewell to British insularity. Long enough we have tarried in the narrow English Channel. Let us lift our anchors and hoist our sail! Tis time to put to sea – in quest of our lost birthright, the golden fleece of the worlds best thought.«

Von den Deutschen wurde auch die erhebende Weihnachtsfeier nach Amerika übertragen. Mancherlei Nachklänge des altgermanischen Sonnenwendfestes waren zwar schon mit den ersten holländischen und englischen Kolonisten nach der Neuen Welt gekommen. Aber man beschränkte sich darauf, die Kinder mit Zuckerwerk zu beschenken, die Fenster mit Kränzen zu schmücken und unter die Decke des Zimmers einen Mistelzweig zu hängen. Der in mildem Kerzenschein und flimmerndem Schmuck strahlende Tannenbaum fehlte hingegen. Er wurde erst von den Deutschen eingeführt und damit zugleich dem höchsten Fest der Christenheit jene Weihe gegeben, die es zu einem Fest heiligster Freude für alle macht, welche sich im Glück der Jugend sonnen und beim Leuchten seliger Kinderaugen die unvergeßlichen Wonnen der eigenen Jugend wiedererleben.

Blick auf den Dachgarten des Hotel Astor in New York.

Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sich die Weihnachtsfeier nicht nur in unzähligen deutschamerikanischen geselligen Vereinigungen und Kirchengemeinden, sondern auch in vielen anglo-amerikanischen Familien eingebürgert. Der von Jahr zu Jahr steigende Bedarf an Tannenbäumen, der im Osten der Vereinigten Staaten bereits mehrere Millionen Exemplare erheischt und einen einträglichen Handel ins Leben rief, beweist, wie sehr das schöne Fest dem Sinn der Amerikaner entspricht.

Zum Einbürgern der Weihnachtsfeier nach deutschem Muster trugen nicht wenig die Bemühungen zweier Frauen bei, der als Professorin am Wellesley College tätig gewesenen Fräulein Carla Wenckebach und der in New Britain, Connecticut, lebenden Frau Elise Traut. Beide Damen schrieben reizend ausgestattete Werkchen, in denen sie sowohl über den Ursprung des Weihnachtsfestes und seine Bedeutung, wie über die schönste Art, es zu feiern, Aufschluß gaben. Das von Frl. Wenckebach veröffentlichte Büchlein trägt den Titel »A Christmas Book. Origin of the Christmas tree, the mistletoe, the Yule log and St. Nicholas«. (Wellesley College 1898.) »Christmas in Heart and Home« lautet der Titel des von Frau Elise Traut im Jahre 1901 zu New York herausgegebenen Büchleins.

Auch eine andere Neuerung, die im Leben der amerikanischen Großstädte Eingang fand, ist auf deutsche Anregung zurückzuführen: Die sogenannten »Roof Gardens« oder »Dachgärten«. Der erste wurde von der Hand eines deutschen Kunstgärtners auf dem Dach eines von Anton Faust in St. Louis betriebenen Restaurants angelegt. Er übte auf die Gäste so große Anziehungskraft, daß man an Sommerabenden, wenn man ein wenig spät kam, jedes Plätzchen besetzt fand. Von der Pariser Weltausstellung des Jahres 1878 brachte Faust einen elektrischen Beleuchtungsapparat mit, den ersten seiner Art in Amerika, und von der Zeit an zeichnete sich die sogenannte »Terrasse« neben allem anderen auch durch eine glänzende Beleuchtung aus.

In den an freien Vergnügungsplätzen und Sommergärten armen Städten Chicago und New York wurde diese Neuerung begierig aufgegriffen und weiter entwickelt. Man verlegte dabei die Dachgärten auf die flachen Dächer der zehn, zwanzig und mehr Stockwerke zählenden Häuserkolosse, wo allabendlich eine erquickende Seebrise breit und mächtig einherflutet und die drunten so schmerzlich vermißte Kühlung gewährt. Um in diese luftigen Höhen zu gelangen, bedient man sich der bequemen Fahrstühle. Droben angelangt, findet man in den Raum für Tausende bietenden, mit prachtvollen Blattpflanzen und Palmen ausgestatteten und in einem Meer buntfarbigen Lichtes schwimmenden Zaubergärten musikalische und theatralische Darbietungen aller Art. Zu den geistigen und leiblichen Genüssen gesellt sich der Ausblick auf die von Millionen Lichtern erstrahlenden Riesenstädte und auf stolze, von unzähligen Schiffen durchfurchte Seen und Wasserstraßen. Kein Wunder, daß die Dachgärten, wo zu dem gebotenen Guten noch der Reiz des Phantastischen und Ungewöhnlichen sich hinzugesellte, die Gunst des Publikums im Fluge sich eroberten. Der größte und zweifellos schönste aller Dachgärten Amerikas wurde im Juni 1905 in New York auf dem von den Deutschamerikanern William C. und Frederick A. Muschenheim geleiteten Hotel Astor eröffnet. Im Jahre 1909 an Größe verdoppelt, bedeckt er jetzt eine Fläche von 5580 Quadratmeter. Ein einziger Rundgang auf geradestem Wege beträgt ? km. Durch acht Aufzüge erreichbar, zählt er mit seinen im italienischen Stil gehaltenen Laubengängen, Rosenhainen, Palmengruppen, plätschernden Springbrunnen und murmelnden Wasserfällen, mit seinem überwältigenden Ausblick über das lichtüberflutete, im Westen vom Hudson umschlossene Häusermeer der Weltstadt, mit dem Fernblick auf die Klippenmauer der Palisaden unstreitig zu den überraschendsten Sehenswürdigkeiten der Beherrscherin der westlichen Erdhälfte.

*

Es bleibt uns noch übrig, verschiedene Vorgänge zu erwähnen, die während der zweiten Hälfte des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Deutschamerikanertum betrafen.

Bei der fast allgegenwärtigen Verbreitung der Deutschen in den Vereinigten Staaten ist es selbstverständlich, daß bei den großen Katastrophen, von welchen mehrere Städte Amerikas heimgesucht wurden, – dem Brande Chicagos, der Überschwemmung Johnstowns, dem Wirbelsturm zu St. Louis, dem Erdbeben zu San Francisco – auch sie tief in Mitleidenschaft gezogen wurden. Außerdem stehen der 30. Juni 1900 und der 15. Juni 1904 als Tage schweren Unheils in der Chronik des Deutschamerikanertums verzeichnet.

An dem erstgenannten Tage brach 4 Uhr nachmittags auf den in Hoboken gelegenen Piers des »Norddeutschen Lloyd« Feuer aus, welches sich mit so rasender Geschwindigkeit über die ganzen Anlagen jener Schiffsgesellschaft verbreitete, daß dieselben in wenigen Minuten ein wogendes Flammenmeer bildeten. Mehrere Schiffe des Lloyd, die »Saale«, »Bremen«, »Main« und »Kaiser Wilhelm der Große« lagen an den Piers vor Anker. Es glückte, den letztgenannten Dampfer abzuschleppen. Die drei anderen Fahrzeuge wurden hingegen vom Feuer ergriffen und trieben in brennendem Zustande den Hudson hinab, um bald darauf als wertlose Wracks ihren Untergang zu finden. Leider war es den auf den Schiffen beschäftigten Mannschaften infolge des raschen Umsichgreifens des Feuers nicht möglich, das Ufer zu gewinnen. Auf den brennenden Schiffen stromabwärts treibend, kamen viele in den Flammen um oder fanden in den Fluten ihr Grab. Unter den Verunglückten befand sich auch der Kapitän der »Saale«, J. Mirow. Insgesamt gingen bei dieser Katastrophe gegen 300 Menschenleben verloren. Der materielle Schaden belief sich auf 5 Millionen Dollar.

Ein zweites, noch weitaus schrecklicheres Unglück, traf am 15. Juni 1904 die lutherische » St. Markus-Gemeinde« zu New York, deren Mitglieder mit ihren Angehörigen und Freunden einen Ausflug auf dem Vergnügungsdampfer »General Slocum« geplant hatten. Schon bald nachdem der mit 1290 fröhlichen Menschen belastete Dampfer seine Anlegestelle verlassen hatte, brach in einem Öl und Farben enthaltenden Vorratsraum Feuer aus. Aber weder der Kapitän noch die gänzlich ungeübte Bemannung ergriffen Maßregeln, den Brand zu ersticken. Unbekümmert setzten sie die Reise fort, als ob keine Gefahr bestehe. Das Feuer machte rasche Fortschritte. Aus dem dichter werdenden Rauch züngelten rote Flammen empor. In der Nähe befindliche Dampfer ließen Alarmsignale ertönen. Doch als nun endlich der verbrecherisch leichtfertige Kapitän seine Leute an die Spritzen befahl, zeigte es sich, daß die im Lauf langer Jahre vermürbten, nie erneuten Schläuche kein Wasser zu halten vermochten. Sie barsten gleich den morsch gewordenen Rettungsgürteln, zu denen die an Bord des Unglücksschiffes Befindlichen in Todesangst griffen, um im Augenblick äußerster Not ins Wasser zu springen. Diejenigen, welche der Tragkraft der Gürtel vertrauten, versanken in den quirlenden Wassern wie Blei.

Angesichts dieser Zustände brach unter den Passagieren eine fürchterliche Panik aus, deren Schrecken noch dadurch vermehrt wurde, daß der Kapitän, anstatt das Fahrzeug zum nächsten Ufer zu dirigieren, einem zwei Meilen entfernten Landeplatz zuhielt. Ehe das Schiff diesen erreichte, stand es lichterloh in Flammen, so daß den an Bord befindlichen Unglücklichen nur die Wahl blieb zu verbrennen oder über Bord zu springen. Szenen von beispielloser Schrecklichkeit folgten, denn die Mehrzahl der Passagiere bestand aus hilflosen Frauen und Kindern, welche angesichts des sie umgebenden Entsetzens die Geistesgegenwart verloren. Was hätte solche auch nützen können, als urplötzlich alle drei Decke des Bootes sich in eine brausende Hölle verwandelten und bei ihrem Einsturz alle Lebende hinabrissen und unter sich begruben. Ganze Familien wurden mit einem Schlage ausgelöscht. Die Familie Dieckhoff beklagte fünf, die Familie Gress sechs, die Familie Weiss zehn, die Familie Rheinfrank sogar den Verlust von elf Mitgliedern. Der von 51 Zöglingen besucht gewesene Kindergarten der »St. Markusgemeinde« besaß deren nach dem schrecklichen Vorfall nur noch 12!

Insgesamt fanden 924 Personen in der grauenhaften Katastrophe, der schaurigsten, die sich jemals auf einem Schiff ereignete, ihren Untergang. Sie wurden Opfer jener verbrecherischen, schnöder Gewinnsucht entspringenden Fahrlässigkeit, die so mancher amerikanischen Geschäftsunternehmung anhaftet.

Obwohl grobe Fahrlässigkeit bei den späteren gerichtlichen Untersuchungen sowohl den Eigentümern, dem Kapitän van Schaik und der Bemannung des »Slocum«, wie auch den New Yorker Schiffsinspektoren auf Schritt und Tritt nachgewiesen wurde, ließ man mit Ausnahme des Kapitäns sämtliche Schuldigen der verdienten Bestrafung entrinnen und setzte damit der korrupten amerikanischen Rechtspflege ein weiteres Denkmal.

Einen Monat nach dieser die ganze zivilisierte Welt in Erregung versetzenden Katastrophe richteten die »Vereinigten Deutschen Gesellschaften von New York« eine öffentliche Trauerfeier aus, wie die Stadt sie ergreifender nie zuvor gesehen hatte. Das auf dem lutherischen Friedhof zu Middle Village auf Long Island befindliche Massengrab, welches die Reste der nicht mehr erkennbaren Verunglückten aufnahm, erhielt ein würdiges Denkmal, dessen Weihe man am 15. Juni 1906 vollzog.

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An den großen Freuden- und Festtagen der amerikanischen Nation beteiligte sich das Deutschtum der Vereinigten Staaten stets in erhebender Weise. Die hundertste Feier des Geburtstags George Washingtons, Benjamin Franklins und Abraham Lincolns, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeitserklärung, die Heimkehr der Armeen aus dem Bürgerkrieg und dem Krieg mit Spanien, die Hudson-Fultonfeier im Oktober 1909, alle diese Ereignisse wurden mit herzlicher Begeisterung gefeiert.

Daß die Deutschamerikaner aber auch das Andenken der dem deutschen Volke entsprungenen Geisteshelden ehren, bekundeten die großartigen Gedenkfeierlichkeiten, welche seitens vieler Gesellschaften zur Erinnerung an Guttenberg, Humboldt, Goethe, Schiller, Mozart, Beethoven, Haydn, Abt, Wagner, Fichte, Bismarck und andere begangen wurden.

Manche dieser Feierlichkeiten gestalteten sich zu großartigen Ovationen. Der Impuls, welcher von der Schillerfeier des Jahres 1859 ausging, war so mächtig, daß die Schillerliteratur in Amerika nahezu unübersehbare Dimensionen annahm. Auch die in das Jahr 1905 fallende Feier zum Gedächtnis an Schillers Tod gestaltete sich an vielen Orten zu einem höchst eindrucksvollen Ereignis. Um so mehr, als in manchen Städten die dort bestehenden Universitäten sich an der Feier beteiligten. Den glänzendsten Verlauf nahm dieselbe unstreitig in New York, wo am 6. Mai die »Vereinigung alter deutscher Studenten,« am 7. Mai die »Vereinigten Sänger«, am 8. Mai die »Vereinigten deutschen Gesellschaften« und am 9. Mai die »Columbia-Universität« den Namen Schillers ergreifende Huldigungen darbrachten.

Die meisten seiner obengenannten Geistesheroen hat das Deutschamerikanertum durch prächtige Denkmäler geehrt. Aber auch wenn es galt, einen hervorragenden lebenden deutschen Dichter zu ehren, oder zu einem Liebeswerk beizusteuern, versagte das Deutschamerikanertum selten.

Natürlich fanden die gewaltigen Ereignisse des Jahres 1870-1871, welche das geliebte alte Vaterland endlich auf den ihm gebührenden Platz unter den Weltmächten erhoben, in den Herzen aller Deutschamerikaner einen ergreifenden Widerhall. Tausende in den Vereinigten Staaten lebende Deutsche, die bisher nicht das amerikanische Bürgerrecht erworben hatten, eilten in die Heimat, um sich in die deutschen Armeen einreihen zu lassen. Ihre zurückbleibenden Stammesgenossen aber gründeten »Patriotische Hilfsvereine«, die sich die Aufgabe stellten, Geld zur Unterstützung der Witwen und Weisen gefallener deutscher Soldaten, sowie zur Pflege der Verwundeten aufzubringen. Um dieses Liebeswerk systematisch zu betreiben, organisierten aus allen Teilen der Union kommende Abgeordnete am 18. August 1870 in Chicago den » Deutschen patriotischen Hilfsverein der Vereinigten Staaten«. Dabei wurde der New Yorker Verein zu dessen Generalagentur ernannt, um die gesammelten Gelder, deren Höhe über drei Millionen Mark betrug, dem Zentralausschuß in Berlin zuzuführen. Daß die deutschamerikanischen Frauen zu diesem Liebeswerk durch Veranstaltung von Sammlungen, Basaren und Konzerten nach Kräften beitrugen, braucht kaum betont zu werden.

Natürlich wurden die überraschend großen Siege der deutschen Truppen und die Einnahme von Paris in gebührender Weise gefeiert. Besonders gestalteten sich die zur Feier des Friedensschlusses anberaumten Festlichkeiten zu überwältigend großartigen Demonstrationen, wie man solche in den amerikanischen Weltstädten nie zuvor gesehen hatte. Als die glanzvollsten sind diejenigen zu Cincinnati am 4. Februar, zu St. Louis am 6. bis 15. März, zu San Francisco am 22. März, zu New York am 9. bis 11. April, zu Philadelphia am 15. Mai und zu Chicago am 29. Mai 1871 hervorzuheben. Zum erstenmal erschien dabei das Deutschtum der Vereinigten Staaten den Anglo-Amerikanern in der ganzen Ebenbürtigkeit seiner Nationalität.

Trugen so die Siege der deutschen Waffen in großartiger Weise dazu bei, das Ansehen des gesamten Deutschtums zu heben, so vertiefte sich dieser Eindruck durch die beispiellosen Triumphe, welche deutsche Gewerbtätigkeit, Kunst und Wissenschaft auf den Weltausstellungen zu Chicago, Buffalo und St. Louis feierten. Die deutsche Regierung hatte mit richtigem Blick erkannt, daß namentlich Chicago der Platz sein werde, wo die Völker der Erde um die Herrschaft auf dem Gebiet des Welthandels streiten würden. Sie bot deshalb alle Kräfte auf, um der Welt zu zeigen, was die deutsche Nation auch in den Werken und Künsten des Friedens zu leisten vermöge. Bei der Auswahl und Veranschaulichung des Dargebotenen verfuhr sie mit solchem Geschick, daß das Ergebnis alle Erwartungen übertraf und für den deutschen Handel die schönsten Früchte zeitigte.

Einen äußerst befriedigenden Verlauf nahm auch die Ausstellung deutscher Kunstwerke, die in den Monaten Januar, Februar, März und April des Jahres 1909 in New York, Boston und Chicago dem amerikanischen Publikum dargeboten wurde. Ihr Zustandekommen war in erster Linie das Werk des New Yorker Großkaufmanns Hugo Reisinger. Selber ein begeisterter Kunstfreund und Sammler, wollte er die Amerikaner nicht nur mit den Perlen der deutschen Malerei bekannt machen, sondern auch der von ihm hochgeschätzten deutschen Kunst, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Kunstleben der Neuen Welt mächtig beeinflußt hatte, das verloren gegangene Terrain zurückerobern.

Mit opferwilligem Idealismus unterzog Reisinger sich dem Erledigen der mit diesem Unternehmen verbundenen Arbeiten und brachte mit Unterstützung der deutschen Regierung eine 214 Kunstgegenstände umfassende Sammlung der besten neueren deutschen Meister zusammen. Die den hohen Wert dieser Veranstaltung erkennende Verwaltung des Metropolitan-Kunst-Museums zu New York trug dem Plan die größten Sympathien entgegen und bot der Sammlung in ihren eignen Hallen die würdigste Unterkunftsstätte.

Das rege Interesse des kunstliebenden Publikums dokumentierte sich in dem geradezu überraschenden Besuch, dessen diese Ausstellung sich zu erfreuen hatte. Noch nie zuvor war das Museum innerhalb eines gleich langen Zeitraums von so vielen Personen besucht worden. Am letzten Sonntag, wo die Ausstellung zugänglich war, betrug die Zahl der Besucher nahezu 14 000! Zweifellos hinterließ die Ausstellung bei den amerikanischen Künstlern und Kunstkennern einen tiefen, nachhaltigen Eindruck.

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Es ist einer der Hauptzüge in der neueren Geschichte der in den Vereinigten Staaten lebenden Deutschen, daß sie stets strebten, dazu beizutragen, das internationale Verhältnis zwischen ihrer neuen Heimat und dem geliebten alten Vaterland zu einem möglichst freundschaftlichen, herzlichen zu gestalten. Sie taten dies in der richtigen Erkenntnis, daß kaum zwei Völker soviel voneinander lernen und durch engere Freundschaft einander so viel nützen können, als das amerikanische und das deutsche. Aus diesem Grunde begrüßten die Deutschamerikaner im Jahre 1897 die Ernennung eines von der gleichen Überzeugung beseelten, bewährten Freundes des deutschen Volkes, Andrew D. White, zum Botschafter in Berlin mit besonderer Genugtuung und veranstalteten zu Ehren des Botschafters vor dessen Scheiden am 22. Mai 1897 in der prächtigen Festhalle des »Deutschen Liederkranz« in New York ein Bankett, das infolge seines erhebenden Verlaufs bei allen Teilnehmern noch in schönster Erinnerung steht.

Aus den gleichen Gründen bewillkommte das Deutschamerikanertum die Ernennung der deutschen Botschafter von Holleben und Speck von Sternburg zu Ehrendoktoren amerikanischer Universitäten, die Entsendung amerikanischer Kriegsschiffe nach deutschen Häfen, die allgemeine Teilnahme des Anglo-Amerikanertums an der Feier des 70. Geburtstages von Karl Schurz mit aufrichtiger Freude. Und ganz besonders auch den in die Monate Februar und März des Jahres 1902 fallenden Besuch des Prinzen Heinrich von Preußen. Der Prinz erschien als Vertreter seines kaiserlichen Bruders und wurde als solcher von der ganzen amerikanischen Nation mit beispielloser Herzlichkeit aufgenommen. Seine Ausflüge nach Washington und Mount Vernon, dem Grab des Begründers der Republik, seine Reisen nach Pittsburg, Cincinnati, Indianapolis, Chicago, Nashville, Louisville, St. Louis, Milwaukee, Buffalo, Boston, Albany und Philadelphia gestalteten sich zu förmlichen Triumphzügen, an welchen das Amerikanertum nur das auszusetzen hatte, daß der Besuch des hohen Gastes viel zu kurz bemessen war.

Die Einfahrt des Prinzen Heinrich von Preußen an Bord des Lloyddampfers »Kronprinz Wilhelm« in den Hafen von New York am 23. Februar 1902.

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In das Jahr 1883 fällt ein Ereignis, welches für das Deutschtum der Vereinigten Staaten von größter Bedeutung werden sollte. In Philadelphia feierte man am 6. Oktober den hundertsten Jahrestag der Landung der Gründer von Germantown.

Diese erhebende Feier regte zwei wackere Männer, die um die deutschamerikanische Geschichtsforschung hochverdienten Doktoren Oswald Seidensticker und Gottfried T. Kellner zu dem Vorschlag an, das Andenken an die Landung jener deutschen Pilgerväter alljährlich am 6. Oktober zu feiern und diesen Tag zu einem vom gesamten Deutschamerikanertum begangenen Fest, dem » Deutschen Tage«, zu erheben. Mit diesem Vorschlag erwarben die beiden sich ein Verdienst, das nicht hoch genug gewürdigt werden kann. Sie erweckten dadurch im Deutschamerikanertum nicht bloß das Interesse an seiner Geschichte, sondern stärkten es auch in seinem Selbstbewußtsein und ließen es über den eigenen Wert klarer werden. Sie gaben den über unendlich weite Strecken verteilten, nur durch die losen Bande der Sprache und gemeinsamen Abstammung zusammengehaltenen Deutschamerikanern einen gemeinsamen Nationalfeiertag, der ganz dazu geeignet ist, sie fester miteinander zu verbinden. In vielen größeren Städten der Vereinigten Staaten begehen die Deutschen diesen »Deutschen Tag« alljährlich durch Veranstaltung von Freudenmahlen, verbunden mit Reden, in denen die großen Züge der deutschamerikanischen Geschichte gewürdigt werden.

In überaus großartiger Weise geschah dies in Chicago und St. Louis gelegentlich der dort abgehaltenen Weltausstellungen. Hier erhielten die Feierlichkeiten ein besonders erhebendes Gepräge durch die Gegenwart zahlreicher Deutschen, die sich zum Besuch jener Weltausstellungen aus allen Gauen des alten Vaterlandes eingefunden hatten. Um diesen die Teilnahme an dem Fest zu ermöglichen, hatte man in Chicago die Feier des Deutschen Tages auf den 15. Juni 1893 verlegt. Vormittags bewegte sich ein Festzug durch die Straßen der Stadt, an dem sich 30 000 Menschen zu Fuß, zu Roß oder zu Wagen beteiligten. Er wurde durch eine aus hundert Reitern bestehende Ehrenwache eröffnet. Dieser schlossen sich in buntem Wechsel unzählige Turn-, Gesang-, Krieger-, Schützen-, Krankenunterstützungs- und Frauenvereine an. Darauf folgten die verschiedensten Orden und Logen, Schillerklubs, Grütlibündler, Druiden, Hermannssöhne, Schwabenvereine, Plattdeutsche Gesellschaften und Hunderte anderer Vereinigungen, deren Bestehen ein sprechendes Zeugnis dafür ablegte, wie reich und mannigfaltig entwickelt das Vereinsleben der Deutschamerikaner ist. Erhielt der großartige Festzug schon durch die Tausende von flatternden Vereinsfahnen und Bannern ein buntes Gepräge, so erregten die mitgeführten Schauwagen ganz besonderes Interesse. Viele dieser Wagen gewährten einen prunkvollen Anblick, besonders wenn die Darstellung in den Händen deutschamerikanischer Frauen und Jungfrauen lag. Von den Schönen Chicagos hatten die Schönsten sich freudig zur Verfügung gestellt, um Gruppen wie »Columbia, von den dreizehn Staaten umgeben« und »Germania im Kreise der Musen« so wirkungsvoll als möglich zu gestalten. Unter den historischen Gruppen befanden sich »Die Teutoburger Schlacht«, »Columbus auf der Santa Maria«, »Nach der Schlacht bei Rezonville« und vieles andere mehr. Durchweg trug der imposante Festzug, dessen Vorbeimarsch zwei und eine halbe Stunden erforderte, ein echt deutsches Gepräge, und überall wurde er von der nach Hunderttausenden zählenden schaulustigen Menge mit brausendem Jubel begrüßt.

Die Feier des Deutschen Tages auf der Weltausstellung zu Chicago am 15. Juni 1893. Nach einer für die »Gartenlaube« aufgenommenen Originalzeichnung von Rudolf Cronau.

Nach seiner Auflösung begann 3 Uhr nachmittags die offizielle Feier auf dem Weltausstellungsplatz vor dem von der deutschen Regierung erbauten »Deutschen Hause«, dessen hochragender, bunte Malereien tragender Giebel im Schmuck lustig flatternder Wimpel prangte. Auf einer mächtigen, mit Eichenlaub umkränzten Tribüne nahmen die geladenen Ehrengäste, 2000 an der Zahl, Platz. Ihnen gegenüber auf einer zweiten Tribüne die deutschamerikanischen Weltausstellungschöre und das Bülow-Orchester. Ein Teil der mitwirkenden Damen erschien in roten, ein anderer in weißen Gewändern. Entsprechend gruppiert, bildeten sie im Verein mit den schwarzgekleideten Herren eine riesige deutsche Flagge, welcher der blaue Michigansee als herrlicher Hintergrund diente.

Webers Jubelouvertüre eröffnete die erhebende Feier; dann folgte ein von dem Chicagoer Großkaufmann Harry Rubens gesprochener »Gruß des Deutschtums von Amerika an Deutschlands Vertreter«. Die nachfolgenden Reden bewegten sich ausnahmslos um den Preis des alten Vaterlandes, der neuen Heimat und des zwischen den beiden bestehenden Freundschaftsbandes. »Wir blicken zurück«, so erklärte Karl Schurz, der Hauptfestredner, »auf jene dunklen Tage des Rebellionskrieges, wo die Union am Rande des Untergangs zu taumeln schien; als unsere Heere Niederlage auf Niederlage erlitten; als nicht nur unsere Feinde und Neider, sondern auch unsere schwachherzigen Freunde in der Alten Welt den Zerfall der großen Republik prophezeiten; als der Kredit unserer Republik auf den niedrigsten Punkt sank; als die Hoffnung auch der Mutigsten ins Wanken kam. Mit freudiger Genugtuung erinnern wir uns, daß von allen Völkern der Erde das deutsche Volk allein nicht das Vertrauen auf den endlichen Sieg unserer guten Sache und auf die Zukunft Amerikas verlor; daß es unbedenklich seine Ersparnisse zu Millionen und Millionen unserer schwergeprüften Republik herlieh und ihr so in dem verzweifelten Kampf neue Kraft gab. Das war der Freund in der Not, der dem bedrängten Freund vertrauensvoll beistand; und reichlich, wie es verdiente, wurde dieses Vertrauen voll belohnt. Diese Völkerfreundschaft zwischen dem alten und dem neuen Vaterlande ewig stark zu erhalten, das ist der Wunsch, den der Deutschamerikaner warm im Herzen trägt, und den er gewiß im Herzen eines jeden edelgesinnten, patriotischen Amerikaners wiederfindet.«

Dann wies Schurz auf jenen herrlichen Wahlspruch hin, der hoch über seinem Haupte an der Stirnseite des Deutschen Hauses prangte:

»Nährhaft und wehrhaft,
Voll Korn und voll Wein,
Voll Kraft und Eisen,
Klangreich und gedankenreich,
Ich will dich preisen
Vaterland mein!«

In meisterhaften Worten stellte er dann die deutsche Ausstellung in Chicago in Vergleich zu der Ausstellung des Jahres 1876 in Philadelphia. »Die Politik des Unterbietens im Preise – das war Deutschland in Philadelphia – ein nachschleichender Schatten des Deutschlands der alten Zeit, der Zeit der Zerrissenheit, der Ohnmacht, der Kleinlichkeit, des Zweifels an der eigenen Kraft. Die Politik des Überbietens im Wert – das ist Deutschland in der weißen Stadt zu Chicago – das Deutschland der neuen Zeit, des mächtigen Reichs, des gehobenen Nationalgefühls, der Selbstachtung, der großen Inspirationen, des gewaltigen Könnens und des hohen Wollens, groß in seinem Kriegsruhm und nicht weniger groß in den Werken des Friedens. Diesem Deutschland bringen wir heute unseren Gruß. Mit stolzem Bewußtsein des Vollbrachten kann Deutschland hier den Völkern der Erde zurufen: ›Kommt her und seht!‹ In diesen Räumen zeigt sich nur das treffliche Produkt, hier weht der Geist der Nation. Nach den deutschen Siegen im französischen Kriege sagte man: ›Das war nicht bloße brutale Kraft, das hat der deutsche Schulmeister getan!‹ Dasselbe Wort gilt hier, wenn man dem deutschen Schulmeistertum die deutsche Universität zuzählt. In keinem Lande der Welt wird soviel wie in Deutschland die Wissenschaft um ihrer selbst wegen, das ist, um der Erkenntnis wegen gepflegt, und doch hat sie in keinem Lande der Welt dem praktischen Schaffen größere Dienste getan. Das Beispiel steht vor uns. Was ist hier nicht alles – von dem Nürnberger Spielzeug bis zu dem riesigen Ungeheuer der Kruppschen Kanone, bis zu den Wundern der Schmiedekunst und des Berliner und Meißener Porzellans, bis zu den modernsten Erzeugnissen auf dem Gebiet des Maschinenbaus, des Bergbaus, des Eisenbahnwesens, der Chemie, der elektrischen Triebkraft und des elektrischen Lichtes, bis zu den Herrlichkeiten der heutigen Textilindustrie, bis zu den glänzenden Schöpfungen der Neuzeit in Malerei und Skulptur, von den einfachsten Lettern des gewöhnlichen Buchdrucks bis zu dem blendendsten Prachtwerk in Buchstaben und Bildern, von der Handfibel der deutschen Volksschule bis zu dem Apparat höchster Wissenschaft. Alles dies und viel mehr, wie es auf deutschem Boden gewachsen ist, das Nützliche und Schöne vereint in einer Mannigfaltigkeit, Fülle und Pracht, und von jener Anmut durchwebt, wie sie nur einem in vielhundertjähriger Geschichte gebildeten Kulturvolke eigen sein kann, – hier ist dies alles, so erstaunlich und doch so unleugbar und überzeugend, daß die Kritik ohne Kampf der Bewunderung weicht und selbst die Mißgunst und Eifersucht stumm werden.«

Ein herrliches Konzert, ein großartiges Freiturnen und abends eine von blendendem Feuerwerk begleitete allgemeine Beleuchtung des ganzen Weltausstellungsplatzes beendeten den ohne Mißton verlaufenen »Deutschen Tag«, der in der Geschichte des Deutschtums der Vereinigten Staaten einzig dasteht.

Einen ähnlichen erhebenden Verlauf nahm die Feier des deutschen Tages auf der Weltausstellung zu St. Louis. Dort kam noch ein Germanistenkongreß hinzu, an dem sich hervorragende Gelehrte der Alten wie der Neuen Welt beteiligten.

Alle diese Ereignisse trugen mächtig dazu bei, das Einheitsgefühl der Deutschamerikaner zu heben. Und diesem Gefühl entsprang mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts der » Deutschamerikanische Nationalbund«, dessen Zwecke und Ziele in dem folgenden Abschnitt unseres Werkes geschildert werden sollen.

Das Gebäude der »Deutschen Gesellschaft« zu Philadelphia, die Geburtsstätte des Deutschamerikanischen Nationalbundes.

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