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Drei Geschichten

Gustave Flaubert: Drei Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorGustave Flaubert
titleDrei Geschichten
publisherDiogenes
editorDaniel Keel
year1979
isbn3257207247
firstpub1907-1909
translatorErnst Wilhelm Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121022
projectid95eb646a
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Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien

I

Julians Vater und Mutter bewohnten ein Schloß; das stand am Abhang eines Hügels, mitten in den Wäldern. Die vier Ecktürme hatten spitze, mit Bleiziegeln gedeckte Dächer, und das Fundament der Mauern stützte sich auf Felsblöcke, die jäh abfielen, bis auf den Grund der Wassergräben.

Das Pflaster des Hofes war sauber wie die Fliesen in einer Kirche. Lange Dachrinnen, in Gestalt von Drachen mit dem Rachen nach unten, spien das Regenwasser in die Zisterne; und auf den Fenstersimsen aller Stockwerke sprossen in bemalten Tontöpfen Königskraut oder Heliotrop.

Eine zweite, aus Pfählen bestehende Einfriedung umschloß zunächst einen Obstgarten, dann ein Beet, wo Kombinationen von Blumen geheimnisvolle Figuren bildeten, weiter Laubengänge aus Weinreben zum Luftschöpfen und ein Mailspiel, das der Zerstreuung der Pagen diente. Auf der andern Seite befanden sich der Hundestall, die Pferdeställe, die Bäckerei, die Kelter und die Scheunen. Eine Trift von grünem Rasen zog sich rings herum, ihrerseits wieder von einer starken Dornenhecke umgeben.

Man lebte seit so langer Zeit in Frieden, daß das Fallgatter sich nicht mehr senkte; die Gräben waren voll Wasser; Schwalben bauten ihre Nester in den Spalten der Schießscharten; und der Bogenschütze, der den ganzen Tag über auf dem Mittelwall auf und ab spazierte, verzog sich, sobald die Sonne zu stark schien, in das Wachthäuschen und schlief ein wie ein Mönch.

Im Innern sah man nur glänzende Eisenbeschläge; Wandteppiche hielten in den Zimmern die Kälte ab; und die Schränke quollen über von Leinen, die Weintonnen häuften sich in den Kellern, die eichenen Truhen krachten unter der Last der Geldsäcke.

Im Waffensaal erblickte man zwischen Standarten und Köpfen von wilden Tieren Waffen aller Zeiten und aller Völker, von den Schleudern der Amalekiter und den Wurfspießen der Garamanten bis zu den kurzen Schwertern der Sarazenen und den Panzerhemden der Normannen.

An dem größten Bratspieß der Küche konnte man einen Ochsen wenden; die Kapelle war von einem Prunk wie das Bethaus eines Königs. An einem abgelegenen Ort gab es sogar ein römisches Bad, aber der edle Herr versagte sich seine Benutzung, da das nach seiner Schätzung eine Sitte der Heiden war.

Stets in einen Fuchspelz gehüllt, schritt er durch sein Haus, sprach seinen Vasallen Recht, schlichtete die Streitigkeiten der Nachbarn. Im Winter schaute er dem Fall der Schneeflocken zu oder ließ sich Geschichten vorlesen. Mit Anbruch der ersten schönen Tage ritt er auf seinem Maultier die kleinen Wege entlang, zur Seite der grünenden Saatfelder, und er schwatzte mit den Landleuten, denen er Ratschläge erteilte. Nach vielen Abenteuern hatte er ein Fräulein von hoher Abkunft zur Gattin gewählt.

Sie hatte eine sehr weiße Haut, war etwas stolz und von ernster Gemütsart. Die Auswüchse ihres Kopfputzes streiften den Querbalken der Türen; die Schleppe ihres Tuchgewandes schleifte drei Schritte hinter ihr. Ihr Hauswesen war geregelt wie das Innenleben eines Klosters; jeden Morgen verteilte sie die Arbeit an die Mägde, überwachte die Bereitung der eingemachten Früchte und Salben, spann am Rocken oder stickte Altardecken. Kraft ihrer Gebete zu Gott kam sie zu einem Sohn.

Da war große Freude, und man gab ein Gastmahl, das drei Tage und vier Nächte dauerte, im Lichterglanz der Wachskerzen, beim Klang der Harfen, wobei der Boden mit Blättern bestreut war. Man aß die seltensten Gewürze zu Hühnern so groß wie Hammel; zur Belustigung entstieg einer Pastete ein Zwerg, und da die Schalen nicht ausreichten, denn die Menge wuchs beständig, war man genötigt, aus den Hörnern und den Helmen zu trinken.

Die junge Mutter wohnte diesen Festlichkeiten nicht bei. Sie hielt sich ruhig im Bett. An einem Abend erwachte sie, und sie bemerkte in einem Mondstrahl, der durch das Fenster fiel, etwas wie einen sich bewegenden Schatten. Es war ein Greis in einer Mönchskutte aus grobem Stoff mit einem Rosenkranz an der Seite, einem Bettelsack auf der Schulter, ganz die Erscheinung eines Einsiedlers. Er näherte sich dem Kopfende ihres Bettes und sagte, ohne die Lippen zu bewegen:

»Freue dich, o Mutter! Dein Sohn wird ein Heiliger sein!«

Sie wollte schreien; doch auf dem Strahl des Mondes gleitend, erhob er sich langsam in die Luft und verschwand. Der Gesang des Gelages wurde lauter. Sie hörte die Stimmen der Engel; und ihr Haupt sank auf das Kopfkissen, über dem ein Märtyrergebein in einem Rahmen aus Karfunkeln hing.

Am folgenden Tag erklärten sämtliche Diener auf Befragen, daß sie keinen Eremiten gesehen hätten. Traum oder Wirklichkeit, es mußte eine Mitteilung des Himmels sein; aber sie hütete sich, irgend etwas davon zu sagen, aus Furcht, man möchte sie des Hochmuts anklagen.

Die Geladenen brachen in der Dämmerung auf; und der Vater Julians befand sich außerhalb des Ausfalltores, wohin er den letzten Gast soeben geleitet hatte, als plötzlich im Nebel ein Bettler vor ihm stand. Es war ein Böhme, mit geflochtenem Bart, mit silbernen Spangen an beiden Armen und flammenden Augen. Er stammelte mit begeisterter Miene folgende Worte, ohne Zusammenhang:

»Oh! oh! Dein Sohn! ... viel Blut! ... viel Ruhm! ... immer im Glück! die Familie eines Kaisers.«

Und während er sich bückte, um das Almosen aufzuheben, verlor er sich im Grase und verschwand.

Der gute Schloßherr blickte nach rechts und nach links, rief, so laut er konnte. Niemand! Der Wind pfiff, die Morgennebel verflogen.

Er schrieb diese Erscheinung der Ermüdung seines Kopfes zu, da er zu wenig geschlafen hatte. »Wenn ich davon spreche, wird man sich über mich lustig machen«, dachte er bei sich. Indessen blendete ihn der Glanz, der seinem Sohn bestimmt war, obgleich die Prophezeiung nicht klar war und er sogar zweifelte, sie gehört zu haben.

Die Gatten verbargen ihr Geheimnis voreinander. Aber beide liebten das Kind mit gleicher Liebe; und sie achteten es als von Gott gezeichnet und behandelten es mit unendlicher Rücksicht. Sein Bettchen war mit dem feinsten Flaum gefüllt; beständig brannte darüber eine Lampe in Form einer Taube; drei Ammen wiegten es; und wenn es so fest in seine Windeln gewickelt war, glich es mit seiner rosigen Miene und seinen blauen Augen, in seinem Brokatmantel und seinem perlenbesetzten Häubchen einem kleinen Jesuskind. Die Zähne kamen ihm, ohne daß es ein einziges Mal weinte.

Als es sieben Jahre alt war, brachte ihm seine Mutter das Singen bei. Damit es mutig werde, setzte sein Vater es auf ein großes Pferd. Das Kind lächelte vor Vergnügen und war bald mit allem vertraut, was man über Streitrosse wissen muß.

Ein alter, sehr gelehrter Mönch lehrte es die Heilige Schrift, die arabischen Zahlen, die lateinischen Buchstaben und auch, wie man hübsche Malereien auf Pergament macht. Sie arbeiteten zusammen, ganz oben in einem kleinen Turm, abseits vom Lärm.

Wenn die Lektion zu Ende war, stiegen sie in den Garten hinab, wo sie, auf und ab spazierend, die Blumen studierten.

Manchmal sah man unten im Tal eine Reihe von Lasttieren vorbeiziehen, die von einem orientalisch gekleideten Mann zu Fuß angeführt wurden. Der Schloßherr, der in ihm einen Kaufmann erkannt hatte, sandte einen Diener nach ihm aus. Der Fremde faßte Vertrauen und bog von seinem Weg ab; und nachdem er ins Sprechzimmer eingelassen war, nahm er aus seinen Koffern Samt- und Seidenwaren, Goldschmiedearbeiten, Spezereien und merkwürdige Sachen, deren Verwendung unbekannt war; und schließlich ging der Kerl mit einem tüchtigen Profit davon, ohne daß ihm irgendwie Gewalt geschehen war. Andere Male klopfte eine Schar Pilger an die Tür. Ihre durchnäßten Kleider dampften am Herd; und wenn sie sich gesättigt hatten, erzählten sie ihre Reisen: das Umherirren der Schiffe auf dem schäumenden Meer, ihre Wanderungen durch den brennenden Sand, die Wildheit der Heiden, die Höhlen Syriens, die Krippe und das Heilige Grab. Dann schenkten sie dem jungen Herrn Muscheln von ihren Mänteln.

Häufig veranstaltete der Schloßherr für seine alten Waffengefährten ein Gelage. Während sie tranken, gedachten sie ihrer Kriege, der Stürme auf die Festungen mit dem Dröhnen der Maschinen und den erstaunlichen Wunden. Julian, welcher ihnen zuhörte, stieß dabei Schreie aus; dann zweifelte sein Vater nicht, daß er einst ein Eroberer sein würde. Doch wenn man am Abend aus dem Angelus kam und er an den sich verneigenden Armen vorbeischritt, griff er mit so viel Bescheidenheit und mit einem so edlen Ausdruck in seine Börse, daß seine Mutter fest damit rechnete, ihn einmal als Erzbischof zu sehen.

In der Kapelle war sein Platz an der Seite seiner Eltern; und so lange auch immer der Gottesdienst dauerte, er blieb auf den Knien in seinem Betstuhl, das Barett am Boden und die Hände gefaltet.

Eines Tages bemerkte er während der Messe, als er den Kopf hob, eine kleine weiße Maus, die aus einem Loch in der Mauer kam. Sie trippelte auf die erste Stufe des Altars und entfloh in derselben Richtung, nachdem sie zwei oder drei Wendungen nach rechts und links gemacht hatte. Am folgenden Sonntag störte ihn der Gedanke, er könnte sie wiedersehen. Sie kam; und jeden Sonntag wartete er auf sie, fühlte sich von ihr belästigt, faßte einen Haß auf sie und beschloß, sich ihrer zu entledigen.

Nachdem er also die Tür geschlossen und Kuchenkrümel auf die Stufen gestreut hatte, stellte er sich vor dem Loch auf, eine Gerte in der Hand.

Nach sehr langer Zeit erschien eine rosige Schnauze, dann die ganze Maus. Er tat einen leichten Schlag und blieb starr vor Staunen vor diesem kleinen Körper, der sich nicht mehr regte. Ein Blutstropfen bildete einen Fleck auf der Fliese. Schnell wischte er ihn mit seinem Ärmel weg, warf die Maus hinaus und sagte niemand etwas davon.

Alle möglichen Arten von kleinen Vögeln pickten im Garten die Samenkörner auf. Er kam auf die Idee, Erbsen in ein Schilfrohr zu stecken. Wenn er in einem Baum Gezwitscher hörte, näherte er sich leise, hob sein Rohr, blies die Backen auf, und die Tierchen regneten so reichlich auf seine Schultern herab, daß er aus Freude über seinen Streich sich des Lachens nicht erwehren konnte.

Als er eines Morgens über den Mittelwall zurückkam, sah er auf dem Rand der Brustwehr eine große Taube, die sich in der Sonne blähte. Julian blieb stehen, um sie zu betrachten; da die Mauer an dieser Stelle schadhaft war, hatte er leicht einen Stein zur Hand. Er schwang seinen Arm, und der Stein traf den Vogel, der geradenwegs in den Graben fiel.

Er eilte hinunter, sich am Gestrüpp verletzend, den Graben durchstöbernd, flinker als ein junger Hund.

Die Taube zuckte, mit gebrochenen Flügeln in den Ästen eines Ligusters hängend.

Die Zähigkeit ihres Lebens reizte das Kind. Es begann, sie zu erdrosseln, und die Krämpfe des Vogels machten sein Herz klopfen, erfüllten es mit wilder, ungestümer Lust. Bei den letzten Zuckungen fühlte es seine Sinne schwinden.

Beim Abendessen erklärte sein Vater, in seinem Alter sollte man das Weidwerk erlernen; und er suchte ein altes Schreibheft hervor, das in Fragen und Antworten die ganzen Freuden des Jagens enthielt. Ein Meister zeigte darin seinem Schüler die Kunst, Hunde und Falken abzurichten, Fallen zu stellen, wie man den Hirsch an seiner Losung, den Fuchs an seiner Spur, den Wolf an seinem Lager erkennen kann, das beste Mittel, ihre Fährten auszumachen, sie aufzuscheuchen, wo sich gewöhnlich ihre Schlupfwinkel finden, welches die günstigsten Winde sind nebst der Aufzählung der Schreie und den Regeln des Jagdrechts.

Als Julian alle diese Dinge auswendig aufsagen konnte, stellte ihm sein Vater eine Meute zusammen.

Man unterschied darin zunächst vierundzwanzig Berberwindhunde, schneller als Gazellen, aber zum Davonlaufen geneigt; dann siebenzehn Paare bretonischer Hunde, auf rotem Grunde weiß gesprenkelt, unerschütterlich in ihrer Zuverlässigkeit, von kräftiger Brust und laute Beller. Für die Sauhatz und gefährliche Widergänge waren vierzig Pinscher da, behaart wie Bären. Tatarenhunde, fast so groß wie Esel, feuerfarben, mit breitem Rücken und geraden Läufen, waren bestimmt, die Auerochsen zu verfolgen. Das schwarze Fell der Wachtelhunde glänzte wie Seide; das Gekläff der Talbots war ebenso laut wie das der englischen Vorstehhunde. In einem besonderen Hof knurrten, während sie an ihren Ketten rissen und die Augen rollten, acht alanische Doggen, furchtbare Tiere, die den Reiter von unten anfallen und sich vor Löwen nicht fürchten.

Alle fraßen Weizenbrot, soffen aus steinernen Trögen und trugen klangvolle Namen.

Die Meute wurde von der Falknerei womöglich noch übertroffen; der edle Herr hatte sich, vermöge seines Geldes, kaukasische Sperbermännchen, babylonische Würgefalken, Gerfalken aus Deutschland und Wanderfalken verschafft, die man in fernen Landen, auf den Klippen nordischer Meere gefangen hatte. Sie hausten in einem strohbedeckten Schuppen und hatten, der Größe nach auf der Sitzstange angekettet, vor sich ein Stück Rasen, worauf man sie von Zeit zu Zeit setzte, um sie nicht steif werden zu lassen.

Beutelnetze, Fußangeln, Wolfseisen, alle Arten von Fallen wurden angefertigt.

Oft ließ man Hühnerhunde ins Feld, die sehr schnell zum Stellen kamen. Dann gingen Piköre behutsam vor und breiteten vorsichtig ein ungeheures Netz über ihre regungslosen Leiber. Auf ein Zeichen fingen sie an zu bellen; Wachteln flogen auf; und die Damen der Umgegend, die zusammen mit ihren Gatten geladen waren, die Kinder und die Kammerfrauen, sie alle stürzten sich auf sie und fingen sie ohne Mühe.

Andere Male schlug man, um die Hasen aufzuscheuchen, die Trommel; Füchse stürzten in die Gruben, oder ein zuschnappendes Eisen erwischte einen Wolf am Fuß.

Doch Julian verachtete diese bequemen Kunstgriffe; er zog es vor, abseits von den anderen zu jagen, mit seinem Roß und seinem Falken. Es war fast immer ein großer, schneeweißer skythischer Wanderfalke. Über seiner Lederkappe wippte ein Federbusch, goldene Glöckchen zitterten an seinen blauen Krallen; und sicher hielt er sich auf seines Herrn Arm, während das Roß galoppierte und die Ebenen sich vor ihnen entrollten. Julian ließ ihn, die Leine lösend, plötzlich frei; das kühne Tier stieg gerade wie ein Pfeil in die Luft, und man sah zwei ungleiche Punkte kreisen, sich vereinigen und schließlich im Himmelsblau verschwinden. Nicht lange, und der Falke kehrte zurück, zerriß im Flug einen Vogel und setzte sich, mit zitternden Flügeln, wieder auf den Handschuh.

Julian beizte auf diese Weise den Reiher, den Milan, die Krähe und den Geier.

Er liebte es, das Jagdhorn blasend, seinen Hunden zu folgen, die den Abhang der Hügel hinabliefen, über die Bäche sprangen und wieder in den Wald hinaufjagten; und wenn der Hirsch unter ihren Bissen zu ächzen begann, stach er ihn hurtig ab und ergötzte sich dann an der Wut der Hunde, die ihn verschlangen, nachdem er auf seiner dampfenden Haut zerlegt war.

An nebligen Tagen begab er sich in einen Sumpf, um Gänse, Ottern und Wildenten aufzuspüren.

Drei Knechte erwarteten ihn mit Tagesanbruch am Fuß der Freitreppe, und der alte Mönch, der sich aus seiner Luke beugte, mochte ihm noch so viele Zeichen machen, um ihn zurückzurufen, Julian kehrte nicht um. In der sengenden Sonne, bei Regen, im Sturm zog er aus, trank aus der Hand das Wasser der Quellen, aß im Reiten wilde Apfel und ruhte, wenn er müde war, unter einer Eiche; und inmitten der Nacht kam er heim, von Blut und Schmutz bedeckt, mit Dornen im Haar und mit dem Geruch der wilden Tiere behaftet. Er wurde wie sie. Wenn seine Mutter ihn küßte, ließ er kühl ihre Umarmungen geschehen, schien indessen tiefen Dingen nachzusinnen.

Er tötete Bären durch Dolchstöße, Stiere mit der Axt, Eber mit dem Spieß; und einmal verteidigte er sich sogar, nur mit einem Stock bewaffnet, gegen Wölfe, die am Fuße eines Galgens Leichen zernagten.

An einem Wintermorgen zog er vor Tag davon, wohl ausgerüstet, eine Armbrust über der Schulter und ein Bündel Pfeile am Sattelbogen.

Sein dänischer Hengst, dem zwei Dachshunde folgten, ließ in gleichmäßigem Schritt die Erde erdröhnen. Tropfen froren an seinem Mantel fest, ein heftiger Wind blies. Eine Seite des Himmels hellte sich auf, und im Schein der Dämmerung bemerkte er Kaninchen, die vor ihrem Bau herumhoppelten. Sogleich stürzten sich die beiden Dachshunde auf sie; und hitzig, bald hier, bald dort, zerbrachen sie ihnen das Rückgrat.

Bald kam er in einen Wald. Auf dem Ende eines Astes schlief ein vor Kälte erstarrter Auerhahn, den Kopf unter dem Flügel. Julian schnitt ihm mit einem Schwerthieb beide Füße ab und setzte, ohne ihn aufzuheben, seinen Weg fort.

Drei Stunden später befand er sich auf dem Gipfel eines so hohen Berges, daß der Himmel fast schwarz erschien. Vor ihm fiel, einen Abgrund überhängend, einer langen Mauer gleich, ein Fels ab, und an dessen äußerstem Ende schauten zwei Böcke in die Tiefe. Da er keine Pfeile hatte (denn sein Pferd war zurückgeblieben), kam ihm der Gedanke, zu ihnen hinabzusteigen; halb gebeugt, mit bloßen Füßen, gelangte er schließlich bis zum ersten der Böcke und stieß ihm einen Dolch in die Rippen. Der zweite sprang, von Schrecken gepackt, ins Leere. Julian schnellte hoch, um ihn zu treffen und fiel, mit dem rechten Fuß ausgleitend, auf den Kadaver des andern, das Gesicht über dem Abgrunde, die Arme ausgebreitet.

Zurück in der Ebene, folgte er den Weiden, die einen Fluß säumten. Kraniche, die sehr niedrig flogen, zogen von Zeit zu Zeit über seinem Kopf dahin. Julian erschlug sie mit seiner Peitsche, und verfehlte nicht einen.

Inzwischen hatte die lauere Luft den Rauhreif geschmolzen, breite Nebelstreifen wogten, und die Sonne kam hervor. Ganz in der Ferne sah er einen erstarrten See leuchten, der wie Blei aussah. Mitten im See schwamm ein Tier, das Julian nicht kannte, ein Biber mit schwarzer Schnauze. Trotz der Entfernung erlegte ihn ein Pfeil; und es tat ihm leid, daß er das Fell nicht mitnehmen konnte.

Dann bog er in einen Weg mit großen Bäumen ein, die mit ihren Gipfeln am Eingang eines Waldes gleichsam einen Triumphbogen bildeten. Ein Reh sprang aus dem Dickicht, ein Damhirsch erschien an einer Kreuzung, ein Dachs kroch aus seinem Bau hervor, ein Pfau schlug auf dem Rasen sein Rad; – und als er alle niedergemacht hatte, stellten sich andere Rehe, andere Damhirsche, andere Dachse, andere Pfauen ein und Amseln, Häher, Iltisse, Füchse, Igel, Luchse, eine Unzahl von Tieren, die bei jedem Schritt größer wurde. Sie umkreisten ihn, zitternd, mit einem Blick voll Sanftmut und Flehen. Aber Julian wurde des Niedermetzelns nicht müde, während er abwechselnd die Armbrust spannte, das Schwert aus der Scheide zog, mit seinem Hirschfänger zustach, und er dachte an nichts, hatte keine Erinnerung, von was es auch sei. Er war in irgendeinem beliebigen Land auf der Jagd, seit unbegrenzter Zeit, und allein durch die Tatsache seiner eigenen Existenz ging alles mit der Leichtigkeit vor sich, die man in Träumen empfindet. Ein außerordentlicher Anblick brachte ihn zum Einhalten. Ein kleines arenaförmiges Tal war voll von Hirschen; und sie wärmten sich, dicht aneinandergedrängt, mit ihrem Atem, den man durch den Nebel dampfen sah.

Die Aussicht auf ein Blutbad nahm ihm in freudiger Erregung während einiger Minuten den Atem. Dann stieg er vom Roß, krempelte seine Ärmel auf und begann zu schießen.

Beim Schwirren des ersten Pfeils wandten alle Hirsche den Kopf. Es bildeten sich leere Stellen in ihrer Masse; klagende Laute erhoben sich, und eine große Erregung ging durch die Herde.

Der Rand des Tals war zum Überspringen zu hoch. Die Hirsche bäumten sich in der Umfriedung und suchten zu entkommen. Julian zielte, schoß, und die Pfeile fielen nieder wie ein Gewitterregen. Die wild gewordenen Hirsche stießen sich, bäumten sich, stiegen übereinander, und ihre Körper mit den ineinander verschlungenen Geweihen bildeten einen kleinen Berg, der einstürzte, wenn er sich verschob.

Schließlich verendeten sie, auf den Sand hingestreckt, Schaum an den Nüstern, die Eingeweide hervorquellend, während die Zuckungen ihrer Leiber allmählich nachließen. Dann lag alles regungslos.

Die Nacht brach herein; und jenseits des Waldes leuchtete durch die Zwischenräume der Zweige der Himmel rot wie ein blutgetränktes Tuch.

Julian lehnte sich an einen Baum. Er betrachtete mit weit aufgerissenen Augen die Ungeheuerlichkeit des Gemetzels, ohne zu fassen, wie er es hatte begehen können.

Auf der andern Seite des Tals bemerkte er am Waldrand einen Hirsch, eine Hindin und ihr Kälbchen.

Der Hirsch, der schwarz und von ungeheurem Bau war, hatte ein sechzehnendiges Geweih und einen weißen Bart. Die Hindin, gelb wie welkes Laub, äste das Gras, und das gefleckte Kälbchen sog an ihrem Euter, ohne sie im Gehen zu stören.

Noch einmal schnarrte die Armbrust. Das Kälbchen war sofort tot. Da klagte seine Mutter, zum Himmel blickend, mit einer tiefen, herzzerreißenden menschlichen Stimme. Julian, außer sich, streckte sie mit einem Schuß mitten in die Brust nieder.

Der große Hirsch hatte ihn erblickt und machte einen Satz. Julian schickte ihm seinen letzten Pfeil. Er traf ihn an der Stirn, und der Pfeil blieb dort stecken.

Der große Hirsch schien ihn nicht zu spüren; und über die Toten steigend kam er immer näher, wollte sich auf ihn stürzen und ihn zerreißen; und Julian wich in einem unsagbaren Grauen zurück. Das wunderbare Tier blieb stehen; und mit flammenden Augen, feierlich wie ein Patriarch und Richter, wiederholte es dreimal, während in der Ferne eine Glocke klang:

»Sei verflucht! verflucht! verflucht! Eines Tages, grausames Herz, wirst du deinen Vater und deine Mutter ermorden!«

Er sank in die Knie, schloß langsam die Lider und verendete.

Julian war bestürzt, dann wurde er von plötzlicher Ermattung überwältigt; und ein Ekel, eine ungeheure Traurigkeit überkamen ihn. Die Stirn in den Händen, weinte er lange.

Sein Roß war verloren; seine Hunde hatten ihn verlassen; die Einsamkeit, die ihn umgab, schien ihm voll dräuender Gefahren. Da begann er, von Entsetzen gepackt, zu laufen, querfeldein, wählte aufs Geratewohl einen Weg und befand sich fast unmittelbar darauf am Tor des Schlosses.

In der Nacht konnte er nicht schlafen. Im flackernden Schein der Ampel erblickte er immer wieder den großen schwarzen Hirsch. Seine Prophezeiung verfolgte ihn; er kämpfte gegen sie an. »Nein! nein! nein! ich kann sie nicht töten!« Dann dachte er: »Wenn ich es aber wollte?...« und er hatte Angst, der Teufel könnte ihm die Lust dazu eingeben.

Drei Monate hindurch betete seine Mutter in Ängsten am Kopfende seines Bettes, und seufzend und ohne Unterlaß durchwanderte sein Vater die Gänge. Er ließ die berühmtesten Meister unter den Ärzten kommen, die eine Unmenge Arzneien verordneten. Julians Krankheit, sagten sie, habe ihren Grund in einem unheilvollen Wind oder in einem Liebesverlangen. Doch der junge Mann schüttelte auf alle Fragen nur den Kopf.

Seine Kräfte kehrten zurück; und man führte ihn in den Hof, wobei ihn der alte Mönch und der edle Herr, jeder unter einem Arm, stützten.

Als er wieder vollkommen gesund war, weigerte er sich hartnäckig, zu jagen.

Sein Vater schenkte ihm, um ihm eine Freude zu machen, ein großes sarazenisches Schwert.

Es befand sich in einer Waffensammlung oben an einem Pfeiler. Um es zu erreichen, mußte man sich einer Leiter bedienen. Julian stieg hinauf. Das zu schwere Schwert entglitt seinen Fingern und streifte im Fallen den edlen Herrn so dicht, daß sein Überrock dadurch zerschnitten wurde; Julian glaubte seinen Vater getötet zu haben und fiel in Ohnmacht.

Von nun an fürchtete er die Waffen. Der Anblick eines bloßen Eisens ließ ihn erbleichen. Diese Schwäche bekümmerte seine Familie.

Schließlich befahl ihm der alte Mönch im Namen Gottes, der Ehre und seiner Vorfahren, sein ritterliches Handwerk wieder aufzunehmen.

Die Knappen belustigten sich alle Tage mit der Handhabung des Wurfspeers. Julian zeichnete sich bald darin aus. Er sandte den seinen nach den Hälsen von Flaschen, zerschlug die Zacken der Wetterfahne und traf auf hundert Schritt die Nägel in den Türen.

An einem Sommerabend, um die Stunde wo der Nebel die Dinge undeutlich macht, befand er sich im Laubengang des Gartens, als er ganz am Ende zwei weiße Flügel bemerkte, die auf der Höhe des Spaliers herumflatterten. Ohne Zweifel war es ein Storch; und er schleuderte seinen Wurfspeer.

Ein herzzerreißender Schrei.

Es war seine Mutter, deren Haube mit den langen Flügeln an die Mauer genagelt war.

Julian floh aus dem Schloß und wurde nicht mehr gesehen.

 

II

Er schloß sich einem Haufen vorüberziehender Abenteurer an.

Er lernte Hunger, Durst, Fieber und Ungeziefer kennen. Er gewöhnte sich an den Lärm der Handgemenge, an den Anblick der Sterbenden. Der Wind gerbte seine Haut. Seine Glieder wurden hart im Umgang mit den Waffen; und da er sehr stark, mutig, maßvoll und umsichtig war, erhielt er ohne Mühe den Befehl über eine Abteilung.

Beim Beginn der Schlachten riß er seine Soldaten durch eine mächtige Bewegung seines Schwertes mit. An einem geknoteten Strick erstieg er nachts die Mauern der Zitadellen, vom Sturm geschaukelt, während die Funken des griechischen Feuers sich an seinen Panzer hefteten und kochendes Pech und geschmolzenes Blei von den Zinnen strömten. Oft zerschmetterte ein Stein seinen Schild. Brücken, von Menschen überladen, stürzten unter ihm ein. Seinen Streitkolben schwingend erledigte er vierzehn Reiter. In der Stechbahn streckte er alle nieder, die sich stellten. Mehr als zwanzigmal hielt man ihn für tot.

Durch Gottes Gnade kam er immer davon; denn er beschützte die Männer der Kirche, die Waisen, die Witwen und besonders die Greise. Wenn er einen vor sich hergehen sah, rief er ihn an, um sein Gesicht zu sehen, als ob er Angst gehabt hätte, ihn aus Versehen zu töten.

Fliehende Sklaven, aufständische Bauern, Bastarde ohne Vermögen, alle Arten Unerschrockene strömten unter seinen Fahnen zusammen, und er bildete ein Heer.

Es wuchs. Er wurde berühmt. Man bemühte sich um ihn.

Abwechselnd unterstützte er den Dauphin von Frankreich und den König von England, die Tempelritter von Jerusalem, den Surena der Parther, den Negus von Abessinien und den Kaiser von Kalkutta. Er bekämpfte mit Fischschuppen bedeckte Skandinavier, Neger, die mit Rundschilden aus Nilpferdhaut ausgerüstet waren und auf roten Eseln ritten, goldfarbene Indier, die über ihren Diademen breite Säbel schwangen, die blanker waren als Spiegel. Er besiegte die Troglodyten und die Anthropophagen. Er durchzog so heiße Gegenden, daß unter der Sonnenhitze seine Haare von selbst in Brand gerieten wie Fackeln; und andere, die so kalt waren, daß sich die Arme vom Leibe lösten und zur Erde fielen; und Länder, wo es so viel Nebel gab, daß man marschierend von Spukgestalten begleitet wurde.

Bedrängte Republiken gingen ihn um Rat an. Bei Zusammenkünften mit Gesandten erlangte er unerhoffte Bedingungen. Wenn ein Monarch sich zu schlecht aufführte, erschien er plötzlich und machte ihm Vorhaltungen. Er befreite Völker. Er erlöste Königinnen, die in Türmen eingeschlossen waren. Kein anderer als er tötete die Viper von Mailand und den Drachen von Oberbirbach.

Nun hatte sich der Kaiser von Occitanien, nach seinem Triumph über die spanischen Muselmanen, in wilder Ehe mit der Schwester des Kalifen von Cordoba verbunden; und er hatte von ihr eine Tochter, die er christlich erzog. Doch der Kalif, der sich den Anschein gab, sich bekehren zu wollen, machte ihm einen Besuch, mit zahlreichem Gefolge, metzelte seine ganze Besatzung nieder und versenkte ihn in ein Kerkerloch, wo er ihn schlecht behandelte, um Schätze von ihm zu erpressen.

Julian eilte ihm zu Hilfe, vernichtete das Heer der Ungläubigen, belagerte die Stadt, tötete den Kalifen, schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn wie eine Kugel über die Befestigungsmauern. Dann zog er den Kaiser aus dem Gefängnis und ließ ihn in Gegenwart seines ganzen Hofes wieder seinen Thron besteigen.

Als Belohnung für einen solchen Dienst übersandte ihm der Kaiser Körbe voll Silber; Julian wollte es nicht. Im Glauben, er wolle noch mehr, bot er ihm drei Viertel seiner Reichtümer an; erneute Ablehnung; dann, sein Reich mit ihm zu teilen; Julian dankte; und der Kaiser weinte darüber vor Verdruß, da er nicht wußte, wie er seine Dankbarkeit bezeigen sollte, als er plötzlich an seine Stirn schlug und einem Höfling ein Wort ins Ohr flüsterte; die Vorhänge einer Wandverkleidung öffneten sich, und ein junges Mädchen erschien.

Ihre großen schwarzen Augen glänzten wie zwei milde Lampen. Ein bezauberndes Lächeln öffnete ihre Lippen. Ihr gelocktes Haar verfing sich in den Edelsteinen ihres halboffenen Gewandes; und unter ihrem durchsichtigen Unterkleid erriet man die Jugend ihres Körpers. Sie war ganz reizend, etwas rundlich, in der Taille aber schlank.

Julian war von Liebe hingerissen, um so mehr, als er bis dahin ein sehr keusches Leben geführt hatte.

Man gab ihm also die Tochter des Kaisers zur Frau, dazu ein Schloß, das sie von ihrer Mutter hatte; und als die Hochzeitsfestlichkeiten zu Ende waren, trennte man sich nach endlosen Höflichkeitsbezeugungen von beiden Seiten.

Es war ein Palast aus weißem Marmor, der auf einer Landzunge inmitten eines Orangenhains in maurischem Stil erbaut war. Blumenterrassen führten bis zum Ufer eines Golfs, wo rosige Muscheln unter den Schritten knirschten. Hinter dem Schloß dehnte sich ein Wald in der Form eines Fächers. Der Himmel war stets blau, und die Bäume neigten sich bald unter der Meeresbrise, bald unter dem Wind aus den Bergen, die in der Ferne den Horizont schlossen.

Die von Dämmerung erfüllten Gemächer wurden durch die Verkleidungen der Mauern erhellt. Hohe Säulen, schlank wie Schilfrohre, trugen die Wölbung der Kuppeln, die mit Stalaktiten nachahmenden Reliefs verziert waren.

Es gab Springbrunnen in den Sälen, Mosaiken in den Höfen, verzierte Wände, tausend architektonische Feinheiten, und überall herrschte eine solche Stille, daß man das Rascheln eines Schals oder das Echo eines Seufzers hören konnte.

Julian zog nicht mehr in den Krieg. Er ruhte aus inmitten eines friedlichen Volkes; und jeden Tag zog eine Menge mit Kniebeugen und Handküssen nach orientalischer Sitte an ihm vorbei.

In Purpur gekleidet, stand er auf eine Fensterbrüstung gelehnt, während er sich seiner Jagden von einst erinnerte; und er hätte in der Wüste hinter Gazellen und Straußen herrennen mögen, im Bambus verborgen den Leoparden auflauern, Wälder voll von Rhinozerossen durchqueren, die Gipfel der unzugänglichsten Berge erklimmen, um besser auf die Adler zielen zu können, und auf den Eismeeren die weißen Bären erlegen.

Im Traum sah er sich manchmal, wie unser Vater Adam, im Paradies, von allen Tieren umgeben; er tötete sie, indem er den Arm ausstreckte; oder sie zogen paarweise der Größe nach vorüber, von den Elefanten und den Löwen bis zu den Wieseln und den Enten, wie an dem Tag, als sie Noahs Arche bestiegen. Aus dem Schatten einer Höhle schleuderte er unfehlbare Wurfspeere auf sie; und es kamen andere, es nahm kein Ende; und er erwachte, die Augen wild rollend.

Befreundete Fürsten luden ihn zur Jagd ein. Er sagte stets ab, im Glauben, er könne durch diese Art Buße sein Unglück abwenden; denn es schien ihm das Schicksal seiner Eltern mit dem Morden der Tiere verknüpft zu sein. Doch litt er, weil er sie nicht sah, und sein anderes Verlangen wurde unerträglich.

Um ihn zu erheitern, ließ seine Gattin Gaukler und Tänzerinnen kommen.

Sie ließ sich mit ihm, in offener Sänfte, über Land tragen; zu anderen Zeiten saßen sie auf dem Bord eines Kahns und schauten den Fischen zu, die sich im himmelklaren Wasser tummelten. Oft warf sie ihm Blumen ins Gesicht; zu seinen Füßen kauernd spielte sie Weisen auf einer Mandoline mit drei Saiten; dann sagte sie, ihre beiden gefalteten Hände auf seine Schulter legend, mit zaghafter Stimme: »Was habt Ihr nur, lieber Herr?«

Er antwortete nicht oder brach in Schluchzen aus; eines Tages endlich gestand er ihr seine furchtbaren Gedanken.

Sie wies ihn zurück mit sehr einleuchtenden Gründen: sein Vater und seine Mutter waren wahrscheinlich tot; sollte er sie jemals wiedersehen, durch welchen Zufall, bei welchem Vorhaben käme er zu dieser Scheußlichkeit? Seine Angst war also grundlos, und er konnte sich wieder an das Jagen machen.

Julian lächelte, während er sie anhörte. Doch konnte er sich nicht entschließen, seinen Wunsch zu befriedigen.

Eines Abends im Monat August, als sie in ihrem Zimmer waren, hatte sie sich soeben niedergelegt, und er kniete zum Gebet nieder, als sie das Bellen eines Fuchses vernahmen, darauf leichte Schritte unter dem Fenster; und in der Dunkelheit erblickte er etwas wie Erscheinungen von Tieren. Die Versuchung war zu stark. Er langte nach seinem Köcher.

Sie schien überrascht.

»Um dir zu gehorchen!« sagte er, »bei Sonnenaufgang bin ich zurück.«

Sie jedoch fürchtete ein verhängnisvolles Abenteuer.

Er beruhigte sie, dann ging er, erstaunt über die Unbeständigkeit ihrer Laune.

Kurz darauf meldete ein Page, daß zwei Unbekannte in Ermangelung des abwesenden Herrn sogleich die Schloßherrin zu sehen begehrten.

Und bald traten ein alter Mann und ein altes Weib ins Zimmer, gebeugt, staubbedeckt, in leinenen Kleidern und beide auf einen Stab gestützt.

Sie faßten sich ein Herz und erklärten, daß sie Julian Nachrichten von seinen Eltern brächten.

Sie beugte sich zu ihnen, um sie zu verstehen.

Doch als die beiden sich durch Blicke verständigt hatten, fragten sie sie, ob er sie immer noch liebe, ob er zuweilen von ihnen spräche.

»O ja!« sagte sie.

Da riefen sie:

»Wir sind es!« und sie setzten sich, da sie sehr matt und von der Anstrengung erschöpft waren.

Nichts gab der jungen Frau die Gewißheit, daß ihr Gemahl der Sohn dieser Leute sei.

Sie lieferten ihr den Beweis, indem sie ihr bestimmte Male auf seiner Haut beschrieben.

Sie sprang von ihrem Lager auf, rief ihren Pagen und ließ ihnen ein Mahl auftragen.

Obgleich sie großen Hunger hatten, vermochten sie kaum zu essen; und sie beobachtete verstohlen das Zittern ihrer knochigen Hände, mit denen sie die Becher hielten.

Sie stellten ihr tausend Fragen über Julian. Sie antwortete auf jede, doch trug sie Sorge, den grausigen Gedanken nicht zu berühren, der sie betraf.

Als sie gesehen hatten, daß er nicht zurückkehrte, hatten sie ihr Schloß verlassen; und sie wanderten seit mehreren Jahren auf unbestimmte Hinweise hin, ohne die Hoffnung zu verlieren. Das hatte sie so viel Geld gekostet, für den Brückenzoll und für die Herbergen, für die Abgaben an die Fürsten und die Forderungen der Wegelagerer, daß ihre Geldtasche bis auf den Grund leer war und sie jetzt betteln gingen. Was tat es, da sie bald ihren Sohn umarmten? Sie priesen sein Glück, daß er eine so reizende Frau hatte, und wurden nicht müde, sie zu betrachten und zu küssen.

Die Pracht des Gemaches setzte sie in großes Erstaunen; und der Greis, der die Mauern gemustert hatte, fragte, warum sich dort das Wappen des Kaisers von Occitanien befände.

Sie erwiderte:

»Er ist mein Vater!«

Da schauerte er zusammen, da er sich der Prophezeiung des Zigeuners erinnerte; und die Alte dachte an das Wort des Einsiedlers. Ohne Zweifel war der Ruhm ihres Sohnes nur die Morgenröte eines ewigen Glanzes; und alle beide verharrten in stummem Staunen beim Schein des Leuchters, der den Tisch erhellte.

In ihrer Jugend mußten sie sehr schön gewesen sein. Die Mutter hatte noch immer ihr volles Haar, das in feinen schneeweißen Strähnen bis auf ihre Wangen herabfiel; und der Vater glich mit seiner hohen Gestalt und seinem großen Bart einer Kirchenstatue.

Julians Frau bewog sie, nicht auf ihn zu warten. Sie überließ ihnen ihr eigenes Bett und schloß das Fenster; sie schliefen ein. Der Tag dämmerte, und hinter den Scheiben begannen die kleinen Vögel zu singen.

*

Julian hatte den Park durchquert; und er ging federnden Schritts durch den Wald, sich an dem weichen Boden und der milden Luft weidend.

Die Schatten der Bäume breiteten sich über das Moos. Manchmal bildete der Mond weiße Flächen in den Lichtungen, und er zögerte weiterzugehen, da er eine Wasserlache wahrzunehmen glaubte, oder die Oberfläche stiller Weiher vermengte sich mit der Farbe des Grases. Überall war tiefe Stille; und er entdeckte keines der Tiere, die wenige Minuten vorher noch um sein Schloß gestrichen waren.

Der Wald wurde dichter, die Dunkelheit wurde tief. Wellen heißen Windes, voll von erschlaffenden Düften, zogen vorüber. Er sank in einen Haufen welker Blätter, und er lehnte sich an eine Eiche, um ein wenig Luft zu schöpfen.

Plötzlich sprang hinter seinem Rücken eine schwarze Masse auf, ein Eber. Julian hatte keine Zeit, seinen Bogen zu ergreifen, und er grämte sich darüber wie über ein Unglück.

Dann, als er aus dem Wald trat, bemerkte er einen Wolf, der an einer Hecke entlanglief.

Julian sandte ihm einen Pfeil nach. Der Wolf blieb stehen, drehte den Kopf, um ihn zu sehen, und setzte sich wieder in Trab. Er lief, immer denselben Abstand einhaltend, blieb von Zeit zu Zeit stehen und begann, sobald auf ihn angelegt wurde, zu fliehen.

Auf diese Weise durchquerte Julian eine endlose Ebene, dann ging es über Sandhügel, und endlich befand er sich auf einer Hochebene, von wo man weite Strecken des Landes überschaute. Flache Steine lagen vereinzelt zwischen verfallenen Gewölben. Man stolperte über Totengebeine; hier und da neigten sich wurmstichige Kreuze von jämmerlichem Anblick. Im unbestimmten Schatten der Gräber aber regten sich Gestalten; und erschreckt und keuchend sprangen Hyänen daraus hervor. Mit ihren Krallen auf den Fliesen tappend, kamen sie an ihn heran und schnupperten, das Maul aufreißend, an ihm herum, wobei ihr Zahnfleisch sichtbar wurde. Er zog sein Schwert. Sie stoben zugleich in allen Richtungen davon und verloren sich, ihren hinkenden und doch eiligen Lauf fortsetzend, in der Ferne, in einer Staubwolke.

Eine Stunde später begegnete er in einer Schlucht einem wütenden Stier mit vorgestreckten Hörnern, der mit seinem Huf im Sande scharrte. Julian stieß ihm seine Lanze gegen die Wamme. Sie prallte ab, als ob das Tier aus Bronze gewesen wäre; er schloß die Augen, in Erwartung des Todes. Als er sie wieder öffnete, war der Stier verschwunden.

Da wand sich sein Herz vor Scham. Eine höhere Macht lähmte seine Kraft; und um heimzukehren, trat er wieder in den Wald.

Lianen versperrten den Weg; und er durchschnitt sie mit seinem Schwert, als plötzlich ein Marder zwischen seinen Beinen durchglitt; ein Panther tat einen Satz über seine Schulter, eine Schlange ringelte sich um eine Esche.

In ihrem Laubwerk saß eine ungeheure Dohle, die Julian anschaute; zwischen den Zweigen sprühten hier und dort Unmengen von großen Funken, als ob der Himmel alle seine Sterne hätte in den Wald herabregnen lassen. Es waren die Augen von Tieren: Wildkatzen, Eichhörnchen, Eulen, Papageien, Affen.

Julian schnellte seine Pfeile auf sie ab; die Pfeile mit ihrem Gefieder setzten sich auf die Blätter wie weiße Schmetterlinge. Er warf mit Steinen nach ihnen; die Steine fielen herab, ohne etwas zu treffen. Er verfluchte sich, hätte sich schlagen mögen, stieß Verwünschungen aus, erstickte vor Wut.

Und alle Tiere, die er verfolgt hatte, stellten sich ein, indem sie um ihn einen engen Kreis schlossen. Teils saßen sie auf ihrem Hinterteil, teils hatten sie sich zu ihrer ganzen Länge aufgerichtet. Er harrte in ihrer Mitte, starr vor Entsetzen, unfähig der geringsten Bewegung. Mit der äußersten Aufbietung seines Willens tat er einen Schritt; diejenigen, die auf den Zweigen der Bäume saßen, breiteten ihre Flügel aus, die, welche auf dem Boden hockten, setzten sich in Bewegung; und alle begleiteten ihn.

Die Hyänen gingen ihm voraus, der Wolf und der Eber hinter ihm her. Der Stier zu seiner Rechten wiegte den Kopf; und zu seiner Linken ringelte sich die Schlange durch das Gras, während der Panther, seinen Rücken krümmend, mit leisen Schritten und in großen Sätzen vorankam. Er selbst ging so langsam wie möglich, um sie nicht zu reizen; und aus der Tiefe der Gebüsche sah er Stachelschweine, Füchse, Vipern, Schakale und Bären hervorkommen.

Julian begann zu laufen; sie liefen mit. Die Schlange zischte, die übelriechenden Tiere geiferten. Der Eber rieb seine Hauer an seinen Fersen, der Wolf seine Schnauzhaare an seiner inneren Handfläche. Die Affen zwickten ihn, Fratzen schneidend, der Marder rollte sich zu seinen Füßen. Ein Bär schlug ihm mit seiner Tatze den Hut herab; und der Panther ließ verächtlich einen Pfeil fallen, den er im Maul trug.

Spottlust sprach aus ihrem tückischen Gebaren. Während sie ihn aus ihren Augenwinkeln beobachteten, schienen sie über einem Racheplan zu brüten; und betäubt vom Summen der Insekten, geschlagen von den Schwänzen der Vögel, erstickt vom Atem der Tiere, lief er mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Lidern, wie ein Blinder, ohne auch nur die Kraft zu haben, »Gnade!« zu rufen.

Ein Hahnenschrei durchzitterte die Luft. Andere antworteten; es ward Tag; und über den Orangenbäumen erkannte er die Zinnen seines Palastes.

Dann erblickte er am Rande eines Feldes, drei Schritt von sich entfernt, rote Rebhühner, die über die Stoppeln flatterten. Er band seinen Mantel ab und schlug ihn wie ein Netz über sie. Als er sie aufdeckte, fand er nur ein einziges, seit langem totes, verwestes.

Diese Täuschung erbitterte ihn mehr als alle anderen. Sein Blutdurst packte ihn aufs neue; da sich keine Tiere fanden, hätte er Menschen niedermetzeln mögen.

Er erstieg die drei Terrassen und stieß die Tür mit einem Faustschlag auf; doch unten an der Treppe beschwichtigte die Erinnerung an seine liebe Frau sein Herz. Sie schlief gewiß, und er würde sie überraschen.

Nachdem er seine Sandalen abgezogen hatte, öffnete er leise das Schloß und trat ein. Die bleigefaßten Scheiben schwächten das blasse Licht der Morgendämmerung. Julians Füße verwickelten sich in Kleider, die am Boden lagen; etwas weiter stieß er gegen eine mit gebrauchtem Geschirr beladene Kredenz. »Sie wird gegessen haben«, sagte er sich und schritt zum Bett, das sich im Hintergrund des Zimmers in der Dunkelheit verlor. Am Rand beugte er sich, um seine Frau zu umarmen, über das Kopfkissen, auf dem die beiden Häupter beieinander ruhten. Da empfand sein Mund den Druck eines Bartes.

Er fuhr zurück und glaubte, verrückt zu werden; doch er kam zum Bett zurück, und tastend fanden seine Finger Haare, die sehr lang waren. Um sich zu überzeugen, daß er sich geirrt hatte, strich er noch einmal langsam mit der Hand über das Kissen. Es war wirklich ein Bart, und ein Mann! ein Mann, der mit seiner Frau im Bett lag.

In maßlosem Zorn stürzte er sich auf sie, mit dem Dolch um sich stechend; und er stampfte mit den Füßen, schäumte und heulte wie ein wildes Tier. Dann hielt er ein. Die Toten, ins Herz getroffen, hatten sich nicht einmal gerührt. Er horchte gespannt auf das fast gleiche Röcheln der beiden, und in dem Maße, wie es schwächer wurde, wurde es von jemand anders ganz in der Ferne aufgenommen. Anfangs unbestimmt, näherte sich diese klagende, langgezogene Stimme, schwoll an, wurde grausig; und entsetzt erkannte er das Schreien des großen schwarzen Hirschs.

Und wie er sich umwandte, glaubte er im Türrahmen das Gespenst seiner Frau mit einem Licht in der Hand zu erblicken.

Der Lärm des Mordes hatte sie herbeigeführt. Mit einem Blick begriff sie alles, und vor Entsetzen fliehend, ließ sie ihre Fackel fallen.

Er hob sie auf.

Sein Vater und seine Mutter lagen vor ihm, auf dem Rücken ausgestreckt und mit einer Wunde in der Brust; und ihre Gesichter, von majestätischer Sanftheit, schienen ein ewiges Geheimnis zu hüten. Spritzer und Flecken von Blut waren auf ihrer weißen Haut, den Bettlaken, auf der Erde und an einem elfenbeinernen Christus, der im Alkoven hing. Der scharlachfarbene Widerschein der Scheibe, die gerade von der Sonne getroffen wurde, beleuchtete diese roten Flecken und streute ihrer noch mehr ins Zimmer. Julian ging auf die Toten zu, während er sich sagte, während er glauben wollte, daß das nicht möglich sei, daß er sich getäuscht habe, daß es manchmal unerklärliche Ähnlichkeiten gäbe. Schließlich beugte er sich leicht nieder, um den Greis ganz aus der Nähe zu sehen; und er bemerkte zwischen seinen nicht ganz geschlossenen Lidern ein erloschenes Auge, das ihn wie Feuer brannte. Dann begab er sich auf die andere Seite des Lagers, wo der andere Körper lag, dessen weißes Haar einen Teil des Gesichts verbarg. Julian schob seine Finger unter ihre Strähnen und hob ihr den Kopf; – und er betrachtete sie, sie mit seinem erstarrten Arm haltend, während er in der andern Hand die Fackel hielt. Tropfen um Tropfen sickerte aus dem Polster und fiel auf die Diele.

Als der Tag sich neigte, erschien er bei seiner Frau; und mit einer Stimme, die nicht die seine war, befahl er ihr zuerst, ihm nicht zu antworten, sich ihm nicht zu nähern, ihn nicht einmal anzusehen, und daß sie bei Strafe der Verfluchung alle seine Befehle zu vollziehen habe, die unwiderruflich seien.

Das Leichenbegängnis sollte nach den Anweisungen stattfinden, die er auf einem Betschemel im Zimmer der Toten schriftlich hinterlassen hatte. Er ließ ihr seinen Palast, seine Vasallen, all sein Gut, ohne auch nur die Kleider an seinem Leibe für sich zu behalten und seine Sandalen, die man oben an der Treppe finden würde.

Sie habe dem Willen Gottes gehorcht, indem sie sein Verbrechen veranlaßte, und solle für seine Seele beten, da er fortan nicht mehr existiere.

Man bestattete die Toten mit großer Pracht in der Kirche eines Klosters, das drei Tage von dem Schloß entfernt war. Ein Mönch mit übergezogener Kapuze folgte dem Zug, weit hinter allen anderen, ohne daß jemand gewagt hätte ihn anzureden. Während der Messe blieb er unter der Kirchentür flach auf dem Boden ausgestreckt liegen, mit gekreuzten Armen und die Stirn im Staub.

Nach der Bestattung sah man ihn den Weg einschlagen, der ins Gebirge führte. Er wandte sich mehrere Male um und verschwand schließlich.

 

III

Er zog davon, als Bettler sein Leben fristend. Unterwegs streckte er den Rittern seine Hand entgegen, mit gebeugten Knien näherte er sich den Schnittern, oder er harrte reglos vor den Schranken der Höfe; und sein Antlitz war so traurig, daß man ihm niemals das Almosen verweigerte.

Um sich zu demütigen, erzählte er seine Geschichte; dann flohen alle, das Zeichen des Kreuzes schlagend. In den Dörfern, durch die er schon gekommen war, schloß man die Türen, sobald man ihn wiedererkannte; man rief ihm Drohungen zu, man warf Steine nach ihm. Die Mildtätigsten stellten eine Schüssel auf den Rand ihres Fensters, dann schlossen sie den Laden, um ihn nicht zu sehen.

Überall verstoßen, floh er die Menschen und ernährte sich von Wurzeln, von Pflanzen, von Fallobst und von Muscheln, die er längs des Strandes suchte.

Manchmal, wenn er um einen Hügel bog, erblickte er vor sich ein Gewirr von dichtgedrängten Dächern mit steinernen Giebeln, Brücken, Türmen, dunklen, sich kreuzenden Gassen, aus denen ein ununterbrochenes Summen bis zu ihm heraufdrang.

Das Bedürfnis, am Dasein der anderen teilzunehmen, ließ ihn in die Stadt hinabsteigen. Aber der tierische Ausdruck der Gesichter, der Lärm der Geschäfte und die Gleichgültigkeit der Gespräche ließen sein Herz erstarren. An den Festtagen, wenn die dröhnenden Glocken der Kathedralen vom Tagesanbruch an das ganze Volk in Freude versetzten, sah er die Einwohner ihre Häuser verlassen; dann die Tänze auf den Plätzen, die Brunnen von Kräuterbier an den Straßenecken, die Damastbehänge vor den Behausungen der Fürsten, und wenn der Abend gekommen war, durch die Scheiben der Erdgeschosse, die langen Familientafeln, wo Großeltern kleine Kinder auf ihren Knien hielten; Schluchzen erstickte ihn, und er wandte sich in die Felder.

Mit überquellender Liebe betrachtete er die Fohlen auf den Weiden, die Vögel in ihren Nestern, die Insekten auf den Blumen; alle suchten das Weite, wenn er sich nahte, versteckten sich erschreckt oder flogen eilig davon.

Er suchte die Einsamkeit. Doch der Wind trug etwas wie Todesröcheln an sein Ohr; die Tautränen, die zu Boden fielen, gemahnten ihn an andere Tropfen, von größerem Gewicht. Jeden Abend goß die Sonne Blut in die Wolken; und jede Nacht, im Traum, wiederholte sich sein Elternmord.

Er machte sich ein Büßerhemd mit eisernen Stacheln. Er erklomm auf den Knien alle Hügel, die eine Kapelle auf ihrem Gipfel hatten. Doch die erbarmungslose Erinnerung verdüsterte den Glanz der Heiligtümer, marterte ihn noch in den Kasteiungen der Buße.

Er lehnte sich nicht auf gegen Gott, der ihm diese Tat auferlegt hatte, war aber verzweifelt darüber, daß er sie hatte begehen können.

Seine eigene Person flößte ihm einen solchen Abscheu ein, daß er, in der Hoffnung, sich ihrer zu befreien, sich in Gefahren stürzte. Er rettete Gelähmte aus Feuersbrünsten, Kinder aus Abgründen. Der Abgrund gab ihn zurück, die Flammen verschonten ihn.

Die Zeit linderte nicht seine Qual. Sie wurde unerträglich. Er beschloß zu sterben.

Und eines Tages, am Rande eines Brunnens, sah er, während er sich darüberbeugte, um die Tiefe des Wassers zu schätzen, sich einem Greis gegenüber, der abgezehrt, weißbärtig und von so jämmerlichem Aussehen war, daß er seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Auch der andere weinte. Ohne sein Antlitz zu erkennen, erinnerte sich Julian undeutlich, ein diesem ähnelndes Gesicht gesehen zu haben. Er stieß einen Schrei aus; es war sein Vater; und er dachte nicht mehr daran, sich zu töten.

So, die Last seiner Erinnerung tragend, durchwanderte er viele Länder; und er gelangte zu einem Fluß, dessen Überquerung gefährlich war, wegen seiner reißenden Strömung und weil an seinen Ufern viel Schlamm abgelagert war. Seit langem hatte es niemand gewagt, ihn zu überqueren.

Ein alter Kahn, mit abgesunkenem Heck, streckte seinen Bug aus dem Schilf. Als Julian ihn untersuchte, entdeckte er ein Paar Ruder; und es kam ihm der Gedanke, sein Dasein in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen.

Er begann damit, daß er auf der Böschung eine Art von Dammweg baute, der es ermöglichte, bis zum Fahrwasser hinabzugelangen; und er brach sich die Nägel beim Ausheben der riesigen Steine, preßte sie an seinen Bauch, um sie fortzuschaffen, glitt im Schlamm aus, versank darin und wäre mehrere Male beinahe umgekommen.

Sodann besserte er mit herumliegenden Schiffstrümmern das Boot aus und baute sich aus Lehm und Baumstämmen eine Hütte.

Die Fähre wurde bekannt, und die Reisenden fanden sich ein. Sie riefen ihn vom andern Ufer an, indem sie Fahnen schwenkten; schnell sprang Julian in seine Barke. Sie war sehr schwer; und man belud sie noch dazu mit aller Art Gepäck und Lasten, ganz zu schweigen von den Saumtieren, die, vor Furcht ausschlagend, das Gedränge noch vergrößerten. Er verlangte nichts für seine Mühe; einige gaben ihm Reste von Lebensmitteln, die sie aus ihren Felleisen zogen, oder Kleider, die so abgenutzt waren, daß sie sie nicht mehr tragen mochten. Rohe Gemüter schrien ihm Verwünschungen zu. Julian verwies es ihnen mit Sanftmut; und sie antworteten mit Flüchen. Er begnügte sich, sie zu segnen.

Ein kleiner Tisch, ein Schemel, ein Bett aus trockenem Laub und drei tönerne Becher, das war sein ganzes Hausgerät. Zwei Löcher in der Mauer dienten als Fenster. So weit das Auge reichte, breiteten sich auf der einen Seite unfruchtbare Ebenen, deren Oberfläche hier und da von bleichen Teichen unterbrochen war; und vor ihm wälzte der große Strom seine grünlichen Fluten. Im Frühling hatte die feuchte Erde einen Geruch von Verwesung. Dann wirbelte ein ungestümer Wind den Staub auf. Er drang überall ein, beschmutzte das Wasser, knirschte unter den Zähnen. Etwas später nahten Wolken von Stechmücken, deren Summen und Stechen bei Tag und bei Nacht kein Ende nahmen. Dann stellte sich schauriger Frost ein, der die Dinge hart wie Stein machte und ein wahnsinniges Verlangen nach Fleisch erregte.

Monate verflossen, ohne daß Julian jemanden sah. Oft schloß er die Augen und versuchte, durch das Gedächtnis, sich in seine Jugend zu versetzen – und der Hof eines Schlosses erschien, mit Windhunden auf der Freitreppe, Dienern im Waffensaal, und unter einer Reblaube ein Jüngling mit blondem Haar, zwischen einem in Pelz gehüllten Greis und einer Dame mit großer Flügelhaube; plötzlich lagen die beiden Leichen da. Er warf sich der Länge nach auf sein Lager und wiederholte unter Tränen:

»Oh! armer Vater! arme Mutter! arme Mutter!« Und er fiel in einen dumpfen Halbschlaf, in welchem die düsteren Gesichte ihn weiter verfolgten.

*

Eines Nachts, während er schlief, glaubte er zu hören, wie ihn jemand rief. Er reckte sein Ohr, vernahm aber nichts als das Brausen der Fluten.

Doch dieselbe Stimme fuhr fort:

»Julian!«

Sie kam vom andern Ufer, was ihm bei der Breite des Flusses ungewöhnlich erschien.

Ein drittes Mal rief man:

»Julian!«

Und diese laute Stimme hatte den Klang einer Kirchenglocke.

Als er seine Laterne angezündet hatte, trat er aus der Hütte. Ein wütender Sturm erfüllte die Nacht. Hier und da wurde die Finsternis durch den weißen Schaum der Wogen durchbrochen.

Nach einem Augenblick des Zögerns löste Julian das Tau. Sogleich wurden die Wasser ruhig, die Barke glitt hinüber und stieß an das andere Ufer, wo ein Mann wartete.

Er war in zerfetztes Leinen gehüllt, sein Gesicht glich einer Gipsmaske, und seine Augen waren röter als Kohlen. Als Julian sich ihm mit der Laterne näherte, bemerkte er, daß ein häßlicher Aussatz ihn bedeckte; dennoch war in seiner Haltung etwas Königlich-Majestätisches.

Sobald er die Barke betrat, sank sie, von seinem Gewicht niedergedrückt, merkwürdig ein; ein Stoß hob sie wieder; und Julian begann zu rudern.

Bei jedem Ruderschlag hob der Anprall der Wellen das Vorderteil in die Luft. Das Wasser, schwärzer als Tinte, strömte wütend beide Flanken entlang. Es wühlte Abgründe, türmte Berge auf, und die Barke sprang hinauf und sank zurück in die Tiefen, wo sie sich im Kreise drehte, vom Winde gepeitscht.

Julian beugte seinen Körper vor, reckte seine Arme, und mit den Füßen anstemmend, warf er sich mit einer Drehung seiner Hüften hintenüber, um mehr Kraft zu haben. Der Hagel peitschte seine Hände, der Regen rann ihm den Rücken herab, die Gewalt der Luft nahm ihm den Atem; er hielt ein. Da wurde das Boot von der Strömung fortgerissen. Doch da er begriff, daß etwas Bedeutsames geschah, ein Befehl waltete, dem man nicht ungehorsam sein durfte, faßte er die Ruder von neuem; und das Knarren der Dollen zerschnitt das Schreien des Sturmes.

Die kleine Laterne leuchtete vor ihm. Flatternde Vögel verbargen sie zuzeiten. Immer aber sah er die Augen des Aussätzigen, der hinten stand, aufrecht, unbeweglich wie eine Säule.

Und das dauerte lange, sehr lange!

Als sie in der Hütte angelangt waren, schloß Julian die Tür; und er sah ihn auf dem Schemel sitzen. Eine Art Leichentuch, das ihn einhüllte, war bis auf seine Hüften herabgesunken; und seine Schultern, seine Brust, seine mageren Arme verschwanden unter Placken schuppiger Pusteln. Ungeheure Falten durchfurchten seine Stirn. Gleich einem Skelett hatte er ein Loch anstelle der Nase; und seinen bläulichen Lippen entströmte ein Atem, dick wie Nebel und ekelhaft stinkend.

»Mich hungert!« sagte er.

Julian gab ihm, was er besaß, ein altes Speckstück und die Krusten eines schwarzen Brotes.

Als er sie verzehrt hatte, zeigten der Tisch, der Napf und der Messergriff dieselben Flecken, die man auf seinem Körper sah.

Dann sagte er: »Mich dürstet!«

Julian holte einen Krug; und als er ihn ergriff, entströmte ihm ein Duft, der sein Herz und seine Nasenflügel weitete. Es war Wein; welch ein Fund! Doch der Aussätzige streckte den Arm aus, und mit einem Zuge leerte er den ganzen Krug.

Darauf sagte er: »Mich friert!«

Julian setzte inmitten der Hütte mit seiner Kerze ein Bündel Farn in Brand.

Der Aussätzige wärmte sich daran; und auf seinen Fersen kauernd, zitterte er an allen Gliedern; seine Kräfte wichen, seine Augen glänzten nicht mehr, seine Geschwüre liefen, und mit fast erloschener Stimme murmelte er:

»Dein Bett!«

Julian half ihm behutsam, sich dorthin zu schleppen, und breitete, um ihn zu bedecken, die Plache seines Bootes über ihn.

Der Aussätzige wimmerte. Seine Mundwinkel legten die Zähne bloß, ein immer schneller werdendes Röcheln hob seine Brust, und sein Bauch höhlte sich bei jedem Atemholen bis zum Rückenwirbel.

Dann schloß er die Augen.

»Mir ist, als hätte ich Eis in den Knochen! Komm an meine Seite!«

Und Julian schob die Plache beiseite und legte sich auf die trockenen Blätter neben ihn, Seite an Seite.

Der Aussätzige wandte den Kopf.

»Zieh dich aus, damit ich die Wärme deines Körpers spüre!«

Julian legte seine Kleider ab; dann legte er sich, nackt wie am Tag der Geburt, wieder in das Bett; und er fühlte an seinen Schenkeln die Haut des Aussätzigen, die kälter war als eine Schlange und rauh wie eine Feile.

Er versuchte, ihm Mut zuzusprechen; und der andere antwortete ächzend:

»Ach! ich muß sterben!... Komm näher, wärme mich! Nicht mit den Händen! nein! mit deinem ganzen Leib!«

Julian breitete sich vollständig über ihm aus, Mund an Mund, Brust auf Brust.

Da umschlang ihn der Aussätzige; und seine Augen erglänzten plötzlich, klar wie die Sterne; seine Haare verlängerten sich wie die Strahlen der Sonne, der Hauch seiner Nasenflügel hatte die Lieblichkeit des Rosendufts; eine Weihrauchwolke erhob sich vom Herd, die Wellen sangen. Indessen senkte sich eine Fülle von Wonnen, eine überirdische Freude wie eine Flut in die Seele des verzückten Julian; und er, dessen Arme ihn umschlangen, wuchs fortwährend, wuchs, bis daß er mit seinem Haupt und seinen Füßen die beiden Mauern der Hütte berührte. Das Dach wurde fortgerissen, das Firmament breitete sich aus – und Julian stieg in den blauen Raum, von Angesicht zu Angesicht mit unserm Herrn Jesus Christus, der ihn in den Himmel trug.

*

Und das ist die Geschichte von Sankt Julian dem Gastfreien, ungefähr so, wie man sie auf einem Kirchenfenster in meiner Heimat findet.

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