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Drei einzige Töchter

Berthold Auerbach: Drei einzige Töchter - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDrei einzige Töchter
authorBerthold Auerbach
firstpub1875
year1875
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDrei einzige Töchter
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Viertes Kapitel.

Der Winterfeldzug war hart, aber viele warmherzige Briefe gingen hin und her zwischen Altona und Mainz.

Nannchen war voll Kummer über den harten Winter, in ihren Träumen sah sie oft Wilhelm erfroren im Schnee liegen, immer aber kamen aufs Neue tröstliche Briefe; sie wollte dem Vater solche zu lesen geben, er aber wollte nichts davon wissen, er war ärgerlich auf die Preußen, die so gut schreiben können.

Vom Tage vor der Erstürmung der Düppeler Schanzen kam ein Brief in das Gartenfeld bei Mainz, darin hieß es am Schlusse: »Ich gedenke Deines Wortes »halte Dich brav« – darauf kannst Du Dich verlassen. Im Kugelregen werde ich das Wort immer im Herzen sprechen, und wenn ich falle, so grüß' ich Dich im Tode viel tausendmal, und ich will nicht, daß Du Dein Leben dann wegen meiner vergrämen sollest; mache dann einen andern Mann glücklich, aber so glücklich wie mit mir wirst Du doch mit keinem, und wenn ich sterbe, so wirf den Ring, den ich Dir gegeben, in den Rhein, an dem Tag, an dem wir Alle zusammen nach der Rheinau gefahren sind. Jetzt und hier meine ich, es sei ein Traum, daß je so ein Tag über der Welt war, so herrlich und so glückselig. Ich vertraue dem Himmel, daß solch ein Tag wieder und wieder kommt. Und nun leb' wohl und gräme Dich nicht zu sehr, es kann ja, will's Gott, noch Alles gut werden. Manchem Mann geht manche Kugel vorbei, haben wir ja oft gesungen. Leb' tausendmal wohl, und wenn ich sterbe, sag' auch Deinem Vater, er soll mir verzeihen, wenn ich ihn je beleidigt habe. Leb' tausendmal wohl.«

Diesmal mußte Vater Becker den Brief auch anhören. Er sagte lange nichts, und als ihn Nannchen mit thränenvollem Auge anstarrte, brummte er endlich:

»Ich hätt's nicht geglaubt, daß ein Preuße so viel Herz hat.«

Tage und Nächte vergingen, es kam keine Nachricht. Die Siegesbotschaft war in Aller Munde, aber von Wilhelm war nichts zu erfahren. Nannchen wagte es, auf die Commandantur zu gehen; sie erbebte innerlich, als der Fourier die Liste der Verwundeten und Gefangenen vor sich hin murmelte und dabei manchmal über das Blatt weg auf die Harrende sah. Einer Namens Becker war gefallen, aber er hieß nicht Wilhelm und war nicht von der Havel. Weiter wußte man ihr keinen Bescheid zu geben. Sie schrieb nun an die Mutter Wilhelms nach der Havelstadt, aber auch diese erwiderte, daß sie ohne Nachricht und voll Sorge sei.

Auf dem vom Eis befreiten Rhein ging wieder das erste Dampfschiff. Wenn die Schiffsglocke wieder zum erstenmal klingt, ist Alles voll Fröhlichkeit; alles Leben ist wieder aufgethaut, die Welt ist wieder offen. Der Frühling war so schön, die Bäume blühten, die Vögel sangen – nichts konnte Nannchen trösten, und sie war dem Ohm bös, da er behauptete, Wilhelm sei gewiß gefangen, er habe es gescheit gemacht, sich lieber gefangen zu geben, als sich erschießen zu lassen.

»Das thut er nicht,« rief Nannchen, »lieber stirbt er.«

Endlich am Sonntag nach Ostern kam ein Brief aus Flensburg. Er war von fremder Hand und lautete:

»Liebes Nannchen! Verzeihe, daß ich Dir nicht schreiben kann. Ich habe Dir keine Nachricht geben wollen, bis es so weit vorbei ist.«

Nannchen legte es sich wie Spinnweb vor die Augen, als sie das las, aber sie wischte sich mit der Hand über die Augen und las weiter:

»Dir zu lieb habe ich lieber sterben wollen, als ein Krüppel sein. Ich weiß, Du hättest auch nicht von mir gelassen, wenn ich ein Krüppel wäre. Gott wird's mir verzeihen, ich habe weniger an meine Mutter als an Dich gedacht. Also die Sache ist so. Ich habe einen Schuß in den rechten Arm bekommen. Und es war so, daß sie mir den Arm haben abnehmen wollen. Ich habe aber fest darauf bestanden: lieber sterben, als ein Krüppel sein. Heute haben nun die Doctoren gesagt, mein Arm sei gerettet. Ob ich ihn wieder gehörig brauchen kann, das weiß man noch nicht. Liebes Nannchen, betrübe Dich nicht zu sehr, denke daran, daß ich hätte sterben können. Sei auch ohne Sorge, ich werde gut verpflegt. Die Dir diesen Brief schreibt, ist eine Frau von einem Doctor. Sie ist aus Berlin und ist eine Jüdin. Aber im Kriege sind alle Menschen gleich, sie sollten es auch im Frieden sein. Sie sieht ganz aus, wie Deine gute Freundin, die Fränz von der Gaugasse; sie hat auch kurze schwarze Locken und auch so ein gutes Herz. Und sie nimmt mir's ab, wenn ich von Dir erzähle. Sie kann aber nicht lange bei mir bleiben. Also in acht Tagen, sagen die Doctoren, kann ich von hier fortgebracht werden. Ich habe gebeten, daß man mich zu meiner Mutter bringt. Schreib' mir gleich hierher und heute über acht Tage an meine Mutter. Ich hoffe, daß Du keinen Krüppel zum Manne haben sollst. Aber es kann sein, daß ich nicht mehr auf meinem Handwerk arbeiten kann. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sag' Du mir, was Du dazu denkst und auch Dein Vater.«

Als Nannchen diesen Brief gelesen hatte, saß sie nicht still, sie ging schnell in den Garten an die Arbeit; aber kaum war sie ins Haus zurückgekehrt, als sie den Brief wieder und wieder las. Es kam ihr Alles wie ein Traum vor, und doch mußte sie sich endlich drein finden, daß es Wahrheit sei.

Als am Abend der Vater kam und Nannchen ihm den Brief vorgelesen, sagte er wiederum lange nichts, bis er sich endlich zu den Worten verstand: »Der Preuße versorgt seine Invaliden gut. Jetzt kann der Wilhelm Amtsdiener oder Chausseegeldeinnehmer in der Wasserpolackei werden, wo die Menschen zehn Monate des Jahres in Schafpelzen herumlaufen. Hast Du auch Lust dazu, Frau Amtsdienerin oder Chausseegeldeinnehmerin zu werden, wo man das ganze Jahr nichts hört als das Pfeifen des Windes und nichts sieht als einmal ein Fuhrwerk mit einem ausgehungerten Rößlein? Daß es Wein auf der Welt giebt, das ist da hinten in der Polackei ein Aberglaube.«

Nannchen betrachtete staunend den Vater, wie er so hartherzig sein kann. Sie ging aber, bevor die Festung geschlossen wurde, zur Tante nach Kostheim, übernachtete bei ihr und weinte sich aus.

Fünftes Kapitel.

Es vergingen stille Tage, Nannchen sprach kein Wort mehr von Wilhelm. Der Vater sah sie manchmal staunend an und freute und ärgerte sich über ihre Verschlossenheit. Aber sein Hauptgedanke war doch: »Es ist doch ein Kernmädel, sie läßt sich in Nichts helfen.« Er sollte auch erfahren, daß sie sich in Nichts widerstreiten läßt. Denn eines Tages, als ein Brief aus der Havelstadt gekommen war, worin es hieß, daß Wilhelm sich bei seiner Mutter befand, sagte Nannchen:

»Vater, ich habe Alles eingerichtet, das Geschäft kann fortgehen ohne mich; morgen reise ich zu Wilhelm.«

»So? Du reisest zu ihm und fragst mich gar nicht?«

»Lieber Vater, was soll ich fragen, wo ich mir doch nicht abrathen lasse?«

»Sag' nicht: lieber Vater! Wenn man das sagt, braucht man nicht mit lieber Vater anfangen. Hast Du mich verstanden? Was ist jetzt Dein Schneppepperles-Mäulchen so still? Ist denn das, was ich gesagt habe, so einfältig? So red' doch. Was weinst Du? Weinen ist keine Antwort.«

»Vater, ich möcht' nicht in Streit von Euch gehen,« brachte endlich Nannchen hervor.

»Und ich leid's nicht, daß Du so mir nichts dir nichts von mir gehst.«

»Dann muß ich's heimlich thun.«

»Heimlich?«

Er stand auf und stemmte beide Hände in die Seiten. Es kämpfte seltsam in seinem Gesichte, und endlich sagte er: »Du gehst nicht heimlich und gehst nicht allein! Du gehst mit mir, ich geh' mit Dir. So lang meine Augen offen stehen, will ich sehen, wo Du hingehst und wo Du bist und wo Du bleibst. Sei ruhig. Laß meine Hand. Was brauchst Du meine Hand zu küssen? Das ist dummes Zeug. Ich bin Dein Vater, ich geh' mit Dir. Aber red' nichts vorher davon; laß die Leute schwätzen, wenn wir fort sind. Pack' Du mir still ein, was ich brauch', morgen früh mit dem ersten Schiff gehen wir den Rhein hinab. Ich will doch auch einmal sehen, wie dort um die Ecke herum bei Bingen der Rhein aussieht. – So, jetzt ist's gut, jetzt hast Du wieder Dein gutes Gesicht. So war's bei Deiner Mutter auch. Ich hab' sie nur zweimal weinen sehen, und nachher war's so schön, wie nach einem Gewitter. So, jetzt ist aber genug geschwätzt, und wir haben ja unterwegs noch Zeit zu Allem.«

Nannchen ordnete Alles bedachtsam in Haus und Garten. Und einmal erschrak sie vor sich selber, als sie merkte, daß sie sang. Sie singt, während Wilhelm so schwer darniederliegt! Aber sie hatte ein Gefühl der Zuversicht, daß nun Alles gut werde, es kann nicht anders sein, und das Glück, daß sie mit ihrem Vater so wunderbar wieder eins und einig geworden, strahlte von ihrem Antlitze, so daß die Tante von Kostheim, die sie zu trösten gekommen war, sie staunend betrachtete. Sie wollte kaum glauben, daß der Stoßkarrcher so gut sein könne; aber sie war auch klug und sagte sofort, die Rheinreise solle wenig kosten, sie gebe dem Schwager die Freikarte ihres Mannes, der als Steuermann gar nichts für die Fahrt auf dem Schiffe zu zahlen habe.

Am frühen Morgen waren Vater und Tochter draußen am Rhein und schauten über den Strom und in die helle Landschaft. Der Vater bekam leicht Urlaub; denn er hatte ihn eigentlich noch nie in Anspruch genommen. Es waren viele Kameraden da und Becker nahm nur eine Fahrkarte bis Bingen; das war doppelt gut. Denn erstens merkten die Kameraden nicht, wohin es geht, und dann – er erklärte das Nannchen auf dem Schiff – wollte er in Bingen, wo man ihn nicht kennt, die Weiterfahrt unter dem Namen des Schwagers Steuermann machen.

»Ja Vater, könnt Ihr denn das? unter fremdem Namen reisen, und die Menschen –«

»Sag' das Wort nicht, Du hast recht, ich hab' mir auch nur eingeredet, daß ich's könnte, es ist wahr. Mag's jetzt kosten, was es will, ich bezahl' meine Personenfracht. Und die wird nicht nach dem Gewicht gerechnet,« setzte er lächelnd hinzu. »So, jetzt ist's gut. Steck' Du die Karte vom Ohm Steuermann zu Dir, damit ich sie nicht verliere.«

Und weiter ging's den Rhein hinab.

Bis nach Bingen stand Becker oben beim Steuermann und half ihm das Rad drehen. Er ist froh, daß er was thun kann.

Nannchen saß still auf der Vorkajüte. Sie las aber und abermals den Brief, dann wischte sie sich mit dem unentfalteten weißen Tuch scharf über das ganze Gesicht, als müßte sie alle Trauer daraus weg wischen, und schaute frei um. »Wie ist die Welt so schön und weit, und da droben liegt ein guter Mensch in einer stillen Kammer und hat Schmerzen ohne Ende. Aber jetzt muß er auch schon Alles leicht verwinden. Denn heute, just um diese Zeit – Nannchen hat genau auf der Post nachgefragt – erhält er den Brief mit der Nachricht, daß wir kommen. O wie schön ist es doch, daß man einander schreiben kann.«

Von Bingen an setzte sich der Vater zu seiner Tochter und sagte:

»Willst Du nicht auch ein gut Glas Wein trinken? Der Capitän hat einen guten Tropfen. Er hat mich nur die Hälfte des Fahrgeldes zahlen lassen, und ich bin dabei ein ehrlicher Mann geblieben. Jetzt bin ich einmal auch ein Engländer und sehe mir unsern Rhein an.«

Der Vater war überaus lustig und ließ sich von einem jungen Mann, der ein rothes Buch aufgeschlagen in der Hand hatte, die Städte und Burgen hüben und drüben benamsen. Nannchen war ganz glücklich, daß der Vater so munter war. Und der Tag war so schön, kein Wölkchen stand am Himmel, und der Vater rief einmal: »Riechst du nicht auch was? Ich mein', ich rieche die Weinberge, die jetzt in Blüthe stehen. Jetzt gerade vor dreißig Jahren hat's auch einen Prachtwein gegeben, damals haben wir geheirathet.«

Es lag ein feuchter Glanz in seinem Auge und er blinzelte mit den Wimpern. Denn der starke derbe Mann dachte innig an die verstorbene Frau.

Als das Schiff bei Neuwied anlegte, sagte Nannchen: »Da im Thal wohnt der Vetter Wilhelms.« Sonst sprach sie nicht von ihm; sie wollte dem Vater, der überaus heiter war, die Stimmung nicht stören.

So lustig er auf dem Rhein gewesen war, so unlustig und ärgerlich war er während der Eisenbahnfahrt.

»Da hast Du es,« sagte er zu Nannchen. »Da siehst Du, wo wir hinkommen. Und in solch einem Land willst Du bleiben?«

»Ja, was ist denn, Vater?«

»Du kannst ja lesen. Lies doch.«

Nannchen las auf dem Bahnhofe die Aufschrift: »Vor Taschendieben wird gewarnt!« und sie lachte.

»Da lachst Du?« rief der Vater, »und ich komme mir vor, wie wenn immer fremde Hände in meinen Taschen wären, und wie wenn sie mir das Herz aus dem Leibe stehlen wollten. Dunnerkeil! – das war sein Lieblingsausruf – wo sind wir hingerathen!«

Er knöpfte seinen Rock fest zu, aber ihn wieder aufreißend, rief er: »Sie haben mir schon Alles genommen, meine Brieftasche mit dem Geld ist fort!«

»Vater, was seid Ihr so aus dem Häuschen? Ihr habt sie ja mir gegeben.«

»So? ja. Du hast sie doch noch? Aber guck', ich bin Dir ganz verwirrt. Da laufen die Menschen herum, und Jeder kann ein Taschendieb sein.«

»Das kann daheim auch sein.«

Der Vater war eine Zeit lang still, dann aber schimpfte er wieder beständig auf die Preußen, die immer so eilig thun, als ob in der nächsten Minute die Welt unterginge. Nannchen hörte ihn geduldig an und bat nur, nicht so laut zu sprechen. Ein Mann aber, der im Wagen saß, hatte doch gehört, was der Rheinländer vorgebracht hatte. Der sagte ihm: »Ihr Rheinländer kommt uns fahrig vor, wie wir Euch als zu herb und streng erscheinen. Wenn wir Euch so am Rhein da draußen stehen sehen mit den Händen in den Hosentaschen, so meinen wir, in diesem etwas französisch angehauchten, leichtlebigen Wesen wäre keine rechte Arbeitslust, und doch seid Ihr in Eurer Art auch fleißig.«

»Dank' schön,« erwiderte Becker.

»Ja, Sie kommen zum erstenmal nach Norddeutschland, und ich sehe es wieder, wir Norddeutsche haben nur einen einzigen Freund.«

»So? Und wer ist das?«

»Unsere Arbeit. Die ist unser einziger Freund. Geben Sie Acht, und Sie werden sehen, wie Alles emsig ist. Man hat nicht Zeit und nicht Lust zu gutmüthigen Lässigkeiten. Wir sind hart gegen Andere, aber auch hart gegen uns.«

Der Mann stieg unterwegs aus, aber das Wort, das er gesagt hatte, blieb bei dem Rheinländer im Wagen. Die Norddeutschen haben keinen andern Freund als ihre Arbeit! Da ist doch was drin!

Als der Vater darüber loszog, daß man nirgends mehr einen guten Tropfen Wein bekäme – sie hätten nichts als Schnaps und fabricirten Wein, den sie spanischen nennen, und der französische Rothwein sei eigentlich Medicin und gar kein Wein; zudem ließen sie Einem kaum Zeit, das gebrannte Zeug zu trinken – nahm Nannchen eine große Flasche aus ihrem Handkorb und ein Glas dazu.

»Der ist noch von Daheim,« sagte der Vater. »Und Du hast doch viel von der Art Deiner Mutter. Ich weiß nicht, mir ist's, wie wenn ich jetzt den weiten Weg zu ihr reiste in die andere Welt.«

Zum erstenmal erzählte er nun der Tochter, wie er die Mutter kennen gelernt. Sie war mit dem Marktschiff angekommen, das damals noch den Main herunterkam. Er trug ihr ihre Kiste, und unterwegs sprachen sie gut mit einander. Und als sie ihm den Trägerlohn geben wollte, weigerte er die Annahme und sagte: »Nun bist Du mir was schuldig, bist Du mir gern was schuldig?« Sie nickte.

Als sich Beide was erspart hatten, kauften sie das Häuschen im Gartenfeld. Es steht freilich nur auf Zeit da; denn wenn Krieg kommt, müssen diese Häuser abgebrochen werden.

»Aber es ist ja Alles in der Welt nur auf Zeit da,« schloß der Vater, und war dann lange still.

Vater und Tochter, die immer so gut mit einander gelebt hatten, meinten, daß sie erst jetzt auf dieser Reise einander recht im Herzen hegten.

Der Vater sprach das einmal aus, indem er sagte: »Es ist doppelt hart, daß wir gerade jetzt, wo wir einander so haben, von einander lassen sollen. Sag', bin ich ein hartherziger Vater?«

»Nein, gewiß nicht.«

»So versprich mir, wenn er ein Krüppel bleibt, daß Du von ihm lässest.«

»Vater, das kann ich nicht versprechen.«

Von da an war der Vater wiederum still.

Als sie nicht weit von der Havelstadt waren, sagte der Vater, sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirn wischend: »Als was kommen wir denn eigentlich da her?«

»Vater, ich versteh' Euch nicht.«

»Die verdammten preußischen Eisenbahnen machen einen Lärm, daß man sein eigen Wort nicht hört. Nannchen, jetzt was sagen wir denn, warum wir da sind?«

»Um den Wilhelm zu besuchen.«

»Und als was?«

»Ich bin seine Braut.«

»Und was bin denn ich?«

»Sein Schwiegervater.«

»Also Du bleibst fest, auch wenn er ein Krüppel ist und den einzigen Preußenfreund nicht mehr hat? Du hast ja gehört, sie haben keinen andern Freund als die Arbeit.«

»Dann hat er mich und wir wollen schon was umtreiben. Wenn's nicht anders ist, pachten wir ein Wirthshaus.«

Als sie der weiten breiten Havel ansichtig wurden, rief Nannchen: »Vater, seht die vielen schönen weißen Schwäne!« Der Vater nickte und Nannchen fuhr fort: »Sie sind gar nicht schwarz.«

»Warum sollten sie denn schwarz sein?«

»Weil ja die Havel so schwarz ist, daß man die Feder eintunken und damit schreiben kann.«

»Du machst Dich lustig,« sagte der Vater. Er wollte sagen, Du machst Dich über Deinen Vater lustig, aber er freute sich eigentlich, daß sein Kind so gut aufgelegt sei, und er neckte sie, indem er sagte: »Die Preußen machen das Alles aus Blech, das sind blecherne Schwäne.«

Sie trafen Wilhelm schon im Stuhle sitzend an. Er rief: »Ich kann Dich nur mit Einem Arm um den Hals nehmen, aber warte nur, der andere kommt schon wieder.«

Der Vater freute sich doch über das stattliche Haus und über die gute Art der Leute und besonders über die Mutter. Ein Hauptspaß war es, als sie ihm Bierkaltschale auftischte. Einen ganzen Tag hatte er seine Lust daran, über die Ungeheuerlichkeit, daß man Biersuppe esse, zu spotten; aber er sah doch, daß es den Leuten wohlschmeckte, und es war ihm nur lieb, daß sie ihn nicht durch Zureden zwangen, das auch zu genießen. Ueberhaupt fand er, daß die Leute hier zu Lande Einem gar nicht so zum Essen und Trinken zureden. Sie stellen's hin, sagen ein kurzes Wort oder auch gar nichts; und wenn man's nicht genießt, ist's ihnen auch recht. Sie machen da nicht viel Worte: »Versuchen Sie's einmal! Sie werden sehen, es wird Ihnen schmecken,« und wie die Zuthulichkeiten heißen.

Eines Morgens sagte der Vater zu seiner Tochter: »Da, jetzt hab' ich's heraus, Du kannst nicht hier bleiben; hier gedeiht kein Rebstock.«

»Ich bin kein Rebstock.«

»Du weißt schon, was ich meine. Aber gieb Acht! Die beiden besten Dinge auf der Welt haben sie hier nicht und kennen sie nicht. Weißt Du, was ich meine?«

»Nein.«

»So gieb Acht! Sie haben keinen Wein und können nicht lachen.«

»Es freut mich, Vater, daß Ihr so lustig seid.«

»Lustig? Ich bin gar nicht lustig.«

Das war volle Wahrheit. Denn er ging im Städtchen und am Ufer der Havel umher, wie wenn ihm jeder Mensch danken müßte, daß er vom schönen Rhein dahergekommen sei; aber es dankte ihm kein Mensch, im Gegentheil, er wurde gar nicht beachtet.

Als er längere Zeit dabei stand und zuschaute, wie ein größerer Kahn, hier Schuite genannt, am Ufer gezimmert wurde, und er seine Bemerkungen machte, wie man das am Rheine ganz anders herrichte, sahen die Schiffszimmerer kaum auf den Mann und arbeiteten weiter; er glaubte sogar, daß sie höhnisch über ihn sprachen.

Wenn er dann nicht umhin konnte, Nannchen zu klagen, daß die Menschen hier gar unzutraulich seien, stutzte er, wie Nannchen ihm darlegte, daß er jetzt selber sehe, wie es Einem zu Muthe sein müsse, wenn man als Fremder betrachtet werde. Er habe daheim es den Preußen ja auch nicht anders gemacht.

Wilhelm war in den wenigen Tagen der Anwesenheit Nannchens wunderbar schnell in der Genesung vorgeschritten.

Der Vater sah, daß da nichts mehr zu ändern war, und er ging nun mit der Sprache heraus: Er habe nichts mehr gegen die Sache, aber Wilhelm solle zu ihm nach Mainz ziehen. Die Mutter aber erklärte, daß Wilhelm ihr einziges Kind sei, und sie könne ihn nicht auswandern lassen.

»Wenn er aber im Krieg gefallen wäre?« entgegnete der Vater, »dann hätten Sie ihn doch auch lassen müssen.«

»Das ist was Anderes, da kann man nichts für und wider. Der König hat ihn verlangt und unser Herrgott hat über ihn verfügt, das ist ganz anders.«

Der Vater sah die Frau verwundert an. Sie bittet ihn gar nicht, sie redet so feldwebelmäßig mit ihm. Auch in den Weibsleuten hier oben steckt was vom Soldaten.

Aergerlich ging er hinaus an das Werft, wo heute der Kahn vom Stapel gelassen werden sollte.

Wunderlich! Hier ist gar keine Lustbarkeit bei solcher Sache; sie vollführen Alles so still und trocken.

Der Stoßkarrcher trat näher.

»Gehen Sie hier weg, Männeken, Sie gehören nicht hierher,« sagte ihm einer der Arbeiter.

Der Stoßkarrcher sah ihn groß an. Soll er den Menschen in Grundsboden hineinschlagen? Aber das wollte er seiner Tochter nicht anthun. Er that nur, als ob er's nicht verstanden habe, und blieb ruhig stehen. Der Mann geht auf die andere Seite. Jetzt kommt ein Bursch, der eine Stütze anhakt.

Becker findet, daß der Mann zu nahe kommt und schreit mit mächtiger Stimme: »Geh' davon, Du! Dunnerkeil!«

Der Mann wendet sich auf den Schrei des gewaltigen Rufers, und im selbigen Augenblick bricht die Stütze, er liegt unter dem Kahn.

Ein Schreien durchdringt die Luft. Aber Becker ist schnell bei der Hand, hebt den Kahn mit übermächtiger Kraft in die Höhe, und der Eingeklemmte steht auf. Becker hält noch den Kahn eine Minute frei auf der Schulter, dann giebt er ihm einen Stoß, daß er ins Wasser rollt, das spritzend aufschäumt. Der Rock ist Becker von oben bis unten in Stücke gerissen. Da steht er nun verschnaufend und schaut sich um. Jetzt kommt der Mann, der ihn vorhin weggewiesen, auf ihn zu und sagt: »Männeken, was haben Sie hier zu thun? Sie gehören nicht hierher.«

»Männeken! Dunnerkeil! Ist das mein Dank?«

Er wettert und flucht und schimpft auf die Preußen, was er nur auf der Seele hat. Da kommt der Hafenmeister, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt: »Seien Sie ruhig, Herr Becker, ich kenne Sie noch von Mainz her, wo ich als Feldwebel in Garnison war. Es ist richtig, Sie haben den Mann angerufen, und vor Schreck ist er unter den Kahn gekommen. Aber Sie haben sich auch wieder tapfer gehalten, aller Ehre werth. Sie haben eine Kraft bewiesen, wie sie nicht leicht zu finden ist. Kommen Sie mit in mein Büreau. Ich schicke ins Haus Ihres Schwiegersohns und lasse Ihnen einen andern Rock holen.«

Als der Stoßkarrcher im Büreau saß, kam der Mann, den er gerettet hatte, und dankte ihm. Er sagte, zum Hafenmeister gewendet: »Ich glaube, der Herr verdient die Rettungsmedaille.«

Der Stoßkarrcher wußte nicht, war das Spott oder Ernst? Aber der Hafenmeister fuhr fort: »Allerdings. Und wenn Herr Becker es wünscht, so mache ich darüber Bericht an die Regierung.«

»Ist schon gut, brauch' weiter nichts.«

Und als der Stoßkarrcher in seinem andern Rock in das Städtchen ging, war er ein anderer Mensch, und alle Menschen waren anders. Die Leute nickten ihm zu. Im Hause seines Schwiegersohnes, wohin die Nachricht bereits gedrungen war, wurde er mit Jubel bewillkommt.

Der Hafenmeister kam und mit ihm noch mehrere Männer; sie luden Becker und die ganze Familie ein, da noch heller Mittag war, die erste Lustfahrt in dem neuen Kahn nach der Insel Werder zu machen. Der Arzt des Städtchens kam auch hinzu und gestattete Wilhelm bei der Fahrt zu sein. Und Nannchen rief: »Vater, seht, heut' trägt Wilhelm zum erstenmal sein Ehrenzeichen auf der Brust in die freie Luft hinaus.« Der Vater nickte zufrieden. Man ging wie im Triumphe nach dem Werft. Die schwarzweiße Fahne war auf dem neuen Schiff aufgezogen, und die Gesellschaft fuhr fröhlich von dannen.

»Das Wasser ist schön blau,« sagte Becker, mit der Hand hineinlangend, »ich hab' mir's gar nicht so gedacht.«

Nannchen und Wilhelm nickten einander zu.

Jetzt wurde auch gesungen, aber eigentlich nur Soldatenlieder, denn andere kannte die Mannschaft nicht; aber Wilhelm und Nannchen sangen mit.

Vom Wasser aus schien die neunthürmige Kirche des Städtchens hoch zu liegen, aber der Hafenmeister erklärte, daß man sich auf dem Wasser immer leicht täusche. Viele Schiffe, die ihnen begegneten, führten die rothen Backsteine, die in den überall sichtbaren hochschlotigen Ringöfen gebrannt worden. Ein Schleppdampfer kam von Hamburg her, und Becker ließ sich die Tiefe der Havel erklären. Auf der Insel staunte er nicht wenig, hier so fruchtbares Land zu finden. Der Hafenmeister legte ihm gut aus, wie das ringsum wol ehedem nichts als See und Sumpf gewesen, und daß vor Zeiten viele Holländer hier eingewandert seien, und wie man noch heute mit Fleiß und Zähigkeit Alles bebaue. Becker mußte gestehen, daß selbst am Rhein nicht schönere und reicher tragende Obstbäume seien als hier.

»Und du bist auch da?« sagte er zum Weinstock, der an den Hügeln empor kräftig stand.

»Das habe ich bei uns daheim noch nie gesehen,« sagte Becker sogar einmal, als er inmitten des Städtchens die schöne Reihe der Obstbäume sah und dahinter die wohlgepflegten reinlichen Häuser.

Mau saß unter den Linden am Marktplatz wohlgemuth beisammen. Es wurde vom heimischen Biere getrunken und Becker zu liebe, da ihm das gute, aber etwas süßliche Gebräu nicht recht munden wollte, schließlich noch Wein. Und Becker bekam nochmals ein gutes Wort, das zu dem auf der Eisenbahn sich paßte. Denn der Hafenmeister sagte:

»Merken Sie sich's, Herr Becker, es ist auch ein Gleichniß. Bei Euch am Rhein wird der Wein aus offenen Fässern, bei uns nur aus verkorkten und versiegelten Flaschen getrunken. Aber der Wein ist derselbe. Und das Menschenherz, das er erfreut, ist auch dasselbe.«

Becker stieß fröhlich mit dem Manne an.

 

 

Daheim erzählte Becker, daß da droben im Preußenland auch ganz ordentliche Menschen seien. »Und auf der Havel gehen auch gute, rechte Schiffe. Aber freilich, so lustig wie am Rhein ist es doch nicht.«

Die Reben, die schön abgeblüht hatten, gaben im Herbste wieder einen guten Wein. In Kostheim bei der Tante wurde die Hochzeit gefeiert; die Fränz von der Gaugasse war Brautjungfer.

Kurz vor der Abreise des jungen Paares erlebte der Vater nochmals einen Aerger, der sich indeß schnell wieder in das Gegentheil verwandelte.

»Wilhelm,« sagte er zu seinem Schwiegersohn. »Eins ist doch wenigstens gut, Du brauchst nun nicht mehr Soldat zu sein.«

»Ich bin Gottlob nicht invalid,« entgegnete Wilhelm, »ich stehe noch bei der Landwehr. Und das soll so sein.«

Wie gesagt, das verdroß anfangs den Vater, dann aber sagte er wie umgedreht zum Schwager Steuermann: »Es ist doch eine hartkernige und gute feste Art in den Preußen.«

*           *
*

So ist diese Geschichte geschehen und aufgeschrieben vor zehn Jahren. Man könnte auch sagen, vor hundert Jahren; denn haben wir seit 1864 nicht ein Jahrhundert erlebt?

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