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Drei dramatische Fragmente: Anekdote zu den Freuden des jungen Werthers / Erwin und Elmire / Hanswursts Hochzeit

Johann Wolfgang von Goethe: Drei dramatische Fragmente: Anekdote zu den Freuden des jungen Werthers / Erwin und Elmire / Hanswursts Hochzeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typecommedy
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleDrei dramatische Fragmente: Anekdote zu den Freuden des jungen Werthers / Erwin und Elmire / Hanswursts Hochzeit
booktitleWerke 1.2.: Fragmente
publisherCarl Hanser Verlag
year1990
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20151201
senderwww.gaga.net
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Anekdote zu den Freuden des jungen Werthers

Lotte im Neglischée, Werther im Hausfrack sitzend, sie verbindt ihm die Augen.

Lotte Nein Werther das verzeih ich Alberten mein Tage nicht, ich hab ihn lieb und wert, und bin ihm alles schuldig; aber mich dünkt doch wenn einer einen klugen Streich machen will, soll er ihn nicht halb tun, soll nicht durch einen grillenhaften läppischen Einfall alles verderben, was er etwa noch gut machen könnte. Wo ist da nur Menschenverstand, Gefühl, Delikatesse in seiner Aufführung? Der verfluchte Schuß! Es war ein Hanswursten Einfall. Er sollte dich von deiner Verzweifelung kurieren, und bringt dich fast um deine Augen. Deine lieben Augen Werther, du hast seit der Zeit noch nicht hell draus gesehn.

Werther Sie brennen mich heut wieder sehr. Es wird besser werden. Albert hats gut gemeint. Was kann man dafür daß es die Leute gut meinen.

Lotte Ich begreif nicht, wie du nicht gar ein Aug drüber verloren hast. Und deine Augenbraunen sind hin (sie küßt ihm die Stirne).

Werther Liebe Lotte!

Lotte So schön gezeichnet wie sie waren, werden sie nimmer wieder. Meint er doch Wunder was er getan hätte; wenn er zu uns kommt sieht er immer so freundlich drein, als wenn er uns glücklich gemacht hätte.

Werther Hat ers nicht? Hat er mich nicht dir gegeben! dich mir! Bist du nicht mein Lotte?

Lotte Wenn er denn Gelassenheit, Gleichgültigkeit genug hatte das zu tun; könnt ers mit weit wenigerm Aufwand. Wäre er statt seiner Pistolen selbst zu dir gegangen, hätte gesagt: Werther halt ein bißgen! Lotte ist dein! du kannst nicht leben ohne sie! Ich wohl! Also seh ich als ein rechtschaffener Mann – du lächelst Werther!

Werther Setze dich zu mir Lotte und gib mir deine Hand. Ein blinder Mann ein armer Mann! (Er küßt ihre Hand.) Ja es ist deine Hand Lotte, die ich seit der ersten Berührung immer mit verbundenen Augen aus hunderten mit meinen Lippen hätte heraus finden wollen. Du bist wohl.

Lotte Ganz wohl. Freilich gehts ein bißgen drunter und drüber mit uns! Aber weil's uns immer wunderlich ging –

Werther und die Leute die unsere Sachen zurechtlegen wollten ihr Handwerk nicht verstunden.

Lotte Es mag gut sein, nur sollten sie mit ihrer Hochweisen Nase nicht so oben drein sehen. Das gesteh ich dir gern, ich kannte Alberten immer als einen edlen ruhigen und doch warmen Mann; aber seit der ganz fatalen Szene, wo er mir mit der unleidlichsten Kälte aufkündigt, mir die niedrigsten Vorwürfe macht, die ich denn in der Beklemmung meines Herzens so mußte hingehen lassen ist er mir ganz unerträglich. Ich liebte ihn wahrlich, ich hoffte ihn glücklich zu machen, ich wünschte dich fern von mir – und so Werther! ich weiß noch nicht ob ich dich habe.

Werther Ich dachte du wüßtest's! Und behalten mußt du mich nun einmal.

Lotte (scherzend) Nun du bist mir so gut als ein anderer.

Werther Aber der andere hat dich noch nicht! Weibgen!

Lotte Nimm mirs nicht übel, wenn, ich weiß nicht welcher Teufel ihm auf dem Ritt den Kopf verrückt hätte, ich wäre nicht hier.

Werther Und ich?

Lotte Wo du könntest.

Werther Lotte!

Lotte Du lebst und ich bin zufrieden.

Werther Das ist doch nun Albertens Werk hab ihm Dank.

Lotte Nicht gar. Kann einer nicht etwas für uns tun ohne Dank zu verdienen. Hättest du die Relation gelesen, die er davon an Madame Mendelsohn schrieb, du wärst rasend geworden.

Werther Wie so? Was meine Liebe?

Lotte Erst mußt ich lachen, daß er von der ganzen Sache gar nichts begriffen, nicht die mindeste Ahndung von dem gehabt hatte was in deinem und meinem Herzen vorging. Hernach verdroß mich's, was er sich den Bauch streicht und tut als wenn er im März vorausgesehen hätte, daß es Sommer werden würde. Und was du für eine Figur drinne spielst mit dem Sauschuß vorm Kopf! Du meinst immer du wärst tot und sprichst immer so vernünftig. – Was machen deine Augen mein Bester?

Werther Sie sehn dich nicht!

Lotte Sieh doch wie artig.

Werther Freilich nicht wie ehemals.

Lotte Nein von der Relation zu reden! Sieh wie er die besten wärmsten Stellen deiner Briefe parodiert, und sie wie ein Zahnarzt die ausgerissene Zähne um seinen stattlichen Hals hängt, mit viel Gründlichkeit zeigt, wie unrecht man gehabt habe, mit solchen Maschinen von Jugend auf zu kauen. Ich wär ihm Feind geworden, wenn ich das könnte. Es ist so garstig!

Werther Was geht das mich an!

Lotte Ich sagte dir immer du solltest mit deinen Papieren vorsichtiger umgehn. Wie wenig Menschen fühlen solche Verhältnisse, und von den kalten Kerls nimmt jeder draus, nicht was ihn freut, sondern was ihn ärgert, und macht seine eigene Sauce dazu.

Werther Du bist doch immer die liebe Lotte, findst das alles sehr dumm, und bist im Grund doch nicht bös. Küß mich Weibgen, und mach daß wir zu Nacht essen. Ich möchte zu Bette ob ich gleich spüre, daß mich meine Augen werden wenig ruhen lassen.

Lotte Die verfluchte Kur.

 


 

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