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Drei Brüder suchen das Glück

Paul Keller: Drei Brüder suchen das Glück - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleDrei Brüder suchen das Glück
publisherBergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn in Breslau
printrun1.-20. Auflage
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071107
projectid85ddee7b
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Portier Breise

»Üb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab –
Und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab!«

Das ist ein schönes Lied. Sein Dichter ist Ludwig Hölty, geboren 1748, gestorben 1776. In jener Zeit wurden so schöne, zu edler Moral anfeuernde Gedichte verfaßt.

Es ist zu beklagen, daß die Leute von heutzutage sich wenig um die alten Ermahnungen kümmern. Ein landläufiger Scherz erzählt, daß ein munterer Junge fragte: »Vater, wie wird man am schnellsten reich?« und daß der Vater antwortete: »Schnell reich? Na, ehrlich währt am längsten!« Das klingt auf den ersten Blick auch moralisch, wer aber genauer hinschaut, erkennt, daß es sich bei der Beantwortung der Frage um eine Doppelzüngigkeit, ja, um eine Frivolität handelt.

Was nun den August Breise anlangt, so mußte er sich wohl an die altväterische Ehrlichkeitsmoral gehalten haben, denn obgleich er dreißig Jahre lang Portier im Hotel »Continental« war, hatte er sich doch nur ein Vermögen von knapp 20 000 Goldmark erübrigt. Das war wenig genug, da er ja immer die Kost frei hatte und seine Frau Julia Köchin bei Geheimrat Bruckner war, wo sie auch kein Geld verbrauchte, zumal aus ihrer Ehe keine Kinder waren. Hotel »Continental« war ein wenig großspurig gesagt für das Haus, das nur dreißig Fremdenzimmer hatte. Aber an der Haustür waren Schilder angebracht: »English spoken!« – »On parle français« – »Si parla Italiano« – »Usluga polska«.

Der Mann, der alle diese Verheißungen einem »eventuellen internationalen Publikum« gegenüber wahr machen sollte, war eben August Breise, der Portier. August Breise hatte umfangreiche Sprachstudien betrieben, und zwar aus vier Heftchen des Polyglott Kuntze, das Heft zu fünfzig Pfennig. Er konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit in vier fremden Sprachen richtig grüßen, konnte tadellos »ja« und »nein« sagen, konnte zählen, konnte aussagen, ob heute gutes oder schlechtes Wetter sei, er konnte »Bedaure mein Herr!« und »Mit Vergnügen, gnädige Frau!« ausrufen und mit richtigem Tonfall »Besetzt!« sagen, ganz gleich, ob sich das auf die Frage nach einem freien Zimmer, auf das Verlangen nach einer Zeitung oder auf das Begehren nach dem Bequemlichkeitsörtchen des Hotels »Continental« bezog. Mit einem Wort: August Breise war tüchtig. Er war klüger als neunundneunzigunddreiviertel Prozent aller Deutschen des Kriegsjahres 1915. Damals schon ahnte August Breise das, was die Wilhelmstraße in Berlin und das Große Hauptquartier nicht ahnten, der Krieg werde verloren gehen. Denn August hatte einen sicheren Berichterstatter. Das war der Artillerieunteroffizier Quetschke. Quetschke war ein Genie, er war Hellseher. Wenn er in der Friedenszeit beim Skatspiel als Kiebitz riet: »August, riskier's,« und August riskierte es, gewann er das Spiel oft wider Erwarten; wenn Quetschke aber abriet: »August, lasse die Hand davon,« und August wagte das Spiel dennoch, dann kam er ins Minus. Als nun Anno 15 Quetschke schrieb: »Vorsicht, August! Rette deine Pinke! Das Spiel steht faul, es sitzen zu viel Trümpfe bei den Gegnern, und die Kerle mogeln,« da war August hellhörig, und als der einzige Internationale, der damals noch manchmal ins Hotel »Continental« kam, der schweizer Fabrikant Döllinger, wieder einmal im Hotel abstieg, bat er ihn, all sein Erspartes mitzunehmen und in der Schweiz für ihn anzulegen. Herr Döllinger tat es als ehrlicher Treuhänder. So war August Breise im Jahre 1923 noch im Besitze von 23 000 Schweizer Franken. Seine Trauer um seinen Freund Quetschke, der vor Reims fiel, verstummte nie. Oft sagte er: »Nichts ist so ergreifend, wie wenn einer ein gewiegter Skatspieler und trotzdem ein ehrlicher Mensch ist. Ehre seinem Andenken!«

Es war gut, daß August Breise noch seine 23 000 Schweizer Franken besaß. Wie hätte sonst wohl die edle Frau Geheimrat Bruckner würdig unter die Erde kommen sollen? Sie starb aus Gram, als ihr der letzte Papiergeldschein in der Höllenglut der Inflation verbrannte.

*

»Wieviel soll dieser Sarg aus Tannenholz kosten?« hatte August Breise in der Sarghandlung »Pietät« gefragt.

»Bitte, fünfzig Billionen, dreihundertsechszig Milliarden, achthundertneunzig Millionen Mark. Sehr preiswert! Es ist ein zurückgesetztes, aber tadellos erhaltenes Stück.« »Ach, es haben schon andere in dem Sarge gelegen, sind auf den Friedhof gefahren und dann in die Grube geschüttet worden? Der Sarg aber fuhr wieder leer nach Kaufe zu neuer Sendung?«

Der Pietätsmann zuckte die Achseln. »Um solch billigen Preis können Sie nichts andres verlangen. Wenn Sie einen ganz neuen Sarg haben wollen, hier steht einer, aber der ist nicht zu bezahlen.«

»Ich werde ihn bezahlen,« sagte August Breise, »ich zahle Ihnen vierzig Schweizer Franken dafür!«

Der Sarghändler riß Mund und Augen auf.

»Wirkliche vierzig Schweizer Franken?«

»Jawohl, da sind sie,« sagte August.

Und der neue Sarg wurde ihm fast an den Hals geworfen.

Ja, und dann kam 1924. Die Stabilisierung der Währung war da, eine Semmel kostete nicht mehr fünfzig Milliarden Mark, sondern nur noch fünf Pfennige. Das letzte Geld der Leute aber, die etwas ehrlich besaßen, war verloren, nur die Auslandsspekulanten waren noch reich.

Zu diesen Reichen gehörte August Breise, der Portier, mit seinen 23 000 Franken.

Aber Schwerenot, was nun? Die edle Frau Geheimrat Bruckner hatten sie mit allen Ehren, die zu ergattern waren, bestattet in ihrem neuen Sarge, aber was sollte nun aus ihren drei unversorgten Söhnen werden? August Breise zählte in seiner Portierloge, die so groß war wie ein Papageienstall und in der er wenig zu tun hatte, weil alle »Internationalen« Deutschland und damit auch das Hotel »Continental« geflissentlich mieden, also August Breise zählte an seinen Fingern ab:

  1. Richard Bruckner, bestandener Referendar, hat nichts –
  2. Elmar Bruckner, bestandener Abiturient, Dichter, hat nichts –
  3. Kurt Bruckner, sitzengebliebener Obersekundaner, hat nichts.

Nun frage man einen Rechenkünstler, wieviel dreimal nichts ist, und er wird antworten: dreimal nichts ist rein gar nichts.

Vor dieser traurigen Bilanz saß August Breise in seiner Loge. Alle Anstrengungen, die sein ehrwürdiger Schädel unter seiner goldgeränderten Mütze machte, um auf einen Sanierungsplan zu verfallen, waren ganz erfolglos.

Abends im Bette sagte er zu seiner Frau Julia: »Alte, es geht nicht. Wir können es nicht machen mit den drei Jungens. Unsere 23 000 Frank sind ja schließlich auch nicht ein unerschöpflicher Reichtum. And nun denke, was die weitere Ausbildung von dreien kostet. Was sie noch haben vom Verkauf der Möbel, ist doch für die Katze. Wir müßten's doch allein machen. Gott hab' mich selig, ich möcht's ja gern tun, aber hol' mich der Teufel, ich kann's nicht.«

»Kohle nicht!« sagte Frau Julia scharf. Und wenn sie so etwas scharf sagte, erschrak August und schwieg.

Also preßte er seine bekümmerte Schläfe ins blaukarrierte Kopfkissen und schlief.

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