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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 1
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typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
year1947
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Erstes Kapitel

»Dann werde ich aufleben, dann werde ich wieder jung werden«, erklärte Dr. Thorn seinen Bekannten unzählige Male.

Er meinte mit dem »dann« jene schöne, von ihm so heißersehnte Zeit, da er aus den Händen seines Chefs den bewußten »blauen Bogen« erhalten werde.

»Ich bin ja nicht wie die anderen«, pflegte er hinzuzusetzen, »die nicht aufhören können, sich im Dienste des Molochs Staat ewig abzurackern, weil sie sonst nicht wüßten, was sie mit der freien Zeit anfangen sollten. Wenn ich einmal pensioniert bin, werde ich alle Hände voll zu tun haben. Denn dann habe ich wieder Arbeit übergenug, wieder ein neues, schönes Amt, von dem ich hoffentlich erst in späten Jahren enthoben werde.«

Und wie ein seliges Kind plauderte er dann von allem, was er während dieser köstlichen, von keinem Amte bedrängten Zeit schaffen werde, von der Neuordnung seiner Sammlungen, von seinem Garten mit dem herrlichen Rosenflor, von den Hasen, Rebhühnern und Rehböcken in seinem Jagdrevier, von den Forellen in seinem Gebirgsbach und von tausend und abertausend anderen Dingen, mit denen er sich beschäftigen wird, nicht um des Broterwerbes willen, sondern einzig zur Freude seines Herzens.

Im Amte drinnen hatten sie den alten fröhlichen Herrn sehr lieb. Das kleine Männchen mit dem roten, lustigen Gesichte verbreitete um sich her einen warmen Schimmer von Behaglichkeit; selbst der alte Oberoffizial sah um eine Nuance weniger griesgrämig drein, wenn Herr Dr. Thorn das Wort an ihn richtete.

Herr Sauer, so hieß der Oberoffizial, laborierte an einem Magenleiden, das ihm viele Beschwerden verursachte und sein Gemüt schwer verdüsterte. Er war stets verdrossen und schimpfte über alles, während Dr. Thorn selbst der widerwärtigsten Sache eine angenehme Seite abzugewinnen verstand. Ein Gespräch zwischen den beiden war für die Herren im Amte stets eine Quelle reichen Vergnügens.

»Hundewetter, vermaledeites«, schimpft Sauer, indes der Novembersturm klatschend den Regen an das Fenster treibt. »Man könnte...«

»Sie wollen schon wieder aus der Haut fahren«, sagte milde lächelnd Dr. Thorn. »Sehen Sie, mich freut der Regen; da schauen Sie nur, Herr Sauer, wie das Wasser in kleinen Bächlein über die Fensterscheiben läuft. Herrgott noch einmal – das war jetzt ein Windstoß – haben Sie nichts gehört – alle Fenster haben geklirrt. Und da schauen Sie auf das Dach hinauf, wie der Sturm den Regen über den Schiefer treibt! Prächtig, über die Maßen prächtig! Und da können Sie schimpfen? Und wie behaglich es jetzt da herinnen ist! Da horchen Sie, wie der Wind im Ofen singt, er möcht' gern herein und winselt vor Kälte und Regen, aber er kann nicht. Die Stube ist gut verwahrt, und es ist so behaglich da herinnen.«

Der Herr Direktor rieb sich vergnügt die Hände.

»Sauer, Sie sind ein sonderbarer Mensch«, setzte er dazu.

Sauer sah mißmutig von der Seite auf seinen lebensfrohen Chef hin.

»Und wenn der Herr Direktor jetzt nach Hause gehn?« fragte er mit einem Gesicht, als wenn er in eine Zitrone gebissen hätte, »wenn der Regen Ihnen ins Gesicht schlägt und der Wind so heftig bläst, daß Sie keinen Schirm aufspannen können und ihn unter dem Arm tragen müssen? Und dann mit der freien Hand den Hut halten, daß er nicht unter die Elektrische geweht wird! Und in der nächsten Seitengasse werden Sie von hinten angeregnet, das kalte Wasser fließt Ihnen beim Halskragen hinein, tropft auf den nackten Rücken, und Sie bekommen einen Schüttelfrost, – und am anderen Tag eine Lungenentzündung. Für eine solche Freude, danke ich.«

Der Herr Direktor bleibt mitleidig beim Tisch stehen.

»Sauer, Sie sind ein halsstarriges Kind«, sagt er in ungemein wohlwollendem Tone, »sehen Sie, ich freue mich, wenn ich hinaus komme. Je ärger der Sturm und der Regen es treiben, desto lieber ist's mir. Ich stelle den Rockkragen auf, halte mit der rechten Hand den Hut und laufe wie ein Schusterjunge. Dabei denk' ich schon, wie hübsch es zu Hause sein wird. So schön warm, das Mädchen nimmt mir den Rock und Hut ab, schimpft dabei über das Hundewetter, bringt mir die Hausschuhe und meine lange Pfeife. O, herrlich, man muß nur verstehen, sich das Leben einzuteilen.«

Herr Sauer schaut mißmutig auf den jovialen Direktor. In seinem Blick liegt etwas, so als wenn er der bestimmten Ansicht wäre, der Herr Direktor gehöre in ein Sanatorium.

»Jedes Ding hat eine gute Seite«, schließt gewohnterweise der Herr Direktor seine heiteren philosophischen Ausführungen. »Sehen Sie, Herr Sauer, es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen haben das hübsche Talent, allen Dingen die beste Seite abzugewinnen, das sind die lustigen, glücklichen Menschen. Zu dieser Sorte gehöre zum Beispiel ich. Sie, Herr Sauer, gehören zur anderen Sorte. Sie sind einer von jenen, die an allen Dingen immer die schlechteste Seite herausfinden; das sind die traurigen, unglücklichen Menschen, die Misanthropen, die Melancholiker – brrr! Da sehen Sie sich den Spatzen an, der dort auf dem Gesimse sitzt; da, kommen Sie nur her zum Fenster! Dort sitzt er – dort auf dem Gesimse, tropfnaß ist er, der arme Kerl. Wie glücklich wäre der jetzt, wenn er bei Ihnen am Schreibtisch sitzen könnte!«

Die anderen Herren, die im Bureau sitzen, haben höchst belustigt den Ausführungen ihres Chefs zugehört. Derselbe Streit spinnt sich mit wenig Variationen das ganze Jahr hindurch zwischen den beiden Herren ab. Im Sommer, wenn brütend der helle Sonnenschein auf den Dächern und in den Straßen liegt, beklagt sich Herr Sauer über die gräßliche Hitze und freut sich der Herr Direktor über die Kühle in seinem Arbeitszimmer.

Als Herr Dr. Thorn erklärte, er werde demnächst um seine Pensionierung einkommen, erweckte diese Nachricht bei seinen Untergebenen ein recht wehmütiges Gefühl. Wenn sonst einer der alten Herren als Pensionist aus dem Amte schied und dadurch für ungeduldig Wartende den Platz frei machte, herrschte in dem Departement stets lebhafte Freude, die in den innigsten Glückwünschen für den ferneren Lebensgang des endlich, endlich Abtretenden passenden Ausdruck fand. Anders war es, als Dr. Thorn Miene machte, seinen Schreibtisch im Departement nun für immer zu verlassen.

»Sie wollen schon aus dem Amte scheiden?« fragte fast erschrocken der Herr Hofrat. »Sie sind ja noch sehr rüstig, Herr Direktor!«

»Ja, Gott sei Dank, das bin ich – und darüber freue ich mich auch – mir fehlt gar nichts. Aber ich werde morgen sechzig Jahre alt, und wie Herr Hofrat wissen ...«

»Ja, ja, Herr Direktor, ich lege Ihnen nichts in den Weg – nein, nein! Aber wenn Sie noch einige Jährchen geblieben wären – ich habe schon daran gedacht – ich würde eine Eingabe machen!«

»Verstehe, Herr Hofrat – meinen verbindlichsten, wärmsten Dank. Es wäre sehr hübsch, man könnte damit Staat machen. Wenn man zu Kaisers Geburtstag in die Kirche geht – mit so einem Bande im Knopfloch – da kriegen die Leute heillosen Respekt. Denn Herr Hofrat müssen wissen, ich gehe dann auf das Land mit meiner Schwester; das Haus ist nun fertig, und bis mein Pensionsgesuch erledigt sein wird, wird es auch schon gut ausgetrocknet sein!«

Der Herr Hofrat lächelte wider Willen.

»Mir ist leid um Sie, Herr Direktor«, sagte er, »recht leid!«

Der Herr Hofrat hatte noch niemals in so herzlich wehmütigem Tone gesprochen.

»Sehr schmeichelhaft«, erwiderte mit einer Verbeugung Dr. Thorn, »aber es ist schon alles bereit. Auch Gesellschaft habe ich dort: den Herrn Pfarrer, den Notar, den Bürgermeister, den Doktor, die Lehrer, den Förster. Letzterer ist mir besonders wichtig, sein Heger übernimmt auch mein Revier zur Beaufsichtigung. Man kommt jeden Abend punkt sieben Uhr im Gemeindegasthaus zusammen. Und dann werden der allgemeine Weltlauf und die lokalen Angelegenheiten besprochen, so bis gegen neun oder halb zehn Uhr abends – dann geht man nach Hause und legt sich friedlich aufs Ohr. Es wird sehr schön werden.«

Herr Direktor Thorn sah bei diesen Worten so wundersam glücklich aus. Es war, als strahlte ein heller Schimmer von seinem Gesicht hin über den Schreibtisch, über die Aktenfaszikel, die dort lagen, und flöge leuchtend über die graue Tapete bis hinauf auf den Plafond.

»Und ist Ihnen denn so gar nicht leid, daß Sie von der Stätte, an der Sie so lange gewirkt haben, nun scheiden müssen?« fragte fast verdrossen der Herr Hofrat.

»Ja ... und nein ... wie man's nimmt. Ich werde oft daher denken und an so manches, das hier passiert ist. Aber mir ist zumute, wie in jungen Jahren, da ich noch auf dem Gymnasium war. Der letzte Tag vor den großen Ferien! Gerade so ist mir. Nun kann ich hinaus ... du lieber Gott ... wie schön ist das! Und ich hoffe, noch so manches Jahr so in Ruhe und frohem Glück dahinzuleben!«

Der Herr Hofrat war ernst geworden.

»Ich werde Ihr Gesuch befürworten. Ja, ich werde trachten, daß die Erledigung möglichst beschleunigt wird«, sagte er. »Mögen Sie glücklich sein, und recht, recht lange, lange leben!«

Er wendete sich um und ging in sein Zimmer. Es war, als ob ihm der helle Sonnenschein, der auf Doktor Thorns Antlitz lag, die Tränen in die Augen gelockt hätte.

Und nun kam des fröhlichen Mannes Abschied. An dem Abend jenes Tages, da er sein Pensionierungsdekret erhalten hatte, hatte er seine Kollegen zu einer »Schlußfeier«, wie er es nannte, in eines der besten Restaurants der Stadt geladen. Die Bewirtung war eine glänzende. Der Herr Hofrat war auch erschienen. Er hatte eine sehr ernste Rede gehalten, in der er der Tüchtigkeit des Scheidenden als Beamten das glänzendste Lob erteilte. In bewegten Worten hatte er erklärt, wie leid es ihm um den Herrn Direktor Dr. Thorn sei. Niemals noch war die Beamtenschaft mit dem Herrn Hofrat so einverstanden gewesen, wie an diesem Abend. Dr. Thorn hatte in seiner liebenswürdig fröhlichen Art gedankt, und als die Gläser aneinander klangen, glänzten alle Augen in Tränen. Man wußte nicht, waren es Tränen des Lachens über die lustige Rede, oder Tränen verhaltener Wehmut über den Abschied des lustigen Mannes.

Am nächsten Morgen kam der Herr Direktor noch einmal in das Amt. Er war sehr ernst.

»Lieber Herr Sauer«, sagte er zu dem misanthropischen Oberoffizial, »werden Sie lustig – es kommt auf eins hinaus. Die Sachen, wenn's notwendig ist, umdrehen. Wenn etwas auf der einen Seite schwarz ist, ist es sicher auf der anderen Seite weiß, womit ich natürlich keinen Rauchfangkehrer gemeint haben will. Die sind außen ganz schwarz, innen aber doch sehr hell und freundlich, was ich von unserer Köchin weiß, die sich in unseren Distriktsrauchfangkehrer verliebt hat.«

Alles lachte – alle Arbeit ruhte – die Herren umstanden gerührt den kleinen, frohseligen Mann.

»Meinen Federstiel, meine Löschrolle und mein Papiermesser nehme ich mit – und diese alte Aktentasche«, sagte er. »Wenn ich meine Pensionsquittung schreibe, werde ich diese Sachen dazu verwenden, und in diesen Minuten wird mir zumute sein, als sei ich noch in Amt und Würden.«

Als er diese Gegenstände einpackte, kam just der Hofrat herein. Er reichte dem Direktor bewegt die Hand.

»Also, Herr Doktor, leben Sie recht wohl«, sagte er ernst.

Dr. Thorn verbeugte sich tief.

»Ich danke, danke, Herr Hofrat! Herr Hofrat werden mir gestatten, daß ich dann und wann eine Karte hieher sende. Ich werde mir, wenn ich diese Karte schreibe, einbilden, nur auf Urlaub zu sein.«

Der Hofrat lächelte milde.

»Also viel Glück, recht, recht viel Glück!« sagte er und reichte dem Scheidenden die Hand.

Alles umdrängte den alten Herrn – und als er zur Tür hinaus war, eilten die Kollegen an das Fenster, um ihm nachzusehen.

Da schritt er über die Straße. An der Ecke blieb er stehen und sah nochmals zu dem alten Hause zurück. Als er die Kollegen am Fenster erblickte, schwenkte er fröhlich den Hut zu ihnen hinauf.

Die Herren gingen zu ihren Tischen zurück. Es war ihnen zumute, als sei aller Sonnenschein – alles Licht plötzlich aus dem Zimmer entschwunden.

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