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Dr. Katzenbergers Badereise

Jean Paul Richter: Dr. Katzenbergers Badereise - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000018-1
titleDr. Katzenbergers Badereise
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1809
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In jeder weitgreifenden Handlung wagt das Herz, wenn nicht sich, doch sein Glück; nur wenigen Glücklichen hat das Schicksal ein reines Verhältnis zum Tun beschieden, aller guter Wille der Absicht reicht nicht aus, da wir, obwohl nicht für den Erfolg, aber doch für dessen Berechnung, die oft eine des Unendlichen ist, zu stehen haben. Unsere Psyche kann, möcht' ich sagen, gleich den Vögeln nie steilrecht oder gerade auffliegen, sondern nur auf dem schiefen Umweg. Rechnen wir mit zitternder Hand, so gleichen wir den moralischen Schulmeistern, die oben auf dem Ufer einer Sündflut sitzen, und die vor einem gedeckten grünenden Sessiontische voll Zeugenverhöre, Geburtscheinen und Konduitenlisten so lange über die Frage: wer wohl, in Betracht seines besondern Werts und Alters, zuvörderst aus den schwimmenden Völkern herauszuholen wäre, – abrechnen und abstimmen, bis sämtliche ausgeschätzte Welt ersoffen ist und die Flut vertropft. Ich weiß nicht, was mit einem solchen Kleinmut noch anders auf der Erde zu wagen und durchzusetzen ist als etwan das, was z. B. am heutigen 17. Juli oder Alexius-Tage der Kalender anrät: säet Rüben und raufet den Flachs. Ans Hinwagen irgendeines Lebens wäre dann so wenig zu denken, daß man nicht einmal mit der Auflösung der Frage zu Rande käme: ob man nur eines geben dürfe; ob man nicht zu kühn verfahre, wenn man auf die Erde einen ganz neuen unbekannten Menschen einführe, für dessen Anlagen und Einflüsse man gerade so wenig stehen könne als für dessen Schicksale, indem er ja der jährliche Septembriseur jeder zwölf Monate und des Jahrhunderts werden und durch diese in Gift-Gärten des Geistes und in Hungerwüsten des Körpers unheilbar untergehen könne. Ich erstaune dann über einen, der heiratet.«

»Aber«, versetzte der Präsident, »was geht die reine Absicht der Erfolg an? Die allwissende und allmächtige Vorsehung mag mit sich selber diesen ausmachen; ich bin keine. Gesetzt z. B. eine Frau riefe in der Nacht um Hülfe, und ich eilte hinzu und brächte aus meinem Sandwege einige leicht Fünkchen gebende Sandkörnchen mit in die mir unbekannte Pulvermühle, und hundert Menschen flögen in die Luft: was hätt' ich denn verschuldet? Nichts, rein nichts!«

»Gewiß,« sagt' ich, »aber eine unbesiegliche Trauer bliebe Ihnen doch zurück. Da überhaupt der Mensch nicht bloß groß wollen (wo ja, ohne Rücksicht auf Außen und Innen, Mögen und Vermögen ohne Zeit ineinanderfallen), sondern auch groß handeln will: so muß er durchaus noch auf etwas, was jenseits des Reichs der Absicht liegt, hinüberstreben; zwei gleich reine Helden der Menschheit, wovon der eine im Kerker rasten muß, der andere ein weites Leben ausschaffen darf, würden den Unterschied ihrer äußeren Rollen wie einen zwischen Unglück und Glück empfinden. Kurz wir wollen wirklich etwas; wir wollen die Stadt Gottes nicht bloß bewohnen, sondern auch vergrößern. Nur dringen wir vor lauter Verboten selten zu den Geboten selber hindurch und brauchen sechs Wochentage, um auf einem Sonntage anzulanden. O, was zu fliehen ist, weiß sogar der Teufel; aber was zu suchen ist, nur der Engel.«

»Wir wollen auf die Corday zurückkommen«, sagte der Präsident – »es wirft sich sogar über Notwehr, d. h. den Erkauf meines Lebens durch ein fremdes, die Frage der Rechtmäßigkeit auf. Warum soll das meinige stets mehr wiegen als das fremde? Ich für meine Person könnte deshalb den größern Verteidigung-Mut weniger gegen Angriffe des meinigen als gegen die eines fremden, z. B. meiner Kinder, beweisen, wie eine Mutter nur für diese, nicht für sich eine Löwin wird.«

»Allerdings entscheiden hier Lebens-Abwägungen nicht,« sagt' ich, »weil sonst zwei Drittel der Menschen vogelfrei würden, sondern die verletzte Geistes-Majestät, die am Leibe oder Leben so beleidigt wird wie ein Fürst an seinem beschimpften nächsten Diener, soll gerächt und behauptet werden. Jeder Despot tastet in meinem körperlichen Leben nur mein geistiges an. – Weswegen sonst glaubt der Beleidiger sich Genugtuung durch den Zweikampf zu verschaffen, als weil dieser die verletzte Geister-Gleichheit durch ein gleiches Doppel-Losen um das Leben wieder heilt?« – »Unsere Moral« – fing der Graf an – »scheint mir zu sehr eine Häuslichkeit-Moral und mehr eine Sitten- als Tatenlehre – Sie ist bloß eine Geschmack-Lehre für das schaffende Genie. Es gibt ebensowohl sittliche Genie-Züge, die darum nicht in Regeln und von Regeln zu fassen, also nicht voraus zu bestimmen sind, als es ästhetische gibt; beide indes ändern allein die Welt und wehren der fortlaufenden Verflachung. Es erscheine ein Jahrhundert lang in einer Literatur kein Genie, in einem Volke kein Hochmensch: welche kalte Wasser-Ebene der Geschmack- und der Sittenlehre! Alle Größen und Berge in der Geschichte, an denen nachher Jahrhunderte sich lagerten und ernährten, hob das vulkanische, anfangs verwüstende Feuer solcher Übermenschen, z. B. Bonaparte Frankreich durch Vernichtung des nur durch Schwächen vernichtenden Direktoriums, kühn auf einmal aus dem Wasser. Allerdings häufen sich auch durch leere Korallen endlich Riffs und Inseln zusammen; aber diese kosten ebenso viele Jahrhunderte, als sie dauern und beglücken; wenn hingegen der Feuer-Reformator mitten aus einer faulenden, moderigen Welt eine grünende, aus einem Winter einen Vorfrühling emportreiben soll: so muß er die zeugenden Jahrhunderte des trägen Werdens zum Vorteile der genießenden durch eine Kraft ersetzen, welche jedesmal fällend und bauend zugleich ist. Wer nun diese Kraft besitzt, hat das Gefühl derselben oder den Glauben und darf unternehmen, was für den Zweifler Vermessenheit und Sünde wäre bei seinem Mangel des Glaubens und folglich auch der Kraft. Was große Menschen in der Begeisterung tun, worin ihnen ihr ganzes Wesen, die höhere Menschheit neu erhöht und verklärt sich spiegelt, so wie dem tiefer gestellten Menschen in seiner Begeisterung seine dunkele Menschheit erglänzt – das ist Recht und Regel für sie und für ihre Nebenfürsten, aber nicht für ihre Untertanen; daher kommt ihre scheinbare Unregelmäßigkeit für die Tiefe. Die Sonnen stehen und ziehen überall am Himmel; aber die Wandel-Erden sind auf ihren Tierkreis eingeschränkt und an eine Sonne gebunden. –«

»Es muß«, setzt' ich dazu, »etwas Höheres zu suchen geben, als bloß Recht, d. h. nicht Unrecht zu tun – worauf doch die folgerechte Sittenlehre sich eingrenzt –; aber dies höhere ist in einer Unendlichkeit von Reizen und Bestimmungen so wenig durch das Sitten-Lineal auszumessen oder geradzurichten als die raffaelischen und die lebendigen Figuren durch mathematische Figuren.«

»Mangel an Glaubensmut, kann man sagen,« fuhr der Graf fort, »nicht etwa Mangel an Wohlwollen, erkältet und erschlafft die Menschen, die meisten würden der Gewißheit eines großen schönen Welt-Erfolgs ihr Leben hinopfern, das sie ja so oft bei kleinern Fällen für eine Unmäßigkeit, Rechthaberei u. s. w. weggeben. Aber dieser Glaubens-Mut ist eben entscheidend und göttlich und durch nichts zu erstatten. Da, wo Feige ohne Richtung treiben, bestimmt er seiner Welt die Himmels-Gegend, in welcher, wie man für die Luft-Kugeln vorgeschlagen, er nur von einem Adler-Gespann gelenkt und gezogen wird; und Flügel sind seine Arme. Mit diesen Flügeln schlägt eben der Adler die weiche Welt häufig mehr wund als mit Klauen und Schnabel. O ich möchte in keinem Leben leben, das kein großer Geist anrührte und durchgriff und umschüfe; – vor keiner Bühne möcht' ich stehen, wo es nichts gäbe als den Chor der Menge, der, wie der theatralische bei den Griechen, bloß aus Greisen, Sklaven, Weibern, Soldaten und Hirten bestand. Welcher Unterschied, an etwas sterben, und für etwas sterben! O sie sollen immer hinziehen unter ihre Opfertore, auf ihre Blutgerüste, auf ihre tarpejischen Felsen, jene großen Seelen über der Erde; schwingt euch kühn auf die schwarzen Flügel des Todesengels, sie entglimmen bald farbig und glänzend, ihr, Sokrates, Leonidas, Morus und selber du, edle Corday, deren unbewegliches Jubelfest eines heiligen Todes der heutige Tag feiere!« –

»Sie sind schon«, sagt' ich, »auf diesem breitesten Flügel, der alles wegträgt, davongeflogen, aber uns sind Heiligen-Bilder auf Altären zurückgeblieben zum Anbeten und zum Erleuchten mit Altarlichtern. Das schönste Beleuchten ist wohl die Wiederholung ihres Lebens, wär's auch bloß die historische; das Leben wird nur angeschaut, nicht begriffen. Die Begriffe – die ihrer Natur nach schon aus den gemeinsten Wesen das Lebendige niederschlagen – lassen vollends aus ungemeinen zum Vorteil des Allgemeinen gerade das Köstlichste fallen und bewahren höchstens aus ihnen die Muttermäler, indem immer die Mannigfaltigkeit der Irrwege den Begriff mehr bereichert als die lebendige Einheit der Recht-Bahn. Ein historisches Zusammenleben mit einem Heros kann oft ein wirkliches darum übertreffen, warum die Schimmerfarben eines Vogels nicht auf seinen zum Fluge ausgebreiteten Flügeln erscheinen, sondern auf seinem zur Ruhe zusammengelegten Gefieder.«

Ich entdeckte nun dem Grafen, daß ich wirklich für den heutigen Abend eine historische Zusammenstellung der Seelen-Züge Cordays unternommen und mitgebracht hätte. Dies schien ihn herzlich zu erfreuen, wiewohl er neue Züge leichter mitteilen als empfangen konnte. Er schlug sogleich vor, den freien Himmel und einen in zwei Lindenbäume eingebaueten Altar zum Tempel unserer Betrachtung zu wählen, um den Untergang der Heldin und der Sonne vereinigt stärker anzuschauen. Der Präsident versicherte, er höre mit Freuden zu, nur werde man ihm auch den schönsten Eindruck historischer Kunst-Rührung doch für keinen Widerruf seiner Sätze anrechnen. Der Abend war reizend, mit Gesang und Duft gefüllt, nur daß in Süden weiße Wolkenberge aufwuchsen und mit ihren Kratern voll Feuer dem Norden zurückten. »Ich muß aber voraussagen,« – sagte jetzt der Präsident, der sehr ernsthaft am Himmel über sich herumsah – »daß ich, sollte das Gewitter näherkommen,« (denn es donnerte von ferne schon) »mitten im größten Genusse der Geschichte mich davonmachen werde, weil ich gegen meinen Grundsatz, über die moralische Pflicht der Lebens-Schonung, um keinen Preis verstoßen will.« Der Graf warf ein, wie es nie in seinem Tale eingeschlagen; aber er schüttelte unbekehrt den Kopf.

Im Lindenkabinett empfing uns Corday selber, nämlich das Bildnis ihrer schönen und großen Gestalt, das der Graf mit Mühe echt erobert hatte.Ihr herrliches Gesicht steht in des I. B. Vten Hefte der neuen Klio von 1796.

Denn noch am erblasseten Gesichte, das schon von der Hand des Henkers durch einen Backenstreich verunreinigt worden, nagte die Parteiwut fort und suchte die Schönheit, die sie entseelt hatte, nun auch zu entstellen, so wie die thessalischen Hexen sich in Tiere verwandeln und dann den Toten das Gesicht abfressen.Apulejus' Verwandlungen. Indes mußte derselbe Chabot, der im Konvent den getöteten Marat einen zu weichherzigen Mann genanntMoniteur de l'année 1793. Nro. 197., dont le coeur bon et dont l'humanité étoient accoutumés à des sacrifices habituels – die tötende Corday hingegen un des monstres que la nature vomit pour le malheur de l'humanité – dieser mußte gleichwohl von ihr sagen: avec de l'esprit, des grâces, une taille et un port superbes elle paroît être d'un délire et d'un courage capables de tout entreprendre.

Ich sah diese zweite Jeanne d'Arc lange an – sooft ich sie auch schon angesehen – und fing ihre kurze Taten- und Leidensgeschichte schüchtern, als sei diese zu kalt gemalt, vorzulesen an.

»Die redlichen und feurigen Deutschen hätten alle die Revolution bei deren Anfange mit keiner aus der Geschichte hoffend vergleichen sollen, weil in dieser noch kein zugleich so verfeinerter und moralisch vergifteter Staat – wie sich der gallische in seiner Mutterloge Paris und in den mitregierenden höhern Ständen und Städten aussprach – je sich aus seinen Galeerenringen gezogen hatte; sie hätten alle von einem Erdbeben, das so viele Gefängnisse und Tiergärten aufriß, nicht viel hoffen, noch weniger dabei an Rom und Sparta denken sollen, wo die Freiheit bei einer nicht viel größern Verderbnis aufhörte, als die war, bei der sie in Paris anfing. In jedem Jahrhundert wird der Sünder (aber auch der Heilige) in der Brust größer, bloß weil er besonnener wird. Die Deutschen sahen es endlich, wie die weite elektrische Wolke der Revolution die Kröten und die Frösche und den Staub in die Höhe zog, indes sie die erhabenen Gegenstände umschlug; gleichwohl hielten viele, solange sie konnten, die Hauptsumme für eine zufällige und sogar nötige Partei wider die Gegner, die Vendée-Parzen und die Koblenzer Emigrés.

Es scheint unglaublich ohne die Erfahrung in Bürgerkriegen – die Revolution aber war ein geistiger durch ganz Europa –, wie lange der Mensch politische Unveränderlichkeit fort behauptet auf Kosten der moralischen; so wie jeder auch in Familienkriegen gern ein paar Tage länger bei einer Partei, als sie recht hat, beharret, ja hinter der zufällig genommenen Stuhllehne eines Spielers stehen bleibt, mit dem Wunsche, daß er durchaus gewinne.

Der Tornado des Säkulums, der eiskalte Sturm des Terrorismus, fuhr endlich aus der heißen Wolke und schlug das Leben nieder. Nicht die, deren Vermögen oder Leben geopfert wurde, litten am bittersten, sondern die, denen jeder Tag eine große Hoffnung der Freiheit nach der andern mordete, die in jedem Opfer von neuem starben, und vor die sich allmählich das weinende Bild eines sterbenden, von Ketten und Vampyren umwickelten Reichs als Preis aller Opfer gekrümmt hinstellte! – Dieses Totenbild rückte, als am 31. Mai die letzten Republikaner, die Girondisten, den leiblichen und geistigen Plebejern das Feld nicht zum Besäen, sondern zum Verheeren räumen mußten, am schmerzlichsten nahe an ein großes weibliches Herz.

Als Louvet mit andern von der Bergpartei am 31. Mai verjagten Republikanern in Caen bei Barbaroux wohnte: so kam öfters eine schöne stolze Jungfrau, von einem Bedienten begleitet, dahin und wartete im Saale auf Barbaroux mit einer scheinbaren Vorbitte für einen ihrer Verwandten, wiewohl in der wahren Absicht, die verjagten Republikaner näher zu prüfen. Die Jungfrau war schon unter die Unsterblichen gegangen, da sich Louvet ihrer wieder erinnerte als einer hohen Gestalt voll jungfräulicher Würde, Milde und Schönheit, sittsam, sanft entschlossen, eine Blume gleich der Sonnenblume, die den ganzen Tag mit ihrer einfachen Blüte der Sonne folgt, die aber nach dem Untergang und vor dem Gewitter sich mit Flammen füllt.

Er hatte Charlotte Corday gesehen.

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