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Dr. Katzenbergers Badereise

Jean Paul Richter: Dr. Katzenbergers Badereise - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000018-1
titleDr. Katzenbergers Badereise
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1809
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Werkchen

I.
Wünsche für Luthers Denkmal
von Musurus

Ein gewisser, mir ganz unbekannter Musurus – Ehrenmitglied von mehren Ehrenkörpern deutscher Gesellschaften für Deutsche – schickte mir vor einigen Wochen einen Aufsatz über die TempelkollekteDamals, als ich diese »Wünsche« in einer Monatschrift, die in Berlin 1805 herauskam, drucken ließ, waren nach mehren Jahren Kollektierens 6000 Taler aufgebracht. zu Luthers Denkmal zu. Da ich nun befürchte, daß der Aufsatz, der im Grunde Deutschland mehr in ein lächerliches als in ein vorteilhaftes Licht zu setzen sucht, irgendeinem Monat- oder Kalender-Autor begegne, der ihn gar drucken läßt: so teil' ich ihn hier selber mit, um die Gelegenheit zu benutzen, manches, was er scherzhaft vorbringt, ernsthaft zu entkräften in einem kleinen Anhang. Hier folgt zuerst seine Arbeit unter dem Titel:

Geldersparendes Ideenmagazin zu Denkmälern
Luthers und Deutschlands

Sechstausend Taler und einige Groschen, die noch von Woche zu Woche anschwellen, haben wir nun im Lutherischen Deutschland zusammengelegt, was ich auch von der Vereinigung aller Stände sogleich erwartete. Mit solchen Summen – so denk' ich – können wir wahrscheinlich etwas machen, wenn auch keine Statue, doch einen Anfang dazu, irgendein Glied. Es muß indes noch unendlich mehr einlaufen, wenn wir Deutschland verlassen und den Reichsanzeiger in Sprachen solcher Länder übersetzen wollen, die mit uns zugleich hinter Luthers Freiheitfahne vom päpstlichen Stuhle abgegangen sind; denn in Schweden, Dänemark, sächsischem Ungarn, lutherischem Ostindien, der Schweiz, in Holl-, Eng- und Schottland muß jetzt eingefallen, und was nur von Ländern sonst protestierte, mit Kollektenbüchsen durchzogen werden, damit sie der Mansfelder Gesellschaft steuern wie wir alle, wenn sie nicht von uns wollen rot gemacht sein. Gedenken denn so viele reichere Länder eine Religionumwälzung, wofür ein ärmeres sechstausend Taler zusammenschießt, umsonst, ohne Taufgebühren zu genießen? Es mag daher den Vorschlägen, die ich nachher über den besten Verbrauch der gedachten Almosensammlung wage, dieser vorausstehen, daß man die eingegangenen Monument- und Ehrengelder wohl nicht ergiebiger verwenden könnte als bloß für Botenmeister, nämlich für Pfennige- und Deutmeister, für Taler-, Kronen-, Adolphsd'or- und Croren-Meister, welche man um diese Summen gewänne und in die Auslande verschickte, um da die beträchtlichsten Beiträge zu Luthers Denkmal in Mansfeld einzutreiben. Gott! wenn wir uns nur ausmalen, daß bloß fünf Lords in London von dem Boten erobert würden zur Unterschrift – bevor sie selber mit den andern von der Landung Napoleons erobert wären –: so langte dieses ja zu, daß wir das Quintupel des ausgegebnen Botenlohns, nämlich des bisher eingenommenen Ehrensolds für Luther, einzustecken bekämen! Sesostris Aufschrift auf seinen Tempeln: »Kein Eingeborner arbeitete daran« übertrüge wohl jeder mit wahrem Vergnügen auf den Lutherischen.

Ich teile jetzt – da mich die Mansfelder Gesellschaft, wenn nicht im besten, doch in ihrem Stile, so dringend dazu auffordert – meine Ideen über den besten Verbrauch der Ehrensumme mit, welche durchaus in zwei große Klassen zerfallen: in der ersten werden die Vorschläge getan, etwas von ihr übrig zu behalten, wenn man Luthern das Seinige setzt; in der zweiten die, wodurch gar die ganze Summe gespart wird.

Ich beginne bei der ersten. Zu verwundern ists – aber noch zu helfen, da wir Geld haben in Mansfeld –, daß wir über Luthern einen ganz höhern Mann zu ehren vergessen, dem er selber, wie jeder große Mann, seine Bildung verdankt – einen Mann, der bis auf den jüngsten Tag fortwirkt, solange noch ein lebendiger Mensch existieret – der uns eigentlich zu Menschen machte – einen Stammbaum aller Stammbäume, ob er gleich die Bürgerlichen mehr begünstigt – unsern Vater aller Landesväter – kurz einen Mann, den der Schöpfer zuerst inspirierte, nicht einige Gedanken, sondern die ganze Seele – und welcher nicht nur der größte war, sondern auch (was äußerst selten ist, da es nur einmal ist) der erste, und den ich gern die Mutterzwiebel und das Erzhaus der Menschheit nenne – denn ich meine offenbar Adam – zu verwundern und schwerlich zu entschuldigen ist es, sag' ich, daß für einen Mann von solchem Einfluß, und mit allen Fürsten verwandt, noch nichts getan worden, weder im protestantischen Deutschland noch sonst wo. Von seiner Frau gilt dasselbe. Ob aber Adam, der Jahrtausende Luthern vorarbeitete, nicht früher Ehrenflinten und Ehrensäbel und Ehrentrommelstöcke in seine Hände von der Mansfelder Gesellschaft zu bekommen verdient als Luther, wird sie mir öffentlich beantworten. Denn dies entschuldigt uns nicht, daß allerdings jeder Adams-Sohn von uns oder Postadamit seinem guten Vorvater bisher, so gut er konnte, jenes geistige und bleibende Denkmal in seinem Busen aufrichtete, das unter dem Namen alter Adam so bekannt ist als das Neue Testament. Aber sind denn Luthern nicht durch den neuen Adam dieselben Denkmäler gesetzt? – Schlägt man die Millionen Nachkommen als lebendige, dem Erzvater gesetzte Statuen hoch an, wovon ihm jeder von uns einige setzt: so besitzt auch Luther an den umhergehenden Lutheranern dergleichen Karyatiden seines Ehrentempels genug. Doch dies ist mehr Scherz; was ich aber ernsthaft vorschlage, ist, daß, da wir das Geld einmal in Händen haben, wir es verteilen und beiden, sowohl Luthern etwas setzen, das uns Ehre macht, als auch Adam. – – Und warum ihnen allein? Denn ich gelange jetzt auf den Haupt- und Standpunkt. Warum wollen wir, wenn allen Festen eines gewissen großen Fürsten immer ein Taler abging, plötzlich so unerhört verschwenden, daß wir mit sechstausend solcher abgängigen Taler nur ein einziges Rosenfest, eigentlich ein Eichenfest, eines einzigen Mannes begehen wollen, als ob nicht der Sechstausend-Taler-Stock eine ungeheure Summe für einen Mann aus Luthers Zeiten wäre, wo ein Hering einen Heller kostete und Brennholz gar keinen? Wollen wir den Ruhm verlieren, daß wir bisher einerseits immer als Männer in Kredit gestanden, welche das Geld (auch für Ehrensachen) nie weggeworfen, sondern jeden Heller ansahen und umwandten, ehe wir ihn einsteckten? Wir sind ferner auf der andern Seite (etwas ist wahr) bei Europa nicht zum besten, sondern mehr als Leute angeschrieben, welche ihren großen Männern ungern etwas Höheres aufrechten, als was der Totengräber auf ihren Sarg aufsetzt und der Setzer auf dem Lumpenpapier, und welche die Werke ihrer Lieblingschriftsteller ungern um den Ladenpreis erstehen; wie dann zu unserer Schande hier ein Handelsmann existiert, der Wieland ordentlich anbetet und sich dessen sämtliche Werke in einen ungeheueren Band hat binden lassen, um sich schadlos dafür zu halten, daß er keinen Nachdruck erschnappen können.

Aber, o Himmel, Glück über Glück! Jetzo kann ja bei sechstausend Taler Tempel-Baubegnadigung alles wieder gut gemacht werden – der alte Unehrenfleck ausgewaschen – die Nation von sich geehret und rehabilitieret – Kepler, Hutten, Herder, Lessing, Kant, Winckelmann, Albrecht Dürer können nun erlangen, wornach mancher von ihnen so lange strebte, warme Anerkennung von der Nation. – – Denn ich schlage nämlich vor, daß diese bisher sündlich vernachlässigten Seelen-Großen nicht bloß, sondern auch alles übrige geistige Bergvolk nun von uns in Luthers Pantheon, wozu die sechstausend aus der Nation gebrochne Bausteine schon daliegen, hineingeschafft und daselbst aufgestellt und mit einigem Nationalgefühl und Stolz zusammen aufbewahret und verehret werden, um so die Baukosten zerstreueter Ehrensäulen für jeden besondern Narren sich ohne Geschrei und Schande zu ersparen.

Dies muß geschehen; denn lassen wir nicht mehre Köpfe unter einen Lorbeerkranz zusammenkommen oder auf dem Mansfelder Triumphwagen nicht recht viele Sieger einsitzen: so sind wir bei der Nachwelt (auf die wir alles bringen) zu wenig entschuldigt, daß wir einem Manne wie Luther erst so spät nach der letzten Ehre eine neue erzeugten, und daß er, so wie Tasso einen Tag vor seiner Krönung, ebenso ein Jahrhundert und länger vor der seinigen sterben mußte, wir müßten uns denn damit helfen – was ebenso erbärmlich als notwendig wäre –, daß wir auf Luthers Denk-Statue oder Kirche wenigstens von zwei Jahrzahlen eine wegließen, entweder das Geburtjahr der Statue oder sein eignes. Aber warum, wenn nun ganze deutsche Kreise das Beste versuchen und sich vor einen vollbesetzten Sieg- und Krönungwagen gefürsteter Geister spannen, soll man mit Krönungen knausern, sobald alles dazu da ist, Krone und Kopf? Nein, sondern Deutschland sei dann – so ist mein Vorschlag – wie außer sich und erinnre sich eines jeden, der Gewicht hat, und schütte so mit einem Schlag den Schwarmsack herrlichster Honigbienen aufs Paradebette aus. – Meusel muß nachgeschlagen, Schlichtegroll exzerpiert – und alles, was nur notdürftig unsterblich ist (denn die Ehre ist auch darnach), zu Papier und in den Tempel gebracht werden, weil ein einziger Teufel, der unsterblich wäre (wie es wohl jeder in der Hölle ist), der Nation als ein ewiger Schandpfahl ihres Patriotismus dableiben würde, falls man ihn ohne Thron und ohne Krone ließe – und alles muß ordentlich rotten- und herdenweise durch Ehrenpforten wie heraldisches Vieh in Luthers Rotunda auf ewige Ehren- und Nobelplätze eingetrieben werden und dann wie gewöhnlich verehrt. Mir ists einerlei, auf welche Weise man einen und den andern unsterblichen Tropf, z. B. Gottsched veneriert, sobald er nur in der Rotunda mit hauset, und es mögen, wenn in diesem Familienbegräbnis der heiligen Familie des Genies große Männer in Lebensgröße daliegen, die kleinen sich bis zu Schreibfingerknochen abstufen. Ist einmal so viel unsterbliche Mannschaft da: so lasse man gar – denn mein Vorschlag soll keine Grenzen kennen – jeden Rest hinein, der gestorben ist und gut geschrieben hat – der Fußboden werde mit Gesichtern der Ökonomen, wie in Rom der Götter, musivisch ausgelegt – gelehrte Wunderkinder wie Heinecke, Tanzmeister, Sprachmeister, Philologen, Numismatiker mögen an den Tempelsäulen als Schnörkel, Verkröpfungen und Kälberzähne leben – von Tempelstufe zu -stufe trete der Fuß auf einen Advokaten von Belang – und da man um das Mansfelder Pantheon für den Zustrom der Verehrer Wirtschaftgebäude wird fahren müssen, so werde auch das Mittelgut wirtschaftlicher, aber guter Merkels-Köpfe da untergebracht, bei welchen die Ausgießung des heiligen Geistes so glücklich vorbeigefallen, daß sie trocken geblieben – und endlich, dreh' ichs denn zu hindern, wenn man zuletzt an den Inkognito-Ort, den schon der gedachte Zufluß verlangt, auch das literarische Schmiervieh (mit den Schäfern zu reden) erbärmlich, wie gewöhnlich geschieht, mit Namen an die Wand kratzt!

Gott! dann sähe ja Deutschland alle seine National-Götterschaften in Mansfeld für halbes Geld unter Dach und Fach gebracht und hinlänglich angebetet! Was fehlte noch darin? –

Bloß was von Unsterblichen noch lebendig wäre! Himmel! nun so schießet doch nach und nehmt und stellet auch alle Lebendigen in Mansfeld auf, vom gewaltigen Vogel Rok in Weimar an bis zu seiner kritischen Vogelspinne in BerlinMerkel. herunter, welche vielbeinig und erbost schon so lange auf der Reise um den breiten Vogel ist.

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