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Dornröschen

Else Ury: Dornröschen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleDornröschen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160121
projectid08d7860b
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Voreilig

Der graue Turm war im Laufe der Jahre dem verwunschenen Märchenturm immer ähnlicher geworden. Dichtes Grün schlang sich malerisch um seinen rissigen Steinleib. Im Sommer, wenn die tiefroten Kletterrosen, die Leni von ihrem Aufenthalt in England her liebte, ihn bis zum Dach in ihr Purpurgewand einspannen, war es der kindlichen Phantasie der Geschwister nicht zu verdenken, daß sie seine junge Bewohnerin nur noch mit dem Namen »Dornröschen« riefen.

Auf dem verwitterten Turmbänkchen, das wie versteckt in der grünen Wildnis lag, saß das Dornröschen. Die frühlingslichten Ranken wehten und nickten über ihr im Winde. Hier war es gut sitzen, sinnen und träumen; aber nur selten fand Leni jetzt noch Muße dazu.

Über vier Jahre war es nun her, seit sie an ihrem fünfzehnten Geburtstag glückselig als stolzes Turmfräulein hier ihren Einzug hielt. Damals hatte zärtliche Mutterhand ihr das mollige Nestchen bereitet als Überraschung zu ihrer Heimkehr aus London. Damals, als sie ein ganzes Jahr von ihrem lieben Nedderdorf fortgewesen war, weil man sie mit vierzehn Jahr' und sieben Wochen als Backfischlein gegen Cousine Mary nach England hin ausgetauscht hatte. Wie weit lag die frohe Backfischzeit in London bei Onkel Richard und Tante Jane jetzt zurück! Vier Jahre nur – und doch, sie hatten aus dem lebensprühenden, übermütigen jungen Ding ein nachdenkliches, nur in Arbeit und Pflicht aufgehendes Mädchen gemacht!

Zuerst freilich, nach ihrer Heimkehr, da hatte sie glückliche Tage, von Elternliebe durchsonnt, in den altersgrauen Mauern, die dereinst auch auf ihre Kinderspiele blickten, durchlebt. Bis zu jenem naßkalten Herbsttage, da das unerbittliche Schicksal sie jäh und unbarmherzig aus dem süßen Dornröschenschlaf erster sorgloser Jugend emporriß. Ihr Vating – ihr liebes Vating! Leni preßte die Hände vor die Augen, um jenes düstere Bild nicht sehen zu müssen.

Ein Jagdunglück! Das Gewehr war unversehens losgegangen; wie eine stolze, vom Blitz getroffene Eiche hatte es den starken Mann dahingerafft!

Damals, als alles auf Nedderdorf den Kopf verlor, als Mutting, die stets so tatkräftige, in ihrem Schmerz schwach und hilflos wie ein Kind wurde, da war es die junge Leni gewesen, die das Steuer des führerlos gewordenen Schiffes mit mutiger Hand ergriff. Die Siebzehnjährige, die ihren Vater geradezu vergöttert hatte, fand die Kraft, vor Herrn Dürenfurt, ihren Vormund und zugleich Vater ihrer besten Freundin, zu treten und zu sagen: »Ich darf nicht nutzlos trauern! Ich muß schaffen und wirken für unser Gut, wofür mein Vating seine Lebenskraft einsetzte! Damit beweise ich ihm meine Liebe am besten!«

So hatte das kaum erwachsene Mädchen damals zur Bewunderung des Vormundes und aller benachbarten Gutsfreunde gehandelt. Mit festem Willen war es an die schwere Aufgabe herangegangen, und heute wollte es weniger Mut zeigen?

Leni schüttelte entschlossen den Kopf und wischte sich eine fürwitzige Träne aus dem Auge. Wenn es nur mit Mutting wieder anders werden wollte! Das tatenlose Hindämmern der gänzlich gebrochenen Frau hemmte schließlich auch ihr die Schaffensfreude.

Das junge Mädchen gab sich einen Ruck. Es trat durch die vom Grün umwobene Tür aus der warmen Frühlingssonne in das kühle Dämmerlicht des alten Turmes. Bald neigte es das fleißige Haupt über Vatings Schreibtisch.

Eine Anzeige im Kreisblatt, eine im Rostocker Anzeiger und eine in einer landwirtschaftlichen Zeitung! So – das wäre gemacht! Aber wer würde sich zu Johanni als Inspektor melden? Der Mutter Worte gingen Leni im Kopfe herum.

Ob sie sich am Ende nicht aufs hohe Pferd setzte und lieber nochmal mit dem Inspektor Rücksprache nahm? Herr Dürenfurt würde entschieden dazu raten, das wußte sie, und wenn sie dem Mann ein gutes Wort gab, blieb er; davon war sie überzeugt. Aber dieses Wort wollte der stolzen Leni dem Inspektor gegenüber, der sich Unregelmäßigkeiten hatte zuschulden kommen lassen, nicht über die Lippen! Und wiederum – war sie es nicht Karl Heinz schuldig, alles zu vermeiden, was die Ertragsfähigkeit des Gutes beeinträchtigte?

Leni wußte nicht ein noch aus. Es wurde ihr eng bei ihren stürmenden Gedanken in dem kleinen Turmgemach. Sie griff nach dem breitkrempigen Strohhut, hängte ihn an den Arm und eilte die schmale Wendeltreppe hinab.

Nach dem Windmühlenberg – auf ihren Lieblingsplatz! Dort hatte sie schon oft den richtigen Weg aus dem Labyrinth ihrer Gedanken heraus gefunden; dort würde sie am ehesten das innere Gleichmaß zurückgewinnen.

Susing hatte das den Pfad ins Feld einschlagende Dornröschen entdeckt. Am Lupinenfeld holte das bewegliche Dingelchen bereits die Schwester ein. Cäsar, der etwas kurzatmig geworden war, folgte langsam und bedächtig. Leni hatte nicht das Herz dazu, die lustig schwatzende Kleine zurückzuschicken.

Die Windmühle mit ihren gespreizten Armen dort droben auf der kleinen Bodenerhöhung, die den stolzen Namen »Berg« führte, stand, solange Leni denken konnte, außer Betrieb. Der Hügel war jetzt nur spärlich mit Gras bestanden; aber der Herbst breitete stets einen purpurroten Teppich von Heidekraut über seinen sandigen Boden.

Karl Heinz, der gute Bruder, der jetzt vor dem Abiturium stand, hatte Leni bei seinem letzten Ferienaufenthalt ein Bänklein aus Birkenstämmchen auf ihrem Lieblingsplatz gezimmert, damit die junge Königin ihr Reich bequem überblicken könne. Nun saß sie hier oben im Schatten der Windmühlenflügel und ließ den Blick in die Runde schweifen. Drüben auf den Feldern, die sich bis zu den maigrünen Buchenwäldern dehnten, waren ihre Leute fleißig beim Eggen. Die Wiesen, die sich nach der anderen Seite bis zum Dorf hinabzogen, prangten in üppigem Grün. Das würde eine gute Heuernte dieses Jahr geben, wenn das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machte! Wie hoch der Kleeschlag schon stand! Bald schnittreif! Sie mußte Ruprecht darauf aufmerksam machen. Es war Zeit, an die Sommerfütterung zu denken.

Da war sie mit ihren Gedanken wieder bei der Inspektorfrage angelangt. Ob sie nicht doch noch mal mit ihm Rücksprache nahm? Aber vielleicht kam er selbst – vielleicht tat er den ersten Schritt zum Bleiben! Leni fühlte eine ungeheure Erleichterung bei diesem Einfall.

Wo steckte denn der Inspektor eigentlich heute den ganzen Tag? Bald Mittag! Der verheißungsvoll aus den Dorfhütten gen Himmel steigende Rauch verkündete es. Da setzte sich auch schon ein kleiner Trupp Dorfweiber in Bewegung, den braunen Henkeltopf mit Essen für den auf dem Acker arbeitenden Mann in das rote Schnupftuch geknüpft.

Leni legte die Hand über die Augen und spähte die Pappellandstraße hinab, die zum Dorf führte. Hänschen und Fränzchen, die Zwillingsbrüder, hätten auch schon von der Schule daheim sein können. Wo die sich nur wieder herumtrieben!

»Susing, hast nix von den Jungs gesehen?«

Das junge Mädchen wandte sich an die erhitzte Kleine, die selbst den würdigen Cäsar noch zum Jagen und Tollen verleitete. Aber statt aller Antwort rollte Suschen mit dem sich wälzenden Köter lachend den sanft geneigten Grashang hinab.

»Da sitzen sie ja,« rief sie, nachdem sie unten angelangt war, durch die hohlen Hände hinauf und wies über das Feld.

Richtig – dort drüben am Grasrain, der den Landweg nach Staberow umböschte, lugten ein blonder und ein brauner Jungenkopf neben dem Brombeergestrüpp hervor. Was trieben nur die Schlingel wieder?

Da – noch ein dritter Schopf mit strohgelbem Haar! War das nicht ...?

Sanft gekräuselter blauer Rauch umschwebte die zu Boden geneigten Köpfe. Leni äugte mißtrauisch hinüber. Eins – zwei – drei stand die junge Gutsherrin hoch oben auf dem Birkenbänklein, um besser Ausschau halten zu können.

Aber was sie da sah, mußte wohl wenig Erfreuliches sein, denn Leni sprang mit einem empörten »Wetter noch mal – da soll aber doch – – –!« von der ächzenden Birkenbank herab und sauste so ungestüm den Windmühlenberg hinab und den Wiesenrain entlang, daß weder das jauchzende Suschen noch der erstaunte Cäsar ihr zu folgen vermochte.

Jetzt quer durch das Kleefeld! Leni, die sonst kein Grashälmchen niedertrat, schlug ohne Bedenken den nächsten Weg ein. Nun stand sie hinter dem merkwürdigen Kleeblatt, das dort an der Grabenböschung wuchs.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Es war der Inspektor, der da mit Hänschen und Fränzchen, den elfjährigen Buben, im Schatten der Brombeerhecke Karten spielte und Zigaretten rauchte. Kunstgerecht bliesen die beiden hoffnungsvollen Jünglinge ihre bläulichen Ringel in die würzige Maienluft.

Die drei waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie das Nahen der strafenden Gerechtigkeit gar nicht merkten. Erst als Leni mit der von Mutting ererbten Schlagfertigkeit dem ihr zunächstsitzenden Hänschen wortlos eine kräftige Maulschelle verabfolgte, daß ihm die Zigarette vor Schreck aus dem Mund fiel, fuhren die drei entsetzt hoch.

Fränzchen, der für sich ein gleiches Schicksal voraussah, war mit einem Satz jenseits der Hecke. Der blutrot gewordene Inspektor schien nicht übel Lust zu haben, ihm zu folgen.

»Lümmel ihr –« Leni fand endlich wieder Worte, um ihre ungeheure Entrüstung zum Ausdruck zu bringen »schämt ihr euch denn ganz und gar nicht?« Sie ließ es zweifelhaft, wen sie mit ihrer Anrede alles meinte.

Aber der Inspektor, der unbehaglich den roten Kopf einzog, mußte sich doch wohl getroffen fühlen, denn er murmelte etwas von »unschuldigem Vergnügen«. Das war zuviel für die empörte Leni. Sie dachte nicht mehr daran, daß ihr daran lag, den Mann über die Ernte zu halten; ihr Brausekopf ging wieder mal mit ihr durch.

»Unschuldiges Vergnügen nennen Sie das, wenn Sie zwei Kinder, die ohnedies schon der väterlichen Zucht entbehren, zum Leichtsinn, zu Heimlichkeit, zum Spiellaster und Rauchen verleiten? Ich nenne das anders – ein Verbrechen an den Kindern!«

»Oho,« unterbrach sie der Inspektor, der nun allmählich seine gewöhnliche Dreistigkeit wieder erlangte.

Aber Leni fuhr fort: »Ich denke doch, es gäbe hier auf Nedderdorf anderes für Sie zu tun! Dort drüben arbeiten die Leute ohne Aufsicht – – –«

»Dat is meine Sach',« unterbrach sie der Inspektor grob.

»Nein, das ist nicht Ihre Sache« – Leni sprudelte die Worte förmlich heraus – »sondern die meinige, denn unser Gut ist's, das Sie da verloddern! Ich bitte mir aus – – –«

»Sie haben mir gar nix zu befehlen« – die mangelnde Bildung des Mannes trat immer mehr zutage – »ich hab' der Frau erst gestern gesagt, dat ich mir nich von solch grünem Ding, dat kaum Weizen von Roggen unterscheiden kann, in mein' Kram reinreden lass'. Ich geh' zu Johanni –«

»Noch ein Wort, und Sie gehen sofort!« Leni rief es mit sprühenden Augen. »Ich verlange den Respekt, den Sie mir als Untergebener schuldig sind!«

Der Mann lachte ihr frech ins Gesicht, »Untergebener? Hahaha – ein Gutsherr in Weiberröcken! Beinah noch 'n Gör und will sich hier uffspielen – will mich ja woll zur Rechenschaft ziehen!«

»Jawohl, will ich das –« Leni zitterte vor Erregung am ganzen Körper »aber nicht nur wegen heute, sondern auch wegen der verschiedenen Rechenfehler in Ihren Büchern, wegen der sogenannten Irrtümer!«

Sie verstummte plötzlich; der Mann hatte drohend die Hand gegen sie erhoben,

»Dornröschen,« kreischten Hänschen, der durch die Brombeerranken spähende Franz und Suschen, das sich ebenfalls eingefunden, entsetzt los, während Cäsar die seltsame Gruppe mißtrauisch umkläffte.

»Dat nehmen Se zurück!« Der Inspektor trat ihr mit zornverzerrter Miene noch einen Schritt näher.

Aber das mutige Mädel wankte und wich nicht.

»Was ich sag', kann ich auch vertreten!« Sie versuchte den Angestellten, der immer noch in bedrohlicher Haltung vor ihr stand, durch den zwingenden Blick ihrer großen Augen zu bändigen.

»Dornröschen,« weinte Suschen angstvoll und hing sich mit rührender Zärtlichkeit an die große Schwester, um sie mit ihren schwachen Armen zu schützen.

Aber da ergriffen schon stärkere Arme die geballte Faust des Inspektors und stießen ihn zurück.

»Mann, was erlauben Sie sich?«

»Mann, was erlauben Sie sich?«

Ein des Weges daher radelnder Herr, der schon eine Weile Zeuge des Wortwechsels gewesen war, stellte sich vor das junge Mädchen.

»Kein einziges ungehöriges Wort mehr gegen die junge Dame – verstehen Sie mich?« So donnerte der Fremde den Inspektor an, daß dieser, den Überlegeneren fühlend, zwar immer noch vor sich hinbrummte, aber doch zurückwich.

»Fürchten Sie sich nicht, mein Fräulein« – der Fremde verneigte sich flüchtig gegen die mit gerunzelten Augenbrauen dastehende Leni – »ich schütze Sie!«

»Ich danke Ihnen, aber ich vermag mich allein zu schützen!« Lenis ganze Empörung, daß ein Fremder Zeuge ihrer Niederlage geworden war, sprühte ihr aus den blauen Augen.

Der Herr lächelte recht eigen, halb belustigt, halb mitleidig. Leni bemerkte es. Da dachte sie nicht mehr an die kommende Erntezeit, nicht an die Rechenschaft, die sie ihrem Vormund von ihrem Tun und Lassen schuldig war, noch an Karl Heinz und die Zukunft von Nedderdorf. Sie hatte nur den einzigen Wunsch, zu zeigen, daß sie ihre Stellung als Herrin selbst zu behaupten vermochte. Flammenden Blicks wendete sie sich an den seine Spielkarten aus dem Gras auflesenden Inspektor.

»Packen Sie Ihre Sachen! Sie sind auf der Stelle entlassen. Ich wünsche Sie heute mittag nicht mehr auf dem Hof zu sehen; Ihr Gehalt wird Ihnen Jürgens auszahlen!«

»Komm, Dornröschen ach bitte, bitte, komm doch!« Suschen zerrte sie am Rock.

Leni nahm das weinende Kind an die Hand und kehrte sich den mit schuldbewußtem Gesicht abseits stehenden Brüdern zu.

»Marsch jetzt nach Haus, ihr Schlingel! Dort sprechen wir uns weiter!« Dornröschens Blick weissagte nichts Gutes.

Sie neigte grüßend das von der Erregung glühende Haupt gegen den unerbetenen Ritter und drehte ihm ohne ein weiteres Wort den Rücken. Hätte sie allerdings gewußt, daß auf diesem alle zehn Musfinger von Suschen prangten, wäre ihre Haltung wohl etwas weniger hoheitsvoll gewesen.

Belustigt schaute der Fremde ihr nach.

»Das Dornröschen hat mehr Dornen als Rosen, scheint mir,« murmelte er vor sich hin, schwang sich auf sein Stahlroß und radelte davon.

Dornröschen aber, die sich bisher so tapfer gehalten, schritt jetzt, mit den Tränen kämpfend, durch die der Ernte entgegenreifende junge Saat. Ja – was sollte nun werden?

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