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Dorfgänge

Ludwig Anzengruber: Dorfgänge - Kapitel 9
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authorLudwig Anzengruber
titleDorfgänge
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Wenn einer es zu schlau macht

Eine schwänkige Geschichte

Das Trauerjahr der verwitweten Wirtin zum »Blauen Stern« in Oberndorf war um, sie hatte nach ihres Mannes Tod Zwei Kinder, einen Buben und ein Mädel, zu erziehen und das große gangbare Einkehrwirtshaus zu führen; das war wohl Überlast für eine alleinstehende Frau, und im Orte war man überzeugt, »daß sie nicht alles miteinander werde d'ermachen können« und bald trachten müsse, wieder unter die Haube zu kommen, und niemand zweifelte daran, daß sie um Freier nicht zu sorgen brauche, denn ihre Person, die einer stattlichen Dreißigerin, war ganz danach angetan, mehr als einen anzulocken, alle Last mit ihr zu teilen.

Es war natürlich, daß keiner, der auf die schmucke Wirtin oder das gute Geschäft, oder auf beide Absichten halte, die ganze Trauerzeit verstreichen ließ, ohne der Witwe merken zu lassen, wie gut er ihr sei, und wie lieb es ihm wäre, wenn ihm von ihrer Seite gleiches widerführe. Kurz nach dem Todesfalle, der die Frau zum Herrn des »Blauen Sternes« machte, hatten die beiden anderen Gastgeber im Orte den Verdruß, manchen ihrer Stammgäste plötzlich zu verlieren, sie wußten aber recht gut, wo derselbe zu finden war; bald jedoch kehrten die Treulosen wieder zurück, nicht wenig erbost über den Empfang, den sie bei der trauernden Witwe gefunden, die in rückhaltloser Weise zu verstehen gab, es möchte nur jeder bleiben, wo er sich bei Lebzeiten ihres Seligen verhalten hätte, und sie gebe nichts auf »so 'nen Kalfakter«. Sie gestand nur ihren Stammgästen das Recht zu, sie zu trösten und ihr zu raten; dafür erhielt sie von ihren zwei Konkurrenten den Titel eines Ehrenweibes, und es ward ihr von denselben nichts in den Weg gelegt.

Mit Trost und Rat trifft es eben nicht jeder gleich, und so konnte es nicht fehlen, daß einige ihrer Stammgäste den anderen den Rang abliefen. Bemühung, die keinen Dank findet, verdrießt bekanntlich bald jedermann, und so überließen nach wenigen Wochen all jene, die das Maulwerk nicht so »bei der Hand« hatten, den also bevorzugten das Feld. Eigentlich waren es, nach Zahl der guten Dinge, nur drei, denen die Wirtin für derartige Teilnahmsbezeigungen ein freundliches Gesicht zeigte; der erste war der »Räuberferdl«, stand aber durchaus nicht im Verdachte, daß er «ein freies Leben führe«, und nur höchst ausnahmsweise, wenn er sehr spät vom Wirtshause heimging, »war der Mond seine Sonne«, er hieß eben: Ferdinand Räuber, war ein verwitibter Winzer, ohne Kinder; er besaß ein weiches Gemüt, daher er es am besten traf, der verlassenen Witwe in Stunden, wo sie ihre Vereinsamung empfand und beklagte, nach dem Herzen zu reden; an Trösten war er allen anderen über, es kam ihm ja auch der sympathisch stimmende Umstand zugute, durch ein gleiches Leid geprüft worden zu sein. Es hieß zwar, er sei etwas dem Trunke ergeben, aber das behaupteten nur etliche Nachbarsleute, die es von seiner Seligen gehört haben wollten, und denen er zu oft in den Keller stieg und zu lange in demselben blieb; wer nicht selbst Hauer ist, hat ja keine Ahnung davon, wie der Wein auch noch im Faß betreut und gepflegt werden will, und wie nicht allein der Mensch den Wein, sondern auch der Wein den Menschen braucht! Im Wirtshause, überhaupt unter Leuten, hat man den »Räuberferdl« nie betrunken gesehen.

Der zweite war der Fleischhauerssohn im Orte, ein geriebener Bursche, wie das sein Geschäft mit sich brachte, denn er trieb sich Jahr über in allen vier Vierteln des Landes auf Ochsen- und Kälberkauf herum. Er kannte sich in der Welt aus und wußte mit den Leuten umzugehen, denn um zu seiner Ware zu kommen, mußte er an diesen vorüberdrängen und richtete das stets so geschickt ein, daß nicht er es war, der dabei blaue Flecke abbekam. Wenn die Witwe häusliche oder geschäftliche Sorgen drückten, wußte er ihr nach dem Kopfe zu reden und war ihr bester Berater. Man wußte ihm im Orte weder Gutes noch Übles nachzusagen, da er, wie bemerkt, seine Zeit wohl öfter auswärts, wie daheim zubrachte, indem er nicht nur seines Vaters, sondern auch anderer Geschäfte im Viehhandel besorgte. Nur einige übelgesinnte, die leicht an jedem was zu tadeln fanden, wollten gehört haben, daß der »Fleischerwastl« auf seinen Wanderungen nach getaner Arbeit nicht ruhe, sondern sich nach geschlossenem Handel aufs Kartenspiel lege, und das so unchristlich treibe, daß es schon mehr als einmal vorgekommen sein soll, daß er einen eben gekauften Ochsen verspielte, wieder gewann und abermals verspielte. Gesehen hatte es aber keiner, und wenn der Wastl im »Blauen Stern« oder sonst daheim wo »kartelte«, trieb er es Geselligkeit halber und um wenige Groschen.

Es kann nicht geleugnet werden, daß die Frau Wirtin schon lange für sich im stillen ebendasselbe dachte, was alle Leute im Orte dachten, nämlich, daß sowohl der Tröster, wie der Berater, ein Auge auf sie habe, und es kann weiters nicht geleugnet werden, daß sie sich beide schon eine Weile auch daraufhin angesehen hatte und sich mit der Antwort auf die Frage: wen nehm' ich? trug, doch war hier die Wahl mit keinerlei Qual verbunden, denn der Person nach waren weder der Ferdl noch der Wastl »uneben«, und ins Geschäft paßte der Winzer wie der Fleischer, da konnte sie nicht fehlgreifen, wohin sie auch langen mochte, und ganz nach ihrer Laune handeln.

So eben und glatt wäre die Geschichte gestanden, hätte sie es nur mit den zweien zu tun gehabt, so aber war da noch der dritte, der »Buchfelder Dieter«, der machte die Sache etwas verwickelt, der war erst kurz nach dem Tode des »Blauen-Stern-Wirtes« nach Oberndorf gekommen, und zwar als Pfleger auf das Gut des älteren, kränkelnden Kleehofbauern; er hatte als Kavallerist gedient und als Wachtmeister seinen Abschied bekommen, seine Eltern sollten »da drüben irgendwo« ein großes Anwesen besitzen; dieser »Dieter« war nun ein gar stattlicher Mensch und trotz seines nun doch schon etwas gesetzten Alters ein rechter Schnurribus und wußte die Leute lachen zu machen, sie mochten dazu aufgelegt sein oder nicht.

Kurz, der Dieter war das Zünglein an der Waage zwischen dem Ferdl und dem Wastl, und kam die ins Gleichgewicht, so stand er oben auf! Das stand fest, Geld, wenn er welches besaß, hatte er nicht so viel wie einer von den beiden anderen, aber auf die Wirtschaft – das sagte ihm sein Bauer nach – verstand er sich, und ungleich angenehmer war es doch, statt sich vom Ferdl mit mitleidigem Getue und jammeriger Stimme trösten zu lassen, wenn einem der närrische Mensch die Bangigkeit hinweglachen machte, daß die Augen, die anfangs vor Trauer feucht waren, zuletzt voll Lachtränen standen, und angenehmer war es auch, statt den Wastl seine Findigkeit überlegen auskramen zu hören, durch einen als Scherz hingeworfenen Kniff und Pfiff über die Sorg' hinweggetragen zu werden. Was gab' der Mann für einen leutlustigen Wirt? Und schließlich säubrer wie der Ferdl und der Wastl war er auch!

Trotzdem kam die Waage nicht zur Ruhe, die Schalen für Ferdl und Wastl schwankten beständig, und das Zünglein kam dabei immerfort schief zu stehen, denn der Fleischhauerssohn brachte nicht nur was ins Geschäft, sondern verdiente noch außerdem, der Winzer kam auch nicht mit leeren Händen und hatte volle Keller und tragende Weingärten; die Wirtin vermied selbst in ihren eigenen Gedanken jede Entscheidung und schob sie hinaus bis auf die Zeit, wo sie eben nimmer zu umgehen sein werde, dann würde sich ja alles schicken, der Zufall sollte entscheiden, wer es von den dreien über die beiden anderen davontrüge, sie ging ja für alle Fälle sicher, da ihr alle gleich anständig waren! So zeigte sie sich denn jedem gleich gut.

Dieses Verhalten der Wirtin aber machte es den drei Stammgästen vollkommen klar, wie die Sache für jeden von ihnen stand. Den beiden Nebenbuhlern die Wirtin zu verleiden, daran konnte keiner denken, denn jeder mußte darauf aus sein, von ihr nur Gutes verlauten zu lassen und ernstlich bös zu tun, wenn nur ein zweideutig Wort über sie fiel; so blieb nichts über, als der Wirtin die beiden Nebenbuhler zu verleiden, und da das schlaue Weib es darauf abgesehen hatte, es mit keinem vorzeit zu verderben, so war das ein hartes Stück Arbeit.

Die dreie bewachten sich gegenseitig; sie waren sich stets auf der Spur, wie es, der Redensart nach, die Polizisten den Verbrechern sein sollen, und stets voreinander auf der Hut, wie es, leider tatsächlich, die Spitzbuben vor der Polizei sind. Trat der eine in die Gaststube, so kam der zweite schon um die nächste Ecke, und der dritte – saß schon am Tische. Sie setzten sich allabendlich zusammen. Wenn sich zwei zufällig, was freilich außerordentlich selten geschah, früher zusammenfanden, so hätte ein frommer Christmensch, dem es vergönnt gewesen wäre, ihr Gespräch mit der Wirtin zu belauschen, die auferbauliche und tröstliche Bemerkung machen können, daß Gott in seiner Weisheit das schwache, menschliche Herz so einzurichten wußte, daß es selbst in Lastern und Untugenden das anstreben muß, was die Tugend vorschreibt, denn sooft sich von den drei Nebenbuhlern ihrer zwei trafen, so war es doch nur die Feindschaft gegen den dritten, welche sie die gegenseitige Abneigung siegreich überwinden und Freundschaft schließen ließ, und wenn sie auch dann den Abwesenden zusammen nach Kräften verleumdeten, so strebten sie schließlich damit doch nur die Erfüllung des Gebotes an: Liebe deinen Nächsten, denn der war die Wirtin, die neben dem Tische stand.

Schade nur, daß diese mit Redensarten, wie »Hinter dem Rücken sagt man ein'm oft viel nach«, und »'s is nit alles z'glaub'n, was d' Leut' reden« – sich immer des Abwesenden annahm. Mit diesem Hinhalten verging die Zeit, und es war schließlich ganz erklärlich, daß es den drei Gesellen vor ungeduldiger Erwartung in ihren Jacken schier zu enge ward, als eines Abends die Wirtin, früher wie sonst, den Keller schloß und aus der Gaststube ging, nachdem sie zuvor gesagt: »Heunt ist der erste Gedenktag von mein'm Mann sein'm Versterben.

Da schickt sich doch, daß ich seiner armen Seel' im Gebet gedenk' und auch die Kinder dazu verhalt'. Jemerl, wie die Ieit vergeht! Mein', ich hält' nit gedacht, daß ein Jahr in der Trauer so schnell um wär', wie ein anderes. Bin nun neugierig, was mir das jetzige bringen wird? Na, wie Gott will! Gute Nacht, Leuteln!«

Sapperment, jetzt kann mer doch reden! dachten der Ferdl und der Wastl und der Dieter. Früher wär's nit schicksam g'wesen und hätt' können übel aufg'nommen werden, aber morgen is's erlaubt, und Eil' zeigen, ist da besser, als sich Weil' lassen!

Und jeder dachte: Morgen red' ich, und es gilt nur, früher aufzustehn als die anderen zwei.

Der Ferdl und der Wastl zogen eilends ihre Geldbeutel und riefen nach der Kellnerin, um die Zeche zu begleichen, der Dieter aber bestellte eine Flasche vom »Besten« und sich behaglich auf dem Sitze reckend, sagte er: »Leuteln, so dumm sind wir wohl keiner, daß wir nit wüßten, wie es mit jedem von uns bestellt is, ich mein' im Absehen auf selbe mudelsaubre und kreuzbrave Wirtin. So jung wie heunt kommen wir nimmer zusammen und wohl auch nit so zugünstig und unneidig, denn hitzt muß sich ja doch bald weisen, wer der Hahn im Korb is. So woll'n mer denn den Wein da gemeinschaftlich trinken – zahl'n tu' ich 'n – auf der Wirtin ihr Wohlsein und auf dasselbe vom künftigen Wirten ›Zum blauen Stern‹; noch wissen wir nit, wer derselbe sein wird, und kann sich jeder denken, er laßt dabei sich selber hochleben!«

Als die Flasche leer war, und Dieter noch keine Anstalten zum Heimgehen traf, sondern nach einer zweiten vollen Flasche rief, da wurden der Ferdl und der Wastl stutzig, und als gar der ehemalige Wachtmeister der Dirne, als sie den Wein brachte, zuraunte, aber so, daß es auch die Nebensitzenden leicht hören konnten: »Was meinst, Nandl, wer sich gar nit niederlegt, braucht nit erst aufz'stehn, und wer gleich am Ort bleibt, erspart sich 'n Gang danach?« Da hatte er die beiden anderen auf ihren Sitzen festgenagelt und keiner dachte mehr daran, sich davon zu heben und zu gehen.

Das war es, was der Dieter wollte. Das Gehen hatte er ihnen verleidet, und das Bleiben gedachte er ihnen so einzutränken, daß sie sich daraufhin des Kommens zu schämen hätten!

Wer als Wirt auf den Gasthof »Zum blauen Stern« zu sitzen gekommen wäre, wenn an jenem Abende der Dieter sich keinen Streich gegen seine Nebenbuhler ausgesonnen hätte, das vermochte wohl niemand zu sagen, aber hintennach konnte jeder die Wirtin versichern hören, daß ihr der »Buchfelder Dieter« damals einen rechten Dienst getan.


Als am anderen Morgen die Wirtin die Treppe herabstieg und, wie es ihre Gewohnheit war, vorerst im Hofe Umschau hielt, da saß ihr in den hellen, braunen Augen und auf den vollen roten Lippen der Schalk, denn das gottlose Weib dachte gerade daran, daß es durch die gestern getane Äußerung drei Mannleute in all die Unruhe, Eifersüchtelei und Schmachtlappigkeit gestürzt habe, welche so eine Werbung, mit anderen um die Wette, zur Folge hat.

Die alte Stalldirne, welche eben die Milcheimer scheuerte, rief vom Brunnen her den Morgengruß.

Die Frau Wirtin dankte mit freundlichem Nicken und schrie dann hell und gell nach der Kellnerin, der Nandl.

»Darauf hört die heunt wohl nit, Wirtin«, sagte die Alte, »wirst s' schier selber aufbeuteln müssen.«

»Na, wär' nit übel«, meinte die junge Frau.

»Mein'«, sagte die alte Magd, »mußt's nur wissen, daß s' von gestert abend bis heunt früh nit weiter z'bringen waren und da g'sessen sein, und alles auf'gessen haben, was sie nit ißt, und alles getrunken, was sie nit trinkt.«

»Jo, wer denn?«

»No, der Räuberferdl, der Fleischhauerwastl und der Buchfelder Dieter.«

»So?« sagte die Wirtin und runzelte die Augenbrauen. »So?« wiederholte sie. »Da muß ich doch gleich die Nandl drüber befragen.«

Sie ging rasch nach der Wirtsstube und quer durch diese nach der Schlafkammer des Mädchens und hatte alle Mühe, dieses zu erwecken und bis zur vernünftigen Red' zu ermuntern. Da bekam sie denn zu hören, daß das saubere Kleeblatt vor anderthalb Stunden erst weggegangen, der Dieter aber noch nicht heim sei, sondern nur ein wenig in der freien Luft sich herumtreibe, um der Wirtin, wenn sie wach wäre, über all das während der Nacht Vorgefallene Bescheid zu sagen.

Die Wirtin schüttelte den Kopf, aber der Unmut wich aus ihren Zügen; sie trat an das Fenster und blickte durch die Scheiben hinaus auf den Platz, da sah sie auch den Dieter wie eine Schildwache längs der Häuserzeile dahinschreiten, als er aber näher kam und ihrer ansichtig werden konnte, da war er in wenigen Sprüngen Wegs herüber und klöpfelte an die Scheiben und pochte an der Türe. Als ihm die aufgetan ward, trat er ein und sagte: »'n Morgen herein, so schön wie du selber bist, Wirtin, und wenn dir mein' frühe Kundschaft lieb und recht ist, so gibst mei schnell ein Stamperl Kräutergeist.«

Da blickte die Wirtin schon wieder etwas unfreundlicher und ließ den Kräutergeist durch die verschlafene Nandl herbeischaffen.

»Wär' mir lieber g'west«, sagte der Dieter, »du hätt'st mir 'n eingegossen, schmecket mer dreimal so gut! Bist mir wohl gar harb, weil ich heunt nacht von da gar nit heimg'funden Hab'! Oh, Wirtin mein, dös war' ja mein Traum und mei' Leb'n, daß ich von demselben Haus nie h'raus müßt' und drein verbleiben kunnt'.«

»No, wer weiß, was g'schieht«, sagte die Wirtin.

Der Dieter machte dazu ein so rundes, leuchtendes Gesicht, wie der Vollmond, wenn er hinter den Bergen aufsteigt. »So allein, wie ich hitzt dasteh'«, fühl die Wirtin fort, »vermag ich eh' mit der Wirtschaft nit aufz'kommen, und gib ich s' weg, magst sie ja kaufen.«

Wie jetzt der Dieter betrübt den Kopf neigte und zur Seite sah, war er im letzten Viertel. »Hast du's not, z'verkaufen? Hast du's not, allein z'bleiben?« murmelte er. Nach dem Mittel, zu dem er griff, um seine Betrübnis zu lindern, schien dieselbe jedoch nicht so ernstlich, denn er goß den Kräutergeist darüber. »Dein Wohl, Wirtin!«

»Dank schön! Du meinst also, ich sollt's wieder mit 'm Heiraten versuchen?«

»G'wiß! A Weib wie du, Wirtin, braucht nur die Hand ausz'strecken, so hat's af jed'n Finger a paar hängen! Für a Weib, wie du, war' 's Ledigbleiben völlig a Sünd'!«

»Geh mer zu! Aber wann d' meinst und glaubst und weil d' mein Freund bist, so sag nur auch, zu welchem möchtest mir raten, zum Räuberferdl oder zum Fleischhauermastl?« neckte sie.

Der Dieter stützte den Kopf auf den rechten Arm und zog ein sehr ernsthaftes Gesicht, das nur von den lustig blinzelnden Augen Lügen gestraft wurde.

»Wen ich dir vermein', wenn ich dir's gut mein', meinst?« fragte er. »Jo freilich, so leicht geht das nit zu sagen, das will überlegt sein – 'n Räuberferdl, den wirst wohl kaum mehr mög'n –«

»Ei, warum denn nit?« fragte die Wirtin dazwischen.

Aber der Dieter redete, ohne darauf zu achten, weiter. »Doch wann dir der Fleischhauerwastl recht sein tät', so wünschet i mir nix Besser's.«

Die Wirtin machte große Augen, dann sagte sie spöttisch: »Hat er dich 'leicht zu sein'm Freiwerber b'stellt und is dir um ein' Kuppelpelz?«

»Wirtin, o du mein', Wirtin, du!« rief der Dieter lustig. »Wie kannst nur so ein' Frag' tun? Eh' ließ ich mir ja d' Zähn' ausbrechen und d' Zung' abschneiden, eh' ich ein'm andern 's Wort bei dir redet' und nahm' da kein' Kuppelpelz und wann er gleich so groß war', daß mer mit ihm a Joch Land zudecken kunnt' und an jed'n Haarl a Dukaten hänget!«

»Dalk, du«, lachte die Wirtin, »das kannst leicht verschwör'n, denn's gibt gar kein Vieh nit, was in so 'n Pelz dreinsteckt. Aber sag ernstlich – denn neugierig hast mich g'nug g'macht – wieso möcht'st dir nix Besser's wünschen, als daß ich 'n Fleischhauerwastl nähm'? Und warum sollt' ich 'n Räuberferdl nit mehr mögen mög'n? Darauf bist mer a noch d' Antwort schuldig.«

Darauf begann der Buchfelder Dieter gar lieblich zu improvisieren, denn er hatte die Gabe, seine Reben zu reimen: »Darum, Wirtin, tu mir's gewähr'« – setz dich nieder, mich anzuhör'n – so will ich dich wohl aufklär'n – was sich gestert zutrag'n hat vom Ungefähr'n – und dann laß reden mit dir in Zucht und Ehr'n! – Ich hab' g'glaubt, ich werd' a Narr – wie d' g'sagt hast, um is 's Jahr – und dö Trauer gar – und siech da neben mir das Paar – das a in dich g'schossen war; – vor Lieb' ganz krank – könnt' ich mich nit erheb'n von der Bank – und bis zum Morg'n war d' Zeit mir z'lang – und mei' Herz mir bang – daß einer mir z'vorkäm' mit 'm Gang – daß einer mir z'vorkäm' am heutigen Tag – an dich mit der Frag' – an dich mit 'm Wurt – mir war frei nit guat!«

»Reit' dich der Gangerl?« lachte die Wirtin hellauf. «Wirst gleich reden wie a vernünftiger Mensch!«

»Oh, Wirtin du weißt nit, wie vernünftig Reben schwar is – wann der Mensch vor lauter Lieb' a Narr is – weil aber, dich falsch z'machen, hitzt die G'fahr is – no, so erspar' i's, und red' nur, wie's wahr is.«

»Und ich renn' dir gleich davon, wann's nit bald gar is!« reimte lustig die Wirtin.

»Aber wann d' dich auf dös Reden verstehst, was tust denn nit lieber mit?«

»Na, nix da. Laß amal ordentlich hör'n, was's eigentlich geb'n hat.«

»No, so hör, Wirtin – oh, du Wirtin mein, wann ich dich so betracht', mein' ich, daß mer zu dir gar nit reden kann wie zu andere Leut' und daß a andere Sprach' und a Musik in der Stimm' dazu g'höret – – aber schau nit harb, ich fang' schon an! Mir war gestert nach deiner Red' wirklich bang, daß mer der Ferdl oder der Wastl bei dir zuvorkam', und da hab' ich mir denkt, wann d' hitzt sitzenbleibst, so geht dir auch keiner von dö andern fort, und wann sö sich da im Wirtshaus verhocken, g'lingt's dir vielleicht doch, sö in ein'm Zustand heimz'schick'n, wo sö 's Nachtleibel für a Unterziehhosen anschau'n und bevor d' Sunn' nit bei dö Fenster h'reinbrennt, an der Jacken kein Ärmelloch finden.

Es is noch weit besser kommen, wie ich erwart't hab', und dö Nandl kann sag'n, daß ich dir nur d' reine Wahrheit bericht', denn sie war dabei, und daß du's nit warst, das is recht g'scheit g'west, denn in dein'm Beisein hätt' mer sich nit so z'trinken g'traut, wie mir g'trunken hab'n – g'mischt – hitzt weiß, dann rot, dann ein' Schilcher mörderisch sag' ich dir – und der Räuberferdl hat af kein' Trunk 'n Bescheid verweigert, 's is mir warm g'nug word'n dabei! Nebenher hab' ich auch g'merkt, wie sich der Wastl auf 'n Schlauen h'nausspielt und sooft mer 'n aus 'n Augen laßt, a Restl Wein nach 'm andern auf 'n Fußbod'n ausgießt. Einer nach 'm andern, denk' ich mir, dich verspar' ich mir af d' Letzt, ich weiß schon, womit ich dich fang'!

Mitten im schönsten Schlucken und Füllen schaut mich af amal der Ferdl von der Seit' an und drauf lacht er mir ins G'sicht. ›Gaunervogel‹, sagt er zu mir, ›meinst, ich merk' nit, wo d' h'naus willst, unler'n Tisch möcht'st mich trinken? Das bist aber du nit imstand‹ und niemand im Ort da. Den Wein aus mein'm Keller und wieviel davon ich alle Tage vor'm Schlafengeh'n trink', vertragt jo keiner von euch!‹ Darauf sauft er weiter wie a Loch, und ich tu mit, obwohl ich schon z'fürchten ang'hob'n hab', 's kunnt' am End' doch schief gehn. A Weil' danach sagt er zu uns zwei'n, zum Wastl und mir: ›Ös seids Narr'n, daß ihr mir d' Wirtin nit vergunnt! Tät' ich der Herr da sein, möcht'n mer alle Tag' so lustig wie heunt beisammsitzen, nur mit ein'm weit bessern Tropfen. Halt ja! Gilt's?' Der Wastl hat 'n Kopf beutelt, und ich sag' – nur um was z'reden, Wirtin, nit, daß ich ihn auf dö Red' hätt' bringen woll'n – ich sag' also: ›Dös war kein Handel net, Ferdl, da hätt' mer leicht 's leere Nachschau'n, denn d' Wirtin leidet das in d' Nacht H'neinsitzen und Saufen g'wiß nit‹ ›Was denkst?‹ sagt er drauf. Mußt mir nit bös sein, daß ich seine unb'schaffenen Wort' in 'n Mund nimm, aber d' Nandl kann's bezeugen, daß er g'sagt hat: ›‹Papperlapa‹, hat er g'sagt, ›mir soll kein Weib 's Trinken verleiden, das hat die erste nit können, und die zweite soll's a nit! Solang ein'm um eine is, hat mer wohl Heimlichkeiten vor ihr, sobald mei aber amal da Mon is, hör'n sich dö auf. Laßt's mich nur erst 'n Wirten da sein, so husten mer af dö Wirtin!‹ Da hat der Wastl g'lacht und af d' Nandl deut't, was daneb'n g'stand'n is. No is der Ferdl noch röter word'n, wie er eh' schon g'wesen is, wie a Folioblatt af d' lebzelternen Zigarren, was mei z' Kirchweih' 'n Kindern beim Standl kauft, hat sein G'sicht g'leucht't. A paarmal hat er dumm g'lacht und ›G'spaß, G'spaß‹ h'rausg'würgt, und dann hat er schleunig wieder zum Glasel griffen und ang'fangt, 'n Wein gach h'nunterz'schütten, hitzt hab' ich Kurasch kriegt. ›Tu mer das nach und das!‹ und ein Trunk hat 'n andern g'jagt, und da is er bald fertig g'west. Af amal rappelt er sich vom Sessel auf, halt't sich am Tischeck an und zuckt und ruckt so mit der rechten Seiten, als wollt' er sein' Körper zur Tür h'nausziel'n, und richtig, wie er loslaßt, schießt er a schon quer über d' Stuben und fliegt af d' Straßen, da is er ung'fähr a sechs Schritt weit af alle viere fortg'krochen, dann is er mühselig in d' Höh', und wie er so dag'sianden is, mit vorgebohrtem Kopf, h'naufg'zogene Schultern und dö langabehängenden Arm', da hat er ausg'schaut wie dö g'wissen haareten Bamkraxler in der Menagerie, was sich, ohne d' Füß' aufz'heb'n, kommod dö Wadeln kratzen können, wann sö's jucken. Dann hat er zun torkeln ang'fangt, und daß er an 'n Häusern d' Eck stehn lassen und kein' Mauer eindruckt hat, is nit sein' Schuld. No, und wie er in d' Nacht h'nein verschwunden is, hab' ich mir denkt, der kann heimbleiben, den nimmt dö Wirtin nit.«

Die Wirtin sah ziemlich ernst zu dem lustigen Erzähler hinüber und fragte: »Na, und wie steht's denn nachher mit 'n Wastl?«

»Nach 'm Wastl fragst? Nach 'm Wastl fragst?« fragte, wie ein Papagel schwätzend, der Dieter dagegen; denn die Art, wie die Wirtin seine Geschichte aufnahm, behagte ihm nicht und ihn beschäftigte eben der Gedanke: Was das Donnersweib nit dazu lacht? »Ja, richtig«, fagte er, sich mit beiden Händen durch sein krauses Haar fahrend, »das will ja auch noch erzählt sein. Also, daß ich sag', wie wir den Ferdl los waren, lass' ich ein Spiel Karten hergeben; denk' mer noch, g'trunken wär' schon mehr als z'viel, und der Wastl haltet' da eh' nit mit, ihm zu ein'm Zeitvertrelb, denk' ich, denn daß er so ein Spielratz wär', wie sich nachher h'rausg'stellt hat, das konnt' ich mir nit denken, Wirtin! No, gut, der war gleich dabei, und mir spiel'n, erst um die Zech', aber ich hab' mein' Widerpart gleich d'erkannt als ein', den der G'winn hitzig macht und der Verlust ganz unbesinnt; so laß ich ihm denn die Freud', solang mir die Karten schlecht g'fallen sein, mich nach Herzenslust ausz'sackeln, mit 'm ersten guten Blatt in der Hand heb' ich aber an, 'n Einsatz z'verdoppeln, ich g'winn' einmal und wieder und ein anders Mal, jetzt hätt'st 'n Wastl sehn soll'n! Vor Wut und Hast kennt sich der nit aus, mit Blättern, worauf d' Sau kein' Eichel gäb', dupliert er, und endlich sitzt er da, nachdem er sein' alten Leuten 's Dach überm Kopf und 'n Boden unter 'n Füßen und 's Vieh aus 'm Stall verspielt hat und ihm selber Hut, Rock und Stiefel vom Leib, so daß ich ihn in Haar, Hemdärmeln und Strümpfen hätt' h'nausjagen können. Weiß is er g'wesen wie d' Wand, und der Schwitz is ihm von der Stirn g'loffen, d' Zähn' hab'n g'knarrt, wie er s' auf'nand' g'bissen hat, und sein G'schau war völlig schreckhaft, aber noch hat's ihn nit ruhn lassen. ›Nix oder alles!‹ schreit er. – ›Jo‹, sag' ich, ›aber was is dein Einsatz?‹ – Sagt er: ›Dieter, wann der Teufel d' Hosen holt, brauch' ich 'n Gurt a not, der mir 'n Leib z'sammenhalt't. Ich setz' die Wirtin.‹ – No, no, Wirtin, brauchst keine so finstern Augen z'machen. Wirst's ja hitzt wohl nerstehn, daß ich g'sagt hab', war' dir der Wastl recht, wünschet ich mir nix Besser's, denn der müßt' dich mir ausfolgen, dem hätt' ich dich abg'wonnen, aber seel'nvergnügter machet mich doch, wann d' von kein'm von dö zwei was wissen wolltest....«

Die Wirtin hatte sich nach diesen prosaischen Auseinandersetzungen hastig von dem Stuhle erhoben, auf dem sie vorhin, der poetischen Einladung Dieters folgend, sich so bedächtig niedergelassen, »'s is schon gut«, sagte sie rauh und strenge, »'s weitern verlang' ich mir nichts zu hören. Ich bin dir zwar Dank schuldig dafür, daß du aufg'wiesen hast, in welch Elend ich mit ein'm wie dem andern von dö zwei g'raten war' –«

»Na, siehst, na siehst«, sagte der verdutzt dareinglotzende Dieter, »'n Dank sollt'st eb'n bedenken!«

»Aber in Wahrheit muß ich dir doch sagen«, fuhr die Wirtin fort, »daß auch du mich in der heutigen Nacht vertrunken und verspielt hast.«

»No, sei g'scheit, Wirtin! Warum denn?« Der Exkavallerist fuchtelte ratlos mit beiden Armen in der Luft herum. »Das waren doch döselben – ich nit – döselben!«

Die Wirtin trat ganz an ihn heran. »Ja, fragst du das im Ernst, warum? Hast du dich nit den beiden überlegen g'zeigt? Hast du nit g'zeigt, daß du dich noch besser wie die zwei aufs Saufen und Spielen verstehst?« Hierauf kehrte sie ihm den Rücken zu und ging aus der Stube, ohne auf diese doch sehr eindringlich gestellten Fragen eine Antwort abzuwarten, und falls sie nicht Zeit verschwenden wollte, tat sie ganz recht daran, denn dem Buchfelder Dieter hatte es die Rede gründlich verschlagen.

Er stand lange wie verdonnert, erst das schallende Gelächter der Nandl brachte ihn wieder zu sich. »Simmelkreuzslernelement!« fuhr er auf. »Was lachst? Mit Lust gäb' ich dir paar Ohrfeigen, boshaftes Mensch! – Verzweifelte Dummheit! Hitzt weiß ich's, mer is a nit schlau, wann man schlauer sein will wie schlau!«

Ehe er aber – und zwar für immer – aus dem »Blauen Stern« hinwegging, erinnerte er sich, was er seiner Reputation schuldig sei, und beging in aller Eile, wie er später oft eingestand, zu der vorhergeleisteten eine neue – Dummheit.

»Nandl«, sagte er, »laß dir sagen, du magst's glauben oder nit, mir war eigentlich wenig an der Wirtin g'leg'n.«

»Wann d' mir's schon freistellst«, entgegnete die Dirne schnippisch, «so glaub' ich's nit.«

»Laß dir sagen«, fuhr er gewichtig fort, »lieber wie dös hochnasete, aussucherische Weibsbild wärst mer schon du. Schau, könnt'st 's Maul halten über d' heutig' Nacht – 's käm' nix drüber unter d' Leut', denn die andern zwei werd'n sich hüten, davon z'reden – so nähm' ich dich zum Schatz.«

»Ei, mein Jegerl, was frag' ich nach so ein'm. – Schätz' g'nug!«

»I Heirat' dich. Das macht auch die Wirtin irr' am Glauben und nimmt ihr die Lust, was drüber z'verlauten.«

»Ernst?!«

»Wann d' verschwiegen bist!«

»'s gilt, Dieter, von mir kriegt kein Mensch a Sterbenswörtel davon z'hören, und auch für die Wirtin steh' ich dir, die laßt 's Berühmen sein, wenn ich sag', wir wären längst bevor schon handeleins g'wesen. Aber, wann d' nit Wort halt'st, Dieter, Spaß versieh' ich kein', so schrei' ich dir d' ganze G'schicht af offenen Platz aus!«

Ein leiser Schauer fuhr dem Dieler über den Rücken, als er seine aufrichtigen Absichten wiederholt beteuerte, dann ging er und wälzte in seinem weinschweren Kopfe den zweifelträchtigen Gedanken herum: ob es wohl »schlau« gehandelt war, nur damit andere nichts zu lachen hätten, sich durch ein Weib, das keinen Spaß versteht, in die Lage zu bringen, daß man selbst nichts zu lachen hat?


Hier wäre eigentlich der Schwank zu Ende; da sich aber unter den geneigten Lesern sicher manche befinden, die der schwergeprüfte Wirtinwitwe, welche auf einen Schlag drei Freier verlor, ihr Mitgefühl nicht versagen, so soll noch in aller Kürze erzählt werden, durch welchen raschen Entschluß diese resolute Frau allen weiteren traurigen Erfahrungen vorbeugte.

Am selben Tage noch, nach Tische, saß sie über einem langen Schreiben an einen entfernten Verwandten, der fern auf einem kleinen Anwesen mit einem zweijährigen Dirndl, dessen Mutter unter der Geburt starb, vereinsamte. Sie berief ihn zu sich, als Tröster und Berater, als Geschäftsleiter für den »Blauen Stern«.

Und während sie so langsam Zeile für Zile niderschrieb, tauchte in ihrer Erinnerung immer leibhaftiger das Bild dessen auf, an den der Brief gerichtet war. – – In einem Dorfe mit ihm aufgewachsen, hatte sie als mutwilliges Mädel oft mit dem etwas schüchternen, unbeholfenen Jungen herumgetollt, als mannbare Dirne empfand sie die Überlegenheit des Burschen, welche ihm seine Tüchtigkeit zur Arbeit und sein ernstes, rechtschaffenes Denken verlieh, aber der anfängliche Widerwille dieser Anerkennung ihrerseits schwand, als sie merkte, daß er ihr gut sei, und schließlich befriedigte diese stille Neigung ihren Stolz, als sie sah, wie er sie in Ehren hielt und auf ihre Ehre hielt.

Noch erinnerte sie sich genau, wie er vor ihr stand, als sie mit dem Wirte vom »Blauen Stern« vom Altare weg zu dem bereitstehenden Wagen ging, um den Heimatsort für immer zu verlassen. Wie brav, wie treu, ehrlich und aufrichtig er ihr alles Gute wünschte, und wie er niemand die Träne sehen ließ, die ihm, als er sich abwendete, über die Wange lief, niemand als seine alte Mutter, die es erst nach Jahren, als er selbst Hochzeit machte, erzählte.

Das war aber nicht die letzte Erinnerung an ihn. – Die Wirtin lächelte, als sie daran dachte, sie könnte etwa noch darauf rechnen, ihn als kraushaarigen, rotbackigen Burschen wieder zu sehen. Nein, vor paar Jahren hatte er sie ja auf paar Tage heimgesucht, ein rüstiger, vielleicht ein bißchen zu ernster Mann, hätte ihn nicht das grundehrliche, frischblickende Auge freundlicher erscheinen lassen. Seither wird sich wohl wenig an ihm geändert haben.

Ei, sie hätte schon früher daran gedacht, ihn zu rufen. Aber eben, daß sie ihn rufen sollte! Hielt ihn als Mann der Stolz zurück, den ersten Schritt zu tun, weil ihn der des Eigennutzes verdächtigen konnte, so hielt sie als Weib die Scheu davon ab, »nachläuferisch« zu erscheinen. Sie mußte wieder lächeln, wenn sie dachte, wo nun er, nachdem sie die Scheu verwunden hatte, mit seinem Stolz wohl bleiben werde?

Und da streicht sich die Wirtin über die Stirne, denn ein Gelärme, das die in der Stube spielenden zwei Kinder machen, erinnert sie an diese ihre Kleinen. »No, Hans! und Mirzl«, sagte sie, »möcht's wohl wieder ein' braven Vater hab'n?«

Der Hansl steht überlegend, und die kleinere Mirzl steckt behufs reiflicherer Erwägung den Finger in den Mund. Vermutlich war aber die Frage in so einladendem Tone gestellt, daß ein »braver Vater« als ein sehr begehrenswerter Gegenstand erschien, und so entschlugen sich denn die Kinder im nächsten Augenblicke des Denkens und sagten beide: »Ja!«

»No, vielleicht kriegt's 'n Loisl Vetter.«

Da tauchte auch in den Kinderköpfen das Bild des großen Mannes mit den freundlichen Augen auf, der so schöne Geschichten zu erzählen wußte, der gar lieb zu ihnen war, ja mehr als die Mutter, die, wenn sie lärmten, sie gleich hinausschicken wollte, aber der Loisl Vetter behielt sie dann immer da und ließ sie nicht weg.

Als der Brief geschlossen war, ging die Wirtin, beide Kinder an der Hand führend, über den Platz nach dem Postkasten, die kleine Mirzl trug das Schreiben, und die ward emporgehoben und schob den Brief durch den Spalt.

»G'segn's Gott«, sagte die Wirtin.

Wo der Mensch aus reinem Sinne und vollem Herzen heraus etwas unternimmt, da hat er den Segen schon vorweg hinzugetan. Übers Jahr hatten sie im »Blauen Stern« den Loisl Vetter als braven Vater.

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