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Dorfgänge

Ludwig Anzengruber: Dorfgänge - Kapitel 5
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
titleDorfgänge
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Wissen macht – Herzweh

Der Philipp Moser lebte mit seiner Bäuerin recht glücklich, und er ward es nicht müde, das bei jeder schicklichen und unschicklichen Gelegenheit auszusprechen, wenn im Wirtshause oder sonstwo – denn auch mit dem Ort nahm er es nicht genau – die Rede auf die Weiber kam. Nun ist zwar unleugbar das Sprichwort: »Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über« ein Wahrwort, und es mag dem, der sich in solcher herzausschüttenden Rede ergeht, eine große Erleichterung gewähren, aber ebenso sicher ist, daß der Philipp Moser durch sein Weiblob die zufriedenen Ehemänner und verliebten Burschen, denen er wenig Neues zu sagen hatte, gewaltig langweilte, während er bei unzufriedenen Verheirateten und unanwertigen oder schlechtbehandelten Ledigen so viel Neid und Unmut erregte, daß sie ihn mit seinem Geschwätz dahin wünschten, wo der Pfeffer wächst, allerdings ohne sich darüber ganz klar zu sein, wo eigentlich dieses scharfe Gewürz gedeihe, aber sie fanden ihre stille Genugtuung in der festen Überzeugung, daß dieses recht weit vom Orte und in einer schreckhaften wilden Gegend stattfinden müsse!

Der junge Bauer begann jedesmal mit der Schilderung seiner Verwaisung. Er verlor beide Eltern in kurzer Zeit; die Mutter war dem Vater nur allzubald nachgefolgt, und zwei Jahre hauste er allein auf dem ererbten, kleinen Anwesen, immer verdrossener, und je länger, je mehr sich verlassen fühlend; den Töchtern reicher Bauern war er zu gering, unter den Kleinhäuslerdirnen fand er keine aus, die ihm zu Gesichte gestanden hätte, und von den Mägden hielt er sich fern, er hatte zu ihnen kein Zutrauen, sie mochten sich gegen ihn freundlich anstellen oder zieren. Beileibe wollte er aber damit nicht gesagt haben, er hätte irgendeiner etwas zu verübeln gehabt oder Schlechtes nachsagen können.

Eines Vormittags, wie er in seinem Weingarten, der gut über Mannshöhe an der Straße liegt, sich redlich abschwitzt, wird's unten lebendig; ein kleines, aber gar artig gestaltetes Dirndl, braunhaarig und blauäugig, mit einem Gesichtchen wie Milch und Blut, kommt in ausgelassener Lustigkeit des Wegs, hüpft und singt und spielt dazu mit einem Bündelchen Fangball, und wie er auf sie herunterschreit: »Je, Dirndl, muß's dir aber gut gehn!« da schrickt das tolle Ding nicht schlecht zusammen und läuft dem Dorf zu wie ein gescheuchter Has'.

Je, wer mag die wohl g'west sein? denkt er sich noch, unb daß sie ihm nicht vermocht' ausz'kommen, sie tät' denn beim andern End' vom Ort auch hinausrennen, was dumm wär'!

Aber sie ist im Dorf geblieben, und von ganz nah' hat er sie am selben Abend noch zu sehen gekriegt, denn wie er heimgekommen war, da stand sie drüber 'm Zaun im Nachbarhof. Je, wer war's? Nie nit gedacht hätt' er sich's; die Paulin' war's von den Hackensellnerschen, was mit 'n Patzenhäusel und ein paar Joch Grund ans Mosergütel anrainen, dieselbe, mit der er in Schulkindzeit häufig gespielt hat und die vor dritthalb Jahren, um ihren Leuten nicht weiter auf der Schüssel zu liegen, sich einen Dienst in der Stadt gesucht hat, von wo sie jetzt wieder zurückgekehrt war.

»Ja, bist du's Paulin'«, rief er hinüber, «dieselb', was ich heunt vormittag so erschreckt hab'? Na, grüß Gott, daheim!«

Sie kam heizugelaufen. »Jesses, Philipp! Du bist 's selb' grausliche Plärrmaul g'west? Grüß dich Gott auch!«

Sie reichten sich die Hände.

Bald begannen sie sich immer häufiger zu grüßen und hatten sich immer mehr zu sagen und dachten immer weniger daran, sich »Behüt Gott« zu geben, so daß die nächsten Verwandten sich schließlich veranlaßt sahen, die beiden Leutchen an einen Ort zu bringen, wo allein der Pfarrer zu reden hat, der ihnen denn auch nur eine einzige Silbe und keine darüber zu äußern gestattete.

Die junge Moserin läßt sich nur zeitweilig anderen Bäuerinnen gegenüber zu dem Eingeständnisse herbei, »daß sie selber meine, es mit dem Ihren just nit schlecht getroffen zu haben«; denn sie ist anderseits der Überzeugung, volle Zufriedenheit dürfe man sich gar nicht merken lassen, das mache die Männer stolz, und dann wäre mit ihnen kein Auskommen mehr. Dagegen ließ es der junge Bauer nicht erst aufs Befragen ankommen, er beteuerte jedem und zu öftern Malen, »wie es ihn nie keine Stund' in den anderthalb Jahren gereut hätt', die Seine genommen zu haben«, schrieb ihr jede gute Eigenschaft zu und sprach ihr alle üble ab und brachte es bald dahin, daß niemand mehr darauf hören wollte und alle es satt bekommen hatten. Die mißgünstigen Seelen sagten: »Er tät nicht nur Lippl heißen, sondern auch einer sein!« In der trauten Sprache der Dörfler ist nämlich der Ausdruck »Lippl« sowohl das Kosewort für Philipp, als auch der Übelname für einen Menschen, dessen geistigen Fähigkeiten man nicht im geringsten schmeicheln will.

Den Moser-Philipp berührte übrigens die Teilnahmlosigkeit und Abgunst seiner Hörer gar wenig; daß sie laut gähnten und mürrische Gesichter zogen, vermochte ihn nicht von der süßen Gewohnheit abzubringen, sich seines ehelichen Glückes zu berühmen, denn seine Schuld war es doch nicht, daß es keiner so gut hatte wie er und daher auch nicht mitreden konnte. Er brauchte sich's nicht nah gehen zu lassen, wenn sie alle im Orte sich gleichmütig oder trutzig anstellten, wahrend sie heimlich neideten und mißgönnten, denn wenn ihm einmal darum zu tun war, jemand zu Gefallen zu reden und selbst über das liebe Hauskreuz gute Worte zu hören, so hatte er nicht weit, nur ins benachbarte Dorf zu gehen, wo seines seligen Vaters Bruder, ein ziemlich begüterter, angesehener Bauer, wohnte; dieser Onkel hatte, volkstümlich gesprochen, an der jungen Moserin einen Narren gefressen. Ab und zu lud er die Moserschen zu sich, öfter kam er selbst auf Besuch herübergefahren, und sein in schreienden Farben lackierter Wagen mit ein paar Prachtpferden davor gab dann jedesmal den Dorfkindern Anlaß zu lärmender Bewunderung und den Erwachsenen zu lebhaftem, sachlichem Gedankenaustausch. Der alte, lebensfrohe, stets gutgelaunte Mann ließ kein Kirchweihfest und keinen Jahrmarkt vorübergehen, ohne sich mit einem Geschenke bei der jungen Bäuerin einzustellen, welche er scherzhaft seinen Schatz nannte und bei solch guter Gelegenheit auch herzhaft um einen Schmatz anging, wobei er dem Philipp bedeutete, derselbe hätte es nicht not, dabei die Augen zuzudrücken, sondern sollt' nur ein wenig nach den Schindeln auf dem Dache sehen, kein ganz' Vaterunser lang, nur bis zur Bitte: Dein Wille geschehe.

Die Moserschen Eheleute hatten alle Ursache, sich auf die Verwandtschaft und den leutseligen Umgang mit dem reichen »Vetter« etwas zugute zu tun; es gab auch keinen im Dorfe, der das nicht ebenso selbstverständlich wie verständig gefunden hätte, und man achtete den reichen Onkel einem ganz wünschenswerten Besitze gleich.

Es mußte daher auffallen, als eine geraume Weil' über der reiche Bauer nichts von sich hören und sehen ließ und die Moserschen ungeladen und unbesucht blieben. Wie gewöhnlich, wurden auch hier zunächst die Unbeteiligten und zuletzt die Betroffenen aufmerksam; erst nachdem man sich schon im Orte mit bedeutsamem Kopfschütteln die Frage zuraunte: »Was denn nur los sein müsse, daß der reiche Moser sich gar nimmer um den hiesigen umschaue«, verfielen auch der Philipp und die Pauli darauf, zu fragen: »Was wohl der Vetter haben können tät', oder was ihm etwa sein möcht'?«

»Pauli«, sagte der junge Bauer zu seinem Weibe, »das Wegbleiben und Garnirxdergleichentun vom Vetter mag mir kein bissel nit g'fallen. Ich kann mir nit gut denken, daß er uns ganz ohne Post ließ, wann ihm was zug'stoßen wär'; Gott verhüt's auch! Übrigens kann er a Nachfrag' nit in Übel aufnehmen, sie kommt uns wohl zu und nimmt sich so schicksam wie g'hörig aus; dabei gibt ein Wort leicht 's andre und mer erfahrt 'n Grund, warum er sich nach all'm vorherigen freundlichen Bezeigen mit einmal so fremd geg'n uns anstellt. Schier mein' ich, wir verdanken's Ganze einer üblen Nachred' von Neindkräg'n, wie's g'nug da im Ort gibt. Geh du also lieber gleich morgen hin, kratz ihm a wenig 's Goderl (Kinn), spiel d' Schmeichelkatz', kannst's ja so gut.«

Die Bäuerin lachte und gab dem Bauern einen jener sanften Stöße, wie sie unter Landleuten bräuchlich sind und meist einen zarten blauen Fleck hinterlassen, denn bei den schlichten einfältigen Naturkindern soll der Haß und der Widerwillen nichts vor der Liebe und der Zuneigung voraus haben, und darum nimmt man auch beiden letzteren einige Handgreiflichkeit nicht übel.

»Jesses, na, nachher eppa kannst es nit?« schrie der Bauer lustig. »Du wirst's schon herauskriegen, was 'm Vetter über d' Leber g'laufen is, und wir werd'n dann wissen, was wir – 'n wieder gutz'machen – z'tun hab'n. Nit unserthalb, Pauli; mir als zwei alleinige Leut' brauchten ihm wenig nachz'fragen, aber wann uns der Herrgott kleine War' ins Haus schickt, so kommt denen amal a solche vurnehme Verwandtschaft in vielen Stücken z'gut, der'ntweg'n schickt sich für uns kein' Bockköpfigkeit. Gelt ja?«

»Ich weiß nit«, sagte die Moserin und wand sich rasch aus dem Arme, den ihr der Mann um die Hüfte gelegt hatte.

Früh am nächsten Morgen verließ sie das Haus, um beizeiten im Nachbarort drüben zu sein, denn die Tage begannen schon heiß zu werden, und es ist so unlustig wie unnütz, sich beim bloßen Gehen hinunterzuschwitzen. Die Moserin war zwar etwas befangen, denn sie sagte sich's selbst, um nichts und wieder nichts könnt' sich der Ohm doch nicht losgesagt haben! Nach dem, wie er ihnen gut war und sie beide gern hatte, mußte es sich schon um ein rechtschaffenes Verleumden und ganz gehöriges Anschwärzen handeln. Aber eben der Gedanke an jenes Gutsein und Gernhaben ließ sie frischen Mut behalten und das beste hoffen; steht sie nur erst dem Alten gegenüber und kann ihm mit aufrichtigen Augen – bei Gott, sie wüßt' auch nit, wie ein Falsch dareinkäm' – in sein rotes Vollmondgesicht gucken.

Die Sonne schien so freundlich, und die Vögel sangen so freudig; das junge Weib strich die Locke zurück, die ihm beim nachdenklichen Gang in die Stirn gefallen war und es hinderte, munter um sich zu blicken, und sang bald so unbedacht wie die Vögel in den Tag hinein.

Erst angesichts des reichen Moserhofes schrak die arme Moserin zusammen und verstummte; wäre ihr Zeit gelassen worden, so hätte sie wohl die anfängliche Befangenheit, und vielleicht noch ein gut Teil darüber, befallen, aber gerade, als sie den einen Fuß neben den andern setzte und vor dem Hause stehen blieb, hörte sie sich beim Namen anrufen und sah auf der offenen Galerie unter dem vorspringenden Dache ein altes Mütterchen, das ihr freundlich zunickte, und dabei, wie groß sich wundernd, in die Hände schlug.

Und als die junge Bäuerin durch das breite Einfahrtstor hindurchgeschritten war, kam ihr auch schon die alte Moserin entgegen, mit der Frage: »Wohin mer denn so 'n seltsamen Besuch schreiben sollt'?« und mit der Beteuerung: »Daß sie nun wohl gleich 'n Ofen einschlagen müßt'!«

Bei diesem freundlichen Empfange seitens der alten Frau ward der jungen bedeutend leichter ums Herz. »Grüß Gott z'tausendmal, Moser-Mahm! Je, was du doch noch so viel riegelsam bist af deine Jahr'! Der Himmel behüt dich und erhalt dich noch lang in gleichem! Sag mir aber nur gleich: Wo is denn der Bauer?«

»Ei, hehe, du bist mer a feine! Grüß Gott und b'hüt Gott gibst mer in ein'm Atem und fragst stantap['e] nach mein'm Alten. I, du, schau, was willst ihm denn hinter mein'm Rucken?«

Die Moser-Paulin' zeigte lachend die blanken glänzenden Zähne. »Na, Mahm, eifern mußt nit! Ich will ihm nur nachschau'n; aber verlaß dich drauf, kein gut' Wort kriegt er von mir nit z'hör'n, das verdient er gar nit. Aber, gelt, es is ihm doch nix g'west?«

»Ka Spur! Der is frisch und g'sunt»wie a Fisch im Wasser, – wann er sein' Wein hat.«

»Schau, so was! Denk, wie wir uns sein'tweg'n schon ängstigen, weil er sich schier a halb' Ewigkeit lang mit kein'm Aug' bei uns hat blicken lassen.«

»Hab's eh' g'merkt, hab'n auch g'fragt, was das mitamalige Verfremden und Z'rucksetzen bedeuten soll?«

Die junge Bäuerin erfaßte die beiden Hände der Alten. »Und was hat er drauf g'sagt?«

»D' Achseln hat er g'schupft und ein breit' Maul gezogen, wie der Buldogg, den wir an der Ketten liegen haben, nur daß dem's von Natur so gewachsen is und wilder ausschaut, wie der Hund von Gemüt is. Nix angehn tat's mich – war d' kurz' Antwort – und 's Frag'n sollt' ich sein lassen, und Grund' hätt' er, dö wär'n aber d'selb' sein' und taugeten sonst für neamd.«

»Jesses« – die kleine Moserin faltete die Hände vor der Brust – »da muß ich mir ja erst recht schwere Gedanken drüber machen!«

»Na, sei du so dumm!« zankte die alte Moserin. »Lern du d' Monleut' voreh' g'nauer kennen. Was dö oft für Gründ' ohne Grund wissen, und wo's Gründ' g'nug gab, da finden s' nit ein'! Steig ihm nur zu, dem Alten, faß 'n nur ordentlich an beim Zwiefachl und laß nit locker; werd'n mer 'm schon d' Muck'n austreib'n!«

»Is er daheim? So ging' ich ihm gleich lieber jetzt unter d' Augen.«

»Was nit gar?« eiferte die Alte. »Du versäumst's nit. Er lauft dir nit davon. Hint' im Garten arbeit't er. Das fehlet noch, daß d' ihm merken ließ'st, wie eilig du's hätt'st und wie viel dir dran liegt! Kimm du jetzt mit mir af d' Stub'n, ruh dich a weng, nimm was zu dir, dann kannst's um so kuraschierter angehn. Na, mach keine G'schichten. Is's nit g'nug, daß du 'm Mon nachrennst, soll sich von dir a noch 's Weib 'n Schlaf austrag'n lassen, Nickel!« Sie gab der jungen Moserin einen Klaps auf die Schulter und trieb sie vor sich her.

Solange noch von dem frischgebackenen Pfannkuchen ein Stückchen auf dem Teller und ein Tropfen Wein im Glase war, mußte die junge Bäuerin auf dem Sitze und in der Stube ausharren, dann aber ward sie von der Alten an der Hand gefaßt und über den Hof nach dem Garten geführt.

Der alte Moser war eben damit beschäftigt, die Erde eines Gartenbeetes zu lockern. Er stemmte das Grabscheit vor sich an den Boden und drückte es mit dem Fuße hinein. Er sah die beiden Frauen nicht herankommen und blickte erst auf, als die alte Bäuerin ihm zurief: »Na, du Martin, schau 'mal, was sagst? Da bring' ich dir dein' Schatz!« worauf sie lachend sich umdrehte und hinwegging, die beiden allein lassend.

Der Bauer sah mit unmutsvollem, verdrießlichem Gesicht der jungen Moserin entgegen, als diese auf ihn zugeschritten kam.

»Mußt's nit für aufdringlich halten«, begann sie mit stockender Stimme, »daß ich dir nachschauen komm'! Wir waren schon in Sorg', es könnt' dir was zug'stoßen sein, freilich hab' ich's wohl da gleich erfragt und seh's jetzt auch selber, und Gott sei bedankt dafür, daß dir nix nit is, aber wir wußten uns dein lang' Wegbleiben nit z'd'erklären.«

Der Bauer blickte ihr voll ins Gesicht. »Schad', schad', schad'«, seufzte er und wandte sich kopfschüttelnd ab. Er stieß das Grabscheit, so weit es blank war, in die Erde und stützte beide Arme auf dem Stiele auf. »Dank' schön für d' Teilnahm'«, murmelte er, »und auch für d' Nachfrag'. Im übrigen hätt'st du dir 'n Weg und mir d' jetzig' Verlegenheit ersparen können. Wär' g'scheiter g'west! Es wurden dir auch anderweitig' Leut' g'sagt haben, daß mir nix fehlt, und wo einer ohne a Abhalten nit hinkommt, dort wird er halt eben fernbleiben wollen.«

Die Paulin' erhob bittend die Hände. »Warum denn nur, Vetter?«

Der Bauer fuhr sich mit den fünf Fingern der Rechten unter das Samtkäppel, das er aufhatte. »Wie's Leut' gibt, denen's von unserm Herrgott auferlegt is, daß mer ihnen nur schwer gut werd'n mag, so bist du von 'n andern eine, denenselben mer nit leicht seind sein kann; dasselb' war mein Empfinden vom ersten Anschau'n, hat sich auch nit verlor'n, seit ich dich nimmer unterm G'sicht g'habt hab' und frischt sich nur auf, wo d' mer jetzt wieder vor Augen stehst. Trotz ich nix mehr mit dir z'tun haben will, möcht' ich dir doch kein' häuslichen Unfried' stiften. Nachdem ich weiß, was ich weiß, könnt' ich nimmer so gegen dich sein wie früher, das müßt 'm Philipp auffall'n, und darum bin ich wegg'blieb'n und bleib' weg, denn wo kein Frager is, da braucht's kein' Sager!«

Der jungen Bäuerin schoß das Blut ins Gesicht, ja, die kleinen, kurzfingerigen Hände schlossen sich unwillkürlich zur Faust. Zornrot und mit blitzenden Augen fragte sie: »Und was nachher weißt denn du und willst du wissen, was Unfried' zwischen mir und mein' Philipp stiften könnt'?«

Nur für einen Augenblick zuckte ein launiges Lächeln über das Gesicht des Bauern, dann zog er wieder die Stirn in Falten und blickte seitwärts unter den buschigen Brauen. »Man sagt oft«, begann er mit grollender, verdrießlicher Stimme, »der Mensch dürft' sein' Sinnen nit alleweil trau'n; es sähet einer manchmal, was gar nit am Ort z'sehen g'west wär' und höret, wovon nie kein' Red' g'führt word'n is. Ich wär's ja in d' Haut h'nein froh, wenn ich mich derweis' sollt' geirrt haben!«

»Ja, was meinst denn eigentlich?« drängte die Moser-Paulin'.

»Kennst du die Lohmeier-Kathrein? döselbe, was zeitlebens mehr Jahr' im Strafhaus zug'bracht hat, wie heraußen in der Freiheit?«

Das junge Weib tat einen Schritt zurück, die Arme sanken ihm kraftlos herab, und jäh erbleichend starrte es mit weitaufgerissenen Augen den Alten flehend und fragend an.

»Na, ja, siehst!« fuhr der Bauer fort und streckte den rechten Arm aus und bekräftigte mit dem ausdeutenden, schwingenden Zeigefinger seine Rede. »Vor acht Wochen, kurz nachdem d' 's letztemal von uns weggangen warst, hab' ich dich dort, nit weit vom Gartenzaun, mit dem verrufenen Weibsbild stehn sehn. Nit mit Will'n, aus Zufall nur bin ich hinzukommen. War sie etwa nit zur Stell', oder bist du nit dö andere g'west?«

Die Bäuerin gab keine Antwort, einen scheuen Blick tat sie nach dem Alten, dann schlug sie die Augen nieder, unaufhaltsam liefen ihr die Tränen über die Wangen, und sie schluchzte leise.

»Na, ja, siehst«, wiederholte der Bauer, »du tust mir rechtschaffen d'erbarmen, aber verübeln kannst mer nix, und ich mag wohl sagen, ich gäb' weiß nit was darum, ließ sich G'scheh'nes ung'scheh'n machen, oder hätt' ich nit Wort für Wort g'hört, was dir die Alte in ihrer Bosheit h'neing'sagt hat.«

Da schlug die Pauli mit einem lauten Aufschrei die Hände vor das Gesicht und taumelte hinter sich an den nächsten Baum.

Der Bauer machte rasch ein paar Schritte auf sie zu und riß dabei das Grabscheit an sich, als wär' das das richtige Instrument, jemand, dem schwach wird, beizuspringen, als er aber die alte Moserin herzulaufen sah, blieb er stehen.

»Jesses, aber na«, schrie die Alle, »was tust ihr denn? Was habt's denn miteinander?«

»Ich hab' ihr weder was getan, noch will ich's!« sagte der Moser. »Weiberzufäll' und Anständ', halt! Führ s' mit dir. Laß s' zu ihr kommen und dann heimfahr'n. Der Sepp soll einspannen.«

Die Bäuerin, die sich mit dem jungen, zitternden und schluchzenden Weibe zu schaffen machte, gab dem Allen einen freundlichen Blick und sagte leise: »Seids doch wieder gut?«

Der schüttelte unwillig den Kopf, warf den Spaten über die Schulter und schritt hinweg.

Eine Viertelstunde später ging die Moser-Pauli aus dem Hause fort, nachdem sie auch die Freundschaft der Moser-Mahm verspielt hatte, der sie auf alles eindringliche Befragen keine Auskunft über den Grund des Zerwürfnisses mit dem Bauern geben wollte, so daß die erboste Alte, nachdem die Pauli den zur Heimfahrt gerüsteten Wagen ausschlug, ihr denselben nicht weiter aufdrängte und sie den Weg zu Fuß machen ließ.

Langsam und mit gesenktem Kopfe schritt sie auf der Straße dahin; manchmal blieb sie stehen, und es schüttelte sie, als ob sie vom Fieber befallen würde, darauf schlich sie wieder zaghaft weiter, als trachte sie gar nicht heimzu.

Als sie endlich nach Haufe kam, empfing sie Philipp mit den Worten: »Je, Pauli, wie siehst du aus? Na, grüß dich Gott. Hast 'n Vetter getroff'n?«

«Ja.«

»Was sagt er?«

»Nix.«

»Du wirst ihn aber doch befragt haben?«

»Wohl.«

»Na – und?«

Die Pauli zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf.

»Kreuzdividomini«, erboste sich der Bauer. »So red doch, Pauli! Gesagt wird er doch was haben? Und wissen will ich doch, wie wir dran sind! Wer tragt denn Schuld an der ganzen dummen G'schicht'? Bon uns zwei'n doch g'wiß keins?«

«Ich.«

»Du? Na, da schlag aber 's Wetter drein! Wieso denn?«

»Er sagt's.«

»Ja, was sagt er? Was kann er denn sag'n – ins drei Teufels Namen?«

Da wehrte das Weib mit beiden Händen ab. es sah gleich hilflos, wie trotzig aus. »Um Gottes willen, laß mich jetzt mit Ruh'! Frag nit! Ich kann dir das nit sagen!«

»Du kannst mir das nit sag'n?« wiederholte mit einem verwunderten Blick der junge Moser. »Ja, warum – na, das is doch merkwürdig. Ha, werd' ich 'n halt nächstens selber befragen gehn.«

»Das kannst ja tun«, sagte die Bäuerin mit zitternder Stimme und starrte dabei vor sich auf den Boden.

Am nächsten Morgen fragte der junge Bauer sein Weib: »Na, Pauli, bist heut in der Laun', mir z'sag'n, was eigentlich mit 'm Vetter deinetweg'n los is?« Die Pauli schüttelte den Kopf: »Wann d' mich lieb hast, Philipp, fragst du nie und nimmer danach!«

Da sah er sie mit großen mißtrauischen Augen an. Es verstrichen noch etliche Tage, während welcher die junge Bäuerin ihrem Manne scheu aus dem Wege ging und der junge Bauer mürrisch und verdrossen im Hause herumschlich, dann hielt es der letztere nimmer länger aus und machte sich auf den Weg zum reichen Vetter.

Er ward zu ihm auf die Stube gewiesen und traf ihn dort allein.

»Je, du bist's, Moser-Philipp?« sagte der Alle und machte dazu ein Gesicht, das deutlich genug zeigte, wie wenig ihn der Besuch erfreue.

»Ja, ich bin's«, antwortete Philipp, »und wann ich so keck bin und dich aufsuch', obwohl wir stark bei dir in Ungnad' stehn, so kannst dir wohl denken, daß 's ein' triftigen Grund hat, und mußt mer drum um so weniger bös sein, als du ja selber mein'm Weib g'sagt hast, daß nit ich, sondern sie an dein'm Fernbleiben schuld wär'.«

»Das hat sie g'sagt?« fragte der alte Bauer verwundert.

»Das war all's«, erwiderte der junge, »was aus ihr h'raus- z'bringen war, wie s' neulich von da heimkommen is. Möglich, daß ihr das schon z'viel g'sagt war – das kann ich eben noch nit wissen – und es mocht' sie nachträglich g'reut hab'n, denn weiter will sie drüber nix mehr verlauten lassen. Aber eben, um zu erfahren, was's damit für a Bewandtnis hat, bin ich h'rüber, denn ich denk', du wirst wohl nit anstehn, es mir z'sagen.«

»Da denkst du grundfalsch. War's nur a Launigkeit von mir, könnten wir uns drum herumstreiten, ob es billig und vernünflig sein tat: hätt' mir dein Weib in ein'm Stuck was zuwider g'tan, ließ sich's auch Red' haben: selbst wenn sich's um a Hinterg'brachts handeln tät', von einer Seiten, worauf was z'geb'n wär', möcht' ich sag'n: Schau, Philipp, leg'n mer sich d' Sach' z'recht und gehn wir ihr af 'n Grund. Das alles is aber nit der Fall, was mich fern halt't, is mer nit anvertraut word'n, und folglich darf ich's auch nit weitersagen.«

»Vetter, um Gottes willen, sag das nit! Was mein Weib angeht, das geht mich selber wohl zuallernächst an, es mag sein, was es auch will! Du kannst dir von der Bangigkeit und der Unruh', unter dö ich die Tag' her leid', kein Vorstellen machen! Ich muß's wissen, wissen muß ich's, sonst gibt mer mein Seel' kein Ruh' mehr, und ich kann mit mein'm Weib nit weiter froh und zufrieden hausen wie bisher! Vetter, mach mich nit unglücklich!«

»Philipperl, sei g'scheit! Glaub du mir altem Mon, es is just zu dein'm Glück, wann ich 's Maul halt! Schau, a Beichtvater sagt ja a nit 'n Monleulen d' Weibsünden und umgekehrt, und manch Paarl, wo eln'm oder 'm andern 's Wissen viel Kopfweh machet, lebt vergnügt sein' Tag' weiter.«

»A Beichtvater laßt sich aber auch nix vor 'n Leuten merken, er geht sein' Beichtkindern nicht aus 'm Weg, so daß mer von kein'm weiß, daß's überhaupt was z'wissen gab!«

»Traurig g'nug«, sagte tiefaufseufzend der Alte, »wie recht du hast, daß ich zu kein' Beichtvater taug'!« Er trat an den jungen Bauern heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Aber, Philipperl, nochmal, sei g'scheit, verlang nit danach, daß mer d'r sagt, was dir z'wissen nit taugt, und laß dir dran g'nügen, daß ich's nit sagen mag, weil du mir dazu z'lieb bist und sie mir's war.«

Der junge Moser schüttelte die Hand des Alten von seiner Schulter ab und trat einen Schritt zurück. »Das ist wällisch' G'red' und das müß'st du mir erst ausdeutschen. Bin ich dir noch lieb, während sie dir's nur g'west war, so bin ich dir jed'nfalls der Liebere. No, bezeig das aber auch geg'n mich! Hat dich das, was du von der Pauli weißt, b'wogen, daß du von ihr nix mehr wissen willst, wieviel weniger darfst du dann mich, der ich ihr zur Seit' leben soll, an ihr betrogen sein lassen!«

Ver alte Moser schüttelte unwillig den Kopf und sagte trocken, wie einer, der einem Gespräch ein Ende gemacht wissen will: »Du hast g'hört, ich will drüber nix reden, da bringst in gutem und Übeln nix h'raus, also is g'nug g'red't.«

Da trat der junge Bauer noch einen Schritt zurück und maß den Sprecher vom Kopf bis zu Fuß mit spöttischen Blicken. »So«, sagte er, »na ja, da muß mer sich freilich ganz b'sundere Gedanken machen! Ich bin dir also der Liebere, wann d' mich bei der Tür draußt weißt, und sie war dir so lieb, daß du jetzt noch zu ihr halt'st, weil d' wohl früher zu ihr g'halten hast, bis d' ihrer überdrüssig word'n bist? Das ließ sich freilich nit leicht ein'm andern sag'n, ihr'm eigenen Mon schon gar nit! Aber von dir erzählt mer ja, daß d' in dein' Bub njahr'n 'n jungen Bäuerinnen nit feind g'west wärst, und jung g'wohnt, alt g'tan – –«

»Hansnarr! Du bist wohl überhirnt?« schrie der alle Bauer.

»So g'scheit bin ich immer noch wie du!« schrie der junge. »Und ich rat' dir gut, gib du der Wahrheit die Ehr', sonst...«

Er ging mit geballten Fäusten auf den Alten los, der aber griff nach einem Stuhl und sagte mit vor Mut bebender Stimme: »Trau du dich nit heran! Kerl, wann auch a heller Unsinn is, daß du mir als altem Krauterer noch ein' sündig'n Mutwillen aus 'n Bub'njahr'n zumut'st, so kannst dich verlassen, daß ich aus denenselben noch das eine Stückl nit verlernt hab': Ein' af 'n Fleck niederz'schlagen, daß der Bader ihn voreh' z'sammenflicken muß, eh' 'r fortz'schaffen is!« Er stieß den Stuhl gegen die Diele und schöpfte eine Weile über keuchend Atem, dann begann er, noch vor Anstrengung stammelnd: »Aber bieten lass' i mir das nit von dir! Kein'm z'lieb, nit dir, noch ein'm andern! Möcht' wissen! Wann's dich gar so neugiert, z'erfahren, was wer dir zu dein' Besten vorenthalten wollt, so kannst's ja wissen und sollst's erfahren, aber ganz kurz, zun Erzählen bin ich nit aufg'legt. Vor acht Wochen, wie dein Weib von uns weggangen war, bin ich zufällig h'naus in 'n Garten kommen und hab' sie dort, unweit 'm Zaun, mit der Lohmeier-Kathrein stehn g'sehn...«

Philipp reckte den Hals hoch und fragte erstaunt: »Mit der Herumstromerin?«

»Und Diebin, ja, mit der nämlichen«, sagte der Alte, »und das verrufene Weib hat mit ihr ganz vertraut g'tan und auch die Red' drauf gebracht, daß sie vor anderthalb Jahren auf derselben Straßen aneinander vorübergangen wären; die Pauli, springend und jauchzend – 's war wohl 'n gleichen Tag, wovon d' mer oft erzählt hast, daß sie's dir angetan hätt' – und die Lohmeier-Kathrein von einem Schandar eschkortiert. Die eine is nach einer kurzen Freiheit von acht Tag'n wieder weg'n Diebstahl dorthin eing'liefert word'n, wo die andere herkommen und aus kein' andern Anlaß g'sessen is, kurz, sie hab'n sich auf 'm Weg nach 'm und aus 'm Strafhaus g'troffen. So. Jetzt weißt's!«

»Jesus, Maria und Joseph!« schrie der junge Bauer auf und rang die Hände ineinander.

»Ja, hitzt schrei du«, sagte ingrimmig der alle Moser, »nachdem d' ein'm voreh' um all's ruhige B'sinnen bringst, daß mer seiner Vernunft nimmer Herr bleibt und dir 'n Willen tut, obwohl mer weiß, was für a Dummheit mer damit angibt. Die Kathrein hat dein'm Weib versprochen, nix weiter z'sagen, und ich wollt' doch der alten Gaunerin nit nachstehn. Aber nein, da mußt's h'raus! Na und hitzt is dir leichter, gelt?«

»Ich muß heim, gleich muß ich heim!« stieß der junge Mann mühsam unter verhaltenen Tränen heraus, »ich will s' selber ins G'sicht h'nein fragen....«

»Halt du!« sagte der alte Bauer, ihn kräftig an den Schultern anfassend und von der Tür hinwegziehend, »du wirst hitzt so gut sein und warten, bis der Wagen ang'spannt is, ich fahr' mit dir h'nüber, und ös werd't's eng in mein'm Beisein ausreden. Ich hab' völlig an der ein' Dummheit g'nug und will jed' weitere verhüten.«

Er rief nach dem Hofe hinab, daß man den Wagen bereit machen solle, dann stand er am Fenster und sah dem Veranstalten zu, behielt aber den jungen Bauern im Auge, der auf einen Stuhl gesunken war und nun ein über das andere Mal den Kopf schüttelte und die Hände ineinander schlug und dazu unter tief aus der Brust heraufgeholten Seufzern stöhnte: »Na! – Na! Oh, du mein Gott! – Wer hätt' denn dös glaubt? – Wer ihr dös ang'sehn hätt'? Mei' Herr und Heiland!«

Nicht anders gebärdete er sich während der Heimfahrt die größere Strecke Weges über; erst nahe dem Dorfe begann er halblaut Verwünschungen zu murmeln und drohte oftmals mit geballten Fäusten nach der Richtung, wo er sein Haus wußte.

Als die beiden Männer in die Stube traten, saß die Bäuerin am offenen Fenster, das nach dem Hofe hinaussah. Sie wußte nach dem ersten Blick in das finstere, verlegen abgewendete Gesicht des Alten und das verzerrte und entstellte ihres Mannes, woran sie war. Sie erhob sich zitternd, die Arme gegen das Fensterbrett aufstemmend.

»Diebin, du Diebin! Bist du vielleicht keine?« schrie sie Philipp an und wollte mit geballten Fäusten auf sie zustürzen, aber der alte Mann hinter ihm war auf der Hut und riß ihn beim Rockkragen zurück.

»Bist du etwa nit im Strafhaus g'sessen?« zeterte der Bewältigte.

Der Bäuerin fielen die Arme, die sie erst wie bittend erhoben hatte, matt herab, sie streckte den Kopf vor und starrte ihren Mann einen Augenblick lang mit verglasten Augen an, dann schrie sie plötzlich mit ganz seltsam gellender Stimme: »B'hüt dich Gott, Philipp«, und war mit einem wilden Sprunge zum Fenster hinaus. Man sah sie über den Hof dem Garten zulaufen.

Der alte Moser gab Philipp frei, indem er ihn zugleich nach dem Fenster stieß. »Nach! nach!« schrie er, »hol s' ein! hol s' ein!«

»Laß s' laufen«, sagte Philipp.

»Dummer Kerl«, eiferte der Alte, »hält' ich nur a weng von meiner eh'maligen Flinken, so wär' ich schon hinter ihr her. Das G'schau, das G'schau, was das Weib g'habt hat! So schaut nur eins, was mehr kein' Furcht vor Gott und kein' Lieb' zum Leben kennt. Die tut sich heilig was an!«

»Diebische Leut' sein feig«, sagte der Philipp.

Bis die Nacht hereinbrach, hielt der alte Mann bei dem jungen Bauern aus, dann dachte er aber an die Heimkehr, um seinen Leuten keine Sorge zu machen, und bestieg seinen Wagen.

»Mir is nit bang, gar nit«, sprach der junge Moser zum Kutschbocke des Alten hinauf, »wenn auch heut nimmer, so kommt s' doch sicher morgen. Sie bleibt mer nit aus.«

»Ich will's hoffen«, sprach der alte Moser vom Kutschbocke zu dem jungen herab, »aber ich muß dir nur frei g'stehn, mir is bei derer G'schicht nit ganz g'heuer, und wenn's übel ausgeht, so sag' ich dir nur gleich, dann laß dich nimmer mit kein'm Aug' vor mir blicken. Bin ich da ganz unschuldig an was mitschuldig word'n, is's ledig dein Schuld, und ich will dann niemal nit, daß ich durch dein Anschau'n dran g'mahnt wurd'!«


Der Moser-Philipp durfte sich auch von dem Tag an nimmer bei seines Vaters Bruder sehen lassen.

Wenige Stunden nach der Heimfahrt des Alten waren verstrichen, da kam die Moser-Pauli wieder ins Haus zurück, aber sie wußte nicht darum, auch nicht um die Mühe, welche sie den Leuten verursachte, die sie an dem Wehr weit ober der Mühle herausfischten, heimschafften und in die Stube trugen. Sie war nicht feig gewesen, sie war aber auch keine Diebin, obgleich sie im Strafhaus gesessen, das schrie die Lohmeier-Kathrein sofort aus und brachte es unter die Leute, um der »Totgangenen« und der Wahrheit die Ehr' zu geben.

Und als der alte Moser davon erfuhr, da bewölkte sich seine Stirn, und er seufzte tief: »Oh, du mein Herrgott, wann ich damal statt ihr an Kopf z'werfen, was ich z'wissen glaubt hab', voreh' die alt' Stromerin zwing', daß s' mir Wort gibt und Red' steht, so wär's anders kämma! Aber freilich, all's weiß nur unser Herr im Himmel, vor dem sich all' Sünden und Guttaten af Erden gegeneinand' aufheben, und der drum auch ewig g'rechtsam bleiben kann geg'n Sünder wie geg'n G'rechte. Der Mensch darf sein' Sinnen halt wohl nit trau'n und soll früher eh' nach hundert Enden g'nau zuschau'n und danach hinhör'n, eh' er sich z'sagen g'traut: ich weiß! Oh, du mei' arme Pauli, du! Gott schenk dir d' ewig Ruh!« Und in seiner Erinnerung stieg das Bild des kleinen Weibchens auf, wie er es zum letzten vor sich gesehen, als es ihn einmal, ein einziges Mal noch, trotz seiner Gestrenge, flüchtig lächeln machte – das zierlich packschierliche Ding, zornrot, mit blitzenden Augen und die kurzfingerigen Hände geballt... Dem Alten mochte wohl etwas in die Augen gefallen sein, denn er fingerte an den Lidern herum. »Is mer doch, als hätt'st mer a ganz Mandel Sonnenstrahl'n mit fort aus der Welt g'nommen!«

Und wenige Tage nach dem Begräbnisse der Pauli kniete der Moser-Philipp schluchzend an dem Grabe und ging darauf zum Friedhoftore hinaus, ein für Lebzeit trübsinniger Mann. Er verkaufte bald darauf das Anwesen und zog ein Dörfel weiter, um nicht immer Ort und Stell' vor Augen zu haben, wo er das glücklichste Jahr und die unheilvollste Stunde durchlebte.

Die Geschichte aber, welche die Lohmeier-Kathrein von Ort zu Ort und von Haus zu Haus getragen hatte, war erfreulicherweise keine von den alltäglichen, sie gehörte jedoch leider auch nicht zu den ganz seltenen. Der Gnädigen, bei welcher die Pauli in der Stadt durch längere Zeit diente, war plötzlich ein wertvolles Schmuckstück abhanden gekommen, und in solchen Fällen ist es eine allgemeine, wenn auch nicht hübsche Gewöhnung, vorerst die Dienstboten zu verdächtigen und es der Polizei zu überlassen, mit den Leugnenden kurzen oder langen Prozeß zu machen. Der Pauli ihre Angelegenheil ward einem jener jüngeren Beamten zugewiesen, deren Eifer sich Personen niederen Standes gegenüber, je hilfloser und bedrückter sich solche zeigen, häufig bis zur Derbheit und Einschüchterung versteigt. Es ward ihm ganz leicht, mit dem völlig ratlosen und unerfahrenen Mädchen eine »interessante Amtshandlung« durchzuführen, nach welcher die Inkulpatin an das Landesgericht abgeliefert und dort – alle Umstände waren ihr widrig – wegen Diebstahls abgeurteilt wurde. Sie saß schon einige Zeit in der Strafanstalt, da fand die Gnädige in der Stadt, als sie sich anschickte, den ersten Ball im Jahre zu besuchen, den verloren gegebenen Schmuckgegenstand an der Stelle wieder, an der sie ihn im vorigen Fasching verlegt hatte. Die Unschuld der Pauli war damit bewiesen, ihre Freilassung wurde aber durch den Umstand verzögert, daß die Gnädige willens war, sich gar nicht zu rühren, da es sie doch ganz entsetzlich »genieren« und »chagrinieren« müsse, vor dem Herrn Polizeikommissär sich als so vergeßliche und unachtsame Person bloßzustellen, auch lohnte sich gar nicht mehr die Mühe, »denn das dumme Ding, das sie in diese Verlegenheit brachte, hätte ja schon den größten Teil der Strafe abgesessen und ginge ohnehin nächstens frei«. Nur der Mann dieser ebenso Kopf- wie herzlosen Dame dachte anders, und sie mußte sich zu dem schweren Gange entschließen, dessen Erfolg die sofortige Enthaftung der Pauli war, ein Akt, der allerdings ohne Sang und Klang erfolgte, aber die Dirne sang und sprang selbst auf dem Wege nach dem Heimatsort, der ihr nach den schlimmen Erfahrungen, die sie in der Stadt gemacht, nun als der beste Fleck auf der ganzen, lieben, weiten Welt erschien.

Daß sie aber trotz des Bewußtseins ihrer Unschuld in den Tod gegangen war, das begriff der alte Moser so gut wie der arme Philipp, das begriffen sie alle, die draußen im flachen Lande davon hörten; die Pauli hatte für ihre Unschuld kein Zeugnis in den Händen, es wußten gar wenige darum, und es blieb denen unverwehrt, die nicht davon wußten, an selbe zu glauben oder nicht, dagegen blieb ihr die Schmach, im Strafhause gesessen zu haben, voll anhaften, die hatte ihr niemand abgenommen, man hatte sie nicht nur Unrecht leiden, sondern auch Schande ertragen lassen, auf diese offene Wunde ward kein Pflaster gelegt, und das Bewußtsein der Unschuld machte sie nicht heil, es konnte nur darüber hinweghelfen, solange niemand daran rührte, ward der Schaden offenkundig, dann war es aus. Es war's auch!

Es brauchten nicht Kanonen zu donnern, noch Glocken zu läuten, wenn ein unschuldig Verurteilter die Mauern des Gefängnisses verläßt und, ehrlich wie er war, zu den ehrlichen Leuten zurückkehrt, aber die Schreiber im Gefängnisbüro und am Gerichtshofe könnte man doch niedersitzen heißen und flink ein Schriftstück schreiben lassen, das durch alle Zeitungen laufen müßte, das an dem Orte, wo der Unschuldige geboren, wo er verkehrt, an der Kirchtüre, an den Straßenecken anzukleben wäre, und die Herren Richter und Anwälte könnten sich versammeln, und so feierlich, wie sie zur Verurteilung geschritten waren, nun auch an die Ehrlichsprechung gehen. Nicht? O doch. Auch das ist nur mehr eine Frage der Zeit, wenn ihr nicht wollen solltet, ihr Herren! Aber wenn ihr wolltet, so könntet ihr noch viele eure Wohltat erleben sehen und eure Gerechtigkeit loben hören!

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