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Dorfgänge

Ludwig Anzengruber: Dorfgänge - Kapitel 4
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
titleDorfgänge
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Gott verloren!

(Zwei Geschichten in einer)

Im Pfarrhofgarten nickte der Goldregen über den Fliedersträuchen, die auch in voller Blütenpracht standen, und der Morgenwind wehte den fast berauschenden Duft der blaßvioletten, schneeweißen und rot angehauchten, traubenförmigen Büschel zu dem offenstehenden Fenster im Stockwerke hinein; dort schmetterte ein Kanarienvogel im Bauer, was er aus seiner kleinen Kehle bringen konnte.

Der Pfarrer, der am Frühstückstische saß, schwenkte ein Tuch gegen den Lärmer. »Pscht, Hansl! Sein eigen' Wort versteht mer nit.« Dann wandte der ältliche, behäbige Herr das runde, rote Gesicht mit den immer lachenden Augen und dem meistens lächelnden Munde gegen den jungen Geistlichen, der ihm gegenübersaß und eine Zigarre dampfte. »Wie Sie da ein so gottverbotenes Kraut rauchen mögen?« – er schnüffelte nach der hereinwehenden Luft – »wo's doch was Besseres z'riechen gibt!«

»Ach Gott«, sagte der überschlanke junge Kleriker, »es ist ein Laster, ich weiß es, und wenn Sie es etwa in Ihrer Stube nicht dulden wollen, so bitte, mir es nur freimütig zu sagen.«

Der Pfarrer machte eine abwehrende Bewegung. »Bewahr, so verzärtelt bin ich nit; unsere Bauern rauchen ein Blatt, da ist das Ihre Havanna dagegen. Aber wider mein Holler kommt nix auf, der is mir 's liebste G'rüchel.«

«Ja, er riecht wunderbar –.« Der Magere machte den Versuch, mit seiner ziemlich ausgiebig geratenen Nase auch einen der duftigen Luftströme aufzufangen, er schüttelte aber gleich darauf den Kopf und senkte ihn entmutigt. »Ich muß nur gestehen, daß ich so aus der Entfernung nur eine Ahnung davon habe; ich muß die Nase unmittelbar daran halten, um einen Genuß zu haben.«

»Das is schad', da hab'n Sie ein' Sinn weniger wie ein anderer Mensch. Nun, 's mag wohl manchmal auch sein Gutes hab'n, so bleibt Ihnen doch gleicherweis' mancher G'stank erspart.«

»Leider nein. Den riech' ich. Der dringt durch.«

»Dann bedaure ich Sie, Herr Kaplan. Nur versteh' ich nit, wie Ihnen die Zigarre da schmecken kann. Wenn in der Kuchel d' Milli überlauft, stinkt's im Haus auch nit viel anders.«

Der Kaplan hob den Glimmstengel nahe vor sein Auge und betrachtete ihn aufmerksam, dann sagte er leise: »Wissen, Herr Pfarrer, andere trägt mir's halt nit.«

»No ja, mein lieber Meißeder«, sagte der alte Herr gutmütig, über den Tisch langend und mit seiner fleischigen Rechten die dürre, knöcherne, langfingerige seines Gegenüber drückend. »Verzeihen S', daran hab' ich nit gedacht. Wohl bekomm's Ihnen – und apropos, weil wir vom Wohlbekommen reden, wie hat Ihnen denn Ihr gestriger erster Spaziergang in unserem Sprengel ang'schlagen? Ich denk', nit schlecht. Sie müssen ansprechende G'sellschaft g'funden haben, denn Sie sind erst spät heimkommen und haben die Stieg'n h'rauf noch mit sich selber g'red't.«

Der junge Mann errötete. »Ich hab' Sie doch nicht im Schlafe gestört?« Er schwenkte die Arme ln unbeholfener Verlegenheit.

»Gott bewahr. Aufg'weckt hätt's mich nit, wenn ich nit grad wach g'west wär'.«

»Ich kann versichern, ich habe mich mehr Aufhorchens halber unter die Leute gesetzt und nur ein Glas....«

»Aber Kaplanerl, wo denken S' hin, ich werd' doch nit –? Nein, dazu sind Sie zu gut empfohlen und sehen auch gar nicht danach aus, daß Sie sich, kaum zwei Tag' am Ort, übernehmen und was vergeben möchten.«

»Ich danke, Herr Pfarrer. Es traf sich eben, daß ich mit Bürgermeister, Förster und Lehrer ins Gespräch geraten, länger sitzen blieb, und dann gaben mir die Herren eine Strecke her das Geleit und ich danach ihnen eine Strecke hinwieder, und so mag es ja ziemlich spät geworden sein.«

»'s muß da ein' scharfen Dischkurs g'setzt haben!«

»Ja, allerdings, er hat mir g'nug zu denken gegeben, und davon hab' ich manches, dann allein auf der Treppe, laut werden lassen.«

»Da wär' ich doch neugierig. Von was war denn d' Red', wenn man's wissen darf?«

Dem Kaplan schoß plötzlich alles Blut ins Gesicht; er fuhr mit beiden Händen nach den Schläfen und kraute sich mit allen zehn Fingern in den Haaren. »Verzeihen Sie – aber ich hörte da Dinge – welche ich nicht weitersagen soll...«

Der Pfarrer lachte laut auf, dann erhob er sich, stemmte beide Arme auf den Tisch und neigte sich vornüber. »Beruhigen Sie sich, lieber Meißeder, Sie hab'n gar nit not, an Ihren Gesellschaftern von gestern abend Verrat zu üben; was Ihnen die gesagt haben können, das Sie – und mit Recht – aus 'm Häusel gebracht hat, das weiß ich.« Der alte Herr zog die Mundwinkel herab und runzelte die Brauen, während er eine Weile stumm nach der Tischplatte niedersah, dann hob er plötzlich den Blick. »Vom Holzknecht Valentin war die Red'.«

Der Kaplan nickte. »Und von der Lotteriesepherl.«

Der Pfarrer schlug in den Tisch. »Von derer verdangelten Narrin?!« schrie er. »Das kennzeichnet wieder meine Leut', daß s' d' Lotteriesepherl und 'n Holzknecht Valentin in ein'm Atem nennen mögen. B'halten S' Platz«, fuhr er gegen den Kaplan fort, der sich ebenfalls vom Sitze erhoben hatte, »b'halten S' Platz, die Sach' ist wichtig, insofern wichtig, als Klarheit hineingebracht werden muß, soll zwischen uns von vornherein jed's Mißverstehen ausg'schlossen bleiben. Sie, mein junger Freund, hab'n natürlich dem Ihnen so freundlich entgegenkommenden Kleeblatt hoch und heilig versprechen müssen, von allem, was g'red't word'n is, geg'n mich nichts verlauten zu lassen? Nit, Meißeder, rucken S' nit 'n Kopf – 's Kopfbeuleln wär' in dem Fall a Lug' – ich kenn' ja meine Leut'; setzen S' die Höflich- und Artigkeit nur beiseit', selbe is doch kein' Versündigung wert; Sie mußten Ihr Wort geben, keins gegen mich verlauten zu lassen, und Ihr Versprechen müssen Sie halten. Punktum! Im übrigen wüßten Sie mir ja gar nix zu sagen, was ich nit schon wüßt', während sich's mit mir, Ihnen gegenüber, anders verhalten dürft'. Sie brauchen also nit z'reden, sondern nur z'hören. Sie werden im Verlauf keine Ursach' finden, mich zu unterbrechen, denn daß nix geredet worden ist, was mir eine andere, 'ne bessere Meinung von dö drei Leuteln beibrächt', das schließt schon das Verbot des Weitersagens aus,- es is also gestern, wie allemal, der gleiche, nämliche Tratsch und Wasch g'west, dem hint'nach die drei Pfingstesel heut noch das nämliche röhren, wie vor Jahren: daß ich z'gut wär'. Jeder in seiner Weis: der mindeste, der Lehrer, heißt mich nachsichtig, der Bürgermeister nimmt sich schon mehr h'raus, der nennt mich nachgiebig, und der Förster, der ehemalige Soldat, dem bei 'n Menschen wie bei 'n Hunden d' Dressur über alles geht, verklagt mich als nachlässig.«

Der Kaplan konnte ein leichtes Schmunzeln nicht bemeistern.

»Oh«, sagte der Pfarrer, ihn mit lustigen Augen anblickend, »lehren Sie mich das Terzett kennen! Ich wollt', ich hätt' sonntags fürs Hochamt auf 'm Kirchenchor ein solch's, das so gut zusammenstimmet. Daß mir aber die drei Löllappen und noch andere die Lotterieschwester und den armen Teufel von Holzknecht in ein' Topf werfen und mein Verhalten geg'n die zwei aus ein'm G'sichtspunkt kritisier'n wollen, das wurmt mich! Die Sepherl is ein blöd's Weibsbild, die eines Unsinns weg'n trutzt und geg'n 'n Herrgott aufbegehrt, der Valentin aber is einer schweren Prüfung erlegen, hat Gott verloren und 'n seither mit 'm besten Willen nimmer finden können. Daß ich bei der einen gleichsam unsers Herrgotts Advokaten mach', als wär' der im Unrecht und ihm an der Kurdel was g'legen, das war' doch unschicklich, und der Tag bleibt nit aus, wo die Alte wieder z'Kreuz g'krochen kommt, und wenn 'm andern der Herr mit Gnad' und Eingebung schickt, so kann ich nix richten.

Nun, und weil ich in dem ein'n Fall so sicher bin, wie im andern unsicher, und dort d' Zeit abpassen will und da abpassen muß, so reden d' Ganzg'scheiten vom ›Z'gutsein‹ und langmütigem Zuwarten.«

»Hm, vielleicht könnte man doch –«, warf der Kaplan schüchtern ein, »die beiden Leute, um das Ärgernis in der Gemeinde zu beheben, zum Kirchenbesuche verhalten?«

»Soll s' etwa der G'meind'wachter in die Kirche eskortier'n?« brauste der Pfarrer auf. »Lieber gleich Juden und Heiden auch, wenn mer schon z'samm'treiben wollen, wem 's Christentum eingeht wie 'm kranken Roß d' Medizin! Rennen eh' g'nug Heuchler h'rum, soll mer noch welche dazu züchten? Wo denken S' denn hin, Meißeder? 's mögen g'nug sonntags in der Kirche h'rumlümmeln, die lieber im Wirtshaus säßen, doch ich kann nit jedem ins Herz schau'n; könnt' ich's und läset' bei ein'm drein die wunderlichen Heiligen: Goldener Hirsch, Roter Adler und Brauner Bär, so jaget ich 'n zum Tempel h'naus; daß ich mir aber welche ins Gotteshaus lad' für d' heilig' Handlung ohne Sinn und mein' Predigt leer' Wort wär', das vertragt sich weder mit meiner Amtswürde noch mit der Ehrfurcht vor dem, dem ich nach schwachen Kräften, aber immer ehrlich dien'. Daß wir uns nur auch ganz verstehen, mein lieber Meißeder, man wird Ihnen was von der Wahrung der Autorität vorgeplauscht haben, nun, um die wär' es da wohl arg bestellt und sie artet' in wahre Hochfahrt aus, wenn wir mehr richten wollten, als unser himmlischer Oberer selbst, und machten, daß einer nit 'n Herrgotten z'lieb zur Kirche lauft, sondern weil er Verdruß mit 'm Pfaffen fürcht't, das war' just so, wie oft mit 'n Kindern, die mir d' Hand küssen und sich dabei am geistlich'n G'wand, dem die Ehr' gelten soll, die Nase putzen: darum verlang' ich auch von d' Bäuerinnen, daß sie s' früher schneuzen.«

Der Kaplan kniff die Augen zusammen und bleckte die Zähne.

»Gelten S', da lachen S'? Bleiben wir also beim G'spaß, denn abg'sehn von den dummen, wüsten Schimpfereien der Alten, find' ich hinter der Affäre mit der Lotteriesepherl nix anderes: wie g'sagtt, mir is nit bang, daß die nit schleunig umsattelt, würf' s' mal ein Siechtum auf 'n Strohsack, oder käm' gar der Knochenhans. Nun hör'n S' nur auch, woher sich ihr Kirchenfeindtum schreibt. Die damische Kurdel wohnt drauß' vom Ort in der letzten Hütten, wenn man vier verbröckelten Mauern und ein'm löcherigen Dach drüber die Ehr' antun will, sie noch so z'benamen. Natürlich von Reparatur konnt' kein' Red' sein, denn der Botgänger mußt' alle Wochen die übrig'n Kreuzer die acht Stund' weit in d' nächste Lottokollektur trag'n. Fleißig war s' im Tagwerken, man hat s gern g'nommen, immer konnt' mer s', wenn schon nit für zwei, doch gut für anderthalb zähl'n; ein' oder 'n andern Groschen hätt' s wohl mög'n auf d' Seit' leg'n, aber ein' vernünftig' Sparsamkeit hat's für die nit geb'n seit f' vom Fünfnummerteufel b'sessen war, und das war, leider Gott's, fruh g'nug. Vorerst war ein' Liebschaft dran schuld, 's Geld hat g'fehlt zum Hochzeitmachen, 's blinde Glück hädt' soll'n aushelfen; der Terno, worauf s' g'hofft hat, wollt in Ewigkeit nit kommen, drüber hat der präsumtive Bräutigam d' Zeitlichkeit g'segnet, und so weit hätt' ein'm d' Sepherl wohl d'erbarmen können wie d' vielen anderen überständig'n Weibsleut', die sich einschichtig fortbringen und froh sein müssen, mit harter Müh' und Arbeit so viel auf d' Hand z'krieg'n, daß s' von der in 'n Mund leben können, aber die alte Dirn' is einmal mit Leib und Seel Lott'rieschwester g'west und drüber ein alt's Weib word'n, ihr' Hand hat 'm Maul abg'spart, was sie für ihr' Passion geopfert hat. Natürlich war's mit 'n erhofften G'winnsten nix, all halbe Ewigkeit 'mal ein Amberl, den d' Kollektur durch d' Einsatz' zehnmal schon h'rin g'habt hat; die Marter anz'schau'n, die sich die Alte mit ihrer Splelwut auferlegt hat, war schon weniger mitleidswürdig, es hat doch auch ein gar z' dumm's Ansehen g'habt, sie jeden Ziehungstag wie ein' verlaufenen Hund durchs ganze Ort um jedes Eck schnüffeln z'sehen, ob der Bot' schon kommt, dann ihr kreuzschichtig' Wesen, wann's wieder, wie allmal, nix war. Nit einmal hat s' 's Lottoamt der Betrügerei beschuldigt, daß's ihr just ihre Nummern gar nit ins Glücksrad h'neingab', oder früher h'rausnähm', öfter, wie nit, hat s 'n unschuldigen Waisenbub'n, was d' Nummern zieht, und dem seine noch unschuldigern Eltern ins Grab h'nein verflucht und was derlei unsinnig' Ausarten mehr is. D' Tag über hat s' jed's Papierfetzel vom Weg aufg'griffen und nach Nummern abg'sucht, jeder Todfall, jede Hochzeit, jede Geburt hat herhalten müssen, ja kein Ziegeldecker hat beim Schindeln vom Dach fall'n können, ohne daß er numeriert und g'setzt worden wär'; auf so ein', der zum Glück heil davon kommen is, hat s' hinterher ein' g'waltigen Zorn g'habt, er hält' ihr z' G'fallen sich sollen 's G'nick brechen, denn 's Hausnummer, wo er gearbeit' hat, und 's ›Vom-Dach-fall'n‹ is h'rauskommen, statt 'm ›Wiederaufsteh'n‹ aber ist der ›Todfall‹ zog'n word'n, so hat s' der Mensch um 'n Terno g'bracht! Nun, daß wir draufkommen: ein's Abends fallt ihr ein, da sie's schon vergebens mit ihrer heiligen Namenspatronin und 'n Vierzehn Nothelfern und der heiligen Korona, der Schatzewahrerin und 'm großen Christophel und wer weiß mit wem sonst noch allen versucht hat, 'n lieben Herrgott direkt um 'n Terno anz'gehn und ihn z'bitten, daß er ihr die drei sichern Nummern in der nämlichen Nacht möcht' träumen lassen. Die Alte legt sich nieder, und da s' eh' von frühmorgens bis spät abends nix wie Ziffern im Kopf hat, vielleicht auch nit ein' Nacht im Jahr war, wo ihr keine g'träumt hätten, so war's auch gar nit verwunderlich, daß ihr wieder welche geträumt haben. Drei war'n's diesmal und d' schönsten, was ihr ihr Lebtag ein Traum eingeb'n hätt', hat s' nachträglich behaupt't, und wie s' drüber erwacht, is sie aber gleich aus 'm Bett g'wischt, und daß sie's ja nit vergißt, hat s' mit ein'm Blei die drei Ziffern auf ein' Zettel hinkritzelt und dann sich wieder niederduckt und weiterg'schlafen, bis der Morgen grau wird, nun und da war ihr erst's, daß sie den Zettel nimmt und zur Tür hinrennt, 's is eine, wo d' obere Halbscheid alleinig für sich in Angeln hängt, sie stößt die auch auf und will grad die drei Glücksnumero lesen, sie is weitsichtig, und wie s' just die Hand mit 'm Papierl von sich streckt, treibt 's Nachbars jüngster Bub die Geißen vorbei, und ein so Vieh mocht' glauben, der Zetlel war' eine Leckerei, die ihm d' Alte anbiet't. Ich weiß nit, hat die Geiß wirklich ein' Gusto drauf g'kriegt, oder wollt' sie sich durch ein Refüs für ein andermal nit d' Kundschaft verderb'n und affektiert' nur die G'naschige – kurz, hast's nit g'sehn, hat s' 'n Zettel zwischen d' Zähn' und auch schon unten. Drauf Zeter und Mordio seitens der Alten, können Sie sich denken, Herr Meißeder; aber eins können Sie sich nit denken, nämlich wie das arme Vieh die Sach' hat ausbaden müssen.«

»Die Ziege?« kopfschüttelte der Kaplan.

»Ja, die Geiß«, lachte der Pfarrer. »Wie s' geht und steht, rennt die Sepherl hinüber zum Nachbar. ›Du, deine Geiß, das verhöllte Luder, hat mir 'n Zettel g'fressen' – und soundso – belfert die ganze G'schicht' h'raus, verlangt, daß der auf der Stell' die Geiß schlachten soll, damit mer noch zu dem Zettel käm', und bezahl'n würd' d' Sepherl, wie s' ihr'n Terno macht, woran nit zu zweifeln. Der Bauer war nit von den Dummen; er hat doch g'meint, der Terno wär' nit so ganz sicher und die lebendige Geiß ihm lieber wie eine tote, für die er sein Geld ›leicht bis auf St. Nimmerstag ausstehen hätt‹. Ganz g'scheit! Auch gibt er der Alten zu bedenken, daß man den Papierwisch wahrscheinlich in ein'm Zustand aus dem Magen des Tiers herausbekäm', daß man ihn ebensogut lieber gleich drin ließ'. Wieder ganz g'scheit, und selbst die Sepherl gibt sich damit z'frieden; zwei von den Nummern weiß sie überdem ganz sicher, nur vom dritten weiß sie nit gewiß, ob sie das auch recht behalten hat, hofft aber, daß ihr Gott die Gnad' g'schenkt haben werd' für ein richtiges Besinnen. Ja, mein lieber Meißeder, das war damals ihr' Red'; wann die Weibsleut' ein' Raps haben, sein s' von einer so bodenlosen Einfalt, daß s' selbst geg'n 'n Höchsten ganz despektierlich werd'n, wie ihn die Lotterieschwester das selbe Mal – Gott verzeih' mir d' Sünd' – fast auf ein' Stufe g'stellt hat mit der Kreuzspinnerin, die s' im Glas halt't, damit die Numero aufspinnt! – Macht ein Narr zehn, ist ihm's wohl ein leicht' Stückel, ein'n z'machen. Wie die Närrin g'gangen is, hat sie die andere zurückg'lassen. Die Bäuerin, durch den felsenfesten Glauben der Sepherl ang'steckt, fängt mit einmal an: ›Jesses, da könnt' mer am End' sein Glück machen – und – verabsäumt wär' verspielt – die Geiß hätt' gewiß 'n Zettel nit zerfressen, sondern nur hinabgeschluckt – und noch wär' das Vieh nüchtern, hätt' nix anders im Magen.‹ Und so ist's eine gute Weil' fortgegangen, wie es die Weiber auf der Zunge haben, vorab eine kurze Red', dann ein Wortschwall, daß ein'm Gehör und Gedanken vergehen, dann wieder fünf Wort', so gut wie ein Dutzend, bis der Mann müd' wird. Unser alter, vorerst so g'scheiter Adam hat endlich den Lockungen seiner Eva nachgegeben, und die arme Geiß ist in aller Heimlichkeit hingeschlachtet worden, der Terno hat ihr aber nimmer im Magen g'legen, dafür aber ein' Wochen über dem Hausg'sind ihr Fleisch, das man in Rauch g'hängt hat. Natürlich ist die Heimlichkeit durch die häufige Geißfleischkost aufg'kommen, und das ganze Dorf hat drüber gelacht, mit Ausnahm' der Sepherl, die drüber ganz kreuzschichtig war und ausgeschrien hat, wie der Bauer sie hätt' betrügen wollen; heut trägt sie es ihm noch nach und sollt' eigentlich froh sein, daß ihr der verständige Bauer die Kosten erspart und die unverständige Bäuerin sogar drauf gedrungen hat, daß nachgewiesen würd', wie unnötig das Geld aufgewandt gewesen wär'. Daß die zwei sicheren Nummern mit dem ein'm unsicheren Nummer, so hoch 's die Kassa der alten Sepherl zug'lassen hat, g'setzt wurden, versteht sich von selbst, und der Zufall hat g'wollt, daß die zwei sicheren herauskommen und das dritte unsichere um ein paar Augen drüber oder drunter g'fehlt war, und da hat sich die Alte von unserem Herrgott ›g'frotzelt‹ gefühlt und ist seither mit ihm faché, denn das hat ihr für ausgemacht g'golten, daß unter seiner Zulassung der Teuxel in d' Geiß g'fahren war' und ihr den Possen g'spielt hätt'. Reden S' mit so Leuten, die frei glauben, der Herrgott führet 'n Satan an einer Ketten mit ihm, zum Leuterschrecken und G'schöpfsekkier'n, so daß in ihr'n Augen unser Herr und der Gottseibeiuns schier ein G'sicht krieg'n. Ich bitt' Sie, lieber Meißeder, rekapitulieren Sie 's Ganze noch einmal, es liegt Humor drin. Es gibt manche Wege, die unglückliche Menschen von Gott ablenken, und wann ich auf so ein'm jemand hintaumeln seh', bin ich der letzte, der lacht, aber da kann man doch nit ernst bleiben, wo so 'n Wesen auf ein' wahr'n Knüppeldamm für d' g'sunde Vernunft durch d' Lottokollektur stolpert und mit 'm Schöpfer hadert, weil der nit 'n ›Mathematikprofessor'n‹ Konkurrenz machen will!«

»Es geht allerdings schwer an«, lächelte der junge Geistliche.

»Ich mein' 's halt ja auch«, sagte der Alle, mit der flachen Rechten über das Tischtuch streichend. »Nun haben S' all'n erdenklichen Bescheid über der Sepherl ihr' G'schicht'.«

»Und die des Holzknechts?«

Der Pfarrer preßte die Lippen aufeinander und zog die Brauen zusammen, dann sagte er kopfschüttelnd: »Die laßt sich nit so nacherzählen. Der Torheit mag man 's Maul verbieten, aber 'n Jammer muß mer sich ausreden lassen, kann mer 'm auch nit abhelfen, so lernt man doch was dabei. Nit die G'schehniss' machen die Leut' irr', und war auch schreckhaft g'nug, was der Valentin erlebt hat, so is's doch da in 'n Bergen nit gar so selten, daß eins von den Höhen abkugelt: das Einbilden und Empfinden über das, was g'schehn oder unterblieb'n is, bringt manchen Menschen aus 'm Häusel, und da gilt's wohl, daß man ihn selber in lebendiger Red' seine Wort' setzen hört, um zu ein'm Verständnis z'kommen. Mir liegt selber dran, daß Sie in der Sach' eins g'winnen und mir dann aufrichtig sagen, ob Sie ein Fleckel ausfinden, wo mer mit einer Aussicht auf Erfolg anpacken könnt', oder ob nit auch Ihnen g'scheiter scheint, da d' Hand davon zu lassen, wo nur der, der die Wunde g'schlagen hat, auch zu heilen vermag. Machen S' einmal den Gang hinters Dorf an der närrischen Sepherl ihrer Hütten vorbei, 'n Wald h'nauf, unter den Tannen finden S' 'n Valentin seine, dort sprechen S' ein.«

»Ja, wird der Mann gegen unsereinen gleich so redselig?«

»Fallt ihm nit ein. Natürlich bradelt mer ihm nur mit harter Müh' d' G'schicht' h'raus, aber wenn S' ihm ein' Gruß von mir auslichten und ihm sag'n, ich schickt' Sie und ließ 'n bitten, weil Sie neu da im Ort wären, und 's künftigen Einverstehens wegen, er möcht' nit rückhältig sein, so wird er Ihnen wohl Aufschluß geben.«

»Danke. Ich werde hingehn.«

»Tun Sie's, mein lieber Zerr Meißeder«, sagte der Pfarrer, sich erhebend und die Hand hinüberreichend, verabschiedete er sich: »Glauben S' mir, es klingt wie G'spött, wenn man ein'n z' gut heißt, weil er der menschlich'n Narrheit und 'm tiefen Elend kein' Herrn zeigen will, als ob die ein' Herrn kennten, als ob mer denen gegenüber nit ohnmächtig war'! Ich halt's für ein' Deuter zur Demut, daß Gott mitunter solche Fälle uns vorrückt, wobei wir die Unnötigen sein und sein' Sach' nit zu vertreten vermögen, weil er sich's als sein' selbeigene vorbehalt't«


Abendsonnenschein lag über der Gegend, als der Kaplan bedächtig dem Walde zuschritt.

Mit der Sepherl war nicht anzubinden, das sah er ein: schon was der Pfarrei über das wüste Geschimpfe des Weibes gesagt hatte, genügte, von einem Überredungsversuche abzusehen; wie leicht könnte sich die Alte zu einer Lästerung hinreißen lassen, die man nach Pflicht und Gewissen der Behörde anzuzeigen hätte, und der Gedanke an eine solche Denunziation widerstrebte dem Kaplan. Er hielt es daher gleichermaßen für erlaubt und geboten, keinerlei Anlaß zu geben, um so mehr, da er hierin der Ansicht des Pfarrers zustimmte, daß in einer Prüfungsstunde der Fünfnummerteufel den Schwanz einkneifen und aus der Alten fahren werde. Dagegen war der junge Kleriker, was den Holzknecht Valentin anlangte, gar nicht einverstanden mit dem Verhalten seines »Alten« – mit dieser mehr vertraulichen als respektuösen Bezeichnung meinte er nach Art unbedachter junger Leute seinen Vorgesetzten, den Pfarrer. Der Valentin war kein aufbegehrerischer Mensch. Zu der Hacke würde sich doch wohl ein Stiel finden lassen, dachte der junge Geistliche, war es ihm doch im Seminar bei Disputationen gelungen, geschulte Köpfe in die Enge zu treiben, worauf er schon damals große Stücke gehalten und heute noch hielt,' wie wenig Waffen aus dem geistigen Arsenale wird es brauchen, aus dem ungeschulten Kopfe eines Holzknechtes die unbotmäßigen Gedanken zu verjagen und an deren Stelle wieder die heilsamen, gottgefälligen zu setzen?

Der junge Eiferer hatte eine rege Einbildungskraft, und ehe er sich's versah, befand er sich schon im Geiste in lebhafter Disputation mit dem Holzknechte. Er formulierte dessen Reden und zugleich deren schlagendste Widerlegung: es ist dies bekanntlich die bequemste Art zu streiten und die lebendigste Form dafür die des Dialoges, deren sich schon manche Philosophen, besonders des Altertums, zum großen Vorteile für ihre leibeigenen Überzeugungen bedient hatten. Ein Umstand, der dem wirklichen Holzknechte gegenüber wohl jeden hätte stutzig machen, ja auf den argen Gedanken hätte bringen können, derselbe erlaube sich einen dem Ernst der Situation wenig entsprechenden Spaß, entging dem Kaplan vollständig, nämlich, daß der imaginäre Holzknecht sich herausnahm, wie ein Seminarist zu dem anderen zu sprechen. Kaplan Meißeder war aber so in das Fahrwasser seines philosophisch-theologischen Dialoges, der etwa »Von der Ergebung in den göttlichen Willen« zu betiteln gewesen wäre, hineingeraten, daß er nun auch mit den Armen zu rudern begann. Achtlos trieb er an der Hütte der Lotteriesepherl vorbei und nahm die wirrhaarige Alte gar nicht wahr, die aus der Tür trat und hinter ihm mit einem gemurrten Fluche die Faust schüttelte: er ruderte weiter, bis er vor der Hütte des Holzknechts Valentin auf den Sand lief.

Plötzlich, dem Ziele gegenüber, aus seinen Gedanken aufschreckend, empfand er wirklich etwas wie eine physische Erschütterung und brach sein halblautes Renommieren verdutzt ab.

Ein gekrümmtes, verkümmertes Weib schoß auf ihn zu, drückte die Lippen auf seine Hand und murmelte leise: »Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit!« sagte der Kaplan: seine Augenbrauen hoben sich hoch, und er fragte mit einer unsicheren Handbewegung, alle fünf Finger locker gehalten, nach der Hütte bedeutend: »Wohnt da der Holzknecht Valentin?«

Das Weib nickte, »'s ist mein Alter«, sprach es. »Wollt Ihr zu ihm, Hochwürden? Müßt's nit.«

»Ich will ihn sprechen. Der Herr Pfarrer schickt mich.«

Das Weib seufzte, dann stieß es die niedere Tür der kleinen Hütte auf und trat hinein. »Valentin, es fragt wer nach dir, vom Herrn Pfarrer!«

»Guten Abend!« sagte der junge Geistliche.

»Guten Abend auch!« antwortete der Holzknecht, ohne sich zu erheben: er saß auf der Ofenbank und rauchte aus einer birkenen Pfeife.

Ganz anders hatte sich der Kaplan seinen Mann vorgestellt. Das Objekt, an dem er vorhin im Geiste seine Überredungsgabe erprobte, war ein engbrüstiger, vorgeneigt sitzender Alter, auf dem Haupte, das er beim Zuhören gesenkt hielt und nur beim Sprechen ein wenig erhob, trug er, bis an die Ohren herabgezogen, eine schwarze Zipfelmütze, deren Rand lief über die niedere, gerunzelte Stirn, und darunter zeigte sich ein von Falten durchfurchtes Gesicht, die dunkeln Augen wichen entweder fremden Blicken aus, oder erwiderten sie starr, fast feindselig, und die Lippen waren bieitgezogen; dem jungen Kleriker dünkte es eine lohnende Aufgabe, den Trotz dieser Augen zu brechen und den Hohn aus diesen Mundwinkeln zu scheuchen.

Dieses Vornehmen erwies der Augenschein als gegenstandslos.

Der Holzknecht Valentin war ein breitschulteriger, rüstiger Sechziger, eine Fülle, wenn auch greiser, doch dichter Haarlocken ersparte ihm den Gebrauch einer Mütze, den Kopf trug er sogar höher als mancher andere, da er das Kinn etwas vorstreckte; diese Haltung, der stete, ruhige Blick der braunen Augen und der gleichmütig geschlossene Mund gaben seinem ernsten Gesichte den Ausdruck des Beobachtens und Zuwartens. Alles an dem Manne sah sich wie ausgeglichen an, nichts beunruhigt oder beunruhigend. Nur der linke Mundwinkel war merklich verzerrt, aber, wie leicht ersichtlich, nicht infolge einer Gemütsstörung, sondern der langjährigen Gewöhnung, dort die Pfeifenspitze einzuklemmen.

Die Alte hatte einen Stuhl mit der Schürze abgewischt und stand nun, ihn mit beiden Händen an der Lehne haltend; sie blickte fragend nach Valentin.

Der Holzknecht nickte ihr zu. »Tut Euch setzen!« sagte er zum Kaplan.

Die Frau rückte den Sessel hinzu, und nachdem sie noch einmal hastig mit dem Vortuch darüber gefahren, verzog sie den zahnlosen Mund zu einem nichtssagenden Lächeln. »Werdet uns wohl nit 'n Schlaf austragen. Hochwürden?«

»Weißt du das so g'wiß, Kathl?« fragte der Holzknecht.

Das Weib starrte ihn erschreckt an und streckte, wie abwehrend, die hageren Arme vor.

»Ich spreche bei Euch in der besten Absicht ein«, begann der Kaplan: »die Verantwortung, die mir mein Beruf auferlegt, die Verpflichtung, die er in sich schließt, nicht mit einer platonischen Auffassung der christlichen Nächstenliebe mich zufrieden zu geben, sondern diese Liebe auch zu betätigen, veranlagten mich, hierherzukommen ...«

Es verwirrte den Sprecher, daß ihm gleich eingangs der einem Holzknechte wohl unverständliche Ausdruck »platonisch« entschlüpft war, er stockte und wiederholte: »Ich komme, wie gesagt, in bester Absicht.«

»Will's schon glauben, Herr«, erwiderte der Holzknecht, «wüßt' auch nit, was Euch für ein' üble könnt' herführen.«

»Da ich hörte, daß Ihr zur Mutter aller katholischen Christen, zur heiligen Kirche, Euch feindselig stellt...«

»Feindselig? Da seid Ihr irrig bericht't.«

»Präziser gesagt« – das »Präzise« machte den jungen Mann vor Unwillen über sich selbst erröten, und die Stimme erhebend, daß es fast nach Gereiztheit klang, verbesserte er sich: »Genauer ausgedrückt, wollte ich sagen. Ihr haltet Euch ferne von der Kirche.«

Valentin nickte.

»Doch in diesem Falle, wie in dem anderen, bleibt der Schaden, den Ihr selbst nehmt, das üble Beispiel, das Ihr anderen gebt, gleich schwerwiegend. Der Grund, der Anlaß Eueres Verhaltens mag in Eueren Augen den Schein einer Berechtigung haben....«

Hier legte der Holzknecht die große, rauhe Rechte auf das Knie des jungen Mannes. »Kennt Ihr ihn? Den Anlaß, mein' ich!«

»Dem Hörensagen nach, ja.«

Valentin zuckte unwillkürlich mit den Schultern.

»Ihr meint«, fuhr der Kaplan fort, »auf der Leut' Gerede wäre wenig Verlaß, und daraufhin würde ich klüger tun, zu schweigen. Das ist auch ganz meine Ansicht. Ich will die Geschichte von Euch selbst hören.«

Der Holzknecht neigte sich vor nach dem Sprecher und sah ihm in die Augen. »Herr, wißt Ihr auch, was Ihr damit verlangt?«

»Ich denke mir ja, daß es Euch schwer, daß es Euch sehr hart fällt, das setzt auch der Herr Pfarrer voraus, der Euch wohlgesinnt ist, und trotzdem schickt er mich her mit der Bitte, Ihr möchtet nicht rückhältig gegen mich sein. Sprecht Euch aus. Mann«, rief der junge Priester, emphatisch die Arme ausbreitend und schüttelnd, »sprecht Euch aus! Meiner Teilnahme für das Leid, das Euch widerfahren, seid Ihr gewiß? wenn Ihr aber Euer Herz ausgeschüttet haben werdet, wenn Ihr Eueren Grund ausgesagt habt, dann, o dann verschließet auch den Gegengründen nicht das Ohr!«

Der Holzknecht hatte den Kaplan mit großen Augen angestarrt, nun schüttelte er den Kopf. »Gegengründe? Herr, was einem ledig im Kopf sitzt und ohnehin nit zu Herzen will, das mag man ihm wohl ausreden, aber was vom Herzen in' Kopf g'stiegen is, das nimmermehr.«

»Davon später; laßt mich vorerst Euere Geschichte hören.«

Der Alte seufzte tief auf. »Ich hab' mir's ja denkt, 's muß wieder einmal sein; sooft ein' neue Kutte ins Ort kommen, is's allmal noch so g'west. No, es is, damit der freundliche alte Herr im Pfarrhof a Ruh' hat, ich will nit fragen, warum er nit fragt, was's mich a jed'smal kost't. Ihr, Herr, seid auch noch jung, so kann Euch a Lex – oder wie's d' G'studierten heißen – nit schaden.«

»Lektion.«

»Ja, wird schon richtig sein. So will ich's denn nochmal aufriegeln in mir – Vergessens is eh' kein' Red' – und abwarten, ob Ihr 's Herz habt, danach noch mit der klein' Hausapothek'n h'rausz'rucken, die ich lang schon kenn', wo nur zwei Pflaster drein sein, die geg'n jeden Schaden aufkommen sollen, ob er ein' Beul is oder a Riß, worein der Tod sitzt: ›die Prüfung‹ und ›der Ratschluß‹ Gottes! Was prüft er denn, wann er eh' von vorh'nein weiß, was dabei h'rauskommt? Und tröstlicher is mer wohl mein Unglauben, wie a Ratschluß, den ich nie und nimmer versteh'.«

»Valentin!« ächzte das Weib.

Der junge Priester erhob mahnend die Hände.

Der Holzknecht schüttelte beschwichtigend die erhobene Rechte. »Laßt's gut sein, jetzt sag' auch ich, davon nachher, bis ich mich ausg'red't hab'. Kathl, geh h'naus!«

Die Alte wehrte ab und deutete »nein«.

»Bleib du da, dann wird dir wieder wie allemal!«

Das Weib zog eine trotzige Miene und setzte sich auf einen Schemel in der Ecke.

»Bleib du da, meintswegen«, sagte der Holzknecht, aus tiefer Brust den Atem hervorstoßend, dann saß er schweigend eine Weile und kraute sich in den Haaren, plötzlich rückte er auf der Bank etwas näher nach dem Gaste hin, streckte den Arm ausdeutend nach seinem Weibe und dann zurückweisend auf sich: »Ein'n Bub'n hab'n wir g'habt. Herr. Ins neunte Jahr is er gangen vor sieb'nundzwanz'g Jahren: er war unser einziger. Aufs Lob'n und Beschreib'n lass' ich mich nit ein, nach der Eltern Reden gab's ja af der Welt gar keine unbeschaffenen Kinder, und uns war's unsere grad so lieb, wie 'n andern Leuten dö ihnern. Is gleichwohl a rechter Grasteufel g'west, das Kraxeln und H'rumsieig'n in d' Bergen war ihm völlig nit abz'g'wöhnen; es is nit zun sagen, wieviel Himmelangst sein' Mutter oft ausgestanden hat, wenn er ihr heimlich ausg'rennt und später Zeit erst heimkommen is, ein' Haufen Edelweiß und Almrosen in der Hand, und hat mer 'n g'fragt, woher hast es? so hat er ein'm oft Plätz' g'wiesen auf einer Wand, daß's einem beim H'naufschaun kalt über 'n Buckel g'loffen is. Ich hab' davon meist nachträglich g'hört, denn ich war damal in ein'm fern' Holzschlag, bin nur an Sunn- und Feiertäg'n bei Weib und Kind g'west, und wann mer da die Mutter klagt hat – wohl auch nur d' Hälfte von dem, was d' arme Seel' ausg'standen hat – so hab' ich freilich d' Schläg' nit g'spart. Es war an ein'm Feiertag, an Peter und Pauli, vor sieb'nundzwanz'g Jahr'n. Um eilf bringt mein Weib 's Essen af 'n Tisch. Jesses – sagt s', wie s' d' Schüssel niederstellt – wo is denn der Bub? Ich sag' noch drauf, sie sollt' sich kein' Sorg' machen, der Nixnutz bleibet uns nit aus, nur möcht' sie sich dösmal nit seiner annehmen, ich wüßt' schon was ich z'tun hätt', denn wann er gar 'n Tag, wo er 'n Vadern 'heim weiß, solche Stückeln angab, so müßt' ich mer 'n doch wohl hernehmen, daß ich ihm's auch für unter der Wochen verleid'. Hernach haben wir ›Aller Augen‹ g'bet't und zum Essen ang'hob'n, wollt' uns aber kein'm recht schmecken. Vom Tisch weg bin ich h'naus, 'n Buben suchen. Die Häng' und Schroffen vom nächsten Berg sein in hell'm Sonnlicht g'legen, und war nix Lebig's drauf sichtbar, kein schwarz's Pünktel, das s' überquert hätt'. Ich denk' mir 'n Buben af der abigen Seiten, und 's war mein g'ringster Kummer, daß ich 'n nit find'. So bin ich allfort ang'stieg'n, und wie ich af halber Höh' war, is a graue Wolken über d' Sonn' wegg'strichen und ein gacher Regen in schweren Tropfen niedergangen, war aber gleich wieder vorbei; stutzig g'macht hab'n mich a paar Schritt', wie glitschig af einmal der Boden g'west is. D' Steigeisen hätt'st d' doch mitnehmen können – denk' ich – und der Bub hat auch kein, der will h'nunter – beim Anstieg halt't ein'm der Berg auf, beim Abstieg muß mer sich dös selber – doch d' Sonn' trückert ja bald die wenig Näss'n wieder auf. Hat kein' G'fahr nit! Und da, wie ich mich zu einer Kuppen durch die klein' Stauden h'naufarbeit', hör' ich mit einmal ein' Schrei und ein Ausgleiten, da war mir, als höb's mich mit ein'm Ruck bei 'n Haaren in d' Höh' und ließ mich gleich drauf wieder af d' zittrigen Füß' fall'n. ›Tonl!‹ schrei' ich auf, und aus der Tiefen ruft's freudig: ›Voda!‹ Zun Rand bin ich hing'krochen, vornüber mit der halben Brust bin ich g'legen und hab' h'nunterg'schaut. Der Bub is an ein'm Stammerl G'strüpp g'hängt – drei Turm hoch über'm Tal – Herr, nur ein' Strick von nit mehr wie anderthalb Klafter Läng', den man ihm hätt' zuwerfen, oder ein' eb'nsolche Stangen, die man ihm hätt' darreichen können, und mein Kind wär' g'rett't g'west, aber woher nehmen? Wie er mich ansichtig wird, streckt er sein ein' Armerl geg'n mich. ›Voda‹, sagt er, ›nit hau'n. Hilf mer h'nauf!‹ Na ja, da war ja mit einmal am Ort der Voda, und der muß ja helfen können! ›Bub‹, sag' ich, ›pack fest an, halt aus, laß beileib' nit los! Ich renn' ins Tal abi, dich krieg'n mer wohl noch h'rauf, nur gib nit nach‹ – ›Schleun dich nur, Voda‹, sagt er, ›ich will schon –‹ und ich seh', wie sich seine Fäust' ankrampfen ans Astwerk. Herr, Zeit und Weil' hon ich vergessen in mein' Schreck und nit dran denkt, daß menschenunmöglich is, nach Hilf' erst talab z'laufen und wieder bergauf rechtzeit' an Stell' z'treffen; ich sollt' dran erinnert werden. Grad wie ich mich vom Boden erheben will, schreit der Bub ängstlich: ›Voda, da bleib, nit geh fort! Es lockert schon!‹

Es hat. An ein'm dünn' Wurzelgertl is er mehr zwischen Himmel und Erd' g'hängt. Und wie ich g'sehn hab', wie sich sein unschuldig Kindg'sicht zun Weinen verzieht, wie seine Lippen zun Jucken anheb'n und wie ihm in seine braunen Rehäugeln, mit dö er af mich h'raufg'starrt hat, 's Wasser tritt ... jeder Tropfen Blut, jed's Faserl in mir hat h'naufg'bet't zun hohen Himmel: ›Mit mir mach, was d' willst, lad mer all' Elend af, nur mein Kind schon'!‹ – Oh, Herr, da hätt' ein' Hand vom Himmel langen müssen –! Wann eine drob'n wär'.«

Der Holzknecht drückte beide Handflächen vor die Augen, und von der Ecke her, wo das Weib saß, ertönte lautes Schluchzen.

Valentin ließ die Arme sinken und fuhr fort: »Bei sein'm Absturz sein mir d' Sinn' vergangen, ich konnt 'n nit verfolgen, Berg und Tal hab'n um mich z' kreisen ang'hebt; wie ich heimkommen bin, weiß ich heut nimmer. Noch 'n selben Abend hab'n wir ihn im G'stein zusamm'geklaubt; wie wir 'n g'funden hab'n, beschreib' ich nit, mag Euch nit 's Abendessen verderben, ich hab' mir nix erspart, ich hab' selbst Hand ang'legt...Ah!« Es schüttelte ihn ein Fieber des Grauens, und er preßte die Rechte gegen die Stirne; nach einer Weile blickte er auf und schloß hastig seine Rede: »'n Tag darauf hab'n wir ihn mit Erd' zug'deckt. Es is wahr, Herr, seit damal war ich in keiner Kirche, heucheln vermag ich nit, für mich is dö ein leer's Haus, aber, Herr, ich red' keinem wider sein' Glauben und lass' jedem sein' Trost; nit anders halt' ich's mit mein'm eigen' Weib und nit einmal, in trutzen Stunden, wie sie ja wohl der Frömmste manchmal haben kann, und wovon ich weiß, es hat bei ihr kein' B'stand, schickt' ich sie selber dorthin, wo doch ihr leichter ums Herz wird. Nun, Herr, hätt' ich mich ausg'red't, Ihr habt all's erfahren und hitzt wär'n wir wohl fertig.«

Der Kaplan griff hinter sich nach dem Hut, der auf einer Gewandtruhe lag, und erhob sich rasch. »Gute Nacht«, sagte er leise. Bei der Schilderung des schmerzverzerrten Kindergesichtchens tauchte vor ihm, wie eine Vision, das auf Polstern gebettete Köpfchen eines kleinen Mädchens auf, das wachsbleiche Antlitz von hellblonden Haarsträhnen umflutet, die trockenen Lippen zuckend und aus den großen blauen Augen, die in hilflosem Jammer nach den wehklagenden Angehörigen starrten, troffen schwere Tränen ... Emmy, sein Schwesterchen, das, elf Jahre alt, starb.

An der Türe hielt der Holzknecht den jungen Priester zurück. »Nix für ungut, Herr, ich verübel' Euch ja auch nix, Neugier hat Euch nit herg'trieb'n – aber verschweig'n mag ich nit, wie mer oft in bester Absicht doch nix Recht's stift't. Von mir will ich nit sagen, obwohl ich heut nacht schwerlich die Pfeifen kalt werd'n und die Hand' feiern lassen darf, damit mer 's Rauchen und Spanschneiden über meine Gedanken weghilft, bis vielleicht geg'n Fruh mich doch d' Müden hinwirft, oder g' wiß der Tag anbricht und d' schwer' Arbeit mich erlöst: aber der arme Hascher da drin, mein Weib, dö macht heut kein Aug' mehr zu und flennt laut und bet't in der Still'n, und das treibt's morgen und übermorgen, vielleicht d' ganz' Wochen. Dö tut mich bedauern.«

Der Kaplan faßte mit beiden Händen die Rechte des Holzknechtes. »Bei Gott, liebe Leute, das wollt' ich nicht, ihr müßt mir nicht zürnen.«

»Ei mein, nein, bester Herr, nein. Gute Nacht!«

Mit verschränkten Armen und gesenktem Kopfe schritt der Kaplan nach dem Dorfe zurück. Als er an der Hütte der Lotteriesepherl vorüberkam, sah er nicht, wie die Alte ihm über den Zaun zugrinste, und er schüttelte nur abweisend mit dem Kopfe, als er sie belfern hörte: »Na, Schwarzer, gelt, nix hast g'richt't? Ja, ich und der Holz-Valentinl, mir geb'n af kein' Glaub'n was, af kein'! Kannst lang warten. Bis ich mal ein Quartterno mach', nachher kimm!«

Er ging des Weges weiter. Dunkel und stille war es ringsum geworden, trübe und zag in seinem Innern. Vom Pfarrhofe her blinkte ein Licht, es konnte sich einer, der den Pfad verloren, danach zurechtfinden, und wenn er ihm folgte, so führte es ihn in die – Studierstube.

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