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Dorfgänge

Ludwig Anzengruber: Dorfgänge - Kapitel 2
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authorLudwig Anzengruber
titleDorfgänge
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Das Sündkind

Nun ja, sagte der Pechleitner, indem um seine Mundwinkel ein Lächeln spielte, das sogleich wieder verflog. Nun ja, das war damals eine verzwieselte Geschicht' mit meiner Frau Mutter, Gott hab' sie selig. Will's meinen, ganz eine unbeschaffene Geschicht'. Vor fünfunddreißig Jahren war's, ich hab' damals meine dreißig gezählt, meine Mutter hat ihre fünfundvierzig voll auf dem Rücken gehabt. Ja, da mögt ihr Augen machen wie ihr wollt, was hilft's? Es lebt keiner mehr, der es bezeugen könnt' aber damal, in der Zeit, von der ich red', da könnt' ich s' euch an den Fingern herzählen die Leut', die sich besonnen haben, wie früh meine Mutter mannbar war, und die sich nicht genug haben wundern können, wie lang sie sich ihr Alter hat gar nicht anmerken lassen. Ich war ihr Erster, das schwächste unter vielleicht einem Dutzend Geschwister, und hab' sie doch alle überlebt: daß ich also recht angib, vor fünfunddreißig Jahren war ich der einzig übrige, der Vater war vor drei Jahren verstorben gewest, und so haben wir, ich und mein Mutter, allein auf unserm Gütel gehaust. Es ist uns rechtschaffen vorwärts gegangen mit der Arbeit, na, ich war vollkräftig, und ich lüg' nit, viel hat nit gefehlt, 'leicht gar nur, um was allweil ein Weib in der Arbeit gegen ein' Mann zurückstehen muß, so hätt' sie mir's gleichgetan. Auf einmal aber ändert sich's in der Sach', sie wird lässig, nimmt um die Mitte zu, und das immer mehr, und ist auf die Letzt ganz unbeholfen. Na, sie war als eine ehrsame Witib ausgerufen, nachzureden hat mer sich ihr nichts getraut, hätt's auch keiner und keinem raten mögen! »Die Pechleitnerin ist siech«, haben die Leut' gesagt, »die hat schier die Wassersucht.« Dabei ist's eine gute Weil' geblieben.

So hab' ich damal alle Arbeit auf mir gehabt, und wie ich an einem Abend hundmüd' nach Haus treff', was find' ich? Ich hab' gemeint, ich brächt' vor Verwundern Maul und Augen gar nimmer zu. Die Stuben voll Weibsleut' aus der Nachbarschaft, die Hebmutter dabei, daß ich's kurz mach', 's ist auf einmal die alte Kindswäsch', die lang vergessen im Schrein gelegen hat, wieder in Gebrauch kommen.

Wie's nachtig worden ist, haben sich die Besuchweiber eine um die andere verloren, 'letzt steh' ich allein, steh beim Fenster und trommel' an die Scheiben und je länger ich so steh' und trommel', je verlegener werd' ich und das hätt' doch ich, weiß Gott, nit not gehabt, so kehr' ich mich mit brennrotem Gesicht um und sag': »Sollt'st dich doch schämen, Mutter. Schämen sollt'st dich!« Da sie nichts red't und nichts deut't, hab' ich meine Pfeife genommen und bin gegangen, wollt' natürlich in der Wochenstuben kein' Qualm verursachen.

Wie ich mit meiner Pfeife zu End' war, da hab' ich mir's überlegt gehabt. Das Reden hintennach, das frucht't rein gar nichts. So war's auch ganz ungehörig und dumm, daß ich meine eigene Mutter vermahnt hab'. Was möcht's auch helfen, wenn sie auf das verkehrte Wesen einging' und von mir eine Lehr' annähm'? Hat sie sich vorderher nit geschämt, zu was wär' das jetzt hintennach gut? Daß sie sich kränkt? Davon hat doch alle Welt nichts. Auch hab' ich mich besonnen, daß mir alle entgegengeschrien haben: »Dein' Mutter hat ein Kind 'kriegt!« Keins hat gesagt: »Du hast ein Brüderl 'kriegt!« Gegen der Leut' Reben war ich all mein Lebtag widerhaarig: was denken sie sich denn, die mit ihrem langen Zopfen und dem kurzen Verstand? Denken s' 'leicht, ich werd' dem unschuldigen Wurm was nachtragen? Und wenn ich gleich kein Herz hätt', so no just nit, schon der Leut' wegen, mein Bruder ist's! Höllsakermenter ös, die ihr die Kinder von einer Mutter auseinander scheiden möcht's!

Ich bin schön still nach der Stube 'gangen, tu' die Tür auf, da sind s' alle zwei gelegen und haben geschlafen, da hab' ich mich neben das Bett hingesetzt und zu dem Kleinen hinuntergebeugt, erst sauber mir mit dem Ärmel das Maul abgewischt und ihm das Zeichen, daß ich ihm gut Freund sein will, einen Schmatz 'geben; da hab' ich aber 's Richtige 'troffen gehabt, paar Tag' schon bin ich unrasiert 'gangen, das muß ihn wohl gekratzt haben wie mit einem Pferdestriegel und er hat ein Gezeter angehoben, wie nit gescheit. Darüber ist die Mutter auch wach 'worden, doch wie sie mich so neben sitzen sieht, wend't sie sich ent' hinüber, auf die andere Seite.

Und wie das halt doch schon gar eigen ist, wieder werd' ich ganz verlegen. Räusper' eine Weil' und sag': »Bleib nur in deiner Lag', das Hin- und Umwenden könnt' dir etwa schaden. Und – wie ich mein' – so ist geschehen geschehen. Und stark ist nit jeder. Und nit alle kriegt's Gleiche herum, aber jeder hat seine Schwäche!«

Da dreht sie sich langsam halb über und schaut mich so von der Seit' an; kein' Dirn mit siebzehn, die schon weiß, aber es nit aussagt, ob auf ihrer Kammer die Fensterriegel hart oder leicht schließen, kann so gottverbotene Augen machen, wie zur selben Stund' mein' Mutter. In dem Stück sind sie eins die Weibsleut', ob alt oder jung.

Wie die Mutter wieder außer Bett war, da haben mir uns wie voreh' in die Arbeit geteilt, sie ist uns sogar um ein Stück vergnüglicher vorkommen, denn nun hat's auch für den klein' Leopold gegolten. In der Sorg' um ihn sind wir eins gewesen und sind's geblieben bis zur Zeit, wo er schon ziemlich aufg'schossen war, so daß man hat fragen können, was mit ihm werden soll; da sind wir, ich und die Mutter, uneins geworden und geblieben, gleich vom erstenmal, wo sie es Rede gehabt hat.

Eines Abends ist's gewesen, der Bruder hat sich mit gleichalterigen Bürschchen im Ort herumgetrieben, ich saß auf der Bank vorm Haus und rauchte meine Pfeife, und die Alte verhielt sich eine geringe Weil' über in der Stube, dann kam sie heraus, setzte sich neben mich, faltete eine Zeitlang ihre Schürze auseinander und wie ihr die glatt genug mag geschienen haben, hebt sie an, aber ohne daß sie dabei mit einem Auge aufschaut:

»Mein lieber Martin«, sagte sie, »du bist ein guter Bursch, ich weiß das, und allen Leuten giltst du dafür, du hast rechtschaffen das Deine für den Leopold getan – vergelt dir's Gott – aber es wär' sündhaft, wenn man dich für deine Gutheit zu Schaden kommen ließ und ein himmelschreiend' Unrecht, wenn dir das Deine sollt' durch den Buben geschmälert werden.«

Der Eingang hat mir gleich nit gefallen, es macht mich immer stutzig, wenn einer mit einer Red angestochen kommt, die meinen Vorteil voranstellt, es ist das sonst nicht Brauch in der Welt, und jeder setzt den eigenen zuoberst. Meist soll einem damit der Wasserkübel gewiesen werden, in dem eine Hand die andere wäscht, oder es gilt, mir ein Scheuleder vors Aug' zu tun, daß ich nit seh', was einer knapp nebenan hantiert. Ich sag' also nichts, tu' einen richtigen Zug aus der Pfeife und hüll' mich in einen Nebel wie eine Bergspitz', die keinen guten Tag zu sehen vermeint.

Das war aber ungesundes Wetter für meine Alte, sie fing zu husten an. »Daß du aber den rauchen magst?« sagte sie. »Nun, es werden bessere Tage kommen, wo du dir auch bessern kaufen kannst, wenn mir erst den Poldel nimmer über der Schüssel liegen haben.«

»Ei, mag er darüberliegen, solang er will«, sagte ich, »er hat mich bis dato nicht arm gefressen und wird mich nicht arm fressen: jetzt noch weniger als voreh', wo er nun doch schon sein Teil sich rechtschaffen erarbeitet, 's gedeiht ihm auch, und das freut mich. Ich bin schon ein alter Kerl, viel älter wie er, der Jung' ist gesund, und es müßt' mit ganz verkehrten Dingen zugehen, wenn er mir nicht in die Grube nachsehen könnte und dann ... Na, du weißt's ja, Mutter, aufs Heiraten hab' ich mich nie eingelassen, werd's auch nicht.«

»Sag das nicht«, meinte die Alle, »so was überkommt einen mit einem Male.«

Ich nahm die Pfeife langsam aus dem Maul, blinzelte die Frau Mutter schief über an und sagte: »Ich weiß davon nichts, aber wenn du es sagst, muß ich es wohl glauben.« Ich hab' sie damit necken wollen, meinte auch, sie würd' es nicht anders aufnehmen, denn ich dachte so wenig übles wie damals an Poldels Wiege und war mir die Jahr' über gegen sie ganz gleich geblieben, aber da merkte ich, sie war nimmer die frühere; statt mir, wie ich's erwartete, ohne ein sonderlich streng' Gesicht mein los Maul zu verbieten, hob sie die Schürze und begann darunter zu weinen.

Das ist mir von allem das Überquerste; ich mag einmal keines weinen sehen, geschweig' denn gar weinen machen, und hier wußt' ich mich gar nicht aus, zuweg' und warum eigentlich? Daß ich es da angestiftet hatte, das ärgerte mich in die Seel' hinein, weil ich mir aber keiner argen Meinung bewußt war, so brachte ich es nicht um alle Welt über mich, ein begütigendes Wort zu sagen, wenn mir auch eines oder das andere beigefallen wäre, was just nit der Fall war. So saß ich und hielt meine Pfeife beim Rohr, so handsam wie ein Kind seine Schellenrodel und mag dabei nicht gar klug ausgesehen haben.

»O mein Gott«, schluchzte die Mutter unter ihrem perkalenen Fürtuch. »Jetzt kommt mir's heim! Mein Älterer erlaubt sich unfeine Reden gegen mich und was werd' ich erst vom Jungen, von dem Sündkind, anhören müssen, wenn er bei Jahren sein wird und die Leut' ihn verhetzen, was gewiß nicht ausbleibt. Ja, ja, es gibt nur einen Weg, einen einzigen, wo mir der Bursch unverdorben bleibt und ich zu Fried' und Vergebung meiner Schuld komm'. Es muß sein.«

»Was muß sein?« frag' ich.

»Ganz muß ich ihn unserm lieben Herrgott hingeben, er muß geistlich werden.«

Geistlich soll er werden, deinetwegen? denk' ich. Nun das ist doch die leichteste Weis', eigener Sünden ledig zu werden, wenn man ein Fremdes dafür büßen läßt. Gesagt hab' ich das aber nicht; wer getraut sich so was der leiblichen Mutter ins Gesicht zu sagen? Ich duck' mich also ein wenig nach vorne über, daß ich nicht anzusehen brauch', was sie auf meine Red' für Augen macht, und sag': »Ich möcht' mir's an deiner Stell' doch erst noch eine Weil' überlegen, 'leicht möcht' das dem Poldel doch eine zu harte Nuß sein, der er sein Lebtag nicht auf den Kern kommt, denk nur, wenn er dein hitzig Blut hat ...«

Mit eins war sie aufgestanden, geht nach der Tür und wörtelt dabei, ich sollt' nit so dumm daherreden, der Poldel war' noch zu jung, um da ein Arg zu haben, und ich wär' alt genug, um zu wissen, daß auf der Welt nie keines sein Lebtag auf so Hallodereien verfallen möcht', wenn man's nicht darauf führte, und das werd' hier Gottes Hilfe und frommer Leut' Aufsicht wohl verhüten. Damit war sie hineingewischt und seh' ich nur mehr ihren Rockzipfel zur Tür hineinschwänzen.

Solang sie noch hurtig wie ein Wiesel über Feld und Rain laufen konnte und ihr die Arbeit so flink wie voreh' von der Hand gegangen ist, die Zeit über hab' ich ihr – weiß Gott – kein unruhiges Gewissen anmerken können; aber mit einmal hat sie angefangen an der Gicht zu leiden und hat ganze Tag' lang, wenn alles nach dem Feld aus war, mutterseelenallein im Bett liegen müssen, und da schreibt sich's wohl her, daß ihr mein unverhoffter Bruder plötzlich so schwer auf die Seel' gefallen ist. Übrigens setzte sie ihre Worte so neuartig, daß ich nicht besonders aufzuhorchen brauchte, um zu wissen, es rede noch ein anderer aus ihr.

Könnt' mir's ja denken wer! Es war unsers Poldels Vormund, der Kirchendiener auf unserer Pfarre, ein so richtiger Betbruder wie nur einer, der hat sie wohl zuerst auf den frommen Vorsatz oder das gottgefällige Werk – wie man's just heißen will – gebracht und hinterher fleißig darin bestärkt. Ich hab' die Art nie recht leiden mögen, sie mengen sich allzugern in fremder Leut' Angelegenheiten, und ich denk', gerad' einer, dem es mit der Frommheit ernst ist, fänd' dazu keine Zeit und hätt' vollauf mit sich selbst zu tun. Mag mich freilich auch irren, und es kann ja sein, wenn so ein Frommer merkt, er käm' mit sich selber nie zurecht, daß er hergeht und auf fremdem Feld Dünger häufelt? man sollte sich aber vorsehen, denn hinterher können sie gelaufen kommen und sagen, es wär' alles auf ihrem Mist gewachsen.

Das mit dem Poldel war beschlossene Sach', die Mutter war damit einverstanden, der Vormund war damit einverstanden, und der Bub – was wohl vermocht' man so einem dummen Buben nicht einzureden? –, der war auch einverstanden. Was wollt' ich machen? Ich sagte: »Tut, wie ihr wollt, aber mich laßt dabei ganz aus dem Spiel; seit ich um die Sache weiß, hab' ich es gesagt und sag' es noch, von mir aus könnte der Jung' all mein Lebtag und darüber hinaus all sein Lebtag da auf dem Hof bleiben. Wenn es Unheil setzt, mir schiebt kein Sandkorn groß Schuld in die Schuhe!«

Sie spöttelten und sagten: ich würd' meine Füße heil behalten, sie würden mir kein Sandkorn groß Schuld in die Schuhe schieben, 's möcht' sich auch dergleichen bei einer so heiligmäßigen, gottgefälligen Sach' nit auffinden lassen.

Und als ein jeder im Ort wußte, der Pechleitner-Poldel würde geistlich, da kamen sie ihm zugestiegen und machten ihn hoffärtig, die ältesten Leute baten ihn, wenn er die Weihen hätte, ihrer nicht zu vergessen und sie in sein Gebet einzuschließen, Kinder waren darauf aus, zu erfahren, ob es wahr sei, daß ein Geistlicher mit unserm Herrgott und den lieben Heiligen wie mit seinesgleichen verkehre? Er ließ sie bei dem guten Glauben.

Bald hatte er gar keinen andern Gedanken mehr als den an seine künftige Geistlichkeit, und er mochte stehen und gehen, wo er wollte, da war ihm nichts zu gut oder zu schlecht, um ihn daran zu erinnern. Kam er durch den Garten und sah nach den Gesträuchen, da waren die schwarzen Blattläuse auf dem Holunderbusch Mönche, die grünen auf den Rosen- und anderen Stauden Weltgeistliche, und die Ameisen, die ihnen zuliefen, Laien, und wenn sie so aufdringlich mit den Fühlhörnern herumstrichen, so baten sie um Segen und Absolution. Ja, du weißt's, dummer Junge, dachte ich, melken tun sie sie und da weis' mir einen Pfaffen auf, der dazu still hielte! Wenn du den Spieß umkehrtest und ließest die Blattläus' die Laien sein und die Ameisen die andern, dann säh' es wie ein richtiges Gleichnis aus.

Er stromte einen ganzen Sommer herum und verstund sich zu keinem bißchen Arbeit, aber wenn ich mit Taglöhnern draußen auf der Wiese heuete oder auf dem Felde schnitt, da geschah es zum öftern, daß er unversehens aus einem Busch hervorbrach und ihnen vorpredigte: das war dem faulen Volk gerade recht, sie ließen die Arbeit liegen und stehen, scharten sich um ihn und hörten ihm andächtig zu und so 'ne ausbündige Frommheit durfte ich ihnen nicht übelnehmen. Die Mutter meinte das auch und fand sein unsinniges Daherreden recht zu Herzen gehend, jawohl und zwar kurzen Wegs, denn die Straße, die durch den Kopf führt, blieb dabei als ein Umweg seitwärts liegen.

Ich erschrak nicht wenig, sooft ich vom andern Ende des Feldes her meinen Bruder anheben hörte: »In der Zeit sprach der Herr Jesus zu seinen Jüngern...« Ei ja, der Herr Jesus sprach in der Zeit, mein Bruder Leopold aber außer der Zeit, ich merkt's, im Nu waren alle Tagwerkerleute davon; einer Arbeit gegenüber, die ihr volles Dutzend Hände brauchte, wußte ich auch nichts anderes zu tun, als die meinen in die Hosenlaschen zu stecken und zu warten, bis der dort drüben »Amen« sagte.

Am Ende war ich recht froh, als mit Herbstanfang die Mutter und der Vormund ihn zwischen sich auf den Wagen nahmen und nach dem Seminar fuhren. Ich gab ihm die Hand und sagte: »Poldel, bleib brav, auch wenn du ein Pfaff' wirst!«

Er lachte und damit fuhr er hin.

Sein sollte es einmal, er hatte kein Bang und ging blind auf ein Ziel los, von dem er so viel wußte, als eben ein Schuljung' davon wissen konnte. Es war besser nichts zu sagen und ihn bei Courage zu lassen. Ich mein' immer, darauf sollte man keinen lernen lassen, wie aufs Tischlern, Weben und Schneidern. Ei ja, was den Pfarrer in der Kirche ausmacht, das mag einer auf die Art wegkriegen, aber wenn ihm eines gerannt kommt, das in seinem Herzen kein heiles Fleckel mehr hat, und schreit: »Jetzt hilf du!« da muß er sich auswissen, die wundeste Stell' muß er herausfinden und gleichschalten muß es, als langt' er in' Himmel, faßte des Herrgotts Hand und legte sie auf das Gebrest. Das läßt sich nicht erlernen. Ich lob' mir meinen Pfarrer weit da drüben im Gewänd', den alten eisgrauen Mann, der erst mit der Welt fertig geworden ist, eh' er sich hat weihen lassen.

Nun, wie auch – der Mensch ist einmal so töricht, verlauft etwas hundertmal im Gleichen, da merkt er wohl, das war' so Regel auf der Welt, kommt ihm aber die Regel ins eigene Haus, so hofft er auf eine Ausnahm'. Der Arzt kann gleich siech sein wie der Kranke und doktert doch nicht an sich selber herum.

Hält' ich's damals wissen können, welch' Weges der Jung' eigentlich dahinfährt, ich hätt' als sein bluteigener Vormund den andern und die Mutter vom Sitzbrett gejagt und ihn bei mir behalten.

Sechzehn Jahr' hat er damals gehabt, und unsre Mutter war im umgekehrten Alter, das heißt, bei ihr ging der Sechser voran und der Einser hintennach. Wenn sich ab und zu eine Gelegenheit schickte, fuhr sie in die Stadt und sah im Seminar nach, wie es mit dem Poldel vorwärts ginge und ob er nicht schon einen kleinen Ansatz zu einem Heiligenschein hätte, wär's auch nur ein Fünkchen wie von einem Johanniskäferl, natürlich auf dem Kopf und nicht da, wo's diese Würmer haben, bei denen es auch gar nichts Heiliges zu bedeuten hat.

Zwei Jahr' war er vom Hause weg gewesen, da bettelte ihn die Mutter auf ein paar Tage los, brachte ihn zu uns, und da hab' ich ihn das erstemal wieder zu Gesicht bekommen. Zur selben Zeit befand sich auch eine entfernte Verwandte bei uns auf Besuch, ein dralles Stück Weibsbild, die Lustigkeit und die Gesundheit selbst, zu der hielt sich der Bursche am liebsten. Trotz seiner achtzehn Jahre sah er noch kindisch genug aus, und das machte er sich zunutze, kälberte mit ihr, und die zweimal so alte Ursel lachte über den »klein' Vetter Poldel«, wie sie ihn nannte, ich aber dachte mir mein Teil.

Weiß nit, wann es gewesen, als er seine erste Mess' las, aber Wägen waren nit genug im Ort aufzutreiben, alle, die ihn kannten, wollten dabei sein. Das hat also die Alte noch erlebt, auch das noch, daß man ihn in einem nahen Kirchsprengel einem kranken Pfarrer zur Aushilf' zuteilte. Nun war er ein richtiger Geistlicher, und dazu hatte er es in acht Jahren gebracht und gerad' in diesem achten Jahr legte sich die Mutter hin und starb. Zuletzt hat sie mir noch etwas sagen wollen – vielleicht wer Vater zu dem Poldel gewesen –, aber sie vermocht 's nimmer, und das war mir auch lieber, ich hab' es ihr nie antun mögen, daß ich dem nachgefragt hätt'- und einen Lumpen oder 'ne Letfeigen mehr auf der Welt zu kennen, um das war mir's nit zu tun.

Beim Begräbnis der Mutter war der Le'pold zugegen, auch die dralle Bäuerin war da, und etliche Dirnen, mit denen er seinerzeit barfuß durch die Stoppeln gelaufen, drängten sich an ihn, beileidshalber war ihr Vorgeben, wollten aber eigentlich nur hören, daß er sich ihrer noch entsinne. Er wich einer jeden scheu aus und gab keiner die Hand, wie zutulich sie sich auch gehaben mochte. Sonst immer hat er ausgesehen wie Milch und Blut, jetzt hatte er ein ungesund' Wesen, keine Farbe, eingefallene Wangen, und die Augen lagen ihm tief drin, er sturte damit nach dem Erdboden und hielt keinem fremden Blick stand. Mir gefiel's nicht. Als er nach der Leiche auf den Wagen stieg, faßt' ich seine Hand und sagte: »Was ist dir, Bruder?«

»Nichts«, sagt' er.

»Es dürft' dir doch was sein«, meinte ich.

Da verzog er das Gesicht, als sollte das gelacht sein, sagte noch mal, ihm wäre nichts, und setzte hastig hinzu: »Willst nicht einmal hinüberkommen nach Rodenstein auf unsere Pfarre? Es ist hübsch dort.«

»Werd' schon kommen«, sagt' ich. »Behüt Gott. Bruder!«

»Behüt Gott, Martin«, ruft er und fährt seines Weges.

Sonntags darauf bered' ich meinen ältesten Knecht, daß er heimbleibt und das Haus hütet, und geh' hinüber nach Rodenstein. Nun, es ist das ein gut' Stück Weg, und wenn man einmal, den Wald durch, zu höchst angestiegen ist, so geht er etwa eine Viertelstund' lang unter lauter Weißbirken dahin. Es ist mir das kein lustiges Holz. Wo es sein recht' Gedeihen hat, da ist der Boden locker, die Stamm' stehen einschichtig empor, die Sonn' brennt durch das wenige Laub und die weiße Rinde sieht aus wie gebleichtes Bein. Den Tag traf ich's gar übel, morgens war ein Strichregen niedergegangen und jetzt stachen glühheiße Sonnenstrahlen von einem Himmel nieder, der keine Farb' annehmen wollte, wie unter einem Schleier lag alles, aus der Erd' stieg ein Brodem auf, daß man in Schweiß und mit halbem Atem sich vorwärts mühte.

Freilich hätt' es mich fünf Viertelstund' Umweg gekostet, wenn ich unten um den Berg hätt' herumgehen wollen, aber dort führte ein Steig durch den Wald, beidseitig stand junges Holz und verästelte sich oben untereinander, daß man wie in einem Laubengang dahinging. Nun war ich aber einmal oben und dachte, Gott behüte jeden Christenmenschen vor einem birkenen Lebensweg, und es überkam mich wie eine Ahnung, ob nicht etwa mein Bruder auf einen solchen geraten wär' und sich seitab davon viel besser befinden möcht'?

Du lieber Gott, wieviel Dinge auf der Welt erwecken in dem Menschen ein Verlangen nach ihnen, und das kann bis zur unvernünftigen Begier anwachsen, daß sich einer dann nimmer aus noch ein weiß. Da stehen allen voran für die Burschen die Dirnen und für die Dirnen die Burschen. Hatt' auch mal einen Schatz, war mein Gespiel von Kind auf, und wir beide waren noch was zu blutjung, um ernstlich zu meinen, wir könnten's ernst meinen: aber wie sie mir einst vor meinen Augen im Weiher ertrunken ist und wie ich an ihrer Totenbahr' die lange Nacht über gesessen bin, wie sie lag, lang, bleich, kalt, die frohgemuten Augen eingefallen unter den halb zugedrückten Lidern, da hab' ich mir's ein für allemal bedeutet sein lassen. Noch hab' ich meinen Schatz, denk' nicht, ich hätt' ihn in die Erde gelegt: denn ich hab' sie mir nachmals immer vorgebildet, wie sie gelebt hat, so frisch an Farb' und Aussehen, so manierlich von Hand und Gebärd' und so tänzlich und hüpferisch in Schritt und Gang. Hab' nichts von ihr behalten als das Anschauen und hab' mich seither auch an allem und jedem damit begnügt. Verlang mehr, schon hast du Neid und Ungunst im eigenen Herzen, oder in fremden wider dich, laß dich ein, und es gibt schon Ungelegenheit, alles hat man im Anschauen, wenn man nicht eines für sich will, eines kann man auch wieder verlieren, aber alles haltet aus. Das ist mir gekommen von selbst, hat mir niemand gesagt: Du sollst nicht verlangen! Hat mir niemand gesagt: Du mußt entsagen!

Sag' ich einem: Sei zufrieden! Ei, so mach' ich ihn selber darüber grübeln, daß er etwa Ursach' hätt', es nicht zu sein, und grübelt er rechtschaffen, so findet er wohl bald eine heraus. Sag' ich einem: Entsage! Da mahn' ich ihn daran, daß er ein Verlangen haben könnt', und mag er bis zur Stunde keines gehabt haben, es wird sich einstellen. Ich bildete mir lange ein, keines zu haben, weil ich mich mit dem Anschauen zufrieden gab', aber da fiel mir ein, eben danach stund' mein Verlangen, ich braucht' nicht einmal das Augenlicht zu verlieren, nur in einer unschönen Gegend hausen zu müssen, wo mir unsaubere Leut' unter den Augen herumliefen, so war' mir das Leben verleidet. Nein, dem Verlangen entgeht keiner im Leben, und dem Entsagen kommt er nicht aus, und keine Lehr' und keine Predigt hilft dagegen oder dafür. Die Welt ist nicht da zum Verlangen und die Welt ist nicht da zum Entsagen, sie ist da – mein' ich – zum Arbeiten, und was einem zwischen Begehr und Verwehr werden mag, das soll man ihm nicht neiden und nicht verleiden.

Nun sitzt der jung' Mensch da unten auf der Pfarr' und weiß von all dem so viel wie ein zweitägiger Hund von der Farb', die sein Balg hat.

Ich kam nach Rodenstein, mein Bruder war noch in der Kirche, so ging ich dahin und sah ihn auf der Kanzel stehen und hörte ihn predigen.

Er wetterte gar nicht schlecht von Höll' und Teufel und mocht's schon eine Weile so getrieben haben, denn die Leute saßen alle da, als ob ihnen himmelangst wäre. Ei, du mein hochwürdiger Herr Bruder, dacht' ich, hebst du es auch beim verkehrten Ende an? Machst du auch die Leute fürchten? Furcht und Sorg' haben die so genug aus erster Hand, von Zeit ab, wo sie das Feld bestellen, bis wo sie die Ernte unter Dach bringen und darüber hinaus. Gibt's ein gesegnet Jahr oder Mißwachs? Kommt Frost, Schauer, Fäulnis, Dürre und Brand, oder bleiben sie davon? Und wenn, drückt der Überfluß die Preise oder schnellt sie der Wucher in die Höhe? Nein, Bruder, fürchtenshalber möcht' ich auf keiner Pfarre sitzen, Trost brauchen die Leute, guten Mut solltest du ihnen machen; wer hier auf Erden sein' Tag' nicht froh werden mag, der bleibt wohl auch im Himmel ein trauriger Narr.

Und dann redete er weiter im Texte von dem Teufel als Verführer und von all den seinen bösen Eingebungen. Ach, laßt alle Versuchung jedem aus dem eigenen Heizen aufsteigen, mit dem kommt er wohl zurecht und ringt es ihm ab, daß es noch zu letzter Stund' sich vom schlimmen Wege kehrt, setzt ihm aber keinen Teufel, der ihm überlegen ist und dem er alles Verschulden in die Schuh' schieben kann, zur Ausred'! Und als ich den Jung' so anhörte, wie er zu sagen wußte, was all für üble Gedanken dem Menschen kommen und wie sie ihn meistern können, da schüttelte ich den Kopf und dachte mir: Wenn du es anders woher als aus deinen Büchern hast, dann magst du dich nur selber fleißig bekreuzen und segnen!

Daran scheint er aber nicht gedacht zu haben, denn zum Schluß hat er noch ein groß' Geschrei erhoben, mit den Fäusten auf der Kanzel getrommelt und allen zusammen gedroht, der Teuxel werde sie holen – und die Leute haben dazu »Amen« gesagt. Ich hab' mir sagen lassen, das hieße auf deutsch: »So soll es sein!« Nun, wenn sie das zufrieden waren, dann gab es auf keinem Fleck der Welt einen unnützeren Menschen als meinen Bruder Seelsorger zu Rodenstein.

Als er von der Kanzel herabgestiegen war, drängte ich mich durch die Leute nach der Sakristei, dort ließ er sich das Chorhemd über den Kopf wegziehen. Wir gingen dann nach dem Pfarrhof, der lag ein klein wenig seitab hinter der Kirche, die frei auf dem Platze stand.

Es war noch nicht Essenszeit, so gingen wir denn eine Weil' im Garten auf und ab. »Nun«, sagte mein geistlicher Herr Bruder, »du hast mich heut mal wieder von der Kanzel gehört, mach' ich dir's nun besser zu Dank, wie einstmal auf dem Feld?«

»Hm«, brummte ich, »könnt's nicht sagen, damals war's Kindspiel mit großen Leuten, heut scheint's mir Leutspiel mit großen Kindern.«

»Du Krittler«, lachte er. »Nun, Gedanken sind zollfrei, nur laß dir davon nichts merken.«

»Nein«, sagt' ich, »das bin ich nicht willens. Ich werd' meines Bruders Gewerksweis' nicht verschimpfieren, möchtest du was immer für eine haben; wärst du beispielsweis' ein Schuster und ließest das ganze Dorf in engem Schuhzeug herumhinken, ich sagte nicht: ›Mein Bruder ist ein schlechter Schuster!‹ Aber da darauf möchten wohl die Leute von selbst kommen. Was predigst du auch gerade so, wie du tust?«

»Ei«, rief er ärgerlich, »lehr du unsereinem Bauern predigen!«

»So, so«, sag' ich und deut' ihm nach dem Fleck, worunter einer das Herz sitzen hat. »Du holst es also nicht von da heraus? Meinst du auch mit ausgetüpfeltem Wesen und gemachtem Wetter den Leuten in die Seel' hineinreden zu können? Ei, was doch euer einer sich wohl vorstellt, das die Leute für eine Seel' hätten?! Das ist mir ein stolzer Hammel, der nicht immer vorläuten will, und die Glock' gern zeitweis' in den Sack schöb', hätt' er einen. Bald werden alle so gescheit sein wie du, und du wirst ausgetüpfelte Sittenlehr' und gemacht' Christentum haben, soweit dein Sprengel reicht.«

Darauf legt er mir die Hand auf die Achsel und sagt: »Martin, das verstehst du nicht. Sag mir lieber, warum ihr Bauern es nicht der Gräfin von Thurnschart nachmachen wollt, die zwar in der Umgegend die närrische Gräfin genannt wird, aber ihre Felder so bewirtschaftet, daß sie auf magerem Grund des Jahres zweimal erntet.«

»Die närrische Gräfin«, sag' ich darauf, »hat leicht zweimal fechsnen, und wenn wir mehr auf einen Acker wenden wollten, als er trägt, dann träfen wir's auch. Aber, Bruder, das verstehst du nicht.«

Da schreit auf einmal eines: »Angericht' is!« Und unweit auf dem Gartenweg steht ein Frauenzimmer, so groß und stark, daß es für drei von gewöhnlicher Art ausgereicht hätt', hat auch ein dreifach Kinn gehabt. Mag einmal eine saubere Pfarrerköchin, gewesen sein, jetzt war sie nur Köchin auf der Pfarre, von Sauberkeit hätt' man ihr nichts nachsagen können. Hinter ihr ist ein langes, spindeldürres Ding dahergeschossen kommen, ein Dirndl, etwa sechzehn Jahr' alt, hat im Gesicht gelb und ganz verhutzelt ausgesehen, nur ein paar Augen brannten ihr darin, und die warf sie herum wie ein Falk'. War das einzige an ihr, was sie mit Vorteil gebraucht hat, denn mit Händen und Füßen hat sie sich nicht zu lassen gewußt, da täppte und läppte sie damit, so eckig und unbeholfen, daß es ein Jammer war.

Wie die Dicke sieht, daß mich mein Bruder nicht verabschiedet, sondern an der Hand faßt, kommt sie näher, und der Leopold sagt zu ihr: »Wir haben heut meinen Bruder Martin da.«

»Je, der Bruder Martin«, sagte sie. »Nun, versteht sich, daß er mitkommt auf einen Löffel Suppe.«

Ich mein', es tät' sich nicht schicken, daß ich jetzt mit zu Tisch käm', wo der Herr Pfarrer gar nit um mein Anwesendsein gewußt hätt', aber die andern sagten mir, der wär' gar nit dabei, der läg' krank.

»Macht's wohl auch nimmer lang«, sagte die Dicke und blinzelte meinem Bruder zu, und das Dirndl lachte vor sich hin.

So sind wir all' viere, wie wir waren, in das Pfarrhaus gegangen und haben uns zu Tisch gesetzt. Ich brauch' wohl erst keinem zu sagen, daß es den Tag mein Schnabel gut hatte, denn in einem Pfarrhaus ißt man nicht schlecht und nicht wenig.

Abends, wie ich bereit war zu gehen und mein Bruder, mich ein Stück Weges zu begleiten, nimmt mich die Dicke bei der Hand und führt mich ein wenig zur Seite. »Der Alte lebt nur mehr von heut auf morgen«, sagt' sie, »und dann soll es dein Bruder gut bei uns haben: sie werden ihm sicher die Pfarre geben, denn sie sind mit seinem Eifer recht zufrieden.«

Mit seinem Höll'- und Teufelseifer? denk' ich. Nun ja, wenn nur die Herren mit ihm zufrieden sind. – Sag' zu der Pfarrköchin, daß ich doch auch was rede: das wär' mir alles recht lieb zu hören. Damit wenden wir uns, und ich seh' die spindelige Dirn mit dem Leopold flüstern.

Wir gingen, und als wir Rodenstein hinter dem Rücken hatten und auf das freie Feld kamen, sagte ich: »Geht es deinem Pfarrherrn wirklich so schlecht?«

»Sehr schlecht«, sagte mein Bruder.

»Sag mir«, fragte ich weiter, »ist das dicke Weibsstück durch ihn auf den Pfarrhof gekommen?«

»Ja«, antwortete er, »die ist seinerzeit mit ihm gekommen, und er haust mit ihr seit fünfzehn Jahren.«

»So«, sagt' ich, »und wer ist denn das klebere Dirndl?«

»Ihre Tochter«, bescheidet er mich.

»Ist sie denn als Witwe bei dem Pfarrer in' Dienst eingestanden?« frag' ich ganz dumm.

»Nun«, schmunzelte mein Bruder, »du mußt gerade nicht alles wissen.«

»So, so«, sagte ich, »nun begreif ich freilich, daß sie sich noch gewichtiger macht, als sie schwer ist, und das will bei ihr was sagen. Sie tut ja just, als hätt' sie die Pfarre in Bestand und den jeweiligen Pfarrherrn dazu. Sagt' sie mir doch, du würdest für sicher darauf kommen, und meint dann auch ihrteils darauf verbleiben zu können.«

»Sie denkt sich halt aus, was sie wünscht«, brummte Leopold.

»Ja«, sag' ich, »und würd'st du sie denn bei dir behalten wollen?«

»Ei«, sagte er, »das ist leeres Stroh gedroschen, ich kriege die Pfarre ja doch nicht.« Und dabei sah er aus, als wäre er bei dem Gedanken, sie nicht zu kriegen, getroster, als bei dem, daß sie ihm werden sollte.

Unter den Reben waren wir zur Brücke gekommen, die über den Rodensteiner Mühlbach führt, von da an sollte mein Weg allein gehen. Hundert und einige Schritte weiter, den Berg hinauf zu, lag die Mühle, wir sahen durch das Laubwerk das weiß' Gemäuer hervorschimmern, das Rad hatten sie gestellt, es war nichts zu hören als das Rauschen des Wassers und einzelner Vogelruf, vor uns am Himmel hing der Mond, eine schmale, kaum sichtbare Sichel, und hinter uns standen tiefrote Wolken über der Sonne. Ich kann nicht immer darauf achthaben, was die Welt um mich für ein Gesicht macht, aber da konnt' ich's gerade, und es kam mir alles so friedsam vor, daß ich lange stillstand, so sacht Atem holte, daß sich mir kaum die Brust hob, und dachte, das Leben wär' doch eigentlich gar ein einschmeichelnd' Ding.

Als ich meinem Bruder die Hand darreichte, verspürte ich die Bretter unter mir leicht schüttern, merkt', da käm' eines von entgegengesetzt über die Brücke, eh' ich mich aber umsehen mag, wer es ist, daß ich ihn vorbeilasse, seh' ich meines Bruders Augen groß werden und die wenige Röte, die er hat, ihm ins Gesicht sieigen, ich wend' mich also, und vor uns steht eine Dirn', wie ich aus Gruß und Dank erfahr', desselbigen Müllers Tochter und Marie-Lies' geheißen.

Ja, das war 'ne Dirn'! Jed' Glied wie gedrechselt, wellig bauschte sich das goldgelbe Haar über der Stirn auf und fiel rückwärts in schweren Zöpfen herunter, aus großen, kornblumenblauen Augen hat sie ebenso klug wie treuherzig in die Welt geguckt, die Nase war ein ganz klein wenig oben gebogen und stand unten gar zierlich rundrandlig weg, ihr Mund war gar lieb, nicht größer und nicht blässer wie eine Kirsche, das ganze Gesicht so weißrot wie eine gesunde Apfelblüh', nicht rund als wollt's die Backen sprengen und nicht eingefallen, am Kinn hat sie ein Grüberl gehabt und auf einem Hals ist das Köpferl gesessen, der war so drall und doch so bewegsam –, ei ja, wenn mir's nur beifiele, wie der war! Aber so geht's, wenn sich so ein alter Schüppel wie ich darauf einlassen will, eine junge Dirn' zu beschreiben: aber ich vergess' es all mein Lebtag nicht, wie Müllers Marie-Lies' zu Rodenstein ihrzeit ausgesehen hat.

Nun, damal hat sie an ihrer Schürze ein wenig gedreht und gesagt: »Hochwürden, weil du schon da bist, willst nicht ein wenig zu uns hinein ins Haus kommen? Meine Eltern möchten sich freuen.«

Da hat er mir die Hand gedrückt und ist ohne ein Wort still mit ihr dahingeschritten auf dem Weg, der zur Mühle führte.

Ich hab' ihnen beiden nachgesehen, bis sie hinter den Bäumen verschwunden waren, und bin dann ausgeschritten. Ich weiß es nicht, was es war, aber es wollte mir den ganzen Weg über nimmer so froh werden, wie mir's gerade noch vor wenig Augenblicken gewesen war. Als ich auf der Anhöhe durch den Birkenwald ging, der jetzt in vollem Mondlicht lag, daß alle Stämme gleißten wie verkalkte Knochen, da fiel mir wieder mein Bruder ein und der birkene Lebensweg. Ja, da muß die Sonne schon hinunter und die Nacht kühl sein, wenn man da ohne Beschwer gehen will.

Der alte Pfarrer von Rodenstein hatte zwar nur von heut auf morgen zu leben, aber er teilte sich's so genau ein, daß er noch gut drei Wochen damit ausreichte und erst in der vierten starb. Zu seinem Begräbnis wurde ich von meinem Bruder eingeladen, ich ging hinüber und sah mir's an. Die dicke Pfarrköchin fuhr sich ein paarmal mit dem Sacktuch übers Gesicht, und die spindelige Pfarrdirn' warf wenigstens ihre Augen nicht, wie sonst, herum.

Mein Bruder segnete die Leiche ein. Es ist zwar sonst nicht Brauch bei uns Katholischen, daß man einem ins Grab nachredet, aber der Bruder meinte, es würd' die Gemeinde erbauen, wenn er ein paar Worte über den Seligen sagte, und so standen die Leute um das offene Grab her und Leopold zu Häupten und hielt eine Ansprache.

Anfangs schaute er in die Grube hinunter nach dem Sarg, als er aber das gute Beispiel, das der Verstorbene gegeben hatte, den Umstehenden ans Herz legen wollte, hob er den Blick und sah auf uns; mit einmal, mitten in der Red', blieb er stecken und fand sich erst mit Müh' weiter in seinem Text. Ich hatte gleichzeitig scharf aufgelugt und wußte, was es war. Unweit von ihm stand Müllers Marie-Lies', sie hörte andächtig zu und ließ kein Auge von ihm, gerad als hätt' er ein Empfinden davon, blickte er hastig nach der Richt', steht Aug' in Aug' mit ihr und vergißt auf das zweitnächste Wort.

Es war hoch am Mittag, als wir auf dem Pfarrhof zurücktrafen, der war heut was aus der Ordnung gekommen, und wir mußten mit der Mahlzeit zuwarten, so trieben wir uns denn im Garten herum. Mein Bruder lehnte sich zwischen den Büschen über den Zaun, und sein Schatten fiel über den schmalen Rasenstreif, der außen hinlief, und über den Fußsteig neben.

Leute gingen vorüber – immer eins hinter dem andern – und grüßten, es kam auch der Müller, die Müllerin und, als dritte der Reih' nach, Marie-Lies', die trat an den Zaun und setzte dabei die Füßchen gar sorglich, um dem Schatten meines Bruders nicht auf den Kopf zu treten. Sie zeigte ein wenig die weißen Zähne und die Grübchen in den Wangen und sagte: »Ich hab' dich heut verwirrt gemacht, hochwürdiger Herr. Verzeihst schon, aber ich hab' daran nicht gedacht, und ich will dich nimmer so angaffen.«

Er meinte, das hätte nichts zu bedeuten.

»Nein, nein«, sagte sie, »nit um alle Welt möcht' ich ein Gered' unter den Leuten, jetzt, wo du wohl der nächste zu der Pfarre bist und es dir schaden könnt.«

Er schüttelte den Kopf.

»Man sagt es«, meinte sie, »und nur davon soll man reden und weiter nichts zu sagen wissen. Wenn ich dir nicht zu gering bin für einen Rat, so möcht' ich dir wohl einen geben.«

»Nun, Marie-Lies'?« sagte er und faßte sie an der Hand.

Die drückt sie ihm, zieht sie aber dann hastig zurück, neigt sich gegen sein Ohr und wispelt ihm zu: »Mit denen da am Pfarrhof laß dich nit ein.« Und weg war sie.

Wovor läuft sie mit einmal weg? denk' ich. Ich wend' mich um und seh' die Pfarrdirn' knapp hinter uns stehen. Wie ich mir das magere Ding betracht', das so unhörbar angeschlichen gekommen ist, dünkt mich's nicht anders, als sie glich einer ausgehungerten Katz'.

Die Hände hat sie geballt gehabt und an den Hüften niederhängen lassen, aber allfort hat sie damit weggezuckt, als hätt' sie den Krampf darein, und wär' ich nicht neben gestanden, ich denk', sie hätt' meinem Bruder die Fäuste gewiesen. Ihre schwarzen Augen waren etwas feucht, aber die Augenbrauen zornig zusammengezogen. Einen Schritt tut sie nach meinem Bruder und hebt die Hand mit ausgespreit'ten Fingern, als wollt sie ihn in den Arm kneipen, und tief aus der Brust herauf holt sie's, wie sie sagt: »Gelt, das war wieder die Müllersdirn'?«

»Ja«, sagte er und kehrte ihr den Rücken.

Einen Augenblick hat's ausgesehen, als wollt' sie ins Schluchzen ausbrechen, dann aber lacht sie – es klang nit anders, als wie wenn eine Katz' bläst –, zeigt zwischen den Zähnen die Zungenspitz, kehrt sich ab und dreht die Ellbogen hinten h'naus.

Ich bin mit großen Augen dagestanden, die Frag' ist mir schon auf der Zunge gelegen, wie die Katz' dazu käm, sich gegen meinen Bruder so gebärden zu dürfen, er muß mich aber erraten haben, legt mir die Hand auf die Schulter und sagt: »Wenn du mich lieb hast, Martin, darüber kein Wort!«

Bei Tisch ist's diesmal recht still hergegangen, und wie ich mich später auf den Heimweg mach', und mein Bruder, um mich zu begleiten, hinter mir aus dem Haus treten will, hält ihn die dicke Alte am Ärmel zurück, zieht ihn in eine Ecke, und da haben sie beide eine Weile zusammengezischelt und dabei mit den Händen herumgefochten. Ich hab' davon nichts hören können, nur End' zu sagt die Alte lauter: »Du kannst sie ja doch nicht haben und glaub' auch kaum, daß sie dich wird haben wollen.« Darauf tuscheln sie noch eins hinüber und zurück, und dann sind wir gegangen.

Da ich gerad das nit Red' haben sollte, was ich gern zur Sprach' gebracht hätt', so stapften wir ohne viel Plauderns den Weg nebeneinander her und beredeten, daß der Feldmohn rot war' – und die Kornblume blau – und wie einer, der heuer Buchweizen baute, sich verrechnet haben dürft' – und wie die Menschen auf der Welt gemeinteils Gesindel wären –, alle Viertelstund' so ein Gesetzel, wobei das Maul leiert und das Ohr feiert, weil man seinen eigenen Gedanken nachhängen will.

Wieder an der Mühlbachbrücke haben wir uns die Hände gereicht, ich bin vorwärts der Straße nach, er ist aber nicht zurück ins Dorf gegangen, sondern seitab der lautklappernden Mühle zu.

Das war das zweite und letzte Mal, daß ich meinen Bruder zu Rodenstein besuchte. Bis der Entscheid kam, saß er freilich dort so warm wie ein richtiger Pfarrer, und zu so einem machten sie ihn auch, aber Rodenstein schien doch ein zu fetter Bissen für so junge Zähne, die sollten erst hart' Brot kauen; und so setzte man denn einen ältern geistlichen Herrn darauf, und mein Bruder kam paar Meilen weiter ins Land auf ein kleines Dörfel. Das schrieb er mir und schrieb mir's so kurz und gerad'zu, daß ich dachte, er hätt' damal wohl nur den Gleichgültigen gespielt, als von der Rodensteiner Pfarr' die Red' gewesen, und jetzt hinterher wurmte es ihn gewaltig, oder er schämte sich, daß es damit nichts geworden. Nach diesem einen Schreiben hörte und sah ich nichts von ihm drei volle Vierteljahr lang.

Da kommt mir eines Tages ein Brief ins Haus – Krakelfüße, wie sie Hühner in den Sand scharren –, und ich entnehme daraus, mein Bruder läge schwer krank und wünschte mich zu sehen.

Über Hinfinden, Verweilen und Rückfahren konnte wohl ein Tag vergehen, ich überlegte nicht lange, sorgte für unterweile Ordnung im Haus und fuhr nach Weißenhofen, so hieß der Ort.

Rauh war's dort, rauhe Luft, rauher Boden, rauhe Leut'. Das Dörfel lag auf einem Berge, ein Dutzend Häuser etwa, der steilen Straß' entlang, das war alles, und darüber weg guckte vom Bergkamm die Kirche weit ins Tal. Ich hab' mich oft gewundert, daß Kirchen einsam im Land verstreut liegen, in welchen die ganze Gemeinde Platz fänd, trüg auch jeder, wie eine Schnecke, sein Haus auf dem Rücken mit. War da einstmals eine Stadt herum, oder sollte eine werden? Wer kann's sagen? Waren es vergessene Gnadenorte, von denen mit der Zeit Wunder und Wallfahrer weggeblieben sind, die einen oder die andern vorerst und zuletzt alle beide? Wer weiß es?

Gerad so eine übermächtig große Kirche war die Weißenhofner. An der einen hohen Seitenmauer, rechts vom Eingang über Eck', war das Pfarrhaus angeklebt wie ein klein' Vogelnest unt' an einem Steinblock und war nur ein ganz winzig Gärtel, nach vorn heraus, dabei. Es mocht wohl auch da auf der Höhe nicht viel Wachstum leiden.

Das ist ein arm' Pfarrhäusel gewesen, das nämliche, dem ich zugeschritten bin, hat zwar ein Stockwerk aufsitzen gehabt, war aber alles so nieder und gedrückt, drei kleine viereckigte Guckerln oben, unten zwei und an des dritten seiner Stell' die schmale Tür; wie ich die auftu', ist das erste, was ich sehe, die dicke Pfarrköchin von Rodenstein und das zweite die ausgehungerte Katz'. Es wär' schön, daß ich gekommen, sagten sie. Die Alte bedeutete mir, mein Bruder läg' zwar rechtschaffen danieder, aber ich möcht' ihn nur fragen, ob er nicht all gute Pfleg' und Wartung hätt'. Und die Junge hüpft auf mich zu, schlägt mir in die Hände, als wären wir allzeit her die besten Freunde gewesen, und sagt: »Ich hoff', wir kriegen ihn bald wieder aus dem Bett, krank ist mir jedweder zuwider!«

Und nun werd' sie ihm's sagen, daß ich da wär'. Damit schießt sie die kurze Treppe hinan und wirft hinter sich zwei Türen ins Schloß, daß ein Gesunder dazu hätt' fluchen mögen.

Ich frag' indes die Alle, ob sie denn da heroben ganz allein wären, ob niemand kam', Nachschau halten?

Sie sagt darauf: sie wären wohl die meiste Zeit tagüber allein, aber gegen Abend käm' der Holzschnitzer aus 'm Ort herauf, der hätt' das Läuten über und tät' auch ministrieren. Wenn was nötig sein möcht', so säh' der dazu.

»Ei«, sag' ich, »kann denn der Bruder noch Mess' lesen?«

»Wohl«, sagt sie, das hätt' er bis jetzt noch Tag für Tag getan; von seiner Stube aus ging eine Tür auf einen kurzen Gang, über den wär' er mit paar Schritt' auf der Kanzel und – die Treppe hinunter – mitten in der Kirche.

Nun will sie just ein langes und breites anheben, wie das dem Bruder nur möglich war' bei all der guten Pfleg' und Wartung – aber da poltert die Junge herunter und sagt, der Leopold tät mich erwarten –, so sag' ich, sie soll das Schnattern für später sein lassen, und steig' langsam die Stiege hinauf. Ich mach' die Tür oben auf und komm' in ein kleines Kammerl, das voller Gerümpelwerk steckt, dann tret' ich an die zweite Tür und klopf' leis an, und matt, wie wenn ein verschlafenes Kind es reden möcht', sagt es drinnen: »Herein!«

Ich geh' hinein, und gerad gegenüber liegt der Leopold im Bett. Ausgesehen hat er, wie man den Christus auf 'm Kreuz malt. Ich bin dagestanden und hab' nit gewußt, was ich sagen soll, und kehre mich ein wenig um, damit ich die Tür hinter mir ins Schloß ziehe; und wie ich mich wieder aufricht' und ihm zuwend', da streckt er beide elend hagern Arme gegen mich, ein paar Schrei, tief aus der Brust herauf, erstickt es ihm, dann fängt er an hellauf zu weinen wie ein Kind. Da hab' ich meinen Hut mitten in die Stube geworfen und bin auf ihn zu.

»Jesus, mein Heiland! Leopold, was ist's mit dir?!« Hab' ich geschrien. Er aber hat mir mit seinen schmalen, schier durchscheinenden Fingern übers Haar gestrichen – war schon ein wenig graues darunter – und hat in ein'mfort gesagt: »Du bist mir wie mein Vater – Martin –, du bist mir wie mein Vater!« Und von Zeit zu Zeit hat er hinzugesetzt: »Verzeih mir!«

Ich aber hab' mir mit keinem Wort vermerken lassen, wie mich sein Hausstand betroffen und sein Aussehen erschreckt hat.

Und wie er wieder ruhiger worden ist, da hab' ich meine Arme müssen über seiner Bettdecke liegen lassen, und er hat mir meine rauhen Pfoten gedrückt und gestreichelt, die Händ' – hat er gesagt –, die ihm als kleinem Bub'n Brot erarbeitet hätten.

Da hab' ich mich zusammennehmen müssen, daß ich nicht wein'!

Auf einmal lehnt er sich zurück, schaut ganz heiter und sagt: »Ich möcht' wohl auch lieber solche Händ' haben.«

»Nun«, sag' ich drauf, »an denen ist doch nit viel Sauber's!«

Ein ganz klein wenig verzieht er den Mund zum Lachen, neigt sich was zu mir und sagt leis: »Du verstehst mich nit, Martin. Ich will dir was sagen, – Geistlicher hätt' ich nit werden sollen.«

Eine Weil' waren wir allzwei still, dann hat er wieder angehoben: »Martin, niemal hält' ich dann die andern kennengelernt«, – er hat nur die Hand ein wenig gehoben und keine drei Finger an ihr bewegt, und doch hab' ich wohl gewußt, wen er mit den »andern« meint – »niemal hätt' ich die andern kennengelernt, und nach der Rodensteiner Mühl' hätt' ich vielleicht doch hingetroffen, und es wär' alles gut geworden.«

»Denk nicht daran«, sag' ich. Darauf waren mir wieder eine Zeitlang still, mit einmal fragt er: »Weißt du, daß sie geheiratet hat?«

»Die Marie-Lies'?« entgegn' ich.

»Die Marie-Lies'«, sagt' er vor sich hin und weiter zu mir: »Martin, du machst dir keinen Begriff, wie hart einer lauft, der in einem Sack steckt, da kostet's rechtschaffen Müh, sich aufrecht zu halten, komm ihm noch mit Schlingen, so fällt er dahin. Für mich war die Kutte so ein Sack. Frei lüftig in Kniehosen wär' ich wohl mit allen andern einen Weg gegangen, so lieg' ich jetzt abseit von allen, keinem zu nutz und mir selber gram. Bruder – schreit er – ich bin unversehens, wie Wild in die Fanggrube, in die Schand' geraten, und ich hab' mich ihrer geschämt, wie vielleicht nit der ärgste Sünder dessen, was er mit Vorsatz und aus Bosheit getan. Ich wär' auch nit darin verblieben, hätt' sich nur fürs erste alles verheimlichen lassen, daß sich keines scheut, mir die reine Hand zu reichen, an der ich mich herausfind' und wieder der Welt und allen angehören mag; aber das wußten die andern recht gut, und die wollten mich für sich, und darum haben sie sich ohne Scheu und Scham gebärdet, daß bald alles offenbar war für ganz Rodenstein, vom Forsthaus an dem einen End' bis zur Mühl' am andern! Von da an hab' ich kein freundlich' Aug' mehr gesehen, und die blauen, ja, die blauen, die sind mir zu Trutz immer abgewend't geblieben. Und weil sie mir bös war, ist sie mit einmal einem gut geworden, den sie früher nicht hat ausstehen mögen. Die Leute haben die Köpf' geschüttelt und ihr wenig Gutes prophezeit. So ist die Zeit herangekommen, wo ich hierher auf die Pfarre mußte. Auf mir lag, was bald einen zu Boden drücken kann: Ehr' und Friede waren verspielt, die, die mir's abgewonnen, hingen wie Kletten an mir, und das bißchen Sonn'schein, das mir im Leben geworden, sollte ich in Rodenstein dahinten lassen, – als aber die Sorg' um sie, der ich's verdanke, dazukam, da brach ich darunter zusammen, und da griffen sie mich auf und führten mich hierher, und ich ließ mich führen.«

Unterdem mein Bruder so redet, klopft es an und ein vierschrötiger Kerl tritt herein, sagt: »Guten Abend, Hochwürden« und nimmt einen Schlüssel von der Wand und geht damit wieder fort. Es war das der Holzschnitzer und ist wegen des Aveläutens gekommen.

Eine Weil', nachdem der gegangen, sagt mein Bruder: »Und sie hat es auch nit gut getroffen.«

Indes hebt es zu läuten an, die Weiber unten beten laut: »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft ...«, und ich stimm' oben ein. Mein Bruder hat weder laut noch im stillen mitgetan, sondern sich zurückgelehnt und starr vor sich hingeschaut.

Nach dem Läuten kommt der Holzschnitzer wieder, hängt den Schlüssel an seinen Ort und sagt: »Hochwürden, wenn du mir 'leicht was wollen tätst ...«

Mein Bruder hat den Kopf 'beutelt.

Der Holzschnitzer schaut ihn an, kraut sich hinterm Ohr und fragt: »Sollt' ich dir nit doch ein' von die andern Pfarrer da herum holen? Etwa den von Rohrhausen oder von Güldsdorf? 's sein die nächsten und ist ein Weg zu einem wie zum andern.«

»Laß mich mit Fried', Holzschnitzer-Veit«, sagt der Bruder. »Verlangt mich nach einem, werd' ich's schon sagen.«

»Ei mein«, sagt der Veitel noch unter der Tür, »der Leut' wegen sollt's halt doch geschehen, schon der Leut' wegen! Na, gut' Nacht, Hochwürden!«

»Ja, ja«, brummt der Leopold, »wir sollten wohl einer den andern abhören wie Schulbuben beim Auswendiglernen?!« Darauf verhält er sich mäuserlstill, eine geraume Weil', immer länger, und wie ich näher zuseh', liegt er mit geschlossenen Augen und schläft, da heb' ich mich sacht vom Stuhl, geh auf den Zehen über die Stube und sieig' hinab zu den Weibsleuten.

Die räumten mir für die Nacht die untere, ebenerdige Stube wo sie für gewöhnlich ihre Liegerstatt hatten. Ich wollt' es erst nicht annehmen und meinte, in der Küche war' ich gerad so gut aufgehoben, aber sie sagten, das ging' nicht an, da schliefe immer eines von ihnen, daß sie zur Hand wären, wenn etwa der Bruder was bedürft' und wenn sie für den Fall an mir vorüber müßten, so hätt' ich keine ruhsame Nacht.

Ich sagte noch, daß ich mir's aufbehalten hätt', morgen früh die Kirche anzusehen, weil ich nicht heimfahren möcht', ohne drinnen gewesen zu sein.

Sagt die Dirn, das zahle sich wohl aus. Damit gaben wir uns gute Nacht.

Mitten in der Nacht werd' ich geweckt, steht die Dirn vor mir, hat in der einen Hand eine kleine Latern' und in der andern einen großen Schlüssel.

Ich fahr' in die Höh': »Himmlische Mutter! Was ist denn geschehen?«

»Nichts«, sagt sie. »Komm die Kirche anschau'n.«

»Bist du närrisch«, sag' ich, »daß du solche Stückeln angibst? Hab' ich nit gesagt, morgen früh säh' ich sie mir noch rechtzeitig genug?«

»Geh nur mit«, sagt sie. »Die Kirch' macht sich im Mondschein viel schöner als im Morgengrau, und dann ist es just Zeit, wenn du was sehen willst, was man nur jetzt in der Mitternachtsstund' sehen kann.«

»Vielleicht gar einen Spuk?« frag' ich verdrießlich. »Dabei verlang' ich mir nit zu sein.« Mit den Worten kehr' ich mich auf die andere Seite.

Sie tut, als wollt' sie fortgehen und brummt: »Mein'twegen. Du willst also deinen Bruder nit predigen hören?«

»Predigen hören, jetzt um Mitternacht, vor leeren Bänken?« schrei' ich und bin mit einem Satz aus dem Bett. »Um des blutigen Heilands willen, da weis' mich doch zurecht ...«

»Da schau du nur selber dazu«, sagte sie. »Versäumen wir uns nit länger, es möcht' sonst zu spät werden.« Damit stellt sie die Laterne weg, legt den Schlüssel neben, daß sie die Händ' frei kriegt, wirft mir vom Sessel meine Gewandstück' zu und hilft mir hinein. So unscheniert hab' ich bald kein älteres Weibsleut' gesehen wie dieselbe Junge.

Dann faßt sie das Weggelegte wieder auf, und wir gehen aus dem Haus. Außen ist heller Mondschein gelegen, und scharf ist der Wind über die Höh' gestrichen. Die Dirn ist vor mir her, die offenen Haar' hat es ihr nach vorn geweht, sie war barfuß und hatte nichts am Leibe als ein Hemd und einen Kittel, der hat bald geflattert, bald sich um sie geschlagen, das Licht in der Laterne hat sie mit der Hand decken müssen, die hat glutrot ausgesehen, als brennte sie, wenn ich knapp hinterher trat, und war wie verloschen, wenn ich einen Schritt zurückblieb. Da kam mir die Dirn' nimmer wie eine ausgehungerte Katze, sondern wie eine richtige Hexe vor und das mehr und mehr, nachdem wir um die Ecke herum waren und vor dem großen Kirchentor standen und sie den Schlüssel in das Schloß stieß und ich so neben stand und ihr ins Gesicht sah, darauf der Mond schien,' die Zähne hatte sie aufeinander gepreßt, ihre Augen glänzten, und damit sah sie vor sich hin, gerad'aus, als ob durch das schwere Kirchentor durch.

Als wir das offen hatten, traten wir ein. Es war ein großes, schönes Gotteshaus mit reichen Altären, an den Fenstern waren – wohl von alt her – farbige Bilder, aber mit der Zeit mochten einzelne Scheiben ausgebrochen sein, und an deren Stell' gab es jetzt welche von einer Farbe oder gar weiße, so daß die Schildereien geflickt und durchlöchert aussahen.

Ich hatt' mich kaum umgesehen, so schlug die Turmuhr raßlig und hart: zwölf, indem knarrt oben an der Kanzel das Türchen, und der Leopold tritt heraus. Gerad' über, durch eine weiße Glasscheibe, ist ein heller Lichtstreif hereingebrochen, hat sich quer über die Kanzel gelegt und meines Bruders Gesicht getroffen, und ich seh', der hat die Augen geschlossen, wie schlafend.

»Jesus, Maria«, sag' ich leis vor mich hin. »Er ist mondsüchtig.« Und fass' die Dirn' am Arm und frag: »Seit wann ist er so?«

»Seit wir da sind«, fagt die. »Von der ersten Nacht, seit wir da sind, treibt er's so und immer das gleiche. Ich bin ihm nit einmal nachgeschlichen.«

Indes kniet er oben auf der Kanzel, die gefalteten Händ' vor sich auf dem gepolsterten Rand, den Kopf darüber gesenkt, gleichsam wie in stillem Gebet und zur Sammlung, wie auch vor einer Predigt üblich ist. Mit einmal erhebt er sich, beugt sich ein wenig vornüber, als waren die Kirchstühl' unten voller Leut', und die wollt' er erst mustern, dann wirft er beidseitig die Arme von sich und steht da wie einer, der sagen möcht': »Schlagt mich tot, wenn ich euch ein Ärgernis gebe, aber ich kann nicht anders!« Das hat er nun wohl nicht gesagt, aber mit einer Stimm', wie eines wohl im Traume spricht, hat er die Worte geredet: »Ich weiß von nichts!« Und dann noch einmal – die Händ' gegen Himmel geworfen und dann dargelegt, als weis'te er damit auf alles inner und umher der Kirch'. – »Ich weiß von nichts!« Danach wandte er sich um und ging.

Mich hat es kalt überlaufen. »Poldel«, ruf' ich, »so weit bist schon?«

Da lacht die Hex' hinter mir.

»Wie magst du dazu lachen?« frag' ich finster. »Willst du vielleicht auch schon wissen um 'n Glauben?«

Da sagt sie rauh: »Meinst du, ich weiß nit, daß ich ein Pfaffenkind bin? Unsereins sollt' gar nit da sein. Gäb's ein' Herrgott, sein' Gnad' ließ die Eltern nit fehlen, oder sein Zorn müßt' so Kinder vernichtigen. Aber ich denk', ich bin gerad' lang genug gewachsen, daß ich dir bis unter die Nase reich', und so kann ich wohl nit übersehen worden sein.«

Am andern Morgen treff' ich meinen Bruder recht schlecht, den Tag hat er keine Messe lesen können. Ich weiß nit, ob er um sein Schlafwandeln gewußt hat, ich hab' mir nichts davon merken lassen, daß ich ihn dergestalt gesehen hab', bin aber eben deshalb eine Weil' ganz scheu neben seiner Liegerstatt gesessen, dann aber hat er angehoben von seinen Kindertagen zu reden; es war merkwürdig, wie er sich dabei auf das Allergeringste besonnen hat, und mir hat geschienen, als wenn ihn das, inmitten der Red', oft selber Wunder nähm'.

Da ich gesehen hab', daß ihn die Ansprach' mit mir aufheitert, so hab' ich das Heimkehren aufgeschoben und bin geblieben.

Stückl für Stückl hat er so seine Lebenszeit vorgenommen, und wir haben sie miteinander durchgesprochen, von der Zeit an, wo er im Kinderhemderl über Stube und Hof gelaufen ist, bis wo er in die Schul' kam, ins Seminar, nach Rodenstein ...

Die Sonne war schon hinuntergegangen, als wir mit unserm Plausch da ankamen, wo wir waren – in Weißenhofen.

«Da hat's ein End'«, sagt' ich, »und es bleibt weiter nichts zu erzählen.«

»Ja, ja«, sagte mein Bruder nachdenklich, »da hat's ein End', und es bleibt weiter nichts zu erzählen.«

Ich schau' auf ihn.

Er läßt eine Weil' den Kopf hängen ... »Martin«, fragte er mit einmal hastig, «bist du noch da?«

»Nah' bei der Hand«, sag' ich.

»Gib mir die Hand«, sagt er ... »Du hör, Martin, mir ist – ich könnt' dir's gar nit sagen wie.«

»Geschieht dir hart?« frag' ich.

»Eben nit«, seufzte er, »aber mir scheint, 's End' dürft da sein.«

»Denk doch nit!« ruf' ich und will auf, damit ich uns einen Beistand such'.

Er aber hält mich an der Hand zurück. »Laß gut sein«, sagt er. »Hetz mir nicht die andern auf den Hals. Ich krieg's allein fertig.«

»Poldel«, dring' ich in ihn, »es wird doch nit sein, aber wenn's sollt', so vergiß nit auf Gott.«

Da drückt' er mir die Hand. «Du mein Herzbruder«, sagt er, »geh dir's gut, geh dir's nur recht gut! Um mich sorg dich nit. Gerate ich auch woanders hin als unter den kühlen Rasen, mir ist nit bang? ich denk', mit ein'm Gott im Himmel können wir uns wohl verstehen, und es braucht uns gar nit zu gut zu kommen, was wir um den auf Erden gelitten haben.«

»Bruder, Bruder« – bitt' ich ihn – »läster doch nit!«

»Du verstehst's!« sagte er und lächelt klein wenig. »Ich hab' lang kein' so andächtigen Gedanken mehr gehabt wie den.«

»Ja, ja«, stimm' ich zu, »mag schon sein, daß ich davon nichts versteh', aber jetzt verhalt' dich ein wenig ruhig«, denn ich hab' gemerkt, daß ihn das Reden angreift, wenn es auch kein lautes gewesen ist, doch hat er von früh ab fast in einem Zug weg gesprochen. Denk' ich, später bereden wir ihn wohl noch. Der Holzschnitzer-Veitl hat recht, schon der Leut' wegen soll er den letzten Trost nit zurückweisen.

So ist's mäuserlstill geworden in der Stube.

Nach einer Viertelsiund' etwa hör' ich ihn sagen: »Ja, ja, nun wären wir zusammen, nur mußt mich nit so fest um die Brust nehmen.« Damit wirft er sich mit einmal – link ist er gelegen – rechts über, tut ein' tiefen Atemzug, und aus war's.

Mich hat's vom Stuhl in die Höh' gerissen, ich hab' mich über ihn gebeugt, kein Hauch ist mehr von ihm gegangen. Ich war lang nit imstand', ihm die Augen zu schließen, so unsicher war ich in den Händen und ich wollt' ihn nicht hart anrühren. Endlich hab' ich's doch zuweg' gebracht. Dann bin ich fort, unter der Tür hab' ich mir ihn noch einmal betracht't, wie so still er daliegt, hab' »B'hüt dich Gott, Poldel« gesagt und das Schloß sacht hinter mir zugezogen.

Wie ich hinunterkomm', haben die Weibsleut' gleich aufgeschrien: »Mein Jesus! Was hast du? Was ist geschehen?« Sie hätten auch blind sein müssen, wenn sie mir nichts angemerkt hätten. Sag' ich darauf: »Der Bruder hat's schon überstanden.« Eine Weil' hat's gedauert, bis sie sich besonnen haben, was sie eigentlich gehört hätten, dann aber hat die Alte laut zu heulen angefangen und wollte auf mich zu, ich hab' sie aber abgewehrt, und sie ist die Treppe hinaufgerannt. Die Junge ist ganz erschreckt und scheu nach einer Stubeneck' zurückgewichen und dort gestanden, ohne Laut und Gebärd', wie von Holz. Ich bin vors Haus getreten und bin gegangen, fort und fort, bis ich heimgetroffen habe.

Am zweiten Tag darauf war des Bruders Begräbnis, da war ich ein zweites Mal in Weißenhofen – wie ich denn auch zweimal in Rodenstein gewesen bin –, da hab' ich die beiden Weibsleut' noch einmal gesehen, seither nicht wieder, weiß auch nicht, was aus ihnen geworden.

Gleich nach dem Begräbnis hab' ich mich auf den Heimweg gemacht. All mein Denken den weiten Weg über war auf den Leopold gerichtet. So hab' ich denn auch sein End' mit ansehen müssen, wie das so vieler meiner Geschwister! Aber ich mein' heut noch, das hätt' es nit not gehabt, hätt' ihm die Mutter sein Leben gegönnt, wie sich's frei von selber herausgewachsen hätt'! Die Kinder müssen sowieso für der Eltern Sünden büßen, gegen das Angeborne kommt einer gar nit, gegen das Angewohnte nur schwer auf und wie ihm das aufliegt für all sein' Tag', das müssen die Alten hinterher mit ansehen. Voreh' muß's die Mutter gerad' nit für eine so große Sünd' gehalten haben, denn sonst hätt' s niemal auf der Welt einen Pechleitner-Poldel gehabt, wenn sie sich's nach der Hand einbildet, es wär' eine, so hätt' s' dazusehen sollen, wie sie sich mit 'm Herrgott abfind't. Ei ja, in die Kutte hat er müssen, die hat freilich größere Säck' wie eine Bauernjoppe, und da geht alle fremde Sünd' hinein, aber da soll keiner auf eigene Faust eine begehn, wo brächt' er die auch unter?

Wenn ich nur damal meinen Kopf aufgesetzt hätt', wie das geplant worden ist, ich hab' doch Unheil vorhergesehen und hab' doch gewußt, die Mutter ist ein alt' Weib und bei vielen wacht das Gewissen auf, wenn der Verstand einschläft! Glaub', Ehr' und Fried' hätt' er nit verspielt, denn der Bauernstand kartelt nit mit so hohe Einsätz'. Heut noch lief mir der Bursch frischlebig auf meinem Hof unter den Augen herum und neben – Lieberes verlangte ich nicht – die Marie-Lies' mit kleiner War', und er sagte mir einmal »Behüt Gott« und es wär' ein groß' Kränken um den alten Onkel. Jetzt flennt mir wohl keine Katz' nach.

Und das wär', das wär' alles so geworden, wie ich sag', ich weiß das, denn die Marie-Lies', die hab' ich noch einmal wiedergesehen. Vierzehn Jahr' war's nach dem Bruder seinen Tod, anderthalb vor heuer. Handels und Wandels wegen war ich am Allerseelentag gerad' nah' bei Weißenhofen. Denk' ich, gehst hin, ein Vaterunser auf des Bruders Grab beten, und dort hab' ich sie getroffen, die Marie-Lies', ein stattlich Weib, schon seit acht Jahr' Witfrau, und sie hat auch nit wieder geheiratet bis auf den heutigen Tag, neben ihr ist ein Bürschel gestanden, das mit großen blauen Augen gar ernst darein gesehen hat, es war ihr Sohn [fehlt auch im Original, müsste aber wohl so heißen, oder?]. Wie ich hinzukomm', ist sie gerade nit verlegen geworden, das könnt' ich nit sagen, aber sie hat sich ein wenig zur Seit' gewendet, als sollten wir eins auf das andere nit achten.

»Müllerin«, sag' ich, »du kennst mich vielleicht nimmer, ich bin dess' Bruder, der da unter der Erd' liegt, und daß ich dich da betreff' – was mir gar eigen, wohl und weh zu Herzen geht –, da darüber hast du dich nit zu schämen.«

»Nein«, sagt sie, und wir haben uns über seinem Grab die Händ' gereicht.

Ei, du arm' Sündkind, du, wie mutwillig ist dir die Freud' am Leben zernicht't worden! Selbst vom Nächsten zum Nächsten findet sich wenig Einverstehen und Erbarmnis auf der Welt. Ich hab' an seine zwei Herrgötter denken müssen, der eine für auf Erden, der andere im Himmel; lang kann's nimmer dauern, so geh' ich auf Nimmerkehr, und da wär' mir wohl lieb, ich fänd' den zweiten und wär' dem gerecht. Nun, wie's wird, ich werd's schon inne werden, alle werden wir's inne werden, wie wir da sitzen. Rück mir einer das Feuerzeug herauf, die Pfeif' hat lang genug gefeiert, ich muß mir die Grillen ausräuchern, die wurlen mir jetzt so viel häufig im Kopf herum, seit ich auf siebzig zurück' und niemand hab', der sich darüber freut, denn selber tut man's ja doch nit.

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