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Dorfgänge

Ludwig Anzengruber: Dorfgänge - Kapitel 11
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authorLudwig Anzengruber
titleDorfgänge
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Die Märchen des Steinklopferhanns

Erstes Kapitel

Die breite Straße lief eine geraume Weile neben gelben Kornfeldern hin, bis ihr die Augen weh taten, da war sie recht froh, daß der Tannenwald bis zu ihr hinrückte und sie eine andere Weile im Grünen und im Schatten laufen konnte. Die Felder bogen aber da von der Straße ab und Zogen weithin an dem grünen Walde, und das Korn sagte zu den Tannen: »Was so ein Wald für ein unnütz' Ding ist, höchstens umgehauen mag er das zu Ende führen, was wir begönnen, mag backen helfen und die Leute wärmen, denen wir Leib und Seel' zusammenhalten.« Die hohen Tannen schüttelten die Köpfe und sagten: »Muß sich einer nie einbilden, er richt's allein auf der Welt? wir stehen hier auf der Wacht, daß nicht der kalte Wind über die Niederung weht und euch verbläst, daß ihr die grünen Halme verfroren auf den Boden sinken laßt, und wir ziehen den Regen herbei, der euch tränkt, und laßt uns einmal ausgehauen sein, dann wächst die weite Niederung hinab nicht halb so viel und der Kies und das Geröll und die nackte Erde rücken gegen das Dorf, um dem Bauer gute Nacht zu sagen.«

Ob die Bauersleut' manchmal so dachten vom Walde wie das Korn? Heute taten sie es nicht, sie hatten bis an den Mittag geschnitten, jetzt war's heiß geworden, kaum zu ertragen, nun sollte Rast gehalten werden und da lobten sie sich den Wald, setzten sich in seinen Schatten nieder, aßen und ließen sich's die kleine Weile der Ruhe wohl sein.

Zuweilen saßen auch ein Bursch und eine Dirn' abseits von den andern allein, es ist sonderbar, daß sich das oft trifft, und daß alle Burschen und alle Dirndln sich fast immer das nämliche Zeug vorreden, eines wie das andere, seit unvordenklichen Zeiten und will das Ding nicht anders werden bis heut. Gegen die Straße zu saßen auch ein Paar so Verliebte, beide nicht mehr gar zu jung, aber recht saubere, stramme Leute.

»Mein Gott«, sagte die Dirn' – wie denn die Weibsleute immer die Sache von der praktischen Seit' anfassen – »mein Gott«, sagte sie, »jetzt gehn wir schon als Knecht und Dirn' sieben Jahr' miteinander, wenn's nur zu was führen möcht', so war' ja alles gut.«

Darauf sagte der Bursch mit einem schweren Seufzer:

»Freilich wär' dann alles gut, aber daß wir halt so viel arm sein müssen.«

»Mein' alte Bas' nähm' uns prob'weis' als Pfleger auf ihr klein' Anwesen«, sagte die Dirne.

»Prob'weis'«, sagte der Bursch und strich sich die Haare aus der Stirn, »prob'weis' freilich wohl«, dabei fischte er mit dem Löffel einen Brocken aus der Schüssel, die er auf seinen Knien hatte, »glaub's schon, gibst du den Spatzen in der Hand für die Taub'n am Dach? Wenn die Prob' übel ausfällt, so ist alles verfahren. Es hat der Bauer dieweil schon andere Leut', – wir möchten uns nit ein' Dienst auffinden, du möcht'st da, weiß der liebe Gott wo, dann ein' Unterkunft finden...«

Die Dirne langte zitternd den Löffel aus der Schüssel.

»Hast halt recht, daß grad wir so viel arm sein müssen.«

Mittlerweile schallten von der Straße herauf von Zeit zu Zeit einige Hammerschläge.

»Sie schlag'n wieder Steine für die Straß'«, sagte die Dirne leise und sah zur Seite, sie wollte gerne von etwas anderem reden als von ihrer gemeinsamen Not.

»Da ist gewiß auch der Steinklopferhanns nit weit«, meinte der Bursch.

Da sang es unten auf der Straße:

»'s Salz tut ma z'bröseln
And gibt's in ein Faß,
Und die Berg' tut ma z'bröckeln
Und streut's auf die Straß',
So müssen so alle.
Auch d' vurnehmsten Herrn,
Ob s' wöll'n oder nit wöll'n,
Doch Bergkraxler werd'n.
Dem ein' verreißt's die Stiefeln und
Den andern schupft's in Wagen,
Das schaut sich so viel lustig an
Beim Steinerschlag'n! – Juhe!«

Der Knecht und die Dirne oben im Walde waren aufgestanden.

»Dös is er selber«, lachte der Bursch.

Die Dirne kicherte.

Beide traten in die Lichtung, an der ein schmaler Weg in Mannshöh' über die Straße führte, und sahen hinab. Unten stand der Steinklopferhanns, das war ein lediger Mensch, schon nah' an die Sechzig, er trug einen Filzhut, weiß Gott, wo er den einmal gefunden hatte, für den Regen mochte er gut sein, denn in der Krempe waren viele Löcher, durch die das Wasser sogleich ablaufen konnte, unter dem Hut fiel langes, schon etwas grau gemischtes Haar bis auf die Schultern herab, das hätte ihn, den Hanns nämlich, nicht den Hut, recht ehrwürdig erscheinen lassen können, hätte nicht ein wahres Spitzbubengesicht daraus hervorgeschaut; einen Bart trug er, der war vor nicht gar kurzer Zeit einmal rasiert gewesen und sah sich an wie ein Stoppelfeld: einen gewaltigen Brustfleck hatte er um – eine Weste mochte ihn zu sehr spannen bei der Arbeit – und geflickte Hosen hatte er und Schuhe nicht von den feinsten. Jetzt fuhr er sich mit dem Hemdärmel übers Gesicht wegen der Hitze, damit machte er's aber nicht besser, denn den Schweiß wischte er wohl weg, den Staub aber strich er sich vom Ärmel ins feuchte Gesicht.

»Steinklopfer!« riefen die von oben.

Er sah nach den beiden hinauf.

»Haha«, lachte er, »die ewig' Liebsleut'. grüß eng Gott!«

»Mußt heut nit deßweg'n spotten, Sleinklopfer«, sagte oben der Bursch, »'s liegt uns grad schwer auf 'm Herzen, daß 's so is und wir, wer weiß wie lang, ›d' ewig' Liebesleut‹ sollen heißen müssen, 's is halt nit anderscht, wenn man so viel arm is!«

»No, no«, sagte der Sleinklopfer unten auf der Straße und legte den schweren Hammer zur Seite, »tut eng d' Frotzlerei auf einmal weh? Hätt's nit denkt, sollt's schon g'wohnt sein, denk' ich; wollt's nit ›d' ewig' Liebesleut‹ heißen, macht's a End', tut's eng z'samm', is doch ›s Gered‹, ös sollts als Pfleger auf der Bas' ihr Anwesen kommen.«

»Ja, prob'weis«, brummte oben der Bursch.

»Is amal a Bauer g'west«, sagte der unten auf der Straße, »der hat sich einmal was an die Knöpf' abzählen wollen, hat aber dreihundertfünfundsechzig Westen g'habt und hat von ein' Morgen zum andern g'wart', was die ander' Weste dazu sagt, hat 's ganze Jahr zählt und nichts z'weg'n bracht.«

Der Bursche oben stampfte in den Boden. »Meinst doch nit, ich bin a Letfeig'n!«

»Gar nichts mein' ich«, sagte der Steinklopfer, »was vertrittst denn die Grashalm' mit 'n Füßen, die haben dir doch nichts getan?«

»Geh, Hanns«, sagte die Dirne, »komm 'rauf in Tann! Verzähl' was. Rast is noch a Weil', du arbeit'ft ja eh'nder jetzt auch nicht.«

»Dös war' recht«, sagte der Bursch, »verzähl'n kann er so viel schön.«

»No«, sagte der Steinklopfer unten und streckte sich höher, »dös mein' ich wohl selbst, ich mag euch schon was verzähl'n.« Damit ging er ein Stück die Straße hinunter, wo der schmale Weg hinanging, und trat in den Wald zu den »ewigen Liebsleuten«. Dort streckte er sich nieder ins Gras, setzte seine kurze Pfeife in Brand und sagte: »Ich will eng verzählen.«

1. Vom Hanns und der Gretl.

Dort, wo der Wald niedergeht und ein' Spitz wie eine Nasen ins Land streckt, dort is vor undenklichen Zeiten einmal a Häusel g'standen, drin hat a kluge Frau gewohnt, 's liegen dort in der Näh' drei Dörfer, die war'n in der Zeit, von der ich red', auch schon da, 's mag 's eine mehr Häuser g'habt haben als das andere, 's eine mag mit der Zeit von der Straß' z'ruckgangen sein, und 's andere bis hervor zu ihr, das macht nix. – Den Örtern geht's wie den Leuten, sie versterben und lassen eins dahinter, das ihren Nam' fortführt, und ist kein Brösel von ihnen selber mehr auf der Welt, als was so das Kind von ihnen überkommen hat? so ist wohl wenig mehr von dö alten Dörfer da, als daß neue Höf' stehen an der Stell', wo einmal die alten gestanden sind und ein oder der andere Stein mit hinein vermauert ist. Na, so war's halt, auf der Waldnasen hat die weise Frau g'haust und rundum waren drei Dörfer, in ein' Dorf war ein Knecht, der hat Hanns g'heißen, in andern a Dirn, die hat Gretl g'heißen, und in der Mitten is das dritte Dorf g'legen. Das dritte Dorf war das reichste, und 's hat oft dort im Wirtshaus Tanz und Unterhaltung geb'n, und da hat der Hanns die Gretel kenneng'lernt, all' zwei war'n arme Teufeln, hätten gern g'heirat', aber haben's immer überlegt, müßt' amal a Glück kommen, daß sie's riskier'n könnten, haben s' denkt, 's Glück is jahrlang ausblieben, sie sein d' Jahr' lang miteinander gegangen, und da haben s' halt die Leut' – ihr müßt es nit in Übel aufnehmen, aber die Leut' war'n allemal so boshaftig und nixnutzig wie heut – da haben s' halt die Leut' auch die »ewig' Liebsleut'« g'nennt.

Einmal aber nimmt sich der Hannsl ein Herz und sagt, sie könnten doch auch die weise Frau um Rat frag'n, denn warum net? Viele haben's schon getan, kein'm seine Sach' wär' dadurch schlechter word'n, im Gegenteil' hätt' sie bei den mehrern den Nagel auf 'n Kopf g'troffen – na und so – freilich warum denn nit?

Freilich, meint die Gretl, ein rechter Rat wär' doch immer was Recht's, und wann s' einem zu was Waghalsigem verleiten wollt', müßt' man's ja doch nit tun und könnt's bleiben lassen. Und so viel wird's ja auch nit kosten, und es wird zum d'erschwingen sein.

Nichtig, kosten wird's auch was, meint der Hanns. Umsonst ist der Tod, und der kost's Leben – leben will so a kluge Frau doch auch, und wann man's verhungern ließ, tät' man völlig allen guten Rat im ganzen Gau aushungern. Wird net so viel sein. Ihr guter Rat tät' doch gleich sein' Dienst und braucht man net so lang z'warten, wie aufs liebe Himmelreich, für das sich die geistlich' Herr'n doch auch zahl'n lassen. Und die Gretl sollt' nur auf die nächste Vollmondnacht hingehn.

Das taugt aber der Gretl nit, denn sie tat' sich so viel fürchten, und der Hannsl war doch a Mannsleut' und der Kuraschiertere.

»Dös schon«, sagt der Hanns und wird um zwei Fingerbreit höher, kratzt sich aber gleich wieder hinterm Ohr und wird a Trümmerl kleiner wie er eher war? »aber«, sagt er. »weißt Gretl, allein kann ich's nit d'ertun.« No, er hat sein' Lohn stark an'griffen g'habt die Woch', auf Bier oder Tabak – wann s' auch schon g'raucht hab'n vor die undenklichen Zeiten, von dö ich verzähl'? – Was weiß ich!

Z'letzt kommen s' halt überein, daß jedes die Halbscheid von die Kosten tragt und daß der Hannsl hingeht.

Der Hannsl is halt so viel kuraschiert g'west, und wie der nächste Vollmond kommen is, macht er sich auf 'n Weg: durchs Dorf an die Felder vorbei hat er sich noch eins 'pfiffen, wie er aber auf die verrufene Waldnasen zukommt, da is er ganz stad word'n, der Mond hat so durchs Gezweig g'schienen, daß der Schatten von die Äst' wie kohlschwarze Samtbandeln über 'n Weg g'legen is, und der Hanns hat sich eing'red't, er könnt' über eins oder 's andere stolpern, und hat fleißig auf die Erd' g'schaut – burr, fliegt ihm ein' Nachteul' eine Spanne über 'n Hut weg – na, er war aber recht kuraschiert, und wie er erst g'wußt hat, was es war, hat er nach einer Weil' über den »Malefiz-Vogel« ein recht's Maul g'habt.

So kommt er zur Waldfrauhütten. Dort hat er erst sich ein bissel b'sonnen und hat sich eingeredet, wie er so schnell müßt' gegangen sein, weil ihm das Herz so schlagt. Und wie er schon das drittemal sein' Finger krumm macht – nie is er ihm recht ang'standen – und will anklopfen, da tut sich die Tür von selber auf, und die kluge Frau steht vor ihm und sagt: »Na, bist einmal da, ich hab' dich schon lang erwart'!«

»Jesus«, sagte der Hanns – ich weiß zwar nit, ob die Leut' in dö unvordenklichen Zeiten, wovon ich d'erzähl', schon Jesus g'sagt hab'n, aber das tut nix. »Jesus«, hat also der Hanns g'sagt und sich verwundert, daß die Waldfrau weiß, daß er zu ihr will. Und er hat's doch schon die ganze Wochen im Dorf ausg'schrien, wo er mit nächstem Vollmond hingeht.

Die kluge Frau hätt' also nit g'scheit sein müssen, wenn sie das nit g'wußt hätt'! So sagt sie zu ihm: »Komm h'rein!«

Der Hanns geht also in die Hütte, dort brennt auf 'm Herd ein großes Feuer, und wie er so seitwärts hinblinzelt, ist am Boden ein großer Kreis von Totenbeiner und Totenköpf', und da hat's ihm ein' klein' Rucker nach der Tür hin 'geben, und er hätt' recht gern »Gute Nacht« g'sagt, wenn ihm nit auf einmal gar so trocken im Hals worden wär', und so ohne »Behüt dich Gott« davonrennen, das wär' doch unschicksam, b'sonders gegen a kluge Frau, mit der man's schon gar nit verderben darf.

»Na«, sagt die Waldfrau, »da marschier hinein und setz dich!« Und meint in die Mitten von den Totenknochen, wo ein Schemel g'standen is.

Das war eine rechte Not, hat sich doch der Hanns gefürchtet, er tritt so ein' Toten auf 'n Kopf, und wer weiß, wo die Alte die Köpf' aufg'lesen hat, es haben die schönsten Leute darunter sein können, die ihr'n Respekt verlangen, vielleicht sein eigener Urgroßvater.

So tappte er halt in Gotts Nam' hinein in den Zauberkreis, und 'vor er sich auf den Schemel setzt, meint er: Es würd' sich doch nicht recht schicken, und er is net kommen, um ihr Beschwer zu machen, und will er sich halt doch ein klein wengerl niedersetzen, daß er der klugen Frau 'n Schlaf nit austragt, und will ihr schnell sag'n, was er eigentlich will.

»Das weiß ich schon«, sagte die Waldfrau und gibt ihm ein großes Stundenglas in die Hand, geht dann von ihm weg, langt ein' Laib Brot von der Stellen herunter und schneid't die Gottesgab' an...


Der Hanns hat diewell die Tolenköpf' ang'schaut und die ihn, und denkt sich der Hanns: »Was das für a Zeit sein wird, wo du auch wirst keine Nasen hab'n und so viel große Augen und doch nix sehen damit?! Und wie lang wird wohl hin sein?«

»Jetzt bist noch stämmig und rüstig, und die Leut' nennen dich ›kein uneb'nen Bub'n‹. Die Gretl ist auch so ein mordsauberes Dirndel. Die Jahr' her, die ich mit ihr geh', is s' nur säubriger word'n.«

»Ah geh«, sagt die Gretl, »du schmeichlerische Katz'. siehst denn nit, daß ich doch schon bissel abfall', und auf der Stirn kommen schon die Falten, wenn s' auch noch so fein sein wie die Spinnweb'n.«

»Na«, sagt der Hanns, »laß gut sein, du taugst mir dess'wegen noch alleweil, meinst, mir bleibt aus, was dir blüht? Und so is's gut und so is's recht, so hab'n wir uns doch die Unsäubrigkelt nicht vorzuwerfen.«

»Aber, Hanns«, fagt die Gretl, »das alles wär' schon recht, aber die Kräfte verlassen ein' doch auch.«

»Teufel h'nein«, sagt er, »freilich, an das hab' ich nit denkt, aber zum verspür'n fang' ich's auch schon an.«

»No, no«, sagt die Gretl, »dann is's Rest, wann wir nimmer arbeiten können wie früher, dann is's gar, gar!«

»Es will nimmer weiter«, sagt die Gretl, »mein Bauer hat g'sagt, ich taug' ihm nimmer, ich verdient nimmer 's Wasser mit meiner Arbeit, ich sollt' schon lieber zum Betteln schau'n.«

»Oh, du mein Gott«, sagt der Hanns, »dasselb' hat mein Bauer heut auch zu mir g'sagt.«

»So, na schön«, sagt die Gretl, »da komm nur gleich und laß uns zur Kirchtür herstell'n.«

»Gut – gut – la – la«, lacht der alle Hanns und stellt sich zur Kirchtür. »Hihi, Gretl, wie du ausschaust!«

»Du alter Schüppel«, sagt die Gretl, »meinst, du schaust lieber aus? Taug' ich dir 'leicht nimmer? – Gelt, als jung' Ding war ich dir recht, daß ich die Jahr' neben dir herlauf'? – O du!« – Dabei gibt sie ihm mit der geballten Faust ein' Renner.

»Du Bisgurn«, sagt der alte Hanns und hebt sein' Stock.

Da fahrt ihm das wüste Weibsbild in die Haar', und sie balgen sich vor der Kirch', und die Leut' weichen aus und schimpfen und lachen.

»Gretl«, sagt der Hanns keuchend, »laß gut sein, du verreißt mir mein wenig Haar – krallt hast mich auch, du wilde Katz' –, mir sein rechte nette Bettelleut', in dem Kirchspiel halten s' uns schon für versoffen, da geben s' uns nix.«

Und die alte Gretl schleicht mit ihm weg von der Kirchtür, und sie setzten sich all' zwei auf ein Grab nieder, wo ein großer Stein davor in der Kirchmauer war und drauf ein großer Totenkopf mit Beiner übers Kreuz; »Jesus«, sagt der Hanns, »wie lang wird's noch dauern, so schau'n wir auch nit anderst aus!«

Die Gretl trocknet ihm mit 'm Tüchel 's Blut vom G'sicht, wo's ihm nach ihrem Kratzen herg'loffen is. »Ich wollt', 's war' schon am End'«, sagt s', »wann nur früher a schöner Leben g'wesen war'.«

»O du mein«, seufzt der Hanns. »Wohl, wohl, wir hab'n uns halt verpaßt, was liegt dran, wann's auch am End' so kommen wär' und nit anderster, könnt' mer doch sagen, mer hätt' g'lebt; Kinder könnt' mer hab'n, dö was taug'n und 'n alten Eltern zeitweis' was vergunnen und zukommen ließen, und wer weiß, hätt's grad so kommen müssen? Hätt' der Himmel nöt können sein' Segen drein geben, wann wir ihm vertraut und auf unsere arbeitsam' Hand' baut hätten?!«

»O freilich«, sagt die Gretl.

»Ja«, sagt der Hanns, »bei sündigem Fürnehmen geht's ›Hüst und Hott‹ und bei rechtschaffene Vorsatz' ist's ›Öha!‹ Mir hätt'n uns all die Spottred'n verspar'n und a g'scheit' Leb'n führ'n können, so hab'n wir alles verpaßt! Wie ruhig könnt' mer dasitz'n auf 'm Grab und frag'n: ›Wann kimmt die Reih' auf uns? Mann werd'n wir so ausschau'n wie der Boanerbartl dort an der Wand?‹ Wann wir so g'lebt hätten wie ander' Leut'! So hab'n wir uns nie z'leben traut und hitzt soll's ans Sterben gehn, – wann s' uns mal ausgrab'n, mir müssen ganz verdrehte Köpf' hab'n! Im Himmel laßt sich auch nix einhol'n, der Pfarrer sagt, dort gibt's keine Mand'ln und Weib'ln, wir hab'n's für Zeit und Ewigkeit verhaut. Oh, Herrgott, gabst, daß wir nochmal jung wurden, ich wüßt', was ich tät'!«

»O du mein Herr und Heiland«, sagt die Gretl, »dös wird halt nimmer sein«, und dabei weint die Alte, daß 'n Hanns, so wie er neben ihr sitzt, auch mit beutelt.

»Du bist doch a gute Seel'«, sagt der Hanns, und wie er mit seine zittrigen Hand' hinüberlangt, damit er die Alte um die Achsel nehmen und trösten kann, fallt ihm sein Stock aus der Hand... und...


»Du Sakra, du«, schreit die Maldfrau, »verbrich mir die Sanduhr nit!«

Und er schaut auf, da sitzt er auf 'm Schemel, neben ihm auf der Erd' liegt die Sanduhr, die er hat fallen lassen, und rundum sind die Totenköpf' – – er ist in der Hütten der Waldfrau, und alles war nur so ein einwendig's G'sicht.

Die Waldfrau aber is grad mit 'm Messer um 'n ganzen Brotlaib herumkommen? – nit länger hat's Ganze dauert, als sie ihr Stücke! Brot g'schnitten hat. – Jetzt nimmt sie 's in die eine Hand, beißt ein rechtschaffen' Stück ab und hält die andere Hand offen hin.

Der Hanns sucht mit zitterndem Finger aus all seine Säck' seine Kreuzer zusamm', nit ein' hat er b'halten, alle hat er der klugen Frau geben. Ganz aufrecht is er dag'standen, als ob er das Dach von der Hütten traget und wär' ihm nur a Spaß! Die Augen hab'n ihm geleucht', und die Zähn' hat er übereinander gebissen.

Und die Waldfrau hat 's Maul voll g'habt und g'kaut und geschluckt.

Keins hat ein Wörtl g'red't.

Der Hanns ist fortgangen, und die Waldfrau hat hinter ihm zug'riegelt. Dann is es lang still blieben draußen in der klaren Nacht, bis einer beim letzten Baum, wo die Waldnasen aufhört, ein Juchezer 'tan hat, daß die Blatteln auf 'm Baum und 's Gesträuch auf 'm Boden zitternd word'n sein, und drüben hat er einen schlafenden Berg aufg'weckt, daß der auch mit ein'm Schrei munter mord'n is.

Dann ist der eine auf das Dorf zutrabt, wo die Grell haust: – an der Straßen sind die Wegschranken hingelaufen, da hat er sich ang'stemmt und einen Balken ausg'hoben und über die Achsel geschultert, wie die Riesen mit die Wiesbäum' getan haben sollen, er ist sich wohl so vorkommen, als wär' er heut so ein halbgewachsener Riesenkerl, und wie er zur Gretl ihr'm Fenster kommt, tupft er ganz säuberlich mit sein'm Wiesbaum an die Scheiben an.

Das Glas war gescheiter und hat nachgegeben, und ein handgroßes Stück is ausgebrochen und im Mondlicht, wie eine Sternschneuze, ins Gras herunter geschossen.

Und oben hat die Gretl geschrien.

Und unten hat der Hanns gelacht.

And wie sich die Gretl erholt hat von ihrem Schrecken, fragt sie, was die weise Frau gesagt hat.

»G'sagt hat sie nix«, sagt der Hanns, »aber geheirat' wird!«


»Und geheirat' is word'n und aus is die G'schicht«, sagte der Steinklopferhanns, klopfte sein Pfeifchen aus und machte Anstalt, wieder nach der Straße hinabzusteigen. –

»B'hüt euch Gott«, sagt er, und geht ein paar Schritt, dann bleibt er stehen. »Ist doch schad'', daß es heuttags kein' Waldfrau mehr gibt!«

Mittlerweile hatte auch auf den Feldern die Arbeit wieder begonnen, und die »ewigen Liebsleut'« beeilten sich, auf ihren Arbeitsplatz zu kommen.

Der Bursch spuckte in die Fäuste, und nachdem er den ersten Sensenschwung getan, sagte er über die Achsel hinüber nach der Dirne, die in seiner Nähe arbeitete: »Ich geh' doch prob'weis!«

Die beiden sprachen nicht ein Wort weiter, aber die Arbeit ging ihnen so flink von der Hand; hätte sie die alte Base sehen können, sie hätte ihre helle Freude über diese Probeleute haben müssen.

Nun, die hatte sie auch bald.

»Und geheirat' is word'n und aus is die G'schicht.«


Abend war's geworden. Der Sleinklopferhanns tat den letzten Schlag, warf die schweren Hämmer über die Achsel und machte sich auf den Heimweg; durch das Dorf ging er nicht, aber an den letzten Häusern, die an der Straße lagen, mußte er vorüber. Die letzte Hütte sah gar armselig aus, und wenn ihr Inwohner, der »Gruß-Franzl«, wie jetzt nach Feierabend, vor derselben auf der hölzernen Bank saß, so sah dies wie ein gerechtfertigtes Mißtrauen gegen das Gemäuer aus, das, statt Schutz zu verheißen, im Gegenteil durch seine Dachlücken mit aller Ungunst des Wetters im Bunde zu stehen schien und mit seinen Sprüngen, Rissen und Senkungen sich so bedrohlich ausnahm, als wollte es seinem Eigner die wenigen Atemzüge in der freien Luft noch gestatten, um dann nachts über ihm zusammenzustürzen. Ob er das wohl recht übel genommen hätte?!

Er sah selbst verfallen und vom Wetter und Schicksal hart mitgenommen aus. Er hieß der »Gruß-Franzl«, weil er im Gebrauche hatte, jedermann, der die Straße vorüberzog, er mochte ihm bekannt sein oder nicht, demütig mit abgenommener Mütze zu glüßen, das sollen nun oft Fremde mißverstanden haben, und sie ließen ein oder die andere landesübliche Münze in die vorgehaltene Mütze gleiten; die Leute im Dorf sagen es dem »Grutz-Franzl« nach, daß er sich nie die Mühe nahm, dieses Mißverständnis aufzuklären, sondern die kleine Gabe lieber in seine Tasche schob. Neidische Leute! Er hatte recht, er war ein höflicher Mensch und wollte den mitleidigen Seelen die Verlegenheit ersparen, einen ehrlichen Arbeiter, der seine artige Angewohnheit hatte, für einen Bettler angesehen zu haben. Wie leicht hätten dann diese braven Leute auch bei wirklichen Bettlern nur dankend an den Hut greifen können, um nicht einen gleichen Verstoß wie bei ihm zu begehen?! Darum ließ er jegliche Aufklärung unter Wege. Ja, die leidige Aufklärung, sie war hier so beschämend für den Fürsten wie abträglich für den Bettler!

Er ließ großmütig die Welt in ihrem Irrtume.

Er war allerdings ein ehrlicher Arbeiter, er hatte nichts als seine Hütte, die Felder ringsherum gehörten anderen, und wollte er von denselben etwas genießen, so mußte er dieses fremde Eigentum bearbeiten helfen. Ah, das trug spottwenig ein, und es nahm den Menschen recht mit, an Kraft und auch an Mut.

Und so, mit der Zeit recht zaghaft geworden, auf sich selbst gar wenig mehr bauend, hatte sich der »Gruß-Franzl« angewöhnt, alle Welt zu grüßen; die um ihn lebten und die er kannte, damit sie ihm freundlich bleiben und ihm nichts in den Weg legen möchten, und die Fremden, weil er die Leute gar sehr bewunderte, die so in Geschäften oder zu ihrer Lust in aller Welt herumkamen! Wie achtbar war ihm der Krämer mit der Kraxe auf dem Rücken, dem flinken Fuß- und dem noch flinkern Maulwerk! Der Mann mußte Courage haben, daß er sich's getraute, so auf sich allein gestellt in der Welt hinzuleben. Dem Lustreisenden, der rüstig den heitern Bergen zuschritt, blickte er immer kopfschüttelnd nach; wie gut mußte es so einem gehen, daß er in hellem Übermut nach den Höhen kletterte, wo der »Gruß-Franzl« doch froh war, wenn ihn diese »Beschwer« nicht oft im Jahr traf. Ja freilich, als Bub hat es ihm oben gleichwohl gefallen, aber das ist lang her, seitdem ist so viel anders geworden, und da droben ist's immer gleich geblieben, was war daran zu sehen?

Auch der Bettler auf der Straße war ein rechter Mann; den Leuten mit dem Maul die Groschen aus der Tasche langen ist keine kleine Kunst. Freilich, am Jahrmarkt, in der Tierhütte, da hat er einmal ein Untier mit langem Rüssel gesehen, das machte auch das Kunststück, was aber der Groschen wert war, den es damals einem reichen Bauer aus der Tasche zog, das wußte es wohl nicht.

Ja, ja, alle Leute, wie sie die Straße vor ihm vorbeiliefen, waren ihm höheren Ranges, darum grüßte er sie, und wenn sich ja einer dazu verstieg, ihm ein Almosen zu reichen, so fand er, daß die Menschen doch nicht so schlecht seien, als die Welt sie ausschreie, und er habe es ja gewußt, die so in der Welt herumlaufen können, die hätten leicht schenken, der Hausgesessene sei der eigentliche Arme!

Wie alle Welt, so bekam auch der Steinklopferhanns, der jetzt, wie jeden Abend, an der Hütte vorbeiging, seinen Gruß. Das war auch einer von den Couragierten, die sich allein für sich zu leben getrauten, ohne nach den anderen Leuten zu fragen.

»Guten Abend, Steinklopferhanns.«

»Guten Abend, Franzi, ruck zu auf dein' Bankl und laß mich hersetzen, Hab' heut rechtschaffen gehammert, hab' mich vielleicht bissel übernommen; wenn die Steiner gar so hart von 'nand' gehn, da klopf' ich wie wütig drauflos! Ein klein's wenig mag ich schon gern rasten.«

»Na, fürs Sitzendürfen könnt'st schon was d'erzähl'n. Weißt nix?«

»Was fragst denn? Ich sollt' nix zum Verzähl'n wissen? Ich? Na, könnt' keiner mehr was verzähl'n, wenn ich net. Ich kauf' 'n Schullehrer aus mit samt seine Bücher. Er meint gleichwohl, 's wär' alles wahr und verbrieft, was drin stund', aber mein' Seel', mein letzt's Stäuberl Tabak, wie ich's jetzt in die Pfeif' stopf', setz' ich dageg'n, daß seine G'schichten nit a Haar besser sein als die mein', a bisserl was Austipfelt's, a Brocken Lug' und a Bröserl Wahrheit und fertig ist die Verzählung. Soll freilich, sagt der Schulmeister, alles vorzeit passiert sein; na, wer hat's denn g'sehn, wie's da zugangen is? Von uns keiner. Und dö von damal hab'n auch keiner mehr g'sagt, als s' gewußt haben; is wohl auch viel Ausdenkt's dabei, wie's hätt' sein können, wenn man grad nit g'wußt hat, wie's g'wesen is? Der Müller im Ort hat auch sein Jüngsten, 'n Jakoberl, g'fragt, wie er 's erst'mal in der Kirch' war, was er g'sehn hat. Sagt der: ›Ein' Menge steinerne und aufg'mal'ne Leut‹, vor dö man sich nix z'reden 'traut hat, und dann hab' ich g'sehn, was wir ganz klein in der Kammer hab'n, großmächtig, ich hab's gleich d'erkennt, weißt, wie die zwei Leut' vom Baden kommen, und 's Vieh hat ihnen derweil die Äpfel vom Baum g'fressen. Haha, 's war aber Adam und Eva im Paradies! – Und der Bub hat's g'sagt, wie's ihm expliziert word'n is, für 'n Adam und d' Eva war er 'n Eltem noch z'jung. – No, was soll ich dir denn d'erzähl'n?«

»Weißt, Hanns, was Trostreich's, wo gut drauf z'schlafen is.«

»So? So werd' ich dir halt d'erzähl'n, wie's mir am jüngsten Tag 'gangen is.«

»No, is doch nit schon der jüngste Tag vorbeig'west?«

»Dös nit, aber träumt hat mer davon. Los' nur zu. Hab's noch kein'm erzählt.

2. Die G'schicht' vom Jüngsten Tag.

Da sein wir so alle nacheinander herg'leg'n, wir Toten, drunter und drüber, einschichtig, paarweis', z'dritt und z'viert und wie sich's halt 'troffen hat – ich weiß nit, war'n's 3000 Jahr' – 2000 Jahr', sechs Wochen, oder was für a Zeit war, nach mein'm Versterben, die allerältesten wie die jüngsten Toten führ'n kein' Kalender. Auf einmal is mir, als wurd' 'blasen – aber schon wie! Du weißt noch, wie die böhmischen Musikanten bei uns war'n im Ort und sein ins G'meinwirtshaus in die klein' Gaststub'n kämma, wie da, sooft der kleine Dicke mit der großen Blechblasen ang'hob'n hat, die Wänd' zum zittern ang'fangt hab'n, just a so war's, tief bis in die Erd' h'nein hat sich alles 'beutelt.

Na, du weißt, unsereins schind't sich gehörig und man hat sein g'sund's Stückl Schlaf. Na, so denk' ich mir, is dös dumm, is g'wiß wieder so a Malefizball beim Wirten im Dorf unten, daß man kein' Ruh' hat – und will mir die Aug'n reib'n – heilige Mutter Anna, war das a Schrocken, wie ich mir mit die dürren Beiner in die leeren Augen einifahr' – und am ganzen Leib zum scheppern anfang'!! – Jessas, denk' ich, du bist ja vorlängst verstorb'n – und hitzt dürft etwa gar schon der Jüngste Tag sein. Wann ich nur g'schwind' mein' Hosen zum h'neinschliefen bei der Hand hätt' –! So kannst doch nit unter die Leut' gehn! –

Ich tapp' h'rum, greif' aber nur dort und da ein' Knopf von der Hosen, in derer sie mich vorzeit beig'setzt hab'n, und wo ich an mich ankomm', g'spür' ich's deutlich, ich muß ausschau'n wie der ang'mal'ne Tod an der Kirchhofmauer. Brauchst gar kein G'wandstuck, denk' ich mir, hast ja eh' nix Unanständiges an dir, wenn dich aber nur nit der Spodiumbrenner aus der Kreisstadt d'erglengt, da gang's dir übel!

Ich überleg's noch, sollst h'naus oder nit? Aber es is so a Hundsmüdigkeit über mich kämma, daß ich zum tunken ang'fangt hab'. Und wie ich mich so ausstreck', gespür' ich noch, daß sich an die Beiner was ansetzt, nit anderst wie der Feuerschwamm an die Bäum'.

Dann schlaf ich wieder.

Wie ich munter werd', scheint die Sonn' in mein' Truhen, rundum is die Erd' aufg'wühlt, als wie von einer Million Maus' und Maulwürf'; ich schau' mich an, o fix h'nein, da is derweil der Feuerschwamm rundum sauber nachg'wachsen, ich bin a mordsauberer Bursch word'n, ich heb' mich, ich guck' h'rum – alle Gruben sein leer! Jesses Maria, Hab' ich dir 'n Jüngsten Tag verschlafen g'habt.

Ich war dir ganz verzagt.

Schau' in mein' Grub'n, sieh noch die schweren Hämmer, nimm s' auf die Achsel, denk' mir, gilt's oder gilt's net, schaust halt, wo du zum ewigen Leben dein Brot hernimmst; wann sie 's himmlische Jerusalem bauen, werden s' wohl auch a Straßen hinführen, müßt's doch im Himmel mit 'm Teufel zugehn, wann's da keine Steiner zum Klopfen gab'!

Wie ich noch so spintisier', kommen zwei Engerln daherg'flog'n, fledern um mich herum. Dös war so sauber, daß ich mein' guten Hamur wieder krieg' und sag': Na, ös himmlisch's Geziefer, was pfnurrts mir denn um 'n Kopf? Was wollts ös?

Sag'n s': Hanns, du sollst zum Gottvatern kommen.

Sag' ich: Eh'nder muß ich mich doch a weng waschen und anziehn.

Sag'n s': Dös gibt's net unter die Selig'n.

Sag' ich: Dös is unscheniert: aber ös werds uns doch nit 's ewige Leben neiden, wann mir im Schmutz d'ersticken, was nutzt uns die ganze Seligkeit?!

Sag'n s', ich soll keine Umständ' machen und mitkommen.

Einer packt meine Hammer und tragt mir s' nach und der andere führt mich, und wir kommen zum Gottvatern.

Und wie er uns sieht, hebt der Gottvater die Hand mit den drei ausg'streckten Fingern in d' Höh', wie im Bild am Hochaltar, und sagt: Grüß dich Gott, Hanns!

Sag' ich: Grüß dich Gott, Gottvater!

No, sagt er, wie g'fallt dir denn die aufg'wärmte Welt?

Sag' ich drauf: Lieber Gottvater, du mußt's für kein' vorlaute Red' nehmen, aber ich kenn' mich halt eben da noch nit aus. Die frühere Welt war auch kein schlecht's Stückl Arbeit – Gott bewahr' – a jed's hat was drein g'funden, was ihm g'fallen hat, und die meisten hab'n g'meint, die Dirndl wär'n dir so viel gut g'raten. Aber a bissel Zeit hätt'st dir schon lassen können, – was richt' eins in sechs Tägen? Es war ja sein' g'friemte Sach', dö auf 'n Tag hätt' fertig sein müssen! Ich hab' mich auch nit recht mit allem abfinden können – so tat ich dich rechtschaffen bitten, wann mir's etwa da auch wieder nit anstehn sollt, tu mir den G'fall'n und mach', daß ich auch im ewig'n Leben wieder versterb'n kann.

Räsonierhannsl, sagt der Gottvater und lacht, tu wie's d' willst. Ich hab's aber gleich gestern g'merkt, wie ich eng G'lump aufg'weckt hab', ös seids nit anderst word'n, wie 's g'wesen seids; seid's noch alleweil nit g'scheit!

Mein Gott, sag' ich, hätt'st uns g'scheiter g'macht!

Sagt er: Ja, glaubst, ich hab' mein Allmacht g'stohl'n, wollts ös gar nix dazu tun? In d' tausend und tausend Jahr' schau ich eng schon zu, und seid's noch alleweil so dumm! Wöllts ös nit 'leicht a ganz andern Herrgott'n? Tauget grad zu euch! – He, liegt da unten nit auch noch der Gruß-Franzl und schnarcht in Jüngsten Tag h'nein? Na, dem is da auch 's Grüßen verspart!

Lieber Gottvater, sag' ich, dös legt der nit ab.

Herob'n trag'n wir keine Haub'n, sagt er.

Da nimmt der ehender 'n Kopf 'abe, als er's sein laßt! Ich kenn' ihn, sag' ich.

Na, so sagt es der heiligen Veronika, sie soll ihm was zurichten für sein Kopf, lacht der Gottvater. Na, was sag' ich denn, muß der nit sein Mützen hab'n, daß er im ewigen Leben fortgrüßen kann, und dir muß ich wohl auch dein Pfeifen d'erlaub'n, daß d' doch meinst, du bist es!? Was half euch die g'scheiteste Welt? Jetzt mach, daß d' h'nunter kommst zum Gruß-Franzl, und sag ihm, ich nehm' eng nix in Übel auf, die andern, die sich's da unten meist hab'n wohl sein lassen, die hab'n freilich a leicht' Auferstehn g'habt, die war'n ausg'schlafen, ös habts aber auf Erden schwer gearbeit'! Also sag ihm, es macht nix, wenn er 'n Jüngsten Tag verschlaft, und im ewig'n Leb'n soll er auch sein' himmlische Mützen hab'n! –

»Da wär' ich recht froh«, sagte der Grutz-Franzl, »wann der Traum so ausging!«

»Warum sollt' er nit? Gute Nacht!«

Der Steinklopferhanns ging seiner Wege.

Zweites Kapitel

Waren sie heute neugierig gewesen im Ort! »Horch, was ist das?« und »Horch, was mag's sein?« hieß es schon früh morgens, denn überm Berg drüben hat es so gepfustert und gerädelt, als ob eine Eisenbahn wär' – so sagten nämlich einige, die schon eine solche probiert hatten.

Der Ort lag im Tal, und hinter den Bergen fing ein hübsch groß' Stück Flachland an, dort war es, wo es heut nicht recht geheuer schien, aber wie groß auch die Neugier sein mochte, es ging eben ans »Schneiden«, und da hatte keines Zeit für einen halbstündigen Aufstieg oder gar um den Berg herum anderthalb Stund' nach der Ausmünd' zu rennen und in die Ebene zu gaffen.

Um Mittag zur Rastzeit erst kam ein Paar zurück, die eher ihrer Neugier ein Opfer bringen konnten, da sie gar nichts Zu schaffen wußten. Die alten Ausnehmer, der »Leopold« und sein Weib waren schon frühmorgens die Straße dahingehumpelt, wobei sie den Weg mit ihren Stöcken schlugen – wahrscheinlich weil es ihnen nicht nach Wunsch vorwärts ging – der aber kehrte sich gar nicht daran, blieb ruhig liegen, so lang er war, tat wohl gar boshafterweis' manchmal unversehens ein Loch vor den alten Leuten auf, in das sie sodann mit kindischem »Hopperla« regelmäßig hineinstolperten.

Und als die beiden endlich doch, abgehetzt und hundemüde, das Talende erreichten und vor sich in die weite Fläche hineinlugten, da kannten sie sich noch weniger aus. Denn dort und da stieg über den Feldern kohlrabenpechschwarzer Rauch auf, es gab aber keinen Feuerlärm von all den Kirchtürmen rings in der Weite, und dazu pfusterte und rädelte es fort und fort. Eisenbahn war über Nacht keine ins Land gekommen – nein, nein, das geht nicht so schnell, das hat ihnen einer gesagt, der selbst an einer solchen mitgegraben und geschaufelt hatte.

»Nun, und was ist's denn?« und »was war's denn nachher?« fragten die Leute, nachdem sie den verwirrten Bericht gehört hatten.

Da waren ihrer zwei am Ort, die sich heute schon oftmals mit einem überlegenen Blinzeln angesehen hatten, und das war der reichste Bauerssohn und das ärmste Dorfkind. Der eine so reich und der andere so arm, daß ihnen das an ihre Rufnamen angehängt wurde, und so hieß der eine »der reiche Lois« und der andere »der arme Melcher«. Und sonderbar, der arme Melcher wußte es so gut wie der reiche Lois, was da über'm Berg vorging, und wenn er's aus Bescheidenheit oder Demütigkeit vor den andern nicht aussagte, so war doch der reiche Lois, so gern er sich auch sonst überheben mochte, diesmal auf die Bekräftigung seiner Worte durch den armen Melcher angewiesen.

Als es vor'm Jahr hieß, »in Wien hätten sie alles, was in allen vier Enden der Welt gearbeit', gehandelt und gebaut würde, unter ein großes Dach gebracht, und da könnt' jeder hineingehn und sich's anschau'n«, da litt es weder den reichen Lois noch den armen Melcher mehr daheim, der eine ließ sich von seinem »Alten« das Reisegeld und einen schönen Zehrpfennlg geben, der andere hat sich bis Wien durchgebettelt und dort Verwandte – der Himmel weiß wohl wievielten Grades! – aufzufinden gewußt; ob es denen zur großen Freude geschah, tut nichts zur Sache, eine Woche herbergten sie ihn doch.

»Was wird's sein?« sagte der reiche Lois und streckte sich so hoch er war, und sah stolz um sich. »Was wird's sein? Der Ökonomiker, der Herr Graf enter 'n Berg schneid't mit Dampf – nit wahr, Melcher?«

Melcher nickte bekräftigend so leichthin mit dem Kopfe, als wäre das »Schneiden mit Dampf« der geringsten Kleinigkeiten eine, die er zu bestätigen wüßte, lohn' sich kaum der Müh' und wüßte »ihrer einer« noch gar andere Sachen.

»So, so«, sagten die, die ins Tagwerken gingen. »So, so«, und schüttelten die Köpfe. »Kämen s' richtig schon mit den Malefizmaschinen angerückt?«

Sie zweifelten gar nicht an dem, was der reiche Lois aussagte, sie hatten schon lange gefürchtet, davon hören zu müssen, und nicht nur, was der Mensch hofft, auch was er fürchtet, glaubt er leicht!

»Schneiden mit Dampf?« sagten die andern, denen die Sache nicht so naheging, und schüttelten zweifelnd die Köpfe.

Das war dem reichen Lols an die Ehr' gegriffen. »Ihr Fexen, seid ihr dabei gewesen, wie unsereins, daß ihr so red't? Schneiden mit Dampf? – Warum nit? Man pflügt, man säet, man schneid't, man drischt mit Dampf! Meint man doch nit, man könnt' seinen eigenen Augen trauen, wenn man's mit ansieht, was man alles betreibt mit Dampf! Spinnt und webt man nicht, wäscht und mahlt man nicht, und weiß was sonst noch, alles per Dampf? Gelt, Melcher?«

Melchei nickte wieder bekräftigend und sagte aus: »man pflüge, säe, schneide, dresche, spinne, webe, wasche und mahle, und weiß was sonst noch, alles per Dampf.«

»Schaut man so eine Maschin'«, fuhr der reiche Lois fort, »glaubt man erst', das sei ein wahrer Höllenspuk, aber sieht man näher zu, kriegt die Sach' Hand' und Fuß' und Kopf obendrein. Seht, obenaus geht der «Rauch von der Feuerung in die Höh'« – Lois zeigt dabei nach seinem Hut, um den Leuten den Schlot der Maschine zu versinnlichen – »und hintenaus entweicht der Dampf.« – Alle drängten sich herzu, um dle Erklärung recht würdigen zu können, als aber gar der Lois ihnen zeigte, wie zur Seite rechts und links an langen Stangen die Sensen ins Korn hineinfahren und während die Maschine langsam vorwärts sich bewege, herumfuselten, solange noch ein Halm auf dem Acker stünde, und als er bedauerte, ihnen das nur mit seinen zwei alleinigen Armen vormachen zu können, da der Sensen rundum wohl an fünfzig oder hundert, wenn nicht gar mehr wären, und als sich in dieser Not der Melcher ihm anschloß, und beide gar belehrend mit den Armen fuchtelnd über das Feld hinschritten, da zweifelte keiner mehr, die Mähmaschine stand leibhaftig als unantastbare Tatsache vor ihnen. Ganz unbestritten wie der Telegraph und ebenso einleuchtend wie der, so was Alltägliches, daß eigentlich keiner zu sagen wußte, warum ihm das nicht schon längst selbst eingefallen fei, obwohl keiner seinem Buben widersprach, wenn er gelegentlich die Meinung an den Tag legte, daß an den langen Drähten gezogen würde und die Depeschen demnach aus lauter kleinen »Ruckerln« bestünden, die der Beamte am Arm oder Fuß, wo der Draht eben befestigt sei, verspüre.

War das Bescheidenheit, um vor den eigenen Kindern nicht mit dem Besserwissen zu prunken? Ach, die meisten Leute lassen sich noch heuttags die ungereimtesten Wunder, die niemand und nirgends erlebt, als glaubwürdig einreden und an denen, inmitten derer wir leben, gehen sie gleichgültig vorüber; da seht zu, denn da sind lauter begreifliche Wunder, und da ziehet fromm den Hut, denn das hat der Menschengeist erdacht und errungen, und das ist Geist von eurem Geiste, und der heitere Stolz, der euch beschleicht, wenn ihr still vor euch hinsagt: »Das hat der Mensch erdacht!« Das ist der Gruß Gottes an die strebende, ringende Menschheit!

Mittlerweile aber ging es gar sonderbar auf dem Felde zu, wo der reiche Lois und der arme Melcher den Leuten die Mähmaschine vormachten, denn nicht lange währte es, so fühlte jeder große Lust, zu zeigen, daß an ihm die Belehrung nicht nutzlos aufgewendet worden wäre, und daß er das Ding jetzt schon »weg« habe, und so schloß sich erst einer, dann der andere dem voranschreitenden Lois an, und bald schritten alle Mannleute in einer langen Kette hinter dem Führer daher und fuchtelten also anschaulich mit den Armen, und da waren jetzt wirklich rundum wohl an fünfzig oder hundert, wenn nicht gar mehr Sensen in Arbeit und so mähten sie über das leere Feld, daß es eine Freude war.

Ja, wenn einer was Neues lernt, so ohne Müh', das gibt viel Lust und Freud' und geht nichts über einen wackeren Lehrmeister, etwa wie der reiche Lois einer war.

Abseits standen die Weibsleute und wußten nicht, sollten sie lachen oder erschreckt tun, denn die Männer arbeiteten sich ganz rechtschaffen ab, freilich ohne Nutz, und taktweis' war's immer ein Streich, wenn ihre Arme durch die Luft fuhren, und keiner zeigte eine Falte im Gesicht – der Augenblick war zu ernst.

Himmel, wie erschraken sie und wie fuhr die Kette anseinander, als plötzlich ein geller Pfiff ertönte, als sollle es der Maschine an gar nichts fehlen.

Da war mit einmal die ganze Maschine hübsch in alle Teile zerlegt. – Die Weiber lachten wie toll, und der letzte, der sich unbemerkt dem Zuge angeschlossen, der fuchtelte noch fort und fort mit den Armen, schnaubte und stieß dann wieder jenen schrecklichen Pfiff aus.

Jetzt aber lachten alle und riefen: »Der Steinklopferhanns!«

Der war es auch, er ließ jetzt die Arme sinken, stellte die Arbeit ein und sagte »Grüß eng Gott! Ich hab' schon g'meint, ös seids alle miteinander narrisch word'n.«

»Ah na«, sagte einer, »was d' g'sehn hast, dös war nur die Mähmaschin' von drüben, vom Herrn Grafen, wie s' uns der reiche Lois erklärt hat.«

Man sieht, Undank ist der Welt Lohn; daß der arme Melcher sie mit aufgeklärt hatte, daran dachte keiner mehr.

»Ah«, sagte der Steinklopferhanns, »dös war also die Mähmaschin'!? Na, is a schön's G'spiel!«

»Ich find' nix Lustig's an so einer Maschin'«, sagte ein Tagwerker, »dös bringt uns noch um unser Brot; was verbleibt uns hernacher? Dem feurigen Untier nachrennen und die Garben binden. Selb' werden s' a bissel Müh' nennen gegen früher und a nur a bissel Lohn zahl'n woll'n dafür.«

»Freilich wohl«, sagte der Lehnerferdl, das war auch einer vom Tagwerk und nebenbei im ganzen Ort als verwegener Bursche bekannt, war keine Rauferei oder kein Unfug ohne ihn. »Freilich wohl«, sagte der, »so kommt's und anderscht nit. Ich wüßt', was man tun sollt', aber ös seids lauter Letfeig'n und eins allein richt' da nix. Hinüber sollt' man, mit des Grafen Tagwerkern sollt' man reden, mit ihnen übereins werden und die höllischen Maschinen herausholen aus 'm Stadel und zurichten, daß s' kein Teufel mehr auf gleich bringt.«

»Und d' Schandarmerie?« warf einer bedenklich ein.

»Ho«, sagt der Lehnerferdl, »wegen der besinn' ich mich nit lang, bis sie kommt, ist die Tenne rein, dö Arbeit vorbei; folgt's mir, dö soll'n die wenigsten von uns erwischen. Wir woll'n keine Maschinen, hitzt is's Zeit, daß man ein' Weiser gibt, eh's zu spat wird und z'viel schon in der Gegend sein, als daß man s' auf ein' Streich abtun könnt. Nit wir Taglöhner allein, a Bauersleut' vom alten Schlag mögen die Maschinenwirtschaft net. Arbeit' so ein Großer billiger, so druckt er alle Klein' mit 'n Preis.«

»Wohl, wohl«, sagten mehrere, die kleine Wirtschaften hatten.

»Wer weiß, was uns so a Maschin'zeit alles noch brächt'? Hat's doch der reiche Lois selber g'sagt, man traut sein' eignen Augen kaum, was hitzt alles mit Dampf betreibt.«

»Was frag' ich danach«, sagte der Steinklopferhanns, »eins können s' doch nicht mit der Maschin'!«

»Was?« fragte der Lehnerferdl.

»Leut' in d' Welt setzen«, sagte der Steinklopfer.

»Du bist allweil der unzeitig' Spaßmacher«, schrie der Lehnerferdl. »Allmal! Mit dir können s' auch noch fertig werden, die Steiner werd'n s' doch mit Dampf verschlagen können?«

»Täten 's vielleicht eh' schon lang«, lachte der Steinklopfer, »wann sich nur die Kohlen dafür auszahleten. D' Maschin' kann doch nit, wie ich, nebenher betteln oder ins ›Basteln‹ und Aushelfen gehn?!«

»No spaß' du, no spaß' du«, ärgerte sich der Aufhetzer.

»Besser ein lustiger Spaß als ein trauriger Ernst«, sagte der Hanns, »wie einer is, in den du die Leut' hineinhetzen möcht'st! Dir war' doch nur zu tun um den Wirrwarr und um das Gaudium, wenn alles drunter und drüber ging, so weit kenn' ich dich, und wenn du sagst, die Schandarm' sollten die wenigsten fangen, so mein' ich selber, daß sie nur die g'ringsten erwischen möchten, du wärst schon lang übers Eck. Und was wär' 'leicht damit gericht'? Kämen die Maschinen dess'twegen nicht ins Land? A wohl, wer s' braucht, der ruft s, und da sind s'. Halt' einer ein' Eisenbahnzug auf! Der bringt s' hergeführt, und wollt' s' unsereiner hab'n so a Maschin', möcht' s kein'm g'fallen, wenn man ihm's möcht' in Übel aufnehmen, daß er sein Geld drein legt. Aber Blitz h'nein, was red' ich euch, mir liegt kein' Maschin' net auf und euch tut sie's auch nit. ös Lalli, verstund's was davon, so wüßt's, selb' kann 'm Grafen drenten von Nutz' sein, aber da für kein' Bauer gibt's a Maschin', die über'm Krumpen Erdboden, über die Lehnen und Anstieg' hinauf und hinunter was ausricht'. Kind und Kindskinder verleb'n wohl noch euer Tagwerkerleb'n, für dös ös eng so wehrts, eh dös anderschter wird. Aber nachater kimmt a Zeit, wo noch kein Mensch a Idee hat davon, als wie ich, der Steinklopferhanns, denn mir is's die vergangene Walpurgisnacht auf'gangen wie dös Buch mit die sieben Siegeln; no, ös wißt's, ich bin a Neusonntagskind, für unsereins hat's kein Geheimnis in die Rauhnächten, 's ganze Jahr über und danach a noch net.«

Einige stießen sich leise mit den Ellbogen an und lachten einander zu, andere aber, die noch abergläubisch waren, blickten beinahe ehrfürchtig auf den Steinklopferhanns hin, da er versicherte, daß es für ihn kein Geheimnis habe, »'s ganze Jahr über und danach a noch nit«. Da aber der Hanns während dieser Zeit des ehrfürchtigen Schweigens das Maul zutat, als ob er's nimmer aufmachen wollte, so fiel diesen gläubigen Seelen ein Stein vom Herzen, als ein vorlauter Bursche aus der Zahl derer, die meinten, der Hanns sollte eigentlich Prahlhanns heißen, mit der Frage losbrach:

»No, und was war denn zu Walpurga?«

»Bist recht vorlaut für dein Alter«, fagte der Steinklopfer. »Was geht's dich an? I mag's seit der Zeit nit leiden, daß man über d' Maschin' schimpft.«

»Verzähl doch, Steinklopfer, verzähl«, rief es jetzt von allen Seiten.

»Dös hab' i mir eh' denkt«, sagte der Angerufene, »daß ös mir wieder eine von meinen wahrhaften G'schichten 'rausbrateln wöllts, um hinterdrein z'sag'n, es wär' alles d'erlog'n und aus'tipfelt. Gleichwohl liegt mir nix dran. Lost's zu.«

3. Die G'schicht von der Maschin'.

Vergangene Walpurgisnacht war's – natürlich erst wie der Tag vorbei war, tagsüber ist's aber laut her'gangen, ein'm Fabriksherrn in der Gegend sein seine Arbeiter z'wider word'n, er hat sich an ihrer Stell' Maschinen ang'schafft, die Lärmmacher fortg'schickt und dö braven Leut' zu dö Maschinen g'stellt. Dös war am Vormittag. Nachmittag aber sein die Ab'dankten alle von dö Wirtshäuser, wo sie sich »Trost im Leiden« g'holt haben, aus'zogen, der Fabrik zu; hinter ihnen her und mit ihnen Tagdieb', Hausierer, Tagwerker, kurz allerhand G'sindel – ich war a dabei.

Wie wir zu der Fabrik 'kommen sein, sein wir ganz keck hineingegangen, dö braven Leut', die noch drin in Arbeit waren, haben uns zwar dös verwehr'n woll'n, aber wie s' g'sehn hab'n, daß wir die mehrern sein, und wie s' zum Verkosten a noch a paar Puffer 'kriegt hab'n, da sein s' auf das, was nachkommt, nimmer neugierig g'west, sondern sein gutwillig davong'rennt; der Herr und sein Buchhalter sein derweil vors Haus g'rennt und haben bald dort, bald da ein Träuperl Leut' mit schöne Reden beschwichtigt. Derweil dö draußen zu dö Ung'fährlichen schön g'red't haben, hat's drin im Haus zum krachen und poltern ang'fangt – dös waren mir von drinnat, wie wir uns über die Maschinen hergemacht haben. I bin so a Weil' dabeig'standen, hab' zug'schaut, und wie's grad wieder über so ein Ding geht, da reißt's mich – tust a mit! – und i heb' da so a Trumm Eisen auf, hol' aus und hau' zu, dös Ding macht no ein' Keuchezer, und hin war's!

Daß ich sag', dös war so ein schöner Durcheinander etwa noch a Viertelstund', dann heißt's auf einmal: Aushalten und verschwinden, von der Kreisstadt kommt a ganz's Bataillon Jäger. O du schmerzhafter Sebastian! Kaum sagt das einer zum andern, so hör'n wir s a schon blasen! No, jetzt ist der Wirrwarr an'gangen, 's Treten und Drucken, 's Arretieren, Kolbenstöß' – ich weiß nur mehr, daß ich mit genauer Not durchgerutscht bin; mit ein' Jager, der mich hat aufhalt'n woll'n, bin ich in 'n Graben h'nunter'kugelt, und wie mir uns all' zwei aufhelfen, kommt ihm die Bajonettscheid', die langmächtig' Leberwurst, zwischen die Fuß', und eh' er sich noch wieder auf gleich zappelt hat, war ich schon lang im Wald.

Und im Wald war's schon nachtig, und wie ich mir grad so denk': Teufi h'nein, jetzt hast noch a gut Stuck Weg heim, fallt mer ein: Heunt is Walpurga! Mir wird da glei nit recht g'heuer, no kein b'sunders ruhig's G'wissen hab' i grad a net g'habt, was ich in der Fabrik drin 'tan hab', war ja a grad kein b'sunder's rechtschaffen's Stuck Arbeit, und daß ich zuletzt die Obrigkeit sich nach mir hab' abezappeln lassen, war auch nit schön; aber da hat mich doch eins ›tröst‹: warum hat a die Obrigkeit so ein langen Überschwung g'habt.

Sollst auf 'm Fahrweg verbleib'n? Gehst die einsamsten Steig'? Gehst lieber gar außi aus 'm Wald auf die mondhelle Wiesen? Was tust, was is g'scheiter? So hab' ich spintisiert. Und wie ich mich noch so bedenk', komm' ich von freien Stücken aus 'm Wald außer, wißt's ja alle den Fleck enter der Rieslermühl', wo rechts und links die Weidplätz' in der Höh' lieg'n und mitt'durch führt ein kleiner Hohlweg nach der Straß'; von weitem hat man die Mühl' g'hört, sonst war alles mäuserlstill, dö Bäum' sein bocksteif dag'standen, kein Lüftel, aber der Mondschein, ich sag' euch's, der war anderschter als sonst, der hat so aufdringlich g'leucht, als wüßt' er über jedes Steindl am Weg was zu sagen, um die Grashalm', wie s' am Hohlwegrand herunterg'hängt sein, hat er g'spielt, und die Schatten haben völlig zittert in sein' Glanz, es war frei ein laut's Licht!

Und grad, wie mir dös zum g'fall'n anfangen will, wird mir auf einmal ich weiß nit wie? inmitten vom Hohlweg war ich, sonst wär' ich glei wieder z'ruckg'rennt. Da kommt's a schon von weitem her auf mich zu – ein mächtig groß' Ding, glänzt, daß ein'm völlig die Augen weh tun, aus sein' Hut is Rauch aufg'stieg'n, auf der ein' Seiten hat's mit ein' Arm in ein' eisern' Stiefel g'langt, und is dabei allweil hin und her g'fahren, grad wie wenn unsereins in einer Taschen nach Geld sucht und kann keins finden und gebärd't sich wie net g'scheit, und auf der andern Seiten hat's ein Radl g'habt, da war ein mächtig langer Schwungriem' dran, und wie's so auf mich zurogelt, und ich schau' so auf den Sappermentsriem', denk' ich, jetzt is's letzt' End', wenn d' ein' so ein' Wixer kriegst, tut dir kein Bein mehr weh!

Hitzten steht das Ding auf einmal still, pfnaust Dampf aus, und laßt den Schwungriem' fallen. Da is mir glei leichter g'west. Und sagt das Ding zu mir: Kennst du mich?

Sag' ich drauf: Nein, aber mir wär's lieb' für ein anders Mal, wenn's sein könnt', denn heut is mir nit recht gut, und ich bin zu solchen Dummheiten nit aufg'legt.

Drauf sagt dös Ding nit ein' Bissen, sondern tut ein Keuchezer und steht still.

Jesses und Joseph, da Hab' ich's d'erkennt – war dös dö selige Maschin', dö ich heunt in der Fabrik um'bracht hab'!! Ös kennt's eng denken, wie mir da war, allein, in der Walpurgisnacht mit so ein'm Spuk, 's Herz hat mir völlig aus 'm Leib heraus wollen vor Angst.

Sagt die Maschin' noch immer so rauh und stoßweis' wie vorher: Fürcht dich nicht. Tu, was ich dir sag', da hinten an mir hängt ein Kandl mit Öl, schmier mich.

So viel auch meine Händ' 'zittert haben, was mir jeder glauben kann, so hab' ich doch die Kandl h'runterg'nommen und hab' halt, so gut ich's 'troffen hab', das Maschin'gespenst geschmiert.

Und wie's geschmiert war, hat's auf einmal mit milder Stimm' ang'hebt zum reden: Hanns, hat's g'sagt, du warst heut auch einer von dö dummen Simpeln, dö sich nichts G'scheiters z'tun g'wußt hab'n als anderer Leut' Sachen zu ruinieren, und die kein' Respekt haben für das, was von braver Arbeit und rechtschaffenem Studieren in mir liegt! Aber dös versteht's ös net, und da muß man stillhalten und sich zerschlagen lassen. Ös wollt's halt nit verstehn, nit begreif'n, überhaupt nix lernen, es »glaubt« sich halt so viel leicht und es »weiß« sich halt so viel schwer, und so lang's a so bleibt, geht die ganze Aufklärerei wie a Kindertanz um 'n Maibaum allweil rundum und ohne daß man eng g'scheit machen kann, sag mer eng nur allweil: »Wie ös dumm seids!«

Da sag' ich drauf: Vergelt's Gott, aber dazu brauch' mer kein' Maschin', dös sag'n wir uns selber untereinander all' Tag. Ah, so g'scheit sein mir schon, daß mer dumm sein! – Denn wie vorhin der Spuk so freundlich und eindringlich g'red't hat, hab' ich mir a Herz g'faßt g'habt, is mir aber glei wieder abig'rutscht, wie 's Maschin'g'spenst anhebt: Hitzten steig auf mein' Rucken, du mußt mit!

Ich will grad alle Heiligen zu Zeugen anrufen, daß ich seit der Kavallerie kein Roß mehr ang'schaut hab', daß ich Maschin'reiter schon gar keiner bin....

Aber da stoßt dös Ding fuchtig sein' eisern' Arm in den Stiefel auf der ein' Seiten und draht 's Radl auf der andern, daß der Schwungriem' fliegt.

In Gott's Jesus Nam', hab' ich mir denkt und bin halt aufg'stieg'n, und wie ich sitz', geht's a schon furt, daß mer der Atem und die Sinn' ausgeblieben sein, ich könnt' eng's drum a nit sagen, wohin mich der Malefizspuk g'führt hat.

's war mir aber so, als saß' ich auf 'm höchsten Berg von der Welt, wie er heißt, könnt's ja 'n Schulmeister frag'n, g'nug, daß ich drob'n war in der Walpurgisnacht vergangen's Jahr.

Und wie ich so herunterguck' auf dö Welt unter meiner, sagt die Maschin': So ist's jetzt!

Ich schau', da kommen s' daher in ein' langen Zug, Arbeitsleut' aller Art, alle verkrüppelt, bresthaft oder vorzeitig alt und ausgemergelt durch 'n strengen Erwerb, durch die ung'sunde Hantierung, durch Trübsal um ihre allen Täg' – und wie ich so in der Rund' schau', seh' ich die anderen, die noch geschaffen haben, sich hinunterrackern wie die Viecher mit der schweren Arbeit, sich 's Blut vergiften mit Staub, und so Farb', und andere Patzerei'n und wieder völlig z'samm'schrumpfen auf ein' Fleck, von dem s' die Sorg' ums Brot nit weglaßt, nit a wengerl in die frei' Luft, kaum im Jahr amal! Wie ich so das Elend da vor meiner sieh, schlag' ich die Händ' z'samm' und sag: Himmlischer Vater! Du triffst doch allmal die rechte Mischung zwischen Herzload und Herzensfreud', daß 'm Menschen nit z'gut und nit z'übel wird auf der Welt, und er 's Leben aushalten kann, denn Übermaß von ein'm oder 'm andern tut niemal a gut! Wie magst denn a so viel Mühsal auf ein' Fleck z'samm'trag'n?!

Sagt die Maschin': Strapazier dich nit, möcht' der Herr allen Fragern z'G'hör sein, Verbraucher! er sein' ganze Ewigkeit zum Antworten. Derweil wir da reden, geht die Welt wieder ihr Ruckerl weiter. Schau lieber, wie's einmal sein wird.

Ich schau' wieder. Is die ganze Welt wie verändert g'wesen, alles, was man denken und sinnen kann, das nur möglich ist, es rührt der Mensch nit selber mit seine Hand' dran, das haben Maschinen geschaffen, und an den Maschinen sind sie g'standen die neuchen Leut', unverkrüppelt, unverkümmert, schön groß, stark, und hat ihnen die Gesundheit und die G'scheitheit aus dö Augen g'leucht, ist jeder wie ein König an der Maschin' g'standen, die er gemeistert hat bis aufs letzte Radl.

Und über die Welt war ein großer Arbeitstag mit lauter saubre lustige Arbeitsleut'!

Und wie ich das siech', da hab' ich mich in die Höh' g'streckt und hab' g'juchzt: Juche! Hitzt is 's Brotkörbl nieder, und das sein meine Leut', dö halten doch ein' Puff aus, und so stehn s' mir an!

Und wie ich so schrei', verschwind't dös ganze G'sicht, d' Maschin' packt mich wieder auf und setzt mich nachert ab, no ös kennt's ja dös Platzl, enter der Rieslermühl' inmitten vom Hohlweg? und wie's mich da los is, sagt's: Servus!

Ich sag': B'hüt dich Gott und halt a fein Wort, Maschin'!

Und fort war s'!

Na also, dös war zu Walpurga vorig's Jahr, und sider der Zeit mag ich kein' Maschin' schief anschau'n, 's tut mir völlig schon um a Lichtschneuzen leid, wann s' a kleiner Bub verbricht. No, wo is denn der Lehnerferdl hin'kommen, schau, ich hätt' grad g'meint, der wurd' mich gern Lugen strafen mögen! B'hüt Gott miteinander, hitzt muß ich wieder h'nauf nach mein' Steinbruch!

Drittes Kapitel

Es war ein abscheuliches Verbrechen, das da draußen, eine Stunde Weges vom Orte, in der einsamen Mühle geschah. Der alte Müller, der darauf saß, war vor Jahren verwitibt und hatte eine junge Magd in Dienst genommen, die ihm sehr gefiel; als er nun merkte, sie werde in gutem ihm nicht zu Willen sein, so brauchte er Gewalt. Es hätte ihm übel bekommen können, wäre die Dirne damals in die Gerichte gegangen, aber was getraut sich so ein armes Geschöpf? Sie demütigte sich vor dem Alten, beschwor ihn um Jesu willen, sie nicht in der Schande zu lassen; das war es, was er haben wollte, er machte sie zu seiner Müllerin, die Leute fanden das für ganz ausnehmend brav gehandelt und lobten und rühmten ihn – aber es bekam ihm übler!

Wie sich ein Ding anläßt, so wächst sich's auch aus, was mit Schande, Angst und Heimtücke begann, konnte nicht mit Ehr', Fried' und Offenheit enden. Es kam da ein junger Knecht auf die Mühle, und den mochte die Müllerin leiden. Um ihre Jugend war sie betrogen worden, aber das junge Blut behielt sein Recht. Wohl wußten beide, es war nicht recht, was sie da im geheimen spannen, sie wußten es, gleich wie es anhob, die Müllerin wußte es, als sie dem Burschen zulächelte, und der Bursche wußte es, als er verlegen das Lächeln zurückgab, aber das sah sie doch ganz unschuldig an, und man konnte sich ja hüten, aber so blieb es bei jedem Schritte, mit dem sie sich mehr und mehr näher rückten, und zuletzt erschien den beiden selbst das Ärgste unverfänglich. Ihre Liebe war freilich nicht wie die anderer Leute, sie durften nicht stolz aufeinander sein, sie mußten darauf achten, daß man nicht merke, wie gut sie einander seien, und daran war nur der Alte schuld, sie hofften, er werde doch bald versterben. Einmal wallfahrte die Müllerin, ein andermal der Knecht nach einem nahen Gnadenorte und baten die Muttergottes, sie möchte sie erlösen, sie beteten – um den Tod eines Menschen!

Aber die Wallfahrer hatten kein Glück, der Alte blieb rüstig und gesund, als sollte er ewig leben.

Das war hart für sie; wie lange sollten sie denn noch warten und harren, um es zu gleichem Ende wie andere Liebesleute führen zu können? Immer unleidlicher ward ihnen der Zwang und das Geheimtun, und so fielen sie denn in einer Nacht gemeinschaftlich über den Alten her und ließen nicht ab von ihm, bis er tot war, dann setzten sie die Mühle in Gang – das klapperte plötzlich weithin durch die Stille der Nacht, als wollte es das ruhende Tal aus dem Schlafe schrecken, aber ihnen taugte das Getöse, es ließ sie nicht klar werden über das Geschehene und nicht an den kommenden Morgen denken. Den Leichnam warfen sie in das kreisende Rad.

Die Sonne, die sie weckte, war eine andere als die alte; was war das für ein abscheuliches Licht, das in alle Winkel spähte, durch jeden Bretterspalt fiel?! Dort stahl es sich durch die verhangenen Fenster in die leere Kammer, und ein wirbelnder Streif tanzte über die Polster des Bettes, fand aber nicht, wie sonst, einen Schläfer zu wecken. Wie glitzerte das Wasser am Mühlrade und – oh, wer sich hineinzuschauen getraut hätte! – wie es den toten Mann mit jeder Umdrehung hervor an das Licht schleifte! Aber da galt kein Säumen, lebendig wird es schon rings im Tale, die Leute werden kommen, daß sie auch kommen müssen, daß doch die Welt diese Nacht über ausgestorben wäre! Was sagen? Was tun?

Die Mühle wurde gestellt, die Müllerin stürzte mit Jammergeschrei, verwirrt und entsetzt in das Tal nach der nächsten Hütte, um den Leuten zuzuschreien, daß heute nacht ihr Mann verunglückt sei.

Aber die Sonne, die böse Sonne mit ihrem aufdringlichen Lichte ging nicht unter, ohne alles an den Tag gebracht zu haben.

Der Mond fand die Mühle leer, dafür sah er dort, fern in der Kreisstadt, als er die Schatten der Gitterstäbe in die Gefängniszellen warf, ein junges Weib mit verweinten Augen und einen Burschen mit stieren, glanzlosen Blicken schlaflos vor sich hinstarren.

Das war eine Aufregung im Orte, als man die beiden festnahm, das wogte ab und zu nach der Unglücksstäite und nach dem Gemeindekotter, wo die Täter und die Landjäger, die sie zu bewachen hatten, auf eine Fahrgelegenheit warteten, und als schon lange der unbeholfene Leiterwagen über die ausgefahrene Straße dahingepoltert war, standen die Leute noch überlaut redend vor ihren Türen. Das Gemeindewirtshaus war überfüllt von erregten Gästen, die sich durch den Trunk noch mehr ins Feuer brachten; was wollte da jeder schon lange gesehen und gehört haben, das ihm bedenklich vorkam? Da war keiner, der es nicht schon früher gemerkt hätte, wie in der Mühle nicht alles richtig gewesen, und schier alle hätten es vorhersagen mögen, daß das kein gutes Ende nehmen könne. Da war keine üble Nachrede, die nicht ihre zustimmenden Hörer gefunden hätte.

Und es war allwege nicht denkbar, daß an dem Weibsbild und dem Burschen jemals ein gutes Haar gewesen wäre, die mußten von Kind auf verderbt und verworfen gewesen sein, waren gar niemal wie andere Leute gewesen, denn rechtschaffenen Leuten – jeder schmeichelte sich zu denselben zu zählen – könne so eine gräßliche Tat gar niemals beifallen.

In einem Winkel der Stube trank auch der Steinklopferhanns sein Gläschen und rauchte seine Pfeife, jetzt war sie ihm aber ausgegangen, er klopfte die Asche in derselben an der Tischkante aus und sagte: »Ös seids recht christlich – recht christlich!«

»Werd'n wir's doch nicht gegen so Mordgesellen sein sollen?«

»Warum nit«, sagte Hanns, »wer sich für christlich ausgibt, soll allezeit dabei bleiben, und wann ich mich recht besinn', so steht doch geschrieben: Richtet nicht, daß ihr nicht gericht' werd't!«

»Es wird auch kein ehrlicher Christmensch ein'm andern was nachtrag'n, aber so ein Mordgesindel zählt doch nit dazu!«

»War wohl auch a Zeit«, meinte der Steinklopfer, »wo sie kein Brösel anders waren als eins von uns da!«

«Na, hör auf, Hanns, das is kein Reben, so ein Stück brächt' wohl keiner, wie wir da sein, übers Herz, dazu muß man schon ganz gottverlassen auf die Welt kommen, dazu muß eins schon bestimmt sein.«

»Dann is auch dazu bestimmt, wer heut sich ein' Rausch trinkt! Ihr betet doch alltag paarmal 's Vaterunser, und bei der Rosenkranzandacht schon gar, weiß nit wie oft, aber wohl weil's unserm Herrgott'n vermeint is, leiert's ös herunter, daß 's kein Teuxel versteht, ös selber aber auch nit: sonst möcht' euch doch bei einer Bitt' einleuchten, selb' wär's gescheiteste Beten, was 's jemalen af derer Welt geb'n hat, dö Bitt', was ich mein', heißt: Führe uns nicht in Versuchung! Es is schon so, daß sich einer recht brav halt't, wann ihn kein' Verlockung betrifft, und geht mancher als ehrlicher Mann sein' Weg, weil ihm die Versuchung nie begegnet. Kommt's aber einem über die Quer, so gibt's ein hart' Stück Arbeit, da soll sich keiner aufwerfen und vermeinen, er wüßt', was da aus ihm wurd'; often kommt's ruckweis und führt 'n Trittl für Trittl, er denkt sich's dabei selber nit aus, wohin. Often kommt's mit ein'mmal, und er tut, was er augenblicks drauf nöt für möglich halt't, es war' sein Tun und hat wohl auch vor kurzer Weil' g'fagt: So a Stück brächt' wohl keiner, wie wir da sein, übers Herz! – 's Menschen-Einwendige muß mer kennen, heißt, mer muß sich sagen, mer kennt's eigentlich net, dann is mer sein ganz b'scheiden ruhig und find't a Mitleid auch mit , wo man nit meint, sie verdienen's, dies aber z'notwendigst brauchen, soll's mal mit dö besseren Zeiten anheb'n, wo man von Kind auf schon der Leidenschaftlichkeit ausbeugen und 's G'scheitsein lernt und statt: sei fromm, sagt: sei brav!«

»Hört's 'n Steinklopfer! Der hat wieder a neu' Evangeli in' Kopf.«

»Is eh' a rechter Heiland, nimmt Eh'brecher und Mörder in Schutz!«

»In Schutz nehm' ich's nit«, sprach Hanns, »daß ich etwa saget, es war' recht, aber ich sag', einstmal war'n 's net andere Menschen wie mir, und wann's uns dö gleichen Weg führet wie sie, möcht' wohl keiner sagen können, ob er heut nit da stund' wo die zwei!«

»Ah, selb' kann man wohl sag'n, was man nie wurd' imstand sein«, riefen etliche junge Burschen.

»Na«, lachte verschmitzt der Steinklopfer, »mir steht mer's wohl auch nit an, noch hätt' ich's selber g'laubt, aber doch hätt' ich bald ein' um'bracht.«

»Geh zu – was d' sagst!«

»Na wohl, war's a so.«

»Verzähl – verzähl!« Alles rückte zu.

»Na lost's zu. Verzähl' ich's halt.«

4. Die Versuchung.

Bald is's gar nimmer wahr, so lang ist's her, aber ich besinn' mich noch, es war ein schöner Herbsttag g'wesen, mir hat aber nit zu Sinn woll'n, denn damal is's mir grad grimmig schlecht gegangen, was braucht mir auch d' Sunn' so freundlich in' leeren Sack und in' hungrigen Magen z'scheinen, hab' ich mir denkt, was hab' ich davon? Is a boshaftig's Ding! Die Rauch' hab'n mich geärgert, die aus die Schornstein' gradauf g'sftieg'n sein, 's Obst af dö Bäum' – mein war's net – und af der Gmeinwiesen hätt' ich mögen 's ganze Gras ausreuten, na, ich war ja kein' Kuh, dah ich's hätt' mögen fressen. Teufi h'nein!

Ich war froh, wie die Sonn' ein' Anstalt macht zum Untergehn und bin noch fort ins Gebirg, bin durch Schluchten ang'stieg'n, daß ich vor ihre letzten Lichter sicher bin, bis 's Monad 'raufkimmt, was nit so aufdringlich is mit sein Licht.

Wie ich später so forttapp', denn 's sakrische Mondschein is hinter dö Wolken blieb'n, riegelt sich was in der Finstern, kommt hervor aus 'm Schatten und steht a schmächtig's Bürschel vor mir, so wie man's sieht auf der Wanderschaft.

Er fragt nach 'm Ort, was überm Berg enten liegt, G'scheiter's wußt' ich mir grad nit zu tun, denk' ich mir, führst ihn bis hin, vielleicht zahlt er dir dafür doch a Glasl Wein.

Sag' ich also zu ihm, wann's ihm recht wär', könnten wir ein' Weg gehn, ich selbst möcht' nach Tappental.

Er sieht, schaut mich eine Weil' an, auf einmal sagt er, es wär ihm lieber, ich gäbet ihm die Weisung, daß er sich allein hinfinden könnt'.

Ahan, denk' ich, selb' is a notiger Kerl, der fürcht' sich z'weg'n einer klein' Derkenntlichkeit, und sag' deswegen zu ihm: Ich steh' af nix nöt an, ich führ' eng schon umsonst.

Da sagt das Bürschel ganz wegwerferisch: Ich hab' eng gebeten, mir 'n Weg z'beschreiben, wollt's net, so such' ich mir 'n halt selber.

Auf dös sag' ich nöt freundlich: Na, na, wo ich z'wider bin, dring' ich mich nöt auf! – Wels ihm die Steig', sag', von da geht's a so und von dort a so nach Tappental zu, halt, daß er nit irr' geht, dreh' mich dann um und b'hüt Gott!

No gibt er mir dö Hand, bedankt sich recht schön und meint, ich söllt's ihm nöt in Übel aufnehmen, aber er wär' noch in tausend Angst und Schrecken.

U mein und wie er das sagt, schau' ich ihm ins G'sicht, er war käs'weiß.

Je, je, lieber Herr, sag' ich, was is eng denn zug'stoßen?

No erzählt er mir, es hätt' sich ihm heut auf 'm Weg a wilder Kerl ang'schlossen, der wär' schon 'm Anschau'n nach zum fürchten und nit von der Seit' z'bringen g'west, wie's aber in finstern Wald kämma, fallt der Kerl über ihn her, und wann nöt a alte Holzklauberin dahertappt und zum schreien und zetern anhebt, wer weiß, was g'schehn wär'! Nöt gar weit von da und von a klein' Halb'nstund' hätt' sich dös zutrag'n. Selb' hätt' 'n ganz scheu und verzagt g'macht, er wußt' sich kaum aus in sein Sinn, gern möcht' er allein gehn, doch noch lieber mit ein' ehrlichen Menschen.

No, sag' ich, da seid's schon recht, ich bin, soweit ich warm bin, a ehrlicher Kerl, von was nit mein war, hon ich all mein Lebtag nit was schwarz unterm Nagel is wegg'nomma!

Jo, lacht er, freilich, um was schwarz unterm Nagel is, zahlt sich's net aus, in der Weis steckt die ganze Welt voll lauter ehrliche Leut', aber wann's mehr gilt, da probiert sich dö Ehrlichkeit.

Kreuzsakra, sag' ich, nöt um 'n Kaiser sein G'schloß tat ich a Schlechtigkeit.

Glaub's wohl, meint er, a G'schloß kann mer halt wieder net leicht in' Sack schieb'n, was z'g'ring is, oder was einer nit aufheb'n mag, laßt a jeder lieg'n, um z'wenig und z'viel belobt sich a jed's der Enthaltsamkeit von fremdem Gut, aber, mein lieber Hanns (ich wußt wahrhaftig net, woher er mein' Nam' g'wußt hat, aber g'nennt hat er 'n), mein lieber Hanns, es is ganz a andere Sach', wann's um a schwermächtig Stück Geld hergang', und dös kunnt eins nehma und war sicher vor Klagen und Fragen und wüßt kein' lebendige Seel' drum.

Na, na, sag' ich, ehrlich währt am längsten, und wann's wollt's, ich soll weiter noch mit eng gehn, so tut's ein' andern Dischkurs anheb'n, sonst müßt' ich frei glaub'n, ös halts mich net für besser wie den Schubjak, der eng vorhin hat ausraub 'n wöll'n.

Ah, sagt das Bürschel und lacht dabei so spöttisch, daß ich ihm hätt' eins versetzen mög'n. Ah, beileib, Hanns, ich weiß schon, du bist a ganz a andrer Mann, übrigens is's a Glück für mich, daß der Rauber von vorhin sich wohl auch denkt hat, es zahlt sich net aus, hätt' er g'wußt, was ich weiß, ich mein', er war' dabei 'blieb'n und hätt' mich und dö alte Holzklauberin spediert.

No, was is's denn nachher, was ös wißts? brumm' ich, daß ich nur was red', obgleich ich von dem dummen Dischkurs gern los'kommen wär', aber ich mag net so z'neben ein' hertorkeln und mein' Gedanken nachhänga.

No, sagt er, was ich bei mir führ', wär' schon ein' Mord und ein' Totschlag wert g'wesen. Was meinst?

Was weiß denn ich, um was sich ein Mord und Totschlag auszahlt, schrei' ich, glaubt 's, ich bin a g'lernter Rauber?

Na, sagt er, Hanns, a dreißiglausend Gulden sein doch a Geld!

Dreißigtausend Gulden! Liebe Leut', wie er dös sagt, is mer völlig schwindlig word'n, denkt's, so viel Geld und ich nöt ein Groschen im Sack, auch kein' Aussicht für morg'n oder übermorg'n und noch weiter, daß ich zu a bissel was komm'.

Dreißigtausend Gulden, sagt er, und alles in kleine Bankanoten, was sich leicht verzetteln lassen und wo kein' Frag' is, wie kommst dazu?

Bei der Red' kommen wir über 'n hochen Kamm, der Weg is kaum für zwei, turmhoch, steilauf steigen da die Felsen übers Tal an; dort bleib'n wir a Weil' stehen, denn das Bürschel schnappt an wen'g nach Luft, dann hebt es wieder an:

Dreißigtausend Gulden, Hanns, kein groß's Papier dabei, wo dich der Kramer oder der Wirt drum groß anschaut; langsam, mann Jahr drüber hin'gangen sein, kann mer's nach und nach zum Vorschein bringen, mer gewinnt in kleine Händel, es wird mehr und mehr, dö Leut' können ein'm doch nit jeden Posten nachrechnen, auf einmal, alle Welt muß meinen, es is mit rechten Dingen zu'gangen, sitzt mer af ein Bauerngut, kujoniert sein G'sind, is wer und stellt was vor, hat Gründ' und Liegenschaften, Geld im Kasten; all dös, was kost's? Ein Griff nach meiner Taschen und ein' Ruck, daß ich da h 'nunterflieg' – und morgen is weiter kein Reden drüber, als daß a armer Handwerksbursch verunglückt is.

Höllteufel, verfluchter! schrei ich auf.

Da lacht er und sagt: Und wann d' noch weiter wüßt'st, Hanns, das Geld alles hon ich noch dazu selber g'stohl'n; ich bin in einer großen Handlung g'west, da is's mir g'lungen. Wär' doch a Narr, der in die Gericht' rennet, kann er mich doch selber b'strafen und fand' mer mich morg'n da unt' lieg'n und d'erkennet mich auch, mer denket, ich hätt' all dös Geld sauber durch'bracht.

Du elendiger Dieb, schrei' ich, du hast Lohn und alles g'habt, ich hab' nix, gar nix als 's nackete Leb'n, teil dein g'stohlen's Gut mit mir, oder –

Kein' Red', sagt er, alles oder nix is mein' Wahl!

Da hab' ich mich nimmer ausg'wüßt, der Teuxel hat mich bei jedem Haar g'habt – kein' Seel' weiß's, was du tust – es kann gar nit aufkommen – Liegenschaften – Geld im Kasten – bist wer, auf Lebzeit geborgen –! Das geht mer durch 'n Kopf wie a Spinnradl schnell. Alsdann nix, schrei' ich und stürz' mich af ihn, reiß' ihm die Taschen weg und gib ihm gleichzeitig ein' Renner.

Da lacht er wie der leidige Teuxel auf, und nöt wie a anderer Mensch kopfüber abisausi, langsam, ganz langsam wie a Federn fallt er hinunter, und dabei lacht er fort und fort und schreit: Hanns, du ehrlicher Mann, du! Und unten fallt er schwer auf, und noch mal hör' ich von unt' ganz tief, wie aus der Höll' auffer, sein' Lacher: Hanns, du ehrlicher Mann, du!

Ich schrei' aber auf: Jesses und Joseph! und fall' – aus 'm Bett.


«No is's halt wieder a Traum g'west«, sagten die Zuhörer. Hanns zwinkerte mit den Augen. »Als a Wacher bracht ich ja kein Hendel um, freilich war's a Traum, aber Leuteln, es is mir lieb g'west, daß's nix Wirklich's war, und ich mein', es därf jedem lieb sein, er hätt' an meiner Stell' auch nur 'träumt.«

»No und was beweist dös af dös Heutige?« fragte ein junger Bursche.

»Die Müllerin und der Knecht«, sagte der Steinklopfer, »dös sein verlorene Leut', laßt's dö Richter mit dö fertig werd'n, sein wir froh, daß wir froh sein könna, aber überheb'n mer uns net; freu'n mer uns, daß wir g'sund sein, sorg'n wir allfort für die G'sundheit von Leib und Seel', aber vergessen wir nöt, daß doch unser jeden ein Übel anfall'n kann, und sollt' uns vor ein Siechtum auch grausen, so dürf'n mer doch mit dö Kranken a Barmherzigkeit hab'n.«

Viertes Kapitel

Weit außerm Ort in einer armseligen Hütte, die an eine Felswand angebaut war, und so recht bescheidentlich ihrem Erbauer die Errichtung einer vierten Mauer erspart halte, wohnte der alle Lehnerfranzl und führte ein recht beschauliches Leben. Wie lange schon? Je nun, böse Leute im Ort – es gibt aber doch überall böse Leute! – meinten, gar so lange wäre das nicht her. Eben diese bösen Leute behaupteten, daß sein Sohn, der Ferdl, dem Vater völlig nachgerate; der sei einmal gerade so ein Raufbold und Störenfried gewesen, hätte seiner Zeit gleich tief in das Glas geguckt wie derzeit sein Junge und hätte es auch gern mit den Dirnen gehabt, wenn eine so unvorsichtig war, ihm den kleinen Finger zu zeigen, so nahm er gleich die ganze Hand; aber das wäre nicht so schlimm gewesen, die ehrlichsten Burschen halten ja um die Hand ihrer Mädeln an, aber er nahm etwas mehr und ließ dann die Hand der Betrogenen fahren, und diese mußte recht froh sein, wenn sich später noch ein gutmütiger Bursche fand, der nicht nachfragte, was der Lehnerfranzl etwa vorweggenommen. Wollte man den bösen Leuten alles glauben, so kannten die Jägerburschen gar gut auch den »Wilderer« Lehnerfranzl, der aber stets so gerieben war, der Ehre einer gar zu nahen Bekanntschaft auszuweichen, und sich nie erwischen ließ.

Aber da kam denn die Zeit, wo der bisher im Rufe der Unbezwinglichkeit Stehende nicht mehr gefürchtet wurde, wo man ihn spottweise schon fragte, »in welches Eck er geschupft sein wolle, und ob er lieber rücklings oder kopfüber dorthin fiele«. Und – o Schmerz – man stellte nicht nur diese beleidigenden Anfragen, sondern man löste auch die in drohendst abweisendem Tone erteilten Aufgaben auf das glücklichste, »prompt und billig«, wie die Kaufleute sagen.

Ja, es kam die Zeit, wo ihn ein Trunk über den Durst zum Gespötte der Jungen machte und wo die willigsten Dirnen des Kirchspiels nimmer den kleinsten Finger ihm reichten, sondern – einem andern. Eine Zeit, wo sein Auge nicht mehr scharf auslugen und sein Arm nimmer gehorchen wollte, je nun, gar so lange war das nicht her, aber seit dieser Zeit war ihm die Beschaulichkeit eingeschossen, und seit es auf dieser Welt nicht mehr recht mit ihm fort wollte, verlegte er sich auf das »andere Leben«, und da er nicht zweifelte, dort in Gnaden angenommen zu werden, natürlich auf die »ewige Seligkeit«.

Sonderlich ist's schon, daß Leute, die oft für die Welt zu schlecht oder wenigstens zum übelsten Beispiel waren, sich noch immer gut genug für den lieben Gott halten; oder daß andere, so unverträglich und grillenhaft, daß kein Mensch ihrer begehren möchte, sich in ein Kloster versperren, zur »himmlischen Brautschaft«. Nur soll nicht damit gesagt sein, daß nicht in letztgenannten Mauern manch Herz Zuflucht gesucht, dem in all seinem Hoffen und Träumen die Welt nicht Wort gehalten hat, aber kommt die entsagende Demut wohl da zu dem gleichen Gespann, wenn sie zur geistlichen Hochfahrt kommt?

Ich möchte wohl ein solches Herz fragen, aber es würde schweigen und – brechen.

Aber der Lehneifranzl schwieg nicht von allen den Herrlichkeiten, deren er sich sicher glaubte; er besuchte fleißig die Kirche, er las in allen Büchern, deren er habhaft werden konnte und in denen etwas stand vom »lieben Himmelreich«, und schließlich wußte er jedem, der es Lust zu hören hatte, mehr davon zu sagen, als selbst der Herr Pfarrer.

Nun geht es aber noch sonderlicher zu auf der Welt, weiß nicht, woher es kommt, aber es ist einmal fo, das läßt sich nicht abstreiten; wie einer einmal seinen Himmel sich recht sauber erbaut und ausgezimmert hat, da leidet es ihn nimmer allein drin, und wär' der Himmel auch so schmal geraten, daß er nur einen Bettgeher darinnen aufzunehmen vermöchte, so wird er wenigstens den suchen. Größere Etablissements werden natürlich mit mehr Komfort und größerem Belegraum ausgestattet, und gibt es da auch mehr Türsteher und Ordnungsmacher. Nun weiß man zwar wieder nicht, woher das kommt, aber es ist einmal so, gleichwie der Mensch nicht gerne allein ist, nicht einmal im Himmel, so ist es auch ein menschliches Gefühl, daß ein jeder auf seine Kosten kommen will, und ist er erst einig, daß er etwas von seinem Himmelreich zu vermieten gedenkt, so kommt er auch auf einen gewissen Tarifsatz, und so viel kostet dann der mit Wolken gepolsterte Sitz und so viel der ordinäre Stuhl. Und nun wird jeder eingeladen, sich das Himmelreich zu betrachten und einzutreten; soweit wäre alles gut, aber, wie gesagt, jeder will auf seine Kosten kommen, und da wird einer nicht lange gefragt: Willst du ins Himmelreich? Nein, da heißt es: Du mußt in das Himmelreich, und das ist vom Übel.

Es ist recht nutzbringend auf dieser Welt, daß der Mensch aus allem, was man weiß und wissen kann, seinen Vorteil zieht und daher seinen Beruf nimmt, vom Arzt bis zum Hundedoktor, vom Forstmann bis zum Holzfäller, vom Bergmann bis zum Steinklopfer, vom Maschinisten bis zum Rastelbinder, ja vom Chemiker bis zum Lumpensammler usw., aber daß der Mensch auch Vorteil aus dem zieht, was man nicht weiß und wissen kann, das ist mehr scharfsinnig als nutzbringend und war von jeher mehr betrübend als erfreulich.

Was soll mit dem allem gesagt sein? Wenn's so ist, man weiß zwar nicht warum, aber es läßt sich einmal nicht abstreiten, daß jeder, der sich mit dem Himmel abgibt, zugleich ein kleines irdisches Unternehmen damit verbindet, so wird doch nicht der alte Lehnerfranzl eine himmlische Kleinkrämerei betreiben?!

Und warum nicht? Jeder in seiner Art. Da war im Orte eine Bäuerin, gehörte als Dirndl auch zu denen, welche dem Lehnerfranzl den kleinen Finger gezeigt; der war es so gut geworden, einen gutmütigen Burschen zu finden, der sie heimführte, und das mußte man der Baltzerliese nachsagen, sie ist ein braves Weib geworden, und er hat's bis auf seine letzte Stund' nicht bereut, daß er sie genommen hat. Seine letzte Stund' war aber vor kurzem, kaum drei Monate her, und so war sie Witwe geworden.

Schlimmer noch war's, daß sie, obwohl die Ehe lange Jahr' unfruchtbar blieb, zuletzt vor sechs Monaten niederkam – bei ihrem Alter wohl das erste und letzte Kind – und jetzt mit dem atmen Würmlein verlassen in der Welt stand.

Das arme Kind, das ohnedies etwas zu spät für die Mutter zur Welt kam, kam also auch zur schlimmsten Zeit. Die Bäuerin hatte keine Augen für ihr Glück, keine Hände, zu schaffen für das kleine Ding. Sie brauchte die Augen zum Weinen, die Hände zum Ringen, und als man ihr Trost zusprach von allen Selten, da hob sie Augen und Hände zum Himmel, gedachte des Seligen, und wenn ja einer sie auf das arme, verlassene, verwahrloste Kind aufmerksam machte, da sagte sie: »Der arme Wurm! Ich kann ihm wenig mehr helfen, denn ich werde bald hinaufgehen zu meinem Jakob in das himmlische Reich, hier bin ich zu nichts mehr nütze.«

Das war gewiß recht fromm gesprochen, aber die Leute ärgerten sich darüber. Und wenn mich einer fragen würde, so würde ich sagen: Gott hatte gewiß seine Freude an diesem Ärger.

Indessen verwahrloste das arme Kind und nebenbei die kleine, aber doch einträgliche Wirtschaft, die Leute waren geärgert und zogen sich ohne weiteres Zureden zurück, und das war wieder nicht gut getan von den Leuten. Nur einer kam jetzt in das Haus, erst ein paarmal in der Woche, dann Tag für Tag, der alte Lehnerfranzl.

Wär' sonst zu einer Witwe im Ort ein früherer Liebhaber so häufig auf Besuch gekommen, die Leute hätten das gewiß recht sündlich und schandbar gefunden, aber da beide über die Jahre der »Löffelei« hinaus waren, so dachte man allgemein, die Bäuerin würde dadurch auf andere Gedanken kommen, man wollte es selbst dem alten Lehnerfranzl gönnen, wenn er mit ihr die Wirtschaft erheiratete und rechtschaffen darauf hausen und arbeiten wollte, und das alles, damit es mit dem armen Kinde anders würde. Was doch so ein klein unschuldig' Ding über alle Lästermäuler vermag! Und wie die »bösen Leute« oft gut sind, wenn sich's nur der Mühe lohnt.

Aber dem alten Lehnerfranzl Arbeit zuzumuten, das war wohl ein wenig zu weit gegangen, ihr lieben Leute! Er kam ja nur, weil er hörte, daß sie so gottseliger Gesinnung geworden sei und bald da hinaufgehen wollte zu ihrem seligen Jakob in das himmlische Reich, und da er da oben so gut Bescheid wußte, so wollte er sie nicht ohne Weisung lassen. So kam er denn in der ersten Woche ein paarmal zu plaudern vom himmlischen Reich und nebstbei etwas Kuchen zu essen und ein Gläschen Wein zu trinken. Und als er sah, daß seine Gespräche Beifall fanden, daß er als »Wegweiser in das neue Jerusalem« bereits unentbehrlich geworden war, da kam er alle Tag', um die einzelnen Stationen der großen Reise eingehend durchzusprechen und – – sich ausfüttern zu lassen. So gut war es ihm schon lange nicht geworden, aber daß sich alles aufzehrt, wo nichts gearbeitet wird, daß er's einer Witwe und einer Waise von der Schüssel fräße und der Tag nahezu vorher zu bestimmen war, wo er mit einem heuchlerischen »Vergelt's Gott« von der leeren Schüssel weggehen würde auf Nimmerwiederkehr, und wie dann die Schüssel allnächster Tage leer bleiben würde und Mutter und Kind hungernd davor sitzen würden, das bekümmerte ihn wenig, oder, wenn wir ihm viel Ehre antun wollen, das vergaß er über dem frommen Eifer gottseliger Gespräch- und Gebetstunden!

Nun war den Leuten die Geduld gerissen, sie hatten einmal ausnahmsweise, wie sie meinten, Gnade für Recht ergehen lassen – hatten das Bessere über ihre Nebenmenschen gedacht und gesprochen und sahen sich jetzt getäuscht. Sie schämten sich förmlich ihres guten Herzens, nannten es eine Schwachheit und wurden, wie es in solchen Fällen geht, ärger wie je, ja einige verschworen es sogar im stillen: Einmal gut gewesen und nie wieder.

Aber hoffentlich werden sie alle wieder einmal eidbrüchig, und dann sollen die lieben Englein, was ich ihnen sonst immer, der braven Leute auf Erden wegen, nur höchst ungern gestattet habe, über einen von ihnen mehr Freude haben dürfen als über neunundneunzig Gerechte, und ich will selbst mittun, wenn sie mich früher unterweisen wollen, wie sich Engel freuen.

Jetzt aber war der Teufel los an allen Enden und Ecken, die Wirtschaft wurde mit den unsaubersten Namen belegt, die Gespräch- und Betstunden in ihrer »Gottseligkeit« arg beanstandet, die Bäuerin alles, nur keine brave Frau, und der Lehnerfranzl dafür alles geheißen, was sich an wortreichen Zusammensetzungen haarsträubender Eigenschaften ersinnen ließ.

Dieses Gewitter mit seinem vernichtenden Grollen und zornigen Aufleuchten konnte nicht unbemerkt über dem Haupte der Bäuerin wegziehen, und als der Lehnerfranzl, der für derlei eine härtere Haut hatte, zunächst zu einer Gesprächstund' wieder bei ihr einsprach, fand er sie mit verweinten Augen auf ihrem Stuhle und zugleich zu seinem Mißvergnügen den Steinklopfeihanns, den »Ketzer und Spöttler«, neben ihr sitzen.

»Grüß Gott... miteinander!« sagte der Fromme mit einem aufrichtig bösen Seitenblick auf den unerwarteten Gast; dann sah er sich in der Stube um, da mußte etwas vorgegangen sein! – Da war ja aufgeräumt, und auch das Kind in der Wiege sah so frisch darein, das war offenbar einmal nach langer Zeit wieder gewaschen und gestriegelt worden, und die Bäuerin sah auch nicht so versudelt aus, hatte wenigstens in der Eil' einen reinen Rock übergeworfen und sich die wirren Haare glatt gestrichen; war da der »Geist der Eitelkeit der Welt« wieder eingezogen? Dann ade, du lieb' Himmelreich, und ade, du schon so hübsch angewöhnte tägliche Atzung samt dem erfreulichen Tröpfchen Wein!

Der Fromme tat einen wehmütigen Seufzer.


Wie das Zorn- und Schimpfgewitter gerade im Ort am ärgsten tobte, kam auch der Steinklopfer wieder einmal des Weges daher und mußte sich, da er sich früher nicht darum bekümmert hatte, die ganze Sachlage vorschimpfen lassen. Das Schicksal des armen Weibes ging ihm nah, er und ihr verstorbener Mann mochten einander gut leiden, und bei sich dacht' er, getröst' ist sie word'n, erbaut ist sie word'n und nix genutzt hat's, gelacht hat sie aber noch nicht!

Und so sann er hin und her, wie er's anstellen möchte, ihr zu helfen, verfiel aber auf nichts Rechtes. »Blitz, Dunnerstreich«, sagte er, »zersinnt sich einer, kommt er erst recht auf nix. Da fass' ich lieber grad an; hab' ich sie nur so weit, daß sie mir lacht, so ist's richtig, ein lachendes Gesicht vor mir verspart alle Müh', da fällt mir 's närrischste und richtigste Zeug ein.« So ging er schnurstracks vor die Hütte der Witwe, klopfte an und trat ein.

Ein Blick zeigte ihm die ganze Schmutzfinkwirtschaft, die dort eingerissen war.

»Grüß dich Gott, Baltzerlies«, sagte er, »einmal, hab' ich mir denkt, müßt' ich dich doch heimsuchen.«

Sagte sie: »'s ist schön von dir, Steinklopfer, daß d' dich auch einmal umschaust, mein Alter hat noch die letzte Zeit oft von dir g'red't.«

Sagt der Hanns drauf: »Gott tröst' ihn, dös freut mich, mir hab'n uns allzeit gut z'samm' vertrag'n.«

Drauf fangt die Bäuerin zum Weinen an. »Daß d' heut kommst«, hat s' unter Schluchzen vor'bracht, »das zeigt, daß d' mir Freund gesinnt bist. Oh, mein Gott, mein Gott, was s über mich für Reden führ'n....«

»Wenn nur nix Wahr's dran ist«, tröst' sie der Steinklopfer.

»Kein Tipferl«, sagt sie und legt die Hand aufs Herz, »aber völlig verfeinden tut sich jeder mit die Leut', der mit mir red't – und doch bist zu mir kommen, vergelt dir's Gott. Sag aber, Hanns, was halt'st denn dein Hut in der Luft und legst ihn nit af 'n Tisch und was setzt dich denn nit nieder?«

Na, weißt Bäuerin«, sagt der Hanns, »viel is an mein' Hut net z'ruinieren, aber mutwillig riskier' ich 'n doch nit und leg 'n do in den Schmier h'nein.«

Da hat die Bäuerin kein Wörtel g'sagt, is rot worden und hat mit ihrem Vortuch die Tischplatte sauber abg'wischt.

»Leicht mö'ch'st mir 'n Sessel a a bissel abstaub'n«, sagt der Hanns.

Die Bäuerin tut auch das, und der Steinklopfer setzt sich, und wie er sitzt, so fahrt er so mit 'm Fuß über 'n unsaubern Stubenboden, da is gleich der Staub aufg'flogen und der Mist hat unter seinen Sohlen geknistert. »Ich siech schon«, sagte er, »du bist heut noch nit zum Auskehr'n kommen, laß dich nit aufhalten, derweil d' mit 'm Besen hantierst, können wir ak'rat so gut reden, als ob d' neben meiner sitzest.«

Da holt die Bäuerin den Besen und kehrt aus.

»No«, sagt der Hanns, »was du riegelsam bist, du zeppelst um wie a jung's Reh, nimmt man dich von rückwärts, könnt' man glauben, d' jüngst' Dirn' schwänzelt durch die Stub'n.« Da war's der Bäuerin doch, trotz aller Kümmernis, als müßt' sie ganz still vor sich hinlachen, aber sie unterdrückt's und sagt: »Du bist a närrischer Ding.«

»Dös sag'n eh' dö mehrern«, sagt der Steinklopfer. »Aber, Liesl, mein' Treu', du warst allmal a rechte Schafferin, selb' hat dir a dein Mann bei Lebzeiten viel tausendmal nachg'sagt und dich drum belobt, und wie er kein' zweite hätt' finden können, die ihm 's Seine so z'samm'halt'. Drum hat er wohl a in Frieden seine Augen zu'tan, wenn er gleich sein arm's Waserl da z'rucklassen mußt', denn du wirst ihm nix verwirken, ehender bleibt ihm amal mehr, als der Vater hinterlassen hat.«

Da war der Bäuerin, als ging ihr ein schneidiges Messer durch die Brust. »Jesses und Joseph«, sagt s, »na, na. Steinklopfer, er is zur Unzeit versturb'n, ich taug' auf derer Welt zu nix mehr.«

»War nit übel«, sagt der Hanns. Wie er aber das desperate Gesicht der Bäuerin sieht, denkt er, da mußt umsatteln, sonst kommst vor Traurigkeit selber nit auf. Sagt er: »Aber sag mal, Bäu'rin, wo hast denn dein Klein's, möcht' doch sehn, ob's dem Selig'n a weng gleichschaut.«

Da schaut ihn die Bäuerin groß an. »Aber z'neben deiner steht ja die Wieg'n, wo's drein schlaft.«

»Jesses, Jesses!« sagt der Steinklopfer und bückt sich tief herab, wie einer, der nicht weiß, ob er seinen Augen trauen darf. »Das wär's? Ich Hab' schon lang sinniert, was das sein möcht', und hitzt is dös dein Kind! Mö'ch'st es nit a bisse! säubern, daß man's anschau'n kann?«

Da hat die Bäuerin erst ein trotziges Gesicht gemacht, dann hat sie gesagt: »Du schaffst aber heut viel an in meiner Hütten.«

»Gang mir a schwer, wann ich's in der meinigen sollt'«, lacht der Steinklopfer. »Weil wir aber grad dabei sein, möch'st mir nit a Glasel Kornbranntwein schenken, a bissel Herzstärkung kunnt' ein'm net schaden, du hast wohl lang 's Kleine verabsäumt, und dös hat sich nit brav aufg'führt, es riegelt ein'm d' Seel' auf.«

Jetzt ist die Bäuerin ernstlich bös worden. »Wann d' mich bloß heimsuchst, daß d' mich h'runtermachst, wär' mir glei' lieber, du warst nit kommen.«

Sagt der Hanns drauf: »Begehr nit auf, gib mir mein' Herzstärkung, so mach' ich dir a Kindsdirn' und wasch dir 's Kleine.«

Drauf hat die Bäuerin wieder lachen müssen, und wie sich der Hanns dann nach der Herzstärkung übers Kind hermacht und hat's waschen wollen, wie man ein' Holzkübel scheuert, und wie das gründlich bös geworden ist und gegreint und gestrampft hat, und wie ihm der Hanns wieder zugeredet hat mit dem Spruch vom seligen Vater: Ob d' haltst oder net! da hat die Bäuerin doch lachen müssen und ganz laut noch dazu; völlig erschrocken ist sie darüber und hat um sich geschaut, ob es niemand hört, aber das Kind hat sie dem Steinklopfer aus seinen Fängen genommen und hat's selbst gewaschen, und wie das bei der Mutter war und der Steinklopfer hat ihm immer im Spaß gedroht, daß er wieder mit dem Striegel käm', da hat das Kind gelacht wie toll, und die Mutler hat gelacht und der Steinklopfer hat die närrischsten Gesichter nach beiden geschnitten.

Und wie das abgetan war, da hat der Steinklopfer sich im Zimmer umgeschaut, hat gesagt: »Na, hitzt sieht's doch brav und manierlich aus und braucht sich kein anständiger Besuch zu beklagen, wenn d' jetzt noch ein' säubern Rock überwerfen und a bissel Ordnung mit deine Haar machen möch'st – denn du trägst a Frisur, Bäu'rin, wie die Sunn' im Kalender aufg 'mal'n is – so hätt'st mir alle Ehr' an'tan, und ich wär' z'frieden.«

Nachdem auch das geschehen, sagte der Hanns: »Na, so meint man doch wieder, man ist bei eng wie Vorzeit und kunnt' der Jakob – Gott tröst 'n – glei' bei der Tür h'rein kommen und sag'n: ›Heim sein mir wieder, ob's halt' oder net‹«

»Jo, mein armer Jakob!« sagt die Bäuerin, und wie sie und der Steinklopfer wieder niedersitzen: »Jetzt red aber von was G'scheiten!«

»Ja, ja«, sagt der, meint aber, 's wär' ihm lieber von allem andern eher zu reden, als was etwa die Bäu'rin g'scheit nennt.

Und all' zwei sind lang stillgesessen, und gerad zur Zeit ist die Tür aufgegangen und der Fromme ist hereingekommen.

»Grüß Gott... miteinander!«

»Auch so viel«, hat der Steinklopfer g'sagt und hat den Willkomm' recht ehrlich gemeint, denn mehr zur Rechtzeit hätt' ihm keiner kommen können und kein Erwünschterer schon gar nicht als der alte Lehnerfranzl.

Da hat der Fromme wehmütig geseufzt: warum, haben wir vorhin gehört. Dann aber ist er zornig worden und hat barsch den Steinklopfer gefragt: »Was machst denn du da?«

»Bissel Ordnung!« hat der gesagt.

»Geh zu denen, die dich rufen«, hat der Alte drauf gesagt.

Und drauf der Steinklopfer: »Grad dö mich brauchen, rufen mich oft nöt.«

Mittlerweil' war die Witib wieder melancholisch worden und hat sich jetzt ins Mittel gelegt. »Wartelt's nit miteinander«, hat sie gesagt, »ös seids mir all' zwei lieb und wert, mein Seliger war immer mit 'm Hanns gut, du (den Lehnerfranzl hat sie gemeint) darfst mer 'n nit in mein' Haus verunehr'n. Er is a billiger Mon, und wenn ich dich bitt', du sollst mir vom ewigen Leben was d'erzählen, so kennt er schon a a Art und hört manierli zu.«

Der Lehnerfranzl warf einen Blick, der besagte, daß er das sehr bezweifle, auf den Steinklopfer, schüttelte den Kopf und sagte: »Und spott halt, und spott nachher!«

»Nachher, möglich, aber a erst nachher. Fang nur an, beim wievielten Himmel seid's denn letzthin stehn'blieb'n?« so sagte der Steinklopfer und lehnte sich in seinen Sessel zurück.

Der alte Lehnerfranzl faltete die Hände, blickte salbungsvoll zu den Balken auf, die querüber an der Decke der Stube hinliefen, und verfiel in tiefes Nachsinnen.

Er dachte aber in diesem Augenblicke nicht an das Himmelreich, sondern nur, wie er den Steinklopfer wegbringen möchte, und da hatte er einen frommen Wunsch, der mehr an das Gegenreich der Seligen gerichtet war, daß nämlich jenen der Teufel holen möchte, natürlich mit Zulassung Gottes.

Der Sleinklopfer aber war im Innern von den freundschaftlichen Gesinnungen des Lehnerfranzl ganz durchdrungen und wurde durch den stillen verzweiflungsvollen Ärger desselben in die heiterste Laune versetzt. Er fing an, sich höchst bedenklich hinter dem Ohr zu krauen, faltete gleichfalls die Hände und sah ebenfalls salbungsvoll in die Luft und sagte in dieser Stellung: »Lehnerfranzl, sag mir einmal, um welche Zeit herum hast denn du die letzten Nachrichten aus 'm Himmel kriegt?«

Keine Antwort.

Der Steinklopfer aber fuhr, ohne sich zu rühren, fort: «Weißt, ich möcht' nicht gern, daß einer wider Wissen und Willen die Leut' irrführt und Sachen sagt, wo er freilich selbst nicht weiß, daß sie schon lang nimmer wahr sein. Von was für ein' Himmel verzählst denn der Baltzerin, vom allen oder vom neuchen?«

Diesmal brummte der Lehnerfranzl in die Luft: »Dumm's G'red', 's gibt doch nur ein': vom alten, natürlich! Möchts ös Ketzer 'leicht gar ein' neu'n einführ'n?«

»No, so is's richtig so, wie ich mir denkt hab'«, sagte der Sleinklopfer, »du weißt halt nix davon, daß vor etwa drei Monat' alle alten Himmel kassiert worden sein!«

Da zuckle der Lehnerfranzl zusammen, rückte die fromm gefalteten Hände voneinander und ballte sie zu sehr weltlich schlagfertigen Fäusten und richtete den Blick, aber nicht salbungsvoll, auf den Sprecher. »Du Höllenbraten!« schrie er, »wo steht das geschrieben, wo is's geoffenbart? Halunk'! Red!«

»Was braucht's geschrieben zu stehn«, sagte sehr gelassen der Steinklopferhanns, «hab' ich's doch von ein', der dabei war.«

»Der dabei war? Du Narr, wer kann dabei gewesen sein, der's wieder hätt' auf der Welt aussag'n können? Wer denn?«

»Geduld dich a bissel, alles nach der Reih', nix durcheinander, so geht's nach der Ordnung. Vor a drei Monaten ist der Baltzer-Jakob – Gott Hab 'n selig – verstorben, und kurz drauf, wie's eng erinnern werd'ts, is a armer Teufel von Handwerksbursch ins Ort kommen, siech und elendig, und den hat man so h'rumkugeln lassen – um ›Gotteslohn‹ – in ein' Heuschober (so wie damal mich auf 'm Steinbruch, wie mir gleich übel 'gangen is) und hat sich kein Teufel um ihn umg'schaut, und so hat er a paar Tag hin'zog'n und is verstorben. Am dritten Tag hat man ihn eingrab'n woll'n, na, ös werd'ts eng noch auf den Schrocken entsinna, wie er da auf einmal wieder lebendig wird. Dann hat er sich nach und nach z'samm'klaubt, und wie er wieder ganz bei'nander war, is er fortzog'n aus der Gegend. Na, der wird doch dort g'wesen sein? Von dem hab' ich die G'schicht', und war auch a Auftrag vom seligen Baltzer dabei, – aber mir hab'n 's immer verschob'n, z'weg'n, ös könnt' die Witib z'stark angreifen.«

«Von mein' Jakob?« sagt die Bäuerin halb freudig, halb ungläubig.

Da hat der Lehnerfranzl laut aufgeschrien: »Lies', laß dich nit betör'n um dein Seelenheil, das ist wieder eine von dö höllischen Lugengeschichlen, mit denen er die Leut' verwirrt!«

»Möch'st ein'm nur du nit ins Handwerk pfuschen mit die himmlischen G'schichten, wobei dir weniger um die Leut' als um das Ihre is! übrigens is mein' G'schicht' wohl a net besser und a net schlechter als a andere und kann man s' wohl anhör'n. Und was die Botschaft an die Baltzerlies angeht, so mein' ich, du wart'st 's ab, ob sie meint, es wär' verlog'n und aus seiner Art, oder ob sie's dafür nimmt, es hätt' ihr seliger Mann zu ihr g'red't. Und no kusch dich, los zu oder laß's bleiben, für dich reu't ein'm die Müh', daß man sich eins ausdenkt, und für dich is's a net.«

5. Die G'schicht' von dö alten Himmeln.

Nämlich hat der Handwerksbursch g'sagt, wie er von sein' Begräbnis als a Lebendiger wieder z'Haus' 'kommen is in sein' Heuschober. Grüß dich Gott, bucklete Welt, hat er g'sagt, hon schon g'meint, wir wär'n fertig miteinander und fahr' a grab nit vor Freud' aus der Haut, daß wir hitzt wieder weiter miteinand' fortwursteln söll'n, aber um dös, was i alser Toter erlebt hab', reut's mich nöt, daß ich auf der Welt war, nöt', daß ich veisturb'n und a nöt, daß i wieder lebendig word'n bin. Nur lustig. Halt's oder halt's nit!

Sikra h'nein, sag' ich, woher hast dös Sprüche!?

Sagt er: Von ein' Bauern, den ich da drent' troffen hab', Baltzer-Jakob heißt er, acht Tag' vor meiner war er verstorb'n.

Is alles richtig, sag' ich. Hast 'n im Himmel troff'n?

Ja, Himmel, sagt er, wann 's mehr ein' gab!

Du Höllenbraten, sag' ich, warst doch selb' drenten und bringst solche Lugen aus. Halunk'!

Sagt er: Halt 's Maul, laß dir verzähl'n und nachher red! Wie ich da übri komm', hab' ich gleich g'merkt, da is was los; dö Seel'n – es war'n lauter frisch verstorbene, von a acht, höchstens vierzehn Tag her, alle ohne Unterstand – sein durcheinand' g'rennt wie Ameisen, wenn man in ihren Haufen h'neinstört. Ich frag' nach, was g'schehn wär', sagen s', der himmlische Herr hätt' die Himmel inspiziert und sider gestert wär'n s alle versperrt.

So wie man halt im Gedräng' leicht a Ansprach' find't, so bin ich auf 'n Baltzer 'troffen, und der hat mir verzählt, wie dös alles her'gangen is.

Vor undenklichen Zeiten, manche meinen gar gleich nach der Schöpfung der Well, hätt' der liebe Gott a Reis' g'macht; dö so sag'n, berufen sich drauf, wie er die Welt so sorglich eing'richt' hätt', daß sie sich von selbsten schon a Weil' forthelfen könnt'; na, is's so oder nit, g'wiß wird sein, und grundg'scheite Leut' sein schon lang drauf käma, daß unser lieber Herr a auf dö andern Stern' was zu schaffen und zu verrichten hätt, und so is er halt a gute Weil' ausg'wesen, und wie er wieder heimkommt, so find't er alle Wolken angeräumt mit lauter Himmelreicher; wie sich's die Menschen derweil erricht' haben.

No, er schaut nach in allen Himmeln; in türkischen hat er hinein'schaut, wo dö Muselmänner fleißig g'raucht haben, sein dabei in die Jasminlauben g'sessen und hab'n sich da gleich dö Pfeifenröhrln schneiden können, und is alle Tag zu ein' jeden ein' Jungfrau auf B'such 'kommen.

Pfui Teufel! hat der Gottvater g'sagt, is das ein Himmel? Und, sagt er zum Erzengel Michel mit 'm feurigen Schwert, daß d' mir dö Menscher gleich ausjagst, ich hab' das Läppeln und Täppeln doch nur g'stift' und verlaubt, daß mir die Leut' nit z'weni werd'n auf der Welt, so a Löffelei ohne Zweck stund' mir an.

Dann schaut er h'nein in unsern Himmel, wo die Selig'n auf dö Wolken herumliegen und Lobgesang und Harfenspiel war. Sagt er, da is's schon solider, aber langweilig, dös halt' kein' Christenseel' auf die Dauer aus.

Und so is er alle Himmel durch'gangen, a den hannakischen, wo die Bauern an ein' Bach voll Met g'leg'n sein, und über 'n Berg h'runter sein ihnen dazu d' Knödln ins Maul g'rollt. Kurz, der Gottvater hat g'sagt: Sein dös Himmeln? Wann s' ma unt' a bissel g'scheiter werd'n, verlangt sich eh' kein' Seel h'nein, dös is alles Menschenwerk und folglich nit ewig! Und also hat er die Himmelreicher zug'sperrt. Und dann hat er g'sagt: Also soll es sein, dö Menschheit soll sich ohne Himmel behelfen. Jeder soll seine Pflicht vorerst auf Erden redlich erfüllen, eh' er nachfragt, was nachher kommt und mit ihm geschieht! Und wer da gelebt hat kreuzbrav und grundehrlich auf Erden, der braucht mein Gericht nicht zu fürchten und mein' Lohn nit zu erbetteln, der wird auch im guten Vertrau'n die Augen schließen, daß, wie auch mein B'schluß ausfallt, ich, der Allvater, weiß, was mein' Kindern frommt und taugt.

Dazu haben die Engel »Amen« g'sagt. –

So hat mir der Handwerksbursch verzählt, daß ihm der selige Baltzer verzählt hätt'!

Und wie s' no so reden, kommt ein himmlischer Bot' und sagt zu dem Burschen: Du mußt's nit in Übel aufnehmen, aber den Wirrwarr heroben wirst g'sehn hab'n; der Todesengel hat sich an dir vergriffen, was kein Wunder is, denn du heißt »Huber«, er hätt' ein' andern nehmen sollen, schau also dazu, daß d' wieder auf die Erden h'nunter kommst!

Da hat sich der Huber aufmachen wollen, der selige Baltzer aber hat g'sagt: Schau Huber, bei der Gelegenheit, wann d' wieder abi kimmst, tust mir ein' G'fallen, halt's oder halt's net?

Es halt schon! hat der Huber g'sagt.

Geh zu mein' Weib, hat der selige Baltzer drauf g'sagt, und sag, ich lass' s' schön grüßen, und sag ihr, was mein' Hoffnung is. Sag ihr: ich hoff', wie sie war, wird s' a für ihr Lebzeit verbleib'n, sie soll um Gotts will'n auf ihr Hauseesen schau'n wie früher, damit 's nit heißt, ich hätt' s' vielleicht erst zur Arbeit und Reinlichkeit antreiben müssen, wo sie doch mein' brave Hauswirtin war, so ihr Gott vergelt und ihr weiter Kraft und Stärke gäb'! Und nur recht soll sie wirten und fürs Kind soll s' sorgen, damit das nit an der Mutter irr wird, sundern sich denkt: Hab' so a brave Mutter, wird wohl der Vater a brav g'west sein! Was mich ins Grab hinein g'freun möcht'! Und aufzieh'n soll sie das Kind durch ihr Beispiel, und das war bisher und so soll sie's auch ferner bestehen lassen: redlich die Pflicht auf Erden erfüllen, ohne Nachfrag', was nachher kommt und g'schieht, kreuzbrav und grundehrlich. Halt's oder halt's net!

Da is der Huber lebendig wor'n – i weiß nit, ob sich der Baltzer selig ausg'red't hat ...


»'s halt' schon«, sagte die Bäuerin, welche dem Steinklopfer die eine freie Hand reichte, denn am andern Arm trug sie das Kind.

»Ketzerlump«, sagte der Lehnerfranzl, »taugt dir kein Himmel? Die Höll' mit ihrer ewig'n Qual wirst du schon verspür'n. Du bist 'm Teufel sicher.« Damit rannte er auf und davon und hat sich auch später nimmer blicken lassen.


Zufällig oder nicht trafen sich der Steinklopfer und der alte Lehnerfranzl gegen Abend im Walde; der letztere hatte es sicher nicht darauf angetragen, denn es wurde ihm nicht ganz wohl bei dieser Begegnung. Der zehnte mag's nicht leiden, daß man ihn so mir nichts dir nichts dem höllischen Erbfeind zuspricht, und wenn's in seine Macht gegeben ist, so tränkt er's gewiß dem Gelegenheitsmacher des Teufels ein, und wer wollte das wohl jetzt dem Steinklopferhanns verwehren? Ja, wenn nur der Ferdl dagewesen wär', da hätte seinem alten Vater leichter ums Herz sein mögen, aber der »Himmelsakermenter« saß um die Zeit für sicher im Dorfwirtshaus oder... weiß der Himmel, wo sonst!

Nicht umsonst ging das im Geiste dem alten Lehner vor, denn der Steinklopfer hatte sich richtig vorgenommen, extra für ihn auszutipfeln.

6. Eins vom Teufel.

»Lehnerfranzl«, sagte der Hanns, »is mir lieb, daß ich dich treff' –«

»Hm«, brummte der Alte, was ebensogut heißen konnte: »Mir auch«, oder gleichwohl das gerade Gegenteil davon.

»Er war bei mir«, fuhr der Sleinklopferhanns fort, »und laßt dich schön grüßen.«

»Wer?« fragte der Lehner.

»Na, der Teufel«, sagte der Sleinklopferhanns. »Seit d' verwichen zu mir g'sagt hast, wann mir kein Himmel taugt, wurd' mir d' Höll' mit ihrer ewigen Qual nit ausbleib'n und ich war' 'm Teufel sicher, hab' ich kein' ruhig' Nacht mehr g'habt, so fürchtig is mir bis in die Seel' h'nein word'n.« –

Gott sei Dank, hat sich der Lehner denkt, er verzählt mir nur wieder eine von seine dummen G'schichten.

»Vergang'ne Nacht war's, ich sitz' auf mein' Bett, die Tür war nit versperrt; na, du weißt, ich versperr' niemal die Tür, forttrag'n kann mir kein Mensch was, 'leicht trifft sich's doch einmal und bringt mir einer was h'rein.

Ich sitz' also auf mein' Strohsack, tut sich die Tür auf und kommt der Höllische herein. Magst dir denken, daß ich net wenig erschrocken bin und g'meint hab', hitzten is's vorbei, er holt dich und abi geht's in' Erdboden, weiß wieviel tausend Meilen, wo der siedige Schwefel brennt.

Aber der höllische Zuspruch tut nix dergleichen, nimmt sich mein dreihaxels Stockerl aus 'm Eck füri, setzt sich an mein Bett, und wie er da sitzt, sagt der Teufel: Grüß Gott!

Sikra h'nein, wie ich g'sehn Hab', daß der Seel'nkramer so höllfreundli war, denk' i, da mußt auf der Hut sein, der führt was im Schild.

Der aber lacht und sagt: Brauchst kein Hirnschmalz aufz'wenden, ich kenn' ja deine Gedanken, und mußt mich net so dumm halten, da d' mir eh' sicher bist, daß ich mir no viel Müh' um dich gab.

Selb' hat mich g'margelt, sag' ich: Der Teufel is dir sicher, net i!

Bitt' dich gar schön, sagte er, laß dö Sponponaden und mach dich net groß, da sein no ganz andere Leut', weißt, Großkopfete, dö mir a net auskönnen und dö viel weniger G'schichten machen als wie du g'ring's Mandel.

Wann i dir z'g'ring bin, sag' i, so steh halt nit auf mi an.

Sagt er: Dös tu i eh' net; aber ös könnts mir ja doch nit aus, ös armen Hascher. Seid's ja doch alle dressiert vom Kind auf, daß 's hübsch vertraglich mit mir lebts. Meinst denn, es wär' nach 'm Gottvatern sein' Sinn, daß ös all' Ostern die Sünd'n abbeutelts wie der Hund d' Flöh, daß danach wieder neuche zuspringen mögen; oder 's Kirführten in schön' Summerszeit, wo da und dort a Mandl und a Weibl z'ruckverbleibt und sich ins Grüne verliert; oder wann alle Heiligen anrufts, allemal in ein' Brummer, daß man einschlafen könnt' drüber? Ös arme Waserln, dös g'lengt nit da auffi, aber es lebt sich unschenierter dabei und was verbleibt eng danach über – da ös doch sunst nindascht auswüßts – als daß 's mir in mein' Höll' rennts und eng a bissel abwarmts. Man kriegt völlig a Erbarmnus über eng, und wann's a nit recht erlaubt is von der himmlischen Polizei, so muß mer engs doch stecken, daß 's mit der Höll' nit gar so arg is, wie's die Leut' machen – – Sagt er: Greif mich amal an, Hanns.

Ich greif' zum Bett h'raus und tapp 'n ab, hat der Kerl a feine Woll' und is drunter wutzerlfett.

Na, sag' ich, du bist fest beinander, was ein' wundert, wenn man denkt, daß d' in der ewigen Marter und in der Pein ohne Aufhör'n und End' bist.

Sixt, sagt der Teufel, dös is's ja, daß 's allweil so gleichmächtig fortgeht, drum g'wöhnt man's und kriegt a harte Haut.

Drauf hat der Teufel »B'hüt Gott« g'sagt und is 'gangen, und ich bin, weil's schon amal nit anderscht kommen kann und doch so is, alser weng vertröster z'ruck blieb'n. Aber, hat der Teuxel g'sagt, eh'nder er 'gangen is, ein' G'fall'n könn'st mir doch erweisen, wann d' den Lump wieder siehst, dem ich früher die sündigsten Stückeln hab' nachsehn müssen und der jetzt so über mich schimpft, den alten Lehnerfranzl, dann tu mir die Freundschaft....«

Jetzt fing einer zum Laufen an, denn es knackte und krachte im Gezweig, der andere mochte aber nicht zurückgeblieben sein, denn das Laufen hatte mit einmal ein End' – –

In der Nacht kam der Ferdl heim und fand seinen Vater im Bette liegen, den Kopf hübsch in Tücher gehüllt. «Was ist Euch denn?« fragte er.

»Der Steinklopfer is über mich 'gangen«, sagte der Alte mit weinerlicher Stimme.

»G'schieht Euch recht«, sagte der gute Sohn. »Ist's ums Himmelreich her'gangen? Denk' mir's. Ich wollt', er hätt' Euch 's aus 'm Kopf verschlag'n, weil Ihr doch anderen nur jede Freud' damit verleiden wollt!«

's kommt vor, daß ein oder der andere Himmelsvermahner das tat, aber es waren auch nicht »unschuldige Freuden«, die der Lehnerferdl meinte, und doch mußte sich der Alte das von seinem Jungen sagen lassen; der war sein »Jugendspiegel«, und er gefiel sich nicht darin; traurig ist nur, daß der Spiegel, der den Eltern die Torheiten ihres Lebens zeigt, dabei selbst nicht rein verbleiben kann!

Mittlerweil' stieg unser Steinklopferhanns, nachdem er also dem Teuxelsauftrag gerecht geworden war, den Steig zu seinem Steinbruch hinan, und er sang:

»Ich fürcht' net 'n Teufel,
Ich fürcht' net dö Höll'.
I bleib' mer stets gleich.
Ob a kummt, was d'r wöll.

Kreuzbrav und grundehrli'
Auf all unsern Weg'n,
Was frag' i viel weiter?
Es kann uns nix g'schehn!«

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