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Dorfgänge

Ludwig Anzengruber: Dorfgänge - Kapitel 10
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authorLudwig Anzengruber
titleDorfgänge
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Nit gehn tan tat's

Humoreske

Erstes Kapitel

Der Krautschneider-Jokl und die Simmerl-Sephin.

Mitten in einem sogenannten Steinfelde, das von der fruchtbaren Ebene sacht hinanstieg, bis es den Kamm einer niederen, mit Föhren bestandenen Zügelkette erreichte, lagen zwei einsame Hütten, zwischen beiden floß im steinigen Bette ein schmaler Bach; der Boden bildete dort eine kleine Mulde, und da mochten durch lange Zeit Stürme den Humus dahingetragen oder das austretende Wasser ihn abgelagert haben, so daß um die dürftigen Behausungen etliche Obstbäume zu tragen, ein paar AckersTreifen zu gedeihen und eine magere Wiese zu grünen vermochten.

Die eine Hütte trug Landestracht, eine Lodenjoppe und einen grünen Hut, sie hatte nämlich graue Mauern, und auf den vermorschten Schindeln wuchs Moos; die andere zeigte sich, mit allzeit nachgebessertem Dache und frisch getünchten Wänden, in grauer Haube und weißem Gewände, und das grüne, mit Blumen bestellte Vorgärtel sah wie ihr buntes Fürtuch aus.

Die graue Hütte gehörte dem Krautschneider-Jokl, es war das ein etwa vierzigjähriger, lediger Mensch, er hieß seinem Geschlechtsnamen nach so, denn er hatte weder eigenes Kraut zu schneiden, noch schnitt er fremdes; er war ein kleines, breitschulteriges, derbknochiges Männchen, hatte einen spitzen Kopf, ein Paar dunkle Äuglein blitzten zu beiden Seiten der knolligen Nase, der breite Mund war etwas eingekniffen und die Wangen faltig und hohl. Von seinen Haaren war nichts zu sehen, diese und die obere Halbscheid der Ohren bedeckte eine schwarze Zipfelmütze, man wußte nur, daß er sich selbst über den Kamm schor, und daß er sich allsonntäglich die Stoppeln des Schnurr- und Kinnbartes säuberlich wegrasierte, den braunen Backenbart ließ er dagegen wachsen, wie es dem gefiel, und der stand ihm denn buschig von den Backen hinweg und krauste sich auch bis unter die Augen.

In der weißen Hütte hauste die Simmerl-Sephin, ein rühriges, flinkes Weib, das darauf hielt, daß seine Arbeit wie seine Person sich immer sehen lassen könne, das heißt, reinlich und nett sei. Die Simmerl-Sephin war groß gewachsen und just nicht mager geraten, sie hatte reiches, schwarzes Haar, dunkle, feurige Augen und schöne weiße Zähne, dagegen einen sehr großen Mund und trotz der stark hervortretenden Backenknochen runde, wie aufgeblasen aussehende Wangen, zwischen denen eine kleine Nase mit einem geraden, glänzenden Rücken fast verschwand.

Seit alther hatte zwischen den Inwohnern der beiden Hütten gute Nachbarschaft bestanden, auf die mußten sie auch bei der Weltabgeschiedenheit ihrer Anwesen allen Wert legen, denn nur um das im Umkreise zunächstliegende Dorf zu erreichen, brauchte es einen zweistündigen Marsch, und nur an Sonn- und Feiertagen, beim Kirchenbesuch, bekamen die mitten im Steinfelde Hausenden andere Menschen zu Gesicht, im Winter aber, wenn die Wege verschneit lagen, waren sie oft wochen-, ja monatelang auf den Fleck gebannt, aufeinander angewiesen und konnten sich mutterseelenallein auf der Welt glauben.

Die beiden Wirtschaften hatten gewissermaßen einander immer ergänzt; in dem Stalle bei dem weißen Häuschen hatte stets eine Kuh gestanden und der Hof von Geflügel gewimmelt, und im Stalle des grauen Häuschens sich allzeit neben der Ziege ein Gaul befunden, der ging vor dem Pfluge her über den eigenen und den fremden Acker und befolgte, vor ein Wägelchen gespannt, den Verkehr mit der Welt, insbesondere, wenn der Nachbar Butter, Eier, Hühner oder anderes Federvieh auf den Markt zu bringen hatte; dafür bekam selbstverständlich der jeweilige Krautschneider nebst den guten Worten zwar selten Bargeld, doch oftmals Ware, manchen Stritz Butter, manch Ei in die Pfanne, manch Huhn in den Topf.

Der Krautschneider-Jokl und die Simmerl-Sephin waren die Letzten ihres Stammes. Der Jakob war Zeit seines Lebens auf dem Elterngut gesessen, die Jofepha hatte gar früh weggeheiratet. Als halbwüchsiges Dirnchen trieb sie sich oft tagelang, die schmale Zehrung in der Tasche, im fernen Walde, Erdbeeren klaubend und Schwämme suchend, mit anderen Mädeln und Buben herum und vergaffte sich mit eins in einen riesigen Holzknecht, dem sie mit Ausdauer, die ja bekanntlich stets zum Ziele führt, nachlief; schließlich war der Waldbär gutmütig genug, daß er sich bereit fand, an dem »packschierlichen Ding« allen Schaden wiedergutzumachen und sie zu heiraten. Nahezu fünfundzwanzig Jahre war die Simmerl-Sephin, wie sie ihrem Manne nach hieß, in der Fremde daheim und daheim fremd, als kurz nacheinander sie und ihre Mutter verwitweten, und da fanden sich die beiden vereinsamten Frauen zusammen, um gemeinsam zu hausen.

Herr, du mein Jesus! Wie schlug die Alte die Hände verwundert zusammen, als sie ihres Kindes wieder ansichtig wurde, und sie vermochte es kaum zu glauben, daß das staat'sche Weib im vierzigsten, das vor ihr stand, dasselbe sei. Auch der Krautschneider-Jokl wurde herbeigerufen, verwundern helfen, und er kam über den Steg herzugelaufen. Ei, je, ja, ei, du mein, er hätt' nie die Simmerl-Sephin erkannt, wenn sie nicht selber sagte, sie wär's! Wie ein klein', kleber' und zernicht's Ding die gewesen, als sie fortgegangen, und nun kam' sie so heim, nein, aber so! Gott, meiner Treu'! Völlig nit zu denken!

Ja, meinte die Alte, ihr fiele ein Stein vom Herzen, so groß wie die Simmerl-Sephin selber, denn sie hab' schon gefürcht't, die wär' nit viel mehr geworden, als s' war, und damit wär' wenig geholfen gewesen, denn sie – die Alte – vermöcht' völlig nimmer nichts mehr zu verrichten. Na, gut, daß 's ihrer Arbeit gar nit gebraucht.

Das alte Weiblein aber schwand von Tag zu Tag zusehends dahin, und nach einem halben Jahre schlummerte es ruhig ein. Solange ein Hauch in der Kranken lebte, hielt die Sephin getreulich bei ihr aus, hegte und pflegte sie; neben dem starren, kalten Leichname jedoch litt es sie keine zwei Minuten; sie lief verstört aus der Hütte, über den Steg und rief nach dem Krautschneider, daß er komme, mit ihr wache und fürchte, denn zu zweien ließe sich alles in der Welt leichter ertragen, da auf keinen so viel käme, wie auf den einzelnen.

Der Jakob benahm sich, wie ihm als gutem Nachbarsmann zukam. Er half das Leichenbegängnis der Alten zurüsten, er fuhr mit der Jungen zu öfteren Malen in die Kreisstadt, wenn es galt, bei dem Herrn »Notarjus« wegen des Heimfalls des elterlichen Gutes an die Sephin Auskunft zu geben oder einzuholen, und jedesmal, wenn das Geschäft abgetan war, ging es zur »Goldenen Sonne« auf dem Marktplatze, wo ihn die Simmerl-Sephin traktierte. Das tat seinem Magen und seinem Herzen wohl, denn er war nicht wenig stolz darauf, sich neben der sauberen Witwe sehen zu lassen.

Oft nachtete es schon, wenn sie von diesen Fahrten heimtrafen, und dann half die Sephin dem Jakob das Pferd ausgeschirren und das Wägelchen in den Schupfen schieben, dafür aber mußte er sie mit einem brennenden Kienspan hinüber nach ihrer Hütte begleiten und dort nachschauen helfen, ob alles in Ordnung, besonders unters Bett leuchten, ob da nicht etwa ein Räuber liege, der sich eingeschlichen, und je ängstlicher sich die Simmerl dabei anstellte, desto couragierter zeigte sich der Krautschneider.

In freundnachbarlichem Zusammenleben verging die Zeit. An einem Herbstmorgen in aller Frühe – es jährte eben der Tag, an dem die Simmerl-Sephin heimgekommen war, hörte diese mächtige Hammerschläge, und als sie unter die Haustür trat, sah sie den Krautschneider-Jokl, wie er auf einer Seite des Steges, der aus einem einzigen breiten, über den Bach gelegten Balken bestand, ein Geländer anbrachte.

»Du Narrisch!« rief sie hinüber. »Was machst denn? Is dir nit ums Holz und d' Müh' leid?«

Jokl lag eben inmitten des Balkens auf dem Bauche, um unten einen Nagel einzutreiben. Er erhob sich auf allen vieren und sagte in dieser keineswegs anmutigen Stellung: »'s werden jetzt bald früh und abends dö Nebel einfall'n. Weißt, daß mer kein' Fehltritt tut und sich leicht hinüberleiten kann.«

»Geh zu, du Kommodrian!« lachte das Weib. »Ich steh' dir net af dein G'lander. Werd'n wir ja sehn, wer sich öfter von uns zwei dran hinüberleit't.«

»Na, wie du schlimm sein magst, Sephin«, grölte der Jokl und verfiel in einen Lachkrampf, bei dem er alle Mühe hatte, die kurze Pfeife im Maul zu behalten, daß sie ihm nicht ins Wasser hinabschoß.

Paar Tage danach führte er die Sephin zur Einantwortung ihres Erbes in die Stadt. Auf dem Rückwege, als sie ihrer beiden Anwesen von ferne ansichtig wurden, legte er den freien linken Arm um die Hüfte der Witwe und sagte: »Sephin, schau, liebe Sephin, heunt hab' ich mir denkt, wie mir so in der Kanzlei neb'nand' g'standen sein, es wär' doch bald Zeit, daß wir zwei 'n Notarjus auch was z'schaffen gäbeten.«

»Schau, Jokl«, sagte die Simmerl-Sephin, »das wär' doch nur h'nausg'worfen's Geld, das, wie 's andere für d' Kopulation, 's selbe muß wohl sein, wo a Haufen Leut' unteranand' wohnt, daß jeder weiß, was 'm anderen zu- und ang'hört und es ihm nit streitig macht, und daß nit einer, der nix af d' herg'brachte Weis' halt't, all'n a Ärgernis gibt, dö drauf halten, aber wir, was mir so seitab von aller Welt lieg'n, wir brauchen in Sein' und Dein', in all'm und jed'm bei niemand erst anz'fragen. Nit amal a G'sind hab'n wir, was d' Augen groß und 's Maul bös aufreißen könnt'. Was d' Gäns' schnattern, d' Kuh brüllt und d' Geiß meckert, bringt nix unter d' Leut, und dein Bräunl wird af seine alten Tag' a nimmer reden lernen, daß 's 'm Hausknecht von der ›Goldenen Sunn‹, wann er ihm Heu vorschütt', was z'verzähl'n vermocht'.«

Der Krautschneider lachte, bis ihm ein Hustenanfall die Luft und die Lust dazu benahm. »Ei, je, ja«, sagte er dann ernst, »weißt du, der Mensch muß doch af Leben und Sterben denken; wenn heut eins von uns 's Zeitliche segnet, so hat dann mein oder dein Gut kein' Herrn, oder weit weg, weiß der liebe Gott in welchenem Wellwinkel, stecket' so ein weitschichtig', wildfremd's Anverwandt's, das sich meld't, und wer von uns hinterbleibt, hält' 's leere Nachschau'n. Darum mein' ich nur, weißt. Sephin!«

Die Simmerl-Sephin wäre nicht die tüchtige Hauswirtin gewesen, die sie in der Tat war, wenn ihr das nicht eingeleuchtet hätte. Sie ließ sich daher nach einigen kurzen Widerreden von der Notwendigkeit des Hochzeitmachens und der Aufrichtung eines Ehepaktes überzeugen, in welch letzterem gegenseitig ein Teil dem anderen für den Todesfall alle bewegliche Habe und Liegenschaften zu verschreiben hatte. Ein tiefes Geheimnis bleibt es wohl für immer, denn sie wird sich ebensowenig, wie solchenfalls irgendein Weib, dazu verstehen, es zu verlauten, ob sie all diese Fürsorge für den geliebten Mann oder für sich wohlangebracht hielt.

Das aber stand fest, daß ihre Einwilligung eine auffällig beruhigende Wirkung auf den Hustenreiz des Krautschneider-Jokl übte; war dieser bisher einigemal genötigt gewesen. Auseinandersetzungen wegen Luftmangels zu unterbrechen oder wegen Halskitzels nur stoßweise und flüsternd vorzubringen, so stellte sich ihm nunmehr kein Hindernis entgegen, seiner sichtlichen Freude lauten und lautesten Ausdruck zu geben.

Er pfiff, jodelte und sang mit unterlegtem Text die »Landler« und »G'strampften«, die an dem Ehrentage aufgespielt werden sollten, seiner künftigen Krautschneidern vor, dazwischen plauderte er von der Gasterei, die in der »Goldenen Sonne« stattzufinden hätte, was er dabei für Gerichte auf dem Tische und für Gäste in der Stube haben wollte; dagegen meinte die Sephin, er trage zu gut und für zu viele an, was man dafür aufzuwenden gedächte, bekäm' der Wirt im vorhinein, und mehr als ausgemacht worden, dürfe es nicht kosten, daher je mehr Leut', je weniger Traktament oder umgekehrt.

Umgekehrt war' ihm lieber, meinte der Jokl, dann schnippte er mit den Fingern und schlug sich mit der flachen Hand aufs Knie und beteuerte, daß sie, um rechte Bauersleute zu sein, doch auch ein Gesinde haben müßten.

Die Sephin runzelte die Brauen. Die Arbeit, die zu verrichten wäre, hätten sie beide bisher immer noch zu bewältigen gewußt, würden s' wohl auch noch fürder bewältigen können. Gesinde koste Geld.

Da erklärte der Jokl, erst verheiratet könne er sich dazu verstehen, wozu früher nicht, nämlich, ein verwaist' Dirndl, von einem Geschwisterkind seiner Mutter selig, eine Bruderstochter, ins Haus zu nehmen. Damit baue man sich eine Staffel in 'n Himmel, und da niemand so ein'm Zascherl nachfragt, kann man's mit ihm halten, wie man will. Lohn kriegt's eh' kein', Kost wird ihm zugemessen, und draußen in der Einschicht umherzurennen, ist bald ein Fetzen gut genug zur Gewandung, für all das muß 's noch »Gott's Lohn« sagen und froh sein, daß 's nit unter fremden Leuten, sondern unter lieben Anverwandten ist.

»Wann d' damit einverstanden bist«, schloß der Krautschneider-Jokl, »hätt'st gleich billig für dein' Kuh a Dirndl.«

Die Simmerl-Sephin nickte vor sich hin. »And schau«, sagt sie nach einer Weile, »gleicherweis' wüßt' ich dir für dein Roß ein' Knecht.« Sie erzählte nun, auch sie sei letzter Zeit gebeten worden, ein Anverwandtes auf den Hof zu nehmen, von ihres seligen Mannes ältester Schwester ein unehlich' Kind, einen nicht gar zu jungen Burschen, dem die Arbeit nicht recht von der Hand ginge, wenn man nicht immer hinter ihm stund', und den es daher in keinem Diensie lange gelitten, weil da eben jeder, ohne zu fragen und ungeheißen, das Seine verrichten solle.

Der Krautschneider-Jokl war es zufrieden, daß die Simmerl-Sephin ihm den Knecht für das Roß kommen lasse, und die Simmerl-Sephin, daß der Krautschneider-Jokl ihr die Dirn' für die Kuh beistelle.

Man einigte sich also, den beiden zu schreiben. Mochten sie kommen, wenn sie wollten, oder es bleiben lassen, man hatte wenigstens ein gutes Werk zu tun versucht, und der Himmel sieht gewiß auch auf den guten Willen.

Vorab sollte aber über alles Schnee fallen und nach dessen »Auflahnen« Knecht und Dirn' ins Haus kommen, der Ehepakt geschlossen werden und die Hochzeit stattfinden.

Über das waren die beiden ins reine gekommen, als das Wägelchen vor dem grauen Häuschen stille stand. Man hörte die Stränge mit der Querstange fallen, das Pferd nach dem Stalle traben, und eine Weile danach kam es über den Steg getrappelt, voran der Krautschneioer-Jokl mit dem qualmenden, gelblohenden Kienspane, ihm folgte auf dem Fuße die Simmerl-Sephin, sie gingen nach dem weißen Häuschen – »Rauber« suchen.

Zweites Kapitel

Der Schnee »lahnt« auf. Hans und Grete. Es ereignen sich Dinge, die nicht vorauszusehen waren, aber sehr erklärlich sind.

Der Schnee war noch im Schmelzen und die Wege nicht die besten, da meldete sich schon der Knecht fürs Roß, und der Krautschneider-Jokl mußte nach der Kreisstadt fahren, um den jungen Hans Simmerl einzuholen. »Der Bursch hätt's wohl auch erwarten können«, meinten die beiden Anwesner auf dem Steinfelde; als aber der Schnee längst hinweggeschmolzen und der Boden hübsch trocken geworden war, ehe die Dirn' für die Kuh, die Grete Krautschneider, von sich hören ließ, da meinten sie wieder: »Das Mensch hätt' sich orndlich Zeit lassen!«

Für so lange oder – wie die beiden Nachbarsleute dachten – so kurze Zeit, als sie noch getrennt zu leben hatten, war es ganz selbstverständlich, daß der Hans bei der »Frau Mahm« und die Gretl beim »Herrn Vettern« Unterkunft fand, und daß sowohl der Krautschneider-Jokl als auch die Simmerl-Sephin, jedes das Seine, einschließlich des Gesindes, wohlweislich für sich behielten, bis zwischen ihnen alles völlig und förmlich abgemacht sei.

Indes hatten die beiden älteren Leute an den beiden jungen gehörig zu schulmeistern, um sie einigermaßen anstellig und nützlich zu machen, und sie beklagten sich oft gegenseitig über die Plage, die sie da auf sich genommen, doch wenn auch in allererster Zeit einige harte Worte über die begriffstützigen Zöglinge fielen, bald einigte man sich in der milderen Beurteilung: »So scheu wären halt die zwei, 'n guten Willen hätten s' schon, aber gar so viel scheu wären s'.«

Nicht lange, so galt es der Simmerl-Sephin für ausgemacht, daß der Hans »ein guter Lapp« sei, und der Krautschneider-Jokl hatte die Überzeugung, die Gretl wär' »ein gutes Tschapperl«. Der Entwicklung der guten Eigenschaften des Burschen und des Mädchens stand also anscheinend nichts als deren angeborenes scheues Wesen entgegen; man mußte sich mehr mit ihnen abgeben, sie zutraulicher machen.

Der Hans halte wohl schon seine achtundzwanzig Jahre auf dem Rücken, aber man sah ihm das nicht an, er war ein etwas breitschulteriger Knirps, hatte ehrliche blaue Augen und unter der Stumpfnase einen blonden Schnurrbart, der in zwei dünne kurze Spitzen verlief, die sich eben noch ein wenig »aufwichsen« ließen. Er war sehr bedächtig in allem, was er unternahm oder unterließ, entschloß sich aber doch eher noch fürs Unterlassen, als fürs Unternehmen.

Die Gretl war ein kleines dralles Ding; von ihrem reichen Blondhaar, mit dem sie nichts anzufangen wußte, guckten nur ein paar Strähnchen im Nacken hervor, aber das dunkle Kopftuch, das sie darüber gebunden trug, nahm sich wie ein Turban aus, darunter befand sich ein rundes, vollwangiges Gesichtchen mit kleiner gerader Nase, ein wenig eingekniffenen Lippen, die den Mund sogar schief erscheinen ließen, was er jedoch nicht war, wenn sie ihn geöffnet hielt: die großen braunen Augen, mit denen die Gretl in die Welt lugte, waren aber keineswegs jene lustigen Schelmenaugen, deren Blick man so oft begegnet und ihn so gerne erwidert, sondern sie hatten etwas so beobachtend Treuherziges und so zaghaft Erwartendes, daß man schließlich zugeben mußte, so gar unrecht hätten die Kameradinnen in den früheren Dienstorten der Gretl just nicht gehabt, wenn sie deren Augen neckend als Hundsaugen bezeichneten. Manchmal entwickelte die kleine Dirne eine überraschende Beweglichkeit, aber es läßt sich nicht leugnen, daß diese von derselben Sorte war, wie die Bedachtsamkeit des Hans, sie äußerte sich nämlich auf einen herzhaften Zuruf lieber durch Davonlaufen als durch Herzueilen.

Eine harmlose Leidenschaft beseelte die beiden jungen Leute, sie frönten ihr, sooft sie nur konnten, und man ist zu der Annähme gezwungen, daß sie sich hierdurch in einen beneidenswert wonnigen Zustand von Weltentrücktheit versetzt fühlen mußten, denn sonst wäre es ganz unerklärlich, warum sie an sonnigen Tagen von irgendeinem Winkel aus stehend, lehnend, kauernd, liegend, stundenlang zum klaren Himmel empor den ziehenden Wolken nachblicken mochten.

Seit der Hans in dem weißen Häuschen unter Dach war, hatte das »Raubersuchen« aufgehört, nur ab und zu kam der Krautschneider-Jokl in vorgerückter Abendstunde herüber zur Simmerl-Sephin berichten, daß die »Seine« schlafe, und sich erkundigen, ob das auch bei dem »Ihren« der Fall wär'. Von der Zeit an aber, wo sich die beiden Alten vorgenommen hatten, sich mehr mit den Jungen abzugeben und sie zutraulicher zu machen, beschränkte sich der nachbarliche Verkehr zusehends, was ganz erklärlich war, denn dieselbe Erziehung nahm alle Müh' und vollends alle Zeit in Anspruch, weil man die zwei »Wolkengucker« gar nicht allein lassen durfte.

Die beiden Pädagogen aus Neigung, der Krautschneider- Jokl und die Simmerl-Sephin, ertrugen stillschweigend die zeitweilige Entfremdung und schienen gegenseitig die Gründe, durch welche diese verursacht wurde, zu achten. Gewiß ist, daß sie bei ihren kurzen, ungesuchten Begegnungen eine seltene Übereinstimmung äußerten.

So rief die Simmerl-Sephin eines Tages über den Bach herüber: »Der Meine macht sich schon, ich bin recht zufrieden.«

Und der Krautschneider-Jokl erwiderte: »Könnt' über die Meine auch nit klagen: wirst's sehen, dö bring' ich dir bald völlig auf gleich.«

»Und ich dir den Mein' auch, verlaß dich drauf«, sagte sie. «Voreh'. das wirst ja einsehn, laßt sich nit Ernst machen, bis mer mit 'm Gesind' in Ordnung is.«

»Ei, freilich«, gab er zu, »aufs G'sind' muß erst ein Verlaß sein!«

So war denn in beiderseitigem Einverständnisse der Hochzeitstag auf später verschoben worden. Es verstrich eine geraume Weile, während welcher die beiden Alten sich weder aufssuchten, noch sich auswichen, plötzlich aber begann zwischen ihnen ein ganz eigenartiges Verhalten, vermutlich geschah es aus Neugierde, wo nicht gar aus Neid, daß sie den Erziehungsresultaten des anderen nachspürten, und aus Verlegenheit über diese unwürdige Spionage, daß sie sich lieber mieden, als sahen – kurz, sie fingen an, einander aus dem Gesichte zu gehen und hinterm Rücken nachzuschleichen.

Eines Abends umschlich die Simmerl-Sephin das graue Häuschen und riß dessen Tür gerade in dem Augenblick auf, wo der Krautschneider-Jokl der Grell unter der gewiß vom Standpunkte seiner Lehrtätigkeit zu rechtfertigenden Vermahnung: »Ei, Dirndl, mußt nit dumm sein«, einen Schmatz auf die Lippen zu drücken versuchte, der indes infolge des Schrecks über die Überraschung jäh auf der Nase der Dirne ausklang.

»Ah, so. ja, du alter Lotter«, schrie die Sephin, »da eilt dir's freilich nit! Da hast du's ja gar nit not, daß d' über 'n Steg kommst!«

»Du ja auch nit«, höhnte der Jokl. Er sah weit weniger wegen des Überfalls erschreckt, als über die Störung erbost aus. »Du ja auch nit, wo d' jetzt 'n Raubersucher im Haus hast!«

»Weder du noch ich brauchen mehr hinüber noch herüber!« belferte die Sephin und stürzte davon. Eine Weile danach hörte der Krautschneider ein Gekrach und Gepolter, und als er vor die Hütte lief, sah er eben noch, wie die Simmerl-Sephin mit dem Hans drüben unter der Tür verschwand; der Steg, den die beiden abgeworfen hatten, lag im Bache, und das Wasser schoß darüber hin.

Noch in derselben Nacht sagte der Kraulschneider-Jokl zur Gretl: »Ich bin froh, daß 's mit der Alten da drüben aus und gar is! Jetzt nimm ich dich zum Weib, wann dir's recht is, und hoff', daß d' dich dafür auch brav halt'st.«

Und am anderen Morgen sagte die Simmerl-Sephin zum Hans: »Ich dank' Gott, daß ich den Allen da drüben los bin. Jetzt nimm ich dich zum Mann, wann dir's recht is, und erwart' mir dafür, daß d' allzeit gut tust.«

Die beiden jungen Leute bedauerten lebhaft, daß der gute Steg weg war, sie wären so gerne zueinander gelaufen und hätten sich das große Glück, das sie betroffen, mitgeteilt und eins das andere befragt, daß es ihm – aber Hand aufs Herz – sagen möchte, ob man sich denn getrauen dürfe, ein so großes Glück anzunehmen?

Aber der Steg lag leider im Bache. Übrigens war' ja das Gefrage auch nur gewesen, um des anderen erstauntes Gesicht zu sehen und sein lautes Verwundern zu hören, »sonst doch zu nix nit«. Der Krautschneidervetter und die Simmerlmahm waren nicht die Leute, die erst lang herumfragen, wenn sie es einem gut meinen. »Da gehst her«, heißt's, »und läßt dich glücklich machen«, und was will man da machen? Man muß nehmen, was einem bestimmt ist, und Glück wie Unglück kommen dem Menschen ungefragt zu. Besser doch 's erst' wie 's letzt'!

Wenige Tage darauf, nachdem sich alle Beteiligten über die neue Lage der Dinge beruhigt hatten und in selbe einzugewöhnen begannen, fiel der erste Schnee, und wenn der kommende »Auswärts« den letzten hinweggeschmolzen haben wird, dann sollte es, statt des einen, zwei Ehrentage auf dem Steinfelde geben.

Drittes Kapitel

Trotz der Trutzheiraten gute Nachbarschaft. Es ereignen sich Dinge, die ebenso leicht vorauszusehen waren, als sie erklärlich sind. Dieses Kapitel schließt mit einem Schattenspiele, über das wieder der Schnee fällt.

Lange bevor das Hochwasser kam, das ihm hätte gefährlich werden können, war der Steg aus dem Bache heraufgeholt und an seine frühere Stelle gebracht worden und hatte sich auch der für eine Weile abgebrochene Verkehr zwischen den beiden Anwesen wieder angesponnen, und es war nicht etwa nur Leckerei nach in Butter geschmorten Eiern, welche den Krautschneider-Jokl bewog, nachgiebig und versöhnlich zu sein, sondern er dachte zu christlich, um gegen die Nachbarsleute eine Feindschaft zu nähren, die nicht nur deren zeitliche Interessen vielfach schädigen, sondern sogar deren ewiges Verderben herbeiführen konnte, denn wenn er, der Krautschneider-Jokl, in der ungangbaren Winterszeit die Simmerl-Sephin und den Hans nicht auf den Schlitten nahm, so bekamen die zwei keine Kirche zu sehen und mußten die heiligste Zeit des Jahres über wie die Heiden leben.

Man war es im Dorfe schon gewöhnt, sie selbviert ankommen zu sehen, und an einem schönen Frühlingstage kamen sie wieder gemeinsam angefahren und hielten vor dem Pfarrhofe stille, um sich als Brautleute, der Krautschneider-Jokl mit der Grete und die Simmerl-Sephin mit dem Hans, einschreiben zu lassen.

Als man darüber im Orte herumsprach, da meinten die einen, die alles gleichmütig hinnahmen oder lustig auffaßten: »Recht haben sie, so ist's für alle besser, wie allein bleiben! Die Alten nehmen sich lieber ein Junges, und die Jungen können sich mit Hab und Gut, was an den Alten hängt, zufrieden geben.« Die anderen, gewöhnt, die Dinge, je weniger sie dieselben angingen, um so ernsthafter und nach Gemütsart entweder bemitleidend oder scheel anzusehen, waren der Ansicht, es könne nicht viel taugen, wenn man alt, was noch der Hafer sticht, und jung, was schon der Geiz verblendet, zusammen in einen Sack steckt!

Auch der hochwürdige Herr Pfarrer schüttelte den Kopf über die ungleichen Brautleute und nahm den jungen Bräutigam der Simmerl und die fast noch kindliche Braut des Krautschneider beiseite und forschte sie aus, ob sie auch völlig freien Willens den ernsten Schritt unternähmen; aber er bekam von beiden nur die Versicherung zu hören, daß sie sich ganz unbemüßigt zum Heiraten entschlossen hätten. »Und wie sollt' ich nit«, schloß die Grell ihre Rede, »wann mich der Herr Vetter nimmt?« – »Und wie könnt' ich anders«, sagte Hans, »wann mich d' Frau Mahm will?«

So wurden sie denn an drei Sonntagen von der Kanzel verkündet und kurz darauf vor dem Altare getraut.

Da beide Paare gemeinsam beim »Goldenen Sonnenwirte« das Hochzeitsmahl einnahmen, wobei sich die Simmerl-Sephin nicht spotten ließ und den größeren Teil der Zeche auf sich nahm und auch beim darauffolgenden Tanzvergnügen ihre Silbergulden auf den Musikantentisch warf, so entsprach der Ehrentag in Wirklichkeit ganz dem Traumbilde, das dem Krautschneider-Jokl an jenem Abende an Seite der Sephin vorgeschwebt hatte, nur mit dem angenehm berührenden Unterschiede, daß die Braut eine jüngere war.

Schon während der Heimfahrt bezeigte der Krautschneider-Jokl der Simmerl-Sephin seine dankbare Rührung über die genossene Gastlichkeit; oftmals wandte er sich auf dem Kutschbocke, wo er neben seiner Gretl saß, nach der neuvermählten Witwe um und faßte sie an den Händen. »Bist wohl a brave Nachbarin, ja, du mein' liebe Nachbarin, du!« sagte er mit schwerer Zunge, und wenn dann die Sephin hellauf: »Schon gut, schon gut, laß's sein!« rief und alle lachten, da besann er sich, ergriff eilig die Peitsche, und der Wagen, der bei jeder solchen Gelegenheit stehenblieb, rädelte wieder weiter.

Daheim angelangt, ließ der Jokl den Braunen in den Strängen stehen, als er seine lieben Nachbarsleut' sich entfernen sah, er drängte den Hans von der Simmerl-Sephin weg und hielt die inmitten des Steges an der Hand zurück, begann davon zu reden, wie schön doch der heutig' Tag gewesen wär', dazu nickte die Sephin stolz und sagte, daß sie das »halt« auch meine – der Jokl besprach nun eifrig Stück für Stück, was ihn am meisten erfreut und vergnügt hatte – die Sephin gab ihm in einem recht, beim andern erklärte sie, sich »Lieberes« zu wissen –, und bald lehnten die beiden Alten nebeneinander an dem Geländer über dem Bache und führten ein angelegentliches Gespräch.

Hans und Grete standen verlegen an dem Ufer, wußten nicht, was man von ihnen wollte, noch was sie selbst sollten, auch hätte keines von beiden mit Bestimmtheit sagen können, wer zuerst mit dem Zeigefinger gegen die Hand des anderen gestoßen, worauf sie sich mit einem kurzen, weisenden Kopfnicken nach der plaudernden Gruppe launig zublinzten; sie häkelten die Finger ineinander und waren just im unterhaltlichsten Armschlenkern begriffen, als sich die Simmerl-Sephin zufällig ihnen zuwandte; einen Augenblick stand die wackere Frau starr, dann kam sie um so behender herzugestürzt und gab ihrem jungen Gatten eine Ohrfeige, die ihm den Hut vom Kopfe und in den Bach warf, und ehe sich noch der Betroffene vom ersten Schreck erholen konnte, fühlte er sich hinterher in das Wasser gestoßen. »Lotter, du«, belferte die Sephin, »fängt bei dir d' Wirtschaft damit an, daß d' dein neuchen Hut fortschwemmen ließ'st!«

Der Hans fischte den breitkrempigen Filz heraus und gedachte schon, über die erlittene Unbill in rechtschaffenes Schimpfen und gewaltiges Sakramentieren auszubrechen, aber ein Blick auf den noch immer ausgereckten Arm der Sephin, dessen Kraft er eben erprobt hatte, ließ ihn von dieser Lungenübung abstehen, und leise fluchend und ausgiebig triefend schlich er sich ins Haus.

Gretl, vom Krautschneider, der brummig auf sie zugetreten war, in die Seite gestoßen, flüchtete nach der anderen Seite.

Nun standen sich die beiden Alten allein auf dem Stege gegenüber, sahen sich eine Weile lautlos mit großen Augen an, dann sagten sie sich leise »Gute Nacht«, kehrten einander den Rücken und gingen.

»Es ist kein Vorwärtskommen mit ihnen«, sagten der Krautschneider-Jokl und die Simmerl-Sephin, wenn der eine von seinem Weib, die andere von ihrem Manne sprach.

»Schau«, sagte der Jokl zu seiner Gretl, wenn ihr manche Verrichtung in Feld und Haus gar nicht nach seinem Willen geriet, »schau, wie die Simmerlin da drüben wirtschaftet!«

»Das hast ja gewußt«, sagte die Gretl trotzig, »daß ich 's Wirtschaften nit so versteh' wie die da drüben!«

Damit hatte sie recht, und darüber erboste sich der Jokl nur um so mehr. »Aufbegehr'n sollt'st du nit«, schrie er, »bedenk'n sollt'st lieber, was ich mir dein'tweg'n hab' entgehn lassen! Schau, wie die Simmerlin den Ihren halt't und füttert, von Tag auf Tag wird der Kerl feister: so gut hätt' mir's auch werden können.«

Und er wußte doch, daß der Hans, was ihn feist machte, nicht von der Person der Sephin herunterbiß, sondern von deren Anwesen aufgefüttert wurde, kein Wunder, daß hierauf Gretl, die sich durch folche Reden ihre Armut vorgeworfen fühlte, weinend ausrief: »So hätt'st s' doch nur g'nommen, die da drüben!«

Da hatte sie wieder recht, und das versetzte den Alten vollends in Wut. Er begann dann stetig im Hause herumzurumoren und unter unvernünftigem Geschrei: »Keifen – zanken – keppeln – willst du – du«, sich an allerlei nützlichem Haus- und Küchengerät tätlich zu vergreifen und dasselbe – wahrscheinlich zur Aneiferung wirtschaftlichen Sinnes – zu zertrümmern.

»Du«, sagte die Sephin zu ihrem Hans, wenn er, wie gewöhnlich, tagüber zwar langsam, aber desto weniger gearbeitet hatte, »du sollt'st dir den Krautschneider zum Beispiel nehmen, der tut sich um.«

»Der hat's auch not«, erwiderte der Hans, »denn sein Weib versieht nit 's Hausen wie du.«

Aber die Sephin war taub für diese ihr ganz ungelegen kommende Schmeichelei. »Du Läpp«, schrie sie, »bedank' mich für die gute Nachred'! Von dir aus könnt' ich allein mich hinunterschinden. Da schau dir den da drüben an, wie der auf die Seine schaut, die braucht an gar nichts zu rühren, die hat a Leb'n wie a Prinzessin, wie ich's halt' hab'n können!«

Und sie wußte doch, daß ihr als des Krautschneider-Jokls Weib auch nicht ein Handgriff von ihrer jetzigen Arbeit erspart geblieben wäre; daher ärgerte es sie über die Maßen, wenn der Hans darauf sagte: »Ei, mein, für was d' Gretl weniger kann, is s' jünger und muß sich 'n Alten g'fallen lassen.«

»Und du dir d' Alte, gelt?« kreischte die Sephin. »Und d' alten Eseln soll'n für d' jungen Faulpelz' sich h'runterrackern? Gelt ja? Dazu sein s' da? Gelt?« Damit hatte sich jedesmal die Simmerl-Sephin in Fragen und Geduld erschöpft, und der stumme Hans fühlte sich durch irgendeine leichte körperliche Verletzung zur Rede aufgefordert, er begnügte sich meist damit, in Tönen gekränkter Manneswürde und örtlichen Schmerzgefühles, welche zusammen ein unmelodisches Halbgeheul ergaben, auszurufen: »So hätt'st 'n g'numma – so hätt'st 'n g'numma – den von da drüb'n!« worauf er sich eilig davonmachte.

Nun begann die Sephin mit Gezeter hinter ihm her zu jagen. »Vorwerfen tät'st mir etwa noch mein' Gutheit? – du? – Mein' Gutheit, mir? – Na, wart, du Nixnutz!« Aber sie opferte dem häuslichen Zwiste keine Topfscherbe, keinen Sesselfuß, das wußte der geängstigte Mann und erschwerte und verzögerte seine Ergreifung stets dadurch, daß er alle zerbrechlichen Gegenstände, deren er habhaft werden konnte, seiner Verfolgerin in den Weg schob; er kam aber nie zur Einsicht, wie fehlerhaft diese Taktik sei, durch welche er sich selbst das Terrain zur Flucht mehr und mehr einengte, er hielt fest an ihr, trotzdem er sich schließlich immer in einen Winkel getrieben fand, wo ihn das Weib, nicht allzu zärtlich, in die verlangenden Arme schloß.

Es ging also manchmal in den beiden Hütten ziemlich laut her.

Zu Anfang, da sie sich kennenlernten, dachten Hans und Gretl, es wäre wohl klug, wenn sie als Dienstleute gegenüber den Herrenleuten zusammenhielten, als sich aber der Knecht von der Bäuerin, die Magd vom Bauern bevorzugt sah, da schien doch eines dem anderen zu »minder«, und nun wieder in gleicher Stellung, selbst als Bauer und Bäuerin, bewirkte es die zunehmende Unzufriedenheit der Alten, daß sie anfingen, einander zu bemitleiden.

Manchmal nahm sich der Hans das Herz, ging zu dem Jokl hinüber und sagte: »Mußt mir mein Einmengen nit verübeln, Nachbar, aber dir kann's ja am End' gleich sein, wer tut, was z'tun is, wann nur g'schieht, was z'g'schehn hat. Laß mich das und das verrichten, deiner Gretl fehlt's dazu an Kräften, daß sie 's auch recht macht.« Oder die Gretl lief zur Sephin: »Nimm mer's nit ungut, Nachbarin, daß ich mich aufdräng', aber gern tat ich dir das und das, denn dein Hans is dafür zu tollpatschig.«

Bald ließen die wirtschaftlichen Alten, was an Arbeit auf beiden Anwesen den Jungen zugedacht war, von diesen abwechselnd und gemeinsam verrichten.

»Denn ich mein'«, sagte der Jokl kopfschüttelnd zur Sephin, »es stellt sich hitzt allmeil mehr und mehr h'raus, daß ich dumm war und du nit g'scheit. Dafür hilft nix, als daß mer der Sach' noch schnell ein' Dreher nach der linden Seiten hinüber gibt. Allein taug'n uns dö zwei amal nit, z'samm'g'nommen kann mer s' doch noch für eins gelten lassen.«

Dabei merkte die Simmerl-Sephin so gut wie der Krautschneider –Jokl, daß den jungen Leuten die gemeinschaftliche Arbeit gar merkwürdig flink von der Hand ging und daß sie während derselben oft fast ausgelassen lustig wurden, aber davon sagte keines der beiden Alten dem anderen.

Dagegen sagte die Simmerl-Sephin zu Hans: »Du, das hat's nit notwendig, daß d' dich unter der Arbeit mit der Gretl neckst. Sei g'scheit, sonst leiht uns der Krautschneider sein Weib nimmer.«

Und der Krautschneider-Jokl sagte zur Gretl: »Du, blinzl' und lach mer unterm Schaffen nit alleweil 'n Hans zu, das ziemt sich nit, und wann's d' Simmerl-Sephin merkt, so borgt s' ihr'n Mann nimmer her.«

Das waren für die Zeit, da es sich um Arbeit im Freien handelte, ersprießliche Vermahnungen, um närrischen Eifersüchteleien vorzubeugen, weil doch ernstlich keine Ungebühr zu befürchten stand, wo man sich allorts vom hohen Himmel herunter durch Gottes Auge bewacht wußte; bei der winterlichen Haus- und Stubenarbelt aber blieb man sich ohnehin gegenseitig unter Augen.

Die rauhe Jahreszeit kam allmählich heran, und der Jokl und die Sephin setzten das Ehehälften-Leihgeschäft fort. Sooft sich der junge Nachbar, einer Verrichtung halber, beim Krautschneider einstellte, war dieser nicht in der Lage, irgendwelche auffällige Bemerkung zu machen; Hans und Gretl gaben sich kurze Reden, und beim Verabschieden unter der Tür drückten sie sich kaum die Hand. Die beiden zeigten sich ebensowenig gesprächig in Gegenwart der Sephin, wenn Gretl zur Aushilfe in das weiße Häuschen herübergekommen war, aber da erforderte es dann doch die Schicklichkeit, daß beim Heimgange der Nachbar die Nachbarin wenigstens bis über den Steg begleite; dieser mußte jedoch von einem auf das andere Mal an Länge zunehmen, denn sonst war es nicht gut erklärlich, warum Hans zu solchen Geleitgängen immer mehr Zeit gebrauchte und immer später zurückkam.

Für diese naheliegende Annahme schien aber die Simmerl-Sephin gar nicht empfänglich, denn sie empfing den Zurückkehrenden mit spöttischen Blicken und spitzen Worten. »Ich schau' dir nur so zu«, keifte sie, »ich schau' dir lang zu und bered' nix. (Die gute Frau widersprach sich hier mit der ihrem Geschlecht eigenen Neigung, das Gegenteil von dem Gesagten zu tun und vom Getanen zu sagen.) Mach du Dummheiten auf dein' eigene Faust, wie s' aber für mich amal auf der flachen Hand liegen, dann sein wir g'schiedene Leut', und du kannst gehn, wie d' kommen bist, als Bettelbub.«

Der Hans lächelte dazu jedesmal so tölpisch, daß seine Beteuerung, er denke nicht daran, Dummheiten zu machen, kein volles Zutrauen erweckte.

Während sich also die alte Henne ihres jungen Hahnes versichert hielt, so daß sie es nicht einmal für nötig fand, um das Ausfliegen zu hindern, ihm die Flügel zu stutzen, und nur für den Fall, als es ihm auf fremdem Miste besser behagen sollte, sein ökonomisches Verderben in erschreckende Aussicht stellte, machte sich der alte Hahn wegen seines jungen Huhnes viel schwerere Sorgen.

Etliche Male schon hatte der Krautschneider-Jokl vom Fenster aus die beiden jungen Leute beobachtet, wie sie langsam im eifrigen Gespräche, nach je ein paar Schritten innehaltend, an den Steg herankamen, sich auf dessen Geländer stützten und nicht eher von einer Stelle rückten, bis das Holz unter ihren Händen warm geworden war, und dann nicht weiter als um etliche Spannen. Ieit und Geduld verlor der Alte darüber, er trommelte an den Scheiben und erging sich in ungeduldigen Ausrufen, sooft er eines von beiden einen Fuß vor den anderen setzen sah. «No – – no – – wird's! – – Was dö sich Zeit lassen! – So – wieder a Ruckerl! – Und noch a Schrittl! – Was s' doch z'verhandeln haben miteinand'? – No, endlich! – Geht's doch füri? – Werd'n mer doch noch vor Morgen z' Haus treffen?«

Möglich, daß der Krautschneider-Jokl moralischer dachte wie die Simmerl-Sephin, wenn auch, gleich den meisten Männern, nicht nur für seine Person, sondern nur was die Ehehälfte anlangte, möglich, daß er instinktiv auf den Gedanken verfiel, der so instruktiv in fast allen »Psychologien der Liebe« behandelt wird: daß das Weib, dessen Leibesleben sogar durch das Liebesleben verändert werde, durch letzteres noch »tiefere Eindrücke empfange«, und daß er dieses Empfangen fürchtete, kurz er beschloß, der Sache nimmer länger ruhig zuzusehen, sondern ihr ein Ende zu machen und für künftighin seine Gretl von der Simmerlin abzuholen und selbst nach Hause zu führen.

Bei der nächsten dazu schicklichen Gelegenheit aber, er mochte sich verspätet haben, oder sein Weib früher als sonst von da drüben weggegangen sein, waren schon Hans und Gretl aus dem Häuschen gegenüber getreten, als er den Fuß über die Schwelle setzte. Noch kam dieser Zufall dem Jokl nicht ungelegen, denn er dachte, nun könne er leicht erhorchen, was eigentlich die beiden miteinander zu verhandeln hätten und worauf begreiflicherweise seine Neugierde schon lange gespannt war. Er mochte sich das nicht entgehen lassen und schlich im Schatten des Pferdestalles, der nahezu bis an den Steg reichte, vorsichtig dahin.

Das erste, was er zu hören bekam, war ein tiefer Seufzer des Hans, dem dieser alsbald die Worte folgen ließ: »Nimmer zum Aushalten, sag' ich dir! Wußt' ich, wohin gehn und woher was nehmen, ich rennet auf und davon.«

»Na eben«, sagte darauf die Gretl in verweisendem Tone, »wann d' nit weißt, wohin gehn und woher was nehmen, so bered lieber nix!«

»Ich kann's aber nix wie bered'n und drum will ich dös auch; 's wär' ja ganz gut zum Auskommen miteinander, wann nur mein Weib anders sein möcht', wie die is! Sie is so viel gach, daß s' nit amal schaut, ob s' ein'm mit der Hand in d' Haar oder in d' Augen g'rat't, und tut so überg'scheit, als müßt' s' mich erst aufklären, daß der Gans, was af ein'm Fuß steht, der andere nit fahlt, und alt wird s' von Tag zu Tag mehr; ich mag mer nit vorstell'n, was dös für a Anseh'n kriegt, bis ich in d' besten Monjahr' kumm.«

»Du tust ihr unrecht, sie schaut noch sauber g'nug aus.«

»Ah, du siehst s' nie, wie ich s z'sehn krieg'.«

»No, und is's, wie's wär', und wär's, wie's is! Hätt' mer von all dem früher wissen können, so möcht' mer sich's überlegt haben, und es wurd' anders kommen sein: so is mer aber ohne a Ahnung h'neintappl und hitzt, wo amal ja und amen g'sagt is, heißt's halt stillhalten und parier'«. Half' hinterdrein a Lamento, hätt' ich vielleicht a zu ein'm solchen Anlaß g'nug.«

»Denk' mer wohl, daß's dir da dran nit fahlt. Wir hör'n ja oft 'n Lärm h'rüber, was dein Alter schlagt, is a so a Rechthaber und Besserwisser und d' Schönheit plagt 'n noch weniger wie d' meine.«

Der Jokl spitzte die Ohren, er erwartete, daß ihn seine Gretl gegen den kecken anzüglichen Nachbar in Schutz nehmen werde, aber er hörte sie weiter nichts sagen als: »Es hat jed's sein Kreuz, mer muß sich's nur nit selber schwerer machen.«

Hans und Gretl waren bis in die Mitte des Steges gelangt und lehnten jetzt eine Weile schweigend nebeneinander und sahen in den Bach hinab.

Abermals tat der Hans einen tiefen Seufzer. »Wann nur bald d' schön' Zeit wiederkam'!«

»Das wär' mir auch lieb«, sagte die Gretl, gleichfalls seufzend.

»Und weißt, warum ich mir's wünsch'?« fragte er vertraulich.

Sie antwortete nicht und rückte eine Spanne weiter von ihm weg.

»Weil mer's dann so gut wird«, fuhr er fort, »'n lieben langen Tag über mit dir im freien Feld z'sein.«

»Ja und mich z'necken«, schmollte sie.

»Du kennst ja 's Sprichwort.«

»Du kannst dir für dein Teil was für welchene Gedanken machen, als du willst, mir verschlagt's nix.«

»Und mir a nit, denn ich weiß, ein ganz klein' bissel wengerl bist mer doch gut, und ich war' a Spitzbub', mehr z'verlangen.«

»Du bild'st dir selb'n das ganz klein' bissel Wengerl ein, wo hätt'st 'n Erweis?«

Hans rückte ganz nahe an Gretl heran. »Amal hast dir doch a schön's Bussel abbetteln lassen.« Er wollte seinen Arm um ihre Hüfte legen, aber sie entwand sich ihm rasch und richtete sich auf, beide standen sich nun gegenüber.

»Es reut mich eh'«, rief sie aus, »und nie wär' ich so dumm g'west, hält' ich g'wußt, daß du, was mer im Spaß gibt, als Ernst nimmst!«

»Gretl«, sagte Hans bestürzt, «lieber hätt' ich mir d' Zung' abgebissen, als die einfältig' Red' g'tan, wenn du meinst, ich wollt' durch selbe dich verunehr'n und mich prahl'n. Ich bin ja nur froh, um dich z'sein, und du weißt nit, Gretl, was ich mir jed'smal für ein G'wissen g'macht hab', wenn mir mit einmal word'n is, als müßt' ich jetzt und jetzt af dich zu, dich anfassen, auf d' Arm' nehmen und forttragen....«

»Na und nachher?« fragte schneidig das kleine dralle Weibchen.

»Nachher halt nix«, erwiderte stotternd der junge Mann.

»Denk's selber! Gute Nacht! 's is Zeit für heunt, daß ich geh.«

»Nein, Krautschneiderin!« rief Hans, indem er sie an beiden Händen faßte und zurückhielt, »so in Übelnehmen und Mißversteh'n lass' ich dich nit von mir! Du magst bös sein, weil ich dir ins Gesicht hab' verlauten lassen, was dir doch im stillen kein' Neuigkeit mehr sein kann, daß du in mein'm Herzkammerl drein sitzt, aber hör' nur auch an, was dich wieder gut machen wird: wie d' in selben einb'schlossen warst! Warum hast denn früher auch so verquer dazwischen g'fragt: ›Na und nachher?‹ daß mer d' Red' in der Gurgel is stecken g'blieben, warum hast denn nit g'fragt, wohin ich dich hätt' tragen mögen? Da drauf hätt' ich dir frei Antwort sagen können, weil mer sich nit zu schämen braucht, einen Traum z'verzählen, und Träumen weder a Sünd' noch a Schand' is und mir ja auch nur mit offenen Augen g'träumt hat, die zwei Alten hätten, wie sie z' Anfang willens waren, einand' g'heirat't und wir es ihnen nachgetan, die säßen af 'm d'renteren Anwesen und uns gäben s' 's herentere in Pacht, und ich braucht' dich nur in dasselbe graue Häusel da herz'tragen und all's möcht' gar anders sein, dö anderen lebeten gerechter und zufriedener, und wir – wir würden's leicht noch viel besser treffen! Meinst nit a?«

»Ja, Hans – das wär' freilich – so uneben nit«, flüsterte unter einem langgedehnten Seufzer die Gretl, und sie duldete es, daß der junge Nachbar sie in seine Arme zog, und einen Augenblick lehnte sie mit dem Kopfe an seiner Brust, aber rasch machte sie sich frei und sagte kopfschüttelnd und mit beklommener Stimme: »Nein, das tut kein gut. Brlng'n mer uns nit af Gedanken, wo eins z'letzt nimmer aus noch ein weiß. Aufrühr'n, was nit is, nit sein kann und soll, is doch allweil nur a Unsinn.«

»Und a schwermächtiger dazu«, sagte herantretend der Krautschneidet, der es in seinem Verstecke nicht länger auszuhallen vermochte.

Die Gretl stieß einen lauten Schrei aus und lief unter seinem ausgestreckten rechten Arme weg nach der Hütte.

Hans trat einen Schritt vor und holte mit der Faust aus.

Der Alte tat einen Sprung hinter sich. »Ich tu' dir nix, ich tu' dir nix«, murrte er. Es war das eine sehr überflüssige Versicherung seinerseits, da ja er befürchtete, der junge Mensch möchte ihm zu Leibe gehen.

Wenn der Mond an den Vorgängen auf Erden Anteil nehmen würde, was aber wohl nur Liebenden in begreiflicher Selbsteingenommenheit glaublich erscheint, so hätte er seinen Spaß an dem nachäffenden Gebaren der zwei schwarzen Gesellen haben können, welche sein Licht den beiden biedern Nachbarn an die Fersen heftete. Der eine spindelbeinige und dürrarmige Schatten focht erst mit Händen und Füßen wie ein Hampelmann, während der prallwadige und rundarmige nur ab und zu die Hand erhob, einmal mit ausgespreiteten Fingern, begütigend, dann mit geschlossenen, bedrohlich. Allmählich verlor sich bei beiden die Beweglichkeit, sie standen steif, lüpften nur die Schultern auf und nickten oder schüttelten mit den Köpfen, plötzlich hoben sie die Hände, schlugen in selbe ein und rüttelten sie sich, worauf der Spindelbeinige über den Steg stelzte und drüben in der dunkeln Türumrahmung des weißen Häuschens verschwand. Kurz danach huschte vom grauen Häuschen ein Schatten herzu, der bildete auf dem Sande ein kleines, dralles Figürchen in kurzem, fliegendem Röckchen, und nun zappelte der Prallwadige mit Händen und Füßen sich gegen diesen ab, und der Kleine erhob die Arme und schlug sie zusammen wie vor Verwunderung, dann hielt er sie vors Gesicht, endlich schwenkte er sie heftig, als gälte es, einen Schwarm Fliegen abzuwehren, und damit kehrte er sich eilig ab und verschwand dahin, von wo er gekommen. Nun stolperte drüben der Spindelbeinige winkend aus der Tür, und der Prallwadige stapfte über den Steg, und beide verschwanden.

Eine lange Weile lagen nur die Schatten unbeweglicher Gegenstände über den beiden Anwesen, dann strich wieder eine Gestalt, groß und dick, vom Gürtel abwärts wie eine Kirchturmglocke anzusehen, in der zwei Klöppel sich bewegten, eilig querüber vom weißen nach dem grauen Häuschen; abermals nach einer geraumen Zeit kam die große, dicke Gestalt den Weg zurück und zog das kleine, dralle Figürchen in kurzem, fliegendem Röckchen an der Hand hinter sich her.

Der Mond stand schon hoch am Himmel. Auf dem Gehöfte der Simmerlin krähte verschlafen der Hahn. In der Ebene stiegen drohende Wolken auf, vor denen ein brausender Wind einherging; er begann eben an den Türen und Fenstern der beiden Hütten zu rütteln, da lief der kleine, dralle Schatten, wie gejagt, über den Steg, und hinterher stolperte der Prallwadige, er konnte den ersten nicht einholen; erst klebte er nun auf dem Fenster des grauen Häuschens, gegen dessen Scheiben er die Hand mit gekrümmtem Finger hob, dann machte er sich klein, sank auf die Türstaffel und saß dort mit geneigtem Kopfe und hängenden Armen. Da blies der Wind aus vollen Backen und trieb stäubende Schneeflocken vor sich her, der Schatten rappelt sich empor und schüttelt sich und strampft mit den Beinen, noch einmal streift er das Fenster, dann spreitet er die klopfenden Finger wie zu einem Schwur, und dann fällt er mit dem fahlen Mondlichle zugleich zur geöffneten Tür hinein.

Und nun rieselt reichlicher und reichlicher der erste Schnee hernieder; auf der weißen Unterlage aber hebt sich kein Schatten mehr ab, es läßt sich keiner wieder blicken, weder der spindelbeinige, dürrarmige, noch der prallwadige, rundarmige, ebensowenig die große, dicke Gestalt, die vom Gürtel abwärts wie eine Kirchenglocke anzusehen, in der zwei Klöppel sich bewegen, als auch das kleine, dralle Figürchen in kurzem fliegendem Röckchen; sie blieben alle am Orte, wohin sie verschwunden waren.

Viertes Kapitel

Das Schattenspiel kommt an das Licht der Sonnen, worüber einem Herrn Notarius der Verstand stille stehen will und worin wieder der Jokl keine Vernunft finden kann.

Als die Wasser in der Ebene wieder mächtig zu rauschen begannen und die Wässerlein von den Höhen um die Wette herabgeschossen kamen, fuhr der Krautschneider-Jokl nach der Kreisstadt, um den Herrn »Notarjus« aufzusuchen, der ihm von der Erbschaftsangelegenheit der Simmerl-Sephin her bekannt war.

Im Pfarrdorfe wurde er unversehens von dem Pfarrer, der des Weges kam, angerufen und wollte, den Hut rückend, rasch vorüber, aber der hochwürdige Zerr reckte den Arm mit steifgehaltenem Zeigefinger gegen ihn aus, was nicht anders zu verstehen war, als: »Halt da!« Und so hielt denn der Jokl.

Der Pfarrer trat an den Wagen heran. »Krautschneider«, sagte er, »ich hab' über euch Leuteln da drauß' auf 'm Steinfeld was munkeln hören, dem ich vorläufig noch kein' Glauben schenken mag, ja, das ich kaum z'glauben vermöcht', wann sich's auch ausweiset! Ich hoff', es is nix Wahres dran!«

»Ei, mein, Hochwürden«, erwiderte der Jokl, »d' Leut' red'n Wahr's und Falsch's durcheinander. Unser' Sach' wird bald in der rechten Ordnung sein. Könnt Euch verlassen!« Er hob beteuernd die Peitsche in die Höhe, schlug aber sofort mit derselben auf das Pferd los, daß dieses ausgreifend den Wagen hinter sich her riß.

Er war ja auf dem Wege, alles in rechte Ordnung zu bringen, aber dazu brauchte er keinen Pfaffen.

In den ersten Nachmittagsstunden langte er in der Kreisstadt an, er stellte im Gasthofe »Zur goldenen Sonne« Roß und Wagen ein. Im Weggehen blieb er einen Augenblick im Hausflur stehen und sah durch die offene Tür in das Gemach, wo vor kaum einem Jahre die Doppelhochzeit gefeiert worden war; er kraute sich mit beiden Händen in den Haaren und schüttelte »kaum glaubwürdig« den Kopf. Nun lief er nach der Kanzlei des Herrn »Notarjus«, erklärte dort, er habe unter vier Augen mit demselben zu reden, und ward in dessen Arbeitsstube gewiesen.

Doktor Schnepf war ein kleines, dürres Männlein mit einem seiner Gestalt entsprechenden Köpfchen, das aber eine große Glatze aufwies; ein Büschel Haare über der Stirne, zwei ebensolche an beiden Schläfen, das war alles, was ihm von einer einst fast widerborstigen Fülle braunen Gelockes zurückgeblieben. Seine Gesichtshaut war gelb und schien wie eingetrocknet, da sie Hunderte von Fältchen durchfurchten; er trug eine große, runde Hornbrille, über deren Einfassung er jetzt mit den pechschwarzen Sternen nach dem Krautschneiderjokl hinüberäugelte, der an der Tür stehengeblieben war.

»Werd'n mich wohl gar nimmer kennen, Herr Notarjus?« sagte der Jokl und versuchte eine städtische Verbeugung; er knickte mit der unteren Hälfte des Leibes so plötzlich ein, daß man glauben konnte, er sei willens, die obere abzuschütteln und zu Boden fallen zu lassen.

Der Doktor schüttelte den Kopf, nicht wegen des wunderlichen Bücklings, sondern um anzudeuten, daß er sich wirklich der Bekanntschaft mit Krautschneider nicht entsinnen könne.

»War schon öfter da«, erklärte der Jokl, »mit der Simmerl-Sephin, derer ihrer Erbschaftsg'schicht' halber.«

»Ah ja, weiß schon.«

»Wir hätten sich ja heiraten sollen.«

»Na«, schnarrte der Doktor, »warum ist denn da nichts daraus geworden? Sie hatte doch was zuzubringen und war, soweit ich mich darauf verstehe, noch eine ganz annehmbare Person.«

Der Jokl lächelte blöde. »Jo, hehe, uns zwei beiden hab'n halt jüngere g'fall'n.«

»Auch gut«, das faltige Gesicht des Notars verzerrte sich, und er grinste wie ein Affe.

»Nein, gut is dös nit g'west, Herr Notarjus, mir hab'n bald mit dö jüngern Leut' nit ausz'kommen g'wüßt und dö nit mit uns. Na und da möchten halt hitzt mir Alten es hab'n, wie's früher hätt' sein soll'n, und dö Jungen verlangen's a anders.«

»Ah, hehe! Wird aber nicht angehen.«

»Was nit gar, Herr Notarjus! Ich hab' mer doch sagen lassen, in gutem gang' alles. No und wann der Simmerl-Hans und mein' Gretl einverstanden sein, daß mir und der Sephin all's verbleiben soll, wann mer ihnen nur 's kleine Gütl in Pacht ließen, so wüßt' ich nit, wo die G'schicht' noch ein Haken hab'n könnt.«

»Da kennt sich kein Teufel aus, Vetter. Ihr müßt Euch deutlicher ausdrücken.«

»Ich mein', ich bin doch eh' deutlich g'nu'! Aber wann's 'n Herrn Notarjus verinteressiert, so erzähl' ich 'n ganzen Hergang, so werd'n mer sich nachher besser verstehn und leichter reden. Alsdann, daß ich sag', dö G'schicht' war so: An ein' Abend, z'vorigen Winteranfang triff ich 'n Nachbar bei mein'm Weib stehn und hör' nach denen Zwei'n ihnere Reden, wie ihnen lieber wär', ich und die Sephin wär'n af unsern Willen verblieb'n und hätten sich g'heirat't, dann möchten so 's uns nachtan hab'n und verlangeten sich nix, als daß s' af mein'm Anwesen in Pacht sitzen kunnten; drauf bin ich hinzu und hab' s' auseinandeig'scheucht, und mein Weib hat ein' Schroa 'tan und is in d' Hütt' g'rennt, und der Nachbar is stehn' blieb'n, und da hab'n wir erst zun Warteln ang'hob'n, und dann sein wir ganz vernünftig Red' word'n über den ganzen Handel. Ich bin zur Sephin, no, vertraut war ich ja eh'nder von früher mit der, die war bald einverstanden, und drauf hab' ich 'n Nachbar herbeig'rufen, der erzählt hat, es wär' mittlerweil' mein Weib zu ihm h'rauskommen und hätt' sich vor unserm Fürnehmen bekreuzt, drum hat, sobald wir Männer all's abg'red't g'habt hab'n, dö Sephin hinüber müssen, der Gretl zured'n und sie herbeiführen, und da hab'n wir ihr ernsthaft bedeut't, was wir Rat's word'n wär'n, und da hat sie sich schließlich dreingeb'n. Dö jungen Leut' sein miteinand' in d' andere Hütten und 'n Winter über drein verblieben, wie wir in der unsern.«

Der Notar grinste wie vorhin, er rieb den Rücken der linken Hand mit der Fläche der rechten, spitzte die Lippen und sagte: »Hübsch!« Dann fragte er, den Kopf nach dem Klienten, der ihm so viel Vergnügen zu bereiten schien, hinüberdrehend: »Wer wir und in welcher Hütte?«

»No, ich und die Simmerl-Sephin in der ihren.«

»Na, also, die gehört auch noch ihr. Euch nicht?«

»Aber nein. Herr Notarjus, wie wir's untereinander vereinbart haben, g'hör'n ja hitzl die zwei Anwesen g'meinschäftlich uns, mir und der Simmerl-Sephin, und 's kleinere verpachten wir an 'n Hans und d' Gretl, und drum bin ich ja da, und tat schön bitten, der Herr Notarjus mö'cht' so gut sein, und da drüber a Pachtvertragerl aufsetzen zwischen uns alten und den jungen Leuten, und nachher braucht's nur noch eins, damit all's in Ordnung is; zwischen mir und 'm Simmerl-Hans a klein's Tauschkontrakterl.«

»Ja, was wollt 'r denn eigentlich tauschen?«

Der Krautschneider-Jokl sah den Doktor einen Augenblick verdutzt an, als ob ihn dessen Begriffstutzigkeit in einer ganz alltäglichen Sache überrasche, und sagte dann mit überlegenem Lächeln: »Aber, Herr Notarjus sein a bissel schwer verständlich. Dö Weiber, natürlich, dö Weiber!«

Doktor Schnepf warf sich in den Stuhl zurück, daß dieser unter ihm erkrachte. Er schnitt ein Gesicht wie ein Faun und lachte laut auf, was wie ein heiseres, stoßweises Gebell klang. »Eh-he-he! Wei-ber – – tauschen!« Er mußte lange ringen, bis er wieder zu Atem kam, um ihn gleich abermals zu verlieren. »Mensch, macht, daß Ihr fortkommt oder Ihr tragt Schuld an meinem Tode! – Eh-he – ich ersticke!«

Dem Jokl schmeichelte dieser außerordentliche Frohsinn, denn er hielt ihn für eine Anerkennung der Findigkeit, mit welcher er sich in schwieriger Lage zurechtzufinden und seinen Vorteil zu wahren wußte, er lachte herzlich mit und ließ dabei seinen breitkrempigen Hut um den Finger schwingen.

»Na. Er hat da gar nichts zu lachen!« fuhr plötzlich Doktor Schnepf auf. »Es sind mir schon manche so bösköpfige Kerle, wie Er einer ist, ins Haus gelaufen, die auch geglaubt haben, bei Gott und dem Notar wär' alles möglich, man brauchte nur ihren heillosen Unsinn niederzuschreiben und das Amtssiegel darunter zu drucken, aber so ein Hornochs, der meint, Weiber tauschen ginge an, ist mir doch noch nicht vorgekommen!«

»Was? Nit gehn tan tat's?« schrie der Jokl.

»Ihr seid doch schon so ein alter ... Mensch, daß man Euch das noch sagen muß!«

»Nein, aber Herr, das kann doch nit sein.«

Doktor Schnepf fuchtelte mit beiden Armen über dem Kopfe. »Aber wenn ich's einmal sage!« belferte er. »Denk Er doch nur daran, wo und von wem ihm sein Weib überantwortet worden ist! Nicht in der Gaststube vor'm Biertisch vom Wirt, sondern im Gotteshaus vor'm Altar vom Priester!«

»No ja, geb'n tut ein'm der Pfaff' wohl 's Weib, aber was einer mit 'm selben anfangt, das is sein' Sach' und sein' Sorg'! Ich frag', g'hört mein Weib mein oder nit? Wann's mein g'hört, muß ich a damit anfangen können, was mit all'm andern Meing'hörigen, und was mein g'hört, kann ich a vertauschen und dös schon ganz g'wiß, wann's selber a damit einverstanden is, und dazu muß mer d' Gerechtigkeit werd'n, und wann mer dö bei Herr Notarjus nit verschaffen will, so schau' ich halt um a Häusel weiter.«

Der Notar faßte ihn beim Arme und schob ihn gegen die Tür.

»Na, na«, sträubte sich der Jokl, »nur nit gleich verübeln, lieber g'scheit mit sich reden lassen, durchs Reden kommen d' Leut' z'samm'. Sagt's halt, was meint's denn, daß sich nachher da machen ließ?«

»Gar nichts läßt sich da machen. Ihr habt Euer Weib zu behalten und der andere das seine.«

»So? Ah, ja freilich, hitzt, wo's bei dö zwei Jungen enten bald a Tauf' gibt?«

Der Doktor fletschte vor breitem Grinsen die Zähne und sah so anmutend wie einer der fidelsten »Toten« aus, die je in einem Totentänze mitgehüpft. »Die Taufe werdet Ihr halten, Vetter«, kicherte er, »denn nach dem, wie Ihr die Sache eingefädelt habt, dringt Ihr nicht einmal mit einem Ehescheidungsprozeß durch.«

»No, hitzt weiter kein' G'spaß«, sagte siirnrunzelnd der Krautschneider, »wenn Euch an meiner Kundschaft was liegt; sonst geh' ich frei gleich im Ernst zu ein'm andern.« Er fühlte sich aber sofort nachdrücklich vor die Tür geschoben. Nachdem er noch an ein paar Orten der gleichen Behandlung unterzogen worden war, trachtete er heim.

Auf dem Wägelchen, das langsam in die grauende Nacht hineinrollte, saß er kopfhängend, ein Opfer allzufreier Selbstbestimmung und ländlicher Unkenntnis der Gesetze.

Wie sich die Leute da draußen auf dem Steinfelde die Sache zurechtgelegt, ist nicht bekannt geworden. Obgleich es seit dem Gemunkel, das bis zum Herrn Pfarrer gedrungen war, gar manchen während der schönen Jahreszeit zu den Simmerlschen und Krautschneiderschen hinaustrieb, entdeckte doch keiner einen Anlaß zu einer weiteren Munkelei. Im Winter aber fand jeder solche Neugierde zu beschwersam und man ließ jedes Jahr Schnee darüber fallen.

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