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Don Juan kommt aus dem Krieg

Ödön von Horváth: Don Juan kommt aus dem Krieg - Kapitel 4
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authorÖdön von Horvath
titleDon Juan kommt aus dem Krieg
publisherSuhrkamp Verlag
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Dritter Akt: Der Schneemann

Die erste Tochter wartet im Treppenhaus auf Don Juans Heimkehr. Es ist eine stockdunkle Winternacht und nur das Licht einer Straßenlaterne fällt in den Raum. Endlich sperrt Don Juan das Haustor auf; er kommt vom Maskenball mit einer Maske, einer jungen Kaufmannsgattin.
Don Juan dreht das Licht an.
Erste wird sichtbar.

Maske kreischt, obwohl sie die Erste nicht bemerkt: Mach das Licht aus! Wenn mich mein Mann sieht, bringt er mich um!

Don Juan dreht das Licht wieder aus, auch er sah die Erste nicht: Hier sieht dich niemand. Ich wohne nicht hoch, komm –

Maske hält plötzlich: Warum geh ich mit dir?

Don Juan lächelt: Das weißt du nicht?

Maske Ich kann nicht.

Don Juan perplex: Bitte?

Stille.

Maske Ist es denn ein Wunder, wenn sich mal eine schöne Maske weigert?

Don Juan Du sprichst, wie ein guter Roman.

Maske Ich bin kein Roman.

Don Juan Komm –

Maske Nein. Weil ich momentan nichts bei dir fühl –

Don Juan Das ist ein gewaltiger Irrtum.

Maske Bei dir ist alles tot, als wär Glas zwischen uns, so dickes Glas, auf das man treten kann – Laß mich gehen, bitte! Du gehörst einer Anderen!

Don Juan Ich gehör keiner.

Maske Ich will dich keiner wegnehmen. Du wirst mir nochmal dankbar sein, daß ich jetzt nicht mit dir –

Don Juan fällt ihr ins Wort: Dankbar? Wann? Beim jüngsten Gericht?

Maske Vielleicht sehen wir uns dann wieder –

Don Juan grinst: Sicher.

Stille.

Maske Also laß mich heraus –

Don Juan öffnet das Haustor.

Maske zögert: Du läßt mich so einfach fort?

Don Juan Ich dräng mich niemand auf. Ich werd dich verschmerzen – Er lächelt und faßt sich ans Herz.

Maske Schuft! Rasch ab.

Don Juan schließt das Haustor, dreht das Licht an und erblickt überrascht die Erste: Was treiben denn Sie hier?

Erste Ich warte auf Sie. Seit einer Stunde. Ich warte hier, denn meine Mutter soll nichts davon wissen, was wir jetzt sprechen werden, und untertags hab ich nie Zeit.

Don Juan Dreht sichs um Ihre Mutter?

Erste Nein. Es dreht sich um etwas weitaus Wichtigeres. Ich brauche Geld. Es fällt mir schwer, Sie zu bitten, aber ich überwinde mich gerne, denn es geht um das Wohl und Wehe einer Genossin, und Sie sind der einzige Kapitalist, den ich kenne – Sie lächelt spitz.

Don Juan Sie sehen mich in einem falschen Licht – Er lächelt.

Erste Meine Genossin hat sich an einer revolutionären Tat beteiligt und wird steckbrieflich verfolgt. Sie braucht eine Karte ins Ausland. Helfen Sie mir, bitte. Es eilt.

Don Juan Hm. Was passiert ihr denn, wenn ich nicht helfe?

Erste Zuchthaus.

Don Juan Schlimm. Ist sie hübsch?

Erste perplex: Wer?

Don Juan Ihre Genossin –

Erste starrt ihn an: Was Sie alles fragen –

Don Juan fällt ihr ins Wort: Das Natürlichste von der Welt.

Erste Man merkts, daß Sie es nicht kennen, das ungeheuere Leid der breiten Masse –

Don Juan Masse, Masse, Masse! Wenn ich das nur schon hör!

Erste Sie werden sich daran gewöhnen müssen. Zwar regiert noch Ihre Welt, durch Terror, Mord und Entrechtung –

Don Juan unterbricht sie: Meine Welt?

Erste Ja, ihr habt die Revolution niedergeknüppelt, aber wir kommen wieder!

Don Juan Ich hab nichts niedergeknüppelt, das muß ein Irrtum sein. Sie halten mich anscheinend für eine aufbauende Kraft? Er lächelt.

Erste Ich red doch jetzt nicht von Ihnen persönlich –

Don Juan fällt ihr ins Wort: Schad. Sehr schad.

Erste Lassen Sie doch diesen Unfug! Auch Sie sind nur ein Produkt Ihrer Klasse und es gibt nur zwei Klassen: Ausbeuter und Ausgebeutete, und Sie –

Don Juan fällt ihr wieder ins Wort: Ich werd immer ausgebeutet.

Erste höhnisch: Von wem denn?

Don Juan Von euch Weibern. Aber ich zahls euch auch heim. Alle unter euch, die mir nicht gefallen können – das sind für mich keine Menschen.

Erste Für Sie beginnt also eine Frau erst ein Mensch zu werden, wenn sie Geld hat, um sich herrichten zu können? Ich sitz im Büro und verdien fast nichts! Und all die Millionen in den Fabriken, die jung verwelken – für all die haben Sie gar kein Herz?!

Don Juan Nein. Das ging nämlich zu weit.

Erste Sie sind ein atavistischer Verbrecher!

Don Juan Wie mans nimmt!

Erste Die Beziehung zwischen den Geschlechtern ist für uns überhaupt kein Problem mehr, ist ja nur eine Funktion, wie Essen und Trinken!

Don Juan ironisch: Interessant.

Erste Da gibts keine Geheimnisse mehr! Wir sind darüber hinaus.

Don Juan Und wo sind Sie jetzt? Erste zuckt zusammen und starrt ihn an. Sehen Sie sich mal in den Spiegel.

Erste Ich bin nicht eitel.

Don Juan Sie sind ein häßliches Mädchen. Ich werd aber trotzdem Ihrer Genossin helfen – Er grinst und gibt ihr ein Bündel Banknoten. Glückliche Reise!

Erste nimmt ihm das Bündel ab und starrt ihn noch immer an; tonlos: Sie Tier –

Don Juan Ist das der Dank?

Erste Warum quälen Sie mich?

Don Juan Weil Sie mich beleidigen – Er läßt sie stehen und steigt die Stufen empor.

Erste allein; sie setzt sich auf die unterste Stufe, zählt mechanisch das Geld – plötzlich weint sie.

 

Don ]uan zieht sich in seinem Zimmer den Frack aus. Er raucht eine Zigarette. Die Mutter kommt, sie ist außer sich.

Mutter Ich muß dich sofort sprechen.

Don Juan Bitte?

Mutter Du warst doch heut wieder auf dem Eislaufplatz, abends –

Don Juan Ja.

Mutter Und du hast die Gretl ein Stück begleitet – durch das Wäldchen, nicht?

Don Juan Und? Mutter sieht ihn groß an und weint plötzlich heftig. Don Juan berührt ihren Arm. Was ist denn?

Mutter kreischt: Rühr mich nicht an! Rühr mich nicht an, du Verbrecher! Du hast mein Kind verführt –

Don Juan Was?! Ich?!

Mutter Du hast das Kind geschändet!

Don Juan Ich hab das Kind?! Wer sagt das?!

Mutter Sie selbst!

Don Juan Sie lügt, sie lügt!

Mutter Du lügst, du! Oh, ich kenne dich ja!

Don Juan starrt sie an; leise: Du bist wohl wahnsinnig geworden –

Mutter fixiert ihn voll Haß: Du bist schuld. Sie hat mir alles gebeichtet.

Don Juan Wo ist sie? Sie solls mir doch selber ins Gesicht sagen –

Mutter Du wirst sie nicht mehr sehen. Erst vor Gericht.

Stille.

Don Juan Bei allem, was mir noch heilig ist, schwöre ich es dir zu –

Mutter lacht: Dir ist nichts mehr heilig, dir nicht!

Don Juan schreit sie an: Ich soll meine Augen verlieren! Zweite kommt, verstört und verweint.

Mutter kreischt: Verschwind! Hinaus!

Don Juan stellt sich rasch vor die Türe: Halt! Zur Zweiten. Was hab ich getan?

Zweite fixiert ihn ängstlich: Sie haben mir Schlittschuhe geschenkt –

Don Juan Und?!

Zweite Sie schauen immer auf meine Beine –

Mutter fährt sie an: Geh jetzt! Sie packt sie am Arm und kneift sie.

Zweite Au! Laß mich! Sie reißt sich los und fixiert wieder fasziniert Don Juan. Sie haben mir den Mund zugehalten –

Don Juan Den Mund?

Zweite In dem Wäldchen, wo der Weg eine Krümmung macht. Sie haben mich an einen Baum gelehnt, Sie wollten mich anbinden – Sie schreit ihn an. Sie haben mich geschlagen!

Don Juan Lüge, Lüge, Lüge!

Zweite Ich möcht nicht mehr leben! Warum haben Sie mich nicht umgebracht?!

Don Juan starrt sie fassungslos an, zieht sich dann rasch den Frack und den Mantel an.

Mutter beobachtet ihn und stellt sich vor die Türe: Wohin? Du wirst mir nicht entrinnen –

Don Juan Es muß sich alles klären. Ich geh jetzt zur Polizei.

Mutter Das glaub ich dir nicht!

Don Juan Schäm dich. Weg! Ab.

Mutter ruft ihm nach: Dich bring ich noch an den Galgen! Zweite betrachtet schluchzend ihre Beine.

 

In der Wohnung des Inflationsgewinnlers trinkt die erste Dame, die Frau des Hauses, allein ihren Tee. Die zweite Dame, die Filmschauspielerin, kommt aufgeregt mit einer Zeitung.

Zweite Hast du es schon gelesen? Jetzt hat ihn endlich der Teufel geholt!

Erste Wen?

Zweite Unsere große Liebe – Sie lacht schadenfroh und reicht ihr die Zeitung. Er hat eine Minderjährige verführt –

Erste Ach!

Zweite Es mußte so kommen.

Erste liest gierig: Das ist das Ende.

Zweite Er hat sich zwar selbst bei der Polizei gestellt und leugnet beharrlich, aber man glaubt dem Herrn seine Unschuld nicht – Sie grinst. Er hat keinen guten Ruf.

Erste liest: Auch wenn er unschuldig ist, verdient hat er alles.

Zweite Heut sollte er verhaftet werden, doch zog er es vor, zu verschwinden – Sie gießt sich Tee ein. Er hat nichts mehr zu hoffen. Es ist ein Steckbrief erlassen worden.

Erste liest noch immer: Hat man schon eine Spur?

Zweite Man tappt noch im Dunkeln, aber sie werden ihn finden. Auf der Welt ist kein Platz mehr für ihn.

Erste Ja, die Welt ist klein – Ihr Blick fällt auf ein Inserat in der Zeitung. Übrigens: hast du die »Lieblingsfrau des Maharadscha« schon gesehen?

Zweite Ein begeisternder Film! Da stecken die letzten Dinge dahinter!

 

In einem tief verschneiten Wald. Zwei alte Weiber kommen mit Holzbündeln auf dem Rücken. Es wird bald Nacht.

Erste unterdrückt: Halt! Dort geht wer!

Die Zwei lauschen.

Zweite Ich hör nichts, ich seh nichts.

Erste Mir wars aber, als hätt sich was gerührt –

Die Zwei lauschen wieder.

Zweite Gestern hat mich der Förster verjagt, er hat mit der Gendarmerie gedroht –

Erste Der Förster gehört schon lang weg!

Zweite Alles wegen dem bisserl Holz. Er sagt, das wär Diebstahl – ich möcht nicht wissen, was die hohen Herren in der Stadt drin stehlen!

Erste sieht sich um: Wem gehört denn jetzt dieser Wald?

Zweite Ich weiß nicht, wie sich der schreibt. Ein großer Schieber soll er sein –

Erste Jaja, die Welt geht unter.

Don Juan erscheint plötzlich; er sieht verwittert aus. Die Zwei erschrecken. Don Juan betrachtet die zwei mißtrauisch.

Zweite kleinlaut: Grüß Gott, der Herr.

Don Juan sieht sich um: Bin ich hier richtig? Ich möcht zum Bahnhof –

Zweite Wir haben keinen Bahnhof. Der nächste liegt noch gute drei Stund.

Don Juan Das geht vorbei – Er will weiter.

Zweite Da müssens noch über das Moor, aber jetzt in der Nacht tät ich das nicht.

Don Juan Es ist ja alles zugefroren.

Erste Ein Moor friert nie zu, und es zieht dich hinab, gnädiger Herr, wenn du nicht weißt, wo der liebe Gott wohnt.

Don Juan horcht auf: Wo wohnt er denn?

Zweite lacht; zu Don Juan: Sie weiß es! Sie weiß es genau!

Erste zur Zweiten: Weiß ich auch, weiß ich auch!

Zweite fährt die Erste an: Ich glaub an nichts! An garnichts mehr!

Stille.

Don Juan zur Ersten: Sagen Sie: sprechen Sie ihn manchmal, den lieben Gott?

Erste Ja.

Zweite grinst: Jeden Morgen und jeden Abend.

Don Juan zur Ersten: Dann sagen Sie ihm doch einen schönen Gruß von mir, man glaubt es mir nicht, daß ich verleumdet werd und ich bin unschuldig –

Erste starrt ihn fast erschrocken an: Um was dreht sichs, bitte?

Don Juan Er weiß es schon – Ab.

Die Zwei schauen ihm überrascht nach.

Zweite ruft ihm plötzlich nach: Glückliche Reise, gnädiger Herr! Glückliche Reise! Sie lacht.

 

Der Mond scheint auf einen Schneemann im Dorf. Zwei Dorfmädchen kommen.

Erste Schau den Schneemann!

Zweite Den hat mein Bruder gebaut. Komm, wir schlagen ihm den Arm ab, dann wird er sich ärgern – Sie nimmt einen Prügel und schlägt dem Schneemann den rechten Arm ab.

Erste Ich schlag auf den Kopf! Sie tut es.

Don Juan kommt. Die Zwei erschrecken ein bißchen.

Don Juan Wo ist denn hier der Bahnhof?

Erste Dort.

Zweite Wollens noch fort?

Don Juan Ja.

Zweite Heut geht kein Zug mehr, der letzte ist schon weg.

Don Juan So? Er sieht sich um. Wo kann man denn hier übernachten?

Erste Im Wirtshaus.

Don Juan Und außer dem Wirtshaus?

Erste zuckt die Schultern: Nirgends.

Don Juan Hm. Er überlegt.

Stille.

Die Zwei tuscheln miteinander.

Zweite frech: Warum wollens denn nicht im Wirtshaus übernachten? Habens was angestellt?

Don Juan zuckt etwas zusammen: Ich? Er faßt sich ans Herz. Wieso?

Zweite Weil wir das kennen. Unser Vater hat auch mal was angestellt und ist dann in kein Wirtshaus hinein, weil er Angst gehabt hat vor dem Meldezettel – Sie grinst.

Erste sachlich: Er ist im Wald erfroren.

Don Juan starrt die Zwei an.

Zweite Es ist lang her. Schon anderthalb Jahr – Sie haut dem Schneemann auf den Kopf. Erste haut ihm den linken Arm ab.

Don Juan Was hat euch denn der Schneemann getan?

Erste Nichts. Aber der, der ihn gebaut hat –

Zweite Morgen ist er eh hin.

Erste Es wird wärmer – Sie haut auf den Schneemann los.

 

??? fehlt in Übersicht Zimmer im Wirtshaus. Don Juan füllt den Meldezettel aus. Dann läutet er. Die Wirtin kommt, sie ist sehr geschwätzig und neugierig.

Don Juan Der Meldezettel – Er gibt ihn ihr.

Wirtin Ich dank schön – Sie betrachtet den Meldezettel. Der Herr sind ein Geschäftsreisender?

Don Juan Ja. Und bitte, weckens mich morgen in aller früh, damit ich den ersten Zug nicht versäum –

Wirtin fällt ihm ins Wort: Warum fahrens denn mit dem ersten? Der ist nämlich miserabel, fahrens lieber mit dem zweiten, ich sags nicht wegen dem Frühstück, an dem verdien ich eh nichts!

Don Juan Mit dem zweiten hab ich keinen Anschluß mehr.

Wirtin Ah, Sie wollen noch weiter?

Don Juan Ich fahr zu meiner Braut – Er lächelt.

Wirtin überrascht: Da legst dich nieder! Wo wohnt denn das Fräulein Braut?

Don Juan Wir haben uns lange nicht gesehen.

Wirtin Wieso das?

Don Juan Ich war beruflich verhindert – Er lächelt wieder.

Wirtin Jaja, es ist ein Kreuz! Aber da werden sie sich jetzt viel zu erzählen haben –

Don Juan Sehr viel.

Wirtin Gibts gar bald eine Hochzeit?

Don Juan grinst: Vielleicht –

Wirtin Tapfer, sehr tapfer!

Don Juan faßt sich ans Herz und krümmt sich etwas.

Wirtin Was habens denn?

Don Juan leise: Es tut mir nur weh.

Wirtin Passens auf, ein Herz ist kein Witz!

Don Juan setzt sich: Könnt ich ein Glas Wasser?

Wirtin Ich lauf schon, Herr Bräutigam! Ab.

 

In der kleinen Stadt, vor dem Hause der Großmutter. Es ist noch Tag, aber die Sonne kann nicht durch den Nebel scheinen. Alles ist tief verschneit. Vor dem eisernen Tor des Vorgartens stehen zwei kleine Mädchen mit ihren Schulranzen auf dem Rücken; sie läuten heftig und verstecken sich.

Magd öffnet das Haustor: Ist jemand da? Hallo! Sie schreit. Wer ist denn da?! Die Zwei kichern leise. Magd sieht sich um. Sicher wieder diese verdammten Saufratzen! Wollen die alte Hex ärgern und hetzen mich herum! Wütend ab.

Erste zur Zweiten: Jetzt bist du dran!

Zweite Ich läut Sturm – Sie tut es und versteckt sich wieder mit der Ersten.

Stille.

Großmutter erscheint im Haustor, auf einen Stock gestützt; sie sieht sich lauernd um; leise: Wo seid ihr? Ich reiß euch die Ohren aus, ich bring euch um – Gesindel, Bagage – noch einmal, aber dann! Sie hebt drohend ihren Stock und ab.

Stille.

Erste zur Zweiten: Läut nochmal!

Zweite Nein, jetzt bist du wieder dran!

Erste Ich hab ja schon zweimal – Sie stockt plötzlich erschrocken und deutet verstohlen die Straße entlang. Halt! Es kommt ein Mann!

Don Juan kommt und hält: Sagt mal: wo ist denn hier Nummer sechs?

Zweite deutet auf das Haus der Großmutter: Da.

Don Juan sieht sich suchend um: Wo steht das?

Erste Die Tafel ist verschneit – Sie läuft mit der Zweiten davon.

Don Juan sieht ihnen nach und läutet dann.

Stille.

Don Juan läutet nochmals.

Stille.

Don Juan läutet abermals.

Großmutter erscheint im Haustor, zitternd vor Zorn; sie kreischt: Wer läutet, wer läutet?! Wer läßt mir keine Ruh?! Sie erblickt Don Juan und stockt.

Don Juan Pardon, hier ist doch Nummer sechs?

Großmutter mustert ihn mißtrauisch: Sie wünschen? Ich brauch nichts, ich hab alles!

Don Juan lächelt: Ich bin kein Bettler. Ich möchte das gnädige Fräulein sprechen. Großmutter erschrickt und starrt ihn an. Ist sie zuhaus? Großmutter starrt ihn nur an. Ich meine, ob sie zuhause ist?

Großmutter tonlos: Sie suchen mein Enkelkind?

Don Juan verbeugt sich leicht: Ja.

Großmutter Wen darf ich, bitte, melden?

Don Juan lächelt: Ich möchte Sie überraschen –

Stille.

Großmutter Ich weiß, wer Sie sind.

Don Juan zuckt zusammen und faßt sich ans Herz: Wo ist sie?

Großmutter Später. Was wollen Sie noch von ihr?

Stille.

Don Juan langsam: Ich kam hierher, um ihr zu sagen, daß man einen Menschen nicht so warten lassen darf, daß man ein Verantwortungsgefühl haben muß für einen, der sich bessern möcht –

Großmutter unterbricht ihn: Sie sagen das, Sie?!

Don Juan Jawohl, ich war ein Schuft! Aber ich wollte wiedergutmachen –

Großmutter fällt ihm gehässig ins Wort: Das können Sie nicht!

Don Juan Das will ich jetzt auch nicht mehr! Alles wär anders geworden, hätte sie geantwortet!

Großmutter höhnisch: Kaum!

Don Juan Sicher! Wo steckt sie denn?! Ich will es jetzt sehen, was mich so sehr an sie band, daß ich mich an nichts binden konnte – was bindet mich denn noch?! Ich weiß es ja garnicht mehr, wie sie aussieht! Er faßt sich ans Herz und wird bleich.

Großmutter beobachtet ihn: Was haben Sie?

Don Juan leise: Ich darf mich nicht aufregen –

Großmutter Tatsächlich? Sie grinst.

Stille.

Don Juan langsam, leise: Sagen Sie: hat sie einen anderen Mann?

Stille.

Großmutter Sie suchen eine Tote. Don Juan starrt sie bestürzt an. Sie ist von uns gegangen. Am 3. März 1916.

Don Juan Von uns –

Stille.

Großmutter Sie wollte sterben. Es hatte jemand kein Verantwortungsgefühl für sie, ein Schuft. Können Sie noch beten?

Stille.

Don Juan Am 3. März 1916 – Sie hat also meine Briefe garnicht gelesen?

Großmutter Nein. Nur ich. Don Juan sieht sich um, als würde er verfolgt werden. Haben Sie Angst?

Don Juan Ja.

Großmutter Die Toten sind friedlich und lassen uns allein – Sie grinst wieder.

Don Juan fixiert sie: Geben Sie acht. Vielleicht bekommen Sie bald Besuch –

Großmutter stutzt und starrt ihn entsetzt an; kreischt plötzlich: Anna! Anna! Magd erscheint im Haustor. Führe den Herrn aufs Grab! Er ist ein entfernter Verwandter –

Don Juan Ich find auch allein hin.

Großmutter Nein, Sie könnten sich verlaufen.

 

Auf dem Friedhof. Don Juan kommt mit der Magd. Es wird bald Nacht.

Magd Hier liegt das gnädige Fräulein. Don Juan tritt an das Grab und betrachtet es. Magd blickt empor. Wir kriegen noch Schnee.

Stille.

Don Juan unsicher: Sagen Sie: hat sich das Fräulein was angetan?

Magd Wie kommen Sie darauf? Nein, das arme Fräulein ist ganz von allein gestorben – sie hatte nur einen großen Schmerz und weinte Tag und Nacht, aber plötzlich fing sie an zu lachen, und dann lachte sie Tag und Nacht. Schrecklich wars, ich hörs noch oft, wie man sie abtransportiert hat –

Don Juan Wohin?

Magd Zum guten Hirten.

Don Juan Was ist das?

Magd Eine geschlossene Anstalt. Es beginnt zu schneien, immer stärker. Dort drüben liegt meine Schwester. Ich geh nur hinüber und bet ein Vaterunser, bin gleich wieder da – Ab.

Don Juan allein; er spricht zu seiner toten Braut: Ist es dir kalt, wenn es schneit? Soll ich zu dir kommen? – Ja, ich werde dich immer suchen, als würdest du leben. Jetzt weiß ichs ja wieder, wie du aussiehst – Wiedersehen – Er will fort, doch sein Mantel verhängt sich an dem Grabgitter. Du hältst mich? Hast mir noch was zu sagen? Er lauscht und lächelt leise. Nein, ich werd dich nie wieder vergessen – Warum lachst du? Er reißt sich entsetzt los und faßt sich ans Herz.

Magd kommt zurück: Wie dunkel es wird, bleiben Sie noch?

Don Juan blickt empor: Es schneit –

Magd lächelt: Sie sind schon der reinste Schneemann –

Don Juan horcht auf und lächelt leise: Ja, es wird immer wärmer – Er setzt sich auf einen Stein.

Magd bange: Was ist Ihnen?

Don Juan Der Schneemann ist müd.

Stille.

Magd Auf dem kalten Stein, Sie holen sich noch den Tod. Darf ich jetzt gehn, ich hab erst die halbe Wäsche –

Don Juan tonlos: Bitte-bitte.

Magd Finden Sie auch allein zurück?

Don Juan sieht sich wieder so um, als würde ihn wer verfolgen: Ich wart noch auf jemand.

Magd Dann empfehl ich mich, gnädiger Herr! Aber wartens nicht zu lang! Ab.

Don Juan allein; er spricht wieder zu seiner toten Braut: Dauerts noch lang? – Lach nur, lach. – Was hat dir denn der Schneemann getan? Er lächelt leise. Schlag nur zu, morgen ist er eh hin – es wird immer wärmer. – Adieu, Schneemann –

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