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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel

Sie waren etliche hundert Schritte beim zweifelhaften Licht weniger Sterne geritten, als Fiammetta den Zügel ihres Langohrs anzog. Was war das für ein Ton? fragte sie. – Ich höre nichts. – Doch, Don Adone; jetzt wieder. – Hinter uns? Don Adone sah besorgt zurück. – Nein. – Hufschlag oder Schritte eines Verfolgers?

Nicht doch, einen hellen, hellen Ton, jetzt wieder; als ob irgendwo das heilige Gut ausgetragen würde: Euer Maultier hat doch keine Glöckchen am Halfter?

Wo denkst du hin? Eher kann es irgend ein Signal sein, das sich Wegelagerer geben – mir ists, als hörte ich Stimmen!

Wenn wir aber auf Räuber zureiten sollten, sagte Fiammetta, so thäten wir ohne Zweifel klug, nach dem Hause zurückzukehren, das wir so voreilig verlassen haben. Ich glaube, Ihr habt uns im Schlafwandeln hierher gebracht.

Nie kehren wir dort wieder ein, gab Don Adone zur Antwort.

91 Nun, wenn Ihr nicht umkehren wollt, versetzte Fiammetta, und doch alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß wir beim Geradeausreiten erst recht schlechte Geschäfte machen, so folgt meinem Rat und laßt uns hier irgendwo im Freien unterzukommen suchen. Die Erfahrung mit Don Zoppo hat uns freilich gelehrt, daß man nicht ungestraft in ein ummauertes Gebiet hineinreitet, wären die Pforten auch noch so schlecht verwahrt. Aber täuscht mich nicht die Dunkelheit, so liegt zur Linken eine Wegkapelle – dort, wo das rubinrote Lämpchen flackert –, dahinter giebts, dünkt mich, Gemäuer und Gebüsche in Menge; da können wir uns wohl zur Not ein Nachtlager herrichten.

Sollte das Licht wirklich in einer Kapelle brennen? fragte Don Adone zweifelhaften Tons; ich habe öfter von Diebslaternen gelesen.

Ich glaube die Umrisse des Bethäuschens deutlich zu erkennen, versetzte Fiammetta, und indem sie sich im Dunkeln spähend umschaute, fügte sie hinzu: übrigens sehe ich auch auf der andern Seite des Weges allerlei buschige Schlupfwinkel; wenn Ihr diese vorzieht, so wenden wir uns dahin.

Nein, sagte Don Adone, reiten wir nach der Kapelle hinauf; ich zweifle nicht, der Teufel hat wieder seine Hand bei unserm letzten Abenteuer im Spiel gehabt.

Wobei? Wohl bei unserm plötzlichen Davonreiten? Denn offen gesprochen, Don Adone, eine unbegreiflichere Übereilung ist mir nie vorgekommen.

Nein, bei der plötzlich in Tobsucht ausgearteten Eifersucht des armen tauben Nello. Komm! Der 92 Schutz einer geweihten Stätte wird uns für den Rest der Nacht noch in hohem Grade nötig sein.

Ich habe von Nellos Taubheit nichts bemerkt, versetzte Fiammetta, indem sie vom Sattel herabkletterte und dann dem schon abgestiegnen Don Adone in der Richtung des Lampenlichts hügelauf folgte.

Dazu hattest du auch keine Gelegenheit, erwiderte Don Adone; wenigstens nahm er während des Abendessens an unsern Gesprächen nicht teil, und ein Böswilliger hätte vermuten mögen, er habe lediglich für seine Pflicht gehalten, deine guten Bissen einen nach dem andern hinunter zu würgen.

Oder er dachte auch wohl, spottete Fiammetta,

Corpo pieno, anima consolata.Gefüllter Magen, beruhigtes Gemüt.

Auch das würde nur beweisen, sagte Don Adone, daß er alles that, um sich womöglich in gleichmütiger Stimmung zu erhalten.

Hernach aber, versetzte Fiammetta, hielt ers, wie es scheint, in der That für seine Pflicht, mir etwas Artiges zu erweisen, wobei mir denn freilich, wie ich schon sagte, von seiner Taubheit nichts bemerklich wurde. Denn als ich mich eben zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich ihn durch das Fenster nach mir rufen – aus Schonung für Eure Ruhe ganz leise –, und als ich ihn fragte, was sein Begehr sei, da bat er mich, ihm doch meine schönen Ohrgehänge aus Genueser Filigran einmal näher zu zeigen, denn in nächster Zeit sei der Namenstag seiner Frau, und er beabsichtige, ihr ein ähnliches Paar zu diesem Feste 93 aus Neapel kommen zu lassen. Natürlich gab ich ihm den Bescheid, wenn er sich morgen am hellen Tage melde, da solle er die Ohrgehänge nach Gefallen betrachten dürfen, übrigens seien sie von simpelm Goldblech, und sein Irrtum beweise, daß die Nacht zu solchen Untersuchungen nicht tauge.

Dies ist in der That ein rührender Zug seiner Liebe zu Niccolosa, rief Don Adone, denn die Armut dieser guten Menschen würde ihm die Ausführung seines spendelustigen Plans ja doch wohl kaum erlaubt haben. Daß er deine Antwort verstand, das zu vernehmen ist mir aber eine wahre Freude. So gehört sein beklagenswertes Gebrechen also zu den intermittierenden, vor allem von der Witterung abhängigen.

Wenn Euch das trösten kann, sagte Fiammetta, so will ich Euch nicht vorenthalten, daß nach Nello auch noch der schöne Greis am Fenster seine Aufwartung machte, indem, wie er versicherte, er zu jenen Blinden gehöre, die nur im Finstern ihre Augen zu gebrauchen vermöchten, weshalb er mich bäte, auf einen Augenblick ans Fenster zu kommen; denn, sagte er, ich gedenke fleißig für dich zu beten, weiß aber aus Erfahrung, wie sehr die deutliche Einprägung der äußern Erscheinung der Person, für die man Gebete verrichtet, die Innigkeit der Gebete und also auch ihre Wirksamkeit steigert. – Hierauf habe ich ihm nichts geantwortet, da mir in der That die Augen vor Müdigkeit zufielen. Übrigens, meine ich, ists der Prozessionsgreis, den sich die Sorrentiner allemal zum Tage des heiligen Antonio verschreiben, und wenn ich mich recht besinne, habe ich ihn auch schon in Sant' Agatha zu Weihnacht als heiligen Joseph in einem Krippenbilde sitzen sehen. Für gewöhnlich mag 94 er wohl als blinder Bettler an der Kirche von Carota oder wo weiß ich sein Brot verdienen.

Du hast mit Recht vermutet, sagte Don Adone, daß der erste Teil deiner Mitteilung mich in hohem Grade interessiert, denn auch schon Hippokrates erzählt von einem Falle, wo die Atrophie der Sehnerven mit dem Sonnenuntergang allemal ausgesetzt habe. Nur beklage ich jetzt doppelt, daß die Arglist des Teufels uns so über Hals und Kopf aus diesem Kreise vortrefflicher Menschen vertrieben hat. Ohne Zweifel hätte mein medizinisches Wissen in dem hier vorliegenden Falle nicht nur eine bedeutsame Erweiterung erfahren; es hätte dem braven Manne auch wohl von Nutzen sein können. Gehört die Lichtscheu, die in meinen Lehrquellen als photophobia eine große Rolle spielte, doch zu den Krankheitserscheinungen, die ich mich wohl zu kurieren getrauen würde, vorausgesetzt, die Ursache der photophobia sei die Constipation, eine Krankheit, die allerdings nach Doktor Bourjas Versicherung an diesen Ufern nicht mehr vorkommen soll, und über deren Wesen ich ohne nähere Kenntnisse bin.

Unter solchen Reden waren sie mit ihren beiden Tieren ein gut Teil hügelan geklommen, als Fiammetta auf einmal ausrief: Jetzt höre ich den eigentümlichen glockenhellen Ton von neuem.

Sofort stand Don Adone still.

Jetzt höre auch ich ihn, sagte er.

Und zwar ganz nahebei.

Als klingelte etwas unablässig hinter uns drein.

Jetzt wieder.

Ja, jetzt wieder.

Und zwar, sagte Fiammetta, habt Ihr das Glöckchen 95 irgendwo am Kleide haften, Don Adone. Sie betastete seinen Mantel, während er sich zu bekreuzen begann.

Dann auf einmal rief sie, indem sie sich auf die Erde bückte: O, Don Adone! Don Adone! Welches neue Unheil ist über uns hereingebrochen! Eure schönen, schönen Zecchinen! Hört nur, wie sie eine nach der andern klingend auf den steinigen Weg hinabrollen. Eure Tasche wird aufgegangen sein, oder sie muß ein Loch haben.

Fiammetta breitete ihre Schürze aus und fing das tröpfelnde Gold auf, während sich Don Adone in Ausrufen Luft machte, die dem beklagenswerten Mißgeschick der »würdigsten Verwandten in Salerno« galten.

In der That hatte die Tasche ein Loch, und nur ihr kräftiges Doppelleder mochte verhütet haben, daß die Öffnung noch größer geworden war, denn diese zeigte deutliche Schnittspuren eines spitzen Instruments.

Als habe jemand, rief Fiammetta, mit einem Messer hineingeschnitten, so fühlt sichs an. Sie zog, rasch entschlossen, ihre Haarnadel hervor und steckte den klaffenden Riß des Leders damit zu. Bei dieser Prozedur fiel Don Adone endlich die Haarnadel Niccolosas ein und mit ihr zugleich die Lösung des unbegreiflichen Rätsels. Die Unglückliche! rief er; in welchem Grade ihre Bewegungen den Stempel der Verzweiflung getragen haben müssen! Mit ihrer Haarnadel wollte sie sich ja das Herz durchbohren. Jetzt, da ich sehe, wie wenig sie bei ihrem angstvollen Umklammern meiner Kniee dem einfachsten Gebot der Vorsicht Rechnung trug – denn Niccolosas Haarnadel kann allein diesen Riß verschuldet haben –, jetzt darf 96 ichs wohl als ein halbes Wunder betrachten, daß bei ihrem bewaffneten Gestikulieren kein edler Teil meines und ihres Körpers Schaden litt.

So redend war er, unter Zurücklassung der beiden Tiere, der im vollen Sammeln und Einsäckeln Begriffnen im Dunkeln hügelab gefolgt, bis die Landstraße wieder erreicht war, wo er aber vorsichtig Halt machte.

Wir wollen das Übrige denn doch lieber verloren geben, sagte Don Adone und sah mit einem gelinden Schauder in der Richtung, wo das Dunkel der Nacht die Wohnung des tobsüchtigen Nello verhüllte; schon als ich beim Entschlüpfen aus dem Fenster nach der Tasche fühlte, kam mir dieselbe in ihrem Gewicht wunderbar verändert vor. In meiner Aufregung habe ich diese flüchtige Wahrnehmung nicht weiter beachtet. Aber ich zweifle nicht länger, daß die guten Menschen morgen früh den Schrecken haben werden, über mein ganzes Zimmer Gold verstreut zu sehen.

Den Schrecken? rief Fiammetta; nun, den möchte ich ihnen doch sparen. Bleibt hier, Don Adone, und bewacht meinen Lazaro. Ich laufe zurück, steige in Euer Fenster und raffe zusammen, was sich noch am Boden findet. Freilich, fügte sie kleinlauter hinzu, ich möchte meinen ganzen Haarzopf zum Pfande setzen, daß in diesem Augenblick der schöne Greis und das liebliche Ehepaar schon alles zusammengefegt haben werden, wenn anders sie wegen des fettesten Beuteanteils einander nicht schon an der Kehle würgen.

Schweig! zürnte Don Adone.

Denn mit der Taubheit und mit der Eifersucht, fuhr Fiammetta fort, und mit der Lichtscheu und der 97 Tobsucht und mit dem Quell, der Tag und Nacht sprudle . . . .

Schweig, Fiammetta, wiederholte Don Adone in dem ihm eignen Tone, der keinen weitern Widerspruch duldete; du hast eine Art, deine Gründe zu gruppieren, fuhr er streng fort, die den Bestgesinnten zu Mißtrauen und Argwohn verleiten könnte. Wie aber schon der Philosoph Pyrrhon richtig herausfand, ist der Zweck einer vernünftigen Lebensweisheit eine ungestörte Gemütsruhe, und liegt das Mittel zu ihrer Erreichung vornehmlich in der Zurückhaltung jedes vorschnellen Urteils. Wolle also dich in Zukunft im Sinne dieser richtigen Maxime verhalten.

Er nahm sie gebieterisch an der Hand und führte die nur widerstrebend sich Fügende wiederum hügelan.

Sieh, Fiammetta, sagte Don Adone im Gehn dann begütigend weiter, was weder du noch ich trotz unsers Vorsatzes uns haben angelegen sein lassen, die Fürsprache für die lieben kleinen Vögel, das ist durch diesen Unfall nun doch noch nachgeholt worden. Mit so vielem Golde im Hause wird es den Eltern des Knaben künftig nicht wieder an Mitteln fehlen, sich und die Übrigen zu sättigen. Und somit wollen wir der Hoffnung leben, daß, wenn die Salerner Empfängerin meines väterlichen Schatzes seiner wirklich ganz würdig ist, sie auch dieser teilweisen Verwendung des Goldes ihren Beifall zollen wird.

Fiammetta biß sich auf die Lippen.

Wo ließen wir unsre Tiere? fragte Don Adone.

Wir werden gleich wieder in ihrer Nähe sein, gab Fiammetta verdrießlich Bescheid; dort oben stehn sie; ich sehe schon den schwarzen Umriß der langen Ohren meines Eseleins.

98 Nein, versetzte Don Adone, das sind keine Eselsohren.

So sinds die Ohren Don Pantaleones; ich lasse mit mir handeln.

Don Adone starrte gespannt in das Dämmerdunkel hügelan. Du kannst Recht haben, sagte er dann, wenn schon ich weder Esels- noch Maultierohren, sondern Hörner zu sehen glaube.

Jetzt sind sie verschwunden?

Nein, ich sehe sie noch immer.

Wo denn?

Wohin mein Finger zeigt.

O, lachte Fiammetta, die Ohren meintet Ihr?

Und zwar rücken sie nicht im mindesten von der Stelle.

Das würde ihnen auch schwer werden, denn es sind die beiden Firstverzierungen des Kapellendachs.

Don Adone starrte noch gespannter. Du hast vielleicht Recht, sagte er; da siehst du, wie der Böse mir die Sinne zu verwirren sucht.

Sie schritten wieder hügelan, aber plötzlich hielt Don Adone seine ihm voraufgekommne Begleiterin beim Rockschoß fest. Ich höre etwas, flüsterte er.

Und was?

Eine Weiberstimme.

Fiammetta lauschte.

Ich vermag nichts zu hören, sagte sie nach einer Weile.

Still!

Sie hielten von neuem die Hand ans Ohr. In der That war in der Nähe der Kapelle gesprochen worden, aber das Rauschen des Windes übertönte den Klang.

99 Es kommt mir ein Gedanke, hob Don Adone wieder an, als nach langem Lauschen kein weiteres Geräusch vernehmbar war, und zwar einer, dessen Ausführung uns viele Unannehmlichkeiten ersparen wird. Der Auftritt mit Niccolosa könnte nie vorgekommen sein, wenn ich früher auf dieses Auskunftsmittel verfallen wäre. Wie mochte ich bei meinem anscheinend so athletischen Körperbau nur daran denken, so wie ich gehe und stehe, ins Land hinaus zu ziehn! Giebt es nicht allerorten Schwache, Bedrängte, Beistandsbedürftige? Und werden solche Personen, gerade wie Niccolosa es that, mich nicht allerorten zu ihrem Ritter machen wollen? Heute habe ich eine Frau gegen ihren Mann beschützen sollen, morgen vielleicht eine Tochter gegen ihren Vater, eine Schwester gegen ihren Bruder, eine Nichte gegen ihren Oheim, eine Dienende gegen ihren Brotherrn. Kann ich all diese Fehden auskämpfen? Muß die Erreichung unsers Reiseziels nicht unser Hauptzweck sein? Und ist dies der Fall, empfiehlt sichs da nicht dringend, statt wie ein thatendurstiger Herkules durch die Welt zu ziehn, das Beispiel des Knaben Achilles zu befolgen, der sein Geschlecht in Weiberkleidern verbarg? Daß der große Herkules selbst die Weibertracht nicht immer verschmähte, fällt mir übrigens bei dieser Gelegenheit noch zum Überfluß ein, denn nach einigen glaubhaften Autoren war er den Mägden der Omphale gesellt und trug sich gleich ihnen, als er sich zum Spinnrocken bequemte.

Fiammetta schlug die Hände ineinander, aber mehr aus Freude an dem freilich schon von Don Zoppo zum besten gegebnen Einfall als aus Erstaunen, denn Männer in Weiberkleidern waren, wie überall zur 100 Karnevalszeit, wenigstens einmal im Jahre auch in Sant' Aniello etwas sehr Gewöhnliches, und der Gedanke an die ergötzliche Vermummung gefiel ihr gar nicht übel. Nur begriff sie nicht, wie ihre Kleider dem wohlbeleibten Don Adone passen sollten.

Ihr wollt Euch aber doch nicht in meinen Rock und mein Mieder hineinzwängen? rief sie lachend.

Du mahnst mich zur rechten Zeit an eine Schwierigkeit, sagte Don Adone, aber sie läßt sich überwinden.

Ich weiß schon auf welche Weise, stimmte Fiammetta bei und lief im Dunkeln voran, um ihr Kleiderbündel aus dem einen der Sattelkörbe herbeizuschaffen.

Hier, rief sie dann zurückkommend, hier ist mein Sonntaganzug. Ihr wißt, er stammt von meiner wohlbeleibten Pate, Donna Vittoria, und die hatte auch fast Eure Größe, Don Adone. Was ich eingenäht habe, trennen wir in aller Geschwindigkeit auf – gebt mir Euer Messer –, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob Ihr morgen nicht der ganzen Welt durch Eure imposante Schönheit den Kopf verdreht.

Das brauche ich zum Glück nicht zu fürchten, sagte Don Adone bescheiden; laß mich in das Gebüsch dort treten; die Dunkelheit ist dem Geschäfte günstig.

Und was wird mit mir? fragte Fiammetta, die draußen stehn blieb und mit sichrer Hand emsig Nähte auftrennte.

Wieso, mit dir?

Ihr habt doch noch den schwarzen Sammetanzug mit, sagte Fiammetta, Ihr wißt schon, den mit den Perlmutterknöpfen, der scharlachroten Weste und den 101 erbsengelben Gamaschen; der ist Euch immer etwas knapp um die Ellbogen gewesen.

Und was weiter?

Ich meinte, versetzte Fiammetta, indem sie das erste glücklich aufgetrennte Kleidungsstück ins Gebüsch hineinreichte, den könntet Ihr derweil vielleicht mir borgen?

Da würde uns wieder nicht geholfen sein.

O, beteuerte Fiammetta, die von neuem eifrig auftrennte, deshalb seid ohne Sorge, ich gebe ein gar winziges Bürschchen ab. Kein Weib wird so einfältig sein, mich um Beistand anzusprechen. Auf diese Weise habe ich aber doch auch einigen Spaß und bringe noch überdies meine goldnen Ohrgehänge aus den Ohren; Ihr wißt, Don Adone, wie sehr sie dem Nello in die Augen gestochen haben.

Du könntest, sagte Don Adone, halb schon überredet, etwa für meinen Sohn passieren.

Gewiß! rief Fiammetta und reichte wieder ein Toilettenstück ins Gebüsch hinein; und wenn ich etwa ein wenig hinken darf, da machen wir die Leute glauben, Ihr seiet mit mir auf einer Wallfahrt begriffen, zum Exempel nach dem wunderthätigen Bilde von Atrani. Das kuriert ja alle Arten von Hinkenden.

Ich sage ungern die Unwahrheit, versetzte Don Adone, aber daß Mutter und Sohn unbehelligter bleiben werden als zwei unbeschützte Frauensleute, das leuchtet mir allerdings ein.

So wartet einen einzigen Augenblick, rief Fiammetta; da drüben ist ein zweites Gebüsch; bis Ihr in die Röcke meiner Pate hinein seid, habe ich mich dort ebenfalls verwandelt.

Don Adone hatte so viele Not, sich in Gürtel, 102 Rock, Schürze, Busto und den sonstigen Hauptstücken des Sonntagsstaats seiner kleinen Reisegenossin zurecht zu finden, daß er keine Zeit fand, Antwort zu geben, und Fiammetta wartete sie auch keineswegs ab.

Als sie sich gleich darauf nach dem Fortgang seines Geschäfts erkundigte, steckte sie schon in dem zweiten Gebüsch und war vollauf im Zuge, sich für die Rolle des hinkenden Wallfahrtsknaben zu kostümieren. Ich werde ein Prachtkerlchen abgeben, rief sie aus dem Busche heraus; wie geht es Euch?

Es macht sich, seufzte Don Adone, dessen wohlgerundeter Umfang gegen das Hüftenmaß der Pate mit Hartnäckigkeit protestierte; was aber meinen vorhin berührten Widerwillen gegen Unwahrheiten betrifft, so wollte ich an einen Ausspruch des großen und weisen Xenophanes erinnern. Denn dieser verständige Mann antwortete auf die Frage, ob er sich immer streng an die Wahrheit halte, mit den denkwürdigen Worten: »Der Mensch hat noch nie gelebt, der die Wahrheit erkannte, noch wird er leben.« – Bedenke ich nun ferner, daß sich in der Republik des großen Denkers Zenon Männer und Weiber in der Kleidung nicht unterscheiden sollten, gleichsam zu steter äußerlicher Mahnung an das erhabne Wort des Antisthenes: »Für Männer und Weiber ist nur eine Tugend«; daß endlich auch die Kleidung überhaupt ein Gegenstand ist, über den Rede zu stehn nach Solons Ausspruch der Vernünftige unter seiner Würde halten darf, wie er selbst ja auch dem Krösus, der sich ihm in vollem Schmuck zeigte und ihn fragte, ob er jemals Prächtigeres gesehen habe, die Antwort gab: »Ja, denn ich sah Hähne, Fasane und Pfaue«; erwäge ich das alles, so hoffe ich, daß wir 103 uns morgen mit ruhigem Gewissen dem Tageslicht aussetzen können.

Ich bin ganz Eurer Meinung, Don Adone, rief Fiammetta und wedelte mit einer ihrer erbsengelben Gamaschen übermütig aus ihrem Gebüschversteck heraus, kommt Ihr denn mit Eurer Verwandlung zustande? Mir gehts erbaulich! Ich habe die Kehrseite aus Versehen nach vorn genommen und kann jetzt wieder ganz von neuem anfangen.

Man muß jede Gelegenheit segnen, die uns in der Geduld übt, seufzte Don Adone. Er hatte eben in betreff des Mieders der Donna Vittoria die nämliche Wahrnehmung gemacht, wie Fiammetta mit dem von ihr erwähnten Kleidungsstücke. 104

 

 

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