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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Carota ist, wie ihr wißt, einmal von einem Erdbeben heimgesucht worden, das die baufällige Aushelfkirche des kleinen Orts zusammengestürzt hat.

Da man zu der Zeit dieses Ereignisses ohnehin schon ein neues Gotteshaus in Gebrauch hatte, so wurde die Ruine des alten im Wege der Lizitation verkauft, und Don Spinacci, ein Nachkomme des berühmten Malers Innocenzo Spinacci, der um 1575 in Florenz geblüht haben soll, richtete sich in den Trümmern als Ostiere oder Gastwirt ein. Obschon ein Baumeister aus Castellammare das Vorhandne künstlich genug zusammengeflickt hatte, und die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes nicht mehr zu erkennen war, fehlte doch auch viel, daß sein Ansehen dem Begriff der Gastlichkeit entsprochen hätte. Der zopfartig vielausgebogne Giebel der Stirnseite war noch der anheimelndste Teil des Hauses, denn ihn hatten wilder Wein, Passionsranken und Clematis mit solcher Üppigkeit umwoben, daß die Hohläugigkeit des großen Rundfensters oberhalb der frühern Hauptthür völlig versteckt war, und niemand von der Straße 54 aus zu beurteilen vermochte, wie es hinter dieser Fassade aussah.

Die Hauptthür stand offen oder war vielmehr nur noch ein längliches, viereckiges Loch, seit Don Spinacci, ein vergnüglich sorgloses Gemüt, ihre hölzernen beiden Flügel zu seinem Hochzeitsschmause auf dem Kochherde verheizt hatte. Und da die fünf bis sechs Stufen hohe Lavatreppe, die von der Straße ehemals zu der Kirchthür hinaufgeführt hatte, unter Erdbebengeröll und Bauschutt vergraben lag, sich auch schon eine üppige Gras- und Unkrautvegetation über diesen Trümmern breit machte, so glich der Eingang einem hügelan gelegnen Scheunenthore. Die hohen schmalen Kirchenfenster zur Rechten und Linken der Hauptthür waren unverändert erhalten geblieben, nur daß die kleinen Scheiben in den runden Fassungen des Eisengitters manche Lücke aufwiesen. Wer mit seiner Mähre glücklich den Hügel erklommen hatte und nun ins offne Thor hineinritt, konnte im übrigen wählen, ob er in dem Vorraum der Kirche zur Rechten sein Tier zwischen den Beichtstühlen im luftigen Stall an die Krippe stellen und es aus dem ehemaligen Weihbecken tränken oder zur Linken mit ihm in die Sakristei und bis an den Schenktisch der muntern Signora Spinacci traben wollte, je nachdem ein längerer oder kürzerer Aufenthalt beabsichtigt wurde.

Das erste thaten Don Adone und seine Begleiterin, ohne daß die zur Linken noch um einige späte Gäste bemühte rührige kleine Wirtin die allerdings im Halbdunkel des Raumes kaum erkennbaren Zuzügler mit ihren Dienstleistungen belästigte.

Dann aber stellte sich Don Spinacci – ein rüstiges Männlein in flaschengrüner Sammetjacke, 55 paprikafarbigen Kniehosen, rosenroten Wollenstrümpfen, senfbraunen Schuhen und kohlschwarzem Pferdehaarkäppchen –, mit der Stalllaterne in der Hand, ihnen vor und lud sie ein, sichs auf der Schenkenseite seines Albergo bequem zu machen.

Man brannte auch damals in diesen kleinen Orten zumeist das Öl, das man selber von seinen Bäumen gewann, doch war die Beleuchtung um die Tische der wenigen Gäste herum nicht sehr reichlich, und wenn Don Spinacci mit seiner Stalllaterne nicht zur Stelle war, und seine geschäftige Ehehälfte mit ihrer dreiarmigen Messinglampe in die anstoßende Küche ging, so mußte die vor dem Madonnenbilde im Fensterwinkel hängende Ampel den ganzen himmelhohen Raum allein erhellen, was ihr nicht leicht wurde.

Don Adone hatte die bedrohlich zahlreiche Gruppe, die den Tisch umlagerte, nicht ohne Bedenken angeschielt. Bei näherm Prüfen schmolzen die Gäste der Signora Spinacci übrigens auf die Zahl von fünf zusammen, von denen drei – ein tauber, graubärtiger Weinkärrner aus Castellammare, ein gelbsüchtiger Schiffbaumeister aus Sorrento und ein hagrer Schnittwarenkrämer aus dem Orte Carota selbst – sich eben den Mund wischten und ihre Zeche berichtigten.

Zurück blieben eine gebrechliche Alte, die ihr Enkelchen, ein wunderhübsches Kind von zwei bis drei Jahren mit fleißig zugreifenden Fingern, aus einer Maccaronischüssel fütterte, die zu allgemeinem Nutz und Frommen auf einem der langen Tische des Lokals im Verdampfen ihrer letzten Wärme begriffen war, und ferner der Inhaber eines Maultiers, das sich im Stall schon gegen Lazaro aufsässig benommen hatte, nämlich ein auf der 56 Reise von Neapel nach Pocognano begriffner kahlköpfiger, stark asthmatischer Geistlicher, Pater Valerio mit Namen.

Don Adone, der sehr kinderlieb war, nahm der Alten gegenüber Platz, und Fiammetta kam dem Geistlichen zunächst zu sitzen. Dieser war ein gut gelaunter, stark schnupfender Fünfziger, dessen große Lust am Botanisieren ihn frühzeitig mit höchst verwertbaren Kenntnissen ausgerüstet hatte, sodaß fast alle Klosterapotheken am Golf von Neapel durch ihn versorgt wurden. Er war zumeist unterwegs und dokterte auch nicht ohne Geschick, was ihm allerorten willkommne Aufnahme verschaffte, wobei er sich aber freilich dem geistlichen Stande ziemlich entfremdete und auch die Einkehr bei Ortsgeistlichen aus Vorliebe für Geselligkeit und ungebundnen Verkehr gern vermied.

Nach dem damaligen Landesbrauche – die Weinberge trugen noch reichlicher – war den Neuangekommnen ein Krug mit Wein vorgesetzt worden, und da Don Adone den zugleich aufgetragnen Ziegenkäse ablehnte, so konnten Wirtin und Wirt nun von ihrem Tagewerk in behaglichem Zusammenrücken neben ihren Gästen ausruhn.

Das unverfänglichste Gesprächsthema in solchem Kreise sind allemal die Erkundigungen nach dem Alter und dem Namen etwa anwesender Kinder, und Fiammetta, die die in Don Zoppos Steinbruch ausgestandnen Ängste allmählich über dem vielen Neuen, das sie sah, vergessen hatte, befriedigte ihre Neugier denn auch durch Fragen dieser Art.

Pater Valerio seinerseits erwies sich ihr gern durch Wiederholung dessen, was er schon selbst von 57 der traurigen Alten erkundet hatte, gefällig. Diese war auf einer Reise begriffen, die allerdings wohl den Mut beugen konnte, auf der Rückreise nämlich von dem Gefängnisse, wo der Vater des Kindes wegen eines aus Eifersucht begangnen Totschlags gefangen saß. Der Unglückliche war ihr Sohn, weshalb sie einen Versuch gemacht hatte, nach löblichem Herkommen durch Bestechung zu erwirken, daß man ihn entschlüpfen lasse. Die von ihr unterwegs zu diesem Zwecke zusammengebrachte Summe genügte aber nicht, und sie pilgerte nun heim, ohne Hoffnung, ihm weiter helfen zu können.

Pater Valerio hatte das sehr teilnehmend vorgetragen, und Wirt und Wirtin waren, wie schon bei der Erzählung der Alten, da ihnen selbst die Mittel zum Helfen fehlten, wenigstens bemüht gewesen, ihr solche Personen nachzuweisen, bei denen sie noch etwa Hilfe erbitten könnte. Sie redeten ihr zu, den Mut nicht sinken zu lassen, zumal die nötige Summe – zehn Zecchinen – so manchem Reichen, wenn er sie hergäbe, kaum ein großes Opfer sein könnte.

Mit ähnlichen Vertröstungen mochte die arme Alte aber schon anderweitig abgespeist worden sein, wenigstens schien die Miene der Alten deutlich zu verraten, daß die gewöhnliche Unart der menschlichen Natur: statt selber nach Kräften in die Tasche zu greifen, auf solche zu verweisen, deren Reichtümer sie freigebig machen sollten, ihr längst bekannt sei.

Sie schüttelte denn auch zu jedem der ihr genannten Namen den Kopf, ließ sich endlich sagen, was sie schuldig sei, zahlte die nicht billige Rechnung ohne Murren und begab sich dann mit dem Kinde in eine 58 dem Stall zunächst liegende Kammer, wo man ihr eine Streu bereitet hatte.

Don Adone, dem das Herz sehr groß geworden war, hatte Fiammetta in einen Winkel gezogen und sich dort wenigstens insofern Luft gemacht, als er seiner Betrübnis Worte gab, hier nicht helfen zu dürfen.

Und warum dürftet Ihr nicht helfen? fragte Fiammetta, ob wir das Gold wirklich bis nach Salerno bringen, ist sehr fraglich; gelingt uns das aber auch, und die, der Ihr das Gold schließlich einhändigt, mißbilligt, daß Ihr zehn Zecchinen davon genommen habt, nun, da wißt Ihr gleich, daß sie keineswegs die Würdigste ist, und da sucht Ihr Euch eine andre.

Don Adone faßte sich an das Doppelkinn. Du hast im Grunde nicht Unrecht, sagte er.

Ohnehin, fuhr Fiammetta fort, haben wir solcher Art doch endlich eine triftige Veranlassung, den Inhalt der Tasche einmal zu untersuchen. Gestern wolltet Ihr nichts davon wissen, obschon der Schlüssel gerade zur Hand war. Wie aber, wenn Signora Trasi uns statt mit Zecchinen mit Rechenpfennigen auf die Reise geschickt hätte? Ich will sie nicht verunglimpfen, aber ähnlich gesehen hätte ihr das gewiß.

So wollen wir uns unsre Schlafstellen anweisen lassen, versetzte Don Adone, denn deine heutigen Reden über räuberische Wirte haben mir einiges Mißtrauen eingeflößt. Einmal aus den Augen der drei können wir dann die Untersuchung in Ruhe vornehmen, und mit dem ersten Tagesgrauen steckst du der Alten morgen, während ich die Tiere sattle, das Geld zu. So kommen wir wieder aus Carota hinaus, ohne daß man uns bestiehlt.

59 Das Kleeblatt hatte inzwischen nicht minder als Don Adone und Fiammetta die Köpfe zusammengesteckt. Sie waren keine Leute, die sich fremdes Ungemach mehr als vorübergehend zu Herzen nahmen, und ehe noch die Tischstelle abgewischt war, wo das Kind mit seinen zehn Maccaronifingern gepflügt hatte, waren die Alte und ihr Kummer schon vergessen.

Er ist mir schon irgendwo einmal vorgekommen, flüsterte der Wirt.

Mir nicht, versetzte der Pater, ein solches Kürbisgesicht hätte ich nicht vergessen.

Er ist entschieden ein Simpel, urteilte die Wirtin; ich werde ihn mit meiner dicksten Kreide bedienen.

Wir wollen ihm schon auf den Zahn fühlen, sagte der Wirt wieder; noch allemal, wenn Pater Valerio bei uns eingesprochen ist, hat es etwas zu lachen gegeben; diesesmal soll es nicht anders hergehn.

Wie wärs, wenn wir uns in die Arbeit teilten, schmunzelte der Pater: Ihr, Don Spinacci, vexiertet den Herrn Gemahl – denn das ist er doch wohl –, und ich . . .

Nichts da, fiel ihm die Wirtin ins Wort; die kleine Frau nehm ich unter meinen besondern Schutz; Ihr habts schon einmal halb und halb mit mir verdorben; das thut Ihr mir nicht wieder, ehrwürdiger Herr.

Wie Ihr gleich aufbegehrt, sagte der Pater begütigend; freilich, als ich das letztemal bei Euch selber mein Glück versuchte, gabet Ihr vor, Don Spinacci beginne seit kurzem um jeden Mückenstich Lärm zu schlagen . . .

60 Die Wirtin that sehr bös, mochte solche Späße aber doch schon gewohnt sein, denn sie nahm des Paters Glas zur Hand und trank es zur Hälfte aus: Das habt Ihr als Strafe für Eure gottlosen Aufschneidereien, sagte sie.

Gut bekomms Euch! rief Pater Valerio lachend, wischte mit dem Ärmel den Rand des Glases und leerte es, damit Signora Spinacci mit dem zum Nachschenken bereit gehaltnen Kruge nicht zu warten brauchte.

Jetzt hab ichs! rief Don Spinacci, der während dessen vor sich hin gestarrt und die Neckworte des Paters nicht beachtet hatte, ich wußte doch, daß ich ihm schon begegnet war. Der Sohn der schnurrigen Signora Trasi aus Sant' Aniello ists, um derentwillen der Teufel neulich so vielen Leuten Bauchgrimmen gemacht hat.

Der wärs? Ei, da werden wir ja leichtes Spiel mit ihm haben, sagte der Pater, dem die Geschichte auch schon in allen Tonarten erzählt worden war. Er sah mir gleich nach so etwas aus; der Schreck steckt ihm ohne Zweifel noch in den Gliedern.

Don Adone war mit Fiammetta wieder herangekommen. Der Wirt ging ihnen mit der Hand an dem schwarzen Käppchen entgegen. Noch einen Krug Wein? fragte er höflich.

Nein, sagte Don Adone, seid so gut und zählt unsre Rechnung zusammen, und weist uns dann unsre Schlafstellen an.

Das erste ist leicht gethan, sagte die Wirtin, das Wort nehmend, und begann rasch mit der Kreide in möglichst undeutlichen Zahlen den Tisch zu bemalen, denn im Stall erhob sich eben wieder ein heftiger 61 Streit zwischen den dort nebeneinander angebundnen Tieren, und daß Fiammetta dadurch genötigt war, sich um andres als um die Rechnung zu kümmern, kam der Wirtin sehr gelegen. Vino nero, murmelte sie also und schrieb dazu, was niemand entziffern konnte; cacio cavallo fuhr sie fort und that desgleichen, Salami, Prociutto und endlich Brot, Ihr aßet doch nur drei Brote? oder warens vier? – Salz, Beleuchtung, Hafer, Heu, zwei Schütten Stroh, ein gemeinsames Zimmer für die Nacht – macht in Summa, laßt mich sehen, macht in Summa zehn, zwölf, fünfzehn, achtzehn Karolin.

Sie hielt die Hand hin, und Don Adone, der eben um deutlichere Ziffern hatte bitten wollen, als das gemeinsame Zimmer ihn einigermaßen in Verwirrung stürzte, griff mechanisch nach seiner gehäkelten Geldbörse, deren halber Inhalt in Signora Spinaccis Hand wanderte.

Verzeiht, sagte er dann, wenn ich, was das Zimmer betrifft, um eine Änderung bitten muß. Wäre es nicht möglich, uns in zwei gesonderten Räumen einzuquartieren?

Hm! machte die Wirtin, Ihr bringt mich in nicht geringe Verlegenheit.

So ist wohl schon alles besetzt?

Nicht gerade besetzt, denn unser Albergo hat Gott sei Dank Zimmer in Menge. Fragt nach, ob es viele Gasthöfe in Neapel giebt, wo für eine so große Zahl von Gästen Unterkunft geschafft werden kann.

Ich zweifle nicht, daß Ihr Recht habt.

Aber bestellt ist alles, da steht die Schwierigkeit. Der Duca von Monterona reist nie ohne fünfzehn bis zwanzig Diener. Wo soll ich sie unterbringen, wenn 62 ich für jeden ein eignes Zimmer schaffen muß? – Und ich habe ihn schon gestern fest erwartet. Dann hat sich auch der Principe von Certosa angemeldet. Madre di Dio, Ihr glaubt nicht, wie einer Wirtin zu Zeiten der Kopf brennt.

Ich glaube es wohl gern, begütigte Don Adone die vielgeplagte Frau, aber . . . aber . . .

Aber Ihr besteht darauf? Nun, so muß ich Rat schaffen. – Sie machte ein Gesicht, als gebe sie aus Menschenliebe einem Armen ihr letztes Kleidungsstück und griff von neuem nach ihrer Kreide; also zwei Zimmer, zwei Betten, doppelte Bezüge, doppelte Beleuchtung – macht . . . laßt mich sehen . . . richtig, macht noch weiter ein, zwei, drei Karolin; ich darf Euch schon nicht höher anrechnen; noch drei Karolin, Eccellenza, dazu ein Karolin Trinkgeld für den Bottega, und wir sind im klaren.

Sie hatte mit dem landesüblichen Titel besondrer Vornehmheit an sich gehalten, bis sie ihre gute Meinung von der Zahlungsfähigkeit Don Adones bestätigt gefunden haben würde. Don Adone seufzte, aber er zahlte.

Wenn es mir vergönnt ist, ein Wort hinein zu reden, begann jetzt Pater Valerio, dem das gesonderte Unterbringen der beiden Reisegenossen als wünschenswerte Erleichterung etwaiger Schabernacke erschien, so möchte ich die Frage an den Herrn richten, ob er ganz sicher ist, daß dieses Haus durch seine Einkehr hier keinen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein wird?

Was soll ich darunter verstehn? fragte Don Adone verwundert.

Pater Valerio, nahm der Wirt das Wort, hat nicht ganz Unrecht. Es geht das Gerücht, daß vor 63 einigen Tagen der Teufel in Sant' Aniello sein Wesen getrieben hat, und wenn ich recht berichtet bin, ist es seine böse Gewohnheit, sich bei solchen Gelegenheiten gewissen Personen, auf die ers nun einmal abgesehen hat, unsichtbar an die Fersen zu hängen. Seid Ihr etwa aus Sant' Aniello, so wäre mir das allerdings nicht angenehm, aber ich hoffe, Ihr seid aus einer andern Gegend.

Don Adone war kreideweiß geworden. Aus Sant' Aniello . . . bin . . . ich . . . freilich, stotterte er.

Das ist fatal, sagte der Wirt und zog sich einige Schritte von Don Adone zurück.

Aber die Sache hat nicht Euch selbst betroffen? examinierte der Pater weiter.

Auch das kann ich nicht leugnen.

Euch selbst?

Allerdings.

Es ist nicht möglich!

Ich sage Euch die reine Wahrheit.

Der Pater und der Wirt sahen sich bedenklich an. Die Wirtin stocherte an ihrem Lampendocht.

Fiammetta, die zurückgekommen war und das viele Geld in der Hand der Wirtin nicht ohne einiges Mißtrauen gegen das eben abgethane Rechnungsgeschäft gewahrte, zupfte ihren Herrn am Kleide, damit er sich nicht so einschüchtern lasse; aber da er durch das Erzählen von Einzelheiten, die den Teufelsspuk betrafen, die scheinbar schon große Besorgnis der Leute nur noch vermehrte, so unterbrach sie ihn mit der Bemerkung: Wenn man sich denn von ihrem und Don Adones Verbleiben Übles gewärtige, so möge man nur das Quartiergeld herausgeben, damit vor völliger 64 Nacht noch ein andres Unterkommen gefunden werden könnte.

Nicht doch, mein Töchterchen! Mit diesen Worten legte sich Signora Spinacci nun ins Mittel, dazu sind die Wege bei weitem nicht sicher und die nächste Herberge nicht nah genug. Es ist wahr, daß manche Leute eigentümliche Dinge erleben, aber mir ist nie etwas derartiges begegnet; ohnehin wird unser Doppelhufeisen dort auf der Schwelle euch wohl zu statten kommen; und also, denk ich, brauchen wir von euch kein Unheil zu befürchten.

Es ist allerdings eine ehemalige Kirche, in der wir uns befinden! sagte der Pater, um von neuem zu schüren, und er nahm eine starke Prise.

Freilich, freilich, bestätigte der Wirt, und man weiß, wie erpicht der Teufel gerade auf solche Orte ist.

Dem geängstigten Don Adone wollten die Haare zu Berge steigen.

Nein, rief die Wirtin zwischen finanzieller und moralischer Beunruhigung, sollte man seinen Ohren trauen? Ist denn Pater Valerio nicht ein geweihter Diener des Herrn? Hat er nicht sein Brevier zur Hand? Wird ers denn nicht zur Not mit einem so hasenfüßigen Teufel aufnehmen, wie der, von dem Ihr erzählt? Ich erlaube absolut nicht, daß dieses schöne junge Mädchen und der vornehme Herr in finsterer Nacht obdachlos umherirren. Gieb mir die beiden Kammerschlüssel, Spinacci, und nun folgt mir, ihr zwei, daß ich euch zur Ruhe bringe.

Sie nahm, wenn auch mit wirklicher Beklemmung, die dreiarmige Messinglampe in die Hand, und Don Adone, von Fiammetta gefolgt, stieg ihr treppauf nach.

65 Aber nicht nur die Wirtin war keineswegs ohne Besorgnisse. Je länger die Einreden Pater Valerios gedauert hatten, desto mehr hatte es auch Don Spinacci zu grauen begonnen, und nun, als beide allein waren, stimmte er in das Gelächter des Paters nur mit vielem Stirnfalten ein. Ihr seid wie wenig andre imstande, Leute ins Bockshorn zu jagen, sagte er; aber jede Sache hat ihr Maß. Laßts nun des Spottes und Vermessens genug sein, bester Pater Valerio. Bei Nacht sind wir Menschen ohnehin wehrlos und verraten. Trinkt aus und gebt mir noch eine Prise. Und dann ziehe ein jeder seine Decke über den Kopf. Brr! Die Begebenheit mit dem Sarge im Kreuzgang ist denn doch wahrlich verwunderlich gewesen. Per Bacco, mir läufts eiskalt über den Rücken, wenn ich nur daran denke.

Ihr habt vielleicht Recht, versetzte der Pater und gab sich eine etwas gedankenvolle Miene, man soll den Teufel nicht beschreien.

Und sie wünschten einander gute Nacht.

Übrigens hatte der gutgelaunte Pater seinen Plan schon im Kopfe fertig und war nun um so weniger geneigt, ihn aufzugeben, als die Furchtsamkeit der beiden Wirtsleute, ganz wie bei frühern Gelegenheiten, offenbar schon wieder über ihre Freude an Foppereien den Sieg davon getragen hatte.

Während also Don Adone und Fiammetta, sobald sie oben allein waren, die Tasche der Signora Trasi aufgeschlossen hatten und durch den Glanz der darin verwahrten Zecchinenfülle in nicht geringe Aufregung versetzt, von neuem durchberieten, was mit dem Schatze geschehen solle – denn man hat über dergleichen gut wegwerfend reden, wenn die Augen noch nicht 66 darüber gekommen sind, meinte Fiammetta, aber wer kann sich hernach von so allerliebstem Spielzeug wieder trennen? – während dessen stieg Pater Valerio leise, leise aufs platte Dach des Hauses.

Die Nacht war noch immer sternenhell, und so konnte er sich ohne Mühe über die ihm wohlbekannten Wegeshindernisse, wie sie die mancherlei auf dem Dache getriebnen Tageshantierungen mit sich brachten, weghelfen; sein vornehmliches Augenmerk galt einem mächtigen Schornstein, der hinter der leeren Giebelwand, und einer Glocke, die in der wohlerhaltnen Rückseite des sonst ganz ruinenhaften Seitenturms hing und seit dem Erdbeben nicht mehr geläutet worden sein mochte. Demnächst vergewisserte er sich der Bewegbarkeit eines schweren Holzdeckels, der die brunnenartige Öffnung in der Mitte des Daches verschloß – das eine wie das andre ein Überbleibsel aus dem eigentlichen alten Glockenturm, indem die Seile, die die großen Glocken in Bewegung gesetzt hatten, in dieser Öffnung angebracht gewesen waren. Unter diesem Deckel, so wußte Pater Valerio, lag das Staatszimmer des jetzigen Gasthauses, und wenn man den Deckel abhob, war der kuppelartige Plafond des Zimmers nach der Mitte zu offen.

Obschon morsch und vorsichtiger Behandlung sehr bedürftig, erwies sich der Deckel doch als im ganzen verrückbar, und da sich bald zeigte, daß der Gast überhaupt noch gar nicht in dem Zimmer weile – er zählte mit Fiammetta in der anstoßenden Kammer an dem Schatze –, so wurde vor allem der schützende Verschluß des Gemachs auf die Seite geschafft und einstweilen des Paters weiter Oberrock statt des Deckels über das Loch gebreitet. Darauf knüpfte der Pater 67 eine auf dem Dache ausgespannte Wäscheleine los, gegen die er sich eben erst die Stirn gestoßen hatte, und befestigte das eine Ende an die Glocke, die er behutsam aus ihren Epheu- und Geißblattumschlingungen erlöste.

Er hatte eine gute Weile mit dem Widerstand dieser vieljährigen Ranken zu kämpfen gehabt und schlich nun nach dem Schornstein hinüber. Dort hatte nämlich der Pater in einem der rußigen Seitenlöcher des Schornsteins, als er am Nachmittag mit Don Spinacci auf dem Dache beim Weine gesessen hatte und zwischendurch seine Augen im Unkraut der Dachritzen botanisieren ließ, ein mächtiges Eulennest entdeckt. Er kannte die Gewohnheiten dieses Vogels hinreichend, daß er ihn nun auf seinen Jungen überlistete, und als ihm der Fang gelungen war, gewahrte er zu seinem Vergnügen, daß sich unversehens auch noch zwei Fledermäuse in das Futter seines Hemdärmels verkrallt hatten. Diese beiden, obschon sie kratzten und bissen, koppelte er darauf mit der Eulenmutter zusammen, ohne sie übrigens in ihrer Flugfreiheit völlig zu beengen, verknüpfte das ziehende und flatternde Dreigespann dann mit dem Glockenseil, schob sie einstweilen in einen mit aufs Dach gebrachten Sack und wartete nun in vergnüglichster Laune geduldig die Mitternachtstunde ab.

Inzwischen war das Staatszimmer und bald darauf auch das Himmelbett von dem Sohne der Signora Trasi bezogen worden, während Fiammetta in der einen der daranliegenden Kammern, in der andern das Ehepaar sich zur Ruhe begeben hatten. Und so lag in den Räumen unterhalb des Daches alles in festem Schlafe, als Pater Valerio seinen 68 Hexensabbath endlich bei dem ersten Glockenschlag der Mitternachtstunde loslassen konnte.

Don Adone hatte eben mit einem schweren Traume zu kämpfen. Doktor Bourja, der Sorrentiner Quacksalber, saß, so träumte Don Adone, neben seinem Bette und bewies ihm in seiner zudringlichen, unverschämten Weise, daß Don Adones Nase durch Don Zoppo völlig plattgedrückt sei, und daß sie nun am besten kurzweg abgeschnitten werde. Dabei hielt ihm der lästige Mann unablässig einen Spiegel vor, aus dem ihm aber beim Hineinsehen nicht sein Gesicht, sondern ein wurmartiges Gewirr von Buchstaben entgegenstarrte, das von rechts gelesen Malleus maleficarum hieß, von links dagegen Enteritis, Illosis und Mentagra; der Rahmen des Spiegels bestand aus einem Kuchenrand voll von lauter neugeprägten, glänzenden, rotgoldnen Zecchinen, von dem die mit ihrer Kreide neben ihm stehende Wirtin einen nach dem andern abbrockte und in den Mund schob – dies war sein Traum.

Plötzlich sprang er wie besessen in die Höhe und aus dem Bette. Um ihn her im Dunkeln zirpte, fauchte und sauste es, als seien alle Blasebälge der Hölle gegen ihn in Bewegung. Dazwischen brummte unablässig ein grauenhafter Ton – Glockenläuten und doch auch keins, denn die Glocke oben hatte wegen eines alten Schadens längst nur noch einen kläglich heisern Klang.

Don Adone hatte Doktor Bourjas Stimme noch so fest im Ohre, daß er – erst halb wach – die sämtlichen Operier- und Purgierinstrumente des Verhaßten gegen sich in Bewegung gesetzt wähnte. Während er deshalb mit abwehrend erhobnen Ellbogen 69 und tief auf die Brust geducktem Kopf umhertappte, stöhnte er nach der Art der vom Alpdruck Heimgesuchten unverständliche, um Gnade flehende Laute.

Aber jetzt streifte etwas eiskaltes, ihn krallendes feinen Scheitel, und jetzt wieder, da er entsetzt auswich, schnitt ihm etwas wie ein scharfes Messer – es war das Seil – ins feiste Unterkinn, und jetzt gar, da er sich von dem höllischen Galgenstrang – denn er war nun hell wach – kaum losgemacht hatte, klatschte ihm etwas um die Ohren – es war die Eule –, zehnmal so derb wie der Fittich eines zornigen Täubers.

Nie hatte ihm der Teufel so handgreiflich mitgespielt.

Fiammetta! schrie er, Fiammetta! der Gottseibeiuns erwürgt mich! Hilfe! Hilfe! Der Pater soll kommen! Wo ist die Thür? Wo ist Don Spinacci? Licht! Weihwasser! Licht! Licht!

Und so schreiend stolperte er in dem finstern Zimmer umher, daß die Stühle krachten, der Waschtisch, tausend Scherben um sich verstreuend, zu Boden stürzte, und die Betttücher, in die er sich beim Aufspringen verwickelt und verfitzt hatte, indem sie ihm nachschleiften, die sämtlichen Decken und Kissen des Staatsbettes durch- und übereinander kollerten.

O Madonna mia! begann jetzt im anstoßenden Gemach der Jammer der Wirtin, da haben wir die Bescherung! Der Teufel ist nebenan beim Werke! Wachst du denn, Spinacci? So höre doch den greulichen Rumor! Wie kann man nur bei einem solchen Höllenspektakel schlafen? rief sie, ihn rüttelnd. So schlag doch zum wenigsten ein Dutzend Kreuze! Mir ist die Hand ja schon halb lahm!

70 Auf der andern Seite des Staatszimmers atmete Fiammetta tief. Sie hatte das Läuten im Traume für das Horaläuten der Kapuziner von Sant' Aniello gehalten und schlief auch jetzt mit der Festigkeit des Jugendschlafs unbekümmert weiter. Erst als nebenan die Ungebärdigkeiten Don Adones immer lärmender wurden, und sie nun auch Wirt und Wirtin durcheinander schreien hörte, erwachte sie und warf sich eilig wenigstens in einige ihrer Kleider. Dann schob sie rasch den Thürriegel zurück, durch den sie auf Don Adones Befehl ihre Kammer abgesperrt hatte.

Aber, per la Madre di Dio, was giebts denn, Don Adone? rief sie, indem sie die Thür öffnete und in dem halbdunkeln Raume ihren Herrn, in Decken und Bettlaken verwickelt, wie einen von der Tarantel Gestochnen keuchend und pustend umherquirlen sah, während sich zugleich die Thür des anstoßenden Zimmers aufthat und der endlich, wie er sagte, aus seinem besten Schlaf erwachte Pater im hellen Nachtkamisol, gefolgt von dem zähneklappernden Wirtspaar, mit einem Lichte in der Hand über die Schwelle trat.

Die Beschwörungsformeln begannen in demselben Augenblick, wobei der Pater aber alle nun in dem Staatszimmer Anwesenden in den vier Ecken zum fleißigen Paternosterhersagen Posto fassen hieß, das Gesicht gegen die Wandecke gekehrt, was bei der wunderlichen Toilette der so von ihm fest Gebannten für ihn, der feierlich schnatternd mit dem Lichte im Zimmer umherzog, einen gar belustigenden Anblick bot.

Auch kostete es ihm kaum geringere Mühe, das Lachen zu verbeißen, als das Einfangen der drei zusammengebundnen, aber dennoch wüst umherkreisenden Nachtvögel.

71 Endlich aber brachte er diese Unholde glücklich in seinen Besitz und entließ sie sofort durch das Fenster ins Freie.

Bei dieser Gelegenheit blies der Wind sein Licht aus, sodaß er nun unter dem Vorwande, auch noch vom Dache aus dem Treiben Beelzebubs die Wege verlegen zu wollen, sich im Schutze des Dunkels, während die andern sich noch immer nicht rühren durften, aus dem Zimmer entfernen, dann von oben aus die Wäscheleinen einziehn und endlich den hölzernen Plafonddeckel wieder an seinen Platz schaffen konnte.

Erst nachdem solcherart alle verräterischen Spuren seiner vorherigen Veranstaltungen verschwunden waren, erlöste er die vier Eckensteher und empfahl ihnen schleunigst und ohne ein Wort zu reden, wieder ihre Betten aufzusuchen, damit die Beschwörung in ihrer Wirkung nicht entkräftigt werde.

Dies geschah, und so verlief der Rest der Nacht ohne neue Störung. 72

 

 

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