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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel

Die nachfolgende höchst sonderbare Geschichte ist von Anfang bis zu Ende buchstäblich wahr, trotzdem daß sie vor gar langer Zeit passiert ist, und daß sich sehr entlegne Begebenheiten im Laufe der Jahre durch allerlei einfältige Zusätze ins Lügenhafte zu verkehren pflegen. Daß dies in Bezug auf die folgende wahrhaftige Geschichte nicht der Fall ist, verbürgt mit seinem Namen Gian Francesco Sabattini, der Sohn des Maccaronihändlers Baccio Sabattini von der Spiaggia della Marinella.

In dem saubern kleinen Dorfkirchlein zu Sant' Aniello war ein Dutzend Kerzen zu einer Trauerzeremonie angezündet. Vor der Kirche saßen nach Landesbrauch die von nah und fern herbeigekommnen Bettler und Bettlerinnen, und wenn die Aus- und Eingehenden den schweren, matratzenartigen Thürvorhang lüfteten, wurde zwischen dem Almosenheischen und Büchsenklappern fleißig über die drinnen soeben für die letzte Reise Eingesegnete hin und her gestritten.

Es war eine Witwe aus Sant' Aniello, Signora Trasi mit Namen. Daß ihr Sohn für sie wirklich 2 volle zwölf der größten Wachskerzen hatte anzünden lassen, die Nicolo Ferroni, der Lichtzieher des Vizekönigs,Alle Historien Gian Francescos spielen in der Zeit eines »Vizekönigs«, ohne daß darunter irgend eine wirkliche Geschichtsperiode verstanden zu sein scheint. zu einem Ducato das Stück in seiner Bude am Toledo feil hält, das wurde von einigen der draußen Sitzenden bestritten, von andern behauptet, und wer von den bei dieser Streitfrage Beteiligten bis in die Kirche hineinsehen und bis zwölf zählen konnte, gab seine Meinung in diesem oder je nachdem auch in jenem Sinne ab.

Sechs Kerzen, erklärte endlich eine der Stimmführerinnen, wären jedenfalls für die böse alte Hamsterin mehr als genug gewesen.

Saget nur getrost drei, Signora Babbajuolo, überbot sie Baldassare, der lahme Bettler aus Pozzopiano; hat sie mir denn je zur Zeit mehr als einen Gran gegeben? und mußt ich um den nicht noch allemal von meinem Stühlchen aufstehn? recht damit die Leute sehen sollten, daß ich noch immer einigermaßen auf den Beinen war! Die bösartige Vogelscheuche!

Da habt Ihr sie mit dem rechten Wort benannt, Papa Baldassare, rief eine kleine Bucklige beistimmend, die durch eine besonders sorgfältige Kleidung die Mängel ihres Wuchses geschickt zu verbergen suchte; am ganzen Golf hats wohl kein häßlicheres Weibsbild gegeben als die Signora Trasi; wollt Ihr glauben, Papa Baldassare, daß ich allemal die Augen wegwenden mußte, wenn sie aus ihrem magern Geldbeutel so ein abgegriffnes Kupferstück für mich herauszerrte? Nicht auszuhalten wars!

3 Für dich hat sie aber doch einmal das Kurgeld bezahlen wollen, sagte eine an der Bettlergesellschaft Vorübergehende, indem sie sich an einen blinden Bettler wandte, der eben mit Lachen und Kopfnicken den schmälenden Reden zugestimmt hatte.

Gewiß, gewiß, Signora Calca, verbesserte sich rasch der Blinde, indem er zugleich seine Blechbüchse in der Richtung der ihm wohlbekannten Stimme ausstreckte, era una Signora eccellentissima! – Und bis die geheischte Spende in seine Büchse hinab klapperte, erschöpfte er sich in Lobpreisungen über den Wohlthätigkeitssinn der Verstorbnen.

Die übrige Sippe verhielt sich stumm, wie die Frösche, die ein Steinwurf in ihrem Gequake störte.

Dann begann die üble Nachrede mit verdoppelter Lebhaftigkeit, und die im Orte nicht heimischen Standesgenossen wurden belehrt, daß die Signora Trasi freilich für den Blinden die Kurkosten habe zahlen wollen, aber zu welchem Ende? Damit es ihm so schlecht gehe wie dem armen Jungen, dem Luigi Propeli aus Meta, der sich fünf Jahre mit seiner Blindheit ehrlich durchgebracht habe, dann aber aus Mißgunst für Signora Trasis Rechnung in Neapel operiert worden sei, sodaß man ihn hernach unters Militär gesteckt habe, wo er, der Himmel wisse wie, zu Grunde gegangen sein möge.

Inzwischen halte man im Innern des Kirchleins über der im offnen Sarg in ihren besten Kleidern unter Orangen- und Granatenblüten ruhenden Verstorbnen die herkömmlichen Gebete gelesen.

Jetzt machte der Weihwedel die Runde, und wer sich unter den Anwesenden zu den Leidtragenden zählte, nahm ihn in die Hand und besprengte die 4 Tote in der Form des Kreuzes. Darauf wurden die Lichter ausgeblasen, die Teppiche am Altar auf die Seite gebracht, und der Sarg von den Trägern in den offnen Kreuzgang hinausgeschafft, während die Leidtragenden sich teils entfernten, teils an den Seitenaltären noch ein Kerzlein opferten.

Nach unserm ja noch heute bestehenden Landesbrauch waren die Träger in Mönchskutten gehüllt, die auch das Gesicht bis auf eins der Augen völlig bedeckten. In dem Kreuzgang angelangt streiften sie aber, ganz wie sie es heute noch zu thun pflegen, in etwas unziemlicher Handwerksrauheit die Kutten ab und machten sieh dann in ihren bunten Hauskleidern an die Verrichtung der noch übrigen Bestattungsobliegenheiten.

Sie waren eben im Begriff, den schweren Deckel auf den Sarg zu legen, als einer der damit Beschäftigten im Arm der Toten ein schwarzes Kätzchen gewahrte, das sich diesem Vorhaben widersetzen zu wollen schien.

Per Dio! rief er erschreckt und wich auf die Seite, da gehts nicht mit rechten Dingen zu.

Il diavolo! il diavolo! rief ein andrer, der nur die schwarze bekrallte Tatze aus den Kleiderfalten der Leiche hatte hervorkommen sehen.

Il diavolo, il diavolo! rief es wirr durcheinander, und il diavolo! wiederhallte es unter den im Kirchlein noch Zurückgebliebnen.

Dröhnend war der Deckel auf die Steinplatten des Kreuzgangs niedergefallen; die Träger hatten den Kreuzgang schleunig geräumt, und jeder suchte ins Freie zu entkommen.

Da schon zu Zeiten des Vizekönigs, unter dessen 5 Regierung sich diese wahrhafte Begebenheit zutrug, die meisten Kirchen den Tag über, wie schon erwähnt worden ist, statt mit Thüren nur mit schweren Vorhängen verschlossen waren, so hatte auch das Kirchlein von Sant' Aniello diese nämliche Einrichtung. Deshalb gab es, als die Flüchtlinge bis auf die breite Kirchentreppe hinaus gelangt waren, keine Möglichkeit, sofort auch die vielfach fest angehefteten Thüren zu schließen, und so wurde hastig und atemlos Rat gepflogen, wie man den Teufel, bis er unschädlich gemacht worden sei, jenseits des Vorhangs gefangen halte oder wenigstens doch das Hauptthor vor ihm behüte, denn durch dieses sei er mit dem Sarge hereingekommen, und es sei ja bekannt, daß er immer auf demselben Wege den Rückzug nehmen müsse. Ein nahebei wohnender Hufschmied schaffte endlich Hammer und Nägel zur Stelle, und bald war der Vorhang rechts und links aufs dauerhafteste festgenagelt.

Der mit ins Freie geflüchtete Pater der Kirche, Fra Ambrogio, ein behagliches Männchen mit zwinkernden Augen und einer Warze mitten zwischen den Brauen, hatte bei diesen Vorsichtsmaßregeln mit Eifer und Rührigkeit geholfen. Nun, wo die Schutzwehr von ihm und andern als hinreichend fest befunden worden war, um fürs erste das Entweichen des Teufels zu verhindern, ließ er einen zuverlässigen Mann auf dem Posten und begab sich darauf selbst, von einer großen Anzahl Weiber und Kinder gefolgt, nach dem nahen Kapuzinerkloster, um, wie bei frühern ähnlichen Vorfällen, durch dessen Prior das zum Exorzismus Erforderliche veranstalten zu lassen.

Übrigens war es keineswegs allen gelungen, ins 6 Freie zu entkommen. Ein blondgelockter junger Mann mit einem Kopf, der ungeachtet eines starken Doppelkinns und fast allzu rundlichen Wangen einem Apollokopfe glich, stand ratlos mitten in der Kirche. Es war der Sohn der Verstorbnen, Signor Adone, oder nach unserm neapolitanischen Sprachgebrauch Don Adone. Vor Betrübnis und Beklommenheit hatte er die allseitige Flucht nicht zeitig genug bemerkt, und da er trotz seiner achtundzwanzig Jahre so wohlbeleibt war wie eine Wachtel in der Erntezeit, so gelang es ihm nicht, seine Rettung mit zu bewerkstelligen.

Zu seinem Glück – denn er war gerade so furchtsam wie die glücklich Entkommnen – hatte sich Fiammetta, eine elternlose kleine Verwandte der Signora Trasi, gleich ihm selbst an einem der Altäre noch mit einem Opferkerzlein für ihre verstorbne Herrin zu schaffen gemacht, war darum mit eingesperrt worden, und als er sich mit seinen verweinten Augen jetzt in der leeren Kirche umblickte, im Begriff die Luft mit Hilferufen zu erfüllen, gewahrte er seine Leidensgenossin. Diese hatte sich eben, statt gleich ihm zu jammern, neugierigen Blicks über die umgestürzten Rohrstühle einen Weg nach dem verwunschnen Kreuzgange zu bahnen begonnen.

Dem Himmel sei Dank! rief Don Adone, so bin ich doch nicht ganz allein. Aber wohin gehst du, Unglückskind? Ich denke, wir suchen uns in der Sakristei zu verstecken.

Fiammetta legte den Finger auf den Mund und zeigte nach der Seite des Kreuzgangs.

Ich glaube gar, rief Don Adone, deine unverbesserliche Neugier ist schuld, daß wir hier hängen 7 geblieben sind. Hieltest du mich nicht am Kleide zurück? Jemand muß mich hier festgehalten haben. Aber wenn du jetzt auch noch nicht genug hast, so trag deine Haut auf eigne Gefahr zu Markte. Ich mache, daß ich in Sicherheit komme! – Er hatte den Weihwedel vom Boden aufgerafft und ließ, während er redete, unablässig einen Regen geweihten Wassers um sich sprühen, sodaß er, von einem hereinfallenden Sonnenstrahl beleuchtet, wie im Schutze eines Irisbogens dastand. Denn stehn geblieben war er, weil er auch die Sakristei nur höchst ungern allein betreten hätte.

Fiammetta aber war inzwischen über Stühle und Schemel lautlos weitergestiegen und wandte sich nun, mit dem Kopfe winkend, nach ihm um: Mir ists wirklich, Signor, flüsterte sie mit vorgehaltner Hand, als bewege sich dort im Kreuzgang jemand.

Natürlich bewegt sich dort jemand, sagte Don Adone mit lautem Zähneklappern, hast du denn noch immer nichts begriffen, Kind? Der Gottseibeiuns ist dort gesehen worden, und wenn mein Weihwasser erst zu Ende geht, wird er schon näher kommen. – Und er wedelte, daß ihm der Schweiß von der Stirn tropfte.

Aber nein, Signore, sagte Fiammetta, indem sie wieder über einige Stühle kletterte, sie selbst, Eure Mutter selig, bewegt sich im Sarge; da seht nur selber hin; die Ärmelfalte ihres Kleides hatte ich doch mit Nadeln festgesteckt, während sie jetzt los ist; und seht nur, seht! Die ganze Haube hat sich ja verschoben! Dazu die falsche Haartour! Seht doch, wie die Locke über ihrem Muttermal an der rechten Schläfe in Unordnung geraten ist!

8 Don Adone wollte das auf Rechnung des Teufels schreiben, aber indem er noch immer rastlos fortwedelnd hinblickte, fiel die Haartour ganz auf die Seite. Zugleich erhob sich in der That das entblößte graue Haupt der Alten mit halb verschobner Haube von dem weißen Atlas-Ruhekissen; das grasgrüne Seidenkleid machte sich von den innern Seiten des Sarges, in den es hineingestopft war, frei; die eine der bläulich geaderten Hände begann einzelne Finger zu bewegen, und nun kam auch das schwarze Kätzchen der Signora Trasi mit krummem Buckel schnurrend zum Vorschein und rieb schmeichelnd mit hochaufgerichtetem Schwanz ihr Fell an den welken Schläfen der vom Scheintod erwachten.

Fiammetta, obschon von dem langsam mit dem Wedel ihr nachrückenden Don Adone am Kleide festgehalten, ließ sichs nicht länger nehmen, den sonderbaren Vorgang in der Nähe zu sehen, und bald stand sie im Kreuzgang zur Seite des Sargs, den Zeigefinger am geöffneten Munde, gespannten Blicks. Signora Trasi hatte ihre grauen und stechenden Augen weit aufgeschlagen; sie lallte eine Weile, gewann dann unter Räuspern den Gebrauch ihrer unmelodischen Stimme wieder und sagte endlich verständlich in ihrer rauhesten Tonart: Was soll die Dummheit? Ich glaube gar, ich liege im Sarge.

Per Dio! stimmte Fiammetta bei, und mit Hobelspänen unterm Kopf! Das will ich meinen, Signora. Ganze fünf Gran habe ich dem Pfennigputzer, dem Tischler in der Calata, dafür zahlen müssen. Und es waren doch kaum genug, um einen Topf Ziegenmilch zum Kochen zu bringen. Und nun seid Ihr auch nicht einmal wirklich tot!

9 Schweig, knurrte Signora Trasi, ich will euch lehren, mir so übel mitzuspielen. Ehi! Ehi! Einen Schnupfen hab ich schon weg. Gaglioffi!

Sie mußte ein paarmal heftig niesen und verlangte dann aufzustehn, wobei sie in die Höhe langte, als suche sie ihre Bettquaste. Unter Fiammettas beherztem Zugreifen und Don Adones zitternden Handreichungen – er wedelte dabei immerfort – gelang ihrs in der That, sich allmählich wenigstens bis zum Sitzen aufzurichten.

Was solls mit dem Regen? begann sie dann von neuem, noch nicht wieder hinreichend klaren Geistes, daß sie Don Adones Weihwassersprühen als solches aufgefaßt hätte. Dann aber, plötzlich ihre Miene ändernd, betrachtete sie lange und aufmerksam seine vom Weinen geröteten Augen, schüttelte, wie sich besinnend, den Kopf, betete eine Weile, nickte ihm zu und redete darauf langsam etwa wie folgt: Ich habe dir also doch Unrecht gethan, Adone, du hast wirklich um deine Mutter geweint . . . oder, fügte sie, schon wieder mißtrauisch, hinzu, weintest du um das Geld, das ich an meine Sippe in Salerno vermacht habe? He? Oder wohl gar um die teuern Kerzen? Denn ich sehe, man hat die größte Sorte für mich angezündet. Hm! Hm!

Adone konnte vor Bewegung nicht antworten.

Die Alte murmelte begütigend: sie rede wohl noch etwas irre, und warf einen strengen Blick auf das in neugieriger Spannung um sie beschäftigte Mädchen; darauf wandte sie sich wieder zu dem Sohne, und zwar mit einem besänftigten Ausdruck, der das vorher Gesagte entschuldigen zu wollen schien.

Ich danke der Madonna, sagte sie, daß ich diese 10 Stunde noch erlebt habe. Meine Kräfte werden bald wieder versagen, und dann werde ich nicht von neuem erwachen. Laß mich denn Versäumtes gut machen. Ich habe dir früher einmal von nahen Verwandten in Salerno geredet, denen ich, um einer alten Schuld willen, den größten Teil meines Vermögens vermachen müsse. Ich habe damals die Unwahrheit gesagt. Meine Verwandten sind sie nicht. Sie sind die Kinder eines Mannes, mit dem ich als ganz junges Mädchen verlobt war. Aus sträflicher Eitelkeit habe ich mein Gelöbnis zu Gunsten eines andern zurückgenommen, zu Gunsten deines Vaters. Weil der Himmel aber dergleichen nicht ungestraft läßt, bist auch du meinem Herzen nie das gewesen, was du hättest sein sollen. Ich habe nie ein Gefühl der Fremdheit gegen dich überwunden, und je mehr dein Vater dich verzog und verhätschelte, desto kälter bin ich gegen dich gewesen. Verzeihe mir, mein Sohn, du hättest in der Hut einer andern Mutter glücklichere Jahre verleben können. . . .

Sie mußte innehalten. Adone bückte sich über ihre kraftlos versagende Hand. Fiammetta guckte mit großen neugierigen Augen drein. Sie hatte die grillenhafte Alte nie so zusammenhängend reden hören; aber vor allem: sie hatte nie jemand vom Tode auferstehn sehen. Welches Glück, daß Euer Sohn mir erlaubt hatte, sagte sie, das Totenmahl warmzustellen und nicht während des Begräbnisses daheim zu bleiben! Wie käme ich wohl je im Leben wieder dazu, einem so unglaublichen Auftritt beizuwohnen? Ihr könnt Euch nicht denken, Signora, wie wunderlich die Sache aussieht. – Sie war ganz Ohr und Auge.

Die Alte strafte sie deshalb von neuem mit einem 11 herb mißbilligenden Blick und hob darauf zu ihrem Sohn gewandt freundlich wieder an:

In meiner Krankheit habe ich dich einmal gebeten, ein Paket zu versiegeln. Ist das geschehn?

Er hat Euch die Siegel ja selbst gezeigt, Signora Trasi, gab Fiammetta für den noch immer der Rede nicht wieder fähigen Sohn zur Antwort; besinnt Euch doch; damals als Ihr die Medizinflasche nach mir warft; natürlich ists petschiert; an drei Stellen!

Ich schrieb dann die Worte darauf, fuhr die Alte fort, erst nach meinem Tode zu öffnen. Ist es schon geöffnet worden?

Der Sohn verneinte durch Kopfschütteln, und Fiammetta glaubte hinzufügen zu müssen, er habe ihr nicht erlauben wollen, es für ihn zu öffnen; sonst wäre die Vorschrift der Signora Trasi allerdings schon befolgt worden; denn wozu der Aufenthalt? Heute sei heute, und morgen könne die Welt untergegangen sein.

Die Alte sah wohlwollend auf den Sohn und machte, als Fiammetta fortfahren wollte, gegen diese eine so unmutige Bewegung, daß sie das Kätzchen vom Kissen hinunter stieß, und daß Fiammetta für überflüssig hielt, sich noch weiter in die Sache zu mischen. Fiammetta trat also auf die Seite und ergötzte sich an dem Gedanken, was man draußen, wenn der Vorfall erst ruchbar geworden sei, für Augen machen werde.

Ich danke dir, mein Sohn, mein lieber Sohn, sagte währenddessen die Signora mit schwächer werdender Stimme; in dem Paket liegt alles, was ich außer Haus und Garten besaß, dein eigentliches väterliches Erbteil; ich hatte die Adresse der Salernoer 12 auf die innere Seite des Umschlags hinzugeschrieben, und du weißt nun, warum ich dir schon in einer frühern Krankheit, und so auch diesmal wieder, das feierliche Versprechen abnahm, du mögest das Paket, nachdem du die äußere Umhüllung erbrochen haben würdest, an die innenvermerkte Adresse befördern. Ich ändre, setzte sie stockenden Atems hinzu, hiermit . . . diese . . . rabenmütterliche . . . Verfügung . . . Behalte . . . be . . . halte . . .

Sie sank erschöpft zurück.

In dem vom Kreuzgang eingehegten Gärtchen plätscherte ein Brunnen, um dessen feuchten Rand die Tauben, Finken und Amseln der Nachbarschaft ihr Wesen zu treiben pflegten, auf den Beeten sowohl wie auf dem sie umgebenden grünen Rasen: denn der Himmel lag blau darüber, sodaß alles geflügelte Getier als freie Kostgängerschaft hier Zutritt hatte.

Die Nachmittagssonne vergoldete in langen Strahlen den Staub, der in der Kirche durch die Flüchtigen aufgestört worden und noch nicht wieder zur Ruhe gekommen war, und auch das plätschernde Wasser und die buntschillernden Kröpfe der einander jagenden Tauben erhielten ihr Teil munter lebendigen Lichts.

Das beobachtete Fiammetta noch, als die Alte schon nicht mehr redete, denn Fiammetta war eine gar schlechte Zuhörerin und hätte beim besten Willen nicht zu hindern vermocht, daß alle Äußerlichkeiten – das Hämmern und Klopfen draußen, die übereinandergeworfnen Rohrstühle, das umhersurrende schwarze Kätzchen, der lustige Sonnenschein und daneben die Unterhaltung mit einer im Sarge liegenden – sie 13 weit mehr in Anspruch nahmen als die Freude an dem Wiederlebendigsein ihrer mürrischen Herrin selbst, ja sogar der Inhalt dessen, was diese redete.

Don Adone, sagte sie aber dann, nachdem Signora Trasi wieder verstummt war, und zupfte den immer noch lautlos über die Hand seiner Mutter Gebeugten am Ärmelflor, was meint Ihr, wenn wir jetzt die Signora wieder nach Hause schaffen ließen? Sie liegt hier spottschlecht und steinhart, während zu Hause ihr schönes weiches Daunenbett nach unangerührt steht. Auch wird ihr eins der gebratnen Hühnchen von dem Totenmahle nach dem vierundzwanzigstündigen Fasten gut schmecken. Ists Euch recht, so laufe ich vorauf. Nachbar Daniele wird mir behilflich sein, den großen Backtrog Eurer Mutter auf seinem Schiebkarren mit herüber zu schaffen. Da hinein setzen wir sie und schieben sie dann behutsam wieder nach Hause.

Und wie willst du aus der Kirche hinauskommen? fragte Adone leise, denn in seine Betrübnis und mehr noch in das Grauen, das ihn nicht aus dem Zittern herauskommen ließ, mischte sich sehr lebhaft der Wunsch, selber das Freie zu gewinnen. Er sah sich mit bebender Wimper nach der wieder völlig bewegungslos Gewordnen um, die in der That, noch ehe Fiammetta ihre verständigen Vorschläge auskramte, diesesmal den allerletzten Atemzug gethan hatte, und winkte die kleine Hausgenossin dann von dem Sarge fort.

Fiammetta, sagte er gedämpften Tons, indem er ihre beiden Hände faßte, ich kann dir nicht sagen, wie unheimlich mir zu Mute ist. Das Kätzchen dort ist zwar dasselbe, das die Mutter immer gern um sich hatte, und es kann sich recht wohl, wie es sonst ihr 14 Bett teilte, auch zu der Mutter in den Sarg gelegt haben, ohne daß es jemand bemerkte. Aber ebensogut kann der Teufel dahinter stecken, und wenn ich offen sein soll, so muß ich sagen: Alles, was wir hier gesehen und gehört haben, halte ich für eitel Blendwerk der Hölle.

Still, zischelte Fiammetta: man hört Euch ja drüben im Sarge.

Ist je so etwas auf natürliche Weise zugegangen? fuhr Adone fort, indem er bei einem abermaligen Umblicken nach der vom Tode erwacht gewesenen und jetzt unzweifelhaft entseelten mit heftigem Schluchzen die Finger Fiammettas nur noch krampfhafter preßte – welch arglistig ausgesonnenes Stück! Denn daß ich dadurch verlockt werden soll, die Hand an fremdes Gut zu legen, das wird mir jetzt ganz klar. So treibts der Gottseibeiuns fast in allen ähnlichen Fällen. Ich will dir aus dem Buche der Kakodämonen, das Fra Ambrogio mir früher einmal geborgt hat, zwanzig, dreißig gutbeglaubigte Geschichten vorlesen, die sämtlich von Überlistungen der nämlichen Art handeln. Aber der Teufel soll mich nicht in sein Netz bekommen. Kein Karolin wird unterschlagen. Alles geht nach Salerno. Morgen mach ich mich selber dahin auf die Reise.

Was Ihr nur redet, Don Adone, widersprach Fiammetta gedämpften Tons, indem sie, beim Schluß seiner Rede mit ihrem neugierigen Beobachten der Veränderungen, die mit der Toten vor sich gegangen waren, fertig geworden, kopfschüttelnd und teilnahmvoll auf die unzweifelhaften Zeichen des Verscheidens ihrer Herrin hindeutete; was Ihr nur redet, armer Don Adone! Ganz Sant' Aniello würdet Ihr Euch ja zu Feinden machen! Morgen reisen! Als ob ich 15 nicht den halben Hühnerhof geschlachtet und gebraten hätte, damit Ihr morgen von Euern Verwandten keine üble Nachrede erfahrt. Nein, wo nun die Signora doch noch das Zeitliche gesegnet hat, dürft Ihrs schon nicht ohne ein reichliches Totenmahl thun. Für heute freilich wirds nichts mehr damit werden, aber morgen sollt Ihr sehen, daß ich aufzutischen verstehe. Was aber unser Kätzchen betrifft, Don Adone, fuhr sie fort, so habt keine Sorge; es ist wahr und wahrhaftig das richtige, fehlt ihm doch weder der weiße Bruststreifen, noch das zerfetzte Ohrläppchen, das ihm der bissige Spitz des Kapuzinerpriors neulich zu Schanden gebissen hat.

Sie hatte die letzten Worte schon mit weit umgebognem Nacken geredet, da vor der Kirchenthür die Beschwörungsgesänge eben begannen, und Adone sollte ihr jetzt beim Einfangen des Kätzchens behilflich sein, damit dasselbe nicht abermals Unheil stifte. Das lehnte Don Adone natürlich ab: der ungewohnt milde Ton seiner armen Mutter war ihm so warm zu Herzen gegangen, daß er nicht begriff, wie er ohne ihre gewöhnte Nähe weiterleben könne, und daß er sich am liebsten mit ihr zur ewigen Ruhe hätte bestatten lassen.

Während dagegen das kleine kraushaarige Mädchen auf das Kätzchen Jagd machte und ihr immer scheuer werdendes Wild unter und über die Stühle, Heiligenbilder, Votivsammlungen, Prozessionsstandarten und sonstige Inventarstücke des Kirchleins verfolgte, hatte der Prior draußen die zum Binden des Teufels nötigen Besprengungen, Beschwörungen und Räucherungen beendigt, und der festgenagelte Vorhang konnte nun wieder gelüftet werden.

16 Solcher Art fand das Kätzchen erwünschte Gelegenheit, sich seinen Verfolgern durch einen kecken Satz über die Köpfe der hinter dem Teufelsbeschwörer wieder in die Kirche dringenden Menge zu entziehn, und der Schrei: Il diavolo, il diavolo! erhob sich von neuem, diesmal freilich mit allerlei triumphierenden Zusätzen, als da sind: Habt Ihr gesehen, Nachbar, wie große Eile er hatte? – Der Dieb! der Gauner! der Galgenstrick! – Ei natürlich, er kann den Weihrauch nicht vertragen! – Und erst recht nicht die Anrufung der heiligen Mutter Gottes! – Und das Benedictus, Gevatter! – Und die Kreuze! – Nun nun, summierte Fra Ambrogio mit fröhlichem Augenzwinkern zum Schlusse auf: Wir haben ihm weidlich eingeheizt: Deo Gratias! Der kommt sobald nicht wieder.

Das Kätzchen wenigstens kam allerdings nicht wieder. Ein fremder Fleischerhund machte ihm draußen den Garaus, und wie Augenzeugen versichern, verschwanden schließlich der eine wie das andre, man weiß nicht wohin. 17

 

 

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