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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die Zelle der Äbtissin lag im zweiten Stockwerk, und der Weg dahin nahm einige Zeit in Anspruch.

Ich bin brustleidend, sagte Rosalba, laß mich deshalb nicht zu rasch gehn und vertraue mir in Kürze, ob du bei uns bleiben möchtest; für diesen Fall, sie legte ihren Arm, um beim Steigen eine Stütze zu haben, in den der vermeinten Klarissin, für diesen Fall laß dir versichern, daß erstens Schwester Tommasa dich dann nichts mehr angehn würde, daß ferner unsre Äbtissin die Güte und die Liebe selbst ist, daß endlich zwei bis drei unter uns ihrer besondern Gunst genießen. Und zwar hat sie uns deshalb gern, weil wir ihr das Leben nicht sauer machen. Ich weiß nicht, wie es bei euch zugehn mag, aber bei uns giebt es leider immer eine gute Menge zänkischer Gemüter, und es ist unglaublich, wie viele Fehden die gute Äbtissin Tag für Tag zu schlichten hat. Du nun hast mich und meine Freundin Prudenzia – der, mit der ich im Refektorium am Fenster stand – gleich auf den ersten Blick so sehr an unsre liebe ferne Schwester Innocenza 344 erinnert, daß wir beide uns in dem Wunsche begegneten, du mögest als dritte im Bunde in Innocenzas Stellung rücken. Denn vor drei Wochen haben wir sie wegen eines Fieberanfalls ins Gebirge zu den Soccolanten hinaufschaffen müssen, ach! und dort wird sie wohl zur ewigen Ruhe eingehn; stündlich erwarten wir seit gestern die Todesbotschaft. – Nach einer schmerzlichen Pause fuhr sie fort: Sie hatte ganz deine guten, herzigen blauen Augen, und wir würden dich gewiß bald eben so lieb gewinnen, wie wir sie selbst lieb hatten. Bist du also deinem Kloster etwa nur wegen harter Behandlung oder roher Haussitten entlaufen, so bleibe getrost bei uns. Krankenpflege und das Unterrichten kleiner Mädchen sind Beschäftigungen, denen man bald Geschmack abgewinnt, und es ist hier recht wohl durchführbar, unter dem Schutz der Äbtissin und in Fällen ihrer Abwesenheit auch zur Not unter dem ihrer Vertreterin, der alten Schwester Sofonisbe, sich der Wohlthaten völliger Abgeschiedenheit in Frieden und Ruhe zu erfreuen.

Bei diesen Worten zog Rosalba ihren Arm aus dem der Klarissin, um, da sie nun vor der Thür der Äbtissin standen, mit leisem Finger anzuklopfen und sich dabei durch das herkömmliche Deo Gratias zu melden. Ein muntres Entrate! gab Antwort, und nachdem Rosalba der künftigen Freundin empfohlen hatte, der Äbtissin volles Vertrauen zu schenken, ließ sie die Klarissin allein eintreten.

Auch diese Zelle war nur unzureichend beleuchtet, da, außer einem Wachsstümpfchen vor dem Bilde der heiligen Ursula über dem Kamin, nur eine hinter einem grünlackierten Schirm stehende Wachskerze auf dem Tisch am offnen Fenster im Nachtzuge flackerte. 345 Ruhiges Sternenlicht und unstetes Zimmerlicht vermischten sich auf eigentümliche Weise, und im ersten Augenblick sah Fiammetta von der Äbtissin nichts als eine auf und ab wandelnde düstre Silhouette, die von ihrem schwankenden Schatten gespenstisch begleitet wurde.

Da sich die Äbtissin aber mit der Bewillkommnung der Klarissin nicht beeilte, gewöhnten sich Fiammettas Augen bald hinreichend an das Halbdunkel, sodaß sie imstande war, in dem lebensfrohen Gesicht der Äbtissin den schon früher von ihr wahrgenommnen, gutherzigen Ausdruck wieder zu erkennen.

Die Äbtissin hatte sichs mit ihrem Anzuge schon etwas bequem gemacht. Statt der schwarzen Lederschuhe von vorhin trug sie rötlich bunte türkische Pantoffeln, mit denen sie im Zimmer gewichtig hin und her schlurrte. Ihr weißes Kopftuch war in den Nacken zurückgeschoben, sodaß ihr geschorner, aber mit ganz, ganz kleinen natürlichen Löckchen von goldbrauner Farbe bedeckter Kopf auffallend weltlich von der schwarzen Kutte abstach.

Nach einer Weile Auf- und Abschreitens sah sie sich mit zusammengekniffnen Augen im Zimmer um, als möchten etwa Bücher oder sonstige Dinge umherliegen, die nicht für jedermanns Blick taugten. Darauf ging sie zu einem Bücherbrett hinüber, zog die grüne Gardine vor, aber im nächsten Augenblick, wie sich eines bessern besinnend, wieder zurück, schob einen neben dem Fenstertisch stehenden bequemen braunledernen Polstersessel zurecht, setzte sich hinein und begann, zu der an der Thür stehenden gewandt, in wohlwollend einfachem Tone:

Es haben sich zwei meiner Nonnen für dich 346 verwandt, Beata, auch der Zettel des Marchese empfiehlt dich glimpflicher Behandlung; und da ich ohnehin die Gewohnheit habe, in Fällen wie der deine, nachdem die vorschriftsmäßige Bußrede gehalten und dem übrigen herkömmlichen Zeremoniell genügt worden ist, der Sache vertraulich auf den Grund zu gehn, so bist du, hoffentlich, noch ehe Tommasa ihr Mütchen an dir kühlen konnte, hierher beschieden worden. Nimm dir einen Schemel und sprich dich offen über dein Unglück aus.

Die Klarissin gehorchte der ersten Weisung.

Rücke näher, sagte die Äbtissin.

Auch das geschah.

Am liebsten hätte Fiammetta jetzt rasch die volle Wahrheit bekannt, aber da der Marchese ihr gesagt hatte, er könne sie und ihren Begleiter nur dann vor dem Galgen behüten, wenn sie beide bei der Behauptung, die steckbrieflich verfolgten Klosterflüchtlinge zu sein, beharrten, und da die gütigen Worte der Äbtissin ihr die Absichten des Marchese jetzt in einem minder gehässigen Licht als noch eben zuvor erscheinen ließen, so schwieg sie; denn der letzte Auftritt hatte ihr arg zugesetzt, und zum Fabulieren fehlte ihr der freundlich milden Fragerin gegenüber ohnehin alle Aufgelegtheit.

Die Äbtissin würdigte die Verlegenheit der Klarissin als den natürlichen Ausdruck einer herzlichen Beschämung und freute sich darüber. Sie prüfte, indem sie den Lichtschirm entfernte, die Züge der ihr, wie sie glaubte, mit reuiger Miene zu Füßen sitzenden und fand in ihnen, wie es zu gehn pflegt, alles das, was sie darin zu finden wünschte: Sanftmut, Fügsamkeit, Duldsamkeit, Einfalt und 347 Ratlosigkeit, aber auch das, was, wie sie wußte, die sanfte Rosalba darin entdeckt haben wollte, den Abglanz feinerer Geistesbildung, der die kranke Innocenza auszeichnete.

Wie du schon bemerkt haben wirst, Beata, begann sie dann mit schonendem Ablenken von neuem, reicht meine Macht nicht sehr weit. Mehr oder weniger bin ich Sklavin des hergebrachten. Auch in deinem Falle mußte also mit Strenge verfahren werden, und auch wenn das, was du mir sagen wirst, mich bestimmen sollte, Milde walten zu lassen, so würden in die Stelle der Kasteiungen doch immer noch allerlei andre Strafen treten müssen. Rosalba irrt sich, wenn sie dir etwa nach ihrer weichmütigen Art die Sorge vor dergleichen vollständig hat nehmen wollen. Irgend welcher Strafe bist du verfallen. Aber fasse meine Worte nicht falsch auf, Beata; du darfst vor mir keine Furcht empfinden.

Die Klarissin lispelte einige halb verständliche Worte unbedingten Vertrauens, und die Äbtissin fuhr fort:

Also was diese Klosterüberlieferungen betrifft, so bin ich an sie gebunden und bedarf ihrer selber natürlich auch am nötigsten, da ich nur durch eine solche feststehende Disziplin meine Nonnen in fügsamem Gehorsam erhalten kann. Innerhalb dieser Grenzen bewege ich mich aber nach Willkür, das heißt ich handle, wie mich recht dünkt. Du sitzt demnach keiner verknöcherten Moralistin gegenüber, ebensowenig freilich einem Weltkinde; vielmehr einer leidlich die Mitte zwischen beiden haltenden oder zu halten wünschenden Persönlichkeit, die sich die Freiheit nimmt, nach redlich vollbrachtem Tagewerk möglichst guter 348 Dinge zu sein. Hierbei kommt mir ein Naturell zu Hilfe, für das ich meinem Erlöser täglich auf den Knieen danke, und ebenso eine Lebensschule, wie ich sie mir nicht passender hätte wünschen können. – Sie that einige Fragen, die der Klarissin Gelegenheit geben sollten, von selbst auf ihre Geschichte zu kommen. Aber Fiammetta, matt und unlustig, beantwortete sie in so allgemein gehaltnen Ausdrücken, daß die Äbtissin, immer mehr von der nicht gemeinen Natur der Unglücklichen überzeugt, noch einmal sich selbst in den Vordergrund stellen zu müssen glaubte. Sie fuhr also fort: Ich habe mich in den Jahren, wo die Empfindungen am heftigsten sind, in eine so große Scheu vor der Ehe hineingelebt – man hatte mich gegen meine Neigung verheiraten wollen –, daß ich ohne irgend welche Überwindung endlich zum Berufe einer Klosterschwester gelangt bin. Da nun aber unser Orden uns nicht, wie der eure, zu einem bloß beschaulichen Leben verpflichtet, vielmehr uns thätige Aufgaben stellt, so ist es mir gelungen, diesen im Lauf der Jahrzehnte immer mehr Geschmack abzugewinnen, und seit ich Äbtissin geworden bin, hoffe ich auch in dieser Weise auf den Geist der mir Untergebnen günstig eingewirkt zu haben. Dabei versage ich mir nicht ein weiteres Ausbilden meiner eignen Anlagen, noch ersticke ich einen solchen Trieb in meinen Untergebnen. – Sie forschte nach dem Bildungsgange der Klarissin, auf die sie irrigerweise eine den Mönch betreffende Notiz des Marchese bezog, und da die wenigen Auskünfte, die Fiammetta verlauten ließ, nichts sagten, was der mißverstandnen Bemerkung widersprach, hielt sie für statthaft, der Mitteilsamkeit der Verschüchterten durch einige Nachweise über ihre 349 eigne Litteraturkunde zu Hilfe zu kommen. Sie sagte darum: Wenn der heilige Hieronymus, wie sein Biograph berichtet, den Virgilius und die heidnischen Komödiendichter zu dem Zwecke studierte, daß er sie in seinen Predigten beiläufig widerlegen könnte, so lese ich z. B. unsre vaterländischen Dichter – Sanazar, Dante, Tasso, Petrarca und andre, um mein Herz warm und mein Gefühl lebendig zu erhalten. Dort – sie zeigte auf das Bücherbrett –, dort stehn sie in Reih und Glied, die Erklärer so vieler Rätsel unsrer Menschennatur, meine Freunde, meine Tröster. Denn wem die Fähigkeit innewohnt, eine Leidenschaft ganz und gar zum Ausdruck zu bringen, der, fügte sie mit warmer Betonung hinzu, hat damit auch zugleich ihre innere Berechtigung nachgewiesen. Und somit komme ich auf den eigentlichen Zweck meiner langen Ansprache . . . sie hielt einen Augenblick inne, wie um noch einmal ihr Gewissen zu Rate zu ziehn, und fuhr dann langsamer fort, indem sie Fiammettas Hand ergriff: Hier also, liebe Schwester, in wenig Worten das, was ich dir zu sagen beabsichtige. Noch einmal, fürchte dich nicht vor mir, schenke mir dein volles Vertrauen! Hast du das Unglück gehabt, dich in eine Leidenschaft zu verstricken, die dich noch nicht losläßt, so sei versichert, daß du in mir eine treue Beraterin finden wirst. Hat der Himmel dich aber schon deinen Irrtum erkennen lassen, Kind, und kommst du zu uns wie das in die Dornen geratne Lamm, zwar vom rechten Wege abgeirrt, zerzaust und dem Anschein nach verwildert, aber mit dem Kleinod der Liebe zu unserm himmlischen Bräutigam noch in dem Schrein eines reinen Herzens, o, so glaube mir, die Freude des Schäfers im Evangelium war nicht 350 herzlicher, als es die meine ist; ich will mit dir weinen, daß du straucheltest, und mit dir dem Himmel in Inbrunst danken, daß du nicht fielst.

Die Äbtissin hatte mit sichtbarer innerer Bewegung gesprochen; unwillkürlich öffnete sie ihre Arme, und Fiammetta, hinfällig wie sie sich fühlte und kaum noch sie selbst, war im Begriff, sich an die Brust der freundlichen Frau zu werfen und alles zu bekennen.

Indem sie sich aber erheben wollte, versagten ihre Kräfte, und sie sank ohnmächtig vom Schemel auf den Fußboden.

Die Äbtissin sprang von ihrem Stuhl auf, gab dem Körper der Ohnmächtigen – das beste Hilfsmittel in solchen Zuständen – eine wagerechte Lage und holte dann ein Riechfläschchen herbei.

Und als die Klarissin unter den Händen der Äbtissin rasch wieder zu sich kam, sagte diese freundlich: Du bist erschöpft, arme Schwester; ich hätte früher daran denken sollen; man wird dir zu essen geben. Sie half der Klarissin wieder auf den Schemel hinauf und rief dann nach Rosalba. Diese kam sofort, erhielt die nötigen Weisungen und schaffte, während die Äbtissin einen ihr von Rosalba zugestellten Brief öffnete, mit großer Geschwindigkeit ein kleines Nachtmahl herbei, das aus Brot, kaltem Fisch und schönen Feigen bestand.

Erquicke dich, sagte die Äbtissin, indem sie mit dem Briefe an das Licht trat, gute Vorsätze müssen die Probe ausreichender Leibessättigung bestehn können.

Sie winkte Rosalba heran, damit diese ihr den Brief vorlese, wozu Rosalba sich auch sofort anschickte, während Fiammetta mit einem Seufzer über das 351 Fernsein ihres lieben Herrn, sobald sie sich nicht mehr beobachtet sah; heißhungrig zugriff und in wenig Minuten die Teller vollständig leerte.

So gut hatte es ihr geschmeckt, daß sie erst nach völlig beendeter Mahlzeit wahrnahm, mit welcher Lebhaftigkeit Rosalba unter heißen Thränen ein in dem Briefe ausgesprochnes Gesuch der Oberin des Soccolantinnenklosters unterstützte.

Dies Gesuch war, wie Fiammetta weiter zu verstehn glaubte, nicht leicht zu erfüllen. Es bezog sich auf den letzten Wunsch der im Sterben liegenden Innocenza, vor ihrem Hingange die von ihr mit besondrer Innigkeit verehrte Äbtissin der Ursulinerinnen für alle ihr durch Innocenza je bereiteten Mühsale um Verzeihung bitten zu dürfen; zugleich hoffte die Sterbende, so schrieb die Oberin, ihre lieben Freundinnen Rosalba und Prudenzia würden die ehrwürdige Äbtissin begleiten; ich möchte, daß sie mir die Augen zudrückten, seien die oft wiederholten Bittworte der sichtlich dem Jenseits entgegen Reisenden gewesen.

Die Äbtissin hatte, wie Rosalba zu Gunsten der Bitte geltend machte, in einem ähnlichen Falle schon einmal ihr Herz ihren Kopf überstimmen lassen. Aber die Äbtissin erwiderte, damals sei die für solche Ausflüge übliche Benutzung der Klostersänften wenigstens noch vor Ave-Maria vor sich gegangen. Jetzt hätte die Nacht schon begonnen. Die im Klosterdienst stehenden Knechte des angrenzenden Pachthofs Giajello und ebenso die Maultiere, denen das Tragen der Sänften oblag, würden auch mit Hilfe von Laternen den beschwerlichen Weg nach Puzzano kaum ohne Gefahr des Halsbrechens zu überwinden vermögen. Dazu 352 das Aufsehen! Morgen würde ganz Castellammare davon reden! Und dann: es sei ja niemand da, die Äbtissin zu vertreten, als die kränkliche und altersschwache Schwester Sofonisbe! Und Tommasa werde auch mit wollen, werde auf ihrem Recht bestehn, die Packknechte und den ganzen verfänglichen Marsch zu kommandieren! Alles das, während die Klarissin eben erst zu Bußübungen eingeliefert worden sei!

Die Äbtissin und Rosalba schritten unter dem Hervorsuchen und dem Bekämpfen dieser Schwierigkeiten lange Zeit im Zimmer auf und ab, ohne daß Rosalbas Gründe die Bedenken der Äbtissin ganz über den Haufen zu werfen vermochten. Endlich wurde diese, da sie ungern Innocenzas Begehr unerfüllt gelassen hätte, durch den Gedanken umgestimmt, die Interessen des ihr untergebnen Klosters könnten doch möglicherweise bei dem immerhin entschuldbaren Verstoß gegen das sonst beobachtete Herkommen besser fahren, als bei ihrem Fernbleiben von dem Sterbelager der Ursulinerin. Innocenza hatte nämlich früher einmal Erbschaftsansprüche übertragen wollen. Es war damals nicht dazu gekommen. Jetzt lag, wenn die Äbtissin ausblieb, eine Übertragung dieser Ansprüche an das Kloster, das ihr die letzte Pflege angedeihn ließ, im Bereich der Wahrscheinlichkeit. Die Soccolantinnen waren aber trotz ihrer ursprünglichen Armutsregel reich, reicher wenigstens als die Ursulinerinnen.

Also die Äbtissin entschied sich denn: Wir wollen doch lieber ohne Verzug aufbrechen; ich hoffe, Schwester Sofonisbe wird, obschon sie bei der Tafel fehlte, durch ihr Unwohlsein nicht verhindert sein, meine Vertretung für die wenigen Stunden unsers Fernseins zu 353 übernehmen; benachrichtige du sofort Tommasa; sie soll für alles sorgen; in einer halben Stunde müssen wir nach Puzzano unterwegs sein.

Und während Rosalba, die Wangen immer noch naß von Thränen, sich beeilte, den erwünschten Befehl zu vollstrecken, sammelte die Äbtissin im schweigenden Auf- und Abgehn ihre Gedanken, um ihnen, nach dieser Abschweifung auf das Gebiet irdischer Interessen, wieder eine besser für das letzte Abschiednehmen geeignete Richtung zu geben.

Erst nachdem sie das gethan hatte, erinnerte sie sich der nun, wie sie annehmen durfte, gestärkten Klarissin, mit deren Bußübungen allerdings noch vor dem Schlafengehn der übrigen Nonnen begonnen werden mußte, sollte die Äbtissin diesen nicht im Lichte allzu parteiischer Glimpflichkeit erscheinen.

Zu Fiammetta gewandt, die in nicht geringer Erregung über das halb Erlauschte, halb Erratene neben ihren leeren Tellern stand, sagte die Äbtissin demnach, als wähne sie, die Klarissin könne noch über jene Nachtreise und insonderheit über die davon unzertrennliche Schwächung der klösterlichen Aufsichtsorgane im Dunkeln erhalten werden: Rosalba hat mich gebeten, dir bis morgen Zeit zu einem offnern Aussprechen zu lassen. Nach allem, Beata, was ich von dir sehe und höre, halte ich es selbst für das ratsamste. Aufrichtig, wie ich zu sein pflege, füge ich aber gern hinzu, daß du mir nicht mißfällst. Da ich nun früher oder später vollständige Einblicke in deine Vergangenheit begehren werde, so scheint es mir in der Ordnung, auch dir die verschiedensten Elemente unsrer Genossenschaft, bevor du dich zu uns gesellst, möglichst deutlich zur Anschauung zu bringen. Unsre 354 grillige Pförtnerin hast du schon kennen gelernt. Sie taugt vortrefflich für ihren Posten und ist mir auch sonst nicht feil, da sie, wie wenig andre, für eine Verkörperung gewisser böser Folgen des langen Klosterlebens gelten kann. Ich habe jüngere Nonnen schon oft mit gutem Erfolg auf das Studium dieser Alten im Sinne der Abschreckungstheorie hingewiesen. Übrigens gefällt mirs auch, daß der Kork einer Flasche nicht schöner ist als ihr Inhalt; der Anblick unsrer Thorhüterin hat schon manches unerfahrne junge Mädchen vor dem Nonnenschleier behütet. – Nun giebt es aber, fuhr sie fort, wie in jedem Kloster begreiflicherweise auch bei uns weltbedürftige Existenzen. Ich könnte mich ihrer mit Leichtigkeit entledigen, denn ihre Verstöße gegen unsre Ordensregeln sind oft genug von sehr nachweisbarer Art. Da unsre heilige Ordensstifterin uns aber vor allem zur thätigen Menschenliebe verpflichtet hat, und ich dem Grundsatze huldige, daß diese zu Hause beginnen sollte und nicht erst in den Kreisen andrer, so stoße ich kein meiner Hut anvertrautes Schaf in die Wüste hinaus, es sei denn, es verderbe die noch unverdorbnen, oder lasse es an redlichem Eifer in der Erfüllung unsrer besondern Ordensobliegenheiten fehlen. Das ist aber selten der Fall. Im Gegenteil befleißigen sich in sehr wahrnehmbarer Weise die, deren Wandel mir häufig Kummer bereitet, mir wiederum Freude zu machen, vor allem durch ihre Opferwilligkeit in der Krankenpflege, und ich glaube recht zu handeln, wenn ich gerade ihnen, wie die Heilige Schrift es empfiehlt, »viel vergebe.« Zwei Schwestern dieses Schlages, sagte sie, sich nach einer kurzen Pause von neuem zu der Klarissin wendend, sind in diesem Augenblick mit einer zwar nicht 355 schweren, aber demütigenden Strafarbeit beschäftigt. Die Berührung mit ihnen ist geeignet, dir einen Begriff von den mancherlei Unerfreulichkeiten zu geben, die auch bei uns nicht fehlen, denn wo viel Licht ist – sie blickte wohlwollend auf die eben wieder eintretende Rosalba –, da ist auch viel Schatten. Geselle dich also für ein paar Stunden diesen beiden Unverbesserlichen und doch in ihrem werkthätigen Eifer mir Unersetzlichen. Ihre Strafarbeit dauert, bis der Horagesang anhebt. Hernach magst du dich für diese Nacht in die Zelle verfügen, die durch die Abwesenheit der Schwester Innocenza frei geworden ist. Rosalba wird dir dort ein Lager bereiten.

Fiammetta hatte gefürchtet, man werde sie zunächst zu allerhand Andachtsübungen heranziehn. Das hätte ihr sonst keinen Verdruß gemacht, denn sie war keine Verächterin des Betens und Singens. Aber gegenwärtig fühlte sie freilich einen viel größern Zug zu diesen Aufsässigen, denen die Klausura ein Greuel war. Aus ihnen herauszubringen, welche schwachen Stellen die Festung habe, lag ihr vor allem am Herzen. Sie hütete sich also, sich anders als fügsam zu zeigen. Gleich Rosalba legte sie ehrerbietig die rechte Hand auf die linke Brust, indem sie sich gegen die Oberin schweigend verneigte, und überließ sich erleichterten Herzens abermals der Führung der sanften Nonne.

Als beide auf den Gang hinausgetreten waren, begann Rosalba, obgleich sie mit ihren Gedanken ohne Zweifel schon in Puzzano war, in der ihr eignen lieblichen Weise die Äbtissin um der Bußübung willen zu entschuldigen, die der Fremden nun doch nicht erlassen worden sei, wobei sie einige feine Züge aus 356 dem Leben der Äbtissin erzählte, die sämtlich geeignet waren, darzuthun, daß jeder ihrer Strafen eine wohlüberlegte Seelenkur inne wohne.

Nachdem sie dann noch ihrer neuen Freundin die freundlich mit Blumen geschmückte Zelle Innocenzas gezeigt und, an dem Lager derselben mit gefalteten Händen niederknieend, ein Gebet für das sanfte Entschlafen Innocenzas gesprochen hatte, geleitete sie die Klarissin treppab in einen düsterm Seitenflügel des umfangreichen Gebäudes.

Hier, sagte sie, indem sie mit einem Seufzer vor einer halb offnen Thür Halt machte, aus der matter Lichtschein, aber sehr helles, gut gelauntes Geplauder hervordrang, hier ist die Strafkammer; laß dich durch die etwas rohen Reden der beiden straffälligen Schwestern nicht an ihnen irre machen; ihr Kern ist nicht schlecht, und ich hoffe zu Gott, daß sie sich im Laufe der Jahre nicht, wie die Äbtissin fürchtet, als Unverbesserliche erweisen werden.

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Nonne, und Fiammetta trat mit einiger Beklemmung, aber doch des ängstlichen Festhaltens ihrer Rolle herzlich müde, mit einem Deo Gratias in die Strafkammer. 357

 

 

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