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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel

Castellammare ist heutigestags, wie ihr alle wißt, ein ganz stattliches Städtchen. Aber zu der Zeit der Begebenheiten, die hier wahrheitsgetreu erzählt werden, hatte der Zustand der wenigen fahrbaren Straßen des Orts noch den regellosen Charakter, mit dessen Bekriegung jede moderne Stadtbehörde ihre Thätigkeit einzuweihn liebt.

Man ließ sich also noch mitten auf der Straße barbieren. Die Weiber des Orts strählten und flochten einander die Haare, wo nur immer ein Stuhl auf dem unebnen Lavapflaster feststehn wollte. Die Mütter säuberten ihre Kinder am allgemeinen Brunnen, als gelte es, die ganze Nachbarschaft für diese löbliche Pflichterfüllung zur Zeugenschaft aufrufen zu können. Der öffentliche Briefschreiber – noch kein so allseitig geehrter Mann, wie wir deren heute in diesem Vertrauensamte hie und da sehen, zum Exempel an der Spiaggia della Marinella – durfte mit seinem Tische von früh bis spät im Schatten seines großen Schirms an den verkehrreichsten Stellen sitzen, weder der Wagen achtend, noch der Zugtiere, 285 noch der Treiber, die alle seinetwegen bald rechts bald links ausbiegen mußten, was jetzt leider Gottes nicht immer geschieht. Der Frittiverkäufer verbaute mit seinen tragbaren Feuerherden und seinen fischduftigen Kesseln voll siedenden Öls die belebtesten Kreuzwege. Und wo zwischen den ausgekramten Woll- und Baumwollschätzen des einen Ladens und den gesalznen Stockfischen, geräucherten Salami und gerösteten Kastanien des andern kaum noch durchzukommen war, dahin postierte sicherlich ein Maccaronikoch seine ambulante Speisewirtschaft, und den ganzen Tag lungerten Müßiggänger vor den Töpfen und Kasserolen, wobei sie sich das Ansehen gaben, als buchstabierten sie an den von ihm zur Empfehlung seiner Ware ausgehängten, schön geschriebnen Sonetten.

So etwa war das Städtchen beschaffen, in das jetzt die von Don Boltraffio Eingefangnen beim Sinken des Tags ihren Einzug hielten.

Vorauf Don Boltraffio mit majestätischer Grandezza, hinter ihm der Mönch und die Nonne, und zum Schluß Silvestro, rechts und links den Fragern Rede stehend, aber mit seiner Hellebarde zugleich zu verstehn gebend, daß jeder gut thue, sich nicht thätlich einzumischen.

Man hatte dergleichen in Castellammare noch nicht gesehen, und die ganze Stadt geriet in Aufregung. Zum Teil aus Ehrfurcht vor dem kirchlichen Kleide. Eine Nonne, einen Mönch in der Weise von Straßenräubern und Mördern zu behandeln! – è una vergogna! so hieß es bald in dieser, bald in jener Gruppe.

Aber auch andre Meinungen wurden laut. Recht so, Don Boltraffio! rief ein kurzhalsiger Barfüßer, 286 dessen Orden gegen den Orden, in dessen Kleide die beiden Arrestanten gingen, seit manchem Jahrzehnt in Fehde lag; habt mit den Ausreißern kein Erbarmen; die ganze Sippe taugt nichts.

Ei, er lästerlicher Tagedieb, fertigte den Barfüßer wieder ein von seiner Pech- und Drahthantierung aufgestandner Schuster ab; wer, wie Ihr, jahraus jahrein sich nicht schämt, ohne Strümpfe und Schuhe einherzulaufen, der hat gar nicht das Recht, mit hineinzureden, wo unsre Stadtgewohnheiten in Frage kommen.

O küß ihm nur dreist die Hand, bedeutete eine junge Mutter ihrem Töchterchen, das dem vermeintlichen Mönche nach Landesbrauch ihren kindlichen Respekt erweisen wollte und wegen der sonderbaren Begleitung mit ihrem Vorhaben ins Stocken geraten war.

Hast Recht, stimmte ein Weib bei, das, mit dem kupfernen Wassergefäß auf dem Kopfe, ihrer überflutenden Bürde nicht achtend, sich willig von dem Gedränge mit fortreißen ließ; hast ganz Recht, Nenella; küß auch der heiligen Frau die Hand, Kleine. Wir wissen schon, wer von den Vieren zu den Orden der Herumstreicher und Menschenschinder gehört.

In dieser und andrer Weise klang es bald hier bald dort; denn die hohe Obrigkeit hatte damals im Neapolitanischen wenig Freunde, und wer ihr in die Hände fiel, konnte vielseitiger Teilnahme gewiß sein.

Endlich war die Granguardia glücklich erreicht, ein altes kastellartiges Gebäude aus der Zeit des guten Königs Manfred von Sizilien, im Erdgeschoß mit vergitterten Fenstern versehen, hinter denen nach 287 Landessitte die Gefangnen Mora spielten, Tarantella tanzten, Schandlieder sangen und beiläufig mittels einer langen Stange, an der ein Lederbeutel hing, die Vorübergehenden besammelten.

Die Schildwache vor der Thür wurde nun durch Silvestro verstärkt, und den Zureden, Vorstellungen und Drohworten des einen wie des andern gelang es nach und nach, während Don Boltraffio mit seinen beiden Missethätern im Innern der Granguardia verschwand, die draußen Gebliebnen zu beruhigen oder sie nach Hause zu schieben.

Der sogenannte Tyrann oder Governatore von Castellammare war ein Edelmann aus der Terra di lavoro, ein Marchese Carraccioli, ein Nachkomme des berüchtigten Gennaro Carraccioli, der sein Eheweib Olimpia Colonna aus Eifersucht in seiner Burg Girifalco eingesperrt hielt, bis die Totgeglaubte und sogar durch ein Grabmonument als tot Bestätigte durch Kapuziner entdeckt und dem Leben zurückgegeben wurde, wie die Historiker und Trauerspieldichter dies des breitern erzählt haben.

Der Marchese glich übrigens seinem gewaltthätigen Ahnherrn nach gar keiner Richtung, und die von dem kleinen Buckligen aufgetischte Galgengeschichte, obschon ganz vor kurzem in naher Nachbarschaft passiert, hatte mit dem Marchese Carracciolo doch nicht das mindeste zu thun. Er war ein vergnüglicher, gut unterrichteter, etwas neckisch gearteter Mann, der seine Frau – auch eine Donna Olimpia, aber aus dem Hause Caraffa – leidenschaftlich liebte und von ihr aufs innigste wieder geliebt wurde. Beide vergötterten ihr Töchterchen Dolcebona, die sich, obschon erst vierzehn Jahre alt, unter dem 288 sonnigen Himmel dieses gesegneten Landes schon zu einer ungemein anmutsvollen Schönheit entfaltet und durch ihre angeborne Gutherzigkeit, gepaart mit einer steten Aufgelegtheit zu werkthätigem Eingreifen, auch die natürlichen Anlagen so des Vaters wie der Mutter in dieser Richtung noch gesteigert hatte.

Übrigens war die häusliche Harmonie in der letzten Zeit zuweilen durch den gut gemeinten Einfluß der Schwester des Marchese, einer Donna Irena oder – wie sie zumeist von dem Bruder betitelt wurde – Donna Sirena, etwas getrübt worden, da diese phantastisch disponierte Dame von ihrer Villa hoch im Gebirge oft nach Castellammare herabkam und sichs dann angelegen sein ließ, die Früchte ihrer philosophischen Lektüre in dem häuslichen Kreise des Bruders zu verwerten. Da die Gattin des Marchese nach der löblichen Sitte unsrer Vorfahren erzogen worden war, hatte sie sich nur wenig derartige nutzlose Kenntnisse angeeignet, und auch Dolcebona war vor solchem Ballast behütet worden, und nach der Ansicht ihres verständigen Vaters stand ihre Einfalt ihr ungleich besser als seiner Schwester ihre ganze lästige Gelehrsamkeit. Daß diese Gelehrsamkeit aber der Marchesa wie auch der Tochter stark imponierten, konnte er nicht verhindern, und Madonna Sirena hatte darum selten einige Tage in dem Schlosse Carraccioli zugebracht, ohne Frau und Tochter in eine kleine Fehde gegen den Marchese zu verwickeln. Sie bekannte dabei ohne Hehl, daß überhaupt das männliche Geschlecht allein auf Erden die Mühe des Erziehens lohne, daß sie deshalb auch nicht aufhören wolle und dürfe, an der Erziehung ihres Bruders 289 zu arbeiten, daß es ihr gleichgiltig sei, ob ihm diese Anstrengungen willkommen seien oder nicht, daß sie sich selbst – weil nur ein Weib – einzig um ihres Bruders willen mit Lektüre plage, und daß sie jede Gelegenheit, seine Lebensweise mit den Grundlehren der Philosophie in korrektern Einklang zu bringen, im Bewußtsein ernsten Pflichtendranges willkommen heiße.

Glücklicherweise wurden durch die herzliche Zuneigung der beiden Geschwister die Verstimmungen, die Donna Sirena solcher Art in ihrem Eifer bei jedem Anlaß zu Tage förderte, immer ausgeglichen, und der Marchese hatte sich daran gewöhnt, die Sache von der heitern Seite zu nehmen. Zumeist begünstigte er selbst die gegen ihn angezettelten Unternehmungen und sorgte nur dafür, daß, wenn er aus ihnen schließlich als der Lacher hervorging, sich die Schwester mit ihrer Theorie von der männlichen Alleinberechtigung zu trösten vermochte, und Tochter und Gattin, für kurze Zeit bekehrt und belehrt, zu ihm zurückkehrten.

Diesesmal war der Steckbrief, mit dem der Governatore die Nonne und den Mönch auf Ansuchen eines bei Amalfi liegenden Klosters verfolgen lassen mußte, der Zankapfel. Wie schon aus den Gesprächen Beatas und Ippolitos abzunehmen gewesen ist, hatte zur Zeit der denkwürdigen Pilgerfahrt Don Adones die in andern Ländern verfügte Schließung mehrerer Ordenshäuser auch im Neapolitanischen hie und da Wiederhall gefunden, und die durch Zeitströmungen stark beeinflußbare Donna Sirena phantasierte seitdem von der Zweckmäßigkeit der Aufhebung aller Männerklöster diesseits und jenseits des Faro. Der 290 Marchese dachte anders darüber, hätte aber den beiden Flüchtlingen gern ein glückliches Entkommen gegönnt, da er überhaupt in solchen Fällen durch die Finger zu sehen pflegte und den Anmaßungen einzelner Klosterobern, mit denen er schon in ähnlichen Angelegenheiten zu schaffen gehabt hatte, durchaus keinen Geschmack abgewinnen konnte. Der einfältigste Wortklauber und Schneesieber der Prefettura war demnach mit der Verfolgung der Flüchtlinge von ihm betraut worden, und während sich der Marchese von seiner Schwester und bald auch von Frau und Tochter Vorwürfe über Vorwürfe wegen seiner Grausamkeit gefallen ließ, war er mehr als sicher, daß dem täppischen Don Boltraffio der Fang nicht glücken werde.

Die Nachricht, daß Mönch und Nonne dennoch richtig gefaßt und in Haft gebracht worden seien, überraschte ihn darum nicht wenig.

Don Boltraffio mußte ihm sofort in der Kanzlei des Marchese, einer Art fensterlosen und den ganzen Tag von zwei großen Wachskerzen erleuchteten Halle, Bericht erstatten, wobei sich Don Boltraffios Furcht vor einer etwa begangnen Ungehörigkeit allmählich verflüchtigte. Dann wurden die Inhaftierten vorgeführt.

In seiner grauen Mönchskutte, an dem Hüftenstrick die knotige Geißel, die runde, kurze Kapuze bis über die Stirn herabgezogen, trat zuerst Don Adone gesenkten Blicks über die Schwelle. Ähnlich angethan, aber das graue Schleiertuch weit hinabgezogen, sodaß die breite weiße Stirnbinde ganz verdeckt war, folgte Fiammetta. Sie ahmte die oft von ihr wahrgenommne Nonnenhaltung nicht übel nach und ließ 291 dann, während der Marchese bald in den Steckbrief des Mönches guckte, bald diesen selbst mit dem Signalement verglich, ihre hellblauen Augen verstohlen das räucherige, himmelhohe Gemach durchmustern; dazwischen schielte sie jetzt nach dem wieder grimmig dreinschauenden Bargello hinüber, jetzt nach dem hübschen, aber sehr streng blickenden Tyrannen, dem Don Boltraffio mit der silbernen Kapseluhr in der Hand noch weitschweifig allerlei Kommentare zu dem schon von ihm Rapportierten vortrug.

Aber der Bart! Wo hat Er den Bart hingethan? herrschte jetzt der Governatore den Bargello an. Er liefert mir den Arrestanten nicht vollständig. Da steht ein langer Bart im Steckbrief. Wo ist der Bart?

Der Teufelskerl hatte ihn ja schon abgeschnitten, Eccellenza, ehe ich meinen Fang machte, entschuldigte sich Don Boltraffio; und indem er mit drohend erhobnem Finger auf den Delinquenten deutete und Fiammettas eben beabsichtigten Einspruch mit einem furchtbaren Blicke niederblitzte, fragte er: Befehlen Eccellenza, daß ich zur Strafe dafür die große verga particolare ins Wasser legen lasse?

Das mag Er thun.

Don Boltraffio ging, und der Governatore, fürs erste nach seiner Inquiriermethode noch Basilisk, setzte eine viereckige goldne Kneifbrille auf die stattliche Hügelnase, lehnte sich in seinen mächtigen seegrünen Ledersessel zurück und betrachtete mit Muße, aber dräuenden Auges die beiden Leidensgefährten.

Fiammetta hatte schon bei der Erwähnung der Granguardiarute ihre Fassung verloren, und da ihr die Rede des Buckligen und der Galgen einfielen, hätte sie am liebsten gleich zu weinen angefangen.

292 Ihr gebt vor, Geschwister zu sein und mit Erlaubnis Eurer Obern nach einem wunderthätigen Bilde zu pilgern, so hob jetzt der Marchese an, indem er bald ins Protokoll sah, bald Mönch und Nonne ansah, in denen er wirklich die beiden unglücklichen Ausreißer vor sich zu haben fürchtete.

So ist es, Eccellenza, mit Erlaubnis unsrer Obern, antwortete Fiammetta zitternden Tons, aber doch froh, daß ihre Mutter und deren verschiedne Namen von dem Marchese unerwähnt gelassen waren.

Und Ihr, wandte sich der Marchese zu Don Adone, Ihr bleibt bei der Behauptung, Karmeliter zu sein und nicht reden zu dürfen?

So ist es, Eccellenza, wiederholte Fiammetta; ich werde für ihn Rede stehn; bitte, fragt nur mich.

Der Marchese musterte den Mönch eine Weile und fuhr dann fort: Sagt mir denn also, Madonna, zu welcher besondern Regel dieser Karmeliter gehört?

Fiammetta sah auf den Boden; sie wußte kein Jota von den besondern Regeln der Karmeliter.

Ich verstehe nicht ganz, sagte sie unsicher stockend.

Nicht?

Nein, Eccellenza; seine Regel, dächte ich, ist, daß er nicht reden darf; das liegt wohl schon in dem Namen Karmeliter; meint Ihr noch eine andre Regel?

Der Marchese antwortete in strengerm Tone: Seht Euch vor, Madonna, daß ich Euch nicht auf einer Unwahrheit ertappe.

Eccellenza, bat Fiammetta, wollet Nachsicht mit mir haben. Ich muß beständig an die Rute denken, die der brummbärtige Bargello ins Wasser legen wollte.

293 Der Marchese unterdrückte ein Lächeln. Es lag ihm nicht daran, das Pärchen wieder der Klausur zu überantworten, doch war ihm noch nicht klar, wie er es entschlüpfen lassen, und noch weniger, wie er zuvor noch erst seine Schwester dabei zu einer ihrer herkömmlichen Abenteuerlichkeiten verleiten könnte, und so setzte er einstweilen sein Inquisitorium geschäftsmäßig fort, indem er seine Fragen nur so einrichtete, daß die Nonne früher oder später an sein Mitleid zu appellieren genötigt sein würde.

Folgendes muß ich Euch denn doch entgegenhalten, begann er nach einigen Blicken in den Rapport von neuem; ich fragte, zu welcher Regel Euer Bruder gehöre? Diese Regeln alle zu kennen, ist Euch nicht zuzumuten. An sich darf Eure Aussage aber nicht widersinnig erscheinen. Ob sie das nicht etwa ist, wollen wir jetzt etwas näher untersuchen. Zunächst wegen der Karmeliterregeln. Es giebt deren vier, nämlich die beschuhten Observanten, die Observanten mit den runden weißen Hüten, die Barfüßer in Spanien und endlich die Barfüßer bei uns hier in Italien.

Da Fiammetta einfiel, daß Don Adone noch immer in den Strümpfen und Schuhen ihrer Pate ging, so antwortete sie, wie sie glaubte, sehr sachgemäß: Wenn dem so ist, Eccellenza, und ich zweifle ja natürlich durchaus nicht daran, so würde ich sagen mit Eurer Erlaubnis: da mein Bruder keinen runden weißen Hut trägt, sondern eine runde graue Kapuze, so kann er nicht zu den Observanten der zweiten Regel gehören; da er ferner nicht barfuß, sondern in Schuhen geht, so ist er auch unmöglich ein Karmeliter der dritten und vierten Regel. Hiernach bliebe nur 294 die erste Regel für ihn übrig, wenn ich recht gehört habe, Eccellenza, die sogenannten beschuhten Observanten. Ich möchte also der Meinung sein, mein Bruder sei ein beschuhter Observant. Hat Eccellenza dagegen ein Bedenken?

Allerdings hätte ich dagegen ein Bedenken, wandte der Marchese ein, denn für diesen Fall bände ihn kein Schweiggelübde; nur die beiden Barfüßerkongregationen sind zu Selbstpeinigungen, blindem Gehorsam, Fasten und Schweigen verbunden.

Fiammetta war einige Augenblicke in großer Verlegenheit; dann aber schlug sie sich vor die Stirn. Sollte mans für möglich halten! rief sie, ich selbst habe ihm heute früh, als ihm seine bloßen Füße von der langen Wandrung zu schmerzen begannen, von meinen Strümpfen und Schuhen ein Paar geborgt, und jetzt zerbreche ich mir mit Euch, Eccellenza, den Kopf, wie die Rechnung nur zum Stimmen zu bringen sei. Das macht alles die abscheuliche Rute, Eccellenza. Natürlich ist er, seiner Regel nach, Barfüßer. Warum hätte er sich sonst die Füße wund gelaufen?

Der Marchese schellte.

Der Bargello trat ein.

Fiammetta bebte zusammen. Don Adones Kniee schlotterten.

Aber der Marchese befahl nur: Er mag die verga particolare wieder beiseite schaffen. Und Don Boltraffio ging nach einem verwunderten: Zu Befehl, Eccellenza! wieder hinaus.

Auf Eure eigne Tracht, Madonna, und auf das Schuh- und Strümpfekapitel, hob der Marchese wieder an, komme ich gleich nachher zu reden und 295 bitte Euch nur, da die Rute jetzt nicht mehr in Frage kommt, Euch so auszudrücken, daß wir vom Flecke kommen. Euer Bruder soll also – dabei sind wir stehn geblieben – zu den Karmeliterbarfüßern gehören, und zwar, da wir nicht in Spanien, sondern in Italien sind, zu den italienischen. Einverstanden?

Gewiß, Eccellenza. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Euch die Sache so schwer mache, Eccellenza.

Wißt Ihr denn aber auch, fuhr der Marchese fort, daß die Klöster dieser Barfüßer im Neapolitanischen längst aufgehoben worden sind?

Aufgehoben? stotterte Fiammetta.

Aufgehoben.

Und Ihr irrt Euch natürlich nicht, Eccellenza?

Durchaus nicht.

Die hohe Regierung . . . . muß freilich am besten wissen . . . . was sie thun und was sie lassen soll . . .

Darum handelt sichs hier nicht.

Ich wollte auch keineswegs etwas Respektwidriges gesagt haben.

Das glaube ich Euch gern. Aber wie kommt Euer Bruder auf den Einfall, einer von der Regierung aufgehobnen Ordensregel angehören zu wollen?

Fiammetta glühte vor Verlegenheit.

Der Marchese ließ sie eine Zeit lang auf der Folter. Dann sagte er, um sie auf einem Umweg aus der Klemme zu befreien: Eure Sache steht, wie Ihr seht, bedenklich, Madonna. Auf dem ganzen Festlande des Königreichs giebt es keine derartigen Klöster mehr, und Ihr sagtet doch, Ihr kämt von Atrani.

Von Termini, Eccellenza.

296 Von Termini? Und dort liegt ein solches Kloster?

Vielleicht sind sie in Sizilien noch nicht alle aufgehoben, Eccellenza.

Das betreffende Dekret bezog sich allerdings nur auf das neapolitanische Festland.

Also stimmt ja doch noch alles, teuerste Eccellenza, rief Fiammetta aufatmend, o Ihr seht, Eccellenza, ich rede die lautere Wahrheit. Laßt uns nur in Gottes Namen unsre Wege ziehn. Der Himmel wirds Euch lohnen, Eccellenza, und liegt Euch an unsern Gebeten für Euer Seelenheil, Eccellenza, hier habt Ihr mein Versprechen, auf zehn, auf zwanzig Aves täglich soll es mir nicht ankommen, Eccellenza, auch meinem armen Herrn nicht, Eccellenza, wir sind zwei dankbare Geschöpfe.

Euerm armen Herrn? fragte der Marchese einigermaßen befremdet, ich denke, er ist Euer Bruder?

Mein leiblicher Bruder, Eccellenza, verbesserte sich Fiammetta; in Termini nennen wir das: mein Herr Bruder oder auch kurzweg: mein Herr. Zuweilen hat man ja Eile, Eccellenza, und da läßt man das Wort Bruder weg.

Der Marchese, der schon ein paarmal Mönch und Nonne zweifelnd darauf angesehen hatte, ob sie denn wirklich mit dem Steckbrief in irgend welchem Zusammenhang standen, räusperte sich. Hm hm, sagte er, auch darauf wird noch zurückzukommen sein. Zunächst eine weitere Kostümfrage. Euer Bruder ist also sizilianischer Karmeliter-Barfüßer. Aber dabei trägt er eine graue – Franziskanerkutte. Wie kommt das?

Fiammetta guckte erschrocken Don Adone und 297 dann sich selbst an. Sie hatte nicht daran gedacht, daß Karmeliter vielleicht andre Farben trügen.

Sollte das wirklich grau sein? mit dieser Frage versuchte sie sich herauszuwinden; man sieht hier etwas schlecht, Eccellenza.

Ich halte es für grau, sagte der Marchese, die Karmelitertracht ist aber eigentlich – nämlich nach der ursprünglichen Feststellung – schwarze Kutten und darüber weiß und braun gestreifte Mäntel.

»Eigentlich,« Eccellenza, stimmte Fiammetta bei, indem sie vor Angst immer sophistischer wurde; aber gewöhnlich, dächte ich, Eccellenza, tragen sie graue Kutten. Wozu auch schwarz? Ich versichere Euch, Eccellenza, wenn die Sonne auf schwarz scheint, man meint rein in einer Bratpfanne zu stecken.

In der That hat man später die Farbe geändert.

Nicht wahr in grau, Eccellenza?

Nein, in braun.

Das heißt, Eccellenza, doch wohl mehr in graubraun. Ich meine, die Farbe ist so zwischen beiden; aber jedes Auge sieht ja auf seine eigne Art; wer will über so etwas streiten! Ich kannte einen erwachsenen Knaben, Eccellenza – Benedetto hieß er, ein ganz tüchtiger Junge –, der wußte nicht einmal rot und grün zu unterscheiden. Man sollte es nicht für möglich halten.

Diesesmal kommt Ihr nicht durch, sagte der Marchese; die Karmeliter tragen ein richtiges unzweifelhaftes Braun, und was ich an Euerm Bruder noch mehr vermisse: wo ist das Obergewand unsrer lieben Frau, das Skapulier! Jeder Karmeliter muß es über Brust und Rücken in der Breite von sechs Zoll herabhängen haben. Nur wer ein solches Skapulier im 298 Sterben auf dem Körper hat, bleibt vom ewigen Feuer verschont. Das hat die heilige Mutter Gottes dem Ordensgeneral der Karmeliter, dem ehrwürdigen Simone Stock, vor ich weiß nicht wie langer Zeit in einer Vision geoffenbart. Wie könnt Ihr mir einreden wollen, der Mann dort sei Karmeliter?

Fiammetta wurde diesesmal noch röter als zuvor, aber im nächsten Augenblicke fiel ihr eine Ausrede ein, und so antwortete sie: Eccellenza, erlaubt mir eine ganz bescheidne Frage. Ihr sagt, wenn ich Eccellenza recht verstand, die Wirkung des Skapuliers hänge davon ab, daß man es auf dem Körper trage. Sollte das hier nicht beachtet werden müssen? Wenn mein Bruder reden dürfte, würde er uns gewiß nachweisen können, wo ers trägt. Obenauf hilfts vielleicht nicht einmal soviel als ganz zu unterst.

Hier hatte der Marchese Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken. Doch blieb er in seiner Würde und sagte trocken: Boltraffio mag im Nebenzimmer sofort eine Untersuchung daraufhin mit Euerm Bruder anstellen.

Bei diesen Worten verstummte Fiammetta vor Bestürzung, und Don Adone überlief es heiß und kalt. Unter seiner Mönchskutte würde, wie beide ja nur zu gut wußten, nichts zum Vorschein kommen als das Staatskleid der Pate Fiammettas, und fand man das, da mußten sich beide auf kurzen Prozeß gefaßt machen; sie waren dann Verschwörer, und ihr nächster Gang nahm die Richtung nach dem Galgen.

Aber Fiammetta hatte sich von ihrem Schreck, während der Marchese nach der Schelle suchte, schon wieder erholt. Ihr wißt natürlich am besten, Eccellenza, sagte sie mit möglichst furchtloser Stimme, 299 wie weit Ihr in Euerm Mißtrauen gegen uns harmlose Pilger gehn müßt. Habt Ihr aber nicht selbst gesagt, die Barfüßer hätten sich außer zum Fasten und Schweigen auch zu Selbstpeinigungen verbunden?

Gewiß.

Nun gut, Eccellenza, bei einer Untersuchung, wie sie der Bargello vornehmen soll, Eccellenza, würde zu Tage kommen, daß mein armer Bruder gestern im Morgengrauen eine Art Kasteiung mit sich vorgenommen hat, über die ich zwar nichts Näheres weiß, Eccellenza, die aber geradezu fürchterlich gewesen sein muß, denn noch bis gegen Mittag, Eccellenza, sah ich sein Gesicht von den Schmerzen zucken, die er gehabt hatte.

Der Marchese lächelte. Das alles, sagte er, scheint mit dem Skapulier, nach dem Boltraffio forschen soll, nichts zu thun zu haben. – Er that wieder, als wolle er klingeln.

Verzeihung, Eccellenza.

Erklärt Euch deutlicher.

Aber, Eccellenza!

Nun, was meint Ihr denn? sonst muß ich schellen.

Ich meine, Eccellenza, stotterte Fiammetta, daß ja bekanntlich jede solcher Selbstpeinigungen ihren Wert verliert, wenn man sie zur Schau stellt. So steht es, ich glaube im kanonischen Recht, Eccellenza, oder wie das dicke Buch sonst heißen mag.

Auf diese Wendung war ich nicht gefaßt, sagte der Marchese; Ihr hättet einen trefflichen Advokaten abgegeben. Nun, für jetzt mag auch die Skapulierfrage denn meinetwegen dahingestellt bleiben. Saget mir aber wenigstens, wie kam Euer Bruder in die 300 graue Franziskanerkutte hinein, und wo ließ er seinen weißen Mantel?

Ihr meint, seinen weiß und braun gestreiften Mantel, Eccellenza? sagte Fiammetta, um Zeit zu gewinnen.

Nicht doch, seinen weißen Mantel; seit Anno 1287 tragen die Karmeliter weiße Mäntel.

In der That! Aber doch wohl mit Ausnahme der Karmeliter, Eccellenza, die die alten weißbraunen Mäntel noch auftragen müssen. Ihr glaubt nicht, wie knickrig manche Priore sind! Nicht daß ich jemand etwas Übles nachreden wollte. Aber einzelne treibens wirklich arg, Eccellenza.

Der Marchese biß sich auf die Lippen. Und Euer Bruder trug noch eine dieser greisenhaften Reliquien von Anno 1287? fragte er. Auf deren Beschaffenheit wäre ich doch neugierig; wo ist sie hingeraten?

Ihr werdet mir diesesmal wohl glauben, Eccellenza, versetzte Fiammetta und machte dabei eine belustigte Gebärde, die das allmähliche Abscheiden eines altersschwachen Kleidungsstückes wunderbar anschaulich ausdrückte.

Jetzt war der Marchese nicht mehr imstande, seine gute Laune zu unterdrücken. Er lachte, daß er sich den Leib halten mußte, und Fiammetta stimmte ein. Don Adone hielt für schicklich mitzulachen, wie schwer es ihm auch wurde. – Endlich gewann der Governatore einigermaßen seine Inquisitormiene wieder und sagte: Auch das Mantelthema mag für jetzt als erledigt gelten; aber wenn Ihr doch für alles Gründe im Sack habt, Madonna, so möchte ich zum Schluß noch Auskunft über die bewußte Franziskanerkutte 301 haben; mit Eurer Cangiante-Ausrede, setzte er hinzu, kann ich Euch nämlich nicht durchlassen.

Fiammetta machte ihre demütigste Miene; es war ihr in der That eine ganz gute Ausrede eingefallen. Wollt Ihr mir für eine kleine Verschweigung Absolution geben, Eccellenza? fragte sie. Ihr werdet sehen, daß ich sie mir aus purer Menschenfreundlichkeit zu Schulden kommen ließ.

Laßt hören, sagte er; ob ich sie Euch hingehn lassen kann, wird sich finden.

Erwähntet Ihr nicht selber vorhin, Eccellenza, fuhr Fiammetta fort, hierzulande seien die Klöster der barfüßigen Karmeliter aufgehoben?

Das that ich.

Und nur in Sizilien gebe es deren noch?

So verhält sichs.

Also hört, Eccellenza! Als wir gestern von Sizilien im Schiffe herübergekommen waren, sagte ich zu meinem Bruder: Bruder, hast du denn aber bedacht, daß nur in Sizilien noch Karmeliter geduldet sind? – Nein, Schwester, antwortete er, daran habe ich nicht gedacht. – Man wird uns wieder zurückschicken, sagte ich. – Das wäre des Teufels, sagte er. – Während wir aber noch so reden, sehen wir zwei Leutchen auf uns zukommen, einen Franziskaner und eine bildhübsche Franziskanerin, oder war es eine Klarissin, sie haben ja so ziemlich das nämliche Kostüm. Die junge Person grüßt mich und hält mir folgende Anrede: Bei allen Heiligen beschwöre ich dich, liebe Schwester im Herrn, verlasse auf der Stelle dieses Land; jeder Karmeliter und jede Karmeliterin, die sich hier sehen lassen, sind den furchtbarsten Verfolgungen ausgesetzt. Verschafft Euch eine andre 302 Kleidung oder flieht nach Sizilien, wo die Karmeliterklöster noch nicht aufgehoben sind. Auf meine Einrede, wir kämen ja eben erst daher und müßten einer Sterbenden wegen eiligst nach Atrani, wird sie nachdenklich, wendet sich zu ihrem Begleiter und kehrt dann mit dem, wie ich damals dachte, hochherzigen Erbieten zurück, sie und ihr Begleiter wollten mit uns die Kleider tauschen; Sizilien sei ohnehin ihr Reiseziel – sie gaben sich nämlich auch für Pilger aus –, und so erwachse ihnen daraus keine Ungelegenheit. Auf diese Weise, schloß Fiammetta, sind wir – ich muß es nun zugeben – in Franziskanerkutten hineingeraten, ohne freilich zu ahnen, daß Verhaftbefehle hinter den beiden unterwegs seien. Da wir aber nun selbst durch Don Boltraffio statt jener wie Vagabunden aufgegriffen worden sind, habe ich aus Mitleid solange wie möglich alles verschwiegen, was vielleicht auf die Spur der armen Flüchtlinge führen könnte. Und ich denke, Eccellenza, Ihr verzeiht es mir.

Der Marchese hatte längst, obschon er kein Courmacher war, das Vergnügen an Fiammettas Aufschneidereien gefunden, das ein lebhafter weiblicher Geist ja so leicht in dem Manne erregt. An sich mehr drollig als hübsch, konnte Fiammetta mit ihren ungleichen, schwarzen Augenbrauen, ihren beweglichen, lichtblauen Augen, ihren blendendweißen Zähnen, ihren anmutig schwellenden Lippen und ihrem rastlos wechselnden Mienenspiel wohl das Interesse eines nicht allzuviel fordernden Beobachters in Anspruch nehmen. Jetzt furchtsam und zitternd, jetzt schmeichelnd und ihren Vorteil wahrnehmend, hatte sie in unermüdlicher Fechtergewandtheit fast während des ganzen Verhörs sich und ihren Begleiter wacker zu verteidigen gewußt, 303 und wo sie ungeschickt gewesen war, hatte auch das seine heitere Wirkung nicht verfehlt.

Je länger das Nönnchen aber durch den Marchese ins Verhör genommen worden war, desto weniger hatte seine anfängliche Annahme, er habe wirklich mit einer Nonne und einem Mönch zu thun, Stich gehalten. Daß hier zwei wunderliche Personen durch irgend eine Überlistung und in Unkenntnis von den damit verknüpften Gefahren in einen Mummenschanz hineingeraten waren, darüber hatte er keinen Zweifel. Es kam jetzt nur noch darauf an, daß er sie zwang, die volle Wahrheit zu bekennen.

Er erhob sich also und sagte, indem er Miene und Ton vollständig änderte: Jetzt zu einer ernstern Behandlung des Gegenstands. Ihr traft mich gerade in einer für Eure Schnurren leidlich aufgelegten Verfassung, und so habe ich mir denn gern gefallen lassen, daß Ihr, kleine Signorina, Euern Mutterwitz an mir probiertet, und daß Euer Genosse dazu als Stummer die Grimassen schnitt. Auch Leute in Amt und Würden mögen zuweilen eine kleine Zerstreuung. Zu Protokoll genommen wurde hier aber meinerseits, daß aller Grund vorliege, euch für zwei verschmitzte Verschwörer zu halten, und daß ihr demnach . . .

Hier fiel Fiammetta bestürzt auf die Kniee, und Don Adone, der im Geiste schon einen Strick im Nacken fühlte, folgte unbeholfen ihrem Beispiel.

Kein Wort! schnitt der Marchese die Gnade-, Gnaderufe beider ab. Ihr, Signora Plappermaul, seid keine Nonne, und Ihr, Signore Wickelkind, seid kein Mönch. Ebensowenig seid ihr Geschwister. Man hat euch also als Personen aufgegriffen, die sich der Vermummung schuldig machen – seit dem Attentat 304 auf den Vizekönig ein strengstens geahndetes Unterfangen –, und da ihr überdies in dreister Weise die von euch gespielte Rolle durchzuführen suchtet . . . er that, als komme er mehr und mehr in Eifer und schonte die Geängstigten auch dann nicht, als Don Adone unter Unschuldsbeteuerungen nun bat und flehte, Eccellenza möge auch ihn jetzt einmal anhören, er wolle die reine Wahrheit sagen.

Es dauerte lange, ehe der Marchese sich soweit beschwichtigen ließ, daß er die sofort von Don Adone begonnene wortgetreue Erzählung seiner Fahrten in Zug zu kommen gestattete. Nach und nach gewann er jedoch die Überzeugung, daß den absonderlichen Kauz seine Erlebnisse erzählen zu hören noch ein gut Teil kurzweiliger sei, als vorhin das Scharmützeln mit dessen redegewandten kleinen Begleiterin, und so hörte er ihm gelassen zu.

Fiammetta, immer nach jedem Regenguß rasch wieder Sonnenschein und gutes Wetter, atmete auf und begann sich die Augen zu trocknen, wobei ihr der Schleier samt der Stirnbinde so tief in den Nacken rutschte, daß ihr kleiner Mulattenkrauskopf ganz frei wurde. Als der Marchese nicht umhin konnte, ihrem veränderten Aussehen einen Seitenblick zu schenken, glaubte sie sich auch nach und nach mit einigen Einhelfeversuchen vorwagen zu dürfen, und da der Marchese, uneingedenk ihres vorherigen Geflunkers, dies gestattete, so kam es dahin, daß Herr und Dienerin im wetteifernden Auskramen der bestandnen Nöte und Fährlichkeiten einander allmählich immer redseliger überbietend nach und nach ihre ganzen Reiseerlebnisse zu Tage förderten.

Der Marchese fühlte sich mehr als einmal versucht, 305 laut aufzulachen. Er hütete sich jedoch, sich seiner Würde bis zu solchem Grade zu begeben, da die Ergreifung der wirklichen beiden Flüchtlinge am sichersten vereitelt wurde, wenn die statt ihrer eingefangnen zwei Kumpane noch eine Weile in Haft bleiben konnten.

Als die lange Geschichte ihrer Abenteuer zu Ende war, sagte er deshalb wohlwollend aber vornehm unzugänglich:

Ich könnte euch jetzt zurufen: Abermals gut aufgeschnitten, Landstreicher! Marsch ins dunkle Loch, und morgen mit einem letzten Halsweh hinüber in die Ewigkeit! – Richter, die euch so traktieren würden, wohnen in ganz erreichbarer Nähe, und vielleicht wüßten sie mir Dank, wenn ich euch ihnen zuwiese. Die Regierung zeigt sich gern erkenntlich gegen Leute, die fleißig über Exekutionen berichten. – Aber ich liebe keine Belobungen, die auf Menschenfell geschrieben sind.

Don Adone unterdrückte mühsam einen Schauder. Fiammetta faltete erschrocken die Hände.

Um deinetwegen vor allem, sagte der Marchese, der Fiammettas Gebärde wahrnahm, möchte ich mich euch beiden gern als einen glimpflichen Richter bethätigen. Denn deine Anhänglichkeit an diesen komischen Patron, deinen Herrn, scheint wirklich von einer rührenden Hingebung erfüllt zu sein. Ich kann euch jedoch nur unter einer Bedingung Aussicht auf glückliches Entlassenwerden eröffnen, und die ist: daß ihr eure Rollen fortspielt – aber nicht als Geschwister, denn das glaubt euch keiner –, daß ihr also im übrigen eure Rollen fortspielt, bis man euch entwischen lassen wird. Kommen meine Sbirren dahinter, daß ihr nicht 306 jene Beata und jener Ippolito seid, so bringt eure Vermummungsgeschichte euch vor das Forum derer, die über das bewußte Attentat zu befinden haben, und dann muß ich mit Pilatus sagen: Nehmt sie hin und kreuziget sie.

Fiammetta, die rasch Stirnbinde und Schleier wieder übergezogen hatte, gelobte feurig, es solle ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet sein, daß keine Unvorsichtigkeit von ihrer oder ihres Herrn Seite die guten Absichten der Eccellenza vereitle.

Auch Don Adone versprach, sich sorgfältig zu bewachen. Doch glaubte er, da er sich nun verhältnismäßig geborgen fühlte, nicht ungerügt lassen zu dürfen, daß ihn der Governatore einen komischen Patron genannt und der ganzen Sache eine Wendung gegeben habe, als solle einzig um Fiammettas willen Gnade für Recht ergehn. Er streifte Fiammetta darum mit einem Seitenblick, der etwa ausdrückte: Also ein so vornehmer Herr meint, einer so unbedeutenden kleinen Person Verbindliches sagen zu müssen! O Zeiten! O Sitten! und setzte dann zu der Versicherung des sorgfältigen Sichselbstbewachens gegen den Marchese gewandt hinzu: Wenn Ihr mir noch einen Augenblick Gehör gönnen möchtet, Eccellenza, so laßt mich Euch für Eure Güte durch ein paar Worte danken, die vielleicht wert sind, Euerm Gedächtnis eingeprägt zu bleiben. Der sinnige Demetrios Phalereus antwortete einem Jüngling, der gefragt hatte, wem er Ehrfurcht zu bezeigen schuldig sei: »Ein Jüngling ehre zu Hause seine Eltern, auf der Straße die ihm Begegnenden, in der Einsamkeit sich selbst.« Ein Mann stand dabei und fragte, da er zuvor über ein großes, ihm begegnetes Glück mit Demetrios gesprochen hatte, wen 307 denn er, der Glückliche, ehren solle? Hierauf gab Demetrios ihm den Bescheid: »Der Glückliche ehre den Unglücklichen.« – Eccellenza, fuhr Don Adone nach einer kurzen Pause fort, wenn jemand, der seiner Freiheit beraubt ist, ein Unglücklicher genannt werden darf, und hinwieder der ein Glücklicher, der durch die Gunst des Schicksals neben dem Schwert der Gerechtigkeit das Füllhorn der Gnade in seiner Hand hält, so stehn wir uns gegenwärtig in diesen beiden Eigenschaften gegenüber, Ihr als der Glückliche, ich als der Unglückliche. Gestattet mir die Frage, ob Ihr Euch dessen deutlich bewußt wart, als Ihr vorhin die kränkende Vermutung laut werden ließet, ich sei ein komischer Patron?

Der Marchese machte bei dieser Nutzanwendung große Augen. Per Bacco! sagte er, Ihr setzt Euch mit einer Behendigkeit und dennoch mit einer Würde auf den Richterstuhl, daß ich schier verstumme. Diavolo! Habe ich Euch wirklich mit jenem despektierlichen Ausdruck betitelt? Ihr scheint mir im Gegenteil auf die Bezeichnung patentierter Weltweiser Anspruch zu haben, und wenn Eure Angelegenheit, wie ich hoffe, friedlich verläuft, so behalte ich mir vor, Euch mit einer Dame bekannt zu machen, die Euch in manchen Stücken gleicht. Per Diana! Mit der sollt Ihr dann einmal nach Herzenslust über die Ansichten Euers Freundes Demetrios disputieren. Nie hätte ich mir träumen lassen, daß zwei so bedeutende Denker, wie diese Dame und Ihr, zu einer und derselben Zeit lebten, ja noch überdies – wenn auch nur vorübergehend – in dem nämlichen Städtchen.

Damit klopfte er mit der flachen Hand derb auf die gemaserte Platte des vor ihm stehenden 308 Gerichtstisches, und als Don Boltraffio auf das Zeichen dienstbeflissen wieder hereinstolperte, bedeutete er ihn – aber nicht mehr mit den grimmigen Blicken und der herrischen Stimme, die das Verhör anfangs so unheimlich gemacht hatten –, er solle den Mönch, ohne ihn weiter zu belästigen, in das Verließ des Palazzo Carraccioli einschließen lassen, die Nonne aber für die Nacht zu den Ursulinerinnen hinüberschaffen.

Der ersten Verfügung konnte sofort, ohne neues Aufsehen in den Straßen Castellammares zu erregen, entsprochen werden. Drei Palermitaner Sbirren, die mit ihren blitzblanken Hellebarden auf Don Boltraffios Befehl den Mönch in die Mitte nahmen, waren bereit, ihn durch den unterirdischen Gang, der von der Granguardia nach dem Gefängnis des Palastes Carraccioli führte, hinüberzubringen; doch wußte der Bargello die Sache noch etwas zu verzögern. Die Nonne wurde einstweilen in einer Arreststube der Granguardia gelassen, bis das hereinbrechende Dunkel ihre Ablieferung in das entlegne Kloster gestatten würde. Unter keinen Umständen gegen den Rat des Marchese zu verstoßen hatten Fiammetta und Don Adone durch Handschlag versprochen.

Der Marchese, durch das Erlebte höchlichst belustigt und vor allem auch über das jetzt einigermaßen wahrscheinliche glückliche Entkommen der zwei echten Klosterdeserteure in der Seele seines Töchterchens herzlich froh, überlegte, wie er sich selbst einstweilen den Seinen unsichtbar machen könne, und begab sich dann, nachdem er seine Kanzlei verlassen und sich eine Weile an dem draußen die Laubmassen des Gartens Carraccioli goldig erfüllenden Abendsonnenglanze erquickt hatte, auf den Weg nach einem mit Myrten 309 und Oleander dicht bewachsenen Altan seines Palastes, von wo aus er weiter zu beobachten hoffte, was die drei gewöhnlich um diese Stunde auf der kühlen, vom Meer bespülten Terrasse weilenden Damen gegen ihn und seine Tyrannenfunktionen im Schilde führen mochten. 310

 

 

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