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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel

Der Raum, worin die zwei Landfahrer, von der Welt und ihrem Treiben abgesperrt, waren, hätte genügt, die Hofleute und Bediensteten des Vizekönigs – und ihrer waren etwa hundert – zu beherbergen, vorausgesetzt, daß die Weiber Mittel und Wege fanden, so wenig Platz zu beanspruchen wie die Männer.

Den Bogen des Halbkreises, dessen Sehne die Hecke darstellte, bildete eine nicht hohe unregelmäßige Kalksteinwand, aus deren Fugen reichliche Massen niedrig blühender Myrtenbüschel hervorsproßten, und auf deren verwittertem Scheitel außer einigen Oliven- und wilden Birnbäumen die Wurzeln einer zahlreichen Sippe großblättriger Feigenbäume verankert waren. Daß der ganze Raum ein einziger kühler Schatten war, dankte er vornehmlich diesen ins Ungeheuerliche auseinander gewucherten Bäumen, die überdies seit unvordenklicher Zeit nicht die Hand eines Obstpflückers gespürt haben mochten, sodaß verdorrte, reife und unreife Früchte die Zweige in bunter Menge 270 belasteten und sie teilweise bis auf den rasengrünen Boden herabzogen.

Kein Wunder, wenn sich nistende Vögel seit langem hierhergewöhnt hatten, zumal auch das schwach sickernde Wasser nicht allenthalben vom Boden ausgesogen wurde, vielmehr an mehreren Stellen auf den steinigen Teilen kleine Lachen bildete, die für die gefiederten Bewohner der wohleingehegten Wildnis Gelegenheit boten zum Trinken wie zum erfrischenden Bade.

Wenn ich jetzt einen Vorschlag machen dürfte, sagte Fiammetta, nachdem sich Don Adone mit Wohlgefallen in der glücklich eroberten Festung umgesehen hatte, so pflückten wir zunächst so viel Feigen, wie sich nur irgend als eßbar erweisen, und ließen, bis die Sonne sinkt, alle Sorgen und alle Grillen fahren. Wer weiß, welche Mühseligkeiten draußen unsre Kräfte noch in Anspruch nehmen werden! Ihr zumal habt aber ein recht überwachtes Aussehen, bester Herr. Und da sollten wir diese erste völlig gesicherte und behagliche Unterkunft, die wir auf der ganzen Reise gefunden haben, nicht früher verlassen, als es nötig ist.

Dein Vorschlag gefällt mir, antwortete Don Adone und streckte sich mit einem teilnehmenden Blick nach den beunruhigt umherhuschenden Vögeln auf den schattigen Rasen nieder; es ist wahr, der Zufall – um nicht auch in dieser friedlichen Naturklause von meinem eigentlichen Feinde und Verfolger zu reden – hat es gefügt, daß wir allnächtlich, seit wir vom Hause fern, um unsern Schlaf gekommen sind. Auch ist es eine bekannte Thatsache, daß diese Art von unlautern Heimsuchungen ihrem ††† Veranstalter vornehmlich bei Nacht gelingen, während die Kraft dieses 271 ††† Unholds am Tage zu etwas ähnlichem gewöhnlich nicht ausreicht. Wir werden uns also, mehr als wir es bisher gethan haben, die Annehmlichkeiten einer ungestörten Siesta zu gute kommen lassen.

Fiammetta hatte während dessen, die Vorderseite ihrer Kutte als Sack benutzend, eine stattliche Menge schmackhafter Feigen zusammen gepflückt, und als sie nun mit ihrer Ausbeute neben ihrem Herrn auf den Rasen niederkniete und die besten und saftigsten Früchte mit liebevoller Pflegefreudigkeit für ihn auslas, lächelte er, auf seinen Ellenbogen gestützt, wieder einmal so glücklich harmlos, wie er vor dem Tode seiner Mutter beim Studieren eines ihm unverständlichen, aber ihn nur um so bedeutender ansprechenden Buches wohl hin und wieder zu lächeln gepflegt hatte.

Sie schmecken fast so gut wie unsre eignen daheim, meinte Fiammetta; wie wird es Euch wohl sein, bester Herr, wenn Ihr nach glücklich überstandnen Fährlichkeiten erst wieder unter Eurer großen Pinie oben auf dem hohen Teil Euers Orangengartens sitzt und auf die Wellen drunten hinabschaut! Mit meiner Spindel komme ich dann manchmal zu Euch hinaus, und wir plaudern von all den tollen Fahrten, denen bis jetzt ja die heilige Gottesmutter immer wieder eine so gnädige Wendung gegeben hat.

Lassen wir das! sagte Don Adone milden Tons; wir sind noch erst im Anfang unsrer Wagnisse, und wer weiß, ob wir je heimkommen! Und dann – nun, du kennst ja meine Zukunftspläne. – Wie um abzulenken, fragte er: Was ist das für ein Vogel, der dort trinkt?

Eine Nachtigall, bester Herr. Ihr habt doch in dem Rosenbusch dicht unter Euerm 272 Schlafzimmerfenster auch in diesem Jahre wieder ein Nachtigallennest und kennt den Vogel ja vom Schnabel bis zur Zehe! Was fragt Ihr nur?

Meine Gedanken waren abwesend, sagte Don Adone nachdenklich; hab ich gefragt, was das für ein Vogel sei? Ich dachte an die arme Vigilia. Das Sterben ist gewiß an sich nicht leicht, aber wie schwer muß es dem erst werden, der im Leben nicht allein steht! Den letzten Atemzug zu thun mit der Sorge, daß ein andres Wesen bei der Trauernachricht seinen Verstand verliert – das muß fürchterlich sein. Ich hoffe, dereinst im Kloster ohne solche Sorge die Augen zu schließen.

Fiammetta wandte sich ab. Ihr kleines Herz wollte sich im Busen umkehren.

Schlaft lieber jetzt ein Weilchen, bester Herr, sagte sie; die Zeit verstreicht, und Ihr braucht nach all den Strapazen endlich einmal Ruhe.

Ich danke dir, antwortete Don Adone; obschon ich mir kaum das Recht zuerkennen kann, müde zu sein, denn geleistet habe ich, seit wir vom Hause fort sind, kaum irgend etwas, dessen ich mich rühmen dürfte.

Wie Ihr nur redet! sagte Fiammetta. Aber legt Euch ein Stündchen auf die Seite. So, bester Herr. Man könnte uns ohnehin reden hören.

Don Adone streckte sich und schloß die Augen. Nie, sagte er, nachdem er ein paar mal gegähnt hatte, nie lege ich mich zur Ruhe, ohne eines Mannes zu gedenken, der wahrlich ein Heiliger zu sein verdiente, wenn er nicht noch der Zeit des Heidentums angehört hätte. Ich meine einen gewissen Kleanthes. Es wird uns von ihm berichtet, daß er eigentlich dem 273 verachteten Stande der Faustkämpfer angehört habe, daß er aber von einem verzehrenden Durst nach Weisheit erfüllt gewesen sei und deshalb beharrlich dahin gestrebt habe, philosophischen Unterricht zu genießen. Da dies mit der andern Berufsart nicht gut vereinbar gewesen sei, habe er sich durch Tagelöhnerarbeit zu ernähren begonnen, indem er für Bessergestellte auf einer Handmühle Korn mahlte. Auch damit ließ sich aber der Besuch einer philosophischen Schule nicht wohl vereinen, und so beschloß er, um am Tage den Umgang eines Philosophen genießen zu können, sich für die Nacht zum Wasserschöpfen zu verdingen. Auf diese Weise hat er denn auch seinen Zweck erreicht und ist auf dem Wege zur Wahrheit so weit vorwärts gekommen, daß er selber das Bedürfnis empfand, seinen Erkenntnissen einen schriftlichen Ausdruck zu geben, wobei er freilich – da ihm zum Papierkaufen die Mittel fehlten – als Schreibtafeln weggeworfne Austerschalen benutzen mußte. Wie streng er gegen sich war, und wie wenig er sich auch im Alter selbst genügte, geht aus einer schönen Antwort hervor, die uns aufbewahrt worden ist. Es hatte ihn jemand laut mit sich selbst reden hören, und auf die Frage: mit wem er denn schmäle? gab Kleanthes den Bescheid: Ich schmäle mit einem Alten, der schon graue Haare, aber immer noch keinen Verstand hat.

Bei den letzten Worten war Don Adone eingeschlafen, und Fiammetta erhob sich nun seufzend, um sich nach einem Fliegenwedel umzusehen; denn auch die Insekten lieben nicht heftigen Sonnenbrand, und im Schatten der Feigenbäume summte es von allerlei geflügelten Kreaturen. Sie fand einen Farnbüschel, stellte sich mit diesem fächelnd in Don Adones 274 Nähe und hing, während sie fächelte, ihren trübseligen Gedanken nach, nicht ohne hin und wieder ihre Freude an der Geschicklichkeit zu haben, mit der Grasmücke, Plattmönch, Nachtigall und Rotkehlchen die von ihr weggescheuchten Fliegen und Moskitos im Fluge erschnappten. Allmählich dehnte sie ihre Aufmerksamkeit auf die aus, denen diese Jagd zu gute kam, auf die Jungen in den Nestern, und so vergaß sie über dem einen und dem andern endlich ihren eignen Kummer nach und nach in solchem Grade, daß sie vergnüglich ihres Amtes warten und sich dabei mit den hin- und herhuschenden und schon leidlich zutraulich gewordnen Vögelchen, als ob sie mit ihnen seit langem bekannt sei, unterhalten konnte.

Dann, als die Sonne schon etwas tiefer stand, fiel ihr ein, daß es Zeit sei, auf Mittel zu denken, die den Rückzug minder beschwerlich machen könnten als den Einzug. Sie begann deshalb nach einem Wege, der zunächst bergan ginge, auszuspähn, und da sich nichts derartiges entdecken ließ – denn nie vielleicht hatte hier ein Mensch verweilt –, so verfiel sie endlich auf den sich bald als ausführbar erweisenden Gedanken, an einer von Don Adones Lager genügend entfernten Stelle ein paar der am weitesten herabhängenden Baumäste so lange hin und her zu zerren, bis der Baum und die Wurzeln samt ihrem verwitterten Kalksteinboden das Zerren und Ziehen spürten und nun eins wie das andre, ein paar wuchtige Felsblöcke mitreißend, herabgerutscht kamen.

Don Adone war darüber erwacht. Entsetzt starrte er um sich. Er glaubte, der böse Feind sei drum und dran, ihn im Schlafe zu steinigen.

Aber Fiammetta, jetzt wieder die Munterkeit und 275 Wanderlust selbst, bedeutete ihm, wie durch den von ihr bewerkstelligten Bergsturz mit geringer Mühe ein hügelan führender Ausgang gewonnen werden könne, und so gesellte er sich willig ihren Anstrengungen, bis er nach kurzer Arbeit in der That mit dem Vorausklimmen beginnen konnte.

Wie ein Eichkätzchen kletterte Fiammetta hurtig hinterdrein, und nach einem weitern Viertelstündchen nicht allzu beschwerlichen Herumsteigens gewahrten die Wandrer zu ihren Füßen die nun schon wieder belebtere Landstraße, auf der sie nach einem abermaligen Viertelstündchen gemächlichen Bergabsteigens, von niemand bemerkt, anlangten.

Jetzt sorgt Euch nun um gar nichts mehr, bester Herr, sagte Fiammetta; seit ich nicht mehr meine Stimme zu verstellen brauche, habe ich vor niemand Furcht und Grausen. Dem Himmel sei Lob und Dank, daß es wenigstens eine Art Kleider giebt, vor denen jedermann Ehrfurcht hat, und nicht minder wollen wirs der Madre Santissima gedenken, daß sie uns auf jene wunderbare Weise in den Besitz solcher Kleider gesetzt hat. Jetzt zeige ich auch wieder das schöne goldne Kruzifix, sagte sie und holte aus ihrem Busen den Talisman hervor, der beim Erwachen in der Kapelle ihren Hals geschmückt hatte, und der seither vorsichtig von ihr versteckt worden war.

Indem sie aber einander eben noch allerlei Vorsichtsmaßregeln einprägten, die auch jetzt noch zu beobachten sein möchten, rollte ein Carriole heran, einer der buntbemalten zweirädrigen Einspänner, die schon damals ganz wie heute in der Umgegend Neapels für ein geringes, sehr verschieden bemessenes Fahrgeld jeden Fußgänger mit aufhocken lassen, und die darum, wie 276 jedermann weiß, fast immer gerade so viel Passagiere mit sich führen, wie deren das vorgespannte Pferd nur irgend fortbringen kann. Unter dem hohen Wägelchen hing das übliche Hanfnetz, worin sichs allerlei Rangen als blinde Passagiere bequem gemacht hatten; auf den Wagenbänken saßen Schulter an Schulter Soldaten, Mönche, Schiffer, junge und alte Weiber in friedlichster Nachbarlichkeit; ein Hühnerhändler mit seiner gackernden Ware in einem großen Korbe auf dem Kopfe hielt sich, hinten auf dem Wagenrande schwebend, an den Schultern der vor ihm Sitzenden fest; und auf dem Wagentritt, mehr hängend als hockend, nickte schläfrig der knabenhaft junge Carretiere.

Halt da! rief plötzlich eine weinrauhe Männerstimme, bei deren übelwollendem Klange Don Adone am liebsten gleich in die Erde gesunken wäre, halt und nochmals halt, daß ich aussteigen und die zwei dort festhalten kann.

Fiammetta riß die Augen weit auf. Sie war, obschon der polternde Mann keine Uniform trug, kaum minder in Angst als Don Adone, denn es war ihr nicht unbekannt, daß die Polizei des Vizekönigs in wichtigen Fällen einen sogenannten Civil-Bargello auf die Beine zu bringen pflegte, dem dann allerorten die Sbirren des Vizekönigs ganz so gut zu gehorchen hatten, als sei er ihr Vorgesetzter, der Bargello armato. Dennoch hatte Fiammetta hinreichend Geistesgegenwart, sich wenigstens das Ansehen zu geben, als habe sie nichts gehört und sei vielmehr im eifrigen Hersagen von Wandergebeten begriffen.

Was wird jetzt werden? lispelte Don Adone, indem er sich ebenfalls angelegen sein ließ, die Lippen 277 unablässig zu bewegen und dabei vor sich nieder zu sehen.

Man wird uns über die Verschwörung ausfragen wollen.

Und was wollen wir sagen? fragte Don Adone wieder.

Was wir wissen, bester Herr!

Ich weiß von gar nichts.

Ich eben auch nicht.

Und gestehn wir denn unsre Vermummung ein?

Um keinen Preis. Wir sind Mönch und Nonne, bester Herr.

Gut. So bin ich dein Bruder.

Und Ihr habt gleich mir das Gelübde gethan, nach dem wunderthätigen Bilde von Atrani zu pilgern, damit unsre kranke Mutter gesunde.

Dabei bleiben wir?

Unter allen Umständen, bester Herr!

Und lügen also?

Wir lügen, bester Herr!

Don Adone seufzte, und der Rosenkranz zitterte ihm in den Fingern; Fiammetta machte sich auf tausend Ausreden gefaßt.

Mittlerweile war die weinrauhe Stimme unter allerlei lateinischen Flüchen vom Wagen herabgekommen. Sie gehörte einem hochschultrigen, engbrüstigen, pultenschiefen, nur mit einem großen Amtsstock bewaffneten Manne, der unter einem altmodisch hohen gelbweißen Filzhute eine blondrote Perücke trug, kleine Katzenaugen hatte, und dessen Stirn durch eine bis in die linke Braue hinabreichende Fettwulst verunstaltet war, sodaß sein ohnehin durch schlechte Zähne entstelltes schrumpfliges und dabei rotnasiges 278 Gesicht einem halb vornübergestürzten baufälligen Hause, das ein rotes Aushängeschild hat, nicht unähnlich sah. Er trug zu gelben Stulpen und kurzen grauen Sammethosen einen fadenscheinigen, staubfarbnen Atlasrock und eine grotesk buntgeblümte schmutzig-weiße Piqueeweste, die er, sobald sein Fuß den Boden berührte, fast bis an die steife pferdehaarne Halsbinde hinaufschob, um zu einer großen silbernen Uhr zu gelangen. Diese hielt er ganz nahe ans Auge und sagte dann vertraulichen Tones zu einem mit ihm abgestiegnen, als Sbirre uniformierten Trabanten gewandt: Drei Minuten vor 22. Es kommt mit ins Protokoll.

Darauf zog er ein mit einem violetten Stempel versehenes, mächtiges Papier langsam aus der Brusttasche, entfaltete es, las es den beiden Arrestanten mit dräuender Miene vor – es war der Steckbrief auf Ippolito und Beata – und verglich das darin gegebne Signalement erst mit Don Adone und dann mit Fiammetta.

Wo hat er seinen Bart gelassen? herrschte er darauf den Mönch an; im Signalement steht langer Vollbart. Man wird ihm deutlich machen, daß es nicht erlaubt ist, der hohen Polizia durch dergleichen Bartschererstreiche eine Nase zu drehen.

Don Adone begann zu stottern und schielte hilfeflehend nach seiner Begleiterin.

Ich weiß nicht, was Ihr wollt, sagte Fiammetta zu dem Bargello, in Sorge, ihr Herr werde etwas Unüberlegtes antworten; mein Bruder hat sein Lebtag keinen Bart gehabt, gerade so wenig wie ich und, wie mich dünkt, auch Ihr. Habt Ihr das Recht, uns hier im Gebet zu stören, so wisset, daß unsre Mutter 279 Signora Fantachiotti in Termini, dicht neben der Apotheke, auf den Tod liegt. Da hat denn meine Äbtissin, Madonna Felicissima, geträumt, das wunderthätige Bild in Atrani werde ihr helfen, nämlich meiner Mutter. Und weil ich nicht allein die weite Reise machen konnte, hat der gute Prior Anselmo mir meinen Bruder zum Geleit gegeben. Ist das hier zu Lande etwas Verbotnes? Ihr habt uns mit Euerm groben Haltrufen einen argen Schrecken eingejagt.

Die Keckheit der Nonne hatte den Bargello einigermaßen aus dem Texte gebracht. Gegen Klosterinsassen gab es wenig Gelegenheiten zum Einschreiten. War ja einmal der Fall vorgekommen, daß die Polizei einem Mönch oder einer Nonne die Fluchtwege verlegen sollte, so gehörte bei der großen Menge der Personen dieses Standes, die täglich in allerlei Berufsgeschäften unterwegs waren, schon ein Glückstreffer dazu, daß die Rechten gefaßt wurden; zumeist stellten sich solche Fänge als Nieten heraus, und dann gab es bei der verunglimpften Partei ein Gezeter, daß es dem Fehlgreifer für lange Zeit auf das Gehör fiel.

Aber der Sbirre durfte seinen Vorgesetzten nicht in Verlegenheit sehen.

Bemerk er sichs immerhin, mein guter Silvestro! sagte Don Boltraffio – dies war sein Name –, ich brauch es nachher fürs Protokoll. Also, wie hieß der Ort, wo Ihr angeblich herkommt, Madonna, desgleichen wie hießen der Prior und die Äbtissin? Und warum giebt Euer Quasi-Bruder nicht selber Bescheid?

Fiammetta hätte Mühe gehabt, all die Namen und Orte, die sie rasch aus dem Stegreif daher 280 geplaudert hatte, zu wiederholen; sie hielt sich daher an die zweite Frage und erwiderte unentwegt:

Wollt Ihr mir die höfliche Gegenfrage erlauben, Signore, ob Ihr ein Jude oder ein Türke seid?

Don Boltraffio traute seinen Ohren nicht. Ärgerlich rief er den Passagieren des Carriole und dem Carretiere zu, man möge sich nicht aufhalten, für Gaffer und Maulaffen werde hier nicht inquiriert. Und sich dann zu der Nonne wendend fragte er mit der Hand am Ohr: Was sagtet Ihr da?

Der Sbirre kicherte in den Bart.

Was ich gesagt habe, versetzte Fiammetta, die sich dem offenbar schon ein gut Teil minder fürchterlich gewordnen Bramarbas gegenüber immer mehr in ihre Rolle hineinfand – was ich gesagt habe, ist einfach die Folge Eurer wunderlichen Frage, Signore Bargello. Warum mein Bruder nicht redet? Habt Ihr denn als guter Katholik nie von Mönchen gehört, die nicht reden dürfen? Und seht Ihr ihm denn nicht an, daß er ein solcher ist? Per la Madre di Dio!

Don Boltraffio blickte sich nach dem Sbirren um; nur immer aufgemerkt, mein guter Silvestro! zwinkerte er ihm zu.

Sie spricht von Karmelitern! sagte der Sbirre.

Natürlich! wiederholte Don Boltraffio; sie mag sich nur festreden. Und sich dann wieder zu Fiammetta wendend fragte er: Und Eure Mutter ist krank – woran?

An einer mörderischen Kopfrose, entgegnete Fiammetta; die ganze linke Backe ist geschwollen.

Behaltets gut im Gedächtnis, mein braver Silvestro, sagte Don Boltraffio über die Achsel, und 281 dann von neuem zu der Nonne gewandt examinierte er weiter: Und die rechte Backe? Wie stehts mit der rechten Backe Eurer Mutter? He? Jetzt seht Euch vor, Madonna. Denn wir, hier in Castellammare, sind nicht so leicht hinters Licht zu führen.

Die ist auch geschwollen, antwortete Fiammetta.

Gerade so wie die linke? – Gebet acht, guter Silvestro.

Gerade so.

Jetzt passet auf, mein braver Silvestro, wie ich sie abführen werde. – Also ganz gerade so? Da hat Eure Mutter Signora Finimondo also ein Vollmondsgesicht?

Zum Erbarmen, ja!

Wirklich, ein Vollmondsgesicht?

Fiammetta hatte Mühe, an sich zu halten. Wenn Ihrs so nennen wollt, ja, ein richtiges Vollmondsgesicht.

Gewiß will ichs so nennen. – Gebet acht, guter Silvestro! – Und sie hieß?

Die Krankheit heißt: die Kopfrose.

Nein, ich frage Euch, wie Eure Frau Mutter heißt.

Wie Ihr selber schon wiederholtet . . .

Nämlich?

Fiammetta hatte nur noch etwas von Finimondo im Gedächtnis. Signora . . . Finimondo . . . sagte sie.

Finimondo –? fragte der Bargello mit verschlagnem Schmunzeln. Ich meinte, Ihr sagtet Finocchio.

Ganz recht, stotterte Fiammetta. Aber so nennt man sie eigentlich nur in der Zeit, wo sie mit Fenchel auf dem Markte sitzt.

282 Die gute Frau! Mit Fenchel sitzt sie auf dem Markte! Es ist ein herrliches Essen! – Und wann war ihr Name Fantachiotti?

Fiammetta wurde rot, denn der Zweck aller dieser Kreuz- und Querfragen ging ihr plötzlich auf. Aber im nächsten Augenblick hatte sie sich von ihrem Schreck erholt, zumal da das bösartige Lachen Don Boltraffios sie nicht wenig verdroß. Ich werde Euch, sagte sie, auch darauf die Antwort nicht schuldig bleiben, Signor Bargello; zuvor aber saget mir gefälligst: Wollt Ihr, nachdem Ihr Eure Neugier befriedigt haben werdet, uns ungehindert unsre Wege ziehn lassen?

Per Bacco, no! lachte grimmigen Blicks der Bargello; zum Marchese müßt Ihr mir auf alle Fälle folgen, Ihr und Euer Quasi-Bruder.

So führt uns zum Marchese, rief Fiammetta; er wird Euch, wenn er ein guter Christ ist, den Kopf schon zurecht setzen. Wir beteten eben für das Heil unsers erhabnen Vizekönigs. In solcher frommen Verrichtung uns gestört zu haben, sollt Ihr hier und dereinst im Jenseits Ursache haben, zu bereuen. Des seid gewärtig.

Don Boltraffio sah sich einigermaßen verdutzt nach seinem Trabanten um, dem die gute Laune ebenfalls vergangen war. Es ist ein übler Handel, in den wir da geraten sind, mein guter Silvestro, flüsterte der Bargello dem Sbirren zu und blickte von neuem in den Steckbrief.

Aber einige der von dem Carriole abgestiegnen Neugierigen begannen sich über Don Boltraffios Beängstigungen lustig zu machen, und so raffte er sich und seine Würde wieder auf, kommandierte mit einem 283 schnarrenden Avanti! Avanti! den Marsch in die Stadt und marschierte erhobnen Haupts voran.

Das Wägelchen war schon mit der Mehrzahl seiner Fährlinge voraufgerollt. 284

 

 

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