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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel

Die Sonne war über das Gebirge in goldner Pracht heraufgestiegen. Der Golf lag mit seinen bunten und verschiedenförmigen Inseln in sanfter Bläue da. Fern am Horizont zeigte sich, wo der Nebel schon verduftet war, als ein mattgelblicher Strich das langgestreckte Ufer von Neapel. Hier und da ließ sich ein Fischerboot von den Wellen schaukeln, und die roten Mützen der Fischer leuchteten im Sonnenschein wie glühende Funken.

Auf der Landstraße, die die beiden Wandrer jetzt zu betreten im Begriff waren, gab es Leben und Bewegung. Brüllende Kühe zogen vereinzelt und auch truppweise nach Castellammare; piepende Kalkuten, schnatternde Gänse und grunzende Schweine wurden zur Stadt getrieben, die Schweine wie die Kühe mit allerhand Flitter und Bandwerk fröhlich aufgeputzt, damit die Marktkäufer durch den Anblick freundlich angemutet und bestochen würden.

Fiammetta, sonst allmorgendlich die gute Laune und Sorglosigkeit selbst, ließ den Kopf hängen. Was fehlt dir? fragte Don Adone, indem er, um eine 260 staubaufwirbelnde Ziegenherde vorüber zu lassen, stille stand.

Was soll mir fehlen? antwortete Fiammetta; ich habe künftig weder für ein Maultier noch sonst für einen Vierfuß zu sorgen. Den Stall kann ich getrost zuschließen und mich, so lang ich bin, in die Sonne legen. Ich wäre eine Undankbare, wenn ich damit noch nicht genug hätte. Sind wir noch weit von Salerno?

Ich rechne, daß wir etwa den vierten Teil des Wegs zurückgelegt haben werden, versetzte Don Adone. Die Wandkarte des Pater Ambrogio war stark von Fliegen beschmutzt; genau ließ sich die Route darum nicht bemessen.

Auch kommt es im Grunde wenig darauf an, sagte Fiammetta. Es leben so viele vom Betteln; wenn wir nur noch erst ein wenig abgerissener und verhungerter aussehen, kanns uns an Almosen schon nicht fehlen. Es ist mir lieb, daß wir wenigstens keinen Mundvorrat mehr bei uns führen. Ich würde in den Tag hinein immer wieder meinen Teil davon aufzehren und müßte mir hernach vorwerfen, daß ich gar nicht bedacht habe, wieviel Ursache Ihr hattet, mich nicht mitnehmen zu wollen. Damals redete ich Euch zu, denn ich hatte wunder gedacht, was ich Euch alles nützen könnte. Ihr solltet namentlich, dachte ich, nicht nötig haben, Euch mit den Tieren selber zu plagen. Ja, das war gut gemeint; aber wozu braucht Ihr jetzt die Begleitung eines Reitknechts? – Und wäre ich noch einer gewesen! Aber ich war bloß die dumme Fiammetta! Steckt sie in Männerkleider, hat Euch da Don Zoppo geraten, sonst bekommt Ihr tausend Scherereien. – Und wo Ihr 261 nun meinetwegen dem Rat gefolgt seid, sitzen wir erst recht in der Zwickmühle. Oder gefallt Ihr Euch am Ende doch in Eurer Rolle? Niccolosa, Capriccia, Susina – alle Welt thut vertraulich mit Euch, als wäret Ihr wirklich, was Ihr scheint, und wenn ich Euch vorschlage, der Maskerade ein Ende zu machen, so sitzt Ihr auf Euern Ohren.

Sie war nahe daran, zu weinen.

Du kannst deinen guten Lazaro noch nicht verschmerzen, sagte Don Adone gütig, und ich fühle dirs nach. Meine arme Mutter hat ihm manchen Kürbisschnitt zugesteckt. Es ist mir selbst, als hätte ich einen Freund verloren. Reden wir nicht mehr davon. Ihn von seiner Nebbia wieder zu trennen, hätten wir ja doch nicht übers Herz gebracht. Und dann die Freude der armen Vigilia! Vergessen wir den Verlust. Es war eine höhere Hand im Spiel. – Was die schöne Capriccia betrifft, so hat dein Unmut dich vergessen lassen, was ich dir von ihr sagte: sie ist weder mit mir vertraulich gewesen, noch hält sie mich für eine ihres Geschlechts. Ich muß denn auch über mein Benehmen ihr gegenüber bei Gelegenheit noch in Stille und Beschaulichkeit nachdenken, denn in Bezug auf sie fühle ich mein Gewissen durch meine Flucht ernstlich belastet. – Was Niccolosa und Susina betrifft . . .

O, fiel ihm Fiammetta ins Wort, macht Euch doch nicht so viele Mühe! Ich habe ja gar kein Recht, Euch um Aufklärungen zu quälen. Wäre ich nur selbst glücklich aus Euern Männerkleidern wieder heraus, da könnte die Welt meinetwegen laufen, wie sie wollte. Aber wo nehm ich Weiberkleidung her? Ihr mögt Euch ja doch einmal nicht wieder von ihnen 262 trennen. Macht so viele schöne Worte, wie Ihr wollt. Ihr täuscht mich nicht, bester Herr!

Ich habe längst eingesehen, entgegnete Don Adone, daß, wie der weise Aristoteles sich ausdrückt, der Birnbaum Birnen tragen soll und der Feigenbaum Feigen. Es taugt nicht, daß Männer und Weiber die Rollen tauschen.

So sagt mir, rief Fiammetta, wie, wo und wann dem greulichen Spuk ein Ende gemacht werden soll?

Wann? Am liebsten sogleich. Wie? Das weiß ich nicht. Wo? Das weiß ich gar nicht.

Fiammetta legte nachdenklich den Finger an die Nase und kratzte sich dann hinterm Ohr.

Weißt dus? fragte Don Adone.

Fiammetta sah eine Weile mißmutig auf den Boden. Dann rief sie mit einemmale: Ja, ich weiß es.

Und zwar?

Und zwar auf die allereinfachste Weise. Bleibt hier, ich laufe nach der Casa Bisi zurück.

Nicht um alle Schätze des Priamus! Wir wollen das dort von uns gestiftete Gute nicht wieder in Frage stellen.

Was Ihr mir zutraut, Don Adone! Laßt mich machen. Ich bin im Fluge wieder bei Euch!

Und damit war Fiammetta verschwunden.

Don Adone rief ihr nach: sie kenne ihn noch nicht, er verstehe im Punkte des Zurücknehmens von Wohlthaten keinen Spaß. – Dann beruhigte er sich aber bei dem Gedanken, ihr Mutterwitz habe ihn schon oft überholt, und so unwirsch sie sich auch zu Zeiten stelle, gutherzig sei sie ja doch.

263 Und so ließ er, auf einen Cypressenstumpf niedersitzend, seine Gedanken eine Weile in die farbenbunte Welt seiner Reiseerlebnisse zurückschweifen, wobei er die frische Kühle des Morgens mit Befriedigung einatmete und dem Fluge der Schwalben zuschaute, die ihn zwitschernd umstrichen.

Aus diesem friedlichen Treiben weckte ihn nach einer Weile Fiammettas helle Stimme. Seid Ihr noch da, Don Adone? rief sie und kam den Bergpfad munter herabgesprungen. Was sagt Ihr nun? Weder ich noch Ihr hättet daran gedacht. Jetzt sind wir gegen alle Gefahr gesichert.

Sie hatte die im Stalle samt den Körben Lazaros zurückgebliebnen zwei grauen Klostergewänder über dem Arm und lachte so gut gelaunt wie nur je im Leben.

Die waren allerdings nicht mit verschenkt, stimmte Don Adone bei; und zumal da du nicht auch die Körbe wieder mitgebracht hast, kann sich niemand beschweren.

Jetzt rasch in die Mönchskutte hinein, rief Fiammetta, indem sie sofort ans Werk ging, und ehe Don Adone noch aufstehn konnte, ihm die zu einem Kranz zusammengeraffte Wollenkutte über Kopf und Nacken zog, sie ist weit und bedeckt Euch und Euer Weibergewand vom Kopf bis zu den Füßen. Da, jetzt laßt Euch die Kutte noch ein wenig zurecht zupfen, zieht die Kapuze bis über die Augenbrauen herab, knotet den Strick um die Hüften, macht ein andächtiges Gesicht und gestattet, daß ich Euch ehrerbietigst die Hand küsse.

Sie bückte sich über die Hand des plötzlich zum Mönch gewordnen und eilte dann, das weibliche Klostergewand auch über ihren Don Gufo-Anzug zu werfen.

264 Als sie sich in Kutte und Schleiertuch zurechtgefunden hatte, schlug sie die Hände ausgelassen ineinander, verbesserte sich aber im nächsten Augenblicke selbst, machte mit gottesfürchtiger Miene und gefalteten Händen eine tiefe Verneigung und beteuerte dann in feierlichem Tone, jetzt getraue sie sich mit ihrem lieben Herrn bis an das Ende der Welt zu reisen.

In der That wurde sofort der Marsch angetreten.

Die Sonne war schon ein gutes Stück höher gestiegen, und die zu Markte ziehenden hatten aus Sorge vor den kürzer werdenden Schatten ihr Schritte beschleunigt. Die Herden waren vorüber. Wenig Nachzügler keuchten noch vereinzelt hinterdrein und suchten die Säumnis gut zu machen, indem sie sich nach Möglichkeit sputeten. Ein paar kleine Mädchen nur ließen sichs nicht nehmen, im raschen Überholen des Mönchs und der Nonne dem einen wie der andern die Hand zu küssen, aber die meisten an dem Paar vorbeitreibenden ließen es mit dem herkömmlichen Gelobt-Gruße bewenden, worauf dann Don Adone leise und Fiammetta laut den üblichen In-Ewigkeit-Dank erwiderten.

So ging es eine gute Strecke. Dann hörte der Verkehr mehr und mehr auf, und zuletzt waren auf der sengenden und blendenden Landstraße nur noch der Mönch und die Nonne.

Don Adone hatte unter der dicken, schweren Kutte schon ein paarmal zu erliegen geglaubt. Fiammetta begannen die Schweißtropfen bis in den Nacken zu fließen. Sie dachte seufzend an Lazaro, und wie gut 265 sie gestern zu zweien auf dem Rücken des guten Tiers gesessen hatten. Aber der Schreck über den darauf folgenden Sturz in den Graben meldete sich auch wieder, und sie brauchte nicht gar lange Zeit dazu, wieder fröhlichen Muts zu sein.

So ging es noch eine gute Weile fort.

Endlich bei einer dichten Berberitzenhecke, deren üppiges Grün die von der blendend weißen Landstraße ermüdeten Augen unwillkürlich anzog und festhielt, stand Fiammetta still.

Don Adone, sagte sie, seit fast einer Stunde haben wir kein menschliches Wesen mehr zu sehen bekommen. Castellammare rückt immer weiter in die Ferne. Wie wäre es, wenn wir nach einem schattigen Plätzchen suchten, wo wir ausruhen und die größte Hitze vorübergehn lassen könnten?

Ich bin längst wie ein wandelndes Feuer, gab Don Adone zur Antwort. Sieh dich nach einer Unterkunft um; mir war es, als habe mir der Gottseibeiuns selber eingeheizt – aber vielleicht wird es im Schatten besser. Suche! Ich bleibe hier stehn.

Fiammetta schlüpfte durch ein Loch der Hecke und rief gleich darauf: Hier ist der schönste, kühlste Schatten, bester Herr. Auch ein Tröpflein Quellwasser sickert ganz nahebei. Eben erlabt sich eine Grasmücke daran, und herein zu uns kann niemand, es sei denn auf dem Wege, auf dem ich kam. Wenn Ihr Euch ganz, ganz klein machen möchtet, so ist uns gleich geholfen. Hier, wo Ihr meine Hand seht, ist das Loch. Versucht, obs geht. Berberitzenstachel sind nicht halb so bösartig als Bienen- oder Skorpionstachel.

Sie hatte ihre Hand tief am Boden durch die 266 Hecke gesteckt, und Don Adone versuchte, nachdem er die winzige Bresche in dem grünen stachligen Wall ein paarmal mißtrauisch mit den Augen gemessen hatte, auf allen Vieren sein Heil.

Es ging recht schlecht, doch kam er nach einigen Anstrengungen wenigstens mit Kopf, Nacken und Armen leidlich durch. Seine weitern, durch die vielen Kleider unförmlich angeschwellten Körperteile weigerte sich jedoch die Hecke passieren zu lassen. Don Adone mußte an den Rückzug denken. Aber Kopf, Nacken und Arme wieder frei geben, das wollte die Hecke ebensowenig. Und so war Fiammettas unglücklicher Herr denn in einer der bedenklichsten Lagen, die seine Geduld jemals auf die Probe gestellt hatten.

Fiammetta wollte verzweifeln. Sie zog und bog an den Ästen und Zweigen bald hier bald dort, aber das kräftig stämmige Gesträuch spottete aller ihrer Mühen. Sie lief in dem grünen Zwinger hin und her, um ihn an einer minder dichten Stelle zu durchbrechen und von draußen dann ihrem armen Herrn bei seinen Rückzugsversuchen hilfreiche Hand zu leisten. Aber allenthalben war die Hecke ein undurchdringliches Gewirre, das ihr unerbittlich zähen Widerstand leistete.

In einem solchen Falle wird das Unvermögen immer zu Thränen und Gebet seine Zuflucht nehmen. Und an beiden ließ Fiammetta es denn auch nicht fehlen.

Don Adone zeigte sich gefaßter. Weine nicht, liebes Kind, sagte er mühsam Atem holend, gerade in den schwierigsten Lebenslagen soll der Mensch den Göttern am nächsten sein. Auf alle Fälle ziemt es mir, in Ruhe zu erwägen, ob ich nicht selbst der Tücke 267 des Erbfeindes diesen Triumph freventlich in den Rachen gejagt habe. Worauf ging unsre Verkleidung hinaus? Auf einen Betrug. Daß aber die Götter einem solchen abhold sind, dafür ließen sich zahllose Beweise anführen. Am lehrreichsten ist mir immer die Strafe erschienen, mit der sie den Philosophen Empedokles heimsuchten. Dieser Mann, fuhr er nach einer Weile anstrengenden Atemschöpfens fort, war mit einem so erlesenen Verstande ausgerüstet, daß er sich bei jeder Gelegenheit der lauten Bewundrung seiner Mitbürger zu erfreuen hatte. Dadurch verblendet, kam er sich endlich selbst wie ein Halbgott vor und sann nun darauf, als ein solcher in Wirklichkeit nach seinem Tode von seinen Mitbürgern verehrt zu werden. Um dies zu erreichen, schien es ihm nötig, alle Spur seines körperlichen Daseins den Augen der Menschen bei seinem Sterben zu entziehn, und um diesen Zweck zu erreichen, stürzte er sich eines Tags in den Schlund des Ätna. – Hier mußte Don Adone abermals einen Luftvorrat sammeln. Dann begann er von neuem: Da nun niemand über sein spurloses Verbleiben Rede stehn konnte, verbreitete sich rasch im Volke, wie er es gewollt hatte, die Annahme, er sei ein nur zeitweilig auf die Erde herabgestiegner Gott gewesen und habe sich wieder zu den Göttersitzen hinauf geschwungen. Da fügten es die strafenden Götter, daß der Ätna nach längrer Ruhe zu rumoren anhub, und als eine gute Weile die üblichen Dinge ausgeworfen worden waren, flog einem alten Schuhflicker, der sich die Sache aus der Ferne mit ansah, ein grober Nagelschuh an den Kopf. Der Schuh des Empedokles! schrie der Flickschuster, denn er hatte ihn erst unlängst neu benagelt. Alle Welt 268 kannte die von dem Philosophen getragne plumpe Art von Schuhen und stimmte dem Flickschuster bei. Und so riß man eiligst den Altar ein, den man schon errichtet hatte, und nagelte den Schuh des Empedokles an das Stadtthor, durch das man Betrüger und Diebe zum Stäupen ins Freie hinaus zu führen pflegte. Und es wird versichert, schloß Don Adone mit versagendem Atem, daß während des Annagelns ein langgehaltner Donner den Beifall Jupiters zu erkennen gab.

Bester Herr, sagte Fiammetta noch immer in Thränen, Ihr seid mir ein Rätsel. Jeder Augenblick kann einen Wandrer des Wegs führen, und welchen Lärm wird es dann geben! Könnt Ihr denn gar nicht rück- noch vorwärts? Laßt mich doch einmal Vorspann leisten. Reicht mir Eure beiden Hände, und jetzt macht Euch auf ein paar Minuten so dünn, wie Ihrs irgend vermögt. Al venir giù, ogni santo aitaGehts bergab, da helfen alle Heiligen nach, heißts im Sprichwort. Bring ich Euch nur erst ein wenig aus der Stelle, da thut der Himmel schon ein Übriges.

In der That hatte sie richtig prophezeit. Zwei, drei, vier mal wurde vergeblich angesetzt; dann aber ging es wie mit einem Schiffe, das vom Stapel läuft, und auf einmal war Don Adone drinnen. 269

 

 

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