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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel

Wenig Augenblicke vorher war Offella mit dem Abräumen im Speisesaal fertig geworden. Sie hatte die seltne Naturgabe, sich über nichts zu verdrießen. Ob es viel oder wenig Arbeit gab, ob viel oder wenig Schlaf, das war ihr völlig gleich. Hatte man in der Villa Tiburzia ein Fest gefeiert, und die Küchenherrin Eufemia verlangte nach aufgehobner Tafel, daß Offella alles nachkoste und notabene alles belobe, da meinte man den Hunger in Person bei der Arbeit zu sehen. Mit ihren unvergleichlich kräftigen Kinnbacken ging Offella einem Wolf gleich ans Werk, und kaum ein Knöchlein blieb schließlich auf dem Teller liegen. War Donna Tiburzia hinwieder zu Freunden in der Nachbarschaft geladen, und hatte Eufemia nicht Lust, für sich und das übrige Gesinde ein Huhn zu rupfen oder einen Topf ans Feuer zu stellen, so kam über Offella ein Arbeitseifer, der von keiner Ruhepause wußte, und höchstens lief sie auf Augenblicke einmal in die Masseria hinaus, um hier eine Orange, dort eine Feige, hier einen Granatapfel, dort eine Traube, hier eine Pfirsich, dort eine Limone abzupflücken und zu 213 verzehren. Am mindesten eilte sie sich, wenn ihr bei solchen Rationierzügen Sonnenblumen mit reifen Kernen in den Wurf kamen. Da konnte sie mit den Vögeln um die Wette schnabulieren, bis ihr die Zähne stumpf wurden, und dazu gehörte schon ein beträchtliches Maß, denn die Natur hatte, wie in allem übrigen, so auch im Punkte der Zähne mit Offellas Ausstattung nicht geknickert.

Auch heute war Offella weder durch die überlange Dauer der Tafel zu verstimmen gewesen, noch durch die Zudringlichkeit der während des Abräumens lästig jeden ihrer Schritte umdrängenden beiden Doggen. Erst die Vorwürfe, mit denen Lippo, ihr Schatz, während er ihr beim Abräumen mit Mund und Händen half, bald hier bald dort nachstieg, hätten sie fast um ihren Gleichmut gebracht. Er war, sehr im Widerspruch mit seinem Amt, das die Eiskeller der Villa unter seine Hut stellte, ein siedend heißblütiger Bursche und hatte durch seine Eifersucht wahrscheinlich ein gut Teil reellere Höllenschmerzen auszustehn, als der vorgeblich taube Nello, der Gemahl Niccolosas. Auch eine Abrede, die Lippo mit seinem gutmütigen Milchbruder, Pater Sanzio, dem Beichtvater Offellas, getroffen hatte, beruhigte ihn wenig, so sehr er auch Ursache hatte, sich auf Pater Sanzios gewissenhafte Beobachtung der Abrede zu verlassen. Natürlich handelte sichs um das Beichtgeheimnis, das ebenso selbstverständlich von dem ehrlichen Pater auch dann dem Milchbruder zulieb nicht gebrochen werden durfte, wenn Offella jemals eine begangne Untreue zu beichten haben sollte. Da jedoch die grundlosen Qualen Lippos immer im Zunehmen gewesen waren, und da die arme Offella darunter zu leiden begonnen hatte, so war Pater 214 Sanzio endlich so weit an die Grenze des ihm erlaubt dünkenden gegangen, daß er seinem geplagten Milchbruder versprochen hatte, wenn je ein Grund zur Beunruhigung Lippos vorliege, so solle ihm das durch ein Zeichen am Fenster des Paters kund gemacht werden und zwar würde für diesen Fall auf dem Blumenbrett des Paters ein großer Kürbis zu sehen sein, während sonst immer ein mächtiger sizilianischer Nelkenstock da seinen Platz hatte.

Das Unglück wollte nun, daß beim Einbrechen der Nacht der Nelkenstock durch eine Katze hinabgestoßen worden war, und daß Lippo das Fehlen des Nelkenstocks im Sternenschimmer bemerkte, ohne die unschuldige Ursache zu kennen.

Natürlich überhäufte er Offella sofort mit Vorwürfen; zwar fiel ihm zur rechten Zeit noch ein, daß ja der Kürbis erst abzuwarten sei, und so gingen die zwei Liebesleute, nachdem das Abräumegeschäft beendigt war, noch in leidlicher Versöhnung auseinander, aber gleich darauf stand Lippos Eifersucht wieder so lichterloh in Flammen, daß sie diesesmal sogar Don Gufo ernstlich in Gefahr brachte.

Offella hatte ihre Unterkunft, wie schon erwähnt, in der Villa selbst; Lippos Quartier lag unweit davon in dem Schutze eines ehemaligen Steinbruchs.

Möchte ein Erdbeben mich zerschmeißen, wenn ich je nochmals an ihrer Treue zweifle! hatte Lippo in sich hinein gezürnt, als er mit einem Kusse von Offella fortgeschickt worden war. Wenig Augenblicke darauf stiegen ihm aber vor Mißtrauen schon wieder die Haare wild zu Berge. Er glaubte in der Villa Lachen gehört zu haben, und mit rollenden Augen kehrte er um.

215 Vor Wut bebten ihm die Kniee. Wer hatte über ihn gelacht? Offella mußte es gewesen sein, Offella und noch einer!

Und dabei hab ich kein Messer zur Hand! schäumte er und riß zornig eine mächtige Rebe aus dem Boden, geschmeidig und zugleich wuchtig genug, die sämtlichen Freier der Penelope zu Paaren zu treiben.

Es war wieder still geworden. Atemlos stand er und lauschte. Das nachenartige letzte Viertel des Mondes schiffte friedlich durch die milchweißen Nachtwolken. Eine Nachtigall schlug. Misericordia! jammerte Lippo, sich seiner Unzurechnungsfähigkeit von neuem bewußt werdend. Misericordia! O sie muß meiner überdrüssig werden! – Dennoch konnte er sich nicht wegfinden.

Aber wenn auch nicht gelacht worden war, ein Schrei war ausgestoßen worden, und mit der kleinmütigen Anwandlung, die sich eben Lippos wieder bemächtigt hatte, sollte weder für Lippo noch für die übrigen Beteiligten die Sache zu Ende sein.

Im Begriff, sich zur Ruhe zu begeben, hatte Offella nämlich beim matten Schimmer des Mondes den jungen schmucken Begleiter der Signora Lavendola auf ihrem Maisstrohsack liegen sehen, und nachdem sie einen Hilfeschrei ausgestoßen hatte, war sie, der Eifersucht ihres Liebhabers gedenkend, erschrocken davon ins Freie gelaufen.

Draußen traf sie den unschlüssig dastehenden Lippo, und dieser, sofort wieder Feuer und Flamme, stürzte, ohne ihr zum Ausreden Zeit zu lassen, mit hochgeschwungner Rebe ins Haus. So rasch sich dies alles vollzog, hatte Fiammetta glücklicherweise doch Zeit gehabt, zu erwachen und in demselben 216 Augenblick, wo sie im Dunkeln den zu ihrem Schutze herbeieilenden Grimmbart Ruffo gewahrte, an seiner Nase vorbei durch das Fenster der niedrig gelegnen Kammer Offellas ins Freie zu entspringen.

Somit blieb, um dem rasenden Lippo Rede zu stehn, nur Don Ruffo zurück. Doch ließ Lippo es in solchen Fällen nie zum Redestehn kommen, am wenigsten wenn es sich um den ihm besonders unleidlichen Don Ruffo handelte, vor dem er am Tage den Hut ziehn mußte, den er aber um so lieber nachts nicht kannte.

Die Rebe begann denn auch im Finstern ohne lange Vorrede auf dem Rücken Don Ruffos ihre Schuldigkeit zu thun. Und obgleich sich Don Ruffo durch gebieterische Nennung seines Namens gegen die Handgreiflichkeiten Lippos zu schützen suchte, erhielt er, so oft er den Namen Don Ruffo wiederholte, doch immer nur den Bescheid:

Ganz recht, Don Gufo! haltet nur still, Don Gufo, eben weil Ihrs seid, Don Gufo! und so in einem fort, bis die Einmischung der beiden Doggen der Sache ein Ende machte.

Dann zog sich Don Ruffo windelweich mit Ach und Weh auf sein Zimmer zurück. Offella lachte sich ins Fäustchen, und Lippo begab sich, stolz wie ein siegreicher Truthahn, auf den Heimweg. Im jetzt heller leuchtenden Mondenschein sah er nun überdies auf dem aus der Ferne klar herüberschimmernden Blumenbrett seines Milchbruders den Nelkenstock wieder auf dem Posten, und da wollten ihm denn schier vor Freude die Augen übergehn.

Mittlerweile war Don Adone von dem selber nicht mehr ganz schrittsichern Exabbate im Mond- und 217 Sternenschimmer eine Menge Kreuz- und Querwege geführt worden, bis Colantonio unter einem Granatbaum sitzend in Sicht kam.

Ist jener Mann dort der Diener der schönen Capriccia? fragte Don Adone, nicht ohne sich seit langem wie ein Nachtwandler vorzukommen, denn auf welchem schwindelhohen Dachgiebel spazierte er eigentlich?

Ich bat Euch, Pomponia zu sagen, antwortete Peselino; versteht Ihr, Pomponia! Und noch einmal, mit Eurer Erlaubnis, Pomponia!

Damit verneigte er sich und drückte, wie um in dem alten Diener keinerlei Verdacht über Signora Lavendola aufsteigen zu lassen, einen Kuß auf die Hand Don Adones. Gleich darauf war er in der Richtung der Villa verschwunden.

Don Adone, durch den Handkuß an seine Frauenrolle und die Pflicht, sie dem Diener gegenüber durchzuführen, erinnert, fühlte die letzte Kraft des Falerners verdampfen.

Ich will auf den Knieen nach allen Leidensstationen in Sant' Aniello rutschen, wenn ich über diesen Berg hinüberkomme, seufzte er in sich hinein; heiliger Antonio, heiliger Januarius, heilige Caterina mit dem Rade, steht mir bei! – Soll ich denn nicht lieber gleich kopfüber ins Wasser hineinspringen und in Gottes Namen mich heiraten lassen? Sterben ist zuletzt ja doch das Schlimmste, was das Schicksal zu verhängen vermag. Aber wenn nun der Teufel dahinter steckt! Und er steckt dahinter. So? unterbrach er sich, er steckt dahinter? – Und dabei bin ich auf dem Wege, mich ihm mit Haut und Haaren zu verkaufen? Denn wie soll ich der schönen Capriccia 218 Pomponia widerstehn? Hat Herkules der Omphale widerstehn können! Jupiter der Leda, der Io, der Europa? – Nein, ich gehe nicht. Lieber in die Hände der Wegelagerer fallen als in die Arme einer Tochter Beelzebubs. Und diese da ist eine!

Inzwischen war Colantonio der Signora Lavendola ansichtig geworden, und jetzt stand er murrköpfisch vor Don Adone.

Ihr habt lange auf mich gewartet, lieber Freund, begann dieser, um seinen Rückzug auf möglichst artige Weise einzuleiten, aber vielleicht ist es überhaupt besser, daß ich Eure Signora erst auf meiner Rückreise besuche. Wichtige Pflichten rufen mich nach Salerno. Thut mir den Gefallen, Eure Signora geruhig weiter schlafen zu lassen, und helft mir mein Söhnchen Don Gufo zur Stelle schaffen und ebenso meinen guten Esel; er hört auf den Namen Lazaro, und wenn Ihr etwa irgendwo Disteln stehn habt, kann es Euch nicht schwer werden, ihn zu erspähn, denn er liebt diese Pflanze ganz ungemein.

Colantonio schüttelte den struppigen Kopf. Da käme ich schön an, Frau Mutter, sagte er mit saurer Miene; laßt Euerm Esel nur sein Vergnügen und meinetwegen auch Euerm Herrn Sohn, wenn er denn einmal Eurer Aufsicht entschlüpft ist. Mit Pomponia ist schlecht Datteln essen. Kommt nur, kommt! Nach Salerno ist der Weg morgen auch noch offen.

Und damit wollte der verdrießliche Ölpresser die Frau Mutter am Ärmel mit sich nehmen.

Geduld, mein Freund, wandte Don Adone ein, Ihr wißt nicht, um was es sich handelt. Die Sache hat keinerlei Eile. Wozu denn die Nachtruhe Eurer Signora stören?

219 Colantonio blieb stehn. Die schläft ja nicht, sagte er, und übrigens, Frau Mutter, wie kommt Ihr mir vor? Ich sollte nicht wissen, um was sichs handelt? Ihr meint wohl, ich bin nur so das fünfte Rad am Wagen?

Ich wollte Euch keineswegs beleidigen, sagte Don Adone.

Das müßte ich mir auch schön verbitten, gab der Murrkopf zur Antwort, so etwas ist mir noch nie gesagt worden.

Beruhigt Euch nur, bat Don Adone.

Sofern Ihr mitkommen wollt, warum nicht. Daß die Sache keinerlei Eile hat, weiß ich selbst recht gut. Aber nehmen denn die Weiber in solchen Zeiten Vernunft an? So steht es nämlich nach meinem Dafürhalten. Ihr werdet mir hernach sagen, ob ich Recht habe. Es ist vielleicht gut, wenn Ihr ungefähr wißt, was die Glocke geschlagen hat, ehe Euch meine Pomponia mit ihrem Ach und Weh in den Ohren liegt.

Eure Pomponia?

Nun, ist sie etwa Eure?

Der Ölpresser trat hart an Signora Lavendolas rechtes Ohr heran und begann, nachdem er sich ein paarmal nach seiner nicht fern gelegnen Wohnung umgesehen hatte, mit vielen »gewissermaßen« und »so zu sagen« in flüsterndem Tone alles auszukramen, was, wie er meinte, der Frau Mutter irgend wichtig sein könne zu wissen.

Don Adones Gesicht wurde lang und länger.

Aber ich bitte Euch, Freund, wollte er die Mitteilung unterbrechen . . .

Hört nur weiter, Frau Mutter! Und Colantonio fuhr mit seinem Berichte gemächlich fort.

220 Wenn Ihr etwa meint . . . wollte Don Adone von neuem einfallen . . .

Ich komme schon gleich auch darauf zu sprechen. Und der sauerblickende Ölpresser spann seinen Faden weiter.

Denn ich kann Euch versichern . . . stotterte Don Adone noch einmal . . .

Ihr werdet uns ja hernach sagen, was Ihr denkt, Frau Mutter! Und wie ein murmelndes Bächlein ging das Flüstern fort.

Don Adone mußte sich die Stirn tupfen. Unfähig, irgend einen Zusammenhang zwischen der schönen Capriccia-Pomponia und den unbegreiflichen Dingen, die sich mit ihr zugetragen haben sollten, zu entdecken, stand er offnen Mundes da und wußte sich zuletzt nicht anders zu raten, als daß er Colantonio für verrückt hielt. Freilich eine höchst sonderbare Fügung – sollte er sagen: des Himmels? Denn dieses Unglück mußte dem armen Manne ganz plötzlich zugestoßen sein, hatte Don Peselino doch nichts davon gewußt. Jedenfalls war die größte Vorsicht geboten. Am ratsamsten schien es, Mangel an Kenntnis auf dem von Colantonio so breitspurig beschrittnen Gebiet vorzuschützen.

Guter Freund, sagte Don Adone daher in seinem sanftesten Tone, als der wunderliche Bericht endlich zum Schlusse gelangt war, Ihr unterhaltet mich da von lauter Dingen, die leider völlig außerhalb meines Gesichtskreises liegen. Redet mir, wenn Ihr wollt, von der Euteritis, von der Illosis, von der Mentagra, und Ihr sollt mich auf meinem Platze finden. Aber mutet mir nicht zu, daß ich in den Tag hinein Meinungen ausspreche, wo ich, vermöge meines 221 lückenhaften Bildungsganges, durchaus keine Meinungen habe, noch auch nur zu haben berechtigt bin.

Colantonio begann im Schein des Mondes giftgrüne Blicke zu schießen. Was Ihr da redet, rief er, verstehe ich noch weniger, als Ihr mich verstehn wollt. Oder vielmehr: ich verstehe es gerade so gut, wie Ihr mich versteht. Weil mein Hemd geflickt ist, meint Ihr, bei meiner Kundschaft sei nichts zu verdienen. Das ists, worauf Ihr hinauswollt. Aber Ihr irrt Euch. Ich verlange nichts umsonst. Wenn die Eutagra, und wie die andern beiden heißen mögen, Euch etwa Geld zahlten, ehe Ihr den Mund zu öffnen brauchtet, so läßt sich auch mit mir darüber reden. Meine Pomponia ist eines ehrlichen Mannes Kind – ihr Vater, der alte blinde Clemente Bisi, ist Seifensieder in Castellammare, gerade dem Schuldturm gegenüber hat er seine Bude; meine Pomponia soll Euch eine Empfehlung an ihn mitgeben, und wenn Ihr morgen durch Castellammare kommt, werdet Ihr bei ihm Unterkunft und Sättigung finden. So! Jetzt seht Ihr, daß Ihr bei dem Geschäft nicht zu kurz kommt. Thut mir also den Gefallen, Frau Mutter, und marschiert hinter mir drein.

Er machte rechtsum kehrt, und Don Adone, von den giftigen Blicken Colantonios nicht wenig beunruhigt, war halb entschlossen, in den Büschen zu verschwinden. Aber die Furcht vor einem allgemeinen Lärm hielt ihn zurück. Wollet nur noch wenigen Worten Gehör geben, bat er deshalb, indem er den Ölpresser fest hielt. Es würde zu weit führen, wenn ich alle Mißverständnisse, die zwischen uns obwalten, aufklären wollte. Nur einen Irrtum laßt mich berichtigen. Wenn Doktor Bourja und andre Männer 222 von Gewicht, wie mir allerdings bekannt ist, ihre Patienten nicht umsonst kurieren, so habe ich doch weder gleich ihnen das Recht, noch auch die Gewohnheit, noch endlich die Neigung, mich auf Kosten der leidenden Menschheit zu bereichern. Wie wenig solche Gewinnsucht mir natürlich ist, könnt Ihr aus dem Widerwillen folgern, mit dem mich, so oft ich daran denke, das Verhalten des Aristippos erfüllt, des Sokratikers, der zuerst von seinen Schülern Geld nahm.

Der Ölpresser schüttelte wiederum den Kopf. Ich glaube, sagte er etwas minder gereizt, wenn auch nicht ganz, aber doch so ungefähr verstehe ich jetzt wirklich, was Ihr mir begreiflich machen wollt. Ihr seid für uns arme Leute mit Verlaub zu gelehrt und meint, Ihr würdet uns mit Euerm Rat eher schaden als nützen. Wolltet Ihr das sagen?

Wenn Euch diese Auslegung besser als die andre behagt, versetzte Don Adone, so wüßte ich nicht, warum ich Euch widersprechen sollte.

Wir sind auf dem besten Wege, uns zu verständigen, Frau Mutter, sagte Colantonio mit einem Anflug von Gemütlichkeit; die Empfehlung an meinen alten Schwiegervater soll Euch nicht entgehn, habt deshalb keine Sorge. Im Gegenteil, ich werde noch ein paar schmackhafte Wassermelonen und ein Dutzend Orangen Euerm Esel aufs Kreuz laden. Nur müßt Ihr mir den Gefallen thun, mit meiner guten Pomponia gerade so überwitzig zu diskurieren, wie Ihr es mit mir thut. Je weniger sie begreift, was Ihr meint, desto besser für sie und für mich. Denn die Wahrheit zu gestehn, es geht ihr am leidlichsten, wenn sie an ihre Seidenraupen und an ihre Broccoli 223 denkt. Da ist sie noch heute so geschwind wie eine hungrige Ratte, und die Tage vergehn ihr, ohne daß sie nur einmal die Kniee biegt. Hinwieder wenn sie irgendwo eine Latwerge oder einen Quacksalber wittert, da kommen ihr auf der Stelle Todesahnungen, und was weiß ich! Jetzt hat sie kein Auge schließen wollen, denn die einfältige Offella hatte ihr von Euerm Gerede bei Tisch so viel vorgefaselt, daß, mit Respekt zu sagen, die heilige Gottesmutter meiner Alten minder im Sinn liegt als Ihr, meine beste Signora Lavendola. Füttert sie also mit soviel gelehrten Brocken, wie Ihr nur immer im Sacke habt, und sagt ihr im übrigen nur immer wieder, daß alles recht sei, und kein Spatz ohne den Willen unsers Herrgotts vom Dache falle; in solcher Tonart kann ich hernach am besten fortfahren. Und wenn Ihr vielleicht noch ein Wort einschmuggeln wolltet, so etwa: daß Ihr zu meiner Einsicht ganz absonderliches Vertrauen hättet, und daß Ihr für Eure Patienten nirgend einen vernünftigern Pfleger wüßtet – Ihr versteht mich, Frau Mutter Lavendola –, nun, da hinten in der Rauchkammer habe ich noch einen Schinken hängen, den verspreche ich Euch, per Dio, den sollt Ihr auch noch auf die Wanderschaft mit bekommen, versteht sich: ohne daß meine Pomponia etwas davon erfährt, denn sie ist ein gar zu braves, akkurates Weib, und kein Bettelvolk wagt sich über ihre Schwelle. Damit setzte sich Colantonio wieder nach seiner Behausung in Bewegung.

Don Adone sah sich ratlos um; sollte er das Weite suchen? Aber die unselige fixe Idee des im Grunde nicht bösartigen Mannes rührte ihn. Und 224 so war er denn auf dem besten Wege, sich in eine höchst bedenkliche Lage versetzen zu lassen, als die Sache plötzlich eine völlig andre Wendung nahm.

Während nämlich der Ölpresser, gegen seine Gewohnheit jetzt fast gut gelaunt, auf den schmalen Wiesenpfad abbog, der nach seiner Behausung führte, und während Don Adone ihm zögernd und seufzend im Mondenscheine nachtappte, schlich Fiammetta, die mit dem langohrigen Lazaro am Zügel in einem entlegnen Gebüsch versteckt der Verhandlung seit kurzem gelauscht hatte, unter Zurücklassung des Grautiers leisen Tritts hinter ihrem Herrn drein, überholte ihn bald, gab sich ihm, ehe er Zeit zum Erschrecken hatte, zu erkennen, flüsterte ihm zu: Der rote Grimmbart ist uns auf den Fersen! und nötigte ihn, bevor er seine Gedanken ordnen konnte, mit ihr leise und schleunig umzukehren.

Dann, als sie an das Gebüsch mit ihm gelangt war, zog sie Lazaro hurtig daraus hervor, hielt ihm, da er vor Freuden über Don Adones Stimme schreien wollte, das Maul und die Nüstern zu, zwang Don Adone durch die beredte Heftigkeit ihrer Gestikulationen, rasch das Tier zu besteigen, schwang sich hinter ihm auf Lazaros Schwanz und trieb den verwunderten Esel mit unbarmherzigen Gertenhieben bergab.

Soweit war alles gut gegangen, und hätte der abnehmende Mond die Helligkeit des Vollmondes gehabt, so wäre Lazaro wohl glücklich am Fuß des vielgewundnen Weges angekommen. Da Lazaro aber aus Furcht vor Unfällen jeden quer über den Weg fallenden Schatten eines Zaunpfahles oder eines Baumstammes bei dem zweifelhaften Lichte für eine 225 düstre, rinnenartige Vertiefung ansah und deshalb vorsichtigerweise allemal einen Sprung machte, so hielten seine Vorderbeine diese Anstrengung nicht lange aus, und plötzlich kollerte er, sowie auch sein wohlbeleibter Herr, und über diesen hinweg das zierliche Püppchen Don Gufo in den Graben der Straße.

Seid Ihr heil und ganz? waren die ersten Worte Fiammettas, während sie klopfenden Herzens auf die Füße sprang.

Es scheint mir undenkbar! stöhnte Don Adone.

Um Himmels willen! Ihr habt wohl gar ein Bein gebrochen?

Wenn nicht beide!

Fiammetta ließ ihren Thränen freien Lauf. Rührt kein Glied, bester Herr! bat sie, man soll bei so einem Unglück still liegen, bis eine Trage zur Stelle ist. Ich schaffe eine solche aus der Villa Tiburzia herbei.

Und der Signor Ola?

Ich fürchte mich nicht vor zehn Signori Ola, wenn mein armer Herr mit zerbrochnen Beinen im Graben liegt! rief Fiammetta; werdet Ihrs denn so lange aushalten können? Ist Euer Genick nicht auch gebrochen? Das soll ja am schlechtesten wieder einzurenken sein.

Ich hoffe, das meine wird sich wieder einrenken lassen, stöhnte Don Adone.

Aber beide Beine sind rettungslos gebrochen?

Suche Lazaros Schwanz zu erwischen, ächzte Don Adone; er fuchtelt mir immer mit ihm ins Gesicht, als wolle er mir die Fliegen wegwedeln. Es verlohnte sich der Mühe! Lieber hätte er zur rechten 226 Zeit seine Schuldigkeit thun sollen. Der leidige Springinsfeld!

Fiammetta hatte gethan, wie ihr geheißen war, und da Lazaro den ihm durch sie versetzten kräftigen Ruck als eine Mahnung auffaßte, er möge nicht länger den Kläglichen spielen, so drehte er sich ein paarmal auf seinem zum Teil unter ihm liegenden Herrn um und arbeitete sich endlich wohlbehalten aus dem Graben heraus. Mit lang herabhängenden Ohren, mehr aus Schuldbewußtsein als aus Nachwehen des Falles – denn er war recht weich gefallen – blieb er am Wege stehn.

Wie ist Euch jetzt? fragte Fiammetta, mit tropfender Wimper zu Don Adone gewandt.

Besser! Vor allem der Atem ist leichter.

Aber Eure Beine, ärmster lieber Herr?

Die Ausschwitzung der Knochenmasse oder der sogenannte Callus, sagte Don Adone, soll erst zwischen dem siebenten und dem zwölften Tage beginnen. Ich glaube, du meinst, bei mir müsse alles so rasch gehn, wie der Zeiger einer Uhr, deren Perpendikel man ausgehängt hat.

Aber die Empfindung, bester Herr! Ihr steht gewiß fürchterliche Schmerzen aus?

Ich habe viel über Beinbrüche gelesen, sagte Don Adone, ohne sich zu rühren, und ich glaube eine deutliche Vorstellung von der Empfindung zu haben, die einen solchen Unfall begleitet. Aber wenn ich die Wahrheit sagen soll: auch in dieser Materie merke ich, daß ich trotz aller Bücher des guten Pater Ambrogio in den Anfangsgründen stecken geblieben bin. Ich fühle nicht entfernt die Empfindung, deren ich mich von einem Beinbruch versehen hatte.

227 Und Ihr spracht doch gar von zweien. Darf ich Euch hier einige Augenblicke im Stich lassen? Irgend etwas werde ich in der Villa schon für Euch auftreiben.

Wenn es wirklich beide Beine sein sollten, antwortete Don Adone, immer ohne sich zu bewegen, so wäre vielleicht an die Regel des Aristoteles zu erinnern, nach der zwei Verneinungen gleich zu achten sind einer Bejahung. Auf das Gefühl angewandt gliche somit das Schmerzgefühl des rechten Beines das des linken aus, und es wäre wohl denkbar, daß dadurch der normale Empfindungszustand wieder hergestellt erschiene.

Heißt das: Ihr fühltet keine eigentlichen Schmerzen? fragte Fiammetta durch ihre Thränen, und ihre Augen strahlten.

Fast möchte ich es so nennen.

Bester Herr! Wir wären wirklich mit dem bloßen Schreck davon gekommen?

Sofern nicht jene Regel hier eine Sinnestäuschung zu Wege bringt.

Darauf wollen wir es getrost ankommen lassen, jubelte Fiammetta und sprang in den Graben, um ihrem lieben Herrn bei seinem Aufstehn hilfreiche Hand zu reichen.

Geduld! rief er, und wieder, sachte, sachte! und nochmals, man kann ja doch nicht wissen, wie die Sache steht.

Aber Fiammetta ruhte nicht, bis sie Don Adone auf die Beine gebracht hatte, und nach manchem Experiment mit dem rechten wie mit dem linken Fuße begann er selbst an seine Unversehrtheit zu glauben.

228 Wohin wenden wir uns jetzt? fragte Fiammetta, fast übermütig vor Freude, und nahm sich nun auch Lazaros mit solcher Emsigkeit an, daß er bald wieder aufgezäumt dastand, wenn auch gewärtig, man werde ihn zur Strafe womöglich noch schwerer als zuvor überbürden; ich habe vorhin, der Himmel weiß wo, einen vortrefflichen Schlaf gethan, fuhr sie fort. Seid Ihr so munter und so gut gesättigt wie ich, bester Herr, so marschieren wir noch heute nacht nach Sant' Aniello zurück. Nirgend steht geschrieben, daß Ihr über Kopf und Hals die Verfügung des Testaments auszuführen braucht. Mir ist aber im Traum ein, wie ich denke, sehr guter Einfall gekommen. Wie Ihr wißt, giebt es Leute am Golf, die auf ihre Häuser und Gärten Geld aufnehmen und jährlich so und so viel dem Entleiher dafür bezahlen. Nun, einem solchen Grundbesitzer borgt Ihr die von der Erbschaft noch vorhandnen Zecchinen und geduldet Euch dann mit den weitern Nachforschungen in betreff der würdigsten Verwandten, bis die ursprüngliche Fülle der Ledertasche wieder hergestellt ist. Was meint Ihr dazu, bester Herr? Inzwischen studiert Ihr aus den Büchern des Pater Ambrogio gemächlich alle Vorsichtsmaßregeln, die man auf Reisen anwenden muß, und wenn Ihr die dereinst alle inne habt, da gehn wir von neuem auf die Suche.

Don Adone hatte schon zu entrüsteter Gegensprache die Lippen geöffnet. Aber die jetzt in der mürrischen Stimme Colantonios von der Höhe herabklingenden Rufe: Signora Lavendola! Wo ist sie hin, die Spitzbübin, die Ausreißerin, die Flausenmacherin? nötigten zu rascher Fortsetzung der unterbrochnen Flucht, und im nächsten Augenblick liefen 229 Don Adone, Fiammetta und Lazaro, als gelte es ein Wettrennen, auf gut Glück im Mondenschein auf der Landstraße weiter, Sant' Aniello hinter sich lassend, die bläulich schimmernde Spitze der Kirche Sant' Agnese von Castellammare als Zielpunkt vor Augen. 230

 

 

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