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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel

Was in aller Welt fällt der dicken Signora dort ein? fragte Don Peselino, das Faktotum Madonna Tiburzias; ich glaube, sie möchte sich samt ihrem Rangen bei Euch als Tischgast anmelden, Donna Tiburzia! Erlaubt mir, daß ich jemand gegen die beiden Eindringlinge ausrücken lasse.

Ihr sollt schon nicht zu kurz kommen, Peselino, beschwichtigte ihn die Matrone, und sie führte den mißgünstig auf das herankommende Paar Zurückblickenden in eine Ecke der Pergola, um ihn in alle Einzelheiten des von Luigi entworfnen Plans einzuweihen und ihn geloben zu lassen, daß er das Seinige beitragen wolle, damit in Capriccia keinerlei Verdacht aufsteige.

Was Luigi weiter von dem wunderlichen Reisezweck des Pärchens erkundet haben will, setzte Madonna Tiburzia hinzu, das ist mir nicht ganz klar geworden, geht uns auch nichts an. Das Wesentliche ist: wir alle müssen Signora Lavendola für eine Frauensperson halten und Don Gufo für ihren Sohn. 169 Ihr würdet ohne Zweifel Don Gufo zu Euerm Tischnachbar wünschen. Das könnte ich aber nicht verantworten. Dazu seid Ihr immer noch nicht alt und ehrwürdig genug. Entschädigt Euch dafür, indem Ihr für die quasi Signora irgend eine Eurer unverfänglichen Possen aussinnt. Denn eine kleine Züchtigung ist dem schon zu gönnen, der sich als Weib durchs Land zu ziehn vermißt, ohne Bürgschaft zu leisten, daß er dem Weibergeschlechte Ehre macht!

Don Peselino war einer der harmlosen Nichtsthuer, denen man noch heute wie schon damals in den meisten vornehmen Familien des Golfufers bequemes Obdach und reichliche Kost gönnt, nachdem sie sich eine kurze Zeit nützlich zu machen gewußt haben. Peselino, obschon, wie erwähnt, eigentlich Abbate, hatte vor mehreren Jahrzehnten auf das geistliche Kleid verzichten müssen – angeblich, weil er sich aus Hasenfüßigkeit geweigert hatte, sich bei Nacht mit dem allerheiligsten Gute ausschicken zu lassen –, und da er anstellig, belesen, musikalisch, ja auch als Tanzlehrer – damals – brauchbar war, so hatte er nicht lange nach einer gemächlichen Unterkunft zu suchen brauchen. Von einer Adelsfamilie, die sich einschränkte oder sich sonst veränderte, der andern empfohlen und jetzt seit langem in den sichern Ruhehafen der Tiburzias eingelaufen, konnte er in behaglicher Gelassenheit das Alter heranrücken sehen. Wie hoch er schon in die Jahre gekommen war, wußte vielleicht er allein; denn da man bei uns am Golf ja die Geburtstage nicht zu feiern pflegt, und Madonna Tiburzia noch insonderheit nur Namenstage zelebriert wissen mochte, so hätten höchstens beginnende Anzeichen von Gebrechlichkeit darauf führen können, daß dieser oder der 170 allmählich ins alte Register komme. Davon war aber bei Don Peselino nichts zu merken. Wenn er ein Buch auf Armeslänge von sich fern hielt, las er ohne Mühe noch den Makrobius wie den Prudentius, den Äneas Sylvius wie den Bandello, ja sogar die satirischen Sonette des Florentiner Barbiers Burchiello behauptete er noch lesen zu können, trotz der unerhört kleinen Lettern, in denen sie, um möglichst nur für gelehrte Leute zugänglich zu erscheinen, gedruckt waren.

Übrigens hatte es Peselino auf dritthalb Zentner Leibesgewicht gebracht, und sein kurzer Hals war nach und nach so tief in die Schultern hineingewachsen, daß Capriccia spottete, Don Peselino sei drauf und dran, sich nach Art der Schildkröten ganz in sich selbst zurückzuziehn.

Ein gesellschaftlich so abgeschliffner Hausgenosse brauchte sich nicht sonderlich zusammen zu nehmen, bei der Abendtafel, zu der sich nun alle in einem kühlen Flügelsaale niedergelassen hatten, einerseits die Absonderlichkeiten Don Adones in vollem Maße herauszulocken, andrerseits sie immer wieder so zu wenden, daß sie doch der einzigen Uneingeweihten am Tische nicht geradezu auffallend erscheinen konnten. Auch kümmerte sich Capriccia wenig um die krausen Disputationen, die zwischen Peselino und Donna Lavendola bald lebhaft in Gang kamen; denn das Interesse, womit Luigi, der ihr gegenüber saß, den Milchbart Don Gufo anstarrte, den man an Capriccias Seite gesetzt hatte, begann sie zu verdrießen, denn sie war gewohnt, daß ihr liebeskranker Vetter einzig für sie selbst Augen hatte.

Fiammetta ihrerseits, zum erstenmal in so vornehmer Gesellschaft, war vor Verlegenheit kaum 171 imstande, den köstlichen Speisen, die Luigi ihr immer von neuem über die Tafel herüber aufdrängte, die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Zuweilen vergaß sie auf Augenblicke, daß sie sich auf eine Männerrolle eingelassen hatte, und verirrte sich bei den Antworten, die sie zu geben genötigt war, auf das Gebiet der Kochkunst. Dann zog Capriccia die schönen Augenbrauen belustigt in die Höhe und bat ihren Vetter, da sich der junge Herr augenscheinlich für den Eintritt in die Küche eines angesehenen Hauses vorbereitet habe, doch zu erlauben, daß sie sich einige leicht faßliche Lehren und Rezepte von ihm erbitten dürfe. Aber Luigi bestand darauf, sie solle gegen diesen Gast, wie sie es gegen jeden andern Gast gethan habe, die größte Enthaltsamkeit im Ausfragen und Auskunftheischen beobachten, und da Capriccia versprochen hatte, heute einmal seine Verfügungen ohne Widerrede gelten zu lassen, so konnte sich Fiammetta endlich beruhigt dem Genusse so vieler guter Dinge fröhlich hingeben. Gern ging sie dabei, wenn auch nur andeutungsweise, auf die eben erwähnte Vermutung ihrer schönen Tischnachbarin ein, indem sie bald zu verstehn gab, wie cocolle bianche, steccherini und andre eßbare Schwämme am schmackhaftesten zubereitet werden könnten, bald wieder wie es bessere Sitte sei, zu Milchkalbfleisch lasagne, d. h. breitgedrückte Maccaroni, zu geben, statt latuga oder cicoria; und was dergleichen zwischen ihr und der seligen Signora Trasi oft verhandelte Fragen mehr sein mochten.

Da nun Fiammetta, sobald sie sich einigermaßen gehn lassen konnte, durch ihre natürliche Lebendigkeit etwas ungemein Anziehendes bekam, so verfiel 172 Capriccia auf den Einfall, Don Luigi für das Interesse, das er dem Bürschchen zollte, dadurch zu strafen, daß sie selber aus einem spöttischen Behandeln des kleinen Don Gufo nach und nach in einen freundlichern und respektvollern Ton überging. Zu ihrem Befremden schien Don Luigi diese Wendung nicht zu beachten, vielmehr fuhr er fort, Capriccia gegen den munter plaudernden Tischgast immer mehr zurückzusetzen. Capriccia verdoppelte deshalb ihre Anstrengungen, die Eifersucht ihres Vetters rege zu machen. Sie lobte, was an dem jungen Manne zu loben war, und mehr als das, sie fand seine Stimme von höchst erquickendem Wohllaut und pries endlich sogar die lichte Bläue seiner Augen unter dem Vorgeben, sie habe gehört, daß solche Augen bis ins höchste Alter aushielten.

Zu ihrem Verdruß stimmte ihr Don Luigi immer ohne die mindeste Eifersucht nicht nur bei, sondern überbot sie nun auch noch in Lobpreisungen, die sogar das Näschen, die schwellenden Lippen und das wollenartige Negerhaar Don Gufos vom malerischen Standpunkt aus würdigten, sodaß Capriccia zuletzt zornig vom Tische aufstand und unter dem Vorgeben plötzlichen Kopfwehs den Saal verließ.

Don Luigi, aus seiner Rolle fallend, wollte ihr nacheilen und alles bekennen. Die Matrone machte ihm aber ein Zeichen, sitzen zu bleiben, und so hatte die draußen in großer Erregung auf und ab stürmende Schöne auch noch den Ärger, statt, wie sie erwartete, ihren Bräutigam, nur dessen Mutter ihr folgen zu sehen.

Diese war entschlossen, die nun einmal bis zu einer Krisis gelangte Kur nicht zu unterbrechen. Sie 173 gab sich daher das Ansehen, Capriccias Unwohlsein nicht bloß für ein vorgeschütztes zu halten.

Aber nein, Madonna Tiburzia, rief Capriccia, mir fehlt nicht das mindeste. Ich ertrug es nur nicht länger, von Luigi mit solcher Schnödigkeit behandelt zu werden. Ihr wißt, wie er sonst nach einem Blick meines Auges ausspäht, wie er nur mit mir redet, nur um mich besorgt ist und sofort Messer und Gabel beiseite schiebt, wenn ich nicht Appetit zu haben scheine. Heute ist er wie verwandelt. Zehnmal, zwanzigmal habe ich ihn mit meinen Blicken fast durchbohrt, und er ist ihrer nicht einmal gewahr geworden. Was ich zu ihm redete, hat er kaum beantwortet oder wohl gar ganz überhört. Als ich mich stellte, als habe ich eine Gräte verschluckt, ist er nicht einen Moment um mein Leben besorgt gewesen; Merluzzengräten, sagte der Abscheuliche, hätten keine Widerhaken, sie seien ungefährlich. Auch als ich nach einer zweiten Portion Ravioli fragte, hat er so wenig darauf geachtet, daß er fast in demselben Augenblick den ganzen Rest meinem Tischnachbar auf den Teller schob, dem hergelaufnen Vielfraß, dem er vom Anfang der Tafel an fast alle besten Bissen auf den Teller geschüttet hat. Ich reise noch heute nach Neapel, Zia Carissima! Das hat mir noch niemand geboten! Welches Glück, daß ich noch nicht seine Gattin bin! Dieser Barbar! Dieser Tyrann! Dieser Mörder!

Und sie zerriß vor Zorn ihr feines Mailänder Spitzentaschentuch.

Kind, sagte die Matrone mit möglichster Gelassenheit, du vergißt, daß morgen mein Namenstag ist; den wirst du deiner alten Tante nicht verderben wollen!

174 Ach, wie kann ich denn aber bleiben! rief Capriccia dazwischen.

Du vergißt ferner, fuhr die Matrone fort, daß diese ganze Farce durch Ruffo und Luigi einzig zur Vorfeier meines Namenstags in Szene gesetzt ist, und daß je sinnloser sie mir und wahrscheinlich auch dir vorkommt, wir uns desto mehr hüten müssen, die beiden guten Jungen unsre Ansicht merken zu lassen. Wozu sie kränken? Sie meinen es ja so gut. Vielleicht steckt noch ein Witz dahinter!

Und was hätte mir also zu thun obgelegen, beste Zia?

Du hättest ihn übertrumpfen sollen.

Luigi?

Wen anders?

Und auf welche Weise?

Indem du den jungen Menschen, den sogenannten Don Gufo, mit Liebenswürdigkeiten dermaßen überhäuftest, daß Luigi eifersüchtig wurde.

So habe ich dem Närrchen noch nicht genug Honig aufs Brot gestrichen? Madre santissima! Es fehlte nur, daß ich ihm einen Kuß anbot.

Gewiß, das fehlte.

Ihr scherzt, Zia.

Per Dio, nein. Du siehst, man hat mir eine Karnevalposse vorspielen wollen. Da muß jeder sein Scherflein an tollem Übermut beisteuern.

Aber wenn der kleine Landstreicher mich nun beim Worte genommen . . .

Und dich geküßt hätte – was weiter?

Ich begreife Euch nicht, Madonna Tiburzia.

Nun denn, so reise, sagte die Matrone. Hab ich deine bisherige Sprödigkeit gegen den armen Luigi 175 recht verstanden, so hatte sie den Grund in seiner Schüchternheit. Wir Frauen wollen nicht gezwungen sein, aber spüren wollen wir, daß die Kraft, uns zu zwingen, da ist. Das Gefühl hat Luigi dir nicht eingeflößt. Du hältst seine grenzenlose Ergebenheit für Schwäche. Um dahinter zu kommen, was an ihm ist, hattest du eben jetzt die beste Gelegenheit. Ich wette Stein und Bein, ehe der Handel soweit gekommen wäre, hätte Luigi sein Vorrecht als dein Verlobter in solcher Weise geltend gemacht, daß Don Gufo Reißaus genommen hätte. Aber du hörst mir ja gar nicht zu. Was geht dir durch den Kopf?

Capriccia sah sich nach dem Flügelsaal um, wo niemand die beiden vom Tische Fortgegangnen zu vermissen schien.

Wißt Ihr, was ich glaube, Zia Carissima! flüsterte sie mit einem schmerzlichen Zucken um den Mund.

Daß deine Tante Recht hat?

Nein, daß wir beide auf schreckliche Weise hintergangen worden sind. Er ist gar kein Mann, er ist ein Weib!

Um aller Heiligen willen – wer?

Das Püppchen!

Don Gufo?

Er hatte Löcher in den Ohrläppchen.

Das kannst du an jedem Abruzzenhirten eben auch finden.

Und einmal sah ich ihn die Hand auf die Brust legen, so – gerade wie wir es thun, wenn wir erschrecken – eben jetzt habt Ihr die nämliche Bewegung gemacht. Das habe ich nie an einer Mannsperson gesehen.

176 Als ob ein Guck-ins-Leben wie du, lachte die Matrone, schon über dergleichen urteilen könnte!

Ich bin in Verzweiflung.

Und der Grund? Dein Ideal Angelica würde dem Himmel auf den Knieen gedankt haben, wenn sich einer ihrer Verehrer endlich in eine andre verliebt hätte. Gestehe, du bist nicht konsequent.

Ich möchte rasend werden.

Das wäre der Gipfel aller Thorheit. Hast du wirklich das Rechte erraten, und hat die ganze Komödie keinen andern Zweck, als Luigi Gelegenheit zu geben, ein junges Mädchen, in das er sich auf seinen Jagdpartien vergafft haben mag, unter unserm Dache näher kennen zu lernen, so bist du ja frei und ledig. Was willst du mehr?

Ihr spottet meiner, Zia!

Das würde meinen grauen Haaren nicht ziemen. Aber in Wahrheit, wie käme ich auch dazu? Ich habe Luigi zu lieb, als daß ich nicht in seiner Abschätzung parteiisch wäre. So hielt ich mich denn mit der Hoffnung hin, du würdest mit der Zeit doch auch noch all die liebenswürdigen Eigenschaften an ihm entdecken, die meine Mutterliebe in ihm gefunden haben wollte. Vielleicht beruhen diese aber auf bloßer Einbildung. Jedenfalls, daß ich dirs nur gestehe, habe ich seit langem das meinige gethan, seine Leidenschaft für dich abzukühlen. Auch weiß er, daß ich Rang und Stellung nicht so hoch schätze, ihn zu hindern, sein Glück zu machen, wenn er die von ihm dir versagten Gefühle in den Armen eines unbescholtnen Mädchens aus dem Volke finden sollte.

Capriccia brach in Thränen aus. Was habt Ihr 177 gethan, Madonna Tiburzia? schluchzte sie; was habt Ihr gethan!

Nicht mehr, als jede Mutter in meiner Lage gethan hätte. Ich müßte blind gewesen sein, wenn ich nicht dahinter hätte kommen sollen, daß du längst einen andern liebst.

Wen?

Meinen ältesten Sohn.

Ruffo?

Ruffo Carissimo!

Das ist zu stark, Zia! Ihr hättet wirklich an so etwas geglaubt? Ich und der ungeschlachte, rohe, geistlose Ruffo!

Oho, rief Madonna Tiburzia, indem sie einen gereizten Ton annahm, die Sache wird immer schöner. Also auch für meinen Ruffo meinst du zu gut zu sein? Ungeschlacht, roh, geistlos der eine meiner Söhne, und der andre ein Schwächling? Per Diana e Bacco, da sind wir ja endlich auf dem Punkte, mit nichts mehr hinterm Berge zu halten. Jetzt reise mit Gott. Meine Maultiersänfte steht morgen beim Sonnenaufgang zu deiner Verfügung. Kein Wort mehr! Ich fühle, daß ich Gefahr laufe, apoplektisch zu werden. Kein Wort mehr!

Und jede Erwiderung ihrer erschrocknen Nichte durch eine majestätische Wendung von Kopf und Nacken abschneidend, schritt sie der Villa zu und verschwand gleich darauf in der Thür, die zu ihrem Schlafgemach führte.

Man rühmt uns Italienern nach, daß wir geborne Schauspieler sind. Ohne einen starken Tropfen dieser Naturanlage in ihrem Blute hätte die milde und fügsame Matrone wohl Mühe gehabt, die ihr 178 unverhofft aufgenötigte Einschüchterungsrolle gegenüber ihrer bisher so übermütigen Nichte durchzuführen. Der dringende Wunsch, ihrem Luigi zu nützen, hatte ihr aber die Kraft gegeben, und diese ließ sie auch nicht im Stich, als sie durch die Sonnenbrecher ihres Schlafzimmers nach der armen Capriccia auslugend, der noch immer wie in einer Betäubung dastehenden, von Mitleid ergriffen zurufen wollte, alles sei nur ein verabredetes Possenspiel, und Capriccia solle sichs nicht allzu sehr zu Herzen nehmen! Nein, sie rief diese übel angebrachten Trostworte nicht! Madonna Tiburzia hielt sich tapfer wie eine Heldin und ging, wenn auch nicht schlafen, so doch wenigstens zu Bett, um durch keine unzeitige Schwäche die Folgen der kräftig ausgeführten Attacke in Frage zu stellen.

Der kurzen Dämmerung war die Nacht gefolgt. Felicissima notte! hörte Capriccia die Stimme Offellas im Flügelsaale rufen, wie dies alle Abende beim Hereinbringen der angezündeten Lampen geschah; aber nie früher hatte dem Ohre Capriccias der Ton so weh gethan.

Auch andres kam ihr heute noch häßlicher vor als gewöhnlich, sogar in der bloßen Vorstellung. Ruffo war ihr ein Greuel. Ja, er ist geistlos, roh und ungeschlacht, redete sie vor sich hin. Ohime! und nun hat Madonna Tiburzia meinem Verlobten eingeredet, dieser Sackträger, dieser Nichtsnutz habe mir den Kopf verdreht! Was Wunder, wenn Luigi in den Wahn verfallen ist, sein Glück auf der großen Heerstraße suchen zu müssen! Ich selbst machte ihn ja an den zartern Regungen der Seele irre!

Sie versuchte in gesteigerter Weise auch das 179 Unschöne zu empfinden, das die als Don Gufo eingeschmuggelte kleine Küchennymphe mit den ihr gezollten Lobpreisungen in so grellen Kontrast gesetzt hatte. Aber hier versagte ihre auf Zerrbilder Jagd machende Verstimmung den Dienst. Nein, rief sie, trotz ihrer burlesken Physiognomie ist das Mädchen eine kleine Psyche! Sie hatte mirs wirklich angethan. Es hilft nichts. Ich bin geschlagen!

Lautes Gelächter unterbrach ihr Selbstgespräch. Es war im Saale die fette Stimme Peselinos. Aber hatte auch vielleicht das liebende Pärchen mitgelacht?

Capriccia hielt sich die Ohren zu und begann wieder zu weinen.

Welches höllische Komplott! schluchzte sie dann. Ruffo, Luigi, Peselino, wer weiß, ob nicht gar die pausbäckige Bacchantin Offella, alle, alle sind gegen mich verschworen; und sogar Madonna Tiburzia – jetzt ist mirs nicht mehr zweifelhaft – hat um die Sache gewußt. Abscheulich! Und mich setzt man neben dieses Dorfgänschen und bringt mich richtig dazu, daß ich mich in sie verliebt stelle, und wer weiß, was alles an ihr rühme und preise!

Sie beugte sich, um die Überbleibsel ihres Taschentuchs vom Boden aufzulesen, und dann hauchte sie in den weißschimmernden Wulst, zu dem sie die Spitzenrudera zusammenballte, mit Heftigkeit hinein. Ich gehe wieder in den Saal, sagte sie, indem sie den Ball auf die Augen drückte, laßt mich nur machen! Was ist mir Luigi? Bin ich nicht schön? bin ich nicht reich? kann ich nicht wählen, wo immer und wen immer ich will? Den vorigen Winter habe ich alle Einladungen ausgeschlagen. 180 Diesen Winter wird getanzt, bei dem Vizekönig, bei den Schwestern des Erzbischofs, von einem Ende Neapels bis zum andern. Ich lasse mir gleich morgen bei Moscajuola im Toledo ein Dutzend Tanzschuhe anmessen, zwei Dutzend, drei Dutzend. Was ist mir Luigi?

Aber während sie so ins Gelag hinein redete, strömte es wieder über ihre Wangen, und sie mußte von neuem Luft schöpfen, das Tuch anhauchen und es auf die verräterisch entzündeten Augen drücken.

Zum Glück wußte sie nicht, wie gut ihr das alles stand. Hätte sie die Szene bei Licht und vor einem Spiegel ausgeführt, er wäre ihrem tief gesunknen Selbstvertrauen ohne Zweifel auf verhängnisvolle Weise zu Hilfe gekommen. Denn abgesehen von dem Zauber, der jede ihrer Bewegungen umfloß, sobald eine tiefere Erregung das herkömmliche Dekorum der Wohlerzogenheit verdrängte, hatte auch ihre Miene seit langer Zeit zum erstenmal, wenn schon mit Unterbrechungen, wieder den rührenden Ausdruck angenommen, der von einem liebeskranken Herzen spricht, und wenn sie in schmerzlichem Übermaß den Kopf zurückwarf und die gefalteten Hände gegen die Sterne emporrang, hätte sie einem Bildhauer als Modell dienen können zu der klagenden Ariadne, die Himmel und Erde anruft, um den treulos ihr entwichnen Theseus wieder zu erlangen.

Endlich glaubte sie, ihre Fassung hinreichend zurückerobert zu haben, wenigstens in die Nähe des Flügelsaals gehn zu können.

Auf den Zehen schlich sie sich hinzu und wollte eben der noch offnen Thür gegenüber hinter dem kolossalen Granituntersatz einer mächtigen Vase Posto 181 fassen, als die immer vorsorgliche alte Eufemia die Thür und gleich darauf auch die Vorhänge schloß, dem vom Meere jetzt herüberkommenden Nachtwind zu wehren, der die Lampen im Saale auszublasen drohte.

Traurig suchte Capriccia, ehe auch die Fenster verhängt sein würden, an eins von diesen zu gelangen, aber hier hatten sich die beiden sizilianischen Doggen Ruffos breit in den Weg gelagert, und ehe sich Capriccia noch an ihnen vorbeidrücken konnte, war Eufemia auch mit dem Zuziehn der Fenstervorhänge fertig.

Jetzt wurde Capriccia zornig: Fort, Bestien! schalt sie die sich langsam erhebenden Wegelagerer, was habt ihr hier zu schaffen? Und sie trieb die Lieblinge Ruffos mit Schlägen und Stößen weg.

Dann dachte sie daran, ihnen nachzugehn, und unter dem Vorwande, sie mit den Tafelresten traktieren zu wollen, sich mit ihnen durch das Hauptgebäude in den Flügelsaal hinüber zu begeben.

Aber alles, was Ruffo gehörte, war ihr verhaßt geworden, und so ließ sie die Hunde gehn und begab sich behutsam auf die Rückseite des Flügels, wo sie vor nicht langer Zeit eine Mauerstellage bemerkt hatte, auf der sich vielleicht nach einem der Oberlichtfenster des Saals hinaufklettern lassen mochte.

In der That stand das schwanke Gerüst noch an derselben Stelle, und da jetzt eben Peselinos Gelächter wieder hell in die Nacht hinausklang, ließ sich Capriccia nicht lange Zeit und war in einigen behenden Sätzen oben. Sie hatte dabei des Halts einer in die Mauer eingefugten Regenrinne bedurft, denn das wohl schon teilweise abgebrochne oder 182 gelockerte Gerüst wollte nicht aus dem Schwanken kommen, und die Rinne hatte, obschon selbst nicht fest, doch leidlichen Anhalt geboten. Ob auch beim Hinabsteigen auf sie zu rechnen sein werde, kam der erregten Kletterin nicht in den Sinn. Sie hatte erreicht, was ihr in diesem Augenblick am wichtigsten war, die Möglichkeit eines von niemand vermuteten Einblicks in das Treiben da unten.

Mit hoch wogender Brust und schmerzlich pochendem Herzen stand sie auf dem flachen Dache und spähte nach dem für ihren Zweck geeignetsten Oberlichtfenster aus.

Jetzt beugte sie sich über eins davon. Es lag über dem untern Ende der Tafel, wo der gutgelaunte Exabbate eine Reihe leerer Foglietten eben mit lallender Zunge überzählte, beflissen, so schien es, seiner Tischnachbarin, der Quasi-Donna Lavendola, ein neues Glas einzuschenken, während diese, in einer langatmigen Auseinandersetzung begriffen, mit der flachen Linken ihr Glas zudeckte und die Freigebigkeit Peselinos abwehrte.

Capriccia beugte sich über ein andres Fenster. Unter ihm hatte sie selbst ihren Platz gehabt. Ihre Handschuhe lagen noch neben dem unberührt gebliebnen Weinglas. Dicht daneben war der Stuhl des angeblichen Don Gufo, der verkappten Landstreicherin, um die sich Luigi so emsig bemüht hatte. Aber die Müdigkeit mußte sie wie ein gewappneter Mann überfallen haben. Vornübergesunken, die Hände auf dem Tischtuche und das Gesicht flach auf den Händen – so saß oder lag das gefährliche Nixchen da, von oben gesehen nichts als ein schwarzer Krauskopf.

Die Braut Luigis, wenig überrascht – denn hier 183 mußte freilich ja das Wort: ländlich, sittlich! gelten dürfen –, spähte weiter. Aber es dauerte lange, ehe sie Luigi entdeckte.

Endlich, als sie durch das letzte Oberlichtfenster mit ihren Augen bis in die entlegenste Ecke des Saals dringen konnte, wurde sie seiner ansichtig.

In diesem Augenblick schwamm alles vor ihren Blicken, und sie hatte Mühe, nicht ohnmächtig zu werden. Denn was sie sah, beschämte sie bis zur glühenden Wangenhitze. An der Wand, wo er stand, fehlte das Bild, das dort neben dem der Matrone seinen Platz hatte, und ehe sie sich über ihre Beschämung ganz klar werden konnte, war diese auch schon zu einem Sonnenblick reiner Wonne geworden, denn bei einer Wendung der Lampe, die Luigi in der Hand hielt, fiel der Schein des Lampenlichts plötzlich auf einen Gegenstand, der bis dahin nicht erkennbar gewesen war, und den er eben mit Inbrunst an die Lippen drückte, und nun erkannte Capriccia in diesem Idol das Bild – ihr Bild!

Sie faltete die Hände und preßte sie vor ihre brennende Stirn. Gebenedeite Mutter des Herrn! stotterte sie wieder und wieder, er liebt mich noch! ich habe ihn noch nicht verloren!

Zu ihrem Schrecken gab ihr von unten ein Ausruf Antwort, der ihr wie ihr Name ins Ohr klang. Sie war von Luigi bemerkt worden. Schon hatte er das Bild über sie vergessen und war aus dem Saale ins Freie gestürzt.

Capriccia! Carissima! Wo bist du? rief er in das Dunkel hinaus, und als er mit Schrecken wahrnahm, in welche gefährliche Höhe sie sich hinaufgewagt hatte, ruhte er nicht, bis sie ihm versprochen 184 hatte, sich gedulden zu wollen, bis er eine Leiter herbeigeschafft habe, und dann in fliegender Eile davongejagt war.

Mit Wonne und Weh im Herzen suchte Capriccia standzuhalten gegen die Gefühle, die sie bewegten. Stolz und Demut wogten stürmisch in ihrem Busen auf und ab. Solange hatte sie ihm nicht die kleinste Gunst erwiesen, und jetzt plötzlich sollte er ihr die helfende Hand reichen dürfen! Ihre Wangen glühten. Der Stolz wollte die Oberhand gewinnen. Mußte Luigi nicht zunächst Abbitte leisten? mußte er sich nicht rechtfertigen? mußte er nicht in Strafe genommen werden? – Aber wozu? rief sie dann wieder. Ich bin ja die eigentliche Schuldige! Mir käme es ja zu, seine Verzeihung zu erflehn! Was ist diese kurze Angst, die er mich ausstehn ließ, gegen die monden-, ach, jahrelange Qual, mit der mein sträflicher Übermut ihn hinhielt und immer neuen Prüfungen preisgab!

Und so saß sie denn im Sternenschimmer da, bis Luigi keuchend mit der längsten Obstleiter herankam; und so ließ sie es geschehn, als er die Leiter fest angelegt hatte und mit Katzengewandtheit heraufgeklettert war, daß er sie mit seinen Armen umfaßte, wie ein hilfloses Kind emporhob und behutsam hinabtrug.

Als er unten war, wollte er sie auf ihre Füße stellen, aber sie rief ihm zu: Thu es nicht! trau ihnen noch nicht! sie laufen mit dir davon!

Himmlische! jubelte er.

Weit gefehlt! rief sie wieder; der Teufel hat sein Quartier noch nicht geräumt! Sei vor mir auf der Hut! ich stehe für nichts!

185 Du sollst von ihm befreit werden! frohlockte Luigi, und mit seiner holden Bürde auf den Armen wollte er jauchzend bergan, seinem Versteck, der alten Trümmerfeste zu.

Nicht doch, nicht doch, Luigi! rief sie abwehrend, da oben spukt es noch von all den Streichen, die ich Arge dir gespielt habe. O, wo giebt es ringsum einen Ort, der mich nicht des Übermuts anklagte! Verzeihe mir, verzeihe mir, mein Teurer, Inniggeliebter! Und nun – gut, stelle mich nun getrost auf die Füße. Ich will nicht mehr das Kind sein, das ich war. Gieb mir deinen Arm, wir wollen im Sternenlicht ein Stündchen selbander lustwandeln und verständige Gedanken austauschen. Ach, es war eine harte Kur, die du mich heute hast durchmachen lassen! Aber ich danke dir. Ich bin genesen!

Aus einem Fenster ihres Schlafzimmers schob die Matrone den grauen Kopf hervor. Sie lächelte zu den Sternen empor. Ich werde kein Auge schließen können, sagte sie. Was man alles erleben muß! 186

 

 

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