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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Während dessen hatten Ruffo und Luigi bei ihrer Mutter ein Verhör zu bestehn gehabt.

Die treffliche Frau war die Herzensgüte selbst und hatte sich beim Anblick Fiammettas ernstliche Vorwürfe gemacht, ein so junges und voraussichtlich so unerfahrnes Ding den Fährlichkeiten Preis zu geben, die ihr aus dem Anschlag der beiden Brüder erwachsen konnten.

Sie ist, wenn man es genau nimmt, mehr pikant als auffallend hübsch, hatte Madonna Tiburzia gesagt, aber die jungen Herren, und vor allem du, Ruffo, sind, wenn es auf einen bösen Streich abgesehen ist, im Punkte der Schönheit heutigentags so wenig anspruchsvoll! Gegen niemand und nirgendwo möchten sie sichs versagen, die Gelegenheit zu nützen. Selbst das gastliche Dach schützt nicht gegen ihre zügellosen Tollheiten. Ihr müßt mir daher beide in die Hand versprechen, es bei den Huldigungen zu belassen, die Luigi dem kleinen Hexchen darbringen will. Verrate ich dann seiner spröden Braut vor dem Schlafengehn – wie wirs verabredet haben –, daß in dem 163 kraushaarigen Bürschchen ein Mädchen steckt, so will ich das heiße Eisen schon schmieden, und Capriccia, die in ihrer Sorglosigkeit dem armen Luigi bisher endlose Geduld zugemutet hat, soll schon andern Sinnes werden; die plötzlich auch einmal in ihr geweckte Eifersucht wird, wie ich selbst zu hoffen wage, sie bewegen, sich den Wünschen Luigis endlich gefügig zu zeigen. Aber die, die uns zu einer so freundlichen Wendung verhilft, darf nicht auch noch dafür büßen. Das dulde ich keinesfalls. Also versprecht mirs, liebe Söhne; hier versprecht mirs in meine Hand.

Das hatte Luigi unbedenklich gethan, denn in seiner Seele lebte nur das Bild Capriccias.

Aber Ruffo, der für sich selbst nie einstehn konnte, und der das Wort: Gelegenheit macht Diebe! als eine hinreichende Rechtfertigung für jede seiner Kapriolen aufzufassen pflegte, hatte ausgerufen: Als ob in der Zeit der fetten Wachteln unsereiner Lust hätte, den Töchtern Evas nachzustellen! Gehab dich wohl, Mutter! Erreiche deinen Zweck, Bruder! Wir haben abnehmenden Mond. Keine bessere Jägerzeit giebts. Drüben, eben jenseits des Piccolo Sant' Angelo, weiß ich gute Genossen.

Und geräuschvoll und ohne jemand zu Worte kommen zu lassen, war er davongegangen.

Als Capriccia hinzutrat, zum qualvollen Entzücken Luigis durch allerlei Bandgeflatter anmutiger als je, bedauerte sie, daß Ruffo, Carissimo! sich schon wieder nicht habe halten lassen, wobei sie, gegen Luigi gewandt, hinzufügte: Wenn ich freilich ein Mann wäre, triebe ichs gerade wie er. Und dann sprach sie von der Wonne, die ihr das aus Ruffos Zimmer weggenommne Buch – Ariostos Orlando furioso – bereite, 164 und wie ihr erst an dem Zauber, den Angelica auf sie übe, klar geworden sei, worin das Glück des Weibes bestehe.

Kind, sagte die Matrone, deren Lieblingsdichter Ariost war, und die über nichts lieber redete als über den rasenden Roland, du wirst doch nicht sagen wollen, daß wir am glücklichsten sind, wenn wir Tausende von Unschuldigen ums Leben bringen? Trügt mich mein Gedächtnis nicht, so hatte Angelica ihre Hand dem versprochen, der die meisten Heiden töten werde.

Das war keine tadelnswerte Zusage, antwortete Capriccia, handelte sichs doch um eine Schlacht zwischen Ungläubigen und Gläubigen. Aber alles das ist ja bloß Nebensächliches. Was mich an dem göttlichen Gedichte entzückt, ist das sichtbare, sich immer wieder erneuernde Eingreifen des Schicksals zu Gunsten Angelicas, als könne der Himmel es nicht über sich gewinnen, dieses Wunder von weiblichem Liebreiz hinabsteigen zu lassen von ihrer überirdischen Höhe bis in die Knechtschaft der Ehe.

Wie wir Weiber doch alles zu unserm Vorteil zu wenden suchen, sagte die Matrone lächelnd; als ob der Himmel eben, wenn die Gläubigen seine Hilfe gegen die Ungläubigen so notwendig brauchen, sich noch Zeit ließe, nach fahrenden Schönen auszuschauen.

Darüber habe ich kein Urteil, sagte Capriccia; fragt Peselino, Euern Abbate, liebe Tante; was ich aus dem Buche heraus lese, ist, daß der Himmel die Christen und Muselmänner miteinander nach ihrem Belieben raufen läßt, daß er aber alles aufbietet, Angelica in ihrer jungfräulichen Unabhängigkeit zu erhalten. Oder setzt er etwa nicht zu solchem Zwecke Mittel über Mittel in Bewegung? Erst entrückt er sie den Augen 165 Orlandos, dessen Idol sie ist. Dann muß Rinaldo in der Schlacht sein Pferd verlieren, damit Angelica aus diesem entfliehen kann. Dann, als der ebenfalls von Angelicas Reizen bezauberte Maure Ferrau großmütig seinen Nebenbuhler mit aufs Pferd nimmt, wird die Verfolgung Angelicas wiederum durch eine geisterhafte Gestalt vereitelt.

Das sind Erfindungen, versetzte Luigi, wie sie kein Dichter entbehren kann, der einen Liebeshandel durch Hunderte von Stanzen fortspinnen will.

Gewiß, lieber Vetter Ohnesalz, gab Capriccia zurück, auch der nach Orlandos, Rinaldos und Ferraus Zurückbleiben die Freiheit Angelicas bedrohende ritterliche Sacripante, ihr vierter glühender Verehrer, gehört in diese dichterische Aushilfskategorie, und mit nüchternem Auge betrachtet könnte Angelica füglich nunmehr Signora Sacripante werden. Aber es ist eben das Vorrecht des Dichters, den Dingen einen Abglanz göttlichen Ursprungs zurückzugeben.

Als ob der edle Ariost, nahm wieder Donna Tiburzia das Wort, nicht ebensogut in der Vorführung dieser langen Reihe hochherziger Männer sein eignes Geschlecht hätte verherrlichen wollen! Begnügt sich nicht Sacripante auf Angelicas Wunsch mit der Rolle ihres Beschützers, und dankt Angelica ihm nicht unziemlicherweise dafür, indem sie, während er für sie kämpft, zu einem Eremiten flüchtet, der sie nun rasch an Bord eines Seeschiffs in Sicherheit bringt?

Und, fuhr Luigi fort, Sacripante wie Rinaldo mit der Lügenbotschaft bethört, Angelica sei mit Orlando nach Paris durchgegangen, eine Botschaft, die ich immer als das einzig Glaubliche inmitten dieses Gebrodels unsinniger Fabeln angesehen habe.

166 Capriccia lachte überlaut, und ein minder liebeskranker Blick als der des armen Luigi hätte ohne große Mühe die breite Heranziehung des ganzen Themas als eine neue Schelmerei der spröden Schönen durchschaut, ersonnen, um die etwas übermütige Laune des Hoffenden und Harrenden, die vorher zu Tage getreten war, um einige Grade hinabzudrücken.

Um seine Entmutigung zu verhüllen, stimmte er nach Möglichkeit in Capriccias Lachen ein und bat dann um die Erlaubnis, die ohne Zweifel von ihrer Ermüdung jetzt einigermaßen hergestellten beiden Gäste zum Einnehmen des Nachtmahls herbei blasen zu dürfen.

Während er darauf in das Haus ging und gleich darauf vom Fenster aus einem Kuhhorn ein halbes Dutzend unglaublich ohrenzerreißender Töne entlockte, mußte sich Capriccia von der Matrone, wie schon oft, auf die Gefahr hinweisen lassen, die das allzu straffe Spannen eines Bogens mit sich bringe. Ich möchte es nicht erleben, sagte Madonna Tiburzia, daß Luigis Verzweiflung ihn einem andern weiblichen Wesen in die Arme treibt. Aber du selbst hast uns ja erst eben zu Gemüt geführt, in wie hohem Grade das schwächere Geschlecht dem stärkern an Anziehungskraft überlegen ist. Wie magst du zugleich die Augen schließen vor den daraus für dich hervorgehenden Gefahren? Gewiß glaubst du doch nicht, daß nur dieser fabelhaften Angelica und dir ein unwiderstehlicher Zauber inne wohne. Die Mandoline verfügt schwerlich über mehr Töne und Tonweisen, als der Schöpfer über Mittel verfügt, ein Mädchen liebreizend auszustatten. Es ist wahr, ich sehe dich nie mit gleichgiltigem Auge an, selbst ich nicht, die ich doch nicht das leicht 167 entzündliche Herz eines Mannes habe. Ich freue mich deiner dunkelblauen Augen, deiner schwarzen Wimpern, deines blonden Haares, und du hast selbst gehört, daß, als du neulich von triefenden Locken umflossen dem Meere entstiegst, ich in die Worte ausbrach: Eine Nereide! Du bist behende, ich weiß es, und wenig Töchter dieser schönheitsgesegneten Küsten werden dich im Ebenmaß der Formen übertreffen. Aber es ist nicht immer Tag, Kind, und es giebt während der vierundzwanzig Stunden, von denen unsre Uhren uns erzählen, gar viele, wo das Auge nicht sieht und das Vergleichen aufhört. Sei auf deiner Hut, Nichte!

Was Ihr sagt, Madonna Tiburzia! rief Capriccia lachend und klatschte in die Hände; aber sie ging bald darauf schweigend auf die Seite und verlor sich eine gute Weile in den vom Abendsonnengolde durchstäubten Orangenalleen des Gartens. 168

 

 

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