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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Inzwischen war die korpulente Dame aus Sant' Aniello am Arme Don Luigis den Bergpfad langsam hinangekeucht, und ihr schmuckes, leichtfüßiges Söhnchen hatte den überall nach Disteln auslugenden Lazaro am Zügel nachgezogen.

Die ganze Besitzung, obschon nicht fürstlich gehalten, machte doch auf Fiammetta, die nur wenig aus Sant' Aniello herausgekommen war, je länger je mehr einen großartigen Eindruck. Sicher haben wir diesesmal das große Los gezogen, sagte sie zu sich selbst; wenn die dumme Verkleidung nicht wäre, könnten wir uns hier wie im Paradiese vorkommen; aber wenigstens ist der gruselige Signor Ola seiner Wege gezogen. Und sollte er je wiederkommen, so wird uns sein herzensguter Bruder schon beschützen.

Don Adone seinerseits hatte wenig Aufmerksamkeit für die Umgebung, da sein ganzes Interesse durch die ideale Seite dieser unverhofften Wendung seiner Pflichtreise, die so stark gefährdet erschienen war, in 155 Anspruch genommen wurde. Immer geneigt, auf den Grund der Dinge zu dringen, ruhte er nicht, bis sein Gespräch mit Don Luigi von Nebensächlichkeiten wieder auf die ihn lebhaft beschäftigende Hauptsache zurückgelenkt wurde, auf die eigentümlichen Gelübde der beiden ungleichen Brüder.

Hier fand er Luigi aufs beste vorbereitet.

Leset! sagte Luigi und stand still, um Don Adone Zeit zu lassen, die Devise auf seinem Pilgerkittel zu enträtseln.

Um Verzeihung! bat Don Adone, möchtet Ihr mir vielleicht Aufschluß geben über das Alphabet, dem diese Lettern entstammen?

Mit Vergnügen, erwiderte Luigi, sowohl diese wie die Küraßdevise ist im sogenannten Cyklopen-Sanskrit abgefaßt.

In der That! rief Don Adone, ich bitte um Verzeihung, wenn meine Unwissenheit Euch beleidigt. Ich habe wohl hin und wieder in den Büchern des Pater Ambrogio von Cyklopenmauern gelesen. Auch ist mir Polyphemos nicht ganz fremd, der einzige Cyklop, aufrichtig gesagt, von dem ich genauere Wissenschaft habe; aber seine Art zu schreiben kam mir bisher nirgends zu Gesicht.

Man sagt, versetzte Luigi, er habe nach seiner Erblindung sein früheres Leben ernstlich bereut und eine Sammlung von Denksprüchen auf die Innenwand seiner Höhle gekritzelt. Es würde zu weit führen, wollte ich Euch erzählen, was man alles versucht hat, um diese merkwürdigen Sentenzen des von Odysseus so übel traktierten Mannes zu enträtseln. Genug, man ist endlich damit zustande gekommen. Und hier habt Ihr zwei dieser Sentenzen. Sie 156 formulieren nämlich zu einer Art von sanfter Ermahnung die beiden von uns Brüdern geleisteten Gelübde. Das meines Bruders Ruffo stützt sich auf die Sentenz:

Sei gegen alle auf der Hut!

das meine dagegen auf die andre Sentenz:

Sei gegen jeden mild und gut!

Diese letztere Sentenz entzückte Don Adone in solchem Grade, daß er, uneingedenk seiner weiblichen Rolle, die Arme öffnete und Don Luigi ans Herz drückte, worauf dieser ein gleiches mit Fiammetta that, für die beiden oben vor der Villa auf die Ankömmlinge harrenden Damen eine nicht wenig überraschende Einführung des Wanderpaars.

Und die Veranlassung zu diesen Gelübden, Eccellenza? forschte Don Adone wißbegierig weiter, ohne in seiner Freude über das eben vernommne zu gewahren, daß man schon am Ziele war.

Ich habe keinen Grund, Euch ihre Kenntnis vorzuenthalten, versetzte Don Luigi, denn wir können nur wünschen, daß recht viele von dem höchst merkwürdigen Testament, das dazu den Anstoß gab, und vor allem den guten Wirkungen, die es schon jetzt zu äußern beginnt, Kenntnis erhalten. Um so eher wird das von dem preislichen Erblasser gegebne Beispiel Nachfolger finden.

Don Adone sah Fiammetta verwundert an.

Eine gewisse Summe, fuhr Don Luigi fort, ist nämlich dem würdigsten weiblichen Nachkommen eines vor Jahren in Salerno Verstorbnen bestimmt worden, und da unsre schöne Cousine zu den Nachkommen dieses Salerners gehört und wohl jedenfalls als die 157 Würdigste früher oder später erkannt werden wird, so hat uns Vettern plötzlich der lebhafte Wunsch ergriffen, in Würdigkeit ebenfalls niemand nachzustehn, und hat uns mit einer ganz neuen Lebensauffassung erfüllt. Wenn wir bisher in den Tag hinein lebten, so steht uns jetzt ein bestimmtes, wie wir hoffen, löbliches Ziel vor Augen, in dessen Erreichung uns niemand überflügeln soll – meinem Bruder: die höchste Vaterlandsliebe, bethätigt durch eine unablässige Wachsamkeit für den Staat

– sei gegen alle auf der Hut! –

mir: die höchste Menschenliebe, bethätigt durch Freigebigkeit, Gastlichkeit und herzliches Mitgefühl an Leid und Lust andrer

– sei gegen jeden mild und gut! –

Und wir verfolgen diese unsre Ziele mit um so leichterm Herzen, als wir in der Eigenschaft von männlichen Nachkommen jenes Biedermanns durch das Testament von seinen pekuniären Wohlthaten ausgeschlossen sind, also uns nicht dem Verdacht eines niedrigen Interesses preisgegeben sehen können.

So sprechend reichte er dem vor Erstaunen verstummten Don Adone wieder den Arm und stellte ihn den Damen unter der Pergola mit liebenswürdigem Anstande als Donna Lavendola vor; im gleichen auch als Don Gufo das schmucke Bürschchen Fiammetta, die über den Fund der würdigsten Erbin freilich nicht sonderlich erbaut war, zumal da diese Erbin noch überdies schön sein sollte.

Die beiden sofort wieder entlassenen Gäste durften sich dann unter Luigis Geleit zunächst in einer Nebenbehausung, die aus zwei Räumen bestand, von ihren 158 Reisemühen erholen. Es war kein eigentlich wohnlicher Aufenthalt, da der eine Raum für gewöhnlich zum Olivenpressen dienen mochte, wie er denn auch eine Menge teils voller teils leerer Ölfässer enthielt und stark nach Öl duftete, während man dem andern anmerkte, daß in den zwei mächtigen Fässern, die aufrecht stehend die ganze Mitte füllten, Trauben gekeltert zu werden pflegten. Übrigens sorgte Don Luigi mit liebenswürdiger Dienstfertigkeit für die Herbeischaffung von Teppichen, Bastmatten und allem sonst zum Schmücken der beiden Räume erforderlichen; nicht minder veranlaßte er den alten Diener Arnolfo und dessen Gattin Eufemia, an Betten und Hausrat zusammenzutragen, was für eine nächtliche Unterkunft nur irgend nötig erscheinen mochte.

Dann verabschiedete sich Luigi, indem er Eufemia empfahl, das Nachtmahl baldigst anzurichten, und schließlich noch durch allerlei Gurgeltöne in nachahmender Weise den Klang eines Horns deutlich zu machen suchte, das die Gäste herkömmlicherweise zum Nachtessen zusammenrufen werde.

Als Don Adone und Fiammetta allein waren, setzte sich Don Adone gedankenvoll auf den Rand des für ihn bereiteten Lagers und sagte: Welch unerhörte Schicksalsfügung! Mir steht der Verstand still!

Mir ist es nicht besser ergangen, versetzte Fiammetta, indem sie mit den Händen auf dem Rücken in dem unwirtlichen Raum herumguckte, aber diese wunderliche Art von Fremdenzimmern bringt ihn glücklicherweise wieder in Bewegung. Wenn dieser sanfte Luigi Euch zumutet, daß Ihr auf seine Versicherung hin diese gelangweilt dreinschauende Prinzessin für die bewußte Würdigste gelten lasset, so sollte 159 er doch billigerweise zunächst für eine Herberge sorgen, die in gutem Stand ist. Seine Devise: »Sei gegen jeden mild und gut!« klingt recht schön, aber weiter scheint nichts dahinter. Was ist das für ein Quartier! Habt Ihr je, wenn Doktor Bourja oder andre Bekannte Euers seligen Herrn Vaters bei uns über Nacht blieben, von ihrer Unterbringung in den Räumen gehört, wo unsre Oliven und unsre Trauben gepreßt werden? Warum nicht gar in dem übelriechenden Schuppen, wo wir die Seidenraupen züchten? Ich hoffe, bester Herr, Ihr werdet auf Eurer Hut sein und mit keinem Wimpernzucken verraten, daß Ihr die aufgeblasene Person je als würdig zur Erbin halten könntet, noch daß Ihr überhaupt der seid, der die Würdigste ausfindig machen soll. Er hat zwar mit sehr uneigennützigen Redensarten freigebig um sich geworfen und scheint auch in der That gut bei Kasse zu sein. Aber seine Zecchinen ließ er merkwürdig rasch wieder in den Säckel verschwinden, und ich wette meine beiden Vorderzähne – wenn er dahinter käme, wer wir sind, er ließe uns nicht fort, bis Ihr seiner Cousine das Erbe ausgekehrt hättet.

Mein Kind, versetzte Don Adone, der sich während dieser langen Rede wieder und wieder die Stirn gerieben hatte, ich bin von dem ganzen Ereignisse noch dermaßen benommen, daß ich Mühe habe, einige Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Wo wird diese Reise enden, und wann werde ich mit ruhigem Gewissen aussprechen können: Diese da ist die Würdigste! Gewiß, die Reise nach dem fernen Salerno war schon eine Aufgabe, die sich, genau besehen, mit mehr als einer der zwölf Aufgaben messen durfte, 160 die der grausame Eurystheus dem Herkules gestellt hatte. Aber nun erst das Ergründen der Verdienste jedes der möglicherweise zahlreichen Nachkommen! Ich will damit nicht sagen, daß ich Don Nissuno – einen Mann, den meine selige Mutter so hoch schätzte – für fähig halte, gleich Herkules, der die sämtlichen fünfzig schönen Töchter des Königs Thespios geehelicht hatte, in dieser Richtung alles Maß und Ziel überschritten zu haben. Dennoch, wenn uns hier schon drei Sprossen einer Seitenlinie, und zwar durch bloßen Zufall, in den Weg kommen, welche Überraschungen werden erst an dem Golf von Salerno unsrer harren!

Was habe ich gesagt? rief Fiammetta, besinnt Euch nur, bester Herr!

Ich wäre gerade in der besten Laune, mich auf deine Thorheiten zu besinnen! sagte Don Adone verdrießlich. Daß der Gottseibeiuns nichts lieber sehen würde, als wenn ich schwach genug wäre, dir nachzugeben, und wie du es verlangtest, unverrichteter Sache heim zu trollen, dafür habe ich an meinem Körper noch allerlei empfindliche Beweise. Er hat mir arg genug zugesetzt. Nein, an meiner Pflicht machst du mich nicht irre. Aber ob ich je mit ihrer Erfüllung zustande kommen werde, darüber gerate ich freilich immer mehr ins Ungewisse, und ohne daß ich mit dem Vergleich etwas unziemliches sagen will: meine Verlegenheit kommt mir doch kaum geringer vor als die des Philosophen Simonides, der, von dem Tyrannen Dionysius befragt, was Gott sei? sich einen Tag Bedenkzeit erbat, dann zwei, dann vier, bis er zuletzt zu dem Bekenntnisse gelangte, je tiefer er in die Untersuchung eindringe, desto mehr 161 erkenne er die Unmöglichkeit, die Frage zu beantworten.

Wenn Don Luigi nur bald trompeten möchte! seufzte Fiammetta; mein Magen knurrt wie zehn hungrige Kettenhunde. 162

 

 

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