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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Während dessen bewegte sich eine stattliche und lebhafte Matrone unruhig in der Pergola des freundlichen Gartenhauses hin und her, das, von der Landstraße nicht sichtbar, den sanften Hügelzug krönte, an dessen Fuß die korpulente Wandrerin ans Sant' Aniello und ihr junger berittner Begleiter von den beiden Spaßvögeln – den Söhnen der Matrone – abgefangen worden waren. Mit dem Blick auf den im Glutschimmer der sinkenden Sonne purpurn leuchtenden Golf lag der grün umwaldete, geräumige einstöckige Bau in einladender Lieblichkeit da. Blühende Hortensien in allen Farbenabstufungen, duftige Limonengänge, mächtige Karuben, ein paar uralte, feierliche, kerzengerade Cypressen, drei rotstämmige, hochragende Pinien mit weit ausgespannten Nadelschirmen – das alles stand in scheinbar zweckloser Regellosigkeit und sich doch zu so fein berechneter malerischer Wirkung aneinander reihend um das Haus und seine weinumrankten Säulenvorsprünge umher, daß auch ein ungeübtes Auge von dem reizvollen Bilde in zauberischer 142 Weise berührt werden mußte. Dazu der Hintergrund des vielfarbigen Gebirges, in den tiefern Partien mit weißschimmernden Häuschen und grau glänzenden Olivenpflanzungen freundlich ansprechend, höher hinauf nur hie und da noch durch eine vereinzelte Wiesenmatte und kletternde Ziegen belebt, ganz oben schroff, zackig, gespenstisch, soweit der darüber gespannte blaue Himmel eine so unheimliche Bezeichnung zuließ – man wußte nicht, sollte man das glückliche Haus mehr um den Blick auf die See oder auf das Gebirge beneiden.

Um, so schien es, beider Ausblicke froh zu werden, schaukelte sich seitwärts von der Pergola in einer Art von Naturhängematte, die der Sommer aus dem bieg- und schmiegsamen Gewinde einer ganzen Familie blühender, tief herabreichender Schlinggewächse zwischen zwei eisbärtigen Cedern zusammengeflochten hatte, eine junge schöne, in dünnen feingewobnen weißen Wollenstoff gekleidete Person, von der jetzt nur eine kirschrote Sandale sichtbar war, dann wieder ihr anmutig gerundetes Gesichtchen, dessen lichtblonde Lockenumrahmung mit den fast schwarzen Augenbrauen und Wimpern der dunkelblauen Augen in gar drolligem Widerstreit stand. Sie schaute während des Schaukelns bald nach der Seite des Meeres, bald nach der des Gebirges und suchte, ohne sich sonderlich anzustrengen, beiläufig eines ihr entfallnen offen am Boden liegenden und im Winde hin und her blätternden bunt gebundnen Buches wieder habhaft zu werden.

Von Zeit zu Zeit öffnete die lässige Träumerin die rosigen Lippen, um jemand zum Aufnehmen des Buches herbeizurufen, und da hieß es bald in freundlichem Tone Ruffo Carissimo! bald wieder im 143 nörgelnden eines verzognen Kindes Bruttissimo Luigi! Aber keiner ihrer beiden Vettern war zur Stelle – und bis Luigi mit den zwei Gästen den Hügel erstiegen haben wird, reicht die Zeit eben aus, damit über diese Schöne einige Auskunft beigebracht werde.

Sie war nämlich die einzige Tochter eines reichbegüterten sizilianischen Edelmanns und hatte sich zwar mit Luigi am vorigen Ognisantifeste verlobt, ließ auch in ihrem Herzen den Vorzügen dieses von der Natur reich ausgestatteten jungen Mannes alle Gerechtigkeit widerfahren, hielt es jedoch für einen erlaubten Zeitvertreib, ihn über den Grad ihrer Zuneigung in Zweifel zu lassen, und nicht minder, immer neue Vorwände zum Hinausschieben der Hochzeit auszusinnen.

Nun hatte Luigi, von Ungeduld gequält, in diesem Sommer seine Braut – sie war mit dem Spottnamen Madonna Capriccia ganz zufrieden – zwar endlich dahin gebracht, daß sie einige Monate auf dem Landsitze der Madonna Tiburzia, seiner Mutter, zubringe, und zwei Monate lebte der unglückliche Liebhaber mit dem Gegenstand seiner Sehnsucht schon unter demselben Dache – aber gefördert worden waren seine Wünsche dadurch in keiner Weise, ja wenn es möglich gewesen wäre, Madonna Capriccias auffällig zur Schau getragne Nachsicht gegen die etwas wüste Lebensweise des rothaarigen Ruffo als ernst gemeint zu nehmen, so hätte man glauben können, Ruffo Carissimo habe die Aussichten seines Bruders wohl gar verdunkelt.

Zu eigner Entschuldigung dieses zweideutigen und hinhaltenden Benehmens darf übrigens nicht verschwiegen werden, daß Luigis heftiges Temperament 144 ihr zu Zeiten wirklich Angst bereitet hatte, und daß, wenn sie ihm geflissentlich Veranlassung zu leidenschaftlichen Ausbrüchen bot, sie es nicht ohne die Absicht that, ihm nachträglich auseinanderzusetzen, daß ein durch solche Temperamentsfehler getrübter Brautstand noch paradiesisch zu nennen sei verglichen mit der Hölle einer durch ähnliche Maßlosigkeiten vergifteten Ehe.

Auf Anraten seines Bruders hatte sich Luigi endlich, an der Grenze der Verzweiflung angelangt, zu dem heroischen Versuch ermannt, Gleichgiltigkeit gegen Capriccias Launen zu heucheln, mit keiner Silbe mehr seiner Hoffnungen zu erwähnen und überdies auch noch die ungeregelte Lebensweise seines Bruders – wenigstens scheinbar – mitzumachen. Diese pflegte den Deckmantel von Jagdausflügen umzuhängen, wie wenig Wild die entwaldete Küste auch beherbergte; und da dieses wenige oft in großer Entfernung gesucht werden mußte, so war mit solchen Ausflügen zumeist eine mehrtägige Abwesenheit verbunden, ohne daß übrigens auch dann immer etwas Erkleckliches in die Küche der Madonna Tiburzia geliefert worden wäre.

Luigi hatte es jedoch in Wirklichkeit nie über sich gewinnen können, sich auch über Nacht fern zu halten, zumal da die alte Dienerschaft der Villa Tiburzia geringen Schutz gegen etwaige Handstreiche von Korsaren bot – an diesem Teil des Golfs damals noch keine verschollnen Größen. Alles, was er sich zuzumuten vermochte, war ein sorgfältiges Verborgenbleiben bis zu der Stunde, wo der Bruder nach kürzerer oder längerer Abwesenheit wieder in Sicht kam, und dann, nach gemeinsamer Rückkehr, ein Auftischen, zwar nicht 145 immer von erjagten Leckerbissen, wohl aber von erotischen Abenteuern, in deren Erfindung er endlich so viel Fertigkeit erlangte, daß er sich als öffentlicher Fabulant hätte sehen und hören lassen können.

Dennoch verfehlte er seinen Zweck. Denn Capriccia, gewitzt, wie das weibliche Geschlecht nun einmal von Haus aus ist, und dem armen Luigi also in kleinen Pfiffigkeiten ein gut Teil überlegen, hatte sehr bald bemerkt, daß ihr Anbeter sie von bloßen Phantasieabenteuern unterhalte. Ihre anfängliche Sorge um ihn schlug darum rasch in übermütige Laune um, und als sie gar dahinter kam, daß er allemal mit dem unhäuslichen Bruder zwar große Jagdzurüstungen mache und endlich mit ihm auch wirklich mit Wurfschlinge und Jagdspeer beladen ins Gebirge hinausziehe, daß er aber nach wenig Stunden im Einverständnis mit der Matrone auf Schleichwegen heimkehre und sich bis zur Rückkunft Don Ruffos versteckt halte, da ließ sie ihn seine Spitzbüberei auf empfindliche Art büßen.

Gar mancherlei Mittelchen standen ihr zu solchem Zwecke zu Gebote. Daß ihr Gesang und ihr Lautenspiel ihn hinschmelzen machten in Wonne und Entzücken, hatte sie längst erprobt. Wenn er nun in seinem Schlupfwinkel auf der alten, epheuvergrabnen Trümmerburg saß, die eine Büchsenschußweite von der Villa Tiburzia entfernt von einem Gebirgsvorsprung auf sie herabblickte, so strich sie, wie sich ihrer Freiheit und ihres Unbelauschtseins freuend, schon früh morgens im leichten wehenden Gewande, in aufgelöstem Haar und nur ein buntes Seidenband um die Hüften geschlungen mit ihrer Laute über das Gebiet der Villa hinaus, und bald hallten die Ufer 146 von den Echorufen wieder, die ihr ungebunden in den Morgen hinausklingender Gesang in Grotten und Felsschluchten wachrief.

Was sie wollte, erreichte sie dabei auf das vollständigste: vor Herzklopfen, das ihm diese waghalsigen Ausflüge seines Idols bereiteten, glaubte der arme Luigi schier zu vergehn.

Nicht minder ängstigten ihn die Ausflüge, die Capriccia an das Meer machte. Das Baden war damals eine gerade so beliebte Ergötzung des jungen Volks am ganzen Strande wie noch heutigentags. Notabene des Volks, nicht der vornehmen Welt. Nun gab es außer der alten, allemal mit Madonna Tiburzia von Neapel aufs Land übersiedelnden Dienerschaft in Küche, Stall und Hühnerhof der Villa eine junge Dirne, Offella mit Namen, die Enkelin des im Winter die Villa bewohnenden alten Gärtnerpaars. Dieses rundliche Naturkind, immer gut aufgelegt, wie drei Männer arbeitend, dabei essen- und trinkens-, tanzen- und springens-, lachen- und singensfroh, die pausbäckige Offella also war am Strande zwischen ihren halbnackten Altersgenossen aufgewachsen und wäre ohne Befriedigung ihres täglichen Bedürfnisses nach einem Plätscherstündchen im schäumenden Salzwasser gerade so unglücklich gewesen wie eine Waldtaube, die nirgendwo eine Quelle zum Netzen ihrer Flügel und zum Abkühlen ihres Blutes findet.

Obschon nun die naturwüchsige Offella dem Geschmacke Capriccias widerstrebte, waren ihr die immer gute Laune, die naive Unverhülltheit und die Dienstwilligkeit des lachlustigen Wesens doch auch sympathisch, ja der frische Seeduft, den sie täglich in Haar und Gliedern von ihrem Ausrase-Stündchen 147 mit heimbrachte, hatte längst den Neid Capriccias geweckt.

Und so war denn, um Wechsel in die Leiden des Einsiedlers droben auf der Trümmerburg zu bringen, die schöne Lautenspielerin nicht lange von Bedenken gegen die Genossenschaft der vergnüglichen Magd zurückgehalten worden. So oft Luigi zum Schein auf die Jagd hinauszog, gesellte sich Capriccia der leicht umgänglichen und von keinem Standesrespekt angekränkelten Offella, und der arme Verliebte mußte Offella und den Gegenstand seiner Sehnsucht im seligen Vollgenuß ihrer Freiheit der Calata zuschreiten sehen, der jenseits der Landstraße zum Meere hinabführenden vielhundertstufigen Tuffsteinschlucht, an deren Fuß sich, von niemand gestört, die Glücklichen dem Spiele der Wellen hingaben.

Den Qualen, die Luigi ausstand, bis die Geliebte mit tropfenden Haaren oben am Eingang der Calata in Gesellschaft der lachenden Offella wieder in Sicht kam, meinte er anfangs erliegen zu müssen. Vor allem die Tücken Neptuns beklemmten ihn. Es gab plötzliche Windstöße, die aus Wellen Wogen machen konnten. Wie oft war er selbst, in dieser lauschigen und scheinbar so geschützten Bucht badend, durch ein unverhofftes Umspringen des Windes oder durch ein Herandrängen einer der vielen Strömungen des Golfs in Gefahr gewesen! An Haifische gar nicht zu denken! Und ihrer hatte man an dieser Küste doch oft genug auftauchen sehen! Dennoch – er hatte seinem Bruder gelobt, sich nicht aus seinem Versteck herauslocken zu lassen und jedes Interesse für Capriccias Thun und Treiben zu verleugnen, und so hielt er tapfer aus.

Aber damit war die Zahl der dem armen 148 Verliebten zur Strafe für sein Jagdpossenspiel bereiteten Martern noch nicht abgeschlossen. Mehr als es heutigentags der Fall ist, verbot die damalige Sitte den Damen von Stande, sich einer gewissen Lebhaftigkeit und Beweglichkeit in Gegenwart des andern Geschlechts hinzugeben. Der Orient und vor allem das Türkentum, das noch in dem Glanze ruhmreicher Siegeszüge strahlte, hatten in dieser Richtung unverkennbaren Einfluß geübt, und begünstigt von dem leicht erschlaffenden Klima des sonnendurchglühten Golfs und dem erhitzenden Odem des Vesuvs war ein großer Teil der damaligen Damenwelt Neapels tief und tiefer in die schwellenden Kissen des Nichtsthuns, des steten Ruhebedürfens und des endlosen Bedientwerdens versunken. Das Schaukeln in der einschläfernden Hängematte galt während der Sommermonate neben der schwachen Erschütterung, die ein Spazierenruhen in der von Maultieren oder Lazzaronis getragnen Sänfte verursachte, so ziemlich für die einzige Anstrengung, die sich eine Dame von Stande etwa zumuten durfte.

Auch Capriccia hatte diesen Vorschriften der Wohlanständigkeit von dem Tage an gehorchen müssen, wo ihr der Eintritt in die nicht ausschließlich von Personen ihres Geschlechts besuchten Kreise eröffnet worden war, und während die Matrone Tiburzia durch ihr Alter schon wieder das Kinderrecht freier Bewegung zurückerobert hatte, war Capriccia sogar in Gegenwart ihrer Vettern Luigi oder Ruffo, um in keiner Weise entgegenkommend oder sich nicht selbst genügend zu erscheinen, zu dem apathischen Verhalten genötigt, das mit der Lebhaftigkeit der leidenschafterregtesten Jahre so schlecht harmonierte.

149 Wenn ihre Morgenausflüge und dann das Baden im Meer nun schon mit dem eben beschriebnen Dekorum im grellsten Widerstreit standen und den armen Luigi aus Wechselstimmungen von Weh und Wonne nicht hatten herauskommen lassen, so steigerte sich diese Mischempfindung noch in maßloser Weise, als Capriccia in der unmittelbaren Nähe des Trümmerverstecks ihres Anbeters einen freien Platz ausfindig gemacht hatte, auf dem sie sich geradezu unter seinen Augen mit einer Rotte fröhlicher Dorfkinder dem Vergnügen des Tanzes hingeben durfte.

Die vornehme Welt Neapels hatte trotz ihrer sonstigen Pflege des Schläfrigen und Mühelosen den Tanz nicht in die Acht erklärt, doch übte die spanische Etikette, die vom Hof ausging, nur Nachsicht gegen die in Madrid und Aranjuez hoffähigen Beinbewegungen, und das Neigen, Knicksen, Scharren und Schreiten, aus dem diese Tänze bestanden, schien von dem Grundsatze auszugehn, daß ein Kavalier und ebenso seine Dame vor allem zu vermeiden hatten, gleich dem gemeinen Volke Schweiß zu vergießen.

Dieselbe Schöne nun, die sich wenig Stunden nach Ave-Maria der Sitte gemäß sonst aus der Männergesellschaft zurückzog und das Ansehen einer Blume annahm, die sich mit Sonnenuntergang schließt, dieselbe lispelnde Capriccia tummelte sich jetzt bei Fackelschein und Tamburingetrommel mit einem Haufen barfüßiger Dorfkinder allabendlich und oft bis tief in die Nacht hinein lärmend wie eine Mänade unter den Passions-, Clematis- und Epheugehängen des den Tanzplatz überragenden Trümmerbaues. Die einen mußten ihr die Tarantella beibringen, die andern den Saltarello, sie hingegen zeigte in drolliger 150 Übertreibung den belustigten Kindern, wie man sich am Hofe des Vizekönigs und in den Palästen der Nobili bewege, und wenn dem armen Luigi in seinem Versteck bald vor Entzücken die Augen übergehn wollten, bald der Versucher zusetzte, er solle in den toll bacchantischen Taumel hineinspringen und die zierliche Schöne ihrem Sträuben zum Trotz mit Gewalt auf sein Trümmerschloß entführen – da gipfelte der Sturm, der in ihm raste, zu einer solchen Höhe, daß Luigi schier den Verstand zu verlieren glaubte.

Endlich brachte ihn Madonna Tiburzia dahin, daß er den Versuch, Capriccia durch seine vermeintliche Jägerpassion umzustimmen, aufgab.

Sie glaube offenbar nicht daran, meinte jetzt auch Ruffo, und mache sich wohl gar noch über ihn lustig. Worauf es ankomme, sei ein wirkliches oder wenigstens doch ein Scheinverlieben Luigis in eine andre Schöne; es gebe deren ja wie Sand am Meere.

Aber Luigi, ganz von Capriccias Bilde erfüllt, leugnete die Möglichkeit, seiner Herzgeliebten untreu zu werden, und nach einigen vergeblichen Versuchen Ruffos, seine Mutter zum Einladen noch zweier oder dreier andrer Cousinen zu bewegen, wurde die Sache fürs erste aufgegeben. Wochenlang hatte der arme Luigi nun den Verdruß, bei jedem Jagdausfluge Ruffos von Capriccia gedrängt zu werden, er möge sich ihretwegen doch nicht zu Hause halten; Äußerungen, die ihm allerdings nicht befremdlich sein konnten, verbot ihr doch die Sitte, wenn sie seine Nähe nicht ignorieren durfte, sich nach Gefallen gehn zu lassen.

Endlich heute war Ruffo mit einer Jagdbeute 151 heimgekommen, die, wie er seinem Bruder lachend mitteilte, mehr wert sei als das ganze Dutzend fetter Wachteln, das er in seiner Netztasche mit heimgebracht hatte. Es war, so versicherte er, ein Pärchen nach Castellammare unterwegs, das für Luigis Zwecke aufs allerbeste tauge, und das unter irgend welchem Vorwande zur Einkehr zu bestimmen nicht schwer sein könne. In der That hatte Ruffo, durch seine vielen Fahrten und Streifzüge so ziemlich am ganzen Ufer bekannt, schon bei Gelegenheit des Teufelsspuks in der Kirche von Sant' Aniello von Don Adones Sonderbarkeiten gehört, und aus einem Dachsausräuchern, bei dem er dem herabgekommnen Granden Don Antonio Zoppo kollegialischen Beistand geleistet hatte, war ihm von diesem erzählt worden, mit welchem manierlichen kleinen Dämchen der wohlbeleibte Hasenfuß sich tags zuvor hinter Don Zoppos Gartenmauer das Abendbrot habe schmecken lassen. Der botanisierende Peripatetiker Pater Valerio aus dem Albergo des Signor Spinacci zu Carota war aber ebendort mit Sammeln von wildem Berggalander beschäftigt gewesen und hatte nun die Schnurre mit der Eule zum besten gegeben, sodaß Don Ruffo immer neugieriger geworden war und vor allem gespannt auf die Bekanntschaft der schlecht behüteten jungen Eselreiterin, im Laufe des folgenden Tages so ziemlich alles, was den beiden Reiseneulingen zugestoßen war, ermittelt hatte. Zu seinem unbeschreiblichen Gaudium erkannte er die zwei endlich selbst gar in einem mit Maultier und Esel die Landstraße daher ziehenden Paar, das er eben einzuholen und wegen Don Adones und seiner Begleiterin auszufragen im Begriff gewesen war. Und nun benutzte er, ohne von ihnen 152 gesehen zu werden, einen abkürzenden Seitenweg, um nach Hause zu eilen und alles zum Abfangen der harmlosen zwei Wandersleute vorzukehren.

Freilich hatte er von ihrem Gespräch nur zusammenhanglose Einzelheiten erlauscht, und der scharfsinnigere Luigi mußte zu besserer Ausdeutung des durch Ruffo Erlauschten noch einigen Vorspann leisten. Indem er dies aber that, kam so ziemlich das Richtige heraus, vor allem auch die Klausel wegen des in Salerno abzuliefernden Erbschatzes, und eben diese beschloß Luigi denn auch in solcher Weise zu verwerten, daß Don Adone zu der Meinung gelangen sollte, sein mühsamer Reisezweck lasse sich möglicherweise schon hier erreichen.

Sofort ersann Luigi eine Maskerade, deren Wunderlichkeit mit dem überspannten Vorhaben des weltunkundigen Testamentsvollstreckers der Signora Trasi aufs vollkommenste harmonierte. Nicht minder erdachte er die Sprüche, die die Devisen der zwei Brüder darstellen sollten und in einer Art Theekistenletternschrift unverzüglich auf Küraß und Pilgerkleid mit greller Farbe aufgetüncht wurden. Dabei instruierte er aber Ruffo, der in gewählter Unterhaltung nur schlecht zu Hause war, daß der sich einzig auf Augenrollen und kurze Ausrufe unwirscher Art zu beschränken habe.

Es kam nun nur noch darauf an, die Matrone zum einwilligen zu bringen. Luigis Versicherung, sein Lebensglück stehe auf dem Spiel, wenn sie nein sage, bestimmte sie denn auch, wie immer, zur Nachgiebigkeit.

Was Capriccia betrifft, die nur im allgemeinen auf das Bewirten und Beherbergen einer höchst 153 absonderlichen, mit ihrem Sohne auf der Reise begriffnen Frau vorbereitet wurde, so stellte ihr Ruffo das Ganze als einen unverfänglichen, mit den beiden harmlosen Leutchen zu treibenden Scherz vor, der ersonnen wäre, um dem Vorabend des Namenstags ihrer guten Tante einen vergnüglichen Anstrich zu geben; und gefällig, wie Capriccia sich gegen Ruffo, Carissimo! zu zeigen liebte, versprach sie, die Komödie nicht zu stören. 154

 

 

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