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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Inzwischen war auch die Glut des Tags vorübergegangen, und die Ausblicke gewannen wieder ihre unaussprechlichen Zauber. Sowohl Don Adone wie Fiammetta spürten die beglückende Wirkung, und als die Reisenden wenig Stunden vor Ave-Maria das hart am Golf gelegne Städtchen Castellammare in Sicht bekamen, war alles Ungemach vergessen, und Don Adone hörte fast mit Behagen zu, wie Fiammetta »diese köstlich muntere Reise« mit der tötenden Langeweile verglich, die bisher das Leben im Hause der seligen Signora Trasi geboten hatte.

Freilich entstand nun von neuem die Frage: Wohin über Nacht?

Unsre Vorräte sind nahezu erschöpft, sagte Fiammetta; Niccolosa, Nello und die Kinder wetteiferten gestern mit dem Greise, wer meiner Küche die meiste Ehre erweisen wollte, und darüber ist uns selber heute das leere Nachsehen verblieben. Wir brauchen also neuen Proviant.

123 Es schmeckte ihnen gut, versetzte Don Adone begütigend, und ich habe es ihnen von Herzen gegönnt. Zwar fielen mir ein paarmal die Worte ein, mit denen Diogenes den Platon zügelte, als dieser ihm alle seine Feigen vor der Nase wegaß: »Teilnehmen,« war des Diogenes sarkastische Bitte, »nicht auffressen.« Aber diese Äußerung des großen Mannes hat mir nie gefallen, und so wollen wir auch das Andenken dieser braven Leute nicht nachträglich schmälern.

Möge ihnen die Mahlzeit wohl bekommen sein, sagte Fiammetta, ob Doktor Bourja die Speisen, die ich gekocht hatte, verzehrt hat oder Pater Ambrogio oder wer sonst immer von Euern Gästen – das kann mir zuletzt einerlei sein. Was Euch selber geschmeckt hat, das rauben sie mir nachträglich mit all ihrer Gefräßigkeit ja doch nicht, und das ist mir im Grunde immer das einzig Wichtige gewesen. Aber wo nehmen wir jetzt Geld her? Eure Barschaft ist der Signora Spinacci zum Opfer gefallen. Unsre schönen Zecchinen wolltet Ihr mich nicht auflesen lassen. Wir sind also endlich darauf angewiesen, Eure würdigen Salerner Verwandten zu plündern. Wo habt Ihr die verhängnisvolle Tasche?

Sie hängt an einer Stelle, antwortete Don Adone, wo sie besser verwahrt ist, als sie es je bisher war. Hier, sagte er, indem er auf eine Wulst an seiner linken Hüfte hinwies; der Rock deiner Pate bedeckt meinen Schatz aufs vollständigste. Wir werden ihn unverkürzt, soweit er noch vorhanden ist, an seine Eigentümerin abliefern.

Aber wer beköstigt uns, und wer nimmt uns und unsre vierbeinigen Heuschrecken ins Quartier? fragte Fiammetta.

124 Ich habe von einem Manne gelesen, versetze Don Adone, wiederum einem weisen Griechen, der Demokritos hieß und das ansehnliche Alter von hundertundneun Jahren erreichte. Dieser Mann lag im Sterben, als gerade das dreitägige Fest der Göttin Ceres bevorstand, das mit strengem Fasten verbunden war. Um nun der Göttin keine Unehre zu erweisen, also nicht das Fasten zu brechen, und doch auch nicht das Leben darüber einzubüßen, ließ sich der Greis zu einem Bäcker tragen und fristete dort während dreier Tage durch den Geruch warmer Brote sein Leben. Wir würden uns ohne Zweifel auf gleiche Weise bis nach Salerno durchbringen. Mir scheint, ich wittere schon den Geruch eines wohlgefüllten Backofens.

Nein, rief Fiammetta, mich wenigstens brächtet Ihr auf solche Art nicht lebendig hinüber. Sie stemmte ihre Hände auf die Hüften und fühlte etwas wie ein Gelüst, es einmal ernstlich mit dem junkerhaften Tone zu versuchen, zu dem ihre Männertracht sie berechtigte. Schon während Ihr von dem dreitägigen Fasten erzähltet, fuhr sie fort, ist mir flau geworden, und ich rechne ganz zuversichtlich auf ein gutes Nachtessen.

Don Adone sah mit einem Seufzer gedankenvoll ins Leere. Ich kann mich nicht entschließen, sagte er, die Tasche der vortrefflichen Verwandten noch leichter zu machen. Was wir für die arme Mutter des Mörders thaten, geschah nicht zu unserm Vorteil, wir thaten es für andre. Auch als wir nichts von dem Greise zurückholten, geschah es um der lieben Singvögel willen. Aber wenn wir uns jetzt, wie du es empfiehlst, an dem Schatze vergriffen, da wäre es eine selbstsüchtig unedle Handlung.

125 Wir brauchten, erwiderte Fiammetta, die Sache ja nur anzufangen, wie es Doktor und Apotheker machen, wenn sie Geld benötigen. Dem Apotheker zu Gefallen verschreibt der Doktor eine teure Medizin, und dem Doktor zu Gefallen gießt der Apotheker soviel Wasser hinein, daß der Patient monatelang des Doktors Nachhilfe braucht. So hat jeder nicht für sich, sondern für den Nächsten gearbeitet. Ich werde die Tasche etwas leichter machen, um für Euch sorgen zu können. Für mich mögt Ihr dann das Nämliche thun.

Nein, versetzte Don Adone, auch diese Gedankenfolge, obschon sie vielleicht aus einigen Schriften der Sophisten mit Belegen illustriert werden könnte, will mir nicht gefallen.

So werden wir eben stehlen müssen, rief Fiammetta kurz entschlossen, und ich meinesteils mache hier gleich den Anfang. Sie langte sich einen Orangenzweig herab, unter dem Lazaro eben mit ihr forttrabte, plünderte ihn von seinen Früchten und ließ ihn dann wieder in die Höhe schnellen.

Oho! rief ein des Wegs Kommender und hielt den Hut hin, damit man ihm seinen Hehlerteil von der Beute nicht vorenthalte, seht Euch vor, Bürschchen, so nah vor einer Stadt führt dergleichen leicht zu Ungelegenheiten.

Fiammetta füllte seinen Hut mit Früchten, und alle drei verweilten, während die erquickende Labe gemeinsam verspeist wurde, im Wechseln von allerlei Fragen und Antworten.

Der Mann wußte durch williges Auskramen seiner Lokalkenntnisse sogar Don Adone allmählich über gewöhnliche Dinge reden zu machen, und endlich wandte er das Gespräch von den Hafer- und 126 Heupreisen des nächsten Albergowirts auf sein eignes Geschäft, den Pferdehandel, wobei er die Vermutung aussprach, der Verkauf des Maultiers sei wohl der eigentliche Wanderzweck der Frau Mutter.

Keineswegs, entgegnete Don Adone, aber Ihr bringt mich da auf einen nicht ganz verächtlichen Einfall!

Ich selber lasse mich mit Maultieren nicht gern ein, sagte der Fremde, sonst könnte mirs schon passen, statt zu Fuß nach Hause reisen zu müssen, mich hier gleich wieder beritten zu machen. Aber in dem zweitnächsten Städtchen, das Ihr morgen passieren werdet, weiß ich einen zuverlässigen Käufer. Wenn Ihr nach Don Gioja in Annunziata fragt, wird Euch jedes Kind zurechtweisen. Bezieht Euch nur auf seinen Vetter, dann thut er schon für Euch, was er kann.

Wenn Ihr das Maultier einmal probieren möchtet, sagte Fiammetta, deren Magen vernehmbar zu knurren begann, und die sich nicht das Ansehen geben wollte, als habe sie niemals ordentlich zu Pferde gesessen, so würdet Ihr Euch überzeugen, daß es nicht schlechter ist als irgend ein Pferd. Im Sprichwort heißts, wie Ihr wißt:

Chi si misura
Molta dura.
Wer Maß hält, lange aushält.

Das ist ganz seine Art.

Mein Sohn, antwortete der Fremde, alle Maultiere sind bösartig – ich bin aber ein Mann, der weder mit seiner Frau, noch mit seinen Leuten, noch mit seinen Tieren Ungelegenheiten haben mag. Auch 127 zweifle ich, daß wir handelseinig würden. Von Castellammare bis ganz nach Neapel hinein giebts in diesem Jahre wegen des Regens, der am heiligen Januaristag gefallen ist, nur saures Heu. Da riskiert man bei jedem neuen Handel, sich einen Patienten aufzuladen. Es ist kein übles Tier, Euer Brauner; die Augen scheinen klar, und er steht fest auf den Vorderfüßen. Ja, was werdet Ihr für ihn haben wollen? Hundert Silberducati! Nicht wahr? Nun, ich sage nicht, daß der Preis zu hoch ist, aber mir ist das Tier kaum siebzig bis achtzig wert.

Der selige Signor Trasi hatte Don Pantaleone für fünfzig Silberducati gekauft. Don Adone zögerte deshalb mit der Antwort. Er wußte nicht, ob er sich ohne Gewissensbisse das hohe Gebot des gutherzigen Mannes zu nutze machen dürfe.

Aber Fiammetta dachte über den Handel anders.

Ich weiß nicht, Mutter, sagte sie, ob du dich von unserm guten Tiere zu einem so billigen Preise trennen willst. Aber vielleicht entschließt Ihr Euch, etwas mehr zu zahlen, Signore; wenigstens solltet Ihr seine vortreffliche Gangart einmal erproben.

Reitets mir vor, junger Herr.

Nein, lehnte Fiammetta ab, versucht es selbst. Ihr sollt nicht kaufen, was Ihr nicht selber prüft!

Ich bin doch ein wahres Kind, sagte der Fremde lachend, habe mich eben erst mühsam aus einem Geschäft herausgezogen, und jetzt tappe ich schon wieder in ein neues hinein. Er klatschte dem Maultier die Hüften. Nein, ich bleibe davon, sagte er.

Es wird Euch gereuen, Signore, sagte Fiammetta anfeuernd.

Zaum und Sattelzeug inbegriffen?

128 Beim Preise von achtzig Silberducati, betonte Fiammetta.

Junger Herr, ich sagte siebzig.

Siebzig bis achtzig, wagte sich Don Adone hervor.

Wozu das Gerede? fiel Fiammetta ein; nicht wahr, Mutter, wenn wir und der Herr die Differenz teilten . . .

So säße ich daran fest, sagte der Fremde und befaßte die Hufe des Tiers; und am Ende soll auch noch auf der Stelle das Geld herbei? Er griff unter sein Wollenwams, und Fiammetta glaubte zu vernehmen, wie das Geld in seiner ledernen Geldkatze tönte.

Freilich, sagte sie, auf der Stelle, denn wir sind mit unserm Zehrpfennig am Ende.

Ich bin wahrlich nicht recht gescheit, rief der Fremde von neuem; nein, ich bleibe davon. Aber er beschrieb dennoch einen Kreis um Don Pantaleone, als habe ihm das Tier es angethan.

Seht nur, sagte Fiammetta, wie er schon die Ohren nach Euch spitzt.

Ich kenne ohnehin die Maultiergangart zur Genüge, sagte der Fremde wieder, immer fallen sie in den Paßgang hinein.

Wo denkt Ihr hin? rief Fiammetta ungeduldig; hast du je etwas Ähnliches gehört, Mutter? Paßgang! Als ob Don Pantaleone jemals Paß gegangen wäre.

Euer Wort zum Pfande? fragte der Fremde scharf.

Parola di Gentiluomo! beteuerte Fiammetta im wachsenden Gefühl ihrer Wichtigkeit.

129 So will ich versuchen, wie er geht, sagte der Fremde, schnallte seine Geldkatze von den Hüften, warf sie neben Lazaro ins Gras und schwang sich in den Sattel.

Nun ließ er ihn erst im Schritt gehn; dann setzte er ihn auf die Hinterfüße; dann kitzelte er ihn mit dem Stiefelabsatz, daß sich Don Pantaleone mit hochgehobnem Schweif im Kreise drehte; dann warf er ihn nach rechts herum und dann wieder nach links, sodaß sich das Tier bald vor Verdruß nicht mehr zu helfen wußte, und nun ließ er es aus dem Schritt in Trab übergehn und aus dem Trab in Galopp und aus dem Galopp in Karriere – bis Reiter und Tier im aufgewirbelten Staube der Landstraße verschwunden waren.

Fiammetta wurde hochrot, Don Adone kreideweiß.

Es wird ihm ein Unglück zustoßen, sagte er, indem er mit langgerecktem Halse die Landstraße hinabschaute; wir hätten ihn besser vor Don Pantaleones Tücken warnen sollen.

Fiammetta war schweigend von Lazaros Rücken hinabgeglitten. Eilig hob sie die Geldkatze auf und öffnete die plumpe Eisenschnalle.

Nimm sie in gute Verwahrung, sagte Don Adone, ich fürchte, vor Sant' Aniello bringt er den Unband nicht wieder zum Stehn.

Aber Fiammetta warf die Geldkatze zornig auf den Boden, daß ihr klingender Inhalt – lauter erbärmliche Muscheln und Metallknöpfe – weit umherrollte.

Ich hätte mirs denken können, sagte sie, zwischen Ärger und Beschämung in Thränen ausbrechend; wir sind geprellt, Don Adone, und ich habs diesesmal verschuldet!

130 Hihihi, kicherte es in diesem Augenblick über Fiammettas Haupt; habe alles mit angesehen; geschieht Euch schon Recht! Wem fremdes Eigentum nicht heilig ist, dessen Hab und Gut ist auch anderm nicht heilig!

Ein kleiner buckliger junger Mensch mit einem Gesicht, so unheimlich wie die Physiognomie einer züngelnden Natter, saß auf irgend einer nicht sichtbaren Leiter zwischen dem von Fiammetta beraubten Baume und dem glasscherbengespickten Rande der Mauer, hinter der dieser und zahlreiche andre Orangenbäume standen, und überschüttete in solcher und andrer Weise die unten Stehenden mit Hohn und Spott.

Ihr solltet Euch schämen, so zu reden! rief Fiammetta endlich zwischen Weinen und Händeballen hinauf, denn es schien ihr hohe Zeit, die kindische Rolle, die sie gespielt hatte, durch Keckheit gut zu machen. Sagt uns lieber, wer der Spitzbube gewesen sein mag; denn so wahr ich Don Taddeo di Bambacini heiße, wenn Ihr Eure spöttischen Schmähworte nicht zurücknehmt und uns sagt, was Ihr von dem Diebe wißt, so zeige ich Euch als Helsershelfer des Banditen bei der hohen Prefettura drüben in Castellammare an. Per Dio! ich will Euch lehren, mich und meine Mutter foppen.

Hört mir doch, wie das Närrchen sprudelt! grinste der Bucklige; geht nur hin, geht nur hin! Aber wenn ich Euch raten soll, da seht Euch zuvor einmal das Gerüst an, das zur Linken des Stadtthors auf dem Hügel mit den drei Ulmen steht. Es hängen schon zwei dumme Tröpfe daran, aber es ist noch Platz für weitere zwei.

131 Ich danke Euch für Euern guten Willen, erwiderte Fiammetta, nicht ohne einigen Schauder; soll ich etwa gleich für Euch die Anmeldung besorgen? Denn Euch gebührte jedenfalls der Vortritt.

Ohne alle Frage, stimmte der Kleine schadenfroh bei, obschon er vor Lachen fast nicht reden konnte; leider gehts aber hier wie überall: die hohen Herrschaften machen dem kleinen Manne immer den Rang streitig. Die, die da oben hängen, nannten sich auch mit gar prächtig klingenden Namen; dabei trug sich der eine in Weiberkleidern, und seine Begleiterin steckte in Wams und Hosen. Unglücklicherweise kam irgend ein Pfiffikus dahinter, zeigte die beiden Spaßvögel an, man warf sie ins Loch, und da tags darauf von Neapel ein dienstlicher Wisch an den Governatore einlief, weil er noch immer nichts in Sachen der neulichen Verschwörung gegen den Vizekönig ermittelt habe, so machte dieser kurze Rechnung und ließ das Männlein und das Weiblein selbander aufknüpfen. Seitdem hat er ein großes Belobungsschreiben empfangen, und wer nun auf Staatskosten beerdigt werden will, der braucht sich nur in irgend einer lustigen Vermummung aufgreifen zu lassen – sofort ist bestens für ihn gesorgt.

Fiammetta hatte längst dem Tone des garstigen kleinen Menschen angehört, daß er sie für keinen gefährlichen Gegner hielt. Ob sein Scharfsinn noch weiter reichte, das zu ermitteln schien ihr nicht ratsam. Ehe er mit seiner Geschichte zu Ende war, kletterte sie deshalb wieder auf Lazaro hinauf und folgte in kleinem Trabe ihrem Herrn, der in sichtlicher Beklommenheit schon voraufgeschritten war.

Fiammetta, flüsterte dieser, sobald er sie 132 herankommen hörte, hast du vernommen, welche neuen Schrecken uns bedrohen?

Ich halte dafür, sagte Fiammetta, daß dieses boshafte kleine Ungetüm die ganze Begebenheit erfunden hat.

Das glaube ich keineswegs. Ich erinnere mich jetzt, daß Doktor Bourja von einem Attentat auf den Vizekönig erzählte. Die Verschwornen seien als Weiber verkleidet in den Palast eingedrungen. Kein Wunder, wenn jede Verkleidung seitdem die darin Ertappten in ärgerliche Untersuchungen verwickelt.

Nun, meinte Fiammetta, die der schwarzen Sammetjacke und der roten Weste ihres Herrn gar zu ungern wieder entsagt hätte, so wenig sie sich auch in der Männerkleidung sicher fühlte, man muß sich eben nicht ertappen lassen.

Und du meinst, daß wir uns also offen in Castellammare sehen lassen und den Diebstahl anzeigen können?

Das letzte wäre denn doch wohl bedenklich.

So sind wir also bei einer Berührung mit den Sbirren in Gefahr?

Vorsicht wenigstens scheint mir geboten.

Dann, sagte Don Adone und blieb stehn, indem er mit der Hand auf seinem Rücken nach der Stelle suchte, wo er heute im Morgengrauen das Busto der Donna Vittoria zusammengeschnürt zu haben glaubte, dann laß uns raschmöglichst wieder in unsern frühern Zustand zurückkehren.

Er hatte noch nicht zu Ende geredet, als Fiammetta einen leisen Schreckensschrei ausstieß.

Was giebts? fragte Don Adone.

Man hat uns belauscht, flüsterte Fiammetta.

133 Don Adone sah sich um.

Etwa hundert Schritte entfernt stand ein dünnbärtiger, breitschultriger, rothaariger Mann, der eine blecherne Sturmhaube auf dem Kopfe hatte, und dessen Oberkörper in einem weiten Brustharnisch steckte; er war mit einem großen Schwerte umgürtet, trug gespornte, naturfarbne Stulpenstiefel, hielt eine Art Fernglas in der einen Hand und ließ eben ein hohles Widderhorn, das er am Ohre gehalten haben mochte, an der seidnen Schnur heruntergleiten, die ihm, wie im Dienste eines Hifthorns, von der Schulter herabhing.

Sospettissimo! Sehr verdächtig! glaubte Don Adone den fürchterlichen Gesellen vor sich hin reden zu hören, während sich ein Genosse, der bis jetzt unsichtbar gewesen war, ein pilgerartig gekleideter jüngerer Mann mit schwarz umlocktem Kopfe und schönem Vollbart, langsam und wie von langer Rast gelähmt aus dem Grase erhob.

Kehren wir um, zischelte Fiammetta, indem sie ihren Zügel kürzte, und da Lazaro darauf nicht acht hatte, ihm mit ihrer Gerte verdeutlichte, daß er kehrt zu machen habe.

Lazaro hatte aber im Schein der sinkenden Sonne eine Menge üppig wuchernder Disteln eben dort, wo die zwei bedrohlichen Gestalten harrten, am Wegesrande von weitem erspäht, und obschon sonst gutmütig, that er, als sei der mißverständliche Gertenschlag eine Mahnung zu beschleunigtem Austraben.

So war Fiammetta denn, trotz allem Zügelzerren und Wettern, ehe sie es verhindern konnte, plötzlich dem mißtrauisch die Augen rollenden Rotbart gegenüber, der mit einem gebieterischen: Olà! der Erschrocknen das Blut vollends aus den Wangen trieb.

134 Um nicht aus der Rolle zu fallen, gab sie keine Antwort, suchte die zitternde Lippe möglichst kavaliermäßig keck zu kräuseln, stemmte die Rechte auf die Hüfte und beobachtete, während Lazaro mit fletschendem Zahn Distel um Distel erraffte, wie der in sprachloser Verwirrung herankommende unberittne Don Adone in seinem langen Weiberrocke die Blicke der zwei ungleichartigen Wegelagerer beschäftigte.

Endlich war er zur Stelle.

Auch ihn empfing aus dem Munde des Rotbarts ein unwirsches: Olà! worauf Don Adone bebenden Tons mit einer höflichen Erkundigung nach der Wegstraße, die noch bis Castellammare zurückzulegen sei, antworten zu müssen glaubte.

Der Rotbart rollte bei dieser Frage wie unsinnig die Augen und lockerte zugleich sein bedrohlich riesiges Schwert, sodaß sich Fiammetta rasch zu der Erklärung ermannte, wenn die Mühe des Auskunftgebens etwa eine allzugroße sei, so solle man sich dieselbe sparen; bei uns zu Hause sagt man zwar, fügte sie naseweis hinzu: è buono donar le cose, che non si possono vendere – was nicht wert ist, bezahlt zu werden, das soll man nur getrost umsonst geben; aber jeder hat ja das Recht, seine Worte für sich im Munde aufzusparen, bis sich ein Käufer findet.

Hier zuckte es heftig um den Mund des Rotbarts, was Fiammetta als ein Zeichen nahm, daß es Zeit sei, davon zu traben, weshalb sie zu Don Adone hinabrief: Sputet Euch, Mutter; die Sonne wird unsertwegen nicht bis in die Nacht hinein am Himmel bleiben.

Der Schwarzlockige hatte aber währenddessen Don Adone schon freundlichen Bescheid zu geben 135 begonnen. Jetzt fügte er hinzu, indem er Fiammetta die Hand hinauf reichte und sie mit mildem Auge ansah:

Wenn mein Bruder Euch noch nicht ganz traut, junger Herr, so verübelts ihm nicht. Was hier an den Marken unsers Gebiets vorüberzieht, nimmt ihn in andrer Weise als mich in Anspruch. Leset dort aus seinem Küraß, was seines Amtes ist, und hier aus meinem Kleide, in welchem Dienste ich thätig bin. Wäret Ihr nicht so beeilt, Ihr solltet durch die That erfahren, wie ich dem Gelübde, das ich geleistet habe, gerecht zu werden suche. Jeder thut hier, was er kann, der eine, indem er für das Vaterland und seine Sicherheit mit wachsamem Auge gegen vermummte Missethäter auf dem Posten steht – Don Adone lief ein Schauder über den Rücken –, der andre, indem er beherbergt, beköstigt, beschenkt, wen nur immer sein Schicksal hier vorüberführt.

So sprechend griff er in die Tasche und holte eine Hand voll blanker Goldmünzen daraus hervor, ließ sie aber freilich schon im nächsten Augenblicke wieder in dem nämlichen reichgefüllten Behälter verschwinden. Aber die Sonne hatte sie mit solcher Pracht beschienen, daß Fiammetta offnen Mundes ihnen noch immer nachstarrte, als sich Don Adone, durch den gastfreundlichen Schlußsatz des Schwarzlockigen so ziemlich beruhigt, schon mit dem ihm eignen glücklichen Lächeln gegen die Voraussetzung zu verwahren begann, es habe mit dem Erreichen Castellammares so übergroße Eile.

Als sich nun auch der Rotbart mürrisch von seinem Begleiter verabschiedete und bergan stieg, als habe er für heute sein Tagewerk beschlossen, bat Don 136 Adone um die Erlaubnis, sich mit seinem Söhnchen während einiger Minuten über das ihnen soeben gewordne gastliche Anerbieten beraten zu dürfen, worauf der Schwarzlockige mit ungemein raschem Griff Fiammetta aus dem Sattel hob und auf ihre Füße stellte, auf ihre widerstrebende Ungefügigkeit erwidernd, auch solche Dienstleistungen gehörten zu seinem Gelübde, und das junge Herrchen dürfe schon nicht glauben, daß es ihm schwer geworden sei.

So redend zog er sich einige Schritte bergan zurück und war gleich darauf um eine irdene Wasserschale beschäftigt, die an einer Seite des Bergpfads unterhalb eines emsig tröpfelnden Quells in den Boden eingelassen war, ohne Zweifel, um Vorübergehenden zum Schöpfen eines Labetrunks zu dienen, denn ein zinnerner Becher stand daneben.

Als Herr und Dienerin weit genug aus dem Wege gegangen waren, daß sie von dem neuen Bekannten nicht mehr gehört werden konnten, begann Don Adone wie folgt:

In einem alten Buche las ich einst die goldnen Worte: Schande ists einem weisen Manne, sich übel zu beraten. – Kann ich nun auch nicht Anspruch erheben auf den Namen eines weisen Mannes, so ist ein solcher zu werden doch meine Pflicht, sowohl meine wie die eines jeden andern, und auf dem Wege zur Erfüllung dieser Aufgabe ziemt es, Vorsicht und Umsicht walten zu lassen. Ich werde dir nun zunächst die drei Gesichtspunkte deutlich machen, von denen aus . . .

Bester Herr, fiel ihm Fiammetta hier mit bittender Gebärde ins Wort, wir können die Sache ja gründlicher besprechen, sobald wir nur erst unsers Hungers 137 einigermaßen Herr geworden sind. Ich habe an dem einen Finger des roten Grimmbarts drei Ringe von solcher Schönheit bemerkt, wie der edle Greis, dem meine Ohrringe so sehr in die tagblinden Augen stachen, kaum je auch nur im Traume etwas ähnliches gesehen haben wird. Auch der Mann in dem grünlichen Talar trägt darunter, wie ich, auf seinem Arm sitzend, eben wahrnahm, eine goldne Uhrkette, fast so dick wie die Ketten an unsrer ewigen Lampe zu Sant' Aniello. Wir sind also diesesmal an keine Hungerleider geraten, höchstens an Leute, deren Köpfe irgend ein Sonnenstich zu nahe gekommen ist. Dabei lohnt sich doch auch wohl zu erkunden, woher die Goldmünzen stammen. Hat der glückliche Besitzer etwa die eurigen aufgelesen, so müßt Ihr nach beendigter Sättigung mir schon erlauben, ihm klar zu machen, daß ein ehrlicher Finder vor zehn Almosenspendern aus fremden Beuteln dereinst im Himmel den Vortritt hat.

Ein Denker des Altertums, versetzte Don Adone, hat einmal das erhabne Wort gesprochen: »Es ist kein Unglück, klug zu sein und einfältig zu erscheinen.« – Lassen wir denn alles, was gegen gewisse schiefe Seiten deiner Äußerung zu sagen bleibt, einstweilen auf sich beruhn und vertrauen wir dem Himmel, daß er uns diesesmal gegen etwaige Schabernacke des Erbfeindes beistehn wird.

Damit machte er dem bei der Quelle Wartenden ein Zeichen, die freundliche Einladung werde dankbar angenommen, und ging dem nun hurtig wieder bergab Steigenden mit Fiammetta, die lustig mit der Gerte in der Luft umher hieb, in dem langsamen Schritt einer Frau von guter Sitte und gewichtigem Umfang entgegen.

138 Nehmt Euer braves Tier am Zügel, junger Herr! bat der Gastfreund, indem er Fiammetta den Esel wieder zuführte und mit edelm Anstande Don Adone den Arm bot; die Straße, die ich Euch führen werde, steigt langsamer an als der Fußpfad. Darf ich fragen, was Euch als Abendkost am besten zusagen würde? Von Fischen haben wir Palaja, Capitone und blau gefleckten Cafolo, bekanntlich das Leibessen unsers gnädigen Vizekönigs; von Geflügel Wachteln und Feigenschnepfen, nicht übermäßig groß, aber fett und, wie ich sagen darf, von geradezu erstaunlicher Schmackhaftigkeit. Als Frittura würde ich dann die rötlich-gelbe Trüffelabart empfehlen, die wir hier mit dem Namen pietra fungaia sehr unpassend bezeichnen, denn sie liegt keineswegs wie ein Stein im Magen. Wegen Obst, Backwerk, Käse und sonstigen Beiläufigkeiten kann ich leider keine Vorschläge machen, da meine schöne Cousine, Donna Capriccia, diese Gegenstände selbst aufzutischen liebt, und da sie es jedenfalls sehr schmerzlich empfinden würde, wenn man ihrem Geschmacke nicht blindlings gehorchte. Den Weinkeller hinwieder verwaltet mein Bruder.

Fiammetta hätte am liebsten den ganzen Speisezettel in natura aufmarschieren sehen, schon um die Zubereitung kennen zu lernen und ihre eigne Kochkunst damit zu vergleichen. Aber Don Adone ließ sie nicht zu Worte kommen.

Erlaubt, sagte er, indem er stille stand und ein großes Feigenblatt abbrechend sich damit zu fächeln begann, erlaubt, Eccellenza – denn ein so üppiges Nachtessen kann nur ein vornehmer Herr bieten –, erlaubt, daß ich Euch mit einem Zitat antworte. Der ehrwürdige Epikuros sagt: »Keine Wollust ist an sich 139 selbst böse, aber die Art, wie wir zu manchen Wollüsten gelangen, bringt uns ein größeres Ungemach, als sie selbst Vergnügen machen.« – Auf den gegenwärtigen Fall angewandt muß die Frage so lauten: Wirst du diese köstliche Mahlzeit nicht mit bittern Reueschmerzen bezahlen, da du von einem Manne gespeist und gesättigt werden sollst, gegen den du vielleicht nicht ganz offen sein kannst?

Hier schlug sich der Gastfreund mit Lebhaftigkeit auf die Brust: Und wäret Ihr, rief er, der Mörder Barrabas, an dessen Stelle unser Erlöser am Kreuz verbluten mußte, so würdet Ihr von mir keine andre Aufnahme empfangen als die, die ich Euch biete. Mein Gelübde legt mir die Verpflichtung auf, Mühseligen und Beladnen zu geben, solange ich zu geben vermag. Um aber dabei ganz ohne Selbstsucht zu verfahren und also die Möglichkeit abzuschneiden, daß sich die so von mir Aufgenommnen dereinst als meine Schuldner gegen mich erkenntlich erweisen, habe ich mirs zum Gesetz gemacht, niemand nach seinem Namen und seiner Herkunft zu fragen, ja ich weise derartige freiwillige Eröffnungen allemal mit Entschiedenheit zurück.

Er fügte hinzu, indem er einen mit weißen Blättern durchschossenen, schön in Leder gebundnen Kalender unter seinem Kleide hervorholte, aus Wunsch seiner Cousine Capriccia habe er seine Gäste in der Regel um die Gefälligkeit ersucht, sich für die Dauer ihres Aufenthalts mit einem der Namen bezeichnen zu lassen, die Donna Capriccia jedesmal beim Jahresanfang für die einzelnen Tage des Jahres ersinne, und zwar in solcher Zahl, daß für jeden Tag drei männliche und drei weibliche Namen zur Verfügung 140 stünden. Heute früh, schloß er, rief ich vier Wandersleute herein, die, obschon sie nur ein Stündchen Muße für mich hatten, doch nun vier der auf den heutigen Tag berechneten Namen schon mit Beschlag belegt haben. Die zwei übrig gebliebnen heißen Donna Lavendola und Don Gufo. Wenn Ihr, Verehrteste, Euch gefallen laßt, mit der bescheidnen, aber wenigstens wohlriechenden Pflanze betitelt zu werden, so hoffe ich, wird sich auch Euer junger Begleiter – er griff wieder nach Fiammettas Hand – mit dem Namen Gufo (Uhu) befreunden, umsomehr als sein liebenswürdiges Benehmen und sein schmuckes Gesicht den Verdacht, man habe eine Verspottung damit ausdrücken wollen, in ihm nicht aufkommen lassen werden.

Fiammetta konnte nicht umhin zu lachen, Don Adone wurde aber einsilbig und blieb es während des ganzen Bergaufweges, denn bei dem Namen Lavendel war in seiner Erinnerung plötzlich der Duft aufgefrischt worden, den alle Schiebladen und Schränke seiner armen Mutter ausgeströmt hatten, und er sah im Geiste die herbe, aber doch nie wirklich böse Frau zwischen ihrer sauber aufgeschichteten Leinwand kramen und hörte sie zum hundertstenmale sagen: Das alles habe ich selbst gesponnen. 141

 

 

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