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Charles Edouard Duboc: Don Adone - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDon Adone
authorRobert Waldmüller (Charles Edouard Duboc)
year1901
firstpub1883
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleDon Adone
pages440
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Die Sterne waren bis auf einige wenige am Südhimmel hinter Wolken verschwunden, und alles lag in tiefstes Dunkel gehüllt, als Fiammetta und Don Adone, jedes mit seinen für diesesmal abgelegten Kleidern unterm Arme, wieder hügelan stiegen.

Fiammetta war vergnügter als je, aber was ihr auch an guten Einfällen auf die Zunge kam, Don Adone erlaubte ihr nicht, es auszukramen, denn er wünschte, wenn unten etwa Räuber des Wegs ziehn sollten, sich ihnen wenigstens nicht selbst durch Unvorsichtigkeit zu verraten.

So wurden die Tiere denn in einer dazu geeigneten Felsengrotte festgebunden und darauf wenig Schritte hinter der Kapelle auf weichem Moosgrunde zwei wohlgeschützte und durch ein dichtes Myrtengebüsch genügend gesonderte Lagerstätten ausgewählt.

Wollt Ihr auch etwa Euern Mantel selbst behalten? fragte Fiammetta, als sie sich auf den Boden hingestreckt und nach manchen gescheiterten Versuchen endlich herausgefunden hatte, wie man sichs auch in 105 dem ungewohnten Kleiderfutteral bequem machen könne, ja sogar sehr bequem.

Nicht doch, gab Don Adone zur Antwort, der Mantel gehört zu deinem jetzigen Anzug!

Aber der Mantel der Pate ist Euch viel zu kurz, als daß Ihr Euch darin für die Nacht warm einwickeln könntet.

Das ist einmal der Charakter der Weibermäntel, sagte Don Adone; wer aber die Vorteile einer Sache will, muß auch ihre Nachteile mit in den Kauf nehmen.

Fiammetta murmelte noch dies und das in ihre faltenreiche Manteldecke hinein, beruhigte sich jedoch endlich und nickte bald darauf ein.

Länger wachte Don Adone. Die beiden Lagerstätten, die er ausgesucht hatte, waren offenbar, wie ihm nach und nach unzweifelhaft wurde, durch andre Hände schon hergerichtet gewesen. Zurückgebogne Zweige, selbst in der Dunkelheit noch recht wohl erkennbar, nicht minder Haufen dürren Laubes und endlich die Abwesenheit aller sonst doch so reichlich umherliegenden Steine ließen diese Wahrnehmung nicht lange als fraglich erscheinen.

Hatten frühere Wallfahrer hier Rast gehalten? Waren diese Plätze Räuberschlupfwinkel, wohin wohl gar schon im nächsten Augenblick die auf Beutemachen Ausgezognen wieder zurückkehren würden?

Don Adone begann die Sache sehr unbehaglich zu finden. Er grübelte lange, ohne schlüssig werden zu können, ob es ratsamer sei zu bleiben oder von neuem aufzubrechen, und beschloß endlich, Fiammettas Rat einzuholen.

Aber alle seine flüsternden Zurufe vermochten nicht, die Schlafende aufzuwecken, und nachdem er 106 noch eine gute Weile bei sich Rat gepflogen hatte, ergab er sich endlich in sein Schicksal und schlief ebenfalls ein.

Übrigens waren die, die sich hier für einige Stunden der Rast eingerichtet hatten und dann von den beiden Sant' Aniellern aufgescheucht worden waren, in der That nicht ohne die Absicht weggegangen, womöglich nach diesen gut ausgesuchten Lagerstätten zurückzukehren, und als sie sich, behutsam im Dunkeln näher kommend, überzeugt zu haben glaubten, daß sich wohl nur friedfertige Pilger die Plätze angeeignet hatten, kamen sie vorsichtig wieder heran.

Wir brauchen notwendig wenigstens einige Stunden Schlafs, Schwester, sagte der eine der beiden Aufgescheuchten, ein Mönch in grauer Wollenkutte, Fra Ippolito mit Namen; wie soll deine Kraft sonst für unsre weitern Fluchtstrapazen ausreichen?

Denke nicht an mich, antwortete eine angenehme weibliche Stimme, die der Schwester des Mönchs, einer Nonne ebenfalls in grauer Kutte; zwar hat mich das im Kloster verbrachte Jahr fast unfähig gemacht, mich wie sonst meiner jungen Füße zu bedienen, aber die Freude, gleich dir dem traurigen Gefängnisleben zu entfliehn, hat mir schon wieder ein gut Teil meiner Kräfte zurückgegeben. Unablässig male ich mir das Glück der Freiheit aus, das wir zwei – du in meiner schwesterlichen Pflege, ich in deiner brüderlichen Hut – genießen werden. Mit jedem Atemzuge, fuhr sie fort, danke ich dem Himmel, daß ich mich wieder harmlos der lieben Menschen freuen darf, daß du dir das Recht zurück erobert hast, das schöne Leben mit fröhlichem Herzen zu genießen. Freilich binden uns noch unsre Gelübde, aber was du mir über das Lösen 107 dieser Gelübde gesagt und in Aussicht gestellt hast, giebt mir schon jetzt ein so ungewohntes Gefühl von Frische, Lebenslust und Daseinsmut, daß ich die Last der erst halb abgestreiften Kette kaum noch spüre.

Wo ist deine Hand, daß ich sie drücke, gab der Bruder bewegten Tones zur Antwort, dein schönes Vertrauen hat sich auch mir mitgeteilt. Ja, ich segne die Schicksalsfügung, daß die großen Umwälzungen, von denen ich dir erzählte, nicht erst zu einer Zeit vorfielen, wo du und ich schon den frischen Wagemut eingebüßt haben würden. Mit beklommnem Herzen bin ich an das gefährliche Beginnen gegangen. Mit unerschütterlicher Entschlossenheit werde ich es jetzt zu Ende führen. Und wenn sich uns nur erst eine Gelegenheit bieten wird, diese verhaßten Zeugen unsrer schmachvollen Fronzeit, dein Nonnengewand und meine Mönchskutte, gegen minder auffällige Kleider zu vertauschen, so sind wir geborgen, und niemand hat ein Recht, unser Zusammenwandern zu durchkreuzen.

Er sah sich im Finstern nach allen Seiten um, ob etwa in der Nähe ein sonstiges Unterkommen zu erspähen sei, doch die Kapelle war durch ein Eisengitter geschlossen, und nur die beiden vorhin von dem flüchtigen Geschwisterpaar erkornen Plätze boten durch das über sie hinaushängende Gestein Schutz gegen den jetzt, wenn auch nur schwach, beginnenden Regen.

Ich vertraue auf die Hilfe des Himmels, sagte die Nonne mit dem Tone fröhlichster Zuversicht.

Auch ich, antwortete Ippolito; nur ein undankbares Herz könnte, nachdem ihm eben erst der Schutz 108 des Himmels so augenfällig zur Seite gestanden hat, sich schon wieder auf seinen eignen Witz allein verlassen wollen. Dennoch sollen wir im Leben klug wie die Schlangen sein, und doppelt so, wenn sich noch Tod und Leben um uns streiten.

Er wies die Schwester an, mit Vorsicht gleich ihm in größerer Nähe zu erkunden, ob es möglich sei, sich ohne Gefahr zu den inzwischen in ihre Stellen Gerückten zu gesellen.

Aber die jetzt vollkommne Dunkelheit machte alles Spähen und Lügen fruchtlos, und der junge Mönch begann nachdenklich zu werden. Wir werden Mühe haben, sagte er, ein ebenso verborgnes Plätzchen anderweitig ausfindig zu machen; dennoch wäre es nicht ratsam, uns diesen völlig Unbekannten auf gut Glück hin anzuschließen. Folge mir, auf daß wir suchen, wo unser Haupt ruhen kann, und reich mir deinen Arm, damit wir einander stützen und vor abschüssigen Stellen behüten können.

O nicht doch, mein Bruder, versetzte die Nonne und hielt den Fortstrebenden am Ärmel fest. Mißtrauen gegen die Menschheit hat uns ins Kloster getrieben, Vertrauen, blindes Vertrauen zu ihr soll uns das Recht zurückerwerben, von neuem in ihre Mitte aufgenommen zu werden. Ich habe, während die Fremden redeten, unablässig gelauscht. Wenn ich auch wenig verstand, zumeist sehr gelehrte Brocken, so ist mirs doch unzweifelhaft, daß sie ganz so harmlos wie wir selber sind, denn namentlich die Männerstimme redete von Räubern und Dieben in sehr unsympathischen Ausdrücken. Mögen sie nun wie wir Bruder und Schwester sein, oder Vater und Tochter oder Mutter und Sohn, die Art, wie auch sie sich an 109 gesonderten Stellen gelagert haben, nehme ich für einen Fingerzeig des Geschicks, daß unsre Ruhe nicht durch sie gestört werden soll, daß wir in ihnen wohl gar mitfühlenden Leidensgefährten begegnen. Und somit begieb du dich dahin, wo wir zuletzt die männliche Stimme reden hörten, und erlaube, daß ich mich zu der geselle, deren schöner Name Fiammetta – denn so hörte ich sie nennen – mir noch immer wie der Anfang eines anmutigen Liedes im Ohre klingt.

Aber die zwei Bündel, in die Fiammetta und Don Adone die von ihnen abgelegten Alltagskleider geknotet hatten, gaben diesem Vorhaben eine andre Wendung. Kaum hatten die flüchtigen Geschwister diesen wünschenswerten Fund gemacht, so überlegten sie auch schon, ob er ihnen nicht von der Madonna zugewandt sei, damit sie ihre Klosterkleider gegen Kleider minder verdächtiger Art vertauschen könnten. Nach manchem Bedenken entschlossen sie sich in der That dazu – Beata, die Nonne, unter Zurücklassung ihres goldnen Kreuzes, das sie dem schlummernden Knaben, für den sie Fiammetta hielt, umhängte –, und so, in ihrer ganzen Erscheinung verwandelt, eilten sie, im Morgengrauen schleunigst ihre Reise fortzusetzen.

Übrigens konnte es nicht fehlen, daß sowohl Don Pantaleone wie Lazaro, in deren Nähe die Bündel verwahrt worden waren, zuletzt doch von dem Vorgang Wind bekamen, und da Lazaro sofort Ahi-Ahi! zu schreien anhob, fuhr Don Adone aus dem Schlaf empor, erblickte, wie er meinte, seinen Doppelgänger – den in Don Adones Kleidern von dannen eilenden Fra Ippolito –, sprang entsetzt vom Lager auf und rannte, von Angst getrieben, hilferufend bergan, 110 während Lazaro ihm aus voller Kehle mit kläglichem Ahi-Ahi-Geschrei nachjammerte.

Dies dauerte eine geraume Weile, doch hielt Don Pantaleone für unnötig, davon Notiz zu nehmen, zumal Fiammetta sich in ihrem Schlafe gar nicht hatte stören lassen.

Inzwischen war Don Adone atemlos umhergeklettert, bis er, halb erst zum klaren Bewußtsein erwacht; an und in einem Gestrüpp von Nesseln und Dornen hängen blieb.

Diese Folter brachte ihn endlich zu voller Besinnung.

Fiammetta! rief er, wo bin ich? Fiammetta!

Er versuchte, sich zu erheben, aber der tückische Dornbusch hatte ihn nach allen Seiten fest geankert, und jede Bewegung verschlimmerte seine Lage.

Fiammetta! flehte er von neuem; Fiammetta! so erwache doch, unverbesserliche Siebenschläferin!

Wohl eine Viertelstunde lang erfüllte er solcherart die Luft mit Jammerlauten, indem er vergebens in den Pausen notwendigen Atemschöpfens bald nach rechts, bald nach links Versuche machte, wie er seine Quäler überliste.

Wohin habt Ihr Euch verstiegen, Don Adone? klang jetzt endlich Fiammettas helles Stimmchen zu ihm herauf.

Hier oben, Saumselige! rief Don Adone zurück, aber dann, während der Schritt der geängstigten Fiammetta näher kam, riß er sich und seine langen Weiberkleider mit einer verzweifelten Anstrengung von seinen Peinigern los und entkroch auf Händen und Füßen mit den wunderlichsten Grimassen dem qualvollen Orte.

111 Mein armer, armer Herr! rief Fiammetta, indem sie mit Thränen in den Augen bei dem von ihr schon für halb tot Gehaltnen anlangte; was ist Euch nur wieder geschehn? Während ich in den lieblichsten Träumen liege, bringt Ihr Eure Nächte ja in Abenteuern der entsetzlichsten Art zu. Welches Glück, daß Ihr wenigstens nur die Kleider meiner Patin zerrissen habt und nicht die Euern; an jenen war ja ohnehin nicht viel zu verderben, aber Eure seh ich heute zum erstenmal mit den richtigen Augen an. Schaut nur – sie wies selbstbewundernd auf ihre Jacke –, wie die Perlmutterknöpfe im Morgenlichte glänzen, und wie schön das Scharlachrot der Weste mit den Rosenfarben der Wölkchen über unserm Kopfe harmoniert! Und die schönen Gamaschen gar! Wie das lautere Gold leuchten sie! Jetzt beginnt bei mir erst die wahre Reiselust.

Gieb den Tieren ihr Futter, ächzte Don Adone, indem er, auf Fiammettas Schulter gestützt, stöhnend hügelab stieg, und dann wollen wir uns von neuem auf die Wanderschaft machen. Ich habe nie gedacht, daß sich die Bosheit des Teufels mit solcher Hartnäckigkeit an die Sohlen – o wärens nur die Sohlen gewesen! – eines einzigen heften würde, denn sonst pflegt doch die Abwechslung für jeden ihren Reiz zu haben. Möchten wir nur erst das Ziel unsrer Reise erreichen!

Fiammetta that, wie ihr geheißen war, und Don Adone überlegte während dessen, ob er nicht lieber wieder zu seinen eignen Kleidern zurückkehren solle. Er sah aber bald ein, daß für seinen kläglichen Zustand die teilweise doch sehr weite Beschaffenheit des Anzugs der Pate als eine wesentliche Erleichterung anzusehen 112 sei, und so schickte er sich denn an, die zusammengeknoteten Kleiderbündel in einem der Körbe Lazaros unterzubringen.

Bei diesem Geschäfte entdeckte er die mit den Bündeln vor sich gegangne Verwandlung. Eine Mönchskutte und ein Nonnengewand lagen dort, wo gestern nacht die Anzüge des weltlichen Reisepaars gelegen hatten.

Erstaunt rief er Fiammetta herbei, und diese riß die Augen womöglich noch weiter auf als er.

Ei ei, schmälte sie und sah zwischen der Mönchs- und der Weiberkutte hin und her, was meine gute Pate immer von den Augustinerinnen im Munde führte:

Monaca di Sant' Agostino,
Due teste ad un cucino -

das findet auch wohl auf andre Nonnen seine Anwendung!

Und als Don Adone ihr vorschnelles Aburteilen nicht gelten lassen wollte, setzte sie nach enttäuschter Durchmusterung des Fundes hinzu: Man hätte uns wohl wenigstens um unsre Zustimmung fragen können, und ich meinerseits wäre nicht so einfältig gewesen, sie zu geben. Was sollen wir mit diesen groben Fetzen beginnen? Wißt Ihr nicht noch, wie oft sich Euer seliger Vater über die Beinkleider beklagte, die Eure Mutter ihm wider seinen Willen aus Euers verstorbnen Oheims, des Fra Benedetto, hinterlassener Kutte zusammengeschneidert hatte? Vielleicht kommen ein paar Teppiche zur Not aus jeder der Kutten heraus oder eine Stalldecke für meinen Lazaro. Mehr Mühe möchte ich aber wahrlich nicht darauf verwenden. Die Finger schmerzen mir schon, wenn ich das harte Zeug nur ansehe.

113 Don Adone hatte die Sache ganz anders aufgefaßt, viel mystischer und übernatürlicher, weshalb er sich auch an die unheimlichen Hüllen kaum ganz heranwagte. Aber als er an Fiammettas Hals das golden im Morgensonnenstrahl glitzernde, von ihr noch gar nicht bemerkte Kruzifix gewahrte, hellte sich seine Miene auf. Du bist zu rasch, sagte er, und überdies verführt dich deine hausbackne Geistesrichtung auch in diesem Falle wieder zu einem Grade von Nüchternheit, daß du mich schier verletzest. Die Kleider verdanken wir offenbar einer sehr erhabnen Fügung. Greife doch einmal hierher – er ließ sie das goldne Kreuz fassen –, dergleichen Gaben kommen nicht aus der Hand des Bösen. Hier ist augenscheinlich ein himmlisches Wunder geschehn.

Fiammetta war nun wieder außer sich vor Freude. Welches reizende Herrgottsbildchen, rief sie entzückten Tones, welches allerliebste Putzstückchen!

Schäme dich! schalt Don Adone, zum Putzen hat dirs der Himmel nicht geschenkt. Für mich haben alle diese Dinge jetzt eine durchaus klare Bedeutung. Daß ich früher oder später in ein Kloster zu gehn beabsichtige, habe ich dir schon eröffnet. Und die Mönchskutte bestätigt mir, daß auch der Himmel diesen meinen Entschluß billigt. Aber auch über den Weg, den du einschlagen sollst, kann jetzt kein Zweifel mehr bestehn. Hier dieses Nonnenkleid, dort der Gekreuzigte weisen auch dich deutlich aufs Kloster hin. Dem Himmel sei Lob und Dank, daß meine Sorgen auch um deine Zukunft ein Ende haben.

Don Adone, versetzte Fiammetta mit großer Bestimmtheit, indem sie das goldne Kreuz vom Halse löste, wenn Ihr wirklich ins Kloster gehn wollt, so 114 werde ich mir zwar manchen Tag die Augen rot weinen, denn ich habe Euch von Herzen lieb und bliebe gern bis an meiner Tage Ende in Euerm Dienst: aber hindern kann ichs nicht; Ihr seid der Herr Euers Willens. Mich jedoch bringen nicht zehn Maultiere in eine Nonnenklausur, auch nicht zwanzig, auch nicht dreißig. Unter gar keiner Bedingung lasse ich mich hinter ein Klostergitter einsperren. Und nun wißt Ihr ein für allemal, daß solche Reden bei mir nicht verfangen.

Hoho, Kindchen! sagte Don Adone.

Ich bin kein Kindchen, Signore, und ich habe keine Lust, mich an die Kette legen zu lassen. Das laßt Euch gesagt sein. – Es kam ihr vor, als sei mit der Männertracht ihre Selbständigkeit ein gut Teil gewachsen.

Anacharsis der Scythe, versetzte Don Adone, pflegte zu sagen: »Der Weinstock trägt dreierlei Trauben: die Freude, die Trunkenheit, die Übelkeit.« Dasselbe läßt sich von den meisten guten Dingen sagen, die sich die Unerfahrenheit vom Leben verspricht, und von deren dreierlei Früchten sie anfangs nur die Freude gewahrt. – Aber wir sprechen über diesen wichtigen Gegenstand einmal zu einer gelegnern Zeit.

Fiammetta wischte sich die Augen, denn ihre Auflehnung war aus sehr bewegtem Herzen hervorgegangen, und erst ihre Thränen erleichterten ihr einigermaßen die Brust. Dabei wurden aber die Klosterkleider eingepackt und die zur Weiterreise nötigen Vorrichtungen beendet, sodaß nach einem stärkenden Morgenimbiß, der auch endlich den beiden Vierfüßlern zu ihrem Recht verhalf, die Wanderschaft von neuem beginnen konnte.

115 Hier entstand aber eine wichtige und schwer zu lösende Frage.

Der Kleiderwechsel hatte bis hierher darin bestanden, daß Fiammetta zu einem allerliebsten Bürschchen, Don Adone zu einem fünfeinhalb Schuh hohen Weibsbilde geworden war. Wie sollte man sich nun beritten machen? Fiammetta auf dem Rücken Pantaleones, Don Adone auf dem Lazaros? Die Sache war bedenklich.

Die Türkinnen, sagte Don Adone, tragen Beinkleider, doch hat Muhammed ihnen verboten, nach Männerart zu reiten; der Koran flucht den Weibern in den Sätteln. Bei uns zu Lande habe ich die Bäuerinnen sich wohl hin und wieder dieser Reitart bedienen sehen, und meines Wissens enthält weder das Alte noch das Neue Testament ein derartiges Verbot. Wie es im Altertum damit gehalten wurde, ist mir nicht ganz deutlich. Daß Solon hinsichtlich der Frauen verfügte, wenn sie nachts reisten, so solle es nur im Wagen und mit vorausgetragner Laterne geschehn – das scheint mir zu beweisen, daß sie am Tage nicht nur ohne Laterne, sondern auch ohne Wagen, also zu Pferde reisten; oder aber der große Gesetzgeber hat dem Feingefühl des weiblichen Geschlechts das weitere anheimgestellt. Von Platon weiß man, daß er ein einzigesmal zu Pferd und sogleich wieder davon heruntergestiegen ist, indem er vorgab, er fürchte, von dem Pferdestolz ergriffen zu werden. Er hat dennoch in seiner Republik das Reiten niemand verboten. Und also kannst du, dächte ich, getrost statt meiner aufsteigen.

Fiammetta hatte jedoch vieles gegen Don Pantaleones unberechenbare Tücken und alles gegen die 116 Doppelbügel seines Sattels einzuwenden. So sehr sie auch Lust und Neigung hatte, jedes Neue wenigstens einmal zu probieren, so zag fühlte sie sich deshalb gegen diese erste ihr zugemutete Leistung.

Da werden wir einstweilen, sagte endlich Don Adone, Don Pantaleone als leeres Handpferd mit uns nehmen.

Ihr wollt zu Fuß gehn! rief Fiammetta, die Endlosigkeit der Landstraße, auf der diese Beratung gepflogen wurde, mit besorgten Blicken messend; wie möget Ihr nur daran denken, Don Adone! Schon jetzt beginnt die Sonne auf den weißlichen Wegen den Augen blendend zuzusetzen. Ihr seid Euer Lebtag nicht beim vollen Sonnenschein zu Fuß gegangen. Lieber will ich auf dem bösartigen Don Pantaleone das Genick brechen, als daß ich Euch zum Fußwandern zwinge.

Die Sache ist . . . erwiderte Don Adone in einiger Verlegenheit.

Nein nein, bester Herr, unterbrach ihn Fiammetta in bittendem Tone, ich bin schon im Sattel! Und sie suchte schleunigst die struppige Mähne Don Pantaleones zu packen, um sich in den Sattel zu schwingen.

Das Maultier wich aber nach seiner Gewohnheit auf die Seite, und Don Adone fand Zeit, sich ins Mittel zu schlagen.

Du meinst es gut, mein Kind, sagte er, indem er die um den Widerspenstigen Bemühte von dem unfügsamen Tiere trennte und sie trotz aller Widerreden endlich auf den Rücken Lazaros hinaufhob; für jetzt laß dir indessen die Versicherung genügen, daß ich nicht deinetwegen zu Fuß gehe, sondern aus allerlei andern, sehr triftigen Gründen.

117 O, rief Fiammetta, ich kenne Eure grenzenlose Herzensgüte; Ihr thut es dennoch einzig um Eurer kleinen einfältigen Dienerin willen. Wollt Ihr denn nicht wenigstens versuchen, ob sich Don Pantaleone nicht einen der Körbe aufhängen läßt? Dann könntet Ihr Euch ja nach Weiberart seitwärts setzen, wie ich hier sitze, und brauchtet doch nicht im Kalkstaube der Straße dahin zu laufen.

Gut, sagte Don Adone, dessen Wahrheitsliebe gegen die Sophistik des weisen Xenophanes abermals ihren Halt verlor, so vernimm denn, daß ich aus gewichtigen Gründen ein Gelübde gethan habe, während der heutigen Tagesfahrt nicht zu reiten. Und damit basta! schloß er in dem Fiammetta nur zu wohl bekannten Tone, gegen den keine Einrede erlaubt war.

Übrigens sollte Don Adone erfahren, daß mit dem Reisen auf der Heerstraße noch ein großer Übelstand verbunden ist, der ihm bisher entgangen war, der nämlich, daß auf der Heerstraße jedermann sich für berechtigt hält, über die Art und Weise des andern ein Urteil abzugeben.

Wie in der bekannten Fabel von dem Esel, den Vater und Sohn nie in solcher Weise zu benutzen verstanden, daß die Vorübergehenden nicht daran zu mäkeln fanden, wurde denn auch bis in den Nachmittag hinein von jedem Wandrer, der den beiden Reisenden begegnete, bald über Lazaros Überbürdung räsonniert, bald wieder über die Unvernunft des Weibes – nämlich Don Adones –, das den ledigen Don Pantaleone am Zügel führte und doch augenscheinlich im Sonnenbrande fast zerfloß.

Fiammetta hatte bei solchen Ansprachen die Freude, bald den Namen »junger Herr« zu erhalten, bald 118 den minder wohlklingenden Titel »Nichtsnutz,« immer doch Apostrophen, die bewiesen, daß man ihr Geschlecht nicht erkannte, wogegen ihr freilich die reichlich über sie ausgeschütteten Vorwürfe der Trägheit, Bequemlichkeit und Selbstsucht mannigfachen Verdruß bereiteten.

Von allen heutigen Reisebegleitern erwies sich aber der einzige wirklich Wohlwollende als der Lästigste, denn nachdem sein Mitleiden für die stattliche Pilgerin, das heißt für Don Adone, gleich bei seinem ersten Wahrnehmen ihres leidenden Befindens einen sehr zärtlichen Charakter angenommen hatte, wurde im Laufe des stundenlangen Geleits ihre robuste Schönheit ihm dermaßen gefährlich, daß er ihr endlich einen ernstgemeinten Liebesantrag machte, wobei er sich als einen wohlbegüterten Ölhändler aus Meta, dem vor Jahresfrist seine Frau gestorben war, auswies. Die Selige habe, sagte er, für das Drehen seiner Ölpresse übrigens ohnehin nicht die nötigen Kräfte gehabt.

Auch hier mußte Don Adone, da Nichtverstehn und ausweichende Antworten nicht verschlagen wollten, die Notlüge hervorholen: ein Gelübde verbiete ihm, sich wieder zu verheiraten.

Der Werber beteuerte, daß er ein gut Teil seines letzten Jahresgewinns, nahezu zweihundert Ducati, daran setzen würde, das Gelübde lösen zu lassen, Don Adone blieb aber unerschütterlich, und als der Ölhändler endlich, nachdem er seine Beredsamkeit vergebens erschöpft hatte, traurig seiner Wege zog, kam seine Niedergeschlagenheit, trotz ihrer komischen Seiten, so vom Herzen, daß sogar Fiammettas gute Laune in aufrichtige Teilnahme umschlug.

119 Wenn der brave Mann uns gestern begegnet wäre, sagte Don Adone, so hätte sich sein Antrag ohne Zweifel an dich gewandt, und du hättest ihn angenommen.

Nein, antwortete Fiammetta zürnend, das hätte ich nicht gethan.

Und warum nicht?

Dafür habe ich auch meine Gründe, meine sehr triftigen Gründe, würdet Ihr sagen.

Sie lachte, aber ihr war eigentlich über Don Adones kühle Voraussetzung die Lust zum Lachen ziemlich vergangen, und beide verhielten sich nach diesem Vorfall eine gute Weile schweigend.

Don Adone war übrigens während des ganzen Tages einsilbiger als sonst gewesen, was dem Ölhändler vielleicht gerade gefallen haben mochte, und wenn Fiammetta eine mehr zum Grillenfangen aufgelegte Natur gewesen wäre, so hätte sie Ursache gehabt, sich über den Zustand ihres Herrn ernste Sorgen zu machen. Daß es ihm recht schlecht gehe, war klar; er sprach öfter halblaut vor sich hin, eine Gewohnheit, die Fiammetta nur in Krankheiten ihres Herrn an ihm beobachtet hatte.

Ihr habt gewiß Zahnschmerzen, fragte sie dann wohl; o wie gern wollte ich sie Euch abnehmen.

Ich habe keine Zahnschmerzen, sagte Don Adone ablehnend, ohne ihr ein weiteres freundliches Wort zu gönnen.

Aber Fiammetta war nur auf kurze Zeit beruhigt. Am Ende habt Ihr von gestern abend noch ein Knöchelchen im Halse, begann sie ein andermal; den größten der von mir mitgebrachten Krammetsvögel führte sich Euer schöner Greis selbst zu 120 Gemüte, aber Ihr habt sicher einen von den kleinern gegessen. Gesteht, so ist es, Don Adone. O könnte ich dem Knöchelchen nur beikommen. Ihr schneidet zuweilen so entsetzliche Gesichter.

Wenn ich das thue, versetzte Don Adone mit einer kleinen Umgehung der Wahrheit, so geschieht es, weil ich an die Leiden eines Weisen dachte, den der Tyrann Nikokreon in einem Mörser zerstampfen ließ.

In einem Mörser?

Es war ein Küchenmörser.

Aber zerstampfen, sagt Ihr?

Zerstampfen.

Und dabei gab der Unglückliche noch Antworten?

Vermutlich war sein Mund noch nicht eingestampft.

Und man hat seine Worte verstanden?

Verstanden und aufgeschrieben.

Aber Euch sind sie nicht zufällig zur Kenntnis gekommen?

Don Adone sah verächtlich hinter sich, als stehe der leibhaftige Gottseibeiuns im breiten Schatten seines Rückens, und als wünsche er, der möge jedes Wort auf sich beziehn. Dann fuhr er mit erhobner Stimme fort: Sie sind mir allerdings zur Kenntnis gekommen. Tyrann, antwortete Anaxarchos dem Grausamen, der sich an dem Schmerz seines Opfers weiden wollte und deshalb in den Mörser hinabblickte, worin der Weise eben zerstampft wurde; Tyrann, stampfe nur immerhin die Hülse des Anaxarchos; den Anaxarchos selbst wirst du doch nicht treffen. Und so, schloß Don Adone mit einem 121 abermaligen verächtlichen Achselblick, so sollen wir zu allen Unholden sprechen, die uns mit ihren Martern verfolgen.

Nachdem er das gesagt hatte, heiterte sich seine Miene auf. 122

 

 

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